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Nebel über Oxford

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Kapitel 1
  8. Kapitel 2
  9. Kapitel 3
  10. Kapitel 4
  11. Kapitel 5
  12. Kapitel 6
  13. Kapitel 7
  14. Kapitel 8
  15. Kapitel 9
  16. Kapitel 10
  17. Kapitel 11
  18. Kapitel 12
  19. Kapitel 13
  20. Kapitel 14
  21. Kapitel 15
  22. Kapitel 16
  23. Kapitel 17
  24. Kapitel 18
  25. Kapitel 19
  26. Kapitel 20
  27. Kapitel 21
  28. Kapitel 22
  29. Kapitel 23
  30. Kapitel 24
  31. Kapitel 25
  32. Kapitel 26
  33. Kapitel 27
  34. Kapitel 28
  35. Kapitel 29
  36. Kapitel 30
  37. Kapitel 31
  38. Kapitel 32
  39. Kapitel 33

Über die Autorin

Veronica Stallwood kam in London zur Welt, wurde im Ausland erzogen und lebte anschließend viele Jahre lang in Oxford. Sie kennt die schönen alten Colleges in Oxford mit ihren mittelalterlichen Bauten und malerischen Kapellen gut. Doch weiß sie auch um die akademischen Rivalitäten und den steten Kampf der Hochschulleitung um neue Finanzmittel.

Jedes Jahr besuchen tausende von Touristen Oxford und bewundern die alten, berankten Gebäude mit den malerischen Zinnen und Türmen und den idyllischen Fluss mit seinen Booten – doch Veronica Stallwood zeigt dem Leser, welche Abgründe hinter der friedlichen Fassade lauern.

Veronica Stallwood

Nebel über
Oxford

Ein Kate-Ivory-Krimi

Aus dem Englischen von
Ulrike Werner-Richter

Für Michèle Nayman

Meinen herzlichen Dank an Doris Taylor für die Hintergrundinformationen und an Keith Blount für die tolle Software.

Kapitel 1

Kate Ivory schloss die Haustür und ging in den wundervollen Frühherbstmorgen hinaus. Der Himmel wölbte sich dunkelblau über der Stadt, die warme Luft war nicht mehr so schwül wie im August. Kate erfreute sich an den Terracottatöpfen des Nachbarn, in denen die letzten dunkelroten Geranien ihre Pracht entfalteten. Sie blickte in den blauen Himmel hinauf. Ja, der vom Wetterbericht angekündigte Wetterwechsel würde sicher nicht mehr lange auf sich warten lassen.

In das ferne, vertraute Rauschen des Verkehrs mischte sich ein seltsames Murmeln.

Die Blumentöpfe vor Kates Haustür enthielten nur welke Blätter und schwarze Stängel, aus denen man nicht mehr auf die ursprüngliche Pflanze schließen konnte. Weil sie inzwischen auch eine andere Grünpflanze in ihrem Arbeitszimmer zu Tode gepflegt hatte, war sie nun auf dem Weg in die Stadt, um eine Grünlilie zu erwerben, eine Pflanze, die – hoffentlich – widerstandsfähig genug war, Kates Pflege und Aufmerksamkeit zu überleben. Beim Anblick der nachbarlichen Geranien nahm sie sich vor, außerdem noch ein paar Blumenzwiebeln zu kaufen. Wie wäre es mit buschig blühenden, rosa und grünen Zwergtulpen, weißen Narzissen und vielleicht ein wenig schlankem Zierlauch?

Kate ging die Straße entlang, überquerte die Walton Street und bog in die Little Clarendon Street ab, wo die Schaufenster der Boutiquen ihren raschen Schritt in Richtung der St. Giles Street ein wenig bremsten.

Während sie noch darüber nachdachte, ob ein eng geschnittenes Shirt mit halsfernem Rollkragen zu ihrem neuen, anthrazitfarbenen Blazer passen könnte, fiel ihr auf, dass das undeutliche Murmeln stärker geworden war. Es kam aus Richtung der St. Giles und bestand jetzt aus verschiedenen, einzeln erkennbaren Geräuschen: dem Schlurfen von vielen Hundert Füßen, skandierenden Stimmen und Gesängen. Am Ende der Little Clarendon Street stand eine vierschrötige Gestalt in einer leuchtend gelben Jacke mitten auf der Fahrbahn und wandte Kate den Rücken zu.

Aha, wieder einmal ein Demonstrationszug, der sich durch Oxford schlängelte.

Noch konnte Kate die Demonstranten nicht sehen, doch ihre Stimmen wurden lauter. Kate ging auf den teilnahmslos wartenden Polizisten zu.

»Was ist da los?«, erkundigte sie sich.

»Die St. Giles ist wegen der Demo gesperrt«, entgegnete er, ohne die Augen von der Straße zu wenden.

Von der Straßenecke aus spähte Kate die St. Giles hinunter in Richtung Innenstadt und Cornmarket. Die Platanen rechts von ihr streckten ihre Zweige mit den herbstgelben, langsam braun werdenden Blättern in den klaren, blauen Himmel. Eine schier unübersehbare Menge von Demonstranten näherte sich langsam. Die Leute hielten Spruchbänder und Plakate hoch. Kate konnte das Ende des Zuges, der die gesamte Straße einnahm, nicht erkennen.

»Ich muss zum Cornmarket«, erklärte sie dem Polizisten. Sie wollte sich dort nach Blumenzwiebeln umsehen und eine Kleinigkeit zum Mittagessen im Feinkostgeschäft kaufen, ehe sie sich um die Grünpflanze kümmerte.

»Zum Cornmarket? Da gehen Sie am besten hintenherum«, antwortete der Polizist.

»Na, so viele Demonstranten werden es ja wohl nicht sein, oder?«

»Ein paar Hundert sicher. Sie werden sich am Universitätsgelände versammeln, wo eine Kundgebung vorgesehen ist.« Er drehte sich kurz um und blickte sie an. »Wir fürchten, dass es Krawalle geben könnte; die Gruppierung hier zählt nicht gerade zu den friedlichsten. Gehen Sie lieber wieder nach Hause.«

Kate gefiel es absolut nicht, für ein Weichei gehalten zu werden. Was konnte ihr ein bisschen Krawall schon schaden? Sie blieb, wo sie war.

Die Spitze des Demonstrationszuges näherte sich. Kate hörte, wie der Anführer rief:

»Was wollen wir?«

»Stoppt die Folter!«, grölte der Pulk, der ihm folgte.

Die Stimme des Anführers überschlug sich fast. Die Demonstranten hinter ihm schwenkten ihre Spruchbänder und skandierten immer wieder die gleichen Worte, bis sie von den Gebäuden rechts und links der Straße widerhallten.

»Stoppt die Folter!«

Sofort dachte Kate an die Gefangenenlager in Guantanamo Bay. Ging es vielleicht um menschenunwürdige Verhörmethoden? Doch dann las sie die Worte auf den Spruchbändern. »Tierversuche – Nein danke!«

Kate ertappte sich bei dem Gedanken, dass die Demonstranten möglicherweise gut daran täten, ihre Prioritäten noch einmal zu überdenken.

An der Kirche St. Giles bog der Zug nach rechts in die Banbury Road ab. Kate konnte sehen, dass auf allen Plakaten in etwa die gleiche Botschaft zu lesen war. Die Menge sammelte sich vor den Universitätsgebäuden.

Kate drehte um und ging in Richtung Walton Street. Nach Hause wollte sie nicht zurückkehren, sondern versuchen, über Nebenstraßen die High Street zu erreichen und sich von dort zum Cornmarket durchzuschlagen. Als sie an der Boutique mit dem hübschen Rollkragenshirt vorüberkam, hörte sie von Ferne noch immer das Stampfen Hunderter Füße und raue, skandierende Gesänge.

Kapitel 2

An schönen, warmen Sommersonnentagen pflegten sich die jüngeren Mitglieder der Forschungsgruppe von Blake Parker auf dem Flachdach des Laborgebäudes zu treffen und gemeinsam Mittagspause zu machen. Jetzt war es September geworden, und sie genossen die vielleicht letzte Möglichkeit, sich in der Sonne zu aalen.

Auf dem Flachdach stand ein kleiner Bretterverschlag mit einem fleckigen Holztisch, einem halben Dutzend Klappstühlen und einem verblichenen Schild, auf dem »Kantine« stand, obwohl diese seit gut zwanzig Jahren nicht mehr in Betrieb war. Hartgesottene Mitglieder des Grüppchens suchten sogar an kühlen Regentagen die Hütte auf, um dort ihren Kaffee zu trinken und ihre Brote zu essen, doch an diesem Tag bestand keine Notwendigkeit, Schutz vor der Witterung zu suchen.

Die drei jüngsten der Gruppe, Sam, Kerri und Conor, hatten ihre Stühle in die pralle Sonne gezogen und genossen ihre Sandwichs. Ein wenig später gesellten sich auch Greg und Lucy zu ihnen.

In aller Regel achtete Sam nicht darauf, wie seine Kolleginnen gekleidet waren. Ihm fiel lediglich auf, dass Kerri in ihren Hüftjeans und einem kurzen, weißen T-Shirt, das einen hübschen Kontrast zu ihrer sonnengebräunten Haut bildete, ausgesprochen gut aussah. Die knallige Farbenpracht von Lucys Outfit stach jedoch selbst dem Unaufmerksamsten ins Auge.

»Hat einer von euch Candra gesehen?«, unterbrach Lucy Sams Tagträumerei.

»Ist sie nicht mit uns nach oben gekommen?«, fragte Sam und ertappte sich bei dem Gedanken, dass Lucys Klamotten nicht nur bunt, sondern geradezu schreiend waren. Sie trug ein Oberteil in Enzianblau, das die Sommersprossen auf ihrer blassen Haut unvorteilhaft betonte und ihre hellgrünen Augen wie Stachelbeeren wirken ließ. Mit ihrem blassroten Haar sollte sie sich wirklich mehr Gedanken um die Farben ihrer Kleidung machen, dachte Sam, und den schwarzroten Rock am besten gleich wegwerfen. Kerri hingegen konnte tragen, was sie wollte – sie sah immer umwerfend aus.

»Also, ich bin zwar kein Kontrollfreak, was euch angeht«, sagte Greg und legte eine kurze Pause ein, als erwarte er, dass die anderen das als Witz empfanden, »aber ich glaube, ich habe sie vor ungefähr zehn Minuten mit ihrem Lunchpaket und einer Flasche Wasser in Richtung des Universitätsparks gehen sehen.« Er nahm seine neue Brille ab und polierte sie mit einem kleinen Tuch. Sam dachte, dass Greg sich besser nicht für das schmale, schwarze Gestell hätte entscheiden sollen, denn es rückte seine ohnehin schon eng stehenden Augen noch näher zusammen. Die Brille mochte cool aussehen, aber sie stand ihm nicht.

»Dumm, dass sie das Wasser mitgenommen hat«, meinte Lucy. »Sie hätte mir etwas abgeben können.«

»Du willst doch nicht etwa behaupten, dass du zu faul bist, ein paar Stockwerke tiefer zum Wasserspender zu gehen?«, stichelte Greg.

Lucy überhörte den Seitenhieb. »Bestimmt lechzt sie den Typen vom Ruderachter hinterher.«

»Glaubst du wirklich, dass sich eine Frau, die nichts als Statistiken im Kopf hat, für Kerle in Lycra-Anzügen begeistert?«

»Ganz zu schweigen von muskulösen, schweißglänzenden Körpern.« Lucy nickte weise.

»Ich glaube nicht, dass sie wüsste, was sie mit einem muskulösen Männerkörper anfangen sollte – selbst wenn man sie mit der Nase darauf stieße.« Greg grinste.

»Es sei denn, es handelt sich um Blakes Körper«, gab Lucy zu bedenken.

»Ich dachte, du hättest ihr längst klargemacht, dass sie in deinen Jagdgründen wildert«, meinte Conor.

»Candra sitzt gern gemütlich auf einer Bank und füttert Enten«, erklärte Sam, dem es nicht gefiel, wie die anderen hinter ihrem Rücken über die Kollegin tratschten.

Bei der Vorstellung an derart kindische Vergnügen verzog Conor das schmale Gesicht zu einem durchtriebenen Feixen. »Blake ist übrigens auch noch nicht aufgetaucht«, bemerkte er listig, ohne Lucy aus den Augen zu lassen. »Ob er etwa mit Candra zu den Enten gegangen ist?«

»Blake? Der sitzt bestimmt in irgendeinem holzgetäfelten Saal herum, knabbert Fasanenschenkel und unterhält sich mit den anderen Professoren über Philosophie«, entgegnete Lucy betont locker, obwohl Sam erkennen konnte, dass Conors Bemerkung sie getroffen hatte.

»Professoren unterhalten sich nie über Philosophie«, widersprach Greg. »Bei denen geht es immer nur um Gelder für Forschungsprojekte und wie man am besten daran kommt. Ich glaube, das ist für diese Leute das Wichtigste in ihrem Leben. Ohne Geld keine Forschung.«

»Na ja, so krass kann man das sicher nicht sehen«, protestierte Lucy.

»Krass ist genau das richtige Wort für das, was hier abläuft«, stellte Conor fest.

»Halt den Mund, Conor«, mischte sich Sam freundlich ein. »Ich bin sicher, dass die Arbeit hier auch dann weiterginge, wenn die Pharmaindustrie uns die Zuwendungen kappen würde. Immerhin stehen wir ziemlich im Fokus der Öffentlichkeit.«

»Darauf würde ich mich nicht unbedingt verlassen«, sagte Greg. »Vielleicht gibt es keine finanzielle Alternative.«

»Hat einer von euch vielleicht einen Schluck Wasser für mich?«, fragte Lucy hoffnungsvoll.

»Negativ. Warum trinkst du nicht deinen Saft?«

»Weil ich zum Essen lieber Wasser trinke. Den Saft hebe ich mir als Nachtisch auf.«

»Die spinnt doch«, murmelte Conor. Er hatte eine Zigarettenschachtel aus der Tasche gezogen und drehte und wendete sie, weil er nicht glauben mochte, dass sie schon wieder leer war.

»Ach übrigens, Lucy«, begann Greg von Neuem, »du weißt hoffentlich, dass Blake in festen Händen ist. Er lebt mit einer Frau zusammen.«

»Ach wirklich? Und wieso bekommen wir die Dame dann nie zu Gesicht?«

»Vielleicht will er sein Privatleben nicht an die große Glocke hängen.«

Die Unterhaltung schleppte sich weiter. Sam dachte darüber nach, dass schon seit vielen Jahren Menschen auf dieses Dach hinaufstiegen, um in der schäbigen Hütte ihr Mittagessen zu verzehren, und dass er dadurch, dass er es ihnen gleichtat, eine lange Tradition fortsetzte. Er sprach den Gedanken allerdings nicht aus, weil er – übrigens sehr richtig – vermutete, dass die anderen seinen Respekt vor Traditionen nicht teilten.

»Was ist denn das?«, fragte Greg schläfrig und rieb einen Apfel an seinem Sweatshirt ab.

»Linsensalat«, sagte Lucy.

»Nein! Ich meine den Lärm da unten. Hört ihr das auch?«

Die anderen schwiegen und lauschten. Es hörte sich an wie ein ferner, Hochwasser führender Fluss.

»Irgendwelche Leute, die herumschreien«, stellte Kerri nervös fest.

»Scheint wieder mal eine Demo zu sein«, sagte Greg, der länger als die anderen im Labor arbeitete und an derartige Unterbrechungen gewöhnt war.

»Meinst du etwa, die schreien unseretwegen?«, fragte Kerri.

»Keine Sorge, Kerri. Demos sind hier an der Tagesordnung«, versuchte Lucy sie zu beruhigen und öffnete ihre Dose mit Cranberry-Saft. »Die meinen uns nicht persönlich.«

»Hört sich an, als wäre es ihnen bitterernst«, meinte Greg. »Aber ich glaube, hier oben können sie uns nichts anhaben«, fügte er an Kerri gewandt hastig hinzu.

Als der Lärm näher kam und lauter wurde, standen alle auf und spähten über die niedrige Brüstung nach unten.

»Ich habe Höhenangst«, sagte Kerri so leise, dass nur Sam sie hören konnte.

»Halt dich an mir fest. Ich lasse dich ganz bestimmt nicht fallen«, antwortete er fröhlich und legte einen Arm um ihre Schulter.

Conor lehnte sich weit über die Brüstung hinaus und drehte den Kopf in Richtung des Lärms. Schwindelgefühle schien er nicht zu kennen.

Als die Demonstranten um die Ecke bogen und sich den hohen, aus Glas und Beton bestehenden Universitätsgebäuden näherten, wurden die Geräusche lauter. Die auf dem Dach versammelte Gruppe konnte sogar einige Parolen deutlich verstehen.

»Was wollen sie dieses Mal?«, fragte Lucy gelangweilt.

»Das Übliche«, sagte Greg. »Tod den Wissenschaftlern und solches Zeug.« Seine Worte klangen flapsig, doch Sam konnte sehen, dass ihm die emporbrandende Aggression ebenso wenig gefiel wie Kerri oder Lucy.

Kerri zitterte ein wenig. Sam nahm sie fester in den Arm.

»Greg hat recht«, flüsterte er ihr zu, »hier oben sind wir sicher.«

»Mag sein«, mischte sich Greg, der Sams tröstende Worte gehört hatte, mit verbitterter Stimme ein. »Immerhin versuchen sie unsere Arbeit zu stören. Die Investoren sind davon sicherlich nicht gerade erbaut.« Unten auf der Straße wehte kein Windhauch. Die Demonstranten trugen T-Shirts und hatten ihre Jacken aufgeknöpft. Oben auf dem Dach blies eine leichte Brise Gregs lange, blonde Strähnen über seine Augen und behinderte so seine Sicht.

»Du denkst wirklich immer nur an Geld«, murrte Conor. »Was gehen uns die verdammten Investoren an?«

»Sie zahlen unser verdammtes Gehalt«, fuhr Greg ihn an.

»Nun übertreib mal nicht«, wandte Lucy ein. »Wir sind ein Teil der Universität und damit unabhängig.«

Greg lachte laut auf. Die Sonne spiegelte sich in seinen schmalen Brillengläsern. »Wer’s glaubt!«, höhnte er.

»Willst du etwa behaupten, dass Blake uns verkauft hat?«, forschte Conor nach. »Glaubst du, wir sind nur ein Rädchen im Getriebe einer kapitalistischen Verschwörung?«

»Stoppt die Folter!« Irgendeine akustische Besonderheit führte dazu, dass die Worte plötzlich so deutlich zu hören waren, als stünde der Rufer unmittelbar neben ihnen.

Es war der Anführer des Zuges, