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Neuanfang in Griechenland?

1. KAPITEL

Dominique Stamatakis war fest entschlossen, ihre Ehe zu retten. Vor über einem Jahr hatte sie ihren Mann Andreas, die Liebe ihres Lebens, Hals über Kopf verlassen. Seitdem war viel passiert, und sie selbst hatte sich sehr verändert – innerlich und äußerlich. Doch würde das reichen, um Andreas zurückzuerobern?

Zunächst einmal musste sie es irgendwie schaffen, dass er sich überhaupt mit ihr traf.

Sie saß an ihrem Schreibtisch in der amerikanischen Botschaft in Sarajevo, wo sie für ihren Vater arbeitete. Gerade als sie das Büro verlassen wollte, um von einer Telefonzelle aus in Andreas’ Firma in Griechenland anzurufen, summte die Gegensprechanlage.

„Was gibt’s, Walter?“, fragte sie.

„Ein Paul Christopoulos möchte Sie sprechen“, meldete der Portier.

Dominiques Herz schlug schneller, und sie spürte, dass sie blass wurde. Paul war Andreas’ Privatsekretär und bester Freund. Es konnte kein Zufall sein, dass er sie gerade jetzt sehen wollte.

Plötzlich wurde ihr schwindelig, und sie ließ sich auf den Schreibtischstuhl fallen. Es gab nur einen Grund, warum Paul extra aus Athen zu ihr nach Sarajevo kommen würde: Er wollte die Bedingungen für die Scheidung aushandeln.

Vor einem Jahr hatte sie selbst Andreas um die Scheidung gebeten, doch er war nicht darauf eingegangen. Stattdessen überwies er ihr Geld – das sie natürlich nicht angerührt hatte.

Auch auf zwei Scheidungsanträge von ihrem Anwalt in New York hatte Andreas nur mit Schweigen reagiert. Offenbar wollte er Dominique einfach nicht freigeben. Und er war vermögend und einflussreich genug, um seinen Willen durchzusetzen.

Schließlich hatte sie akzeptiert, dass sie Andreas vor allem in seinem Stolz verletzt hatte, als sie ihn verließ. Er würde der Scheidung erst zustimmen, wenn sein Ärger verraucht war.

Dieser Zeitpunkt war nun offenbar gekommen. Sie hatte zu lange gewartet. Gab es jetzt noch eine Chance, sich mit ihm zu versöhnen?

„Soll ich ihm einen Termin geben, oder haben Sie Zeit, ihn gleich zu empfangen?“, fragte Walter über die Gegensprechanlage.

Dominique hörte es kaum. Ihre Gedanken rasten.

Andreas musste eine andere Frau kennengelernt haben.

Nach über einem Jahr der Trennung wollte er bestimmt ein neues Leben anfangen. Sie auch – aber sie träumte nicht von einem anderen, sondern von einer gemeinsamen Zukunft mit ihrem Noch-Ehemann.

Nach kurzem Zögern antwortete sie: „Schicken Sie ihn rein. Und stellen Sie bitte keine Anrufe durch, bis ich mich wieder melde.“

Als Paul kurz darauf ihr Büro betrat, stand Dominique auf und ging auf ihn zu, um ihn zu begrüßen. Paul war noch ein paar Zentimeter größer als Andreas, der mit seinen eins neunzig schon die meisten überragte. Die beiden Männer ähnelten sich auch im Körperbau, doch Andreas’ Haar war tiefschwarz, das von Paul rötlich.

Der unerschütterliche, immer loyale Paul – obwohl Andreas ihn für seine Dienste als Privatsekretär gut bezahlte, behandelte er ihn wie einen Bruder und vertraute ihm bedingungslos. Bei bestimmten Gelegenheiten beschäftigte er Paul sogar als Leibwächter.

Dominique registrierte zufrieden, dass Paul überrascht die Augen aufriss, bevor er ihre ausgestreckte Hand ergriff. Sie hatte sich wirklich sehr verändert, seit er sie das letzte Mal gesehen hatte.

