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Nebeltod auf Norderney

BASTEI ENTERTAINMENT

Der Himmel zeigte sich grau in grau und war an diesem ungemütlichen Januartag mit einer dichten Wolkendecke überzogen. Seit Wochen hatte es bei flauen Winden fast unentwegt geregnet. Die lang ersehnte Wetterbesserung war bisher ausgeblieben.

Doch dann lag Änderung in der Luft. Bereits gegen Mittag drehte der Wind und wuchs von Stärke 3 auf 7 bis 8 an. Er kam aus Westen und trieb das Wasser der Flut vor sich her, sodass das mittlere Hochwasser fast bis zur Strandpromenade anstieg. Am Nachmittag ließ der Regen nach, und der Himmel klarte auf. Das Thermometer fiel und zeigte 7 Grad an.

Es war ruhig auf der Insel Baltrum an diesem Januartag. Der Strand und die Gehwege durch die Dünen waren verwaist. Die Möwen hingen schreiend im Wind. Selbst die wenigen Fremden, die sonst auch bei stürmischem Wetter die Wege an der Brandung entlang nicht scheuten, blieben heute in ihren Wohnungen.

Gegen 17 Uhr nahm der Wind noch mehr zu. Er heulte um die Häuser, die geduckt hinter den bewachsenen Sanddünen lagen.

Am Nachmittag war der Markt geöffnet, und die Leiterin redete mit der Kundschaft über das neue Theaterstück. Für die Erstaufführung am 29. Januar übte die »Spielkoppel« das Stück »Der Besuch der alten Dame« ein. Die Marktleiterin spielte eine kleine Rolle in dem Stück und freute sich auf die Aufführungen.

Als der Hausmeister des Gemeindezentrums den Laden betrat und im Gegensatz zu sonst mit ernstem Gesicht um sich schaute, ahnten alle, dass etwas seinen Frieden gestört haben musste. Er war um die fünfzig.

»Mein Schwager aus Wedel ist tot«, sagte er und kämpfte mit den Tränen. »Er fuhr auf dem Hamburger Frachter ›Brandenburg‹ als Zweiter Offizier. Sie sind im Kanal vor Dover abgesoffen. Eben kam es durch die Nachrichten.«

»Als ich zur See fuhr, haben wir im Kanal mitunter schon zehn Meter hohe Wellen gehabt«, sagte ein alter Insulaner. Er legte eine Flasche Corvit in seinen Einkaufswagen.

Die Marktleiterin bediente ihre Kasse und kassierte von einer Kundin für den Einkauf den Barbetrag.

»Ein neuer Schreihals scheint sich zu Wort zu melden«, sagte sie. »Der Doktor hatte es eilig. Er ging eben hier mit seiner Tasche vorbei.«

»Greetje Wilbert war dran«, sagte eine Kundin spöttisch. »Zu mir braucht der Doktor nicht mehr zu kommen. Meine Kinder sind groß. Doch sie müssen runter von der Insel. Die Kurverwaltung hat keine Arbeit mehr.«

»Ist denn ihr Mann zu Hause?«, fragte die Marktleiterin.

»Er fuhr für Tütjer und hatte einen Unfall. Das Pferd ging durch. Enno Wilbert kann jetzt seiner Frau beistehen«, gab die Kundin zur Antwort. Doch während die Kunden sich geduldig in der Schlange vor der Kasse einfanden, wechselten sie das Thema und sprachen, was nahe lag, über das Wetter. Schließlich erlebten sie das Wetter aus erster Hand.

Derweil war Greetje Wilbert in der Tat dran. Ihr Mann hatte nach dem Doktor geschickt. Er hatte bei den Pferden so seine Erfahrungen gemacht. Er wollte kein Risiko eingehen. Greetje hatte nur die Hebamme gewünscht. Wenn eine Stute seines Unternehmers ein Fohlen bekam, standen sie mit mehreren erfahrenen Knechten parat, um dem Tier Geburtshilfe zu leisten. Aus dieser Erfahrung hatte er seine Konsequenzen gezogen. Da wollte er seine Frau in diesen schmerzhaften Stunden in den besten Händen wissen, egal, ob die Krankenkasse dafür aufkam oder nicht.

Das zahlte sich aus, denn der Inseldoktor entband sie von einem gesunden Jungen. Die glückliche Mama entdeckte schon Ähnlichkeiten mit dem Papa, als sie das Baby das erste Mal in ihren Armen hielt.

Enno Wilbert zählte zum Stamm der Beschäftigten des Pferdetransportunternehmers Tütjer auf Baltrum. Er war ein kräftiger, gesunder Mann, der als Kutscher über fehlende Arbeit nicht zu klagen hatte. Bereits im April begannen die Pensionen und Hotels auf der Insel mit den Einkäufen für die Saison. Alles musste vom Schiff mit Pferd und Wagen angekarrt werden. Dazu zählten auch die Baumaterialien. Neben der Tätigkeit als Fuhrmann oblag Enno Wilbert die Pflege und Versorgung der Pferde. Im Winter hielt der Unternehmer aus Kostengründen die Mannschaft klein, sodass sich Überstunden nicht vermeiden ließen.

Enno Wilbert liebte seine Frau und hatte sich von ihr sehnlichst ein Kind gewünscht. Sie nannten den Knaben Dodo. Für Enno und seine Frau Greetje begann eine aufopferungsreiche, aber auch schöne Zeit. Sie wohnten in einer einfachen Mietwohnung im Hause des Unternehmers in der Nähe der Aussichtsdüne. Greetje Wilbert erledigte aber nicht nur ihre Pflichten als Mutter und Hausfrau, sondern kümmerte sich zusätzlich um die Wäsche der Pension Inselfriede, die sechs Zimmer an Feriengäste vermietete. Dieses Zusatzeinkommen war notwendig, denn Enno Wilbert verdiente gerade so viel, um die Miete und Lebenskosten zu decken. Doch auch Greetje Wilbert hatte als Frau und Mutter Wünsche, die nach Erfüllung drängten. So liebte sie es, sich sonntags zum Kirchgang schick anzuziehen.

Trotz der vielen beruflichen Verpflichtungen kümmerte sich auch Enno Wilbert liebevoll um seinen Sohn Dodo. Er, aber vor allem Greetje achteten darauf, dass es ihm an nichts fehlte. Sie war eine gute Mutter, tüchtige Hausfrau und Enno eine liebe, geduldige und folgsame Gefährtin. Sie war auf Langeoog geboren, hatte dort bis zu ihrer Ehe mit Enno in der Küche eines Hotels gearbeitet. Ennos Eltern kamen beide von der Insel. Sein Vater war im Krieg geblieben. Er war U-Bootfahrer und im Atlantik vermisst. Seine Mutter starb, als er zwanzig war.

Für Enno und Greetje Wilbert gestaltete sich das Leben nicht einfach. Sie waren Kinder ihrer Zeit und begriffen ihr Dasein als ein von Gott gewolltes Arbeitsschicksal. Sie hatten in ihrer Jugendzeit zwar nicht gehungert, aber die kargen Jahre des Krieges durchlebt. Das hatte sie geprägt und eine gewisse Bescheidenheit hinterlassen. Sie waren sich stets treu geblieben und waren glücklich miteinander.

Der kleine Dodo war ein Wunschkind und wuchs umhegt und gepflegt heran. Die gesunde Inselluft und das bürgerliche Essen bekamen ihm gut. Er entwickelte sich prächtig. Auch später, als er die Inselschule besuchte, machte er den Eltern viel Freude. Seine Zeugnisse waren überdurchschnittlich gut. Den Besuch des Gymnasiums in Norden zogen die Eltern erst gar nicht in Betracht, weil sie als einfache Landbewohner nicht nach den Sternen greifen wollten.

Doch als Dodo zwölf Jahre alt war, wurde die Mutter plötzlich schwer krank. Sie versah ihre Arbeit, bis der Inseldoktor resolut dazwischenfuhr. Er überwies sie in das Norder Krankenhaus. Dort verstarb sie schließlich an einem Krebsleiden. Das war ein harter Schicksalsschlag für Vater und Sohn. Dodo half im Haushalt mit, soweit er konnte. Er fehlte deswegen häufig in der Schule.

Hinzu gesellte sich ein weiteres Problem. Das Bauamt der Insel bemängelte die nicht mehr zeitgemäßen Stallungen der Pferde und reklamierte deren örtliche Lage im Ballungsgebiet der Ferienhäuser. Es verpflichtete deshalb den Fuhrunternehmer zur Aussiedlung seines Betriebes aus dem Wohngebiet in das weite Ödland auf der Wattseite der Insel. Die Stallungen und das angrenzende Haus wurden abgerissen und boten Platz für Neubauwohnungen.

Für Enno Wilbert und seinen Sohn war der Umzug in eine neue Wohnung mit höheren Mietkosten verbunden. Doch noch ganz andere Gründe führte Enno Wilbert für die Aufgabe seiner Tätigkeit als Fuhrmann auf Baltrum und für den Wechsel zum Festland an.

Bei Hanna de Vries gab Enno Wilbert jede Woche den Lottoschein ab und hoffte wie so viele Menschen auf einen ansehnlichen Gewinn. Sie betrieb auf Baltrum einen Kiosk mit einer Lottoannahmestelle und machte Enno bekannt mit ihrer Schwester Renate Schlangen, die als Witwe in Neßmersiel einen Lebensmittelladen besaß.

