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Vahr Süd

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. 1. BUCH: GRUNDAUSBILDUNG
  5. 1. HARRY
  6. 2. SERBISCHES REISFLEISCH
  7. 3. BRÜCKEN BAUEN
  8. 4. BÖSES ERWACHEN
  9. 5. MANNSCHAFTSHEIM
  10. 6. WEGTRETEN
  11. 7. DER FERNSEHER
  12. 8. DER DURCHBRUCH
  13. 9. STORYVILLE
  14. 10. UMZUG
  15. 11. DER SOG
  16. 12. SEELISCHE NÖTE
  17. 13. DER ERSTE STOCK
  18. 14. TAPETENTISCH
  19. 15. LEICHENZUG
  20. 16. DIALEKTIK
  21. 17. DER TEXT
  22. 18. HAPPY HOUR
  23. 19. DAS AQUARIUM
  24. 20. WHY NOT
  25. 21. COLABOMBE
  26. 22. NIEDRIGSTE GANGART
  27. 23. DIE SAMMLUNG
  28. 24. HALBES HÄHNCHEN
  29. 25. NATO-ALARM
  30. 26. HEINER UND HORST
  31. 27. G-KARTE
  32. 28. FDP-MANN
  33. 29. KUNST AM BAU
  34. 30. VERSETZUNG
  1. 2. BUCH: FEIERLICHES GELÖBNIS
  2. 31. SEELACHSSCHNITZEL
  3. 32. DIE AXT
  4. 33. AUF DER COUCH
  5. 34. BÜCKLING
  6. 35. BREITES BÜNDNIS
  7. 36. DER MAJOR
  8. 37. VOLLVERSAMMLUNG
  9. 38. BUDDENBROOKS
  10. 39. HANNI UND MANNI
  11. 40. MÄNNER MIT NERVEN
  12. 41. GRILLPLATTE BALKAN
  13. 42. VIEL SPASS NOCH
  14. 43. LUNGENENTZÜNDUNG
  15. 44. FACKELTRÄGER
  16. 45. MÄNNER UND HELME
  17. 46. NOTAUSGANG
  18. 47. ABSCHIED

1. HARRY

Am letzten Tag bevor er zur Bundeswehr musste, war Frank Lehmann in keiner guten Stimmung. Es war der 30. Juni, ein Montag, und er hatte nichts zu tun, es gab nicht einmal irgendwelche Scheinaktivitäten, in die er sich hätte stürzen können, um seine Gedanken von der unausweichlichen Tatsache abzulenken, dass er sich am nächsten Tag in der Niedersachsen-Kaserne in Dörverden/Barme einzufinden hatte, um dort seinen Dienst als Soldat zu beginnen. Das schöne Wetter machte die Sache nicht besser, im Gegenteil, hätte es wenigstens geregnet, dann hätte er vielleicht zu Hause in seinem Zimmer bleiben können, wäre mit einem Buch und einer Tasse Tee auf seinem Bett liegen geblieben und hätte den Tag vergammelt, aber das ging bei schönem Wetter nicht.

Genau das impfen sie einem als kleinem Kind schon ein, dachte er, als er am Vormittag in seinem alten Opel Kadett sinnlos durch Bremen fuhr, dass man bei schönem Wetter auf keinen Fall zu Hause bleiben darf, das kriegt man nie wieder raus, dachte er, als er sich ein bisschen am Osterdeich ans Weserufer setzte und darauf wartete, dass ein Bockschiff vorbeikäme, dem er hinterherschauen konnte, dabei ergibt das für jemanden, der zwanzig Jahre alt ist und gerade ausgelernt hat, überhaupt keinen Sinn, bei schönem Wetter draußen herumzuhängen, dachte er, als er wieder im Auto saß und zurück in die Neue Vahr Süd fuhr, einem großen Neubauviertel im Osten von Bremen, wo er noch immer bei seinen Eltern wohnte, und das ist ja auch Quatsch, mit zwanzig noch bei seinen Eltern zu wohnen, dachte er, eigentlich ist das eine Schande, Manni wäre das nie passiert, dachte Frank und merkte wieder einmal, wie sehr ihm sein großer Bruder fehlte, seit der aus Bremen weg nach Berlin gegangen war. Mit Manni hätte er sich jetzt gerne unterhalten, Manni hätte irgendwas gesagt, das einen aufgemuntert hätte, dachte er, als er durch das Einkaufszentrum Berliner Freiheit schlenderte, Manni weiß immer irgendeinen Ausweg, oder jedenfalls sagt er immer etwas, das die Sache in einem anderen Licht darstellt, dachte er, oder er hat irgendeine Idee, obwohl er, was diese Bundeswehrsache betrifft, auch nur Quatschideen im Kopf hatte, dachte Frank, aber ich habe noch nicht einmal das, dachte er, bei mir reicht’s noch nicht einmal für Quatschideen, ich weiß noch nicht einmal, wie alles überhaupt so weit kommen konnte.

Irgendwas ist schiefgelaufen, dachte er und setzte sich, des Schlenderns durch das Einkaufszentrum Berliner Freiheit müde geworden, auf eine Mauer mit Blick auf den Vorplatz des Bürgerzentrums, so viel ist mal klar. Da unten war zum Beispiel mal der Minigolfplatz, dachte er fahrig, der ist nun auch weg, und Manni auch, und ich ab morgen irgendwie auch, und so müssen sich Arbeitslose vorkommen, dachte er, ich hätte die Lehre nicht machen sollen, das war schon mal ein Fehler, die hat mich irgendwie rausgehauen, aus der Kurve getragen, dachte er, man verliert seine alten Freunde, wenn man eine Lehre macht, jedenfalls die aus der Schule, dachte Frank, und man gewinnt nicht viele neue dazu, genauer gesagt gar keine, dachte er, letztendlich ist nur Martin Klapp übrig geblieben, und der ist untauglich, außerdem bin ich zu alt für die Bundeswehr, dachte er, und alle anderen haben verweigert und fahren Behinderte, wie Ralf Müller, und der ist auch schon fast fertig damit, und danach studieren sie oder was, dachte er, und ich bin gelernter Speditionskaufmann und wohne noch bei meinen Eltern und muss zum Bund, wer konnte damit rechnen, und wenn man schon wie ein Arbeitsloser hier rumhängt, dann kann man auch gleich in den Vahraonenkeller gehen, dachte er und stieg kurz entschlossen aus der sonnendurchfluteten Berliner Freiheit hinab in den Vahraonenkeller, in dem er früher, als er noch gegenüber auf das Gymnasium an der Kurt-Schumacher-Allee gegangen war, immer seine Freistunden und auch die unentschuldigten und entschuldigten Fehlstunden verbracht hatte, die seiner Schulkarriere schließlich das Genick gebrochen hatten.

Wahrscheinlich ein Fehler, hier reinzugehen, dachte er, als er den grottenhaften Raum betrat, in dem nur ein paar Trinker fortgeschrittenen Alters herumsaßen, von ein paar Schülern einmal abgesehen, die – wie um ihm einen Spiegel vorzuhalten – in einer der Sitzbuchten saßen und miteinander schwatzten und lachten, es war damals schon ein Fehler, hier reinzugehen, aber da hat es wenigstens Spaß gemacht, dachte er, heute ist es nur noch falsch. Er setzte sich so weit wie möglich von den Schülern weg an einen leeren Tisch und bestellte eine Tasse Tee. Das ist Quatsch, das hätte man gleich lassen können, das ist jetzt alles Vergangenheit, dachte er, im Vahraonenkeller sitzen und Tee trinken, das bringt nichts, man muss nach vorne schauen, dachte er, aber als er da so saß, in seinem Tee rührte und nach vorne schaute, sah er da nur die Bundeswehr, die in Dörverden/Barme auf ihn wartete, dahinter war gar nichts, er hatte nicht den Hauch einer Ahnung, was er danach machen sollte, außer vielleicht in seinem erlernten Beruf weiterarbeiten, aber das geht ja auch nicht, das ist ja total sinnlos, wenn man so einen Quatsch wie die Bundeswehr durchzieht und dann einfach da wieder weitermacht, wo man vorher aufgehört hat, dachte er.

Natürlich hätte ich verweigern sollen, aber wer konnte auch ahnen, dass sie einen jetzt noch einziehen, dachte er, während er hastig seinen Tee trank und sich dabei die Zunge verbrannte, das bringt nichts, hier Tee zu trinken, schnell weg damit, ich muss hier wieder raus, es war ein schlimmer Fehler, hier reinzugehen, dachte er, ich bin Tauglichkeitsstufe drei und werde im Herbst einundzwanzig, das ist doch alles Mist, ich bin ein Idiot, dachte er, und wenn Martin Klapp verweigert hätte, dann hätte er mir vielleicht dabei helfen können, dass ich das auch durchziehe, von Martin Klapp hätte man sich beraten lassen können, nicht aber von Ralf Müller, der hätte es tun können, dachte er, aber wer will sich schon von Ralf Müller helfen lassen, Ralf Müller war schon auf der Schule komisch, er ist Martins Freund, nicht meiner, dachte Frank, das war schon damals so, und das ist schon schlimm genug, von so einem kann man sich nicht helfen lassen, Ralf Müller ist ein Vollidiot, dem will man nichts schuldig sein, dachte er, aber man hätte zu einer Beratungsstelle gehen können, da ist was schiefgelaufen, es ist überhaupt alles schiefgelaufen, dachte er, und dann war der Tee endlich alle, und er konnte wieder nach oben an die frische Luft gehen.

Frische Luft, dachte er, das haben sie einem immer erzählt, geh doch mal an die frische Luft, aber was man da eigentlich machen soll, das haben sie einem nie gesagt, dachte er, während er die Treppen hinaufstieg, na ja, dachte er, frische Luft werde ich jedenfalls genug haben bei der Bundeswehr. Dann traf er Harry.

Harry kam gerade aus dem Café Heinemann und hielt eine Tüte Pommes mit Mayo in der Hand, als sie zusammenstießen. Frank erkannte ihn sofort, wenn auch zunächst nur an der Stimme, denn als sie zusammenstießen, brüllte Harry: »Pass auf, du Arsch, oder ich reiß dir den Kopf ab!«

»Harry«, sagte Frank und versuchte, um die Situation zu entspannen, ein bisschen Freude in seine Stimme zu legen, obwohl es das Letzte war, was er in diesem Moment empfand. Harry, dachte er, ausgerechnet Harry, nach all den Jahren.

»Frankie, bist du das?«

Harry war einmal sein Freund gewesen, zu Grundschulzeiten, und auch noch am Gymnasium bis etwa zur siebten Klasse, ab da hatten sie sich aus den Augen verloren, weil Harry einen etwas anderen Weg als Frank eingeschlagen hatte.

»Harry, lange nicht gesehen«, sagte Frank. Und das ist kein Wunder, dachte er. Das Letzte, was er von Harry gehört hatte, war, dass er wegen schwerer Körperverletzung drangekommen war, das war zwei oder drei Jahre her, irgendjemand hatte es erzählt, eine unangenehme Geschichte im Zusammenhang mit einem Spiel von Werder Bremen gegen den HSV, und Harry sollte, so hieß es, ein Messer benutzt haben.

»Mann, jetzt hätte ich fast das Essen fallen lassen«, sagte Harry. »Gut, dass du das bist, sonst hätte ich dir was aufs Maul gehauen.« Er schaute auf seine Tüte Pommes und hielt sie Frank hin. »Auch was?«

»Nee, danke«, sagte Frank.

»Wie geht’s denn so?«, fragte Harry.

»Geht so«, sagte Frank. »Lange nicht mehr gesehen, Harry.«

»Ja«, sagte Harry.

Es gibt nicht viel zu sagen, dachte Frank, und das ist auch besser so.

»Ich wohne nicht mehr hier in der Gegend, ich hab ’ne eigene Wohnung, in der Nähe vom Bahnhof«, sagte Harry.

»Das ist gut«, sagte Frank, der nicht wusste, was er sonst sagen sollte. Bei Harry kann jedes Wort das falsche sein, dachte er nervös.

»Was machst du denn so«, fragte Harry, »bist du noch auf der Schule?«

»Nee, wieso, ich hab ’ne Lehre gemacht«, sagte Frank.

»Lehre, das ist gut«, sagte Harry. Er trug spitze Stiefel, Jeans und eine Jeansjacke mit abgeschnittenen Ärmeln. Auf die Jeansjacke waren allerlei Dinge, den SV Werder, die Hölle und die Ehre betreffend, aufgenäht. »Das ist gut«, wiederholte er. »Was mit Autos?«

»Wie, mit Autos?«

»Na die Lehre, was mit Autos?«

»Ach so, nee, wieso?«, sagte Frank, der jetzt nur noch wegwollte. Unter der Jacke trug Harry ein eng anliegendes T-Shirt, und Frank konnte die gewaltigen, mit allerlei Kram tätowierten Muskeln sehen, die sich darunter wölbten. Damit fing alles an, dachte Frank, diese ewige Muskeltrainiererei, diese dauernden Klimmzüge und der ganze Scheiß, dachte Frank, der damals, als Harry damit anfing, gerade das Interesse an Prügeleien endgültig verloren hatte, die Sache war ihm mit fortschreitendem Alter zu brutal geworden, da hatte er sich entschieden, lieber auf den gewaltfreien Trip zu kommen, während Harry aus der veränderten Lage ganz andere Konsequenzen gezogen hatte.

»Nee, Speditionskaufmann«, sagte er. »Ich muss dann auch mal.«

»Bei deinem Vater?«, fragte Harry. »In der Firma von deinem Alten?«

»Das ist nicht seine Firma«, sagte Frank. »Der arbeitet da auch bloß. Ich muss dann mal los, da lang, da steht mein Auto und so.«

Harry ging darauf nicht ein. »So, so«, sagte er. »In derselben Firma wie dein Alter, was?«

»Ja.«

»Das ist ja knallhart, Alter.« Harry lachte. »In der Firma von deinem Alten.«

»Ja«, sagte Frank und lachte höflich ein bisschen mit.

»Mein Auto ist liegen geblieben«, wechselte Harry abrupt das Thema. »Hab meine Eltern besucht. Springt nicht mehr an. Steht auch da drüben.«

»Ja klar, mein Auto auch, ist ja auch der Parkplatz«, sagte Frank idiotisch, wie er selber fand, aber bei Leuten wie Harry war es nie falsch, ein bisschen den Deppen zu geben, vor allem wenn man nicht wusste, worauf Harry hinauswollte, da war es nicht klug, einfach zu gehen oder ihn sonstwie vor den Kopf zu stoßen. Letztendlich muss Harry entscheiden, wann dieses sinnlose Gespräch zu Ende ist, dachte er, bei Leuten wie Harry sollte man nicht zu sehr auf die Tube drücken.

»Wo fährst du denn jetzt hin?«, fragte Harry.

»Nach Hause«, sagte Frank, obwohl er sich da gar nicht sicher war, er hätte gerne irgendwas anderes gemacht, aber nichts mit Harry, so viel stand fest.

»Nach Hause? Wo denn?«

»Bei meinen Eltern.« Erst sieht man Harry jahrelang nicht, dann trifft man ihn, ausgerechnet einen Tag bevor man zum Bund muss, und dann schafft er es sofort, einen fertigzumachen, dachte Frank, er schafft es auch auf der geistig-seelischen Ebene, dachte er, den Finger dahin zu legen, wo es wehtut.

