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Neuer Mann – neues Glück?

Tanya Michaels

Neuer Mann – neues Glück?

1. KAPITEL

„Peachy Acres ist ein blöder Name“, murrte Drew auf dem Rücksitz.

Danke, Mr. Optimismus. Mackenzie Green, beherzte alleinerziehende Mutter und Besitzerin eines Minivans, der älter war als ihre neunjährigen Zwillinge, seufzte leise.

Kenzie konnte die Traurigkeit ihres Sohnes über den Umzug nachempfinden. Dennoch, seine Abwehrhaltung machte die vierstündige Fahrt von Raindrop, North Carolina, nach Atlanta, Georgia, gefühlsmäßig zu einer endlosen Odyssee quer durchs Land. Zu einer Reise ins Unbekannte.

Hinter Kenzie saß Leslie. Ihre Stimme nahm einen schulmeisterlichen Ton an. „Wahrscheinlich heißt die Wohnanlage Peachy Acres, weil der Spitzname für Georgia ‚Peach State‘ – Pfirsichstaat – ist“, belehrte sie ihren Bruder.

Drew zeigte sich unbeeindruckt. „Schlauberger. Ich hasse es, wenn du so redest, als wärst du älter als ich. Wir sind gleich alt!“

„Ein Mensch muss nicht älter sein, um klüger zu sein.“

„Es reicht!“ Kenzie holte tief Luft. Nur die Liebe zu ihren Kindern hielt sie davon ab, sie für den Rest der Fahrt auf dem Dach des Vans festzubinden. „Hört auf zu streiten.“

Kenzie verspürte immer leichten Neid, wenn sie von unzertrennlichen Zwillingen hörte. Es wäre schon ein Segen, wenn sich ihre Kinder mal einen Tag nicht stritten. Verdammt, eine Stunde. Heute war es besonders schlimm. Die Kinder waren angespannt, weil sie von ihrem Zuhause hatten Abschied nehmen müssen.

Leslie lenkte sich ab, indem sie in einem Jugendlexikon über Georgia zu Zeiten des Amerikanischen Bürgerkriegs las, obwohl ihr beim Lesen während der Autofahrt häufig schlecht wurde. Drew versteckte seit dem Frühjahr seine Traurigkeit hinter zunehmend aggressivem Verhalten. Würde ihm das neue Umfeld, die Chance auf einen Neuanfang guttun? Oder würden sich Kenzies Schwierigkeiten mit ihrem Sohn nur noch verschärfen?

Sie hatte lange überlegt, ob sie das Angebot ihres Arbeitgebers, nach Georgia zu wechseln, annehmen sollte. Doch die große Filialbank in Atlanta bot viel mehr berufliche Möglichkeiten als die kleine Zweigstelle in Raindrop. Hier bekam Kenzie die Möglichkeit, als Darlehensberaterin zu arbeiten, was mit einem wesentlich höheren Gehalt verbunden war.

Ein weiterer Pluspunkt war, dass ihre Schwester in Atlanta lebte. Auch wenn sie sich als Kinder nicht nahegestanden hatten, würde es Kenzie und auch ihren Kindern guttun, Familie in der Nähe zu haben. Eine nette, gefestigte Familie.

Außerdem freute Kenzie sich auf die neue Schule der Kinder.

In der winzigen Grundschule in Raindrop, mit Lehrern, die fast alle kurz vor der Pensionierung standen, war die begabte Leslie nicht ausreichend gefördert worden. Und Drews Lehrerin, die nur noch ein Jahr vor sich hatte, fehlte die Energie, Drews Wutausbrüchen in der Klasse mit Geduld zu begegnen. Nicht, dass Kenzie Mrs. Miller für Drews Verhaltensprobleme verantwortlich machte.

Seit letztem Frühjahr war Drew im außerschulischen Sport sehr aktiv. Und hier war er von Vätern umgeben, die die Teams ihrer Kinder coachten oder freiwillig am Getränkestand arbeiteten. Von Vätern, die jubelten, wenn ihre Söhne beim Fußball ein Tor erzielten oder beim Baseball den Ball ins Outfield schlugen. Dass sein eigener Vater trotz aller Versprechen nie zu einem Spiel kam, darunter litt der Junge sehr.

„Mom?“ Leslies Jammern riss Kenzie aus den Gedanken. „Mir ist …“

„Fahr an die Seite!“, schrie Drew voller Panik. „Schnell! Sie übergibt sich gleich!“

Leichter gesagt als getan mit einem Minivan, der auch noch einen voll beladenen Hänger zog. Hätte Kenzie bloß darauf bestanden, dass Leslie das Buch zur Seite legte und stattdessen zur Radiomusik mitsang! Oder, besser noch, ein Nickerchen machte, damit die Zeit schneller verging.

Im Gras am Straßenrand strich Kenzie ihrer Tochter beruhigend über das blonde Haar und reichte ihr eine Flasche Wasser. Kurz darauf setzten sie ihren Weg fort. Leslie hatte sich mittlerweile genügend erholt, um wieder mit ihrem Bruder zu streiten.

„Kinder? Kinder, wir sind in Tante Anns Straße.“

Beide waren eingeschlafen … zehn Minuten vor dem Ziel. Wie hätte es anders sein können. Vielleicht hätte Kenzie den kurzen friedvollen Moment genossen, wenn sie nicht selbst so müde gewesen wäre.

Als sie das erste Mal in dieser vornehmen Gegend gewesen war, hatte sie mit einem Anflug von Missgunst gerungen – doch wer war sie, dass sie hinterfragte, warum Ann und Forrest Smith für sich allein ein luxuriöses doppelgeschossiges Haus benötigten? Sie konnten schließlich nichts dafür, dass Kenzie und die Kinder eine Secondhand-Couch besaßen, die so grell war, dass man unwillkürlich an Las Vegas dachte. Oder dafür, dass Kenzie nicht in der Lage gewesen war, die defekte Spülmaschine zu ersetzen. Außerdem hatten Ann und Forrest jetzt mit der Familienplanung begonnen, sodass sie in das Haus hineinwachsen würden.

Kenzie war etwas verunsichert, als sie sich der Smith’schen Residenz näherte. Einerseits besaß sie nicht genug Fahrpraxis, um einen Minivan samt Anhänger in die Einfahrt zu manövrieren, die von perfekt geschnittenen blühenden Büschen gesäumt wurde. Andererseits fürchtete sie, dass die Eigentümervereinigung in diesem stinkvornehmen Vorort Regeln aufgestellt hatte, die längeres Parken in der Straße verboten. Trotzdem hielt sie zunächst am Bordstein an. Um irgendwelche überspannten Vorschriften konnte sie sich später kümmern.

Die Haustür wurde geöffnet, und Kenzies Schwester kam heraus. Getauft auf den Namen Rhiannon, war sie jetzt einfach Ann, die Frau eines Wirtschaftsprofessors an einem kleinen, aber angesehenen College. Kenzie, die mit ihren achtundzwanzig Jahren anderthalb Jahre älter war als ihre Schwester, fühlte sich oft als die Jüngere. Ann hatte schon immer alles besser gewusst als ihre verrückten Eltern und ihre ältere Schwester. Im Nachhinein musste Kenzie zugeben, dass ihre Schwester häufig recht behalten hatte.

Nun, achtundzwanzig ist kein Alter, und dieser Umzug ist ein Neubeginn. Kenzie hatte in den vergangenen Jahren einige kleine Veränderungen in ihrem Leben vorgenommen. Diese berufliche Beförderung bot ihr und den Kindern die Chance auf einen Neuanfang. Von jetzt an würde sie die praktisch veranlagte Kenzie Green sein, Darlehensberaterin und Vorstädterin.