Enno Wilbert und Renate Schlangen mochten sich und beschlossen, zusammenzuziehen. Sie folgten zuerst dem Verstand, denn in ihrem Haus fehlte ein Mann, und ihm und seinem Sohn Dodo fehlten eine Frau und Mutter. Enno Wilbert, selbst nicht begütert, ehelichte die Witwe, deren Mann bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war. Hanna Schlangen brachte zwei Töchter mit in die Ehe, die zehn und vierzehn Jahre alt waren, mit denen sich Dodo jedoch nie sonderlich vertrug. Zu seinem Vater behielt er weiterhin ein gutes Verhältnis, und auch seine Stiefmutter behandelte ihn mit Liebe und Fürsorge. Alles in allem kann gesagt werden, dass Dodo im geräumigen Haus in der Deichstraße glückliche Jahre verlebte.

Nach dem Schulabschluss lernte er in Dornum das Maurerhandwerk. Nach der Gesellenprüfung kam er zum Bund und leistete seinen Wehrdienst bei der Marine in Wilhelmshaven ab. Danach machte er den Führerschein, nahm in der Stadt Wilhelmshaven eine Wohnung und arbeitete dort bei einem Bauunternehmen. Später erwarb er den LKW-Führerschein und übernahm mit zweiundzwanzig als Fernfahrer einen LKW der Spedition Fedor Kampen.

Dodo Wilbert verdiente gutes Geld und war sparsam. Er war ein gut aussehender junger Mann, kräftig und groß gewachsen. Seine Touren führten ihn kreuz und quer durch die BRD und das benachbarte Ausland, denn seine Firma fuhr für die Olympia AG in Wilhelmshaven.

Dodo Wilbert hatte in der Stadt an der Jade glückliche Jahre verlebt. Er fühlte sich dort wohl, dennoch übte die Insel Baltrum eine merkliche Anziehungskraft auf ihn aus. Vielleicht waren daran die Kindheit und die unvergesslichen Jahre mit seiner Mutter schuld, wenn ihn auch mit seiner Stiefmutter, seinem Vater und seinen Halbschwestern ein gutes Verhältnis verband, das aber im Laufe der Zeit verblasste. Sie lächelten abwertend, wenn er von der Insel schwärmte, die er im Stillen immer als seine eigentliche Heimat empfand.

Dodo Wilbert nahm nicht teil an der wachsenden Anzahl der Urlaubsreisenden, die vor allem in den Süden ans Mittelmeer fuhren. Er ließ sich von seiner Spedition, was damals noch Gang und Gäbe war, den Urlaub ausbezahlen. Im Gegensatz zum Ausgeben schloss er sich dem Heer der Bausparer an und tat das, was in den Jahren zu einer Modekrankheit geworden war: Er träumte vom eigenen Häuschen und sparte das Grundkapital an.

Als Nächstes kaufte er ein Grundstück auf der Insel. Deshalb kann im Nachhinein gesagt werden, dass Dodo Wilbert den richtigen Riecher hatte, als er 1965 mit dem Bau eines Einfamilienhauses mit drei Fremdenzimmern für Urlaubsgäste auf Baltrum begann. Seine fälligen Bausparverträge erleichterten ihm die Finanzierung. Das restliche Kapital bekam er günstig bei der Stadtsparkasse Norden.

Als gelernter Maurer packte er mit an, wann immer es ihm die Zeit erlaubte. Ansonsten vergab er die Aufträge an Handwerker, die auf der Insel wohnten, und behielt sich für seine Eigenleistungen die Arbeiten vor, die er alleine leicht erledigen konnte.

Da es auf Baltrum keine Straßennamen gibt und die Häuser nur nummeriert werden, konnte die Lage des entstehenden schicken Neubaues wie folgt beschrieben werden. Er befand sich zwischen zwei mit Gras bewachsenen Dünenhügeln in der Nähe der Strandhalle am breiten Fußweg zum Strand. Er hatte die Hausnummer 456.

Nach Baltrum hatte es auch Johann Heynen gezogen. Er war als junger Pädagoge auf die Insel gekommen. Er liebte das Meer, und zu seinen Hobbys zählte die Beobachtung der Natur. Er stammte aus Marienhafe und wurde nach dem Studium und der Referendarzeit in Oldenburg an die einklassige Grundschule auf Baltrum versetzt. Zu den Einstellungsbedingungen zählte neben dem Nachweis einer musikalischen Begabung das Spielen eines Instrumentes. Eine weitere Bedingung seiner Einstellung war die Heimatpflege und der weitere Aufbau des Heimatmuseums.

Der junge Lehrer war von stattlicher Statur. Er hatte dunkelblondes, lockiges Haar, ein forsches, spitzes, gut geschnittenes Gesicht und wirkte sehr sympathisch. Er liebte weite Spaziergänge und hatte Sport als Nebenfach gewählt. Die Gemeinde Baltrum stellte ihm ein kleines Haus zur Verfügung. Seine Kollegin war eine etwas verschrobene, unverheiratete Lehrerin, die aber mit den Kleinen gut auskam.

Schnell lernte Johann Heynen das Leben auf der Insel kennen und fand besonders im Winter auch einen herzlichen Kontakt zu den Eltern seiner Schüler. Es sprach sich schnell herum, dass er nicht nur ein guter Lehrer, sondern auch als Mensch in Ordnung war. Der Apotheker, der Inseldoktor und Bürgermeister luden ihn zum Skatabend ein, der einmal in der Woche am Freitagabend im Café »Nordseeblick« für eine angenehme Unterhaltung sorgte. Selbst in der Saison war den Herren der Abend heilig.

Im Herbst und Winter bediente oft die hübsche Tochter Okka die Skatrunde, die dem angesehenen Lehrer den Kopf verdrehte. Sie arbeitete in Esens als Kindergärtnerin und wohnte am Wochenende zu Hause.

Johann Heynen vergaß den kalten Herbstabend nie, an dem er eine halbe Stunde früher als sonst, also um 19 Uhr 30, am Tisch im Café Platz nahm und sich in die Zeitung vertiefte. Er errötete leicht, als Okka Klien hinter dem Tresen erschien und ihn fragend ansah.

»Bringen Sie mir eine Portion Tee«, hatte er gesagt und nervös im »Ostfriesischen Kurier« gelesen.

Eine Gruppe junger Männer betrat das Café. Sie grüßten freundlich und setzten sich in die Nähe des Kamins. Es waren Handwerker vom Festland.

Das Café Nordseeblick lag an der Strandpromenade. Es war Flut. Der Wind heulte um das Café. Er wehte mit Stärke 7 aus östlicher Richtung. Die Wellen brachen sich mit schäumender Gischt an der Böschung der Strandpromenade.

Durch die abgedunkelte Scheibe des Fensters sah Johann Heynen die hohen Promenadenlichter. Okka Klien hatte ihm den Tee gebracht. Sie hatte das Stövchen, den Kluntjebecher, den Milchtopf und das Teekännchen vor ihm auf den Tisch gestellt.

»Ach, es ist mitunter erfrischend, wenn man an früher erinnert wird«, sagte er. »Wir hatten einen strengen Englischlehrer. Wir schrieben unsere Abiturarbeit über den Roman ›Auf Messers Schneide‹ von Somerset Maugham. Und sehen Sie, ich lese gerade, dass der Autor gestern in Frankreich verstorben ist.«

Er hielt ihr die Zeitung entgegen und sie folgte seinem Hinweis und las: »Saint-Jean-Cap Ferrat, 16. Dezember 1965. In seiner Wahlheimat bei Nizza starb der erfolgreiche englische Schriftsteller William Somerset Maugham im Alter von 91 Jahren.«

»Schön alt geworden, der Knabe«, sagte Johann Heynen.

»Wir haben von ihm eine Kurzgeschichte gelesen. Die spielte in Singapur«, antwortete sie.

Sie trug ein Kostüm mit ausgestelltem Rock und weißer Bluse. Sie war sehr schlank und hatte ein hübsches Gesicht mit blauen Augen. Ihr Haar war blond. Sie trug es zu einem Pferdeschwanz gebunden.

»Und Sie arbeiten in Esens als Kindergärtnerin«, sagte er.

»Das macht mir Spaß. Aber im Sommer wäre ich lieber zu Hause«, antwortete sie und lachte gewinnend. Sie sah niedlich aus.

»Haben Sie schon Weihnachtsferien?«, fragte er.

»Nein. Am Sonntagabend fahre ich wieder zum Festland«, sagte sie und nahm das Tablett in die Hand.

»Wie wäre es mit einem gemeinsamen Spaziergang? Gehen Sie morgen mit mir über den Reiterweg zur Ostspitze?«, fragte er verlegen.

»Ja, gern«, sagte sie. »Ich habe auch eine Überraschung für Sie. Eine Dokumentation für Ihr Heimatmuseum. Die bringe ich morgen mit.«

»Danke«, hatte er mit einem Seufzer geantwortet und die Zeitung beiseitegelegt, als seine Skatbrüder kamen.

Auch am folgenden Tag blies der Wind mit Stärke 7 aus östlicher Richtung. Am Himmel trieben graue, dichte Wolken.