»Kannst du mich mitnehmen? Eben kleinen Umweg machen?«

»Wohin denn?«, sagte Frank.

»Hab ich doch gesagt«, sagte Harry, und es schien Frank, als hätte sich ein verärgerter Unterton bei ihm eingeschlichen. »Ich wohn am Bahnhof, in der Nähe da.«

»Ja klar, kein Problem.«

»Okay, gehen wir.«

Harry ging voraus, und Frank folgte ihm.

»Verstehst du gar nichts von Autos?«, fragte Harry ihn über die Schulter hinweg.

»Nein.«

»Scheißkarre.« Harry ging auf dem Parkplatz zu einem alten Ford Capri und trat gegen seine Tür. »Gerade erst gekauft, die Scheißkarre. Der Arsch kann sein Testament machen.« Er guckte Frank an, als erwartete er einen Kommentar.

»Vielleicht solltest du den ADAC rufen«, schlug Frank vor.

Harry sah ihn an und lachte. »ADAC?«

»Na ja«, sagte Frank vage.

»ADAC? Den Scheiß-ADAC? Ich? Bin ich Mitglied im ADAC, oder was?«

»Na ja, dann nicht«, sagte Frank.

»Ich brauch keinen Scheiß-ADAC, Alter. Der Arsch holt das Schrottding ab und stellt mir ’ne neue Karre hin. Gerade erst gekauft, das Scheißding.« Er trat noch einmal gegen das Auto und noch einmal, dann verlor er das Interesse.

»Wo ist dein Auto?«

Frank zeigte es ihm. Harry warf den Rest seiner Pommes ins Gebüsch, und sie stiegen ein.

»Ist das ’n guter Wagen?«

»Ist okay«, sagte Frank. »Fährt und so.«

»Wo hast du den her?«

»Von meinem Bruder, der hat ihn mir vor einem Jahr überlassen. Wollte ihn nicht mehr. Braucht kein Auto mehr, hat er gesagt.«

»Dein Bruder? Was macht der denn so?«

»Ist in Berlin«, sagte Frank. »Macht Kunst.«

»Kunst?« Harry lachte. »Was denn für Kunst?«

»Der macht so Objekte, weiß nicht, so Skulpturen und so.«

Harry lachte wieder. »Objekte? Ist der ’ne Schwuchtel, oder was? Der ist doch keine Schwuchtel, dein Bruder.«

»Nee, ist er nicht.«

»Der hat mir mal was auf die Schnauze gehauen«, sagte Harry, und es klang nach einem echten Kompliment. »Das war früher irgendwann, bevor ich bei den Lizzards war.«

»Ach so«, sagte Frank, der nicht genau wusste, was die Lizzards waren, wahrscheinlich eine Konkurrenz der Silverbirds, dachte er, aber er fragte lieber nicht nach. Es ist besser, nicht allzu viel über Harry und die Lizzards zu wissen, dachte er.

Sie fuhren los Richtung Bahnhof und schwiegen eine Weile nebeneinanderher.

»Wie viel PS hat der?«, fragte Harry schließlich.

»Weiß nicht«, sagte Frank.

»So was weiß man doch«, sagte Harry. »Kadett. Kadett taugt nicht viel. Kannst du wegschmeißen.«

»Na ja, er fährt«, sagte Frank vorsichtig.

»Ja«, sagte Harry. »Wieso bist du nicht arbeiten?«

Der Themawechsel kam unerwartet für Frank. Er macht es schon wieder, dachte er. Und immer da, wo’s wehtut. Das könnte ich dich auch fragen, hätte er gerne gesagt, aber er tat es lieber nicht. Er erinnerte sich noch gut an einige Leute, denen Harry, schon bevor sie sich aus den Augen verloren hatten, die Nase zu Brei geschlagen hatte, weil sie die falsche Frage gestellt hatten. Inzwischen schien er selbst auch einiges eingesteckt zu haben. Frank bemerkte die Narben in seinem Gesicht und dass seine Nase ziemlich unförmig und schief war.

»Ich hab frei. Muss morgen zum Bund.« Es schmerzte Frank, das sagen zu müssen, es klang so lächerlich.

»Ach darum hast du so kurze Haare. Hatte mich schon gewundert. Du bist doch eigentlich mehr so der Hippietyp. Sieht auch scheiße aus. Bund. Da wollte ich auch mal hin.«

»Ich weiß«, sagte Frank. Harry hatte früher viel davon erzählt, dass er Zeitsoldat werden wollte.

»Die wollen mich aber nicht mehr.«

»Schon klar.«

»Wieso?«, fragte Harry scharf und sah ihn an.

»Wieso was?«, gab Frank möglichst harmlos zurück. Bei Harry darf man nicht leichtsinnig sein, dachte er.

»Wieso schon klar? Was ist daran klar?«

»Nix, ich meine, schon klar, also, irgendwie, was weiß ich, sei doch froh.«

»Hm…«

Harry brütete eine Weile vor sich hin. Frank konzentrierte sich auf die Straße. »Wo genau?«, fragte er, als sie sich dem Bahnhof näherten.

Harry beschrieb ihm den Weg und ließ ihn schließlich neben einem Neubau an der Hochstraße, die am Bahnhof vorbei nach Walle führt, halten.

»Hier ist gut.«

»Wohnst du da alleine?«, fragte Frank neugierig.

»Ja. Wieso?«, sagte Harry misstrauisch.

»Nur so«, sagte Frank. »Nur so.«

»Ja«, sagte Harry. »Dann mach’s mal gut. Viel Spaß beim Bund!« Er stieg aus, drehte sich dann aber noch einmal um und starrte von draußen in das Auto hinein.

»Wieso geht einer wie du zum Bund? Du bist doch mehr so der Hippietyp? Warum hast du nicht verweigert?«

»Weiß nicht«, sagte Frank. »Hab’s verpennt.«

»Ganz schön blöd«, sagte Harry.

»Ich weiß«, sagte Frank, und dann warf Harry die Tür zu, und er war wieder alleine mit sich und seinen trüben Gedanken.

2. SERBISCHES REISFLEISCH

Nach Hause wollte Frank jetzt nicht mehr. Es war Mittagszeit, und der Gedanke, zu Hause auf seine Mutter zu treffen, die demnächst von ihrem neuen Halbtagsjob in einem Imbiss am Bahnhof zurück sein musste, schreckte ihn ab. Aber Hunger hatte er, und deshalb beschloss er, zur Universität zu fahren, um in der Mensa etwas zu essen, er hatte das schon einige Male gemacht, und es schien ihm eine gute Gelegenheit, unter Menschen zu sein, ohne mit jemandem reden zu müssen. Es sei denn, Martin Klapp ist da, dachte er, das kann man bei der Mensa nie wissen, schließlich ist er Student, dachte Frank hoffnungsvoll, die Mensa ist sein natürliches Umfeld. Martin Klapp zu treffen wäre gut, er ist aber auch der einzige Mensch, den man an einem solchen Tag ertragen kann, Martin ist gut, dachte Frank, Martin ist entspannt, er ist vor allem nicht Harry, damit geht’s schon mal los, Harry ist alles andere als entspannt, dachte er, und Martin weiß, wer Harry ist. Martin könnte man erzählen, dass man Harry getroffen hat, ohne allzu viel erklären zu müssen, dachte er, und dann war er am Stern, wo immer die Studenten an der Straße zur Uni standen und darauf warteten, dass man sie mitnahm, und er entschloss sich, genau das zu tun. Wenn man schon ihr verbilligtes Essen isst, ohne Sozialwerkgebühren zu zahlen, dachte er, dann sollte man wenigstens einigen von ihnen eine kostenlose Fahrt spendieren, das ist nur fair, dachte er. Sein Bruder hatte ihm das alles mal erklärt, damals, als er noch in Bremen studiert hatte, bevor er Knall auf Fall alles hingeworfen hatte und nach Berlin gegangen war. Damals hat Manni sich noch für solche Sachen interessiert, dachte er, damals hat er sich überhaupt für alles Mögliche interessiert und von allem Möglichen erzählt, dachte er, denn seit sein Bruder in Berlin wohnte und Künstler war, war Frank sich da nicht mehr so sicher, sie sahen sich selten, und ihre Telefonate wurden immer komischer.

Er hielt also am Stern und drehte sich um, um zu sehen, wer einstieg. Es warteten dort viele Studenten, es ist Mittagszeit, dachte Frank, darauf können sich wahrscheinlich alle einigen, und es schien ein System für das Trampen zu geben, denn es gab keinen Streit unter den Wartenden, es waren genau vier Leute, die auf seinen Wagen zurannten. Die Erste, die ihn erreichte, war ein Mädchen, das die Tür öffnete und den Sitz nach vorn klappte, damit die Nachfolgenden hinten einsteigen konnten.

»Hallo«, sagten die drei auf das Mädchen nachfolgenden Jungs, jeder nacheinander, als sie einstiegen. Dann klappte das Mädchen den Sitz zurück und setzte sich neben ihn. Frank fuhr los.

»Wo fährst du hin?«, fragte das Mädchen.

»Zur Mensa.«

»Das ist gut«, rief einer von hinten, »da wollen wir auch hin.«

»Schon klar«, sagte Frank. Sie halten mich für einen Studenten, dachte er, aber für einen komischen, wegen meiner Haare, so einen Scheißhaarschnitt hat man als Student eigentlich nicht. Martin Klapp hatte ihm die Haare am vergangenen Samstagabend eigenhändig für die Bundeswehr zurechtgeschnitten, Ohren und Kragen frei usw. »Ich kann das«, hatte er gesagt, und das Ergebnis war so furchtbar gewesen, dass Frank sogar seiner Mutter erlaubt hatte, einiges daran zu korrigieren, was die Sache aber auch nicht viel besser gemacht hatte.

»Studierst du auch Germanistik?«, fragte das Mädchen.

»Nein. Wieso?«

Frank sah sie kurz an. Sie war sehr klein und sehr dünn, und sie hatte sehr lange, glatte, blonde Haare, so lang, dass sie auf ihren Beinen auflagen, wenn sie saß, aber sie ist ja auch nicht sehr groß, dachte Frank, da gehen die Haare schnell mal bis zu den Beinen. Sie kurbelte das Fenster herunter, und ihre Haare flogen durcheinander und berührten sogar Franks Gesicht dabei. Sie fing sie wieder ein und hielt sie fest. Frank war es sehr recht, dass sie das tat. Das bringt jetzt nichts, dachte er, wenn einen am Tag vor dem Bund noch die Haare fremder Frauen berühren, am Ende verliebt man sich noch, und dann ist das extra bitter, dachte er.

»Nur so, ich dachte…«, sagte sie.

Frank sah sie aus den Augenwinkeln an und wusste nicht, was er davon halten sollte. Er konnte sich nicht vorstellen, dass jemand an der Bremer Uni Germanistik studierte, mit dem man ihn verwechseln konnte, schon wegen seines neuen Haarschnitts schien ihm das unmöglich. Ich bin ja eigentlich schon voll stigmatisiert, dachte er.

»Ich bin kein Student«, sagte er.

»Ach so!«

»Und wieso fährst du dann zur Mensa?«, kam es von hinten.

»Was ist los?«, fragte Frank ärgerlich und in scharfem Ton gegen die Windschutzscheibe. »Was ist das für eine dämliche Frage?«

»Na ja, ich meine nur…«, kam es von hinten, gleich schon etwas kleinlauter, wie Frank, der sich aus einem ihm selbst nicht erfindlichen Grund in einen ungeheuren Ärger gegen den undankbaren Wichser, wie er ihn in Gedanken nannte, hineinsteigerte, der da auf der Rückbank seines Autos saß und sich nicht entblödete, wie er es in Gedanken nannte, ihn auszufragen, geradezu zu verhören, wenn nicht gar anzuklagen, weil er als Nichtstudent in die Mensa ging, während er, Frank, ihn freundlicherweise und völlig selbstlos in seinem Auto mitnahm, das gehört sich nicht, dachte er, so geht das nicht, das verlangt harte Gegenmaßnahmen, dachte er, obwohl er wusste, dass das Pipifax war, das ist Pipifax, dachte er, das ist klein, da sollte man drüberstehen, dachte er, aber er stand da nicht drüber. »Was soll das heißen, ich meine nur?«, stieß er wütend hervor. »Was meinst du damit, ich meine nur?«

Der Typ schwieg.

»He, ich habe dich was gefragt! Was meinst du nur?«

»Na ja, ich habe mich nur gewundert, wieso man zur Mensa fährt, wenn man nicht studiert.«

»Vielleicht will man was essen!«

»Na ja, aber eigentlich ist die doch nur für Studenten.«

Der Arsch hört nicht auf, dachte Frank, er macht alles immer schlimmer, er bringt sich in Teufels Küche und merkt das nicht einmal, dachte Frank, er fährt ernsthaft bei mir im Auto mit und will mir gleichzeitig erzählen, wo ich essen darf und wo nicht, dabei sollte er froh sein, dachte Frank, dass ich nicht Harry bin, Harry würde das jetzt ganz anders regeln.

»Und was jetzt? Die Bullen rufen, oder was?«

Es kam keine Antwort.

»He, ich hab dich was gefragt? Willst du die Bullen rufen, oder was?«

Der andere schwieg immer noch.

»Außerdem hast du keine Ahnung«, griff Frank weiter an. »Es gibt nicht nur Studenten an der Uni, und auch nicht nur Professoren und studentische Hilfskräfte und Assistenten und den ganzen Scheiß. Oder was hast du gedacht?«

»Schon gut, Mann …«

»Es gibt auch noch Leute, die da arbeiten, schon mal gehört? Arbeiten, verstehst du, was ich meine? Arbeiten! Meinst du, die Uni läuft von selber? Meinst du, da gehen nur Studenten hin?«

Es herrschte wieder Schweigen im Auto, und jetzt, das spürte Frank genau, war es ein peinliches Schweigen. Der Typ ist ein Arsch, dachte Frank, aber ich mache mich auch zum Arsch, ich versaue allen den Tag, dachte er, aber andererseits versauen sie mir auch den Tag, das sind doch alles Wichser, dachte er, fahren hier mit und quatschen einen von der Seite an, und warum sollen die heute einen guten Tag haben, wenn ich morgen zum Bund muss?

»Ich meine, hast du schon mal gearbeitet, Kerl? Oder wenigstens schon mal darüber nachgedacht, wie viele andere Leute in der Uni arbeiten, Techniker, Köche, Bibliothekare, Putzfrauen und was weiß ich nicht alles, damit du da studieren kannst? Hast du da schon mal drüber nachgedacht?«

»Entschuldigung«, kam es von hinten. »Hab ich nicht so gemeint.«

»Was jetzt?«, setzte Frank noch eins drauf. »Eben hast du gesagt, du meinst ja nur, jetzt sagst du, du hast das nicht so gemeint. Kannst du dich mal entscheiden, was du meinen willst und was nicht?«

»Entschuldigung! Tut mir leid, ehrlich.«

»Ja, ja …« Frank war immer noch sauer, jetzt aber mehr auf sich selbst, ich hätte nicht noch einmal nachtreten sollen, dachte er, wenn sich einer entschuldigt oder sonst wie aufgibt, dann soll man nicht weiter draufhauen, dachte er, das würde nicht mal Harry machen, obwohl, Harry vielleicht, dachte er, aber auf jeden Fall ist das nicht fair.