Vor einem Jahr hatten sie sich sehr kühl voneinander verabschiedet. Hysterisch vor Schmerz und Enttäuschung, hatte sie damals Athen verlassen, ohne Andreas Gelegenheit zu einer Aussprache zu geben. Paul hatte versucht, sie umzustimmen, als er sie zum Flughafen fuhr, doch sie hatte schon damals nur noch an Scheidung gedacht – nach gerade mal vier Monaten Ehe!

Das alles kam ihr vor, als wäre es eine Ewigkeit her.

Statt sich wieder an ihren Schreibtisch zu setzen, lehnte sich Dominique an die Kante und verschränkte die Arme vor der Brust. „Schön, Sie wiederzusehen, Paul“, sagte sie. „Setzen Sie sich. Möchten Sie etwas trinken?“

Er blieb stehen. „Nein danke, Mrs. Stamatakis.“

Mrs. Stamatakis. So förmlich. So korrekt.

„So hat mich niemand mehr genannt, seit ich vor einem Jahr Athen verlassen habe“, bemerkte sie. Damals hatte sie beschlossen, dass ihr Privatleben niemanden etwas anging. Sie war bei ihren Eltern untergeschlüpft, hatte ihren Ehering abgelegt und wieder ihren Mädchennamen benutzt.

„Sie haben sich verändert“, bemerkte Paul in neutralem Tonfall.

Damit wollte er wohl sagen, dass sie nicht mehr die unsichere junge Frau war, die vor zwölf Monaten aus Griechenland geflohen war. Wenn sogar der schwer zu beeindruckende Paul dazu eine Bemerkung machte, musste ihr neues Ich im wahrsten Sinne des Wortes umwerfend sein.

Dominique hoffte, dass Andreas’ ähnlich überrascht sein würde. Selbst, wenn er jetzt die Scheidung wollte.

„Sie nicht“, erwiderte sie lächelnd. Paul trug noch immer das dunkle Brillengestell, das so gut zu seinem ernsten Gesichtsausdruck passte. Obwohl er mit vierunddreißig nur ein Jahr älter war als Andreas, wirkte er viel gesetzter und reifer – besonders, wenn es wie jetzt um geschäftliche Dinge ging.

Obwohl er ihr Lächeln nicht erwiderte, wusste sie, dass ihr Auftritt ihn aus der Reserve lockte. Er wirkte nicht so gelassen wie sonst, sondern zögerte kurz, bevor er seine Aktentasche öffnete und einen Hefter herauszog.

„Es ist alles hier drin“, sagte er und reichte ihn ihr. „Ein äußerst großzügiges Angebot. Wenn Sie es durchgelesen haben, brauchen Sie nur noch zu unterschreiben. Dann sind Sie bald wieder Miss Dominique Ainsley.“

Dominique nahm den Hefter und steckte ihn in Pauls Tasche zurück. „Bevor ich irgendetwas unterschreibe, möchte ich mit Andreas sprechen. Wo ist er?“, fragte sie.

Paul betrachtete sie abschätzend. „Auf der Jacht.“

Natürlich. Der September war ideal für einen Jachtausflug. Das Wetter in Griechenland musste traumhaft sein.

„Für wie lange?“, fragte sie.

Wieder zögerte Paul. „Das hängt von Olympia ab“, antwortete er schließlich.

Dominique blieb fast das Herz stehen. Also war die „andere Frau“ Olympia. Immer noch.

Wegen ihr hatte sie Andreas vor einem Jahr verlassen. Ob es Paul Spaß machte, sie mit dem Namen zu quälen?

Na schön, Olympia hatte ihr Ziel erreicht, aber das würde Dominique nicht davon abhalten, ihren Mann zu treffen und um ihn zu kämpfen.

„Natürlich“, erwiderte sie so gelassen wie möglich. „Als beste Freundin seiner Schwester gehört sie ja fast zur Familie.“

Sie straffte die Schultern und trat nun doch hinter den Schreibtisch. „Sie sind mit Andreas’ Privatjet gekommen?“

Es war mehr eine Feststellung als eine Frage, und Paul antwortete nicht. Vielleicht war er auch verblüfft, dass die Erwähnung von Olympia bei ihr keine stärkere Reaktion hervorrief.