Johann Heynen und Okka Klien schritten am Strand entlang. Das Wasser war abgelaufen, und die Flut setzte ein. Die Wellen donnerten mit weißen Kronen auf den Sand und rollten aus.

Der Blick der beiden Wanderer reichte bis zum Horizont. Sie trugen warme Anoraks, Jeans und festes Schuhwerk. Der in Böen stürmische Wind wehte ihnen den Sand dicht über dem Boden entgegen. Möwen hingen im Wind. Polare Luft sorgte für eisige Kälte.

An diesem Morgen waren Okka Klien und Johann Heynen allein unterwegs. Weit und breit begegneten sie keinen Wanderern, die wie sie an dem garstigen Sonntag in der Weihnachtszeit im Naturschutzgebiet der Insel unterwegs waren.

Okka Klien und Johann Heynen hatten sich viel zu erzählen. Mitunter machte es ihnen Mühe, sich zu verstehen, wenn der Sturm heulte und die Wellen rauschten.

Okka Klien hielt ihr Versprechen. Als sie die Schutzhütte erreichten, übergab sie Johann Heynen, der als Verwalter des Heimatmuseums fungierte, ein Geschenk, das sie selbst stark berührte. Es war ein Zeitungsartikel des »Ostfriesischen Kuriers« von 1909. Er berichtete von einer Begebenheit, die sich damals zur Weihnachtszeit ereignet hatte.

Johann Heynen las.

»Haake Gerdsen aus Baltrum, zwanzigjähriger Schüler der Steuermannschule in Leer, erreichte am Tag vor dem Heiligen Abend im Jahre 1909 am Abend in der Dunkelheit Neßmersiel. Das Wetter war wie so oft um diese Jahreszeit windig und kalt, aber es hatte weder geregnet noch geschneit. An diesem Abend leuchteten weder der Mond noch die Sterne. Am Himmel hingen dichte Wolken. Das Fährschiff nach Baltrum war schon vor zwei Stunden abgefahren. Es war verständlich, dass es den jungen Seemann zum Ferienbeginn nach Hause drängte. Er besuchte einen Bekannten in Neßmersiel und bat ihn um einen freundschaftlichen Dienst. Es gehörte nicht viel Können und kein Mut dazu, den werdenden Steuermann zur Insel zu segeln. Kurz entschlossen machten sie sich auf den Weg. Sie segelten die übliche Route, die vom heutigen Hafen ein Stück entfernt lag. Das Wasser war kabbelig, aber bereitete ihnen keine Schwierigkeiten. Haake Gerdsen stieg aus, bedankte sich und half dem Freund beim Ablegen des Bootes. Es war sehr dunkel, als das Segelboot in Nebelschwaden eintauchte und davonfuhr. Haake Gerdsen machte sich auf den Weg. Zu spät bemerkte er ihren tödlichen Irrtum. Der Bekannte hatte ihn aus Versehen auf einer Sandbank abgesetzt. Da half kein Schreien. Haake Gerdsen schrieb einen Abschiedsbrief an seine Eltern. Er deponierte ihn in eine Zigarrenkiste, einem Weihnachtsgeschenk für seinen Vater, und sah seinem Tod entgegen.«

Okka Klien überreichte den Brief des Haake Gerdsen an Johann Heynen. Sie hatte ihn von ihrer Großmutter erhalten und wusste, dass Johann Heynen sich darüber freuen würde. Und so war es. Er hatte schon so manches Kleinod auf der Insel für sein Museum gesammelt.

»Eine zu Herzen gehende Geschichte«, sagte Johann Heynen anschließend und steckte den Brief in die Schutzhülle.

»Oma hat recht. Die Geschichte sollten wir vielen Menschen zugänglich machen«, meinte Okka Klien.

Die beiden entdeckten an diesem Nachmittag noch viele Gemeinsamkeiten. Überwältigt von ihren Gefühlen küssten sie sich im Dünengelände am Inselzipfel gegenüber von Langeoog und wussten, dass sie füreinander bestimmt waren.

Okka Klien zeigte Johann Heynen auf dem Rückweg das Grab von Haake Gerdsen auf dem Friedhof, der sich auf der Wattseite der Insel befand.

Sie nahmen sich an die Hand und schauten sich in die Augen. Sie wussten, dass sie sich liebten. Sie küssten sich und hielten sich lange umschlungen, bevor sie aufgeräumt und glücklich den Rundweg fortsetzten.

Das Weihnachtsfest verbrachte Okka Klien zu Hause. Sie half ihren Eltern bei der Bedienung der Cafégäste. Nebenbei fand sie Zeit, sich mit Johann Heynen zu treffen.

Bereits zu Neujahr luden die Eltern von Okka Johann Heynen zum Essen ein. Der Lehrer galt als eine gute Partie. Doch auch Okka war für Baltrumer Verhältnisse sehr wohlhabend.

Okka und Johann bildeten ein schönes Paar. Anfangs trafen sie sich nur an den Wochenenden, doch im Herbst des folgenden Jahres beendete Okka Klien ihre Tätigkeit in Esens und half ihren Eltern bei der Führung des Cafés. Sie hatte ihre Rückkehr schon länger geplant, da ihr Vater kränkelte.

Bereits im Winter kauften sich die alten Leute eine Eigentumswohnung in Bad Zwischenahn und zogen nach der Saison in die Nähe des Kurparks. Okka Klien übernahm das Café Nordseeblick in eigener Regie, man muss sagen, mit überwältigendem Erfolg.

Johann Heynen und Okka Klien heirateten standesamtlich und kirchlich in der kleinen, mit Reet gedeckten Inselkirche. Es war eine prachtvolle Hochzeit, die unter einem guten Stern stand. Das Café Nordseeblick stellte für die Eheleute nicht nur eine Goldgrube dar, sondern es erfüllte auch beide mit Stolz und Zufriedenheit. Johann Heynen ging völlig auf in seinem Lehrerberuf und hielt sich strikt aus dem Cafégeschäft raus. Seine exakten Wetterberichte und naturkundlichen Beobachtungen sind heute noch eine Fundgrube für Heimatforscher.

Im Frühjahr nach ihrer Hochzeit brachte Okka Heynen ein Mädchen zur Welt und erfüllte sich und ihrem Mann den lang gehegten Wunsch nach einem Kind. Sie hatten bis zuletzt um das Leben der kleinen Heide gebangt, die per Kaiserschnitt zur Welt kam.

Die kleine Heide war bereits als Baby schön und entwickelte sich hervorragend. Sie war lebhaft und ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten. Leider wuchs sie ohne Geschwister auf. Bei so viel Glück nahmen die Eheleute es schicksalhaft hin, dass Okka keine weiteren Kinder zur Welt brachte.

Johann Heynen liebte seine Tochter über alles, war aber dennoch streng und konsequent. Er verwöhnte seine Tochter in keiner Weise. Eine Nachbarin ging Okka zur Hand, nahm ihr viel Arbeit ab, die Okka besonders während der Saison Zeit ließ, sich um das Café zu kümmern.

Mit zwei Jahren besuchte Heide den Inselkindergarten und wurde in einer Zeit groß, die vom Wirtschaftswachstum geprägt war. Die Politiker diskutierten bei steigenden Einkommen über die Mitbestimmung der Arbeitnehmer, und Vertreter der Großindustrie warben in der Türkei Mitarbeiter an. Es muss nicht erwähnt werden, dass auch die ostfriesischen Inseln am Wohlstand partizipierten.

Johann Heynen war nicht nur ein vorbildlicher Ehemann, sondern auch ein guter Vater, der sich auch um die schulischen Belange seiner Tochter kümmerte. Nennenswerte Schwierigkeiten traten nicht auf. Abgesehen von dem Personal, das auch bei steigenden Lohnkosten auf den Inseln knapp wurde. Doch auch mit diesem Problem kamen sie zu Rande, da es genügend freundliche junge Frauen aus der Türkei gab, die während der Saison die deutsche Sprache lernten.

Heide Heynen war eine gute Schülerin. Sie besaß eine schnelle Auffassungsgabe, war sowohl in Sprachen als auch in Mathematik begabt. Sie machte ihren Eltern stets Freude. Nach dem vierten Schuljahr endete für Heide die Schulzeit in »Papas Schule«. Sie wechselte zum Gymnasium nach Norden.

In der Küstenstadt wohnte eine Kusine von Johann Heynen. Sie war mit einem Zahnarzt verheiratet. Sie und ihr Mann zogen eine gleichaltrige Tochter groß und nahmen Heide mit offenen Armen auf. Elske und Heide verstanden sich großartig. Heide kannte kein Heimweh. Am Wochenende fuhr sie zur Insel. Oft begleitete Elske sie. Auch fuhr die Mama gelegentlich nach Norden, um sich mit ihren Verwandten zu treffen, denn es gab eine zuverlässige Busverbindung vom Schiffsanleger in Neßmersiel nach Norden.

Heide und Elske zeigten von Anfang an gute Schulleistungen. Das blieb so bis zum Abitur. Beide Mädchen machten ihren Eltern so gut wie keine Sorgen. Sie waren hübsch anzusehen und wirkten auf oberflächliche Betrachter wie Zwillinge.