»Jetzt hör aber auch mal auf«, sagte das Mädchen neben ihm. Frank sah sie an. »Ich meine, schau mal raus oder so. Die Sonne scheint. Es ist Sommer. Entspann dich mal, er hat das nicht so gemeint.«

»Entspannen? Ich bin entspannt. Aber es kann ja wohl nicht sein, dass man Leute im Auto mitnimmt, und dann wird man blöd von der Seite angequatscht.«

»Mein Gott«, sagte sie, »du kannst doch jetzt nicht dein Auto benutzen, um uns deiner Art zu denken zu unterwerfen, das ist doch total pervers.«

»Soso, man kann also nicht sein Auto benutzen, um jemanden seiner Art zu denken zu unterwerfen, richtig? Habe ich das richtig verstanden, ja? Um jemanden seiner Art zu denken zu unterwerfen?!«

»Das ist mir jetzt irgendwie zu aggressiv«, sagte das Mädchen und schaute zum Fenster raus.

»Ich bin nicht aggressiv, ich bin überhaupt nicht aggressiv. Und ich habe mein Auto auch nicht benutzt, um jemanden meiner Art zu denken zu unterwerfen, was ist das für ein Quatsch. Ich habe mein Auto benutzt, um zur Mensa zu fahren, um was zu essen. Und dann habe ich es auch noch benutzt, um einige Leute mitzunehmen, einfach so, damit die sich nicht mit Bus und Bahn durchschlagen müssen, was man im übrigen auch machen könnte. Stimmt’s?«

»Stimmt was?«

»Wie, stimmt was?«

»Ob was stimmt, dass man sich im Übrigen auch mit Bus und Bahn durchschlagen kann, oder das andere, worauf bezieht sich das mit dem Stimmen

»Das andere«, sagte Frank verwirrt. »Ich habe mein Auto benutzt, um zum Essen zu fahren und habe dabei einige Leute mitgenommen. Habe ich damit angefangen, die Leute meiner Art zu denken zu unterwerfen? Habe ich euch gefragt, warum ihr Studenten seid oder so? Nein. Ich wurde gefragt, warum ich in der Mensa esse, obwohl ich kein Student bin. Fragt man jemanden so etwas, der einen gerade mitgenommen hat? Und was will man mit dieser Frage erreichen? Ist es nicht so, dass diese Frage letztendlich bloß darauf hinausläuft, dass ich mich rechtfertigen soll? Und habe ich das nötig? Nehme ich deshalb Leute mit?«

»Du kannst uns doch nicht alle dafür verantwortlich machen, dass einer von uns dich das fragt! Das ist ja Sippenhaft.«

»Ja«, sagte Frank, »Sippenhaft, klar, Sippenhaft. Habe ich jemanden in Haft genommen? Habe ich Konsequenzen angedroht? Habe ich gesagt, ihr sollt raus, oder was? Habe ich euch das angedroht? Habe ich mein Auto benutzt, um eine Drohung auszusprechen? Sippenhaft …!«

»Das ist mir jetzt aber echt zu aggressiv«, sagte das Mädchen wieder, aber jetzt sah sie nicht mehr aus dem Fenster, sondern starrte ihn an, und das war Frank dann doch unangenehm. Das ist alles ein bisschen peinlich, dachte er, für alle, ich versaue ihnen den Tag, und sie versauen mir den Tag, das kann nicht gut sein, aber der Arsch da hinten hat angefangen, dachte er, man sollte ihn nehmen und rausschmeißen, Harry hätte das sofort gemacht, dachte er, aber ich bin ja wohl mehr der Hippietyp, wobei ihm jetzt auffiel, dass er noch nicht einmal wusste, wer der eine überhaupt war, der ihn da angequatscht hatte, er hatte nicht in den Rückspiegel geschaut, um nachzusehen, wer diese peinliche Frage, deren Inhalt er mittlerweile vergessen hatte, überhaupt gestellt hatte, von wegen Sippenhaft, dachte er, wenn man nur den einen rausschmeißen würde, wäre ihr das natürlich auch nicht recht. Ich hätte sie nicht mitnehmen sollen, die ganze Bande, scheißegal, was Manni damals erzählt hat, dachte er, man sollte solche Sachen nicht machen, nur weil es heißt, das mache man so, was gehen mich die studentischen Bräuche an, dachte er, sie gönnen mir ja noch nicht einmal ihr dämliches Essen, obwohl, dachte er, die Frau kann ja nun eigentlich wirklich nichts dafür. Er fand sie ganz nett, und es war ihm unangenehm, dass sie ihn immer noch anstarrte, was soll’s, dachte er schließlich, morgen bin ich beim Bund, da brauche ich mir heute keine Gedanken mehr darüber zu machen, wie ich bei einer nett aussehenden, kleinwüchsigen Studentin ankomme, das bringt nichts, da würde doch höchstens Kummer von kommen, dachte er, und dann waren sie auch schon bei der Uni, und er bog in die Straße zur Mensa ein.

»Okay, Sippenhaft«, sagte er, »und deshalb dürft ihr jetzt auch alle aussteigen, da ist die Mensa, ihr wollt ja sicher alle was essen, und ihr dürft das auch, ihr seid ja Studenten!«

Er hielt, und das Mädchen stieg aus, klappte den Sitz nach vorne, und die Jungs kletterten mühsam hinaus. Sie gingen wortlos. Das Mädchen nicht. Sie klappte den Sitz wieder nach hinten und schaute noch einmal herein, bevor sie die Tür zuwarf. Das ist der Tag, an dem die Leute noch einmal hereinschauen, bevor sie die Tür zuwerfen, dachte Frank, erst Harry, jetzt die da, und auch sie wird sicher noch irgendetwas Wichtiges und Endgültiges sagen, dachte er, es ist halt so ein Tag, an dem die Leute das machen, dachte Frank, nun sag’s schon, dachte er, während das Mädchen ihn nur anschaute, sie war so klein, dass sie sich kaum zu bücken brauchte, um ins Auto hineinzuschauen. Sie weiß nicht genau, was sie sagen soll, dachte Frank, sie sucht nach einem guten letzten Satz, so einem, wie Harry ihn gebracht hat, na ja, dachte er, irgendwie geschieht es mir auch recht.

»Vielen Dank fürs Mitnehmen«, sagte sie schließlich, und Frank konnte sich nicht entscheiden, ob sie das nun ironisch oder ehrlich meinte.

»Gern geschehen«, sagte er und versuchte, es ebenso ambivalent klingen zu lassen.

Das Mädchen warf die Tür zu, und Frank suchte einen Parkplatz.

Als Stammessen gab es serbisches Reisfleisch, und das war Frank gerade recht, denn er mochte das nicht oder jedenfalls nicht besonders, und gerade darum war es gut, dass es das heute gab, es wäre nicht richtig, dachte er, als er das Angebot studierte, heute noch etwas Leckeres, Gutes zu essen, wer weiß, was es morgen bei der Bundeswehr gibt, dachte er, und je höher man steigt, umso tiefer fällt man, und wenn es heute noch etwas extra Leckeres zum Mittag gibt, dann ist der Schock morgen nur umso härter. Diesen Gedanken fand er so bescheuert, dass er lachen musste, und lachend ging er an den Büchertischen des Kommunistischen Bundes Westdeutschland, des Kommunistischen Bundes, der KPD/ML, der Marxistischen Gruppe, des Arbeiterbundes für den Wiederaufbau der KPD, des Kommunistischen Arbeiterbundes Deutschlands und des MSB/Spartakus vorbei und ließ sich serbisches Reisfleisch geben, und dann sah er auch schon weiter hinten im Saal Martin Klapp sitzen und an etwas kauen, das auch wie serbisches Reisfleisch aussah. Da ist er ja, dachte Frank und freute sich, obwohl man sich, dachte er, seinen vorherigen Gedanken wieder aufnehmend, eigentlich nicht darüber freuen sollte, Martin Klapp hier zu treffen, wahrscheinlich wäre es besser, wenn man ganz einsam hier sitzen und ganz allein am serbischen Reisfleisch kauen müsste, das würde einen dazu bringen, sich geradezu nach Veränderung zu sehnen, und sei es nur die, dass man endlich zur Bundeswehr kommt, und dieser genauso bescheuerte Gedanke brachte ihn in eine gewisse Hochstimmung, und er lachte wieder, als er auf Martin Klapp zusteuerte, der, wie er im Näherkommen bemerkte, sein serbisches Reisfleisch nicht einmal mit der Gabel aß, sondern gleich einen Esslöffel genommen hatte, er stopft es hinein, dachte Frank, er dödelt nicht lange rum, rein damit und gut, und er wünschte sich, während er sich Martin Klapps Tisch näherte, auch er hätte einen Löffel genommen statt einer Gabel, aber man kann nicht immer ganz vorne mit dabei sein, dachte er, das kann nur Martin Klapp.

»Frankie«, rief Martin Klapp so unaufgeregt und beiläufig, als sei es ganz normal, dass Frank in der Mensa zum Essen auftauchte. Er winkte mit dem Löffel. »Setz dich doch. Ich habe gleich ein Seminar.«

Frank setzte sich ihm gegenüber. Sonst saß niemand an dem Tisch.

»Serbisches Reisfleisch, fantastisch«, sagte Martin Klapp mit vollem Mund. »Das bringt den Geist nach vorne.«

»Auf jeden Fall.«

Sie aßen eine Zeit lang schweigend.

»Bei uns zu Hause hieß das immer Risibisi«, sagte Martin Klapp irgendwann.

»Risibisi ist anders, das ist mit Erbsen«, sagte Frank.

»Da ist eine Erbse.« Martin Klapp hielt ihm den Löffel hin. »Könnte jedenfalls eine Erbse sein.«

»Könnte auch was anderes sein.«

»Ja. Ich hab gleich ein Seminar«, sagte Martin Klapp. »Deutsch.«

Martin Klapp studierte Deutsch und Sport auf Lehramt, so nannte er das. Für Frank hatte das von Anfang an zwei Fragen aufgeworfen: zum einen, wie ausgerechnet Martin Klapp auf die Idee kommen konnte, Lehrer zu werden, und zum anderen, wieso einer, der untauglich für die Bundeswehr war, Sport studieren konnte. Aber dieses Thema sprach er jetzt natürlich nicht an, das hatten sie schon einige Male durchgekaut, und Martin Klapps Antwort auf beide Fragen war immer die gewesen, dass er, Frank, das alles viel zu ernst nehme.

»Fantastisch«, sagte Frank.

»Ja. Was machst du denn hier?«, stellte Martin Klapp nun doch die Frage, die Frank eigentlich gleich zu Anfang erwartet hatte.

»Wollte was essen. Hab heute frei, hatte noch einen Urlaubstag, der musste weg«, sagte Frank. »Muss morgen hin.«

»Ja, ja«, sagte Martin Klapp. »Bist du am Wochenende wieder da?«

»Ja, glaube schon«, sagte Frank.

»Das ist gut«, sagte Martin Klapp. »Wir sollten gleich noch einen Kaffee zusammen trinken, das ist wichtig. Da nebenan gibt es auch guten Kuchen und Pudding und so Kram, das macht fit.«

»Ich dachte, du hast ein Seminar.«

»Seminar, stimmt. Oh, hallo!«

»Hallo Martin.«

Das Mädchen aus dem Auto stand plötzlich an ihrem Tisch mit einem Tablett in der Hand. Sie nennt ihn Martin, dachte Frank fahrig, sie kennen sich, und sie hat nicht das serbische Reisfleisch genommen, sie hat Milchreis, dachte er, als sie ihr Tablett auf dem Tisch abstellte, und das ist die bessere Wahl, musste er in Gedanken zugeben.

»Ah, der Mann mit dem Auto«, sagte sie.

»Ihr kennt euch?«, sagte Martin Klapp. »Das ist gut.«

»Hm«, sagte Frank nur vage. »Was heißt schon kennen …« Er mochte solche Zufälle nicht.

»Er mag keine Studenten«, sagte das Mädchen. »Aber er nimmt sie in seinem Auto mit.«

»Das habe ich nicht gesagt, dass ich keine Studenten mag«, sagte Frank. »Außerdem spricht man nicht über anwesende Leute in der dritten Person.«

»Kann ich mich dazusetzen?«, sagte das Mädchen.

Ich dachte, du sitzt schon, hätte Frank in diesem Moment gerne gesagt, konnte sich dann aber gerade noch zurückhalten. Man soll an seinem letzten Tag in Freiheit nicht noch boshaft werden, dachte er.

»Ja, logisch«, sagte Martin Klapp. »Frankie hat sicher nichts dagegen.«

Das Mädchen setzte sich und strich sich die Haare sorgfältig hinter die Ohren, bevor sie zu essen begann.

»Woher kennt ihr euch denn?«, fragte Frank, damit es nicht so still war.

»Wir sind im selben Grundkurs. Textinterpretation«, sagte Martin Klapp. »Ganz tolle Sache.«

»Ja, ja«, sagte das Mädchen ohne Begeisterung. »Und das Goethe-Seminar.«

»Und das Goethe-Seminar, das ist auch ganz toll«, bestätigte Martin Klapp lustlos.

Das ist interessant, dachte Frank, nun sind sie schon Studenten und müssen nicht arbeiten, und zur Bundeswehr müssen sie auch nicht, aber viel Spaß daran scheinen sie nicht zu haben. Das gefiel ihm, er mochte diesen Gedanken, obwohl er sich darüber im Klaren war, dass ihm das nicht zur Ehre gereichte. Es ist schäbig, sich an der Freudlosigkeit anderer zu erfreuen, dachte er, es ist nur eine billige Methode, die eigene Freudlosigkeit zu ertragen. Aber er freute sich trotzdem, und irgendetwas braucht man ja auch, um über einen Tag wie diesen zu kommen, dachte er.

»Was esst ihr da? Ist das das serbische Reisfleisch?«, fragte das Mädchen unterdessen.

»Ja, das ist auch fantastisch«, sagte Martin Klapp. »Und Frankie hat dich im Auto mitgenommen, ja?«

»Ja, das war sehr, sehr nett von ihm«, sagte das Mädchen. »Hat uns dann auch schön erklärt, dass er kein Student ist.«

»Man redet nicht über Anwesende in der dritten Person«, sagte Frank.

»Ich gehe gleich noch einen Kaffee trinken«, wechselte Martin Klapp das Thema.

»Gleich ist das Goethe-Seminar«, sagte das Mädchen.

»Natürlich, das Seminar mit Goethe. Da gehe ich auch hin«, sagte Martin Klapp.

»Ich nicht, ich gehe da nicht hin«, sagte Frank gut gelaunt.

»Ich glaube, ich auch nicht«, sagte Martin Klapp.

»Ich gehe da hin«, sagte das Mädchen.

Sie schob ihre Schüssel von sich. »Das ist Mist.«

»Willst du vielleicht tauschen?«, sagte Frank. »Nimm doch mein serbisches Reisfleisch.«

Sie schaute ihn an und dann auf seinen Teller mit serbischem Reisfleisch.

»Hab ich noch nicht viel von gegessen«, sagte Frank und schob es ihr hin.