„Ich werde auf alle Fälle mit Ihnen zurückfliegen“, entschied Dominique.

„Andreas erwartet mich heute noch zurück.“

„Natürlich, kein Problem. Ich reise beruflich auch viel und habe meinen Pass immer dabei.“ Und meine Medikamente, fügte sie im Stillen hinzu.

Sie zog ihre Handtasche aus der untersten Schreibtischschublade und sah aus dem Augenwinkel, dass Paul nach seinem Handy griff.

„Das würde ich an Ihrer Stelle nicht tun“, sagte sie. „Ich bin noch immer Mrs. Stamatakis. Da mein Mann mir geschworen hat, mich ewig zu lieben, werden Sie sich doch jetzt nicht zwischen uns stellen, oder?“

Normalerweise hätte ihr Einwand den loyalen Paul nicht davon abgehalten, seinen Freund und Chef über die neue Entwicklung zu informieren. Doch offenbar war er noch immer ziemlich fassungslos, und Dominique beschloss, das auszunutzen.

„Diesmal bitte ich Sie um Hilfe“, sagte sie. „Ist das zu viel verlangt? Ich würde Andreas gerne noch heute sprechen. Wollen wir?“

Sie ging zur Tür, und Paul ließ ihr schweigend den Vortritt. Als sie am Empfang vorbeikamen, bat Dominique den Portier: „Sagen Sie meinem Vater, dass ich nach Griechenland fliege. Bis morgen früh weiß ich mehr und melde mich dann.“

Neugierig blickte der Mann auf. „Ist gut.“

Drei Stunden später stiegen Dominique und Paul in den Hubschrauber, der am Athener Flughafen auf sie wartete und sie zur Insel Kefalonia brachte.

Sehnsüchtig blickte Dominique auf die grüne Insel mit den weißen Stränden hinunter, die sie damals mit Andreas zusammen erkundet hatte. Als der Hubschrauber zum Landeanflug ansetzte, kam das malerische Hafenstädtchen Fiskardo in Sicht.

„Die ‚Cygnus‘ liegt ja gar nicht im Hafen“, stellte Dominique überrascht fest.

„Andreas hat in Zakynthos abgelegt und erwartet mich nicht vor dem frühen Abend an Bord“, erklärte Paul.

Dominique warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Halb drei. „Sehr schön. Dann haben wir noch ein paar Stunden Zeit zum Einkaufen“, sagte sie.

Um Paul zu zeigen, wie ernst es ihr war, hatte sie auf Gepäck verzichtet. Sie waren in Sarajevo direkt von der Botschaft aus aufgebrochen.

Mit dem undurchdringlichen Gesichtsausdruck, hinter dem er immer schon seine Missbilligung für sie verborgen hatte, folgte Paul ihr brav durch die Boutiquen der kleinen Stadt. Dominique sparte nicht und kaufte alles ein, was sie für ihren Aufenthalt auf der Privatjacht brauchen würde.

In einer der Umkleidekabinen schlüpfte sie aus ihrem maßgeschneiderten Kostüm und zog den schillernden, wasserblauen Bikini an, der ihr sofort ins Auge gefallen war. Darüber band sie ein knappes Strandtuch, das mit seinen Häkelspitzen mehr betonte, als es verbarg.

Auch die dazu passenden Riemchensandalen hatte sie mit in die Kabine genommen, und zum Schluss zog sie den Perlmuttkamm aus ihrem hochgesteckten Haar. Sie kämmte es kurz durch und steckte nur eine Strähne zurück, sodass es ihr in silberblonden Wellen offen über die Schultern fiel.

So trat Dominique aus der Umkleidekabine, und Paul blieb buchstäblich der Mund offen stehen. Es freute sie diebisch, dass sie Andreas’ unerschütterlichen Freund gleich zwei Mal am Tag so aus der Fassung brachte.

Sie ließ die Sachen gleich an, bezahlte und trat mit Paul auf die Straße hinaus, die zum Hafen hinunterführte. Inzwischen war die „Cygnus“ eingelaufen, und Dominiques Herz begann schneller zu schlagen. Andreas.

Wie würde er reagieren, wenn er sie sah?