Ihr Umgang mit dem anderen Geschlecht war von harmloser Art und hielt sich in Grenzen. Doch später kam es bei gelegentlichen abendlichen Spaziergängen im Norddeicher Hafen oder am Norder Tief vor, dass sie einen hübschen Bengel an der Hand hielten, der sie mit Herzklopfen küsste. Doch sie hielten die Linie bei und waren nicht für mehr zu haben.

Nach dem Abitur trennten sich notgedrungen ihre Wege. Elske hatte feste Vorstellungen von ihrem zukünftigen Beruf. Sie ging nach Hannover, um dort Medizin zu studieren.

Heide zog es vor, in den Fußspuren vom Papa zu wandeln. Um nicht wie ihre Kusine weit weg zu müssen, entschied sie sich für das Studium der Pädagogik in Oldenburg. Sie träumte von einem Lehrerdasein auf Baltrum.

Während der Semesterferien hielt sich Heide Heynen auf Baltrum auf. Sie war eine Augenweide. Die Baltrumer mochten die einfache Studentin, die ohne Dünkel mit ihnen verkehrte, zuhause anpackte und mit bediente, wenn die Urlauber das Café belagerten, um den schönen Blick zu genießen und Entspannung zu finden.

Im Herbst und Winter dagegen blieb Heide auf Baltrum viel Zeit, wenn sie nicht wegen des Studiums in Oldenburg weilte, um sich bei Wind und Wetter auf weiten Spaziergängen von der Großstadt zu erholen.

Gelegentlich begleitete sie ihren Vater auf den Wanderungen in die Schutzgebiete, die er als Naturschützer betreute. Sie liebte es, bei sich ändernden Wetterlagen den Blick auf die Dünenlandschaft, das Meer und den weiten Himmel zu richten.

Heide galt keineswegs als eine eigenbrötlerische Studentin. Im Gegenteil. Sie war leutselig, munter und sehr aufgeschlossen. Sie kannte auch die meisten Neubürger, die aus Altersgründen auf Baltrum wohnten.

An einem stürmischen Herbsttag überraschte sie in der Nähe der Strandhalle ein mächtiger Regenschauer. Schwarze Wolken zogen auf. Vom Himmel prasselten dicke Wassertropfen. Heide sah sich gezwungen, nach einem Unterschlupf Ausschau zu halten. Sie rannte zu einem neu erbauten Haus, in dem noch keine Mieter wohnten, und stellte sich unter den Sims der Haustür. Sie schüttelte den Regen ab und sah zu, wie er große Pfützen bildete. Der Wind heulte um das Haus, das die Hausnummer 456 trug.

Überrascht schaute sie den jungen Mann an, der mit einem Pinsel in der Hand die Wohnungstür öffnete und sie fragend ansah. Sie hatte nicht geklingelt. Farbgeruch wehte ihr entgegen.

»Verzeihung, der Regen«, sagte sie verlegen und musterte den gut aussehenden jungen Mann, der nicht viel älter war als sie selbst.

»Dodo Wilbert ist mein Name. Bleiben Sie. Es trocknet schlecht bei dem Wetter«, sagte er und hielt den Pinsel hoch, an dem Farbe klebte. Er trug eine Jeans und ein buntes Baumwollhemd.

»Sie sind Handwerker und kommen vom Festland?«, fragte sie und schaute in den tiefen schwarzen Wolkenhimmel, der sehr bedrohlich aussah.

»Teils, teils«, sagte der junge Mann, der einen sehr sympathischen Eindruck machte. »Das ist mein Haus. Ich bin Fernfahrer und arbeite in Wilhelmshaven. Wir waren alte Baltrumer. Als meine Mutter starb, sind wir weggezogen.«

»Dann ziehen Sie selbst nicht in das Haus, sondern wollen es an Gäste vermieten?«, fragte Heide Heynen.

»Ja. Allerdings habe ich für mich unterm Dach ein kleines Apartment vorgesehen, wo ich mich an dienstfreien Tagen verkriechen kann.«

»Das kann ich gut verstehen. Mich zieht es auch immer zur Insel zurück«, antwortete sie.

»Darf ich erfahren, was Sie beruflich machen?«, fragte Dodo Wilbert.

»Ich studiere in Oldenburg Pädagogik. Ich beabsichtige, Grundschullehrerin zu werden«, antwortete sie.

Immer noch regnete es in Strömen.

»Hier zieht es gewaltig. Kommen Sie doch rein«, sagte er und hielt die Tür auf. »Ich kann Ihnen allerdings nur einen Stuhl anbieten.«

»Danke, ich denke, dass der Regen gleich nachlässt«, sagte sie.

Er lachte ungezwungen.

»Ich bin Heide Heynen, vom Café Nordseeblick«, sagte sie und errötete leicht.

»Ich glaube, mich an Sie zu erinnern«, meinte er.

Der Regen ließ nach. Sie zupfte ihren Anorak zurecht.

»Ich wünsche Ihnen weiterhin gutes Gelingen«, sagte sie.

»Sie sind zur Eröffnung herzlich willkommen«, sagte er.

Sie lächelte ihn freundlich an und trat in den Regen, der fast ganz nachgelassen hatte. Sie sprang über Pfützen und achtete darauf, nicht in das gestaute Regenwasser vor dem Haus zu treten. Sie drehte sich noch einmal um und winkte Dodo Wilbert zu, der noch in der Tür stand und hinter ihr herschaute. Sie fühlte sich leicht und beschwingt und setzte ihren Spaziergang fort.

Sie betrat den Strand und ging an der Brandung entlang. Der Wind traf sie von vorn. Die Wellen näherten sich mit weißen Schaumkronen und rollten aus.

Als der Reiterweg ihren Spazierweg kreuzte, betrat sie die Dünen. Sie flüchtete in die Schutzhütte, denn der aufgebriste Wind trieb den Regen eines ergiebigen Schauers vor sich her. Sie setzte sich auf die Bank.

Die kurze Begegnung mit dem Fernfahrer ging ihr nicht aus dem Kopf. Sein Äußeres hatte sie sehr beeindruckt. Seine Stimme hatte melodisch geklungen, und seine Manieren waren ihr angenehm aufgefallen. Seine Mutter war früh verstorben. Auch er liebte Baltrum. Trotz seiner Jugend hatte er sich schon ein Haus gebaut. Er hatte sie bereits als Kind gesehen und in Erinnerung behalten.

Heide Heynen gab sich anderen Gedanken hin. Als der Himmel aufklarte und der Regen aussetzte, verließ sie die Hütte und versuchte sich auf ihren Lehrstoff zu konzentrieren, doch vergeblich. Dodo Wilbert hatte sie so sehr beeindruckt, dass es ihr nicht gelang, ihn aus ihren Gedanken zu verdammen.

Als sie auf dem Rückweg durch die Dünen den Wanderpfad erreichte und die Aussichtsdüne bestieg, stand sie für einige Minuten an dem Geländer und blickte lange auf das neue Klinkerhaus, das der junge Fernfahrer gebaut hatte. Er hatte ein Apartment für sich vorgesehen, das er bewohnen wollte, wenn sein Beruf ihm die Zeit dazu ließ. Sie lächelte bei dem Gedanken, dass sie ihn mit Sicherheit wiedersehen würde, und setzte ihren Weg nach Hause fort.

Es hatte den ganzen Tag ohne Unterbrechungen geregnet. Gegen Abend lichtete sich der Himmel und Mond und Sterne gingen auf. Frost kam auf und kalte Polarluft strömte vom Nordosten ein. Auf der Nordsee zogen Fischkutter in der abendlichen Dämmerung ihre Runden. Ihre Bordscheinwerfer durchbrachen die matte Dunkelheit.

Dodo Wilbert lenkte seine Schritte in Richtung Café Nordseeblick. Auf den Straßen sah man nur vereinzelt ein paar späte Spaziergänger. Aus den Fenstern vieler Häuser fiel zuckend das Licht der Fernseher.

Dodo Wilbert passierte das Meerwasser-Wellenbad, in dem noch Badebetrieb war. Besonders die Dauergäste, aber auch die Urlauber liebten es, das Schwimmbad und die Sauna bei dem kalten Wetter zu nutzen.

Er schritt über den Dünenweg, am Tennisplatz vorbei und erreichte die Straße, die am Kurzentrum vorbeiführte. Die Lichtreklame des Cafés leuchtete in den Abend. Die Fenster waren hell erleuchtet. Der Klinkerbau mit den Gästezimmern grenzte an den Dünenweg, der zum Strand führte. Der zum Meer gerichtete Anbau des großen Gebäudes beherbergte das Café.

An diesem Abend waren nur wenige Tische besetzt. Das sah Dodo Wilbert durch die Fenster, als er sich dem Pfad zur Promenade näherte. Er war durchgefroren und wollte sich einen heißen Tee gönnen. Bei ihm im neu erbauten Haus zog es, und es herrschte noch ein Riesendurcheinander. Er hatte den ganzen Tag in den kalten vier Wänden des Neubaus verbracht, das war Grund genug, sich auf einen heißen Tee zu freuen. Dabei gestand er sich nicht ein, dass ihn der Wunsch, Heide Heynen anzutreffen, zu seinem späten Cafébesuch verleitet hatte. Einerseits fühlte er eine innere Unruhe, andererseits freute er sich auf das Wiedersehen, als er sich dem Eingang näherte.