»Und dann willst du den Milchreis haben?«, fragte sie misstrauisch.

»Na ja, wenn’s geht … Ich bin nicht so für Reisfleisch. Mir hat gerade heute einer gesagt, ich wäre mehr so der Hippietyp«, sagte Frank.

Sie nahm sein Essen, benutzte aber weiter ihren Löffel.

»Das Zeug ist ekelig«, sagte sie und schob ihm den Milchreis hin.

Frank behielt seine Gabel und aß den Milchreis. Das bringt aber nichts, sich jetzt mit ihr anzufreunden, schärfte er sich ein. Am Ende verliebt man sich noch, und dann wird das extra bitter.

»Mein letzter freier Tag«, sagte er zu Martin Klapp. Gleich mal reinen Tisch machen, dachte er.

»Er geht morgen zum Bund«, sagte Martin Klapp zu dem Mädchen.

»Zum Bund? Wer macht denn so was?«, fragte das Mädchen und schaute Frank verblüfft an.

»Frankie macht so was. Er macht immer das, was die anderen nicht machen. Er ist Speditionskaufmann und geht zum Bund. Und isst in der Mensa«, sagte Martin Klapp.

»Hör wenigstens du damit auf, über mich in der dritten Person zu reden«, sagte Frank. »Das hat irgendwie was Herrenmenschenhaftes.«

»Da verweigert man doch«, sagte das Mädchen.

»Jaja«, sagte Frank, »man verweigert. Jaja! Das tut man wohl.«

»Ja und?«

»Nix ja und. Hab’s verpennt. Ganz schön blöd«, wiederholte Frank Harrys letzte Worte. »Ich weiß.«

»Ich zieh am Samstag um«, wechselte Martin Klapp das Thema. Er hielt sich nie lange bei derselben Sache auf.

»Ich weiß«, wiederholte Frank. Martin Klapp hatte zusammen mit Ralf Müller eine neue Wohnung gefunden. Dann war noch ein Dritter dabei, Achim, ein Exgenosse von ihnen, der immer noch organisiert war, aber den kannte Frank kaum. Ihn, Frank, hatten sie gar nicht erst gefragt, was verständlich war, wie er fand, irgendwie aber trotzdem schmerzte.

»Bist du dann wieder da?«, fragte Martin Klapp.

»Wahrscheinlich. Nehme ich an. Soweit ich weiß, lassen die einen zum Wochenende wieder raus.«

»Ich verstehe nicht, wie man da hingehen kann«, ließ das Mädchen nicht locker. Sie starrte ihn immer noch an. Frank wünschte sich, sie würde damit aufhören.

»Verstehe ich auch nicht«, sagte er.

»Wie, verstehst du auch nicht?«

»Na ja, du sagst, verstehe ich nicht, wie man da hingehen kann, und ich sage, verstehe ich auch nicht. Das ist doch nicht schwer zu verstehen!«

»Das verstehe ich trotzdem nicht«, sagte das Mädchen und runzelte die Stirn. »Das ist doch bescheuert.«

»Ja, das ist bescheuert, und da gibt es auch nichts zu verstehen«, sagte Frank. »Ich hab’s ja gesagt: Ganz schön blöd!«

»Ab morgen renovieren wir schon mal«, sagte Martin Klapp unbeirrbar. »Aber du bist ja nicht da…«

»Nein, sieht nicht so aus.«

»Na ja«, sagte Martin Klapp, »und was machst du jetzt noch so?

»Keine Ahnung«, sagte Frank. »Vielleicht noch einen Kaffee trinken?«

»Genau, Kaffee«, sagte Martin Klapp, »da komme ich mit.«

Er überlegte kurz und wandte sich dann an das Mädchen. »Kommst du auch mit? Noch einen Kaffee trinken?«

»Nee, ich gehe in das Seminar.«

»Stimmt, das Seminar. Mit Goethe. Da müsste ich eigentlich auch hin.«

»Dann eben kein Kaffee«, sagte Frank. Ihm war nicht ganz wohl in seiner Haut, das Mädchen sah ihn so komisch an, es wird Zeit zu verschwinden, dachte er, das bringt ja alles nichts.

»Ja, lass uns einen Kaffee trinken«, sagte Martin Klapp. »Und dann?«

»Renovieren?«, schlug Frank vor.

»Nein, das geht erst ab morgen, morgen ist der Erste, vorher kommen wir da nicht rein.«

»Ich weiß, dass morgen der Erste ist. Morgen muss ich zum Bund.«

»Gehst du da wirklich hin?«, ließ das Mädchen nicht locker. »Ich meine, das ist jetzt kein Witz oder so was?«

»Nein. Ja. Tut mir leid. Es war nicht meine Idee. Es nennt sich Wehrpflicht«, sagte Frank gereizt.

»Wieso hast du denn nicht verweigert?«

»Weil ich blöd bin.«

»Vielleicht sollte man an den Unisee gehen«, sagte Martin Klapp. »Das schöne Wetter ausnutzen.«

»Ja, das schöne Wetter ausnutzen, das mache ich schon den ganzen Tag«, sagte Frank und lachte. Martin ist gut, dachte er, Martin ist entspannt, wo Martin ist, ist alles scheißegal!

»Lasst uns doch alle an den Unisee gehen!« Martin Klapp wandte sich an das Mädchen. »Kommst du mit?«

»Nein, ich gehe in das Seminar«, sagte das Mädchen.

»Ach ja, das Seminar«, sagte Martin Klapp.

»Oder einen Kaffee trinken«, sagte Frank.

»Und dann Unisee, nackt«, sagte Martin Klapp und lachte.

»Och nee, nicht nackt«, sagte Frank.

»Unisee heißt nackt.«

»Ich gehe in das Seminar«, sagte das Mädchen.

»Erst noch einen Kaffee«, sagte Martin Klapp.

»Ich glaube, ich fahre gleich nach Hause«, sagte Frank. »Ich will heute nicht baden gehen, ich muss morgen zum Bund.«

»Sinniger Zusammenhang. Wenn man morgen zum Bund geht, kann man heute nicht baden gehen.«

»Ja, ich weiß auch nicht, ich glaube, ich will leiden«, sagte Frank.

»Leiden kann man auch am Unisee, nackt«, sagte Martin Klapp.

Frank lachte. Es war gut gewesen, in die Mensa zu gehen und Martin Klapp zu treffen. Martin ist gut, dachte er wieder, wo Martin ist, ist alles scheißegal.

Das Mädchen stand auf und nahm den Teller mit dem halb aufgegessenen serbischen Reisfleisch in die Hand. »Ich geh dann mal«, sagte sie. Sie schaute Frank noch einmal an. Jetzt kommt wieder das letzte Wort, dachte er, mal sehen, was ihr diesmal einfällt.

»Viel Spaß beim Bund«, sagte sie. Dann ging sie davon. Sie schauten ihr beide nach.

»Das ist Sibille«, sagte Martin Klapp.

»Aha …«

»Kaffee. Und dann Unisee.«

»Muss das sein?«, sagte Frank.

»Keine Ahnung. Immer noch besser als Goethe.«

»Ja«, sagte Frank. »Wahrscheinlich.«

»Schade, dass sie nicht mitkommt«, sagte Martin Klapp.

»Ja«, sagte Frank.

Aber eigentlich war es ihm lieber so.

3. BRÜCKEN BAUEN

»Und? Wie war dein letzter freier Tag?«, fragte Franks Vater beinahe schelmisch, als sie zusammen beim Abendbrot saßen, Frank, sein Vater und seine Mutter.

Frank sah seinen Vater an und rätselte kurz darüber nach, wie die Frage gemeint sein könnte. War sein Vater neidisch, weil er heute in die Firma gemusst hatte, sein Sohn aber nicht? Wollte er bloß beiläufig ein Gespräch anfangen, weil ihn die Stille am Tisch nervös machte? Lag ein ernsthaftes Interesse vor? Was will er hören?, fragte sich Frank. Aber noch bevor er etwas sagen konnte, kam ihm seine Mutter zuvor.

»Er war den ganzen Nachmittag zu Hause«, sagte sie empört. »War nur in seinem Zimmer und hat gelesen.«

»Es hat geregnet«, sagte Frank. »Was soll ich machen, wenn’s regnet? Minigolf spielen?« Er hatte mit Martin Klapp gerade die Uni-Cafeteria verlassen, als es plötzlich wie aus Eimern zu regnen begonnen hatte. Daraufhin hatten sie sich getrennt, Martin Klapp war in sein Goethe-Seminar gegangen, Frank nach Hause gefahren.

»Die gibt’s doch gar nicht mehr, die Minigolfbahn«, sagte seine Mutter. »Die haben sie doch weggemacht.«

»Na siehst du«, sagte Frank zufrieden.

»Na ja, ab morgen sieht das dann anders aus«, sagte sein Vater, und schon wieder wusste Frank nicht, wie er das meinte.

»Wie heißt das, wo du dich da melden sollst?«, fragte seine Mutter.

»4. PiBataillon 8«, sagte Frank.

»Was heißt denn das?«

»Das wird er schon rausfinden«, sagte sein Vater.

Schadenfreude, tippte Frank. Er empfindet Schadenfreude.

»Pioniere«, sagte Frank. Das hatte jedenfalls Martin Klapp gesagt, er hatte Achim, den Exgenossen, mit dem er ab morgen zusammenwohnte und der beim Bund gewesen war, gefragt, und der hatte ihm etwas von Pionieren gesagt.

»Was für Pioniere?«, fragte seine Mutter.

Frank seufzte. »Pioniere halt«, sagte er. »Ich bin sicher, in einer Woche kann ich dir das ganz genau erklären.«

»Das würde ich auch mal sagen«, sagte sein Vater. Frank schaute ihm direkt ins Gesicht. Was willst du?, dachte er. Sein Vater schaute weg, aus dem Fenster hinaus. Frank tat es ihm nach. Sie wohnten im dritten Stock eines Neubaus und hatten vom Wohn- und Esszimmer aus einen schönen Blick auf die Straße und einen kleinen Parkplatz. Es schien wieder die Sonne, und ein Wind fegte durch die Bäume und schüttelte die letzten Regentropfen herunter. Die Bäume sind groß geworden, dachte Frank, und die Häuser klein. Sie hatten immer hier gewohnt, hier war er aufgewachsen, und jetzt fiel ihm das plötzlich auf. Früher waren die Bäume kleiner gewesen und die Häuser größer, dachte er, und dieser Gedanke machte ihn traurig. Es ist vorbei, dachte er, ich bin wie einer dieser Bäume, ich bin irgendwie aus der Proportion geraten, ich sollte hier nicht mehr sein, dachte er, ich hätte es wie Manni machen sollen.

»Was machen die denn so, die Pioniere?«, ließ seine Mutter unterdessen nicht locker.

»Was weiß ich?«, sagte Franks Vater. »Ich war nicht bei der Armee!«

»Das musst du doch wissen, schließlich gehst du da doch hin«, wandte sich seine Mutter an Frank. »Wenn du da schon hingehst, dann musst du doch wissen, was die da von dir wollen?«

»Sie werden ihm das schon erzählen, wenn es so weit ist«, sagte sein Vater mit einem, wie Frank fand, unangenehm sarkastischen Unterton. »Die werden ihm das schon beibringen, da braucht er sich um nichts zu kümmern!«

»Aber man kann ja wohl mal fragen, schließlich hat er doch was gelernt, das müssen die doch wissen und berücksichtigen.«

»Das musst du schon denen überlassen«, sagte sein Vater. »Ansonsten kann er sich ja beschweren, schließlich ist er da freiwillig hingegangen, da werden sie schon auf ihn hören.«

»Was soll das denn jetzt heißen?«, fragte Frank, dem sein Vater langsam auf die Nerven ging. »Wieso freiwillig? Glaubt ihr, dass ich da freiwillig hingehe, oder was?«

»Ich weiß nicht …«, sagte seine Mutter nachdenklich.

»Er hätte ja auch verweigern können«, sagte sein Vater.

»Hört endlich auf, über mich in der dritten Person zu reden, das ist ja widerlich.«

»Das stimmt«, sagte seine Mutter, »das tut man nicht. Aber ich habe das auch nicht gemacht, ich habe nicht über dich in der dritten Person geredet! Ich will bloß wissen, was die da machen bei diesen Pionieren!«

»Dritte Person, na und?«, sagte sein Vater. »Deine Mutter hat gefragt, und da habe ich ihr geantwortet, du sagst ja sowieso nie was, da ist doch klar, dass man dann die dritte Person benutzt, was soll daran schlimm sein?«

Frank seufzte und trank einen Schluck von dem Tee, den es immer zum Abendbrot gab und den er vor allem dafür verantwortlich machte, dass er neuerdings nachts schlecht einschlafen konnte. »Die machen Brücken und legen Minen und so«, sagte er, sich an das erinnernd, was ihm Martin Klapp von seinem Gespräch mit dem Exgenossen berichtet hatte. »Außerdem sprengen sie Brücken und räumen Minen wieder weg«, fügte er der Vollständigkeit halber hinzu. »Hab ich gehört«, sagte er, nur damit seine Eltern nicht dachten, er würde so etwas von selber wissen, das ist sowieso lächerlich, dachte er, dass ausgerechnet ich meinen Eltern die Feinheiten der militärischen Waffengattungen erkläre, als ob ich schon Soldat wäre oder so was.

»Das ist doch Schwachsinn«, sagte seine Mutter. »Das ergibt doch überhaupt keinen Sinn, wenn die das alles gleich wieder kaputt machen. Und wieso stecken die dich unter solche Leute, du hast das doch gar nicht gelernt, Brücken bauen, du hast doch was ganz anderes gelernt, du hast doch Speditionskaufmann gelernt, das ist doch was ganz anderes!«

»Das finde ich auch«, sagte sein Vater, »dabei brauchen die doch gerade auch Nachschubleute und so, das weiß man doch, da hast du doch genau das Richtige für gelernt, wieso stecken die dich zu den Pionieren?«

»Woher soll ich das wissen?«, sagte Frank gereizt. »Und was weiß ich vom Nachschub? Und was wisst ihr darüber? Ich meine, ich hab mir das doch nicht ausgesucht! Ich konnte ja nicht einmal ahnen, dass die mich überhaupt noch einziehen!«

»Wieso nicht?«, fragte seine Mutter.

»Ja, wieso eigentlich nicht?«, haute sein Vater sofort in die gleiche Kerbe. Das sieht ihnen ähnlich, dachte Frank, sonst sind sie sich nie einig, aber sobald sie eine kleine Schwäche bei mir finden, hauen sie gemeinsam drauf. »Die können einen doch einziehen, bis man siebenundzwanzig Jahre alt ist«, sagte sein Vater. »Oder du hättest nach Berlin gehen können, wie Manfred«, fügte er hinzu. »Das wäre natürlich auch gegangen.«

Frank sah von seinem Vater zu seiner Mutter und zurück, um herauszufinden, ob das ein abgekartetes Spiel war, ein vorher vereinbarter Versuch, ihm etwas Bestimmtes mitzuteilen. Sie ließen sich nichts anmerken, tauschten nicht etwa wissende Blicke aus oder so, was die Sache eigentlich noch verdächtiger machte. So geht das nicht, dachte er, sie treiben mich in die Enge, und dann bringen sie auch noch Manni ins Spiel, so geht das nicht.