Ungeduldig eilte sie zum Pier hinunter. Die Blicke aller Männer folgten ihr, auch wenn niemand es wagte, ihr in Pauls Gegenwart nachzupfeifen oder eine Bemerkung zu machen.

Sosehr es Dominique genoss, ein wenig Aufsehen zu erregen – der einzige Mann, den sie wirklich beeindrucken wollte, war Andreas.

Ein Crewmitglied, das sie von früher kannte, wartete in dem Beiboot, das Paul zur Jacht bringen sollte. Der Mann sprang überrascht auf, als sie sich näherte. „Mrs. Stamatakis …“, stotterte er. Auch er machte große Augen.

Dominique verbiss sich ein triumphierendes Lächeln. „Hallo, Myron. Lange nicht gesehen. Wie geht es Ihnen?“

„Gut.“ Der Mann wechselte einen unbehaglichen Blick mit Paul.

„Ihrer Familie hoffentlich auch“, sprach Dominique unbekümmert weiter. „Nico ist bestimmt bald schon so groß wie Sie, was?“

Bevor einer der beiden Männer reagieren konnte, stieg sie leichtfüßig in das Boot. Myron murmelte etwas Unverständliches. Er wirkte eindeutig überfordert und machte Paul verzweifelte Zeichen – kein Wunder, wenn Olympia sich auf der Jacht befand.

Sein Verhalten bestätigte Dominiques Verdacht, dass Andreas und Olympia ein Verhältnis hatten. Vor einem Jahr hatte Andreas das vehement abgestritten – und dabei möglicherweise sogar die Wahrheit gesagt. Doch mittlerweile lagen die Dinge wohl anders.

„Hier.“ Myron sprang hinter ihr an Bord und reichte ihr hastig eine Schwimmweste.

„Danke.“

Noch immer schien der Mann zu hoffen, dass Paul irgendetwas tun würde, um die unvermeidliche Katastrophe zu verhindern. Doch der setzte sich nur seelenruhig auf die Bank und tat so, als bemerke er Myrons Unbehagen nicht. Dem Bootsmann blieb nichts anderes übrig, als den Motor zu starten und sie zur „Cygnus“ überzusetzen.

Kurz darauf betrat Dominique das Hauptdeck. Auch die anderen Crewmitglieder schienen mehr erschrocken als erfreut zu sein. Sie konnte sie sogar verstehen. Die Jacht war Andreas’ Rückzugsort von der Welt, und sie platzte einfach hier herein und brachte alles durcheinander.

Pech. Schließlich war sie noch immer Mrs. Stamatakis.

Der Steward fasste sich als Erster und hieß sie an Bord willkommen. Von Andreas oder Olympia war nichts zu sehen.

„Darf ich Ihnen Ihre Sachen abnehmen und sie in eine der Gästekabinen bringen?“

„Schon gut, Leon. Ich bringe sie selbst in unser Schlafzimmer.“

„Aber …“

Sie ließ den Steward stehen und ging zur Treppe, die unter Deck führte – zu dem Schlafzimmer, das sie mit Andreas geteilt hatte.

Was sie dort vorfinden würde, wusste sie nicht – aber es spielte auch keine Rolle. Sie war hier, um sich dafür zu entschuldigen, dass sie ihm nicht vertraut hatte. Dass sie davongelaufen war, statt ihm beizustehen, als Olympias Mann ihn wegen Ehebruchs vor Gericht zerrte.

Sie war einfach zu unsicher gewesen damals, zu unreif. Wie konnte sie Andreas vertrauen, wenn sie ständig an sich selbst zweifelte? Nun war sie bereit, seine Erklärung in Ruhe anzuhören. Vielleicht kam sie ein Jahr zu spät, aber vielleicht ließ sich ihre Ehe ja noch retten. Es war eine Chance, die sie sich auf keinen Fall entgehen lassen wollte.

Im Laufschritt eilte sie zu der geräumigen Kabine, in der Andreas und sie auf der Hochzeitsreise traumhafte Nächte verbracht hatten. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie anklopfte. Niemand antwortete, und sie öffnete behutsam die Tür.

Und dann konnte sie einen überraschten Aufschrei doch nicht unterdrücken. Der früher elegant eingerichtete Raum war nun ein Kinderzimmer – komplett mit Wickeltisch und Babykommode.

Völlig verblüfft starrte sie auf die Krabbeldecken, die auf dem riesigen Bett lagen. Daneben stand eine Wiege, über der ein Mobile hing.

Noch immer fassungslos, stellte sie ihre Taschen auf die kleine Couch und schlich auf Zehenspitzen zu der Wiege hinüber. Darin lag ein dunkelhaariger kleiner Junge in einem blau gestreiften Strampelanzug. Er schlief tief und fest.

Andreas’ Sohn?

Sie war zu spät gekommen.

Es war wie ein Dolchstoß mitten ins Herz, und sie stöhnte auf. Der Laut weckte das Baby, das sie aus großen Augen anschaute und dann angesichts des unbekannten Gesichts laut zu schreien anfing.

„Schon gut, mein Schatz, schon gut“, versuchte sie den Jungen zu beruhigen, doch der schrie nur noch lauter und strampelte wild.

Aus reinem Mutterinstinkt beugte sie sich zu ihm hinunter und nahm ihn auf den Arm, doch er schrie weiter und machte sich ganz steif. Sie schnappte sich eine der Decken vom Bett, legte sie ihm um und wiegte ihn im Gehen hin und her, doch es nützte alles nichts, er war nicht zu beruhigen.

Plötzlich hörte sie eine weibliche Stimme. „Ich komme, Ari, ich komme ja schon.“

Die Tür wurde aufgerissen, und Olympia stürmte herein. Die dunkelhaarige, vollbusige Schönheit trug ein Fläschchen in der Hand und sah wie immer blendend aus.

Als sie allerdings erkannte, wer ihr Baby hielt, schrie sie leise auf und blieb wie angewurzelt stehen. Dominique konnte sehen, wie sie unter ihrer natürlichen Bräune blass wurde. Offenbar hatte sie mit allem gerechnet, aber nicht mit ihr.

Wenn Blicke töten könnten …, dachte Dominique, und beeilte sich, Olympia das Baby zu reichen, das sofort ruhiger wurde.

„Tut mir leid, dass ich ihn erschreckt habe“, sagte Dominique. „Ich wollte nur meine Sachen abstellen. Ich hatte ja keine Ahnung, dass ein Baby hier schläft. Ich habe versucht, ihn zu beruhigen, aber ich habe ihn wohl eher erschreckt.“

Olympia küsste den Jungen auf die Wange. „Du suchst bestimmt Andreas“, murmelte sie, während sie Dominique kühl ansah. „Er ist noch in Athen, aber wir erwarten ihn bald zurück, nicht wahr, Ari?“

Wir.

Olympias Ehemann, Theo, war damit ja wohl nicht gemeint. Hatte er sich von Olympia scheiden lassen? Und wenn ja, wann?

Offenbar waren Olympia, Andreas und Ari schon eine ganze Weile eine Familie. Aber wieso hatte Andreas ihr dann so lange die Scheidung verweigert?

Hatte sie sich etwa ganz umsonst monatelang Vorwürfe gemacht, weil sie Andreas nicht vertraut hatte? Hatte er sie am Ende tatsächlich belogen und sie ihn völlig zu Recht verlassen?

Verunsichert stand Dominique da, während Olympia gelassen und geradezu selbstgefällig wirkte, nachdem sie sich vom ersten Schreck erholt hatte. Sie versuchte auch nicht, ein Gespräch zu beginnen, sondern schaute Dominique nur stumm und von oben herab an.

Kaum zu glauben, dass sie mal Freundinnen gewesen waren. Zumindest hatte Dominique immer versucht, Freundschaft mit ihr zu schließen – schon, um Andreas einen Gefallen zu tun.

Paul hatte gewusst, was er tat, als er Dominique ohne Vorwarnung auf die „Cygnus“ kommen ließ. Sicherlich rechnete er damit, dass sie die Scheidungspapiere einfach unterzeichnen würde, wenn sie erst das Baby gesehen hatte. Wahrscheinlich hoffte er sogar, dass sie nach diesem Schock schnurstracks nach Sarajevo zurückkehren würde, ohne Andreas überhaupt zu belästigen. Sicherlich rieb er sich schon die Hände, weil sein Plan so wunderbar aufgegangen war.