Mit Anns Hilfe hatte Kenzie das ideale Heim gefunden. Es war kein großes Haus, doch modern, gut ausgestattet und mit perfekter sozialer Infrastruktur. Der einzige Nachteil war, dass der Verkäufer erst in ein paar Monaten auszog, Kenzies Job aber schon nächste Woche begann. Deshalb hatte sie für den Übergang ein Apartment in der Peachy-Acres-Wohnanlage gemietet. Ann hatte ihr halbherzig die Gästezimmer angeboten, doch auch wenn das Haus sehr groß war, zwei Familien würden sich darin schnell auf die Nerven gehen.

„Wir haben uns schon Sorgen gemacht“, rief Ann. „Wir hatten euch früher erwartet.“

Kenzie streckte sich. „Ich wollte auch früher hier sein, aber wie du weißt, kann man mit Kindern nie genau planen.“

Ann sah Kenzie verständnislos an.

Wie, Baby Abigail durchkreuzte nie irgendwelche Pläne? Das war einfach nicht fair.

Natürlich wünschte sie ihrer Schwester nichts Schlechtes, doch als ihre eigenen Kinder fünf Monate alt gewesen waren, war Kenzie eine neurotische, unter Schlafmangel leidende Frau gewesen, deren Bluse meist vollgespuckt war – Leslie hatte von Geburt an einen empfindlichen Magen gehabt.

Ann dagegen sah in ihrer khakifarbenen Caprihose, der roten kurzärmeligen Bluse und mit den Perlenohrringen aus wie einem Modekatalog entstiegen. Sicher, sie war etwas fülliger als vor der Schwangerschaft, und das Blond ihrer kurzen Haare war nicht echt. Trotzdem, Ann sah fantastisch aus.

Drew zwängte sich zwischen die beiden Erwachsenen. „Es hat so lange gedauert, weil Les alle fünf Minuten spucken musste.“

„Das stimmt doch gar nicht. Ich habe mich nur zweimal übergeben. Und wenn du nicht …“

„Kinder!“ Kenzie schrie nicht, doch ihr Tonfall machte den Zwillingen klar, dass es ihr ernst war. Wenn Leslie je wieder eine Shoppingtour durch Buchhandlungen unternehmen oder Drew noch einmal ein Videospiel spielen wollte, dann hörten sie besser auf zu streiten.

Ann machte große Augen. „Das klingt mir nach einer ereignisreichen Fahrt. Leslie, kannst du denn schon wieder etwas essen? Ich habe ein Roastbeef im Ofen.“

„Roastbeef? Ich sterbe vor Hunger!“ Drew rannte schon los. Neben Videospielen und Sport war Essen seine Lieblingsbeschäftigung.

„Mein Magen ist wieder in Ordnung“, beteuerte Leslie. „Aber ich würde lieber Abigail auf den Arm nehmen als essen.“

„Vielleicht nach dem Dinner. Sie schläft gerade. Ich will ihren Rhythmus nicht stören.“

Kenzie wäre fast die Treppe zur Veranda hinaufgefallen. Ann hatte es geschafft, ihrem fünf Monate alten Baby einen Rhythmus anzuerziehen? Erstaunlich. Kenzies Erinnerung an das erste Jahr der Zwillinge war verschwommen, doch sie hatten praktisch nie geschlafen … jedenfalls nicht gleichzeitig.

Sollte sie ihre Schwester um Rat bitten, wie sie Drews Launenhaftigkeit in den Griff bekommen konnte? Ann gehörte zu den Menschen, die für alles eine Lösung fanden. Doch jede Unterhaltung über Drews Aggressionen würde unweigerlich zu einer Diskussion über Kenzies Exmann führen – Mick Green, durch Abwesenheit glänzender Vater und Musiker mit hohen Zielen.

Einst war Kenzie sein größter Fan gewesen, ein naiver Teenager, der meinte, den nächsten Springsteen zu heiraten. Im Nachhinein bezeichnete sie ihre Ehe als den größten Fehler, den sie je gemacht hatte, abgesehen von einem … Mick hatte ihr die Zwillinge geschenkt.

Auch wenn Drew gerade aggressiv war und Leslie sich wieder einmal übergab, Kenzie liebte ihre Kinder sehr. Der Gedanke gab ihr Kraft. Ihre kleine Familie würde diese Übergangsphase überstehen.