»Was soll das?«, fragte er rundheraus. »Worauf wollt ihr hinaus?«

»Was meinst du damit?«, fragte seine Mutter, verdächtig harmlos, wie Frank fand. »Ich habe doch nur eine einfache Frage gestellt.«

»Die Frage ist nicht einfach«, sagte Frank, »sie ist ganz und gar nicht einfach. Vor allem deshalb nicht, weil ich sie nicht beantworten kann. Ich weiß nicht, warum ich zu den Pionieren muss, ich habe darauf keinen Einfluss. Außerdem wüsste ich gerne mal, wieso ihr plötzlich Manni ins Spiel bringt? Was wollt ihr damit sagen?«

»Also«, sagte sein Vater zögernd, »ich wundere mich schon, dass gerade du zur Bundeswehr gehst, das passt doch gar nicht zu dir, was willst du denn da?«

»Was ich da will? Ich will da überhaupt nichts. Die ziehen mich ein, das ist Gesetz, und wenn ich nicht gehe, komme ich in den Knast. Wollt ihr das? Ist euch das lieber, oder was?«

»Knast?«, rief seine Mutter. »Wieso Knast? Ich will doch nicht, dass du in den Knast kommst, seit wann denn so was?«

»Du hättest auch verweigern können«, gab sein Vater zu bedenken. »Dann könntest du in Bremen bleiben, das machen andere auch, das brauche ich dir doch wohl nicht zu erzählen, der Sohn von den Meierlings zum Beispiel, wie heißt der noch, Martha?«

»Der ältere oder der jüngere?«

»Na der, der da verweigert hat?«

»Jürgen«, sagte seine Mutter. »Jürgen ist das. Der ist jetzt beim Roten Kreuz oder so, das gefällt dem gut da, sagen die Meierlings.«

»Na prächtig«, sagte Frank, der jetzt etwas verwirrt war ob dieser Wendung. Das ist doch totaler Quatsch, dachte er, das ergibt doch überhaupt keinen Sinn, das läuft total falsch, dachte er, der Sohn verweigert, und die Eltern nennen ihn Drückeberger, so läuft das, dachte Frank, was reden die beiden da, sie sind doch keine Hippies, dachte er, ich bin doch mehr der Hippietyp, hat Harry gesagt, dachte er, und wusste überhaupt nicht, was er jetzt noch sagen sollte.

»Ich hab den Krieg noch erlebt«, legte derweil sein Vater noch eins drauf, »ich weiß, wie das ist. Ich hätte verweigert.«

»Hätte, hätte«, sagte Frank, »hätte ist kein Argument. Du musstest ja gar nicht erst hin, da ist leicht reden. Da muss man erst mal durch die Prüfung kommen, hast du eine Ahnung, wie man das macht? Was man da sagen muss?«

»Ich würde mich damit beschäftigen«, sagte sein Vater.

»Ja, klar«, sagte Frank. Er schäumte vor Wut. Jetzt bringen sie einen noch so weit, dass man die Bundeswehr verteidigt, oder jedenfalls verteidigt, dass man da hingeht, dachte er, erst Harry, dann das Mädchen an der Uni und dann auch noch die eigenen Eltern, und das, bevor man überhaupt da ist, dachte er, nicht dass sie nicht recht hätten, dachte er deprimiert, natürlich hätte ich verweigern müssen, und Harry hatte auch recht, und das Mädchen auch, wahrscheinlich gehöre ich da wirklich nicht hin, dachte Frank, irgendwas ist schiefgelaufen, irgendwas hat einen Tag für Tag davon abgehalten, sich um die Sache zu kümmern, und jetzt ist es zu spät, und das ist schon schlimm genug, dachte er, da braucht man sich nicht auch noch von seinen eigenen Eltern verspotten zu lassen.

»Andere schaffen das doch auch«, machte sein Vater ungerührt weiter, »sogar der Sohn von den Meierlings, das muss man sich mal vorstellen, und unser Sohn geht einfach zur Bundeswehr.«

»Ist das jetzt eine Prestigefrage, oder was? Steht ihr jetzt vor den Meierlings doof da, oder was? Außerdem ist das Quatsch, der älteste Sohn von den Meierlings ist höchstens fünfzehn, ihr kriegt da was durcheinander. Und der heißt auch nicht Jürgen.«

»Ach so, dann war das der Neffe«, sagte seine Mutter unbeeindruckt, »ich glaube, die haben das von ihrem Neffen erzählt, nicht wahr, Ernst?«

»Weiß ich nicht«, sagte sein Vater.

»Seit wann haben die Meierlings irgendwelche Neffen?«, donnerte Frank dazwischen, froh, etwas gefunden zu haben, bei dem er angreifen konnte.

»Na ja«, wich seine Mutter aus, »jedenfalls ist das doch komisch, dass du da zu diesen Brückenleuten kommst, wenn du Speditionskaufmann gelernt hast.«

»Darum geht’s doch jetzt gar nicht mehr«, sagte sein Vater.

»Wieso denn nicht?«, sagte seine Mutter entrüstet. »Das hatte ich doch gefragt! Und warum muss er ganz bis nach Dörverden, hier in der Vahr ist doch auch eine Kaserne, da hätte er sogar zu Fuß hingehen können, wieso muss er da nach Dörverden? Wo ist das überhaupt?«

»Bei Verden«, sagte Frank.

»Das ist doch Quatsch«, sagte sein Vater, »das kann er doch gar nicht entscheiden, da hat er doch gar keinen Einfluss drauf, wenn er erst einmal da hingeht, und das will ich doch bloß von ihm wissen: Warum er da überhaupt hingeht!«

»Das kann ja sein, dass du das wissen willst. Ich hatte aber was anderes gefragt. Ich hatte gefragt, wieso er da Brücken bauen soll, wenn er Speditionskaufmann gelernt hat.«

»Das weiß ich doch nicht«, sagte Franks Vater.

»Na schön, dass das schon mal klar ist, dass du das nicht weißt«, sagte seine Mutter triumphierend. »Vielleicht geht’s aber auch mal darum, was ich wissen will, und nicht immer nur darum, was du wissen willst!«

»Wieso geht es immer nur darum, was ich wissen will. Seit wann geht es immer nur darum, was ich wissen will?«

»Ich hatte zuerst gefragt.«

Jetzt schwiegen die beiden und schauten auf ihre Brote. Na gut, dachte Frank, abgesprochen haben sie sich jedenfalls nicht, im Gegenteil. Er sah vom einen zur anderen, und irgendwie taten sie ihm ein bisschen leid. Sie wissen nicht, was das alles soll, dachte er, sie wollen nicht, dass ich zur Bundeswehr muss, immerhin, dachte er, aber es geht nicht anders als immer nur so, es ging noch nie anders als immer nur so, dachte er, es geht immer nur mit Streit, immer nur jeder gegen jeden, dachte er, und wenn nicht jeder gegen jeden, dann die beiden gegen mich, jedenfalls seit Manni nicht mehr dabei ist, dachte er. Ob es davor, mit Manni, wirklich besser gewesen war, wusste er zwar nicht mehr genau, aber ich war damals jedenfalls nicht allein mit ihnen, dachte er, Manni war dabei, ich war nicht allein mit ihnen, dachte er, und sie nicht mit mir.

»Okay«, sagte er, um ein bisschen Frieden zurückzubringen, sein Zorn war weg, irgendwie verraucht, »wahrscheinlich hätte ich verweigern sollen. Hab’s verpennt. Okay. Und warum ich zu den Pionieren muss …« Er hätte gerne eine Erklärung gehabt, obwohl das ja nun wirklich nicht seine Schuld war, aber das würde die Sache endgültig entspannen, dachte er, wenn ich für beide Fragen eine befriedigende Antwort hätte, befriedigend, genau das ist das Wort, dachte er, obwohl, befriedigend klingt auch irgendwie komisch, dachte er, eher befriedend vielleicht, eine befriedende Antwort sollte man haben, dachte er, und er sagte: »Na ja, warum ich da hinmuss, keine Ahnung, okay, ich geb’s zu, ich habe keine Ahnung, warum ich die Verweigerung verpennt habe, und ich habe keine Ahnung, warum ich zu den Pionieren muss.« Das muss jetzt reichen, dachte er, mehr können sie nicht verlangen, beim besten Willen nicht.

»Vielleicht haben sie dich verwechselt«, schlug seine Mutter vor.

Franks Vater seufzte.

»Nein, wirklich«, sagte seine Mutter, »das kommt doch vor. Lehmanns gibt’s doch wie Sand am Meer.«

»Ist schon gut, Martha«, sagte sein Vater. »Er weiß es halt nicht. Ist halt alles ganz schön blöd.«

»Ja, ja«, sagte Frank, »ganz schön blöd.« Nun ärgerte er sich doch wieder, weil sein Vater, so sah er das, noch einmal nachtrat, nachdem er, Frank, schon freiwillig zu Boden gegangen war, und dann benutzt er auch noch Harrys goldene Worte, danke Harry, dachte Frank. Er sah seinem Vater direkt in die Augen und sann auf Vergeltung. So geht das nicht, dachte er verbittert, so geht das nicht, man tut alles, um Frieden zu schaffen, und dann fallen sie einen hinterrücks wieder an!

»Kein Problem, ich kann ja immer noch was tun«, sagte er.

»Was denn?«, fragte sein Vater.

»Ich gehe einfach nicht hin.«

»Mach doch keinen Unsinn«, sagte sein Vater.

»Nein, ernsthaft, das geht, das ist kein Problem, ich kann nach Berlin gehen, da dürfen die nicht hin. Ist Mannis Idee, ich habe letztens mit ihm telefoniert, schöne Grüße soll ich euch sagen, Manni meint, ich könnte jederzeit kommen. Dann wohne ich bei ihm, und die kriegen mich nie. Da ist bloß ein Problem dabei …«

»Aber jetzt hör doch auf«, unterbrach ihn seine Mutter, »das meinst du doch nicht ernst!«

»Typisch Manfred«, sagte sein Vater. »So ein Quatsch. Das kannst du doch nicht machen!«

»Wieso nicht?«, sagte Frank unschuldig. »Ist doch kein Problem. Ich hab doch das Auto. Wenn ich jetzt losfahre, bin ich in fünf, sechs Stunden da, oder was weiß ich. Noch ist Zeit. Da ist bloß ein Problem dabei …«

»Ach Quatsch, das ist doch keine Lösung«, unterbrach ihn sein Vater erregt, »mach doch keinen Unsinn. Die fünfzehn Monate, das ist doch nicht so wild.«

»Wieso? Du sagst doch selbst, du hast den Krieg noch erlebt. Na bitte, entweder – oder. Hast du doch selbst gesagt.«

»Ja aber so was, da machst du dich doch strafbar.«

»Solange ich in Berlin bleibe, können die mir gar nichts. Da ist nur ein Problem dabei…«

»Was für ein Problem?«, biss seine Mutter endlich an.

»Ich könnte erst mal nicht wieder zurück. Bis das verjährt ist.«

»Um Gottes willen«, sagte seine Mutter. »Das meinst du doch nicht ernst!«

»Und ich glaube, anmelden könnte ich mich da auch nicht. Müsste ich schwarzarbeiten. Machen viele, sagt Manni.«

»Ach Quatsch.«

»Mach doch keinen Unsinn.«

»Frank, bitte, mach dich doch nicht unglücklich. Die fünfzehn Monate, das geht doch auch noch vorbei.«

»Nein«, sagte Frank, »ihr habt völlig recht. Ich gehöre da nicht hin. Und zu den Brückenbauern schon gar nicht.«

»Nun hör aber auf«, sagte seine Mutter.

»Ich brauch ja nicht viel, ich pack einfach ein paar Klamotten ein. Und was gespart habe ich auch noch, das muss ich bloß vom Sparbuch runterkriegen.«

»Ernst, sag du doch mal was!«

»Frank«, sagte sein Vater streng. »Frank! Jetzt rede doch nicht so einen Quatsch.«

Vielleicht ist das wirklich die Lösung, dachte Frank. Ich muss hier sowieso raus, dachte er. Und Manni hatte es ihm wirklich angeboten, »komm rum«, hatte er gesagt, »das verjährt irgendwann.« Es wäre ein Ausweg, dachte er, nicht toll, aber immerhin ein Ausweg. Er sah in die Gesichter seiner Eltern, und was er dort sah, berührte ihn dann doch, sie waren entsetzt, sie hatten wirklich Angst um ihn, seine Mutter kämpfte sogar mit den Tränen.

»Ich will ja auch nicht, dass du da hingehst«, sagte sie mit zitternder Stimme und hielt sich die Hand vor den Mund. »Aber du kannst dich doch nicht für dein ganzes Leben unglücklich machen wegen den paar Monaten.«

»Fünfzehn!«, sagte Frank, aber es machte keinen Spaß mehr.

Seine Mutter wischte sich die Augen. »Warum muss das alles immer so furchtbar sein?«, fragte sie.

»Nun lass mal, Martha«, sagte sein Vater. »Er macht doch nur Spaß. Er zieht uns doch nur auf, oder? Stimmt doch?«, wandte er sich an Frank.

»Na ja«, sagte Frank, »das wäre immerhin ein Ausweg. Aber wenn ihr meint, ich sollte doch lieber zum Bund gehen … Ich meine, ich bin da nicht scharf drauf, so oder so.«

»Siehst du!«, sagte sein Vater zu seiner Mutter.

Ich muss hier raus, dachte Frank. Es wird Zeit. Schon lange. Und dann kam ihm ein komischer Gedanke. Vielleicht, dachte er, habe ich deshalb nicht verweigert. Vielleicht wollte ich einfach nur, dass endlich etwas passiert, etwas, das man nicht aufhalten kann, etwas, das mich unwiderruflich hier rausholt. Ein erschreckender Gedanke, aber es ist was dran, dachte Frank, kein Mensch ist so blöd und verpennt seine Verweigerung ohne Grund, dachte er, nicht mal ich, nicht mal ich bin so blöd, ich bin nur das, was Harry gesagt hat, dachte er, und was alle anderen auch denken: ganz schön blöd. Ganz schön blöd, aber nicht so blöd.

Er musste lachen. Seine Eltern, die sich langsam wieder beruhigten, schauten ihn verwundert an.

»Siehst du, er hat nur Spaß gemacht«, sagte sein Vater.

»Einen aber auch so zu erschrecken!«, sagte seine Mutter.

»Ja«, sagte Frank, »war nur Spaß.«

So weit ist es schon, dachte er, dass man nicht einmal mehr Lust hat, die eigenen Eltern zu erschrecken.