Allerdings kannte er nur die alte Dominique, die sich mit Selbstzweifeln und Minderwertigkeitskomplexen herumschlug und sich ganz bestimmt so verhalten hätte.

Doch die frühere Dominique gab es nicht mehr. Sie würde Andreas zeigen, dass die neue Dominique eine selbstbewusste Frau war, die einem erfolgreichen Mann eine echte Partnerin sein konnte.

Also würde sie Andreas’ Rückkehr abwarten und in Ruhe mit ihm reden. Sie würde sich alles anhören, was er zu sagen hatte, und danach entscheiden, ob sie die Scheidungspapiere unterzeichnen oder um ihn kämpfen würde.

Sie straffte die Schultern und sagte: „Entschuldige die Störung.“

Olympia hatte sich mittlerweile aufs Bett gesetzt, wo sie dem Baby die Flasche gab. „Macht nichts. Er wäre sowieso bald aufgewacht. Andreas spielt sonst um diese Zeit immer mit ihm.“

All das sagte sie, ohne aufzublicken. Ihre Aufmerksamkeit galt ganz dem Baby. Es war ein deutliches Zeichen, und Dominique verstand die Botschaft. Olympia hatte nicht vor, sie über die Situation aufzuklären, sie wollte nur betonen, dass sie und Andreas sich sehr nahestanden. Wortlos griff Dominique nach ihren Einkaufstüten und verließ die Kabine.

Am Ende des Ganges gab es zwei Gästekabinen. Dominique entschied sich für die rechte und stellte ihre Taschen ab. Sie widerstand dem Impuls, sich auf dem Bett zusammenzurollen und sich die Augen auszuheulen, und ging stattdessen an Deck, um sich bis zu Andreas’ Rückkehr in die Sonne zu legen. Sicherlich würde er noch vor Sonnenuntergang mit dem Hubschrauber auf Kefalonia landen und sich mit dem Boot zur Jacht übersetzen lassen. Sie wählte ihren Liegeplatz so, dass er sie sofort sah, wenn er an Bord kam.

Mittlerweile hatte Paul Andreas bestimmt angerufen. Und wenn nicht, gab es genügend Klatschmäuler, die ihre überraschende Ankunft bemerkt und dafür gesorgt hatten, dass Andreas davon erfuhr.

Doch auch, wenn die Überraschung nicht mehr ganz so groß war – sie wollte unbedingt Andreas’ Gesicht sehen, wenn er ankam. Sie streifte das Strandtuch ab und cremte sich sorgfältig mit Sonnenschutzmittel ein, bevor sie sich auf den Rücken legte und das Gesicht in die Sonne hielt. Sie liebte die griechische Ägäis – strahlend blauer Himmel, türkisblaues Meer und angenehme Temperaturen.

Ein paar Minuten später brachte ihr Leon unaufgefordert ein Sandwich und etwas zu trinken. Sie dankte ihm für seine Aufmerksamkeit und machte sich hungrig und durstig darüber her.

Die Sekunden schienen in Zeitlupe zu vergehen, während sie wartete. Kein Andreas. Auch als die Sonne unterging, verließ sie ihren Platz nicht. Um keinen Preis wollte sie seine Ankunft verpassen.

Leon brachte ihr Limonade und ein paar Zeitschriften. Er kannte ihren Geschmack, und sie dankte ihm erneut, legte sich dann auf den Bauch, um zu lesen, solange es noch hell genug war.

Schließlich wurde es zu dunkel und zu kühl, um weiter im Bikini zu warten. Enttäuscht stand sie auf und ging in ihre Kabine, wo sie eigentlich duschen wollte. Doch auf dem Weg nach unten wurde ihr schwindelig, und sie legte sich aufs Bett, um für ein paar Minuten auszuruhen und wieder zu Kräften zu kommen.

Sie wachte erst wieder auf, als sie die Tür hörte und jemand das Licht einschaltete. Langsam drehte sie sich auf den Rücken und versuchte, sich zu orientieren.