Die Fehler von gestern waren der Segen von heute. Und die Zukunft lag verheißungsvoll vor ihnen.

„Brauchen Sie Hilfe?“ Der Mann hatte eine interessante Stimme. Irgendwie tief und brummend, aber nicht unangenehm.

Seinem Tonfall nach zu urteilen, schien er nicht erpicht darauf, ihr wirklich zu helfen. Wahrscheinlich hätte er auch gar nichts gesagt, wäre da nicht dieser aufgerissene Karton gewesen, dessen Inhalt über das gesamte Treppenhaus verstreut lag und seinen Weg blockierte.

Sie schaute aus ihrer Hockposition auf und warf einen ersten Blick auf ihren möglichen Retter in der Not. Kein Ritter in schimmernder Rüstung. Genau genommen handelte es sich um einen Mann in farbbeklecksten Jeans und einem ebenso fleckigen T-Shirt. Die neue, pragmatische Kenzie konnte sich keine Träumereien erlauben.

Dann starr ihn nicht länger so an, als wäre der die Verkörperung deiner geheimsten Fantasien.

Offen gesagt, war es lange her, dass sie von einem Mann geträumt hatte. Doch wenn, dann hatte er ausgesehen wie dieser. Dichtes, dunkles Haar, graublaue Augen, energisches Kinn und breite Schultern zum Anlehnen.

Hastig stand sie auf, glitt dabei mit ihren nassen Turnschuhen aus und fiel nach hinten. Der attraktive Fremde griff nach ihrem Ellenbogen. Große Hände, raue Haut. Da er sie möglicherweise davor bewahrte, einen schmählichen Tod in einem düsteren Treppenhaus zu sterben – bei ihrem Glück heute hätte sie sich sonst sicher das Genick gebrochen –, konnte sie ihm verzeihen, dass die Berührung nicht zarter war.

Der Mann schüttelte den Kopf. „Lady.“ Drückte der Unterton Verzweiflung oder Erheiterung aus? Schwer zu sagen, bei einem einzigen Wort.

„Ich heiße Kenzie.“ Sie hielt sich mit beiden Händen am Geländer fest. „Kenzie Green. Und … vielen Dank.“

„Gern geschehen.“

Kenzie blickte auf das Chaos auf den Stufen. „Die Umzugskartons sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren“, murmelte sie. „Halten nicht einmal etwas Regen aus. Sagen Sie, sind Sie zufällig der Handwerker, der den Fahrstuhl reparieren soll?“

„Handwerker?“ Der Traum von einem Mann lachte einmal schallend auf.

„Wohl eher nicht“, murmelte Kenzie. „Schade. Mr. Carlyle hat mir versichert, dass sich heute ein Handwerker um den Fahrstuhl kümmern würde. Ein funktionierender Lift würde mir den Einzug sehr erleichtern.“

„Mr. C. selbst ist der Handwerker, außerdem der Hausmeister und derjenige, der an die Tür klopft, wenn Sie Ihre Miete zu spät zahlen.“

Sie richtete sich auf. „Ich zahle meine Miete immer pünktlich.“

Er zog die Augenbrauen hoch, als er ihren feindseligen Ton hörte. „Entschuldigen Sie, das war nicht ernst gemeint.“

„Geldangelegenheiten sind eine ernste Sache.“ Lass ihn bloß nicht einen dieser charmanten, aber ständig abgebrannten Windhunde sein. Von denen gab es bereits zu viele auf der Welt. Allerdings war dieser Mann auch nicht gerade charmant. Er war heiß, sicher, aber nicht charmant.

Als sie sich vorstellte, wie Leslie reagieren würde, wenn sie hörte, dass ihre Mutter einen Mann „heiß“ nannte, musste Kenzie lächeln. „Nochmals vielen Dank. Es war nett, Sie kennengelernt zu haben. Würden Sie mir auch noch Ihren Namen verraten?“

Er zog die Mundwinkel leicht nach oben. „Ich bin JT. Weiter viel Spaß beim Einzug.“

„Ich will ja nicht aufdringlich sein“, sagte sie, „aber haben Sie es eilig? Ich werde einige Male laufen müssen, bis ich alles in die zweite Etage geschleppt habe. Wenn Sie vielleicht so lange hier bleiben könnten, damit niemand …“ Was, ihre Sachen stahl?