4. BÖSES ERWACHEN

Als Frank zwei Tage später erwachte, sah es nicht gut aus. Das war auch sein erster Gedanke, das sieht nicht gut aus, dachte er, das wird kein guter Tag. Das Geschrei, das sie wohl wecken sollte und das es in seinem Fall auch sofort getan hatte, kam von draußen, vom Flur, und es wurde ab und zu vom Geräusch einer Trillerpfeife unterbrochen, und der zweite Gedanke, der Frank in den Sinn kam, war der, ob der Mann, der die Trillerpfeife blies, wohl derselbe war wie der, der schrie. Zwar überlagern sich die beiden Geräusche nicht, dachte er, aber es stellt sich schon die Frage, wie der Schreiende noch Luft holen kann, wenn er die Trillerpfeife auch noch bedient. Dann sprang die Tür auf und ein Mann stürmte herein und brüllte, dass sie aufstehen und das Sportzeug anziehen sollten. Das Geschrei und Getrillere ging auf dem Flur derweil weiter. Es sind viele, dachte Frank. Dann war der Mann wieder weg. Frank hatte nur seine Beine gesehen, denn er lag zuunterst in einem dreistöckigen Bett, und als er sich aufsetzte, um die Situation zu überdenken, schlugen Leppert und Schmidt, zwei Männer, die jetzt seine Kameraden waren und über ihm schliefen, vor ihm auf dem Fußboden auf. Frank hatte die beiden am Vortag zum ersten Mal getroffen, so wie die anderen Leute in der Stube auch, sie hatten zusammen dort gehockt und gewartet, was wohl passieren würde, um drei Uhr hatten alle da sein müssen, und dann hatte es auch Punkt drei Uhr angefangen mit dem Geschrei, und seitdem hatte es damit nicht mehr aufgehört. Zuerst hatte Frank gedacht, dass da wohl irgendwas nicht stimmen könne auf dem Flur, da ist einer verrückt geworden, hatte er gedacht, irgendein Notstand ist ausgebrochen, hatte er vermutet, und die anderen in seiner Stube hatten auch ziemlich verwirrt aus der Wäsche geschaut, und, da war Frank sich sicher, sie taten genau das allesamt immer noch, obwohl es für Verwirrung eigentlich keinen Grund mehr gab. Nach einem halben Tag und einer Nacht in der Kaserne musste eigentlich jedem klar sein, dass das Schreien immer und ausnahmslos ihnen, den Rekruten, galt.

Sie schreien und schreien, dachte Frank nun, während er auf seinem Bett saß und dabei zuschaute, wie Schmidt direkt vor ihm stand und sich am Hintern kratzte und Leppert zu seinem Spind humpelte und sich dabei eine Zigarette anzündete. Sie waren neun Leute auf der Stube, es gab drei dreistöckige Betten, neun Spinde, neun Stühle, einen Tisch und einen Aschenbecher. Der Raum roch nach Zigaretten, Alkohol und alten Socken. Sie schreien und schreien und schreien, dachte er, sie können gar nicht anders, man darf es nicht persönlich nehmen, das ist das ganze Geheimnis, dachte er. Dann kam wieder jemand hereingestürmt, sah ihn da sitzen und fragte ihn brüllend, ob er tot sei oder warum er sonst herumsäße wie ein Sack Mehl. Er brauchte nicht zu antworten. Es war eine rhetorische Frage, und der Mann war gleich wieder draußen. Frank stand auf und ging zu seinem Spind. Das war sicher nicht persönlich gemeint, dachte er wieder, aber er wusste, dass das nicht viel zu bedeuten hatte, das sind alles nur Mutmaßungen, dachte er, es ist eine fremde Welt, und über die Motive und Absichten dieser Leute kann man nur spekulieren, dachte er und öffnete den Spind. Alles schön und gut, dachte er dann und starrte in den Spind hinein, alles schön und gut. Das Problem ist nur, dass man so eine furchtbare Angst vor ihnen hat!

»Wenn es heißt ›3. Zug raustreten‹, dann treten Sie aus den Stuben heraus und stellen sich auf dem Flur auf. Die Fußspitzen berühren genau die zweite Fuge der Steinplatten. Das habe ich Ihnen gestern gesagt, das sage ich Ihnen heute und das sage ich Ihnen morgen. Übermorgen ist Freitag. Wenn Sie das bis dahin nicht begriffen haben, üben wir das am Wochenende auch noch. Und raustreten heißt nicht schlendern, raustreten heißt rennen, Männer. Ist das klar?«

Fahnenjunker Tietz stand direkt vor Frank, als er das brüllte, und dann schaute er triumphierend nach links und nach rechts den Flur hinunter.

»Fahnenjunker Heitmann und GUA Pilz werden jetzt Ihre Stuben inspizieren«, fuhr er brüllend fort. »Wenn Ihr Name gerufen wird, ist das schlecht für Sie. Dann rennen Sie in die Stube und tun, was man Ihnen sagt.«

Die beiden genannten Männer stürmten in eine Stube, erste Namen wurden gerufen.

Frank fürchtete das Schlimmste, und nur um irgendwas zu tun, schaute er hinunter, ob seine Fußspitzen auch wirklich an der zweiten Fuge der Steinplatten waren. Dann schaute er wieder hoch, und sein Blick traf den des Fahnenjunkers.

»Ist was? Haben Sie noch Fragen?«

»Nein.«

»Nein, Herr Fahnenjunker, heißt das.«

»Nein, Herr Fahnenjunker.«

»Also gleich noch mal: Wie heißt das?«

Das ist ihnen wichtig, dachte Frank, dass man genau so redet, wie sie es wollen. Er fand das eigenartig. Noch eigenartiger aber fand er die unglaubliche Unfreundlichkeit, mit der ihm und seinen Leidensgenossen hier begegnet wurde.

»Wie heißt das?«, brüllte Fahnenjunker Tietz mit überschnappender Stimme.

Das ist seltsam, dachte Frank, eigentlich müssten sie doch froh sein, dass man nicht verweigert hat.

»Was jetzt?«, fragte er zerstreut.

»Was jetzt, Herr Fahnenjunker! Sie sagen immer am Ende Herr Fahnenjunker, wenn Sie mit mir sprechen, haben Sie das verstanden?«

Ich meine, wer ist noch so blöd und geht zum Bund, dachte Frank, da müssten sie doch eigentlich über jeden froh sein, der kommt, und ihn nett behandeln, wie ein rohes Ei eigentlich, dachte er.

»Haben Sie das verstanden?!«

»Ja.«

»Wie?«

»Ja, Herr Fahnenjunker.«

»Jawohl, Herr Fahnenjunker, jawohl, Herr Fahnenjunker heißt das. Ja ist was für Zivilisten, Sie sagen jawohl, wenn Sie einen Befehl empfangen oder eine Frage bejahen.«

»Jawohl, Herr Fahnenjunker.«

»Wie heißen Sie noch mal?«

»Lehmann.«

»Lehmann, Herr Fahnenjunker. Genauer gesagt: Pionier Lehmann, Herr Fahnenjunker. Sie sind jetzt Pionier, das ist Ihr Dienstgrad, das ist Ihr neuer Vorname, das ist alles, was Sie hier haben. Also noch mal: Wie heißen Sie?«

»Lehmann, Herr Fahnenjunker.«

»Pionier Lehmann. Also noch mal: Wie heißen Sie?«

»Pionier Lehmann.«

»Na? Na?«

»Herr Fahnenjunker.«

»Na also.«

»Pionier Lehmann!«, rief es aus Franks Stube.

»Schon weg sein, schon wieder hier sein«, brüllte Fahnenjunker Tietz. Frank lief in die Stube. Dort waren auch schon Schmidt und Hoppe, Hoppe stand vor seinem Spind, hob Hemden vom Boden auf und faltete sie neu zusammen, und Schmidt hing oben an dem dreistöckigen Bett und zupfte an seiner Bettdecke herum. Im Raum stand Fahnenjunker Heitmann, hatte die Hände in die Hüften gestemmt und wartete auf ihn.

»Was gibt’s denn?«, fragte Frank.

»Was gibt’s denn?«, kreischte Heitmann. »Was gibt’s denn? Ich höre wohl schlecht.«

Er machte eine kurze Pause, wie um Frank die Möglichkeit zu geben, etwas zu sagen. Frank sagte nichts.

»Ist das Ihr Bett, oder ist das nicht Ihr Bett? Ist das Ihr Name da auf dem Schild, oder ist das nicht Ihr Name?«

»Ja.«

»Jawohl, Herr Fahnenjunker.«

»Jawohl, Herr Fahnenjunker.«

»Na also. Da sind Falten drin, machen Sie das glatt, aber ganz schnell, gleich ist Antreten.«

Frank trat ans Bett und beugte sich runter. Da waren keine Falten zu sehen. Er zupfte trotzdem ein wenig an der Wolldecke herum, wodurch überhaupt erst Falten entstanden. Er versuchte, sie wieder wegzumachen, aber das war schwierig, denn er musste sich, um nicht vornüberzufallen, am Bettpfosten festhalten, außerdem wackelte der ganze Bettenturm, weil Schmidt ganz oben mit ähnlichen Problemen kämpfte.

»Hat er ›was gibt’s denn‹ gesagt?«, hörte er hinter sich Fahnenjunker Tietz fragen.

»Hat er gesagt«, sagte Fahnenjunker Heitmann.

»Mann, Lehmann, mit Ihnen werden wir noch Freude haben«, sagte Fahnenjunker Tietz.

Dass die beiden hinter ihm standen, während er da unten herumfummelte, machte Frank aggressiv. Außerdem wurde es mit den Falten durch sein Gezupfe und Gezerre immer schlimmer. Besser wäre es gewesen, er hätte sich hingekniet, dann hätte er beide Hände frei gehabt, aber das wollte er auf keinen Fall, nicht mit den beiden Fahnenjunkern im Rücken.

»Das kann man ja nicht mit ansehen«, höhnte Tietz. »Nun machen Sie mal hin, gleich ist Antreten.«

Frank verlor den Halt, ließ den Pfosten los und fiel aufs Bett. Vor lauter Ärger und Nervosität musste er lachen.

»Was lacht der?«

»Ich glaub, mein Schwein pfeift. Lehmann, wenn Sie so weitermachen, üben wir das am Wochenende.«

»Sie sollen mit dem Lachen aufhören!«

Frank lachte immer weiter. Es ist kein fröhliches Lachen, es ist eher hysterisch, dachte er, und es ist nicht das Klügste, was man tun kann, aber es füttert sich selbst, dachte er, erst lacht man, weil alles so absurd ist, und dann muss man weiterlachen, weil die Lacherei auch absurd ist, so geht das nicht, dachte er, das ist nicht klug, so was nehmen die persönlich. Er versuchte hochzukommen. Hinter ihm plumpste Schmidt auf den Boden. Aus der Ferne waren Rufe zu hören.

»Aufhören, das ist der Befehl zum Antreten«, brüllte Fahnenjunker Tietz.

Frank lachte und lachte. Mühsam kam er hoch. Erst als er aufrecht vor Fahnenjunker Tietz und Fahnenjunker Heitmann stand und in ihre Gesichter blickte, konnte er mit dem Lachen aufhören. Das ist auch höchste Zeit, dachte er. Schmidt stand mit dabei und starrte ihn entgeistert an.

»Raus, raus!«, schrie Fahnenjunker Heitmann. »Alle beide!« Vom Flur her war zu hören, wie die anderen Rekruten losrannten, nach unten, zum Antreten vor dem Kompaniegebäude.

»Wir sprechen uns noch«, schrie Fahnenjunker Tietz. »Da kommt noch was nach, Lehmann. Und hören Sie auf zu grinsen, Schmidt. Raus, sofort raus.«

Frank glaubte, aus der Stimme von Fahnenjunker Tietz so etwas wie Panik herauszuhören, und das gefiel ihm.

»Raus, aber schnell!«, schrie Fahnenjunker Tietz.

Er scheißt sich ein, dachte Frank. Das ist wichtig, darüber muss man mal nachdenken, dachte er, aber er wusste, dass dafür jetzt keine Zeit war. Er musste raus, aber schnell!

Frank gehörte zum 3. Zug der 4. Kompanie des Pionierbataillons 8. Der 3. Zug war ganz oben im zweiten Stock des Kompaniegebäudes untergebracht. Das ist das Problem, dachte er, während er neben Pionier Schmidt die Treppen hinuntersprang, das bringt es mit sich, dass die Soldaten des 3. Zuges immer die Letzten sind, die unten beim Antreten ankommen, da können wir rennen wie die Teufel, dachte er, während er glaubte, den Atem von Fahnenjunker Tietz und Fahnenjunker Heitmann im Nacken zu spüren, denn die beiden rannten direkt hinter ihm und brüllten unaufhörlich »Schneller, schneller, schneller« und »Ich mach euch Beine« usw., die Hetzerei nützt nichts, dachte Frank, es ist sowieso immer einer vom 3. Zug, der als Letzter unten ankommt, dachte er, die Rekruten der anderen Züge werden ja genauso angetrieben, und sie haben einen Vorsprung, wer vom 3. Zug der Letzte ist, und das sind wir beide, der ist immer auch der Letzte der ganzen Kompanie, dachte er, und dann fällt man schon morgens extrem unangenehm auf, sie rufen einen ja immer mit Namen, dachte er, deshalb steht da auch immer Feldwebel Meyer, wurde ihm plötzlich, während er neben Schmidt immer weiter die Treppen herunterstürmte, klar, Feldwebel Meyer kennt unsere Namen, er gehört ja zum 3. Zug, dachte er, deshalb steht der immer da unten, dachte Frank, weil die wissen, dass immer einer vom 3. Zug der Letzte ist, und er dann die Namen weiß, aber dann konzentrierte er sich lieber auf das Treppenspringen, sie waren weit hinten, Schmidt und er, und Schmidt drohte ihm jetzt davonzuziehen, deshalb nahm Frank immer vier Stufen auf einmal statt nur drei, das brachte ihn wieder nach vorne, hinter ihm schrien die Fahnenjunker irgendwas vom Wochenende, aber darauf konnte er jetzt nicht mehr achten, dafür ist jetzt keine Zeit, dachte er, es ist auch nicht wichtig, was genau sie rufen, dachte er, die Geste zählt, ein alberner Gedanke, dachte er, das kommt von der Lacherei, das ist zwar eigentlich gesund, mal richtig lachen, aber wohl nicht hier, dachte Frank. Dann war er endgültig an Schmidt vorbei und schämte sich gleich ein bisschen, dass er versuchte, Schmidt in den Regen zu stellen, einer muss der Letzte sein, dachte er, da sollte man nicht gegeneinander antreten, und Schmidt ist okay, dachte er, deshalb tat er, als würde er straucheln, um auf diese Weise ein bisschen das Tempo rauszunehmen, worauf Schmidt an ihm vorbeistürmte und sich in das panische Gewühl warf, das aufgrund einer Stauung am Ausgang des Kompaniegebäudes entstanden war, die Rekruten schubsten sich dort unter Einsatz der Ellenbogen gegenseitig weg, jeder wollte so schnell wie möglich durch die Tür, keiner wollte der Letzte sein. Von hinten kamen mit Frank zusammen die brüllenden Fahnenjunker dazu und riefen Dinge wie »Ihr sollt da nicht schwul rummachen, ihr sollt antreten«, was die Panik nur noch verstärkte. Frank stellte sich dazu und versuchte, so gut es ging, locker zu bleiben, einer muss der Letzte sein, dachte er, das liegt in der Natur der Sache, aber dann drängelte er sich mit aller Macht durch und war doch nicht der Letzte, der draußen, auf dem engen Weg am Kompaniegebäude an Feldwebel Meyer vorbeilaufen musste, der Letzte, das hörte er am Gebrüll des Feldwebels hinter sich, war Pionier Klotz aus Franks Stube, dem das schon öfter passiert war. Frank lief weiter bis zum Antreteplatz und versuchte sich gemeinsam mit den anderen Rekruten unter dem allgemeinen Gebrüll der Ausbilder so aufzustellen, wie man es ihnen schon am Tag zuvor versucht hatte beizubringen und wie sie es auch heute noch nicht konnten und wie sie es auch an den darauffolgenden Tagen noch lange nicht beherrschen sollten.