Früher hatte er das Café nie besucht. Bei seinen Aufenthalten auf der Insel pflegte er seinen Kaffee, wenn überhaupt, dann im preiswerten Schnellcafé am Ortseingang einzunehmen.

Er öffnete die Tür, schritt an der Rezeption des Hotels vorbei, ging über den weiten Flur und betrat das Café. Er trat an die Garderobe und hängte seinen Mantel an den Haken.

Dezente Musik klang ihm entgegen. Schiffsbilder zierten die Wände. In den Fenstern spiegelte sich die Dunkelheit. Kleine Lämpchen sorgten für angenehmes Licht. Die Tische trugen Tücher, die mit der Tapete abgestimmt waren.

In der Ecke saßen einige Herren beim Skat. Zwei Pärchen tranken Kaffee. Sie waren ihm fremd. In der Nähe des Kuchentresens saßen Sportler, die ihre Trainingsanzüge trugen. Etwas lebhafter ging es am Tisch mit Jugendlichen zu, die diszipliniert einen Geburtstag feierten.

Dodo Wilbert grüßte freundlich die Anwesenden, wobei ihm zwei der Skatspieler bekannt vorkamen. Er winkte ihnen zu und setzte sich an einen Tisch, der ihm die Sicht zum Kuchentresen ließ.

Er hatte sein Pfeifenbesteck mitgebracht. Er öffnete es und suchte voller Bedacht eine der Pfeifen aus, stopfte sie und entzündete den Tabak. Er rauchte genüsslich und wartete voller Spannung auf die Bedienung.

Er legte die Pfeife auf den Ascher und versuchte seine Freude nicht zu deutlich zum Ausdruck zu bringen, als er Heide Heynen sah, die hinter dem Tresen hervorkam, sich näherte und dann vor Überraschung stehen blieb. Sie schlug die Hände über der Brust zusammen. Ihr stieg das Blut ins Gesicht.

»Herr Wilbert, ich vermutete Sie auf der Autobahn«, sagte sie überrascht.

»Am Dienstag steuere ich meinen MAN nach Mailand. Am Samstag darf ich dann wieder an meiner Villa basteln«, sagte er, erhob sich und reichte ihr die Hand.

Sie schnupperte. »Ich mag Männer, die Pfeife rauchen«, antwortete sie.

Er nahm wieder Platz und griff zur Pfeife.

»Meine Neugierde siegte. Ich kam zufällig hier vorbei. Ich war auf dem Rundweg durch das Ostdorf und dachte …«

Sie stand vor ihm, hatte die Hände übereinandergelegt und schaute ihn lächelnd an. In ihr hübsches Gesicht fiel das Licht der Wandlampe. Sie trug einen marineblauen Troyer, der ihr ausgezeichnet zu Gesicht stand. Dazu hatte sie einen ebenfalls blauen, halblangen Faltenrock angezogen, der ihre schlanke Figur zur Geltung brachte.

»Dieser Tage kam ich an Ihrem Haus vorbei. Da waren Sie, glaube ich, nicht auf der Insel«, sagte sie.

»Ich hatte eine Tour nach Kaiserslautern und dann nach Köln. Ich muss mein Haus ja noch verdienen«, antwortete er.

»Verzeihen Sie. Was darf ich Ihnen bringen?«, fragte sie.

»Ein Kännchen Tee«, sagte er. »Wenn Sie Zeit haben, wäre es schön, wenn Sie sich zu mir setzen würden.«

»Das geht leider nicht«, antwortete sie. »Meine Mutter hat noch Besuch. Die Friseuse ist bei ihr. Mein Vater sitzt dort in der Skatrunde.« Sie nickte ihm zu und schritt davon.

Die Jugendlichen beendeten ihre Feier. Ein junger Mann bezahlte. Sie verließen das Café. Der Skattisch bestellte eine Runde Bier. Einige Jogger betraten keuchend das Café und setzten sich an einen Tisch. Heide Heynen fragte nach ihren Wünschen. Auch sie bestellten Bier.

Um diese Jahreszeit beschäftigten die Heynes kein Bedienungspersonal. Frau Heynen versah gerne während der ruhigen Zeit den Dienst am Tresen, denn es waren meistens Bekannte, die bei einem Tee und Klönschnack Ablenkung vom eintönigen Alltag suchten.

Heide brachte die Biere an den Stammtisch. Dodo Wilbert bemerkte, wie sie mit ihrem Vater sprach, der, wie er glaubte, sich unbemerkt nach ihm umdrehte. Dann brachte sie ihm den Tee. Sie servierte ihn mit Sahne und Kluntje und stellte das Kännchen auf ein Stövchen.

»Der Tee kann noch zwei oder drei Minuten ziehen«, sagte sie. »Soll ich Ihnen die Lesemappen bringen?«

»Nein, danke. Es macht mir Spaß, Menschen um mich zu haben und einfach zu dösen«, sagte Dodo Wilbert.

Sie blickte ihn aufgeräumt an und verließ den Tisch.

Er schaute hinter ihr her. Ihr Gang war grazil. Sie war weder arrogant, noch hatte sie Flausen im Kopf. Und was ihn noch mehr interessierte, sie hatte keinen festen Freund, dem er ins Gehege kam. Zudem schloss er aus ihrem Verhalten, dass sie ihn zumindest ebenfalls sympathisch fand. Er glaubte, ihre Herzlichkeit zu spüren.

Dodo Wilbert war gelernter Maurer und Stuckateur. Er fuhr einen Sattelschlepper, beladen mit Büromaschinen, deren Wert in die Hunderttausende ging. Er hatte keine Minderwertigkeitskomplexe und bewunderte Heide Heynen, weil sie als Insulanerin den weiten und umständlichen Weg zum Studium gefunden hatte.

Dodo reinigte seine Pfeife, wählte eine weitere aus, stopfte sie, rauchte und sah dem Rauch nach, den er ausblies. Noch in diesem Jahr würde sein Inselhaus fertig werden. Mit fünfzig wollte er es geschafft haben, auf Baltrum zu leben und nicht mehr zu arbeiten.

Er schaute freudig auf, als Heide Heynen erneut zu ihm kam. Sie hatte eine Cola in der Hand und nahm neben ihm Platz.

»Viel Zeit, mit Ihnen zu plaudern, habe ich nicht«, sagte sie. »Wenn Sie allerdings um halb zehn noch Zeit haben, mich und Maxie zu einem Rundgang zu begleiten, dann würden wir uns beide freuen. Maxie gehört einer Kundin, die sich zurzeit im Norder Krankenhaus befindet.«

»Wenn dieser Maxie mich duldet«, antwortete er und sah sie fragend an.

Sie lachte. »Ein niedlicher und lieber Dackel. Meine Eltern mögen sonst keine Hunde. Aber die Kundin schaffte sich den Hund an, als ihr Mann verstarb. Sie kommt schon so lange zu uns.«

Sie trank ihre Cola aus und ging dann zu dem Tisch der Jogger und bediente sie. Als sie zurückkam, nahm sie wieder an seinem Tisch Platz. Sie sprachen über Oldenburg.

Heide Heynen gefiel es in der Universitätsstadt, die mit ihrer Musikszene und ihrem Staatstheater einen Ruf als Kulturmetropole besaß. Dabei staunte sie über die Bühnenkenntnisse von Dodo Wilbert. Er hatte nicht nur als Besucher des Wilhelmshavener Stadttheaters viele Vorstellungen gesehen, sondern war auch in Oldenburg öfter Theaterbesucher gewesen. Mehr noch überraschte er sie mit seinen Literaturkenntnissen der modernen Autoren. Dodo Wilbert besaß, wie sie feststellte, ein breites Allgemeinwissen.

Sie bediente zwischendurch die Gäste. Schließlich zog sie einen Mantel über und führte den Dackel an der Leine. Maxie beschnupperte ihn, gab sich dann zufrieden.

»Wir können«, sagte sie.

Dodo zog seinen Mantel über, winkte der älteren Frau zu, die ihm vom Tresen ein paar freundliche Worte zurief.

»Ihre Mutter?«, fragte er.

Sie nickte.

Sie verließen das Café und betraten die leere abendliche Straße. Maxie war ein niedlicher Dackel. Er zog an der Leine. Er wollte in Richtung Strand. Das Meer rauschte, und der Wind fegte durch die Dünen, die den Weg säumten.

»Sind Sie einverstanden, wenn wir über die Strandpromenade bis zum Kurhaus gehen, dann an der Grund- und Hauptschule vorbei wieder zurück?«, fragte Heide, neigte sich zu dem Hund hinab und tätschelte ihn.

»Einverstanden«, antwortete Dodo Wilbert.

Sie gingen im Licht der Straßenleuchten zur Strandpromenade und schauten auf das dunkle Meer. Der Sturm zerrte an ihrer Kleidung. Die Luft war klar und kühl. Maxie lief ihnen voraus, schnüffelte an den Halmen des Strandhafers und scharrte mit den Füßen an einem Maulwurfshügel.

Dodo Wilbert ergriff Heides Hand. Sie schwieg und blickte ihn nur kurz an.

»Ich mag Sie«, flüsterte er ihr ins Ohr und blieb stehen.