Wer interessierte sich schon für das Buch „101 Witze für Zahlenakrobaten“, das Drew ihr letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt hatte? „Damit niemand stolpert. Ich möchte nicht schon am ersten Tag in dieser Stadt angezeigt werden.“

„Ich habe eine bessere Idee.“ Schon lud er sich den Arm mit ihren Sachen voll. Nach Jahren ohne Mann im Haus erschien es ihr merkwürdig intim, wie dieser kräftige Mann mit ihren Sachen hantierte.

Es sind Bücher, Kenzie, keine Dessous.

Zu zweit hatten sie alles schnell nach oben getragen. In der Etage gab es vier Wohnungen, zwei auf jeder Seite des Flurs. Ihr Apartment war das hintere links. Als sie die Tür aufschloss, hatte sie das Gefühl, dass JT etwas sagen wollte. Doch er blieb stumm. Sie drehte sich um, nahm ihm ihre Sachen ab und dankte ihm ein letztes Mal.

„Jetzt schaffe ich es allein.“ Sie hoffte, wie eine selbstbewusste, unabhängige Frau zu klingen.

„Sicher?“

Sie dachte an alles, was vor ihr lag – der neue Job, diese Wohnung, bevor sie in drei Monaten endlich ihr Haus beziehen konnten, die Kinder, die sie irgendwie beschäftigen musste, bis die Schule begann.

„Absolut“, log sie. Wenn sie ihren Zwillingen das nächste Mal sagte, dass sie nicht lügen durften, dann würde sie in Gedanken eine Ausnahme hinzufügen: Es sei denn, es ist die einzige Möglichkeit, einen Nervenzusammenbruch zu verhindern.

2. KAPITEL

„Du bist spät.“ Sean Morrow, blond, hager und im Designeranzug, blickte von seinem Lunch auf, als JT ihm gegenüber Platz nahm. Die beiden Männer unterschieden sich äußerlich wie Tag und Nacht. „Darf ich annehmen, dass du so sehr in ein neues Bild vertieft warst, dass du die Zeit vergessen hast?“

„Ehrlich gesagt, habe ich einer jungen Frau in Not geholfen.“

Sean schürzte die Lippen, unsicher, ob JT es ernst meinte oder nicht. „Einer attraktiven jungen Frau?“

„Einer völlig durchnässten jungen Frau.“

Heimlich musste JT sich eingestehen, dass die hingeworfenen Worte der Frau, die er soeben getroffen hatte, nicht gerecht wurden. Obwohl Kenzie Green nicht der Typ Frau war, nach dem sich die Männer auf der Straße umblickten, strahlte sie eine gewisse Anmut aus. Sie war schlank und zierlich und hatte hellbraune Haare. Wahrscheinlich ein warmer Honigton, wenn sie trocken waren.

Ihre dunkelblauen Augen hatten die gleiche Farbe wie der Ozean. Ihr schmales Gesicht war reizvoll – klassische gerade Nase, ausgeprägte Wangenknochen und ein fast kämpferisches Kinn, das ihn an eine preisgekrönte Schauspielerin erinnerte, deren Name ihm entfallen war. Holly hätte ihn bestimmt gewusst. Holly war seine Verbindung zur Popkultur gewesen.

Überhaupt war Holly seine Verbindung zur Welt außerhalb seines Ateliers gewesen. Sie hatte ihn daran erinnert, dass ein neuer Film gezeigt wurde, der ihm gefallen könnte, hatte ihm bei Eröffnungen die Namen von Bekannten zugeflüstert und ihn darauf hingewiesen, wenn er wieder einmal fast zwölf Stunden lang nichts gegessen hatte. „Wie kann ich darauf vertrauen, dass du dich mit mir um das Baby kümmern wirst“, hatte sie ihn einmal geneckt, „wenn du dich nicht einmal um dich selbst kümmerst?“

Die Schwangerschaft hatte aus dem schüchtern lächelnden Mädchen, das sie gewesen war, als sie sich kennenlernten, eine aufregende, selbstbewusste junge Frau gemacht. Ich plane, das Kinderzimmer allein zu gestalten – ich weiß, dass du ein großer Künstler bist, aber ich habe Angst, dass es ein Raum voll abstrakter Figuren wird. Ich hingegen denke da eher an kleine Enten und Häschen.