»Heute ist Mittwoch, morgen ist Donnerstag und übermorgen ist Freitag, Männer, da solltet ihr eigentlich ins Wochenende gehen können. Aber wenn ich mir euch Hühnerhaufen so angucke, und wenn ich mir das Gepiepse von euch anhöre, dann denke ich mal, dass ihr alle schön hierbleibt und noch ein bisschen Nachhilfe nehmt.«

Der Spieß war ein kräftiger Mann mit einem imposanten Brustkorb, den er ordentlich herausdrückte, während er grimmig lächelnd vor der Kompanie stand und sie anbrüllte.

»Also noch einmal: Guten Morgen, Kompanie!«

»Guten Morgen, Herr Hauptfeld«, brüllten die Rekruten.

»Das war noch nichts. Noch mal: Guten Morgen, Kompanie!«

»Guten Morgen, Herr Hauptfeld«, brüllten die Rekruten.

»Mein Gott! Höre ich schlecht, oder was? Lebt ihr noch, Leute? Guten Morgen, Kompanie!«

»Guten Morgen, Herr Hauptfeld!«

»Hm … Gleich nachdem ich ein paar Dinge mit Ihnen besprochen habe, werde ich Sie dem Kompaniechef melden. Wenn das dann wieder so ein schlappes Gemurmel gibt, dann gute Nacht, Leute, dann auf Wiedersehen, Wochenende, dann wird das geübt bis Montag morgen. So, und nun einige Dinge.« Der Spieß schaute auf einen kleinen Zettel in seiner Hand. »Wer von Ihnen hat keinen Freischwimmerausweis mitgebracht?«

Einige Soldaten meldeten sich, darunter Frank und seine Stubenkameraden Leppert, Hoppe, Schmidt, Hartmann und Neubarth. Frank fand es beruhigend, dass er überwiegend mit Leuten zusammenwohnte, die auch keinen Freischwimmerausweis hatten. Was sind das für Leute, dachte er, die ihren Freischwimmerausweis zehn, zwölf Jahre aufheben, vielleicht sogar länger?

»Was sind Sie für Leute«, nahm der Spieß diesen Gedanken auf, »dass Sie so was nicht aufheben? Jetzt müssen Sie den Freischwimmer noch einmal machen. Achten Sie auf das Schwarze Brett, da werden Sie bei Gelegenheit Ihre Namen finden, und dann geht Oberleutnant Schwarzkopf mit Ihnen ins Freibad, um das nachzuholen. Verdammte Schweinerei ist das.«

»Was ist, wenn man nicht schwimmen kann?«

Das schien den Spieß auf dem falschen Fuß zu erwischen. Er schwieg eine Weile und musterte dabei die Kompanie. Schließlich fragte er: »Wer war das?«

Ein Soldat meldete sich.

»Ich.«

»Wie? Wer?«, brüllte der Spieß. »Wie heißt das?«

»Pionier Seidel, Herr Hauptfeld.«

»Soso. Und wie heißt das, wenn Sie fragen wollen, was ist, wenn man nicht schwimmen kann?«

Der Rekrut schwieg.

»Also, noch mal: Wie sollen Sie sagen, wenn Sie fragen, was ist, wenn man nicht schwimmen kann?«

»Was ist, wenn man nicht schwimmen kann, Herr Hauptfeld?«

Der Spieß nickte zufrieden.

»Das sollten Sie sich mal lieber merken, Herr Pionier. Es kostet mich ein müdes Arschrunzeln, Ihnen das am Wochenende beizubringen.«

Er schwieg eine Weile.

»Und Sie können nicht schwimmen?«, fragte er dann ungläubig.

»Nein.«

»Wie heißt das?«

»Nein, Herr Hauptfeld.«

»Warum haben Sie das denn bei der Musterung nicht gesagt?«

»Es hat ja keiner gefragt, Herr Hauptfeld.«

»Hm …«, sagte der Spieß. »Wird mir schon was einfallen. Vorläufig gehen Sie am besten erst mal nicht ins Wasser.«

Die Ausbilder lachten.

»Werden Sie halt kein Brückenpionier, Seidel. Zum Minenschleppen wird’s reichen.«

Jetzt lachten die Ausbilder noch mehr.

»Und Vorsicht beim Duschen«, fügte der Spieß hinzu und lachte selber mit. Auch einzelne Rekruten lachten.

»Sie haben hier gar nichts zu lachen«, brüllte der Spieß. »Ihre Ausbilder dürfen lachen. Ich darf lachen. Der Kompaniechef darf lachen, und der Bataillonskommandeur darf auch lachen. Und wenn wir Sie gegen alle Wahrscheinlichkeit am Wochenende rauslassen, dann dürfen Sie bei sich zu Hause, in Zivil, auch mal lachen. Hier lachen Sie erst, wenn Sie was zu lachen haben. Und das wird dauern, Männer. So wie ich das sehe, wird das sogar verdammt lange dauern!«

Der Spieß machte eine Kunstpause, dann seufzte er und schaute wieder auf den kleinen Zettel in seiner Hand.

»So. Nach dem Frühstück geht der 3. Zug zur Einstellungsuntersuchung. Der hat noch nicht. Die anderen werden irgendwas anderes machen. Vor allem werden wir dafür sorgen, dass Sie mal ins Grünzeug kommen, ich kann dieses Sportzeug nicht mehr sehen. Und jetzt melde ich Sie dem Kompaniechef, macht mir da bloß keine Schande, Männer. Kompanie … stillgestanden!«

Schlurfend und unbeholfen zogen die Rekruten den linken Fuß an den rechten heran, legten die Fäuste an die Hosennaht und drückten das Kreuz durch.

»Männer, mir wird übel, mir wird speiübel. Das wird das schlimmste Quartal, das ich jemals hatte, und ich bin schon lange bei der Ausbildungskompanie, schon länger, als mir guttut. Und jetzt: Achtung! Die Augen – links!«

»Hierherschauen, Männer, hierherschauen, nicht nach links, hierherschauen, zu mir schauen, hierher, Himmeldonnerwetter noch mal.«

Der Kompaniechef kam hinter einer Hecke hervor wie ein Theaterschauspieler, der auf das Stichwort für seinen Auftritt gewartet hatte.

»Hierhersehen, Männer. ›Die Augen links!‹ heißt nicht, dass ihr nach links gucken sollt, ›Die Augen links!‹ heißt, dass ihr zu mir gucken sollt, immer dahinschauen, wo ich gerade bin, so, genau, die Köpfe wandern mit, Herrgott, ist das denn so schwierig?«

Der Spieß grüßte den Kompaniechef und meldete, dass die Kompanie angetreten sei. Der Kompaniechef grüßte zurück, dankte und wandte sich dann den Rekruten zu.

»Augen geradeaus! Guten Morgen, Kompanie!«

»Guten Morgen, Herr Hauptmann!«

»Wie? Habe ich was gehört? Ich sag’s noch einmal: Guten Morgen, Kompanie!«

»Guten Morgen, Herr Hauptmann!«

»Na gut, rührt euch.« Der Hauptmann, ein drahtiger, sportlicher Mann mit kahlem Schädel, schaute lächelnd auf die Kompanie.

»Männer, ihr habt’s gut. Es ist ein herrlicher Morgen, und das wird ein herrlicher Tag. Der Wetterbericht sagt, dass es heute heiß und trocken wird, ein Wetter, bei dem man gerne draußen ist, an der frischen Luft, um Dinge zu lernen, die der moderne Soldat braucht, um im Krieg zu überleben. Ich freue mich darauf, und eure Ausbilder freuen sich auch. Und ich weiß, ich bin ganz sicher, ihr freut euch auch. Und das macht mich stolz. Ihr seid ja auch ein herrlicher Anblick.«

Die Ausbilder lachten ein bisschen, und auch der Kompaniechef ließ ein trockenes »Haha« hören. Von den Rekruten lachte keiner. Der Spieß hatte es verboten …

»Auf den Befehl ›Marsch!‹ treten alle gleichzeitig mit dem linken Fuß vor, gleichzeitig, Männer, gleichzeitig, wie ein Mann, wenn das alle gleichzeitig machen, dann kann nichts passieren, dann kriegt keiner einen Tritt in die Hacken, und wenn einer einen Tritt in die Hacken kriegt, dann liegt das daran, dass er gepennt hat, und wenn einer gepennt hat, dann hat er einen Tritt in die Hacken verdient. Alles klar? Na dann … 3. Zug: Marsch!«

Alle, auch Frank, traten irgendwie, irgendwann und vor allem sehr zögerlich mit dem linken Fuß vor, und was darauf folgte, war ein heilloses Gestolper, einige fluchten, weil sie von eifrigen Kameraden einen Tritt in den Hacken bekommen hatten, andere stolperten, weil sie jemanden getreten hatten, manche schafften auch beides, treten und getreten werden, und manche trippelten mit so kleinen Schritten umher, dass ihnen nichts passierte, und Frank versuchte, während er den Schmerz bekämpfte, der daher rührte, dass er nicht bereit gewesen war, Hoppe, der vor ihm nicht losgegangen war, zu treten, was ihm seinerseits von hinten einen Tritt eingebracht hatte, das Problem theoretisch zu erfassen, und er musste zugeben, dass die Sache von der Idee her in Ordnung ging, bloß praktisch nicht ganz einfach war: Es ist so, dachte er, wie wenn man von Autofahrern vor einer roten Ampel verlangen würde, dass sie bei Grün alle gleichzeitig losfahren, aber tatsächlich, dachte er, geht es immer erst vorne los, während hinten noch alles steht, und genauso war es hier auch, während es vorne langsam losging, stauchte sich der Zug hinten zusammen und zog sich erst stolpernd wieder auseinander, als Feldwebel Meyer schon brüllte, dass sie wieder anhalten sollten, denn er wollte es noch einmal üben.

Sie übten es dreimal und es wurde nicht besser, und schließlich ließ man sie einfach weitermarschieren, denn sie waren auf dem Weg zum San-Bereich, um ihre Einstellungsuntersuchung zu bekommen. Bis zum San-Bereich waren es nur ungefähr zweihundert Meter über das Kasernengelände, aber natürlich, dachte Frank, muss marschiert werden, er hatte sich schon fast daran gewöhnt, dass überhaupt immer marschiert wurde, sogar zum Frühstück mussten sie marschieren, während alle anderen Soldaten selbstständig in der Kantine eintrudelten. »Das sind die anderen, das sind schon richtige Soldaten«, hatte Tietz gesagt, als Hartmann ihn darauf angesprochen hatte, Hartmann war der Stubenälteste, er war noch älter als Frank, und es sah so aus, als ob die Fahnenjunker wenigstens vor ihm ein bisschen Respekt hatten, er wurde jedenfalls weniger als die anderen angebrüllt, Hartmann ist schon dreiundzwanzig, dachte Frank jetzt, als er zwischen den anderen marschierte, wahrscheinlich ist er drei Jahre älter als die Fahnenjunker, das gibt sogar denen zu denken, dachte er, und dann stolperte Hoppe, und Frank trat ihm doch noch in die Hacken.

»Achtzig Zentimeter Abstand zum Vordermann! Neunundsiebzig ist schwul, einundachtzig ist Fahnenflucht«, brüllte Fahnenjunker Tietz währenddessen fröhlich, und der Zugführer, Leutnant Beierlein, rief immer mal wieder »links« oder »links, zwo«, ohne sich dabei weiter zu echauffieren. Dann waren sie auch schon vor dem San-Bereich, und beim Anhaltebefehl gab es die gleiche Stolperei wie beim Losmarschieren, und Feldwebel Meyer brüllte, dass er sie alle zu Klump hauen werde, Feldwebel Meyer war überhaupt ziemlich cholerisch, so viel hatte Frank schon gemerkt, obwohl er sich auch jetzt wieder fragte, ob das mit dem Zuklumphauen nicht auch in dieser so ganz anderen Welt etwas zu weit ging. Die rechtliche Lage lässt das natürlich nicht zu, dachte er, er hatte am Abend zuvor, bei dem theoretischen Einführungsvortrag in die Rechte und Pflichten des Soldaten, genau aufgepasst, außerdem war ja klar, dass man heutzutage nicht mehr geprügelt wurde in der Armee, das machen die schon lange nicht mehr, dachte er nun wieder, wie um sich selbst in diesem Gedanken zu bestärken, aber dieses theoretische Wissen machte das Gefühl der Bedrohung, das von Feldwebel Meyer ausging, nicht geringer. Man wird abwarten müssen, dachte er, erst mal sehen, wie das hier so läuft.

Inzwischen hatte sich Leutnant Beierlein zu einer kleinen Ansprache aufgestellt.

»Sie gehen jetzt da rein«, sagte er. Leutnant Beierlein sprach seltsam ruhig und freundlich, er war stimmlich eine angenehme Abwechslung zu den Fahnenjunkern und zu Feldwebel Meyer, und Frank hatte oft das Problem, ihn schlecht zu verstehen. »Sie werden auf dem Gang warten, bis Sie aufgerufen werden, und dann gehen Sie rein. Wie beim Arzt. Da drin ist dann nämlich ein Arzt. Der heißt Stabsarzt, das heißt, Sie werden ihn Herr Stabsarzt nennen, wenn Sie ihn ansprechen. Und ich will keine Beschwerden hören, es wird auf dem Flur, auf dem Sie warten werden, keinen Krach geben, keine lauten Unterhaltungen und auch sonst nichts, was Ihnen nicht ausdrücklich erlaubt wurde. Wenn Sie fertig sind, gehen Sie einzeln und selbstständig in die Kompanie. Da warten wir dann schon auf Sie. Je früher Sie dran sind, desto früher sind Sie wieder bei uns und desto mehr lernen Sie.« Leutnant Beierlein lächelte gequält. Dann straffte sich seine Körperhaltung, und er brüllte, soweit er zu brüllen vermochte: »3. Zug: Selbstständig zum San-Bereich wegtreten!«

Sie gingen zögerlich und unsicher in den San-Bereich hinein, und dort dirigierte sie ein Sanitätsfeldwebel in einen Flur, in dem sie warten sollten.

»Hier wird gestanden«, sagte er noch, bevor er ging, »an der Wand, bis Sie aufgerufen werden. Keiner setzt sich auf den Boden, keiner lümmelt rum.«

Und so war es. Sie lehnten an den Wänden des Flurs und sagten nichts. Nach und nach wurden ihre Namen in alphabetischer Reihenfolge aufgerufen. Die Zeit wurde lang. Leppert lehnte neben Frank, drehte eine Zigarette, schaute sie von allen Seiten an und steckte sie sich dann in den Mund.

»Ich geh mal eine rauchen«, sagte er schließlich in seinem breiten russischen Akzent und ging den Flur entlang Richtung Ausgang. Er war erst vor drei Jahren aus Russland übergesiedelt, aus Sibirien, das hatte er am Abend zuvor erzählt. Frank schaute ihm hinterher und glaubte es kaum. Nach einiger Zeit hörten sie in der Ferne ein Gebrüll, dann kam Leppert zurück und stellte sich wieder neben Frank an die Wand.

»Was war los?«, fragte Frank.

»Finden die nicht gut«, sagte Leppert. Frank fing an, ihn ein bisschen zu bewundern.

Irgendwann wurde ein Pionier Lange aufgerufen, und Frank machte sich innerlich bereit, gleich dranzukommen, aber stattdessen riefen sie Leppert hinein, und dann ging es mit dem Buchstaben M weiter. Das machte Frank stutzig. Erst gehen sie ganz offensichtlich nach dem Alphabet vor, dachte er, und dann lassen sie einen aus, das ist nicht gut, dachte er, obwohl, wer weiß, dachte er, man kann nicht wissen, ob das gut oder schlecht ist, es fehlt einem hier ja völlig der Durchblick und damit jedes Urteilsvermögen, dachte er, man weiß zu wenig, man muss abwarten, obwohl, dachte er, man könnte sich auch melden und auf alphabetischer Reihenfolge bestehen, aber mit welchem Recht sollte man das tun, es ist nichts, wo man sich wirklich einmischen sollte, dachte er, nun gut, einerseits ist es langweilig, hier zu warten, man muss stehen, und ich bin müde, dachte er, eigentlich wäre es schon besser, wenn man mit diesem Quatsch bald mal durch wäre, dachte er, andererseits weiß man nicht, was danach kommt, besser wird es schon nicht werden, dachte er, sie halten hier schlimmere Dinge bereit als Langeweile, man muss nachdenken, das ist das Einzige, was hilft.

Und er dachte nach und nach, und als er das Problem vollständig durchdacht hatte, waren sie mit den Namen erst beim Buchstaben P angekommen, und das Ergebnis seines Nachdenkens war auch nur, dass man wohl abwarten müsse, aber als sie beim Buchstaben R waren, war Frank schon völlig fertig mit den Nerven, zermürbt vom Herumstehen und nervös, weil man ihn nicht aufrief, und er hasste sich dafür, dass er nichts unternahm, und versuchte sich zugleich einzureden, dass das nicht aus Feigheit so war, sondern weil es vernünftiger sei, nichts zu tun, wenn man nicht durchblickt, und dieser Gedanke musste ihn noch eine halbe Stunde beschäftigen, bis auch der letzte Rekrut außer ihm verschwunden war und er allein auf dem Flur an der Wand stand. Jetzt ist einem eigentlich die Entscheidung abgenommen, dachte er, jetzt müssen sie mich entweder aufrufen oder ich muss hineingehen, und dann geschah eine Weile lang nichts, niemand war zu sehen, die Tür zum Arzt blieb zu, und Frank erwog ernsthaft, nun aber wirklich ernsthaft, wie er sich einschärfte, an diese Tür zu klopfen, das oder einfach wieder gehen, dachte er, hier stehen zu bleiben kann jedenfalls nicht die Lösung sein, anklopfen oder wieder gehen, dachte er, beides kann fatal sein. Warten Sie, bis sie aufgerufen werden, hat der Leutnant gesagt, dachte er, so gesehen könnte ich eigentlich ewig hier stehen bleiben, Befehl ist Befehl. Sie geben uns Befehle, dachte er, aber im Prinzip sind sie unscharf, sie funktionieren nur, wenn alles so läuft wie erwartet, dass etwas schiefgeht, haben sie nicht auf der Rechnung, und dann ist guter Rat teuer, dachte er, und man will sich ja auch nicht gleich am Anfang als Vollidiot profilieren und hier stehen bleiben bis zum Jüngsten Gericht, dachte er, das kann nicht gut sein, das bringt nichts, und so fasste er sich endlich ein Herz und ging zu der Tür, hinter der alle seine Kameraden verschwunden waren, und hob die Hand, um dagegenzuklopfen. In dem Moment ging die Tür auf und ein Soldat schaute ihn an.

»Was machst du denn hier?«, fragte er.

»Ich glaube, ich brauche eine Einstellungsuntersuchung.«

Der andere grinste. Er drehte den Kopf zum Inneren des Zimmers hin. »Hier ist einer, der glaubt, dass er eine Einstellungsuntersuchung braucht.«

Innen wurde gelacht. »Soso, glaubt er«, hörte Frank jemanden sagen. »Na dann, glaube ich, kann er mal reinkommen.«

Drinnen saß ein Mann, der wohl der Arzt war, aber er trug keinen Kittel, sondern eine Art Ausgehuniform ohne Jacke, Frank blickte bei diesen Sachen noch nicht ganz durch, es war ein Mann von vielleicht fünfundzwanzig bis dreißig Jahren, er sah für Frank ziemlich jung aus für einen Arzt, und er saß hinter einem Schreibtisch, als Frank hereinkam.

»Wie heißen Sie denn?«, fragte er.

»Lehmann.«

»Sie wissen, dass Sie eigentlich Pionier Lehmann sagen sollten, nicht wahr? Bei mir ist das nicht so wichtig, aber Sie sollten das wissen.«

Frank sagte nichts.

Der Arzt schaute in einer Liste nach. »Lehmann habe ich nicht. Gehören Sie zur 4. Kompanie?«

»Ja«, sagte Frank.

»Eigentlich: Jawohl, Herr Stabsarzt. Aber mir ist das ja egal. 3. Zug?«

»Ja.«

»Seltsam. Gucken Sie mal, ob seine G-Karte irgendwo ist«, sagte der Arzt zu seinem Gehilfen. Der ging aufreizend langsam und lässig zu einem Karteischrank und fummelte darin herum.

»Gibt’s nicht«, sagte er nach einer Weile.

»Gibt’s nicht, na so was«, sagte der Arzt und lächelte Frank an. »Sie gibt’s gar nicht, wussten Sie das?«

Frank sagte nichts.

»Sie gibt’s gar nicht«, wiederholte der Arzt. »Ohne G-Karte kann ich Sie nicht untersuchen.«

»Was heißt das?«, fragte Frank.

»Was heißt das? Eigentlich heißt das: Was heißt das, Herr Stabsarzt. Mir ist das ja egal, aber Sie werden hier Leuten begegnen, denen das wichtig ist. Ansonsten: keine Ahnung. Keine G-Karte, keine Einstellungsuntersuchung«, sagte der Arzt. »Kann ich nicht machen. Sie gibt’s gar nicht.« Er lachte, und sein Assistent lachte mit.

»Und jetzt?«, fragte Frank. Der Mann ging ihm auf die Nerven.

»Jetzt gehen Sie in Ihre Kompanie zurück und sagen denen, dass Ihre G-Karte nicht da ist. Dann müssen die entscheiden, was zu tun ist, da müssen die sich drum kümmern, was weiß ich denn«, sagte der Arzt, »ohne G-Karte geht hier jedenfalls gar nichts.«

»Na gut«, sagte Frank, »dann geh ich mal.«

»Ja, gehen Sie mal. Und Sie brauchen sich auch nicht abzumelden. Abmelden sowieso nicht im Sportzeug. Und nicht bei mir. Mir ist das ja egal. Aber Sie sollten an Ihrer Sprache arbeiten, guter Mann. Es gibt hier Leute, die mögen das nicht, wenn man so redet wie Sie.«

»Schon klar«, sagte Frank.

Der Arzt seufzte. »Schon klar, Herr Stabsarzt, es heißt: Schon klar, Herr Stabsarzt. Wie gesagt, mir ist das egal, aber …« Er machte eine kurze Pause und seufzte. »Nun gehen Sie, gehen Sie lieber schnell weg, das deprimiert mich alles irgendwie.«

»Auf Wiedersehen«, sagte Frank und ging zur Tür.

»Hat er Auf Wiedersehen gesagt?«, hörte er den Stabsarzt sagen, als er die Tür öffnete.

»Er hat Auf Wiedersehen gesagt«, hörte er den Assistenten sagen, als er die Tür schloss. Er hörte sie durch die geschlossene Tür noch lachen. Lustige Vögel, dachte Frank grimmig, als er den Flur des San-Bereichs entlang zum Ausgang ging, große Witzbolde, sind hier zu Hause, fühlen sich wohl, dachte er. Der Tag hat kaum angefangen, dachte er, und schon ist alles schiefgelaufen.

Dann war er im Freien, und plötzlich änderte sich seine Laune. Es war heiß draußen, die Sonne brannte herunter, es war wirklich ein herrlicher Tag, gerade so, wie der Kompaniechef gesagt hatte, und Frank glaubte ein paar Vögel zwitschern zu hören. Um den San-Bereich herum standen schöne, leuchtend grüne Bäume und raschelten im sanften Sommerwind, und nur in der Ferne, wo es einem egal sein konnte, standen einige Soldaten herum und machten irgendetwas Komisches, es war alles in allem ein friedliches Bild, das sich ihm bot, und plötzlich sah er seine Situation in einem anderen Licht. Mich gibt’s gar nicht, dachte er und öffnete seine Trainingsjacke, weil es so warm war. Er ging die Treppenstufen des Eingangs hinunter und schlenderte, um in Ruhe nachdenken zu können, langsam zum Gebäude der 4. Kompanie. Es ist alles ein Irrtum, dachte er, ohne Einstellungsuntersuchung können die mich gar nicht hierbehalten, eine G-Karte haben sie auch nicht, ich bin Tauglichkeitsstufe 3, dachte er, wahrscheinlich wollen sie mich gar nicht haben, sie haben mich verwechselt, dachte er, mich brauchen sie nicht, war ja klar, dachte er, die meinen einen ganz anderen Lehmann. In der Ferne brüllte jemand herum, es war irgendein Soldat, der dort auf dem Asphalt vor der 4. Kompanie allein und völlig sinnlos, wie Frank fand, herumstand und dabei brüllte wie am Spieß. Vollidiot, dachte Frank, das sind doch alles Idioten hier, das ist alles ein Irrtum, Lehmanns gibt’s ja wie Sand am Meer, dachte er, die haben sich geirrt, das wird sich alles aufklären, und dann schnell nach Hause, die spinnen hier ja alle, dachte er, was brüllt der denn da so bescheuert rum, da steht doch überhaupt keiner, der ihm zuhören kann, und dann war er etwas näher dran und sah, dass der Mann in seine Richtung brüllte. Was ist denn bloß mit dem los?, dachte er und blickte sich um, um nachzuschauen, wen der Mann meinen könnte, er schrie irgendwas von wahnsinnig sein und so weiter, Frank war jetzt nahe genug dran, um einige Worte zu verstehen, die sind bescheuert, dachte er, wahnsinnig ist ein noch zu schwaches Wort für das, was hier abgeht, der Mann ist verrückt geworden. Und dann sah er, dass der, der so brüllte, Feldwebel Meyer war, und dann begriff er auch, dass das Gebrüll ihm galt, es ging darum, ob er wahnsinnig sei, es ging um unvorschriftsmäßiges Tragen des Sportanzugs und um die Hände, die Frank schlendernderweise in die Hosentaschen gesteckt hatte, und ob er wahnsinnig sei, so herumzutrödeln, und darum, wo er eigentlich herkam, und dann stürmte Feldwebel Meyer auch noch auf ihn zu und brüllte dabei immer weiter. Frank zuckte zusammen, es hatte fast den Eindruck, als wollte der Feldwebel ihn wirklich schlagen. Der will mich zu Klump hauen, dachte Frank sinnlos, das darf er nicht, aber dieser Gedanke nützte nicht viel, und Frank rannte los, wie es das Gebrüll des Feldwebels von ihm forderte, er rannte in das Kompaniegebäude hinein und die Treppen hoch, hörte dabei gerade noch hinter sich jemanden verwundert »Wo kommt der denn jetzt her?«, rufen, und dann war er schon oben und traf atemlos auf Fahnenjunker Tietz, der zusammen mit Fahnenjunker Heitmann und GUA Pilz vor Franks Kameraden stand, die in grüner Uniformkleidung auf dem Flur angetreten waren.

»Wo kommen Sie denn jetzt her?«, brüllte Fahnenjunker Tietz. Auch er muss immer brüllen, dachte Frank, auch er ist ein Vollidiot, aber der magische Moment, in dem er gedacht hatte, dass ihn das alles nichts angehe, dass alles ein Irrtum sei, war verflogen.

»Meine G-Karte ist nicht da«, sagte er, in der Hoffnung, damit irgendeine Wirkung zu erzielen, das müsste ihm den Ernst der Lage klarmachen, dachte er, schließlich könnte ich herzkrank sein und gleich tot umfallen, und dann sieht er alt aus. Ohne G-Karte geht nichts, erinnerte er sich an die Worte des Stabsarztes, keine Einstellungsuntersuchung, keine Einstellung, versuchte er sich einzureden, aber das alles hatte auch für ihn selbst keine Überzeugungskraft mehr, hier, im zweiten Stock des Kompaniegebäudes, Auge in Auge mit Fahnenjunker Tietz.

»Soso, die G-Karte ist nicht da«, sagte der Fahnenjunker höhnisch. »Na und? Was geht mich das an? Seh ich aus wie einer von diesen Hämorrhoidenschneidern vom San-Bereich, oder was? Wollen Sie mich damit beeindrucken? Dass Ihre G-Karte nicht da ist? Ich wollte Sie schon wegen Fahnenflucht zur Fahndung ausschreiben, Lehmann!« Er lachte. Fahnenjunker Heitmann und GUA Pilz lachten mit.

»Die konnten keine Einstellungsuntersuchung machen«, versuchte Frank zu retten, was zu retten war. »Ich soll das hier sagen, dass die G-Karte nicht da ist und dass die keine Einstellungsuntersuchung machen können.«

»Herr Fahnenjunker«, sagte Fahnenjunker Tietz nachdenklich. »Am Ende des Satzes Herr Fahnenjunker.«

Frank schwieg. Er kommt ins Grübeln, dachte er, er will Zeit gewinnen.

Aber Fahnenjunker Tietz grübelte nicht lange. Er schaute bloß einmal kurz zu Fahnenjunker Heitmann und GUA Pilz hinüber. »Ist angekommen, Lehmann«, sagte er dann lächelnd, »ist angekommen. Ihre G-Karte ist nicht da. Ich muss gleich weinen.«

»Aber die können keine Einstellungsuntersuchung machen«, beteuerte Frank. »Ich soll das hier sagen.«

Fahnenjunker Tietz lachte. »Ist angekommen, Lehmann. Wir sind ja nicht blöd. Aber machen Sie sich keine Sorgen: Ich stell Sie einfach ein.« Er lachte, und Heitmann und Pilz lachten mit. »Persönlich, Lehmann, persönlich. Ich stell Sie einfach ein. Persönlich. Und wenn Sie nicht in fünf Minuten Ihren Arbeitsanzug angezogen haben, so wie Ihre Kameraden auch, dann zeig ich Ihnen auch persönlich, wie hier der Knast von innen aussieht.«

Tietz lachte wieder, und Fahnenjunker Heitmann und GUA Pilz lachten wieder mit. Frank ging in seine Stube, schloss seinen Spind auf und zog sich das grüne Zeug an. Seine Kameraden starrten derweil weiter auf den Fußboden, wie um zu kontrollieren, ob ihre Fußspitzen auch wirklich an der zweiten Fuge der Steinplatten waren.

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