Ihr Blick fiel auf Andreas, der in einem hellblauen Leinenanzug neben dem Bett stand und sie aus seinen dunklen Augen unter zusammengezogenen schwarzen Brauen anstarrte.

Es war ein Schock, ihn nach all dieser Zeit wiederzusehen.

Sein gebräuntes Gesicht war schmaler geworden. Unter seinen Augen lagen Schatten, und das Grübchen in seinem Kinn wirkte ausgeprägter. Nur seine weichen Lippen waren noch so voll wie damals. Es kam ihr vor, als sei er insgesamt schlanker geworden, doch es stand ihm gut.

Andreas.

Nun hatte sie seine Ankunft tatsächlich verschlafen, dabei hatte sie diesem kostbaren Moment so entgegengefiebert. Statt sie strahlend schön an Deck zu sehen, fand er sie schlafend vor, ungeduscht, noch immer im Bikini. Ihr Haar war zerzaust, und auf ihren Wangen und Beinen hatten sich wahrscheinlich die Falten der Tagesdecke eingedrückt. Sie roch nach Sonnencreme und war bestimmt trotzdem krebsrot, weil sie keine Sonne mehr gewöhnt war. Wie peinlich.

„Die Überraschung ist dir ja gelungen“, bemerkte Andreas mit seiner tiefen Stimme.

Eilig stand Dominique auf. „Hat dir niemand gesagt, dass ich hier bin?“

Er betrachtete sie von oben bis unten, doch keine Regung in seinem Gesicht verriet ihr, was er dachte.

„Ich habe es gerade von Olympia erfahren.“

Olympia. Natürlich war er zuerst zu ihr gegangen. Wo immer Andreas auch war, Olympia hielt sich stets in seiner Nähe auf. Das war immer schon so gewesen.

„Wo ist Paul?“

„In seiner Kabine, nehme ich an. Wahrscheinlich schläft er schon. Es ist fast zwölf.“

„Ich hatte keine Ahnung, dass es schon so spät ist.“

„Ja, das sieht man.“ Er betrachtete ihr Haar und ihr Gesicht, stemmte dann die Hände in die Hüften. „Was machst du hier? Du bist jetzt wieder frei, und das wolltest du doch. Du hast keinen Grund, nach Griechenland zu kommen.“

„Ich habe die Papiere nicht unterschrieben“, erwiderte sie fest.

Er hob eine Augenbraue. „Willst du mehr Geld? Paul hatte die Vollmacht, dir jede Summe zu geben, die du forderst.“

„Ich will kein Geld“, sagte sie.

„Was dann? Das Penthouse in Athen? Die Villa in Zakynthos? Oder vielleicht die ‚Cygnus‘? Sag, was du willst, ich überschreibe es dir.“

Seine Worte trafen sie tief. „So denkst du nicht wirklich von mir“, flüsterte sie heiser. „Du kennst mich doch besser.“

„Das habe ich auch geglaubt“, erwiderte er kühl.

„Hör zu“, begann sie, „ich kann mir vorstellen, wie wütend du warst, als ich dich verließ …“

„Nein, das kannst du nicht“, fiel er ihr ins Wort. „Lange Zeit war ich so wütend, dass es mir selbst Angst gemacht hat. Ich war eine Gefahr für die Menschen um mich herum. Aber das ist zum Glück vorbei. Wenn du gekommen bist, um mir zu zeigen, dass du jetzt eine Frau bist, die jedem Mann den Kopf verdreht – das hättest du dir sparen können. Ehrlich gesagt war mir die verletzliche, scheue Schönheit lieber, in deren blauen Augen sich ihre Seele spiegelte. Diese Frau gibt es offenbar nicht mehr, aber ich ziehe den Hut vor der neuen Miss Ainsley.“

Er presste die Lippen zusammen, bevor er weiterredete. „Sag Paul, was du haben willst. Ich schicke ihn morgen früh mit den Scheidungspapieren zu dir, damit du sie unterschreiben kannst. Ich hoffe, ich habe mich klar ausgedrückt: Ich möchte dich nicht wiedersehen, Dominique. Yassas. Leb wohl.“

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