„JT!“ Leichte Verärgerung und Sorge schwangen in Seans Tonfall mit. „Hast du überhaupt gehört, was ich gesagt habe? Du hattest wieder diesen bestimmten Blick.“

Um Zeit zu gewinnen, nippte JT an seinem Wasser, während er versuchte, sich auf die Gegenwart zu konzentrieren. In den ersten Monaten nach Hollys Tod war der Gedanke an sie unglaublich schmerzhaft gewesen. Jetzt, nach zwei Jahren, war die Erinnerung an schöne Momente tröstlich. Daran zu denken war einfacher, als über eine Gegenwart und Zukunft ohne sie nachzugrübeln.

„Es ist schwer“, sagte er schlicht.

„Ich weiß.“ Sean senkte den Blick, und ein Hauch von Traurigkeit schlich sich in seine Stimme. „Aber Holly würde nicht wollen, dass du so leidest. Sie würde wollen, dass du lebst. Und vor allem würde sie wollen, dass du malst.“

Es war nicht so, dass er es nicht versucht hätte. Die Bilderserie, die er in den Wochen nach der Beerdigung geschaffen hatte – einem fürchterlichen Doppelbegräbnis, bei dem er das Gefühl hatte, sein ganzes Dasein unter die Erde zu bringen – war seine beste Arbeit überhaupt.

Doch das fieberhafte Schaffen an dieser Serie hatte ihn ausgebrannt und anstelle von Inspiration lediglich ein Gefühl der Leere zurückgelassen. Sean hatte die dunklen Gemälde in seiner Galerie ausgestellt, doch JT brachte es nicht über sich, sie zu verkaufen.

Die Galerie. Es war nicht fair, dass er alles Sean überließ. Sie waren gleichgestellte Geschäftspartner. JT der Künstler, Sean derjenige, der mit Menschen und Finanzen umgehen konnte.

Plötzlich musste JT an das Buch denken, das Kenzie in der Hand gehalten hatte – irgendetwas über Zahlen. Ich sollte sie Sean vorstellen. Ein Treffen wäre leicht zu arrangieren. JT wohnte direkt gegenüber der neuen Hausbewohnerin.

„Du hörst mir schon wieder nicht zu“, murmelte Sean.

„Ich habe gerade daran gedacht, ein Date für dich zu arrangieren.“

„Ernsthaft?“ Sean lachte. „Ich hatte zwar noch nie Probleme, Frauen kennenzulernen, aber ich werte es als gutes Zeichen, dass du überhaupt über das Liebesleben von Menschen nachdenkst.“

„Ich bin kein Mönch“, verteidigte JT sich.

Seit Hollys Tod hatte JT nur mit einer Frau geschlafen, einer Kunsthändlerin. Holly hatte die Frau gemocht und respektiert. Irgendwie hatte JT das Gefühl gehabt, dass seine verstorbene Frau nichts dagegen hätte. Marsha erholte sich gerade von dem Schock, dass ihr Mann sie verlassen hatte. Sie hatte die Bestätigung gebraucht, noch eine attraktive Frau zu sein, und JT hatte sich nach der Nähe eines anderen Menschen gesehnt, um seiner Einsamkeit zu entfliehen.

Ihre Affäre hielt einen knappen Monat, dann trennten sie sich in aller Freundschaft. Beide hatten von der Beziehung profitiert, doch sie wussten auch, dass es keine Zukunft für sie gab.

Glücklicherweise kam in diesem Moment die Kellnerin, um die Bestellung aufzunehmen, sodass JT an etwas anderes denken musste als an seine Unfähigkeit zu malen oder seine Abneigung gegen ein Date.

Würde der Tag kommen, an dem er die Malerei wieder als Freude und nicht als Verpflichtung betrachtete? Würde er Liebe jemals wieder als Segen und nicht als Gefahr ansehen?

Kenzie verspürte überall ein Ziehen – Muskeln, von denen sie nicht einmal gewusst hatte, dass sie existierten, machten sich schmerzhaft bemerkbar. Sie sehnte sich nach einem heißen Bad, doch Ann hatte gerade vom Handy aus angerufen, um ihr mitzuteilen, dass sie mit den Kindern und „einem starken Mann“ auf dem Weg zu ihr war.

Mit einer Flasche Wasser setzte sie sich auf den Teppich im Wohnzimmer und wartete auf ihre Familie. Als es klopfte, erhob sie sich schwerfällig. Statt der erwarteten Verwandten stand Mr. Carlyle, ein kleiner Mann unbestimmbaren Alters, vor der Tür. Er hatte schneeweißes, dichtes Haar, und statt des marineblauen Trainingsanzugs von heute Morgen trug er jetzt Jeans und ein T-Shirt mit dem Logo des Baseballteams „Atlanta Braves“.

„Hallo, Miss Green.“ Er blickte an ihr vorbei auf die Umzugskartons. „Ist der Umzug geschafft?“

„Mehr oder weniger.“

„Ich will nicht lange stören. Wollte Ihnen nur sagen, dass der Fahrstuhl wieder funktioniert.“

Was für ein Glückstag! „Das sind tolle Neuigkeiten. Danke, Mr. Carlyle.“

„Ich tue nur meinen Job – und nennen Sie mich bitte Mr. C. Das sagt hier jeder.“

So hatte auch JT den Mann genannt. Einen Moment lag es ihr auf der Zunge, den Hausmeister nach dem attraktiven, geheimnisvollen Mann zu befragen. Sie vermutete, dass JT hier wohnte, wusste es aber nicht sicher.

Kenzie hatte Mr. C. gerade aufgezählt, was in ihrer Wohnung repariert werden musste, als das „Ping“ des Fahrstuhls am anderen Ende des Flurs ertönte. Die Tür glitt auf, und eine wilde Horde stürmte heraus. Vorneweg die blonde Leslie und der dunkelhaarige Drew, zankend und schubsend, da offensichtlich jeder zuerst bei der Mutter sein wollte.

Hinter ihnen schrie Anns kleine Tochter Abigail in ihrem Babysitz Zeter und Mordio. Als Ann sich näherte, sah Kenzie zwei nasse Flecken auf der Bluse ihrer Schwester. Insgeheim war sie erleichtert, dass auch ihre Schwester zur Abwechslung einmal gestresst aussah.

Als Letzter verließ Anns Mann Forrest den Fahrstuhl. Zuerst dachte Kenzie, er führe Selbstgespräche, doch bei näherem Hinsehen bemerkte sie, dass er über Headset telefonierte und sich zu einer Partie Golf verabredete.

Und inmitten des Lärms – oder vielleicht gerade deshalb? – ging die Tür direkt hinter Mr. C. auf. Im Türrahmen stand JT.

JT wohnte in dem Apartment gegenüber?

Ihre Blicke trafen sich, doch die Rufe „Mom! Mom!“ brachen den Bann. Sie blickte auf ihre zwei Kinder und sah aus den Augenwinkeln heraus, dass JT schnell die Tür schloss. Ohne Zweifel lehnte er sich jetzt auf der anderen Seite gegen die Tür und dachte: Himmel, was für eine Heimsuchung!

Den verzweifelten Blicken ihrer Kinder nach zu urteilen, als Kenzie Pappteller auf den Couchtisch stellte, könnte man meinen, sie bekämen ihre Henkersmahlzeit. Sie setzte sich im Schneidersitz auf den Boden vor den Couchtisch. „Kinder, ihr wisst, dass das hier nur vorübergehend so ist. Bald wird alles besser.“

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