Er legte den Arm um sie. Ihre Blicke trafen sich. Maxie zerrte an der Leine.

Dodo Wilbert küsste Heide Heynen heiß und innig. Sie erwiderte den Kuss und schob Dodo Wilbert dann vorsichtig zurück.

»War das nicht zu früh?«, fragte sie verlegen und zog mit der rechten Hand die Lauflänge der Leine stramm. Der Hund sprang auf den Gehweg und jaulte kurz auf.

»Für mich nicht«, sagte er mit weicher Stimme.

Heide nickte. Sie ließ Maxie freien Lauf an der Leine.

Dodo Wilbert ging neben ihr und hielt ihre Hand. Sie fühlten nicht die Kälte. Wolken zogen am Himmel und bedeckten für Sekunden die Sterne. Um die Strandleuchten, die im Abstand von 50 Metern helles Licht auf die Promenade warfen, heulte der Wind.

Dodo Wilbert zählte nicht zu den Altersgenossen, die sich mit ihren Eroberungen gut aussehender Mädchen brüsteten. Andererseits hatte er es auch nicht nötig, sich zu verstecken. Im Gegenteil. Er war stolz auf seinen Körper. Während der Schulzeit hatte er viel Sport getrieben und hatte es im Judo bis zur Niedersachsenmeisterschaft gebracht. Selbst als Fernfahrer pflegte er sich mit gymnastischen Übungen fit zu halten und übte sich, wenn ihm die Zeit dazu blieb, im Langlauf. Es war nicht seine Art, nächtelang in einer Disko zu verweilen.

Abgesehen von einigen naiven Flirts, war ihm die Verbindung mit Tana Nemes sehr nahe gegangen. Er war in sie verliebt gewesen. Sie hatte ihn ebenfalls sehr gern gehabt. Damals war er gerade dabei gewesen, den LKW-Führerschein zu machen. Sie waren in dem Frühjahr an schönen Abenden mit seinem Opel Kadett an den Geniusstrand gefahren, hatten sich dort im grünen Busch- und Strauchwerk das erste Mal mit klopfendem Herzen geliebt und von einer gemeinsamen Zukunft geträumt.

Tana Nemes war Türkin, ein schönes Mädchen mit schwarzen Haaren und braunem Teint. Die Eltern kamen aus Cesme. Sie hatte in Wilhelmshaven im Café Heiser Konditoreiverkäuferin gelernt. Ihr Vater arbeitete bei Olympia. Ihre Mutter trug ein Kopftuch und lebte zurückgezogen.

Tana Nemes war eines Abends nicht zum vereinbarten Treffen erschienen. Er hatte angenommen, dass sie krank war. Er machte den Führerschein für Lastwagen und wartete vergeblich auf ein Lebenszeichen seiner türkischen Freundin.

Später suchte er das Café Heiser auf und erfuhr dort, dass ihr Vater unter Anrechnung ihres Urlaubs für sie das Arbeitsverhältnis aufgekündigt hatte. Sein Versuch, mit Herrn Nemes ein vernünftiges Gespräch zu führen, schlug fehl. Das war zu der Zeit gewesen, als Dodo Wilbert sich um eine Stelle als Fernfahrer beworben hatte.

Ein Jahr später schrieb sie ihm aus Cesme und bat ihn in einem herzlichen Brief um Verzeihung. Ihr Vater hatte sie verheiratet. Sie hatte, wie sie ihm mitteilte, einen lieben Mann und war seit einigen Wochen Mutter eines kleinen Sohnes. Nun, das lag schon eine Weile zurück. Dennoch hatte dieses Ereignis lange seine Wirkung gezeigt.

Dodo Wilbert glaubte sich im siebenten Himmel, als er nach dem Spaziergang mit Heide Heynen und dem kleinen Hund zu seinem Neubau ging. Für ihn hatte sich die Welt verändert. Heide Heynen war wunderschön. Er liebte sie, und sie liebte ihn. Beschwingt und glücklich ging er zu seinem Haus. Er betrat seinen Rohbau, suchte sein Apartment auf, zog sich aus, stellte das Radio neben sein einfaches Nachtlager, schaltete die Stehlampe an, kroch in seinen Schlafsack und dachte an Heide Heynen, während der NDR ein Mahler-Konzert übertrug.

Okka Heynen bediente die Gäste. Der junge Mann, der Heide und Maxie begleitet hatte, war ihr fremd, und auch ihr Mann kannte ihn nicht, wie er ihr sagte, als sie die Skatrunde bedient hatte. Er sah gut aus und machte einen ordentlichen Eindruck. Als Mutter war sie natürlich neugierig.

Okka Heynen hatte sich hinter dem Tresen zu schaffen gemacht. Die Jogger riefen sie an ihren Tisch und zahlten. Sie trug das Geschirr in die Küche und setzte sich an einen Tisch in der Nähe des Tresens und schaute in eine Illustrierte. Ihr Mann schimpfte laut mit seinen Mitspielern. Es ging um einen Kreuzbuben.

Die älteren Gäste wünschten einen Kaffee. Sie bediente die Kaffeemaschine, füllte zwei Tassen, stellte Milch dazu und brachte die Bestellung an den Tisch.

Von draußen drangen Stimmen in das Café. Okka Heynen blickte auf die Uhr. Es war 21 Uhr 40. Die Laienschauspieler vom Heimattheater strömten herein, grüßten aufgekratzt, rückten Tische zusammen und nahmen Platz. Der Spielleiter notierte die Getränkewünsche und überreichte Okka die Sammelbestellung, als die Tür aufging und Heide mit Maxie vom Spaziergang zurückkam.

»Kind, du kommst gerade richtig«, sagte die Mutter und warf der Tochter einen neugierigen Blick zu.

»Ich bringe den Hund weg und helfe gleich«, sagte Heide aufgeräumt.

Vom Stammtisch warf ihr der Vater einen fragenden Blick zu.

Okka Heynen bediente die Kaffeemaschine. Sekunden später erschien ihre Tochter und packte mit an. Sie hatte sich eine weiße Schürze umgebunden, lud den Kaffee auf ein Tablett und trug ihn an die zusammengestellten Tische.

»Und, hat der Hahn gekräht?«, fragte sie die Runde, denn das neue Theaterstück hieß »Wenn der Hahn kräht«.

»Das muss er noch lernen«, meinte der Spielbaas und lachte.

Heide war gut drauf, wie die Mutter bemerkte. Sie strahlte Ruhe und Zufriedenheit aus. Ja, mehr noch.

»Wer war der junge Mann vorhin?«, fragte Okka Heynen, während sie Bier zapfte.

Heide wurde rot. »Er heißt Dodo Wilbert. Sein Vater kam von Baltrum. Er ist Fernfahrer und hat hier ein Haus gebaut. Im Westdorf«, antwortete sie, als sei sie bereits stolz auf ihn. Sie brachte die Bestellung an die Tische der Darsteller.

Die Mutter schwieg. Sie erinnerte sich an den Vater des jungen Mannes. Er war Kutscher gewesen. Seine Frau war früh gestorben. Der alte Wilbert war vor Jahren auf das Festland gezogen.

Okka Heynen war nicht erbaut von dem, was sie erfuhr. Heide war eine gute Partie. Außerdem war sie nicht nur intelligent, sondern auch noch ausgesprochen hübsch. Sie stand kurz vor dem ersten Staatsexamen. Sie wollte sich doch nicht etwa auf diesen ungebildeten Fernfahrer einlassen? Darüber musste sie mit ihrem Mann Johann sprechen.

Die Theatertruppe gab sich spendabel. Nicht alle tranken Bier. Sie bestellten vom Käsekuchen und von der Rumflockentorte, die der Inselbäcker am Morgen frisch geliefert hatte. Sie besprachen die Termine der Übungsabende und noch anzuschaffende Requisiten.

Die übrigen Gäste verließen nach und nach das Café. Heide spülte in der Zwischenzeit Geschirr, sah nach dem Hund, der im Schuppen bereits schlief. Die Schauspielertruppe sang zünftig eine liebliche Melodie aus ihrer Produktion und nahm mit Humor den Beifall der Skatspieler entgegen. Sie bezahlten und traten ihren Heimweg an.

Um 23 Uhr beendeten auch die Herren vom Skattisch ihr Spiel. Sie rechneten ab und verabschiedeten sich.

Okka Heynen löschte die Lichter und folgte ihrem Mann in das kleine Wohnzimmer, in dem sie sich während der Bedienungszeit erholten.

Johann Heynen beobachtete seine Tochter, die eine Schüssel mit Gebäck auf den Tisch stellte und den Tee aufgoss. Das war Tradition geworden im Hause Heynen, den Abend in Gemeinschaft mit einer Tasse Tee abzuschließen. Der Tisch war gedeckt mit dem traditionellen Geschirr der ostfriesischen Rose.

»Heide, warst du mit dem Bauarbeiter aus dem Westdorf noch zu einem Spaziergang unterwegs?«, fragte Johann Heynen und reichte der Tochter die Tasse an.

Heide schenkte den Tee aus. Das ging ihr jedoch zu weit. Ihr Vater hatte sich im Ton vergriffen.

»Vater, ich möchte daran erinnern, dass ich in Kürze mein Examen für das Lehramt an Grundschulen ablege. Ich bin dir keine Rechenschaft schuldig«, sagte sie, goss der Mutter und auch sich den Tee ein und setzte sich auf das Sofa.

»Vater wollte keine Kritik anbringen«, versuchte die Mutter sie zu beschwichtigen.

»Der junge Mann heißt Dodo Wilbert. Das Haus, das er gebaut hat, gehört ihm. Er ist strebsam und fleißig. Zudem ist er sehr belesen und gebildet. Das ist alles, was ich bereit bin, zu diesem Thema beizutragen«, antwortete sie schnippisch und trank Tee.

»Was du nur wieder hast! Papa und ich wollen nur dein Bestes«, sagte die Mutter und knabberte ein Plätzchen.

Heide lehnte sich zurück und lächelte. »Ich möchte euch nicht zu nahe treten. Aber mit zweiundzwanzig bin ich alt genug, mir meine Freunde selbst auszusuchen«, sagte sie. »Doch da ich euch noch auf der Tasche liege, werde ich mich bemühen, weiter folgsam und dankbar zu sein.« Sie fuhr mit ihrer Rechten dem Papa durch das Haar.

»Wir machen dir keine Vorschriften. Aber immer mehr Ehen gehen in die Brüche. Resi de Vries hat sich auch von ihrem Chefarzt getrennt. Für achtzig Gäste haben wir die Hochzeit ausgerichtet. Das hat Tini und Albert ein Vermögen gekostet«, sagte Okka Heynen.

»In einer weißen Hochzeitskutsche! Jetzt hat er eine andere. Die Resi sitzt in Bremen und ist todunglücklich«, sagte Johann und lächelte schadenfroh.

»Die wollte schon immer hoch hinaus«, warf die Mutter ein, als sei damit die Schuldfrage geklärt.

»Die Wissenschaftler rechnen damit, dass im Jahre 2006 jede dritte Ehe geschieden wird«, meinte der Vater.

Sie tranken ihren Tee. Heide schenkte nach.

»Ans Heiraten denke ich noch nicht. Vielleicht bleibe ich als Lehrerin ledig und hier auf Baltrum«, sagte sie.

»Das wirst du uns doch nicht antun. Wenigstens einen Enkel erwarten wir, der den Namen Heynen erhält und weitergibt«, sagte der Vater.

»Heide hat noch Zeit. Sie muss nicht den Erstbesten nehmen. Unsere Aussteuer kann sich sehen lassen«, warf die Mutter ein.

Es war gemütlich im kleinen Wohnzimmer. Neben der bequemen Sitzecke trugen zwei alte Ölgemälde des Inselmalers Focke Foppen, eine Eichenanrichte und eine Fernsehecke dazu bei.

Bisher hatten sie ganz selten das Thema Hochzeit angeschnitten oder diesbezügliche Andeutungen gemacht. Für Heide stand fest, dass sie, wenn überhaupt, spät heiraten würde. Schuld an diesem Gerede hatte Dodo Wilbert, der hier aufgekreuzt war und keinen Hehl aus seiner Absicht gemacht hatte, Heide zu treffen und mit ihr zu plaudern.

Fast schien es Heide, dass es seit diesem Abend zu ihrer Gewohnheit gehörte, immer wenn sie zuhause auf Baltrum weilte, in ihre elterliche Aufpasserrolle zurückzufallen und sie argwöhnisch auf Schritt und Tritt zu beobachten.

Heide nahm die Einwendungen nicht sonderlich ernst. Sie traf ihren Bodo eben in Oldenburg. Dann quälte sie kein Misstrauen, wenn er den MAN-Sattelschlepper auf dem Parkplatz vor dem Postgebäude abends abstellte und Heide einen Besuch abstattete, einen Tee mit ihr trank und später dann nach Wilhelmshaven weiterfuhr.

Zwischen ihr und dem Fernfahrer kam es aus einer anfänglichen Zuneigung zu einer ernst zu nehmenden Liebe. Dodo Wilbert hatte mittlerweile von der Inselgärtnerei die Außenanlage seines Hauses auf Baltrum anlegen lassen und sein Apartment selbst fertig gestellt. Bei dem Kauf der Inneneinrichtungen auf dem Festland hatte er sich auf Heides Geschmack verlassen.

Sie hatten Okka und Johann Heynen nicht um Rat gefragt und ließen sich auch nicht dreinreden. Sie verschwiegen ihnen auch, dass sie beschlossen hatten, nach dem bevorstehenden Examen zusammenzuziehen.

Dodo Wilbert trat sein neu errichtetes Haus bis auf sein eigen genutztes Apartment an eine Insel-Ferienwohnungsvermittlung in Esens ab, die gegen eine 15-prozentige Beteiligung an den Einnahmen das Vermietungsgeschäft übernahm.

Die Überraschung war vollkommen, als die frischgebackene Grundschullehrerin Heide Heynen am Arm ihres Freundes ihre Eltern im schick eingerichteten Apartment des Hauses 456 mit Seeblick am Rande der Kuckucksdüne empfing.

Dodo Wilbert hatte seinen Jahresurlaub genommen, den sie bei gutem Frühsommerwetter auf der Insel verlebten. Es waren unvergessliche Tage, die Heide als Lohn für die bestandene Prüfung hinnahm.

Georg Calvis war gelernter Dachdecker. Anlass, diesen Beruf zu erlernen, war eigentlich seine Schwindelfreiheit gewesen. Er kam in Wilhelmshaven während eines schweren Bombenangriffs auf die Marinewerft zur Welt.

Seine Mutter, Anna Calvis, hatte ihn zu Hause auf der Bismarckstraße im Keller des viergeschossigen Wohnhauses mit der Stuckverzierung zur Welt gebracht. Sie, die rüstige Hebamme und ihre Schwester Mathilde hatten den Weg zum Bunker nicht mehr geschafft und waren allein in dem Raum mit dem Holzverschlag gewesen, als die feindlichen Bomberverbände in dieser Nacht zum dritten Mal über der Jadestadt ihre Tod bringende Last abwarfen. Die übrigen Hausbewohner hatten in Anbetracht der ernsten Vorwarnungen im Rundfunk den Bunker auf der Gökerstraße aufgesucht.

In dieser Nacht, in der der kleine Georg das Licht der unerbittlichen und brutalen Welt erblickte, in der zwischen Gerümpel, Einkochgläsern und Briketts Anna Calvis vor Freude, Kummer, Leid und Angst weinte und die Hebamme den Knaben in die Arme der Mutter legte, starben über tausend Menschen in den Trümmern der brennenden Stadt.

Zu dieser Zeit geriet der Vater des Knaben, ausgebildeter Schiffsbauer und ehemaliger Werftarbeiter, als Meldefahrer mit seinem DKW-Motorrad 24 Kilometer vor Zagreb in einen Hinterhalt und wurde von Partisanen erschossen.

Das war beileibe nicht die erste und letzte Nacht, in der Anna Calvis um ihr Leben und das ihres Sohnes bangen musste. Doch der kleine Georg hatte nicht nur eine tapfere, liebe und aufopferungsbereite Mutter, sondern auch einen guten Schutzengel.

Frau Anna Calvis überlebte den Krieg und zog ihren Sohn alleine auf. Für die Kriegerwitwe gab es harte Jahre zu meistern. Die Nachkriegszeit war von Hunger und Not geprägt.

Anna Calvis hatte Näherin gelernt, und mit unermüdlichem Einsatz hinter der Nähmaschine schuf sie für andere aus Stofffetzen und Resten tragbare Kleidung, um selbst mit ihrem Jungen zu überleben.

Später kam es ihr selbst unglaubwürdig vor, dass sie mit ihrem Georg gesund und ohne Schaden die Jahre überstanden hatte.

Auch Georg hatte früh gelernt zu kämpfen. Er hatte seine Mama begleitet, wenn sie auf das Land fuhr und bei den Tauschgeschäften mit den Bauern ihre Wertgegenstände gegen Lebensmittel weggab.

Später, als sich das Leben normalisierte, zeigte sich Georg erneut von seiner besten Seite. Er war gewandt wie eine Katze. Er verstand es, auf das Dach des Hauses zu klettern, dort die Ziegel zu reparieren, wenn es mal wieder hereinregnete. Die meisten Männer waren im Krieg geblieben. Für die Alten waren solche Klettertouren zu riskant. So gelang es Georg und seinen Kameraden, sich nützlich zu machen. Sie turnten in schwindelnder Höhe auf den Ruinen herum und wurden zu tüchtigen und verlässlichen Helfern der Trümmerfrauen, die sich Bergen von Schutt und Asche gegenübersahen.

Wiederaufbau, so hieß das Zauberwort der damaligen Zeit. Für Georg Calvis und seine Generation folgte daraus, dass sie schon früh mit anfassen mussten. Ihre Gesichter wirkten früh alt und abgehärmt. Für sie hieß es, die Spieljahre zu überspringen. Ihr Schulbesuch verlief unregelmäßig, zudem fehlten die Lehrer, und auch die Gebäude waren zum Teil zerstört.

Als Georg Calvis die Volksschule Heppens verließ, war er bereits für sein Alter lebenserfahren und gereift und ließ sich zum Dachdecker ausbilden. Besonders stolz war er auf seine Beteiligung an der Wiederherstellung des Turms der Marinegedächtniskirche. Neue Wohnhäuser wurden erstellt, Schulen errichtet und Geschäfte gebaut. Die Hafenanlagen erfuhren eine Neubelebung. Die demontierten Anlagen der Marinewerft wurden friedlichen Zwecken zugeführt. Es ging bergauf.

Wilhelmshaven wurde mit der Ansiedlung der Olympia-Büromaschinenfabrik, der Krupp-Ardelt-Werke und Textilfabriken zu einer wichtigen Industriestadt am Jadebusen.

Zu dieser Zeit, wo Bürgerfleiß und Unternehmergeist zum Wohle der Bürger zu ihrem Recht kamen, schlug auch für Georg Calvis die Stunde des Erfolges. Der strebsame und clevere Dachdeckergeselle bestand vor der Prüfungskommission die Meisterprüfung und machte sich zwei Jahre später selbstständig. Dank seiner sympathischen Art und seiner tüchtigen Mitarbeiter gelang ihm die Expansion seines Betriebes, und bereits innerhalb von zwei Jahren beschäftigte er 24 Arbeiter.

Der Erfolg ging weiter. Er beteiligte sich an einer Baufirma in Jever, die er das Jahr danach ganz übernahm. Während seines Erfolgskurses lebte Georg Calvis mit seiner alten Mutter zusammen. Er gönnte sich keine Ablenkungen und Zerstreuungen. Ihm fehlte auch die Zeit, mit attraktiven jungen Frauen das Theater zu besuchen oder in den noblen Restaurants essen zu gehen. Denn Georg Calvis wurde getrieben vom Wunsch nach Erfolg.

Kurz vor dem Tode seiner Mutter legte er den Grundstein für das weitere Wachstum seines Betriebes. Es handelte sich um die vernachlässigte Immobilie eines ehemaligen Marineoffiziers, dessen Frau vor einem Jahr verstorben war. Der Alte hatte eine Tochter, die in der Nähe von Kaiserslautern als Lehrerin arbeitete.

Das Dreifamilienhaus befand sich auf der Susemilstraße, nicht weit entfernt von der Banter-Ruine direkt am Seedeich. Das Grundstück war verwildert und ungepflegt. Das Dach musste dringend nach einem heftigen Sturm neu eingedeckt werden. Zudem hatte der ehemalige Marineoffizier die erste und zweite Etage an Rentner vermietet, die auch Schäden an den alten Fenstern anmeldeten.

Das alles stieg dem alten Herrn über den Kopf und war der Tochter zu viel. Sie besuchte die Stadt an der Jade für wenige Tage, besah sich die Schäden, fand zu Georg Calvis und klagte ihm ihr Leid.

Kurz entschlossen begleitete sie Georg Calvis zu einem Notar und verkaufte ihm das Haus. Sie nahm den alten Vater mit nach Kaiserslautern.

Die Handwerker von Georg Calvis setzten das alte Stadthaus in Stand. Nach der Renovierung zog ein Arzt vom Krankenhaus mit seiner Familie ein und zahlte einen guten Preis.

Als Anna Calvis, geschwächt durch eine Erkältung, an einer heftigen Wintergrippe 75-jährig verstarb, hinterließ sie ihm neben einer ansehnlichen Barschaft das große Haus auf der Bismarckstraße, das er all die Jahre in Schuss gehalten hatte.

Die Einsamkeit nach dem Tod seiner Mutter machte ihm zu schaffen. Die Geschäfte aber gingen gut, die Auftragslage war hervorragend. Er kaufte in Fedderwarden ein Geschäftshaus mit einer angegliederten Bäckerei und vermietete sie an einen jungen Bäckermeister. Doch zu dieser Zeit, als er sich über geschäftliche Erfolge nicht beklagen konnte, geschah Unvorhersehbares. Dem wohlhabenden Dachdecker Georg Calvis kam das Schicksal zu Hilfe.

Der aus Wilhelmshaven stammenden Lehrerin Gudrun Hessel wollte es nach dem Tode ihres Vaters in Kaiserslautern am Albert-Schweitzer-Gymnasium nicht mehr gefallen. Sie hatte ihren Vater in Wilhelmshaven auf dem Nordfriedhof im Familiengrab neben ihrer Mutter beisetzen lassen. Die Folge war Heimweh, das eine im Fernsehen gesendete Dokumentation über die nordwestdeutsche Küstenregion ausgelöst hatte. Zu Tränen gerührt, hatte sie sofort ihre Versetzung beantragt.

Sie bereute den Verkauf des elterlichen Wohnhauses und nahm Kontakt zu Georg Calvis auf, der ihr das alte Haus abgekauft hatte.

An ihrer Schule in Kaiserslautern begründeten die Kolleginnen und Kollegen allerdings ihr krankhaftes Verlangen nach ihrer Heimat anders. Schuld daran trug Hannes Huisgens. Der hünenhafte Sportlehrer, ihr langjähriger Freund, hatte sich einer hübschen Metzgertochter zugewandt. Dabei besaß Gudrun Hessel sämtliche Attribute einer weiblichen Schönheit. Ihr Haar war kraus und rötlich blond, das sie in zwei Zöpfen trug. Sie hatte eine knabenhafte, schlanke Figur und ein schönes Gesicht. Sie war 30 Jahre alt und unterrichtete Französisch und Geschichte.

Georg Calvis, der noch nie das Verlangen in sich gespürt hatte, seine Heimat zu verlassen, musste über das Ansinnen der jungen Frau lachen, die brieflich nachgefragt hatte, ob sie das Haus zurückkaufen könnte. Der Dachdeckermeister antwortete per Mail. Die Nachrichten gingen hin und her. Georg Calvis konnte Gudrun Hessel anderweitige und günstige Angebote unterbreiten.

Sie besuchte ihn schließlich in Wilhelmshaven und besichtigte mehrere Objekte. Sie kaufte auf der Bülowstraße ein Haus, in das sie aber nicht einzog. Doch als wichtiger für Gudrun Hessel erwies sich dabei schließlich das Zusammentreffen mit Georg Calvis, denn auch der Unternehmer hatte sich in die Lehrerin verliebt.

Sie zog von Kaiserslautern nach Wilhelmshaven und wechselte über an das Nordsee-Gymnasium. Für beide begann eine glückliche Zeit.

Gudrun Hessel versah ihren Dienst am Gymnasium und verwöhnte ihren Georg, der tagsüber im nordwestlichen Küstenraum seine Handwerker auf den Baustellen besuchte, zu seinen Kunden unterwegs war und neben Aufträgen auch Offerten von Altbauten entgegennahm.

Die Zeit stand auf Fortschritt, und der Wohlstand brachte es mit sich, dass man allzu schnell bereit war, sich für das Neue zu entscheiden. Für die Bauwirtschaft bedeutete das, dass die Preise für Altbauten in den Keller sanken. Gudrun Hessel und Georg Calvis teilten gemeinsam ihre spekulativen Erwartungen und verdienten sich goldene Nasen, wie der Volksmund sagt, beim Immobilienhandel.

Ohne großen Pomp heirateten sie nur im Kreise von Freunden standesamtlich im Rathaus und trafen sich anschließend zu einem festlichen Essen im Ratskeller.

Georg Calvis und Gudrun Hessel bildeten schon alleine optisch betrachtet ein Traumpaar. Auch er war schlank. Er hatte eine sportliche Figur und war hochgewachsen. Sie verstanden sich hervorragend und waren glücklich miteinander. Erst recht, als Gudrun nach anfänglichen Schwierigkeiten schwanger wurde.

Nach einer problemlosen Schwangerschaft gebar Gudrun Calvis, geborene Hessel einen Knaben. Er brachte 4480 Gramm auf die Waage, war 52 Zentimeter groß, hatte blaue Augen und blondes Haar.

Als Gudrun Calvis, begleitet von ihrem Mann, aus dem Krankenhaus kam, das Baby zu Hause in das geschmückte Körbchen legte, änderte sich das Leben der beiden Eheleute schlagartig. Ohne sich dessen bewusst zu werden, sprachen sie nur noch im Flüsterton zusammen, wenn der Kleine in seinem Himmelbettchen schlief. Beim Gehen mit dem Baby auf dem Arm setzten sie vorsichtig die Schritte. Nachts horchten sie mit einem Ohr in die Stille. Der kleine Jesko war zum Wichtigsten in ihrem Leben geworden.

Georg ging wie gewohnt seinen Geschäften nach. Er kaufte noch zwei heruntergewirtschaftete Stadthäuser in Jever auf der Getreuenstraße dazu, die er in die Obhut seiner Handwerker gab.

Dabei legte er großen Wert darauf, für seine Frau und Jesko immer genügend Zeit zu haben. Es bereitete ihm Vergnügen und erfüllte ihn mit Stolz, am Wochenende den Kinderwagen zu schieben und in Begleitung seiner hübschen Frau über die Marktstraße zu spazieren oder bei gutem Wetter am Südstrand auf einer Bank in der Sonne zu sitzen.

Er und seine Frau waren trotz ihres Wohlstandes einfach geblieben. Gudrun besaß die Hochachtung der Schüler und Kollegen, und von ihrem Mann sagte man, dass er einer der reichsten Bewohner der Stadt war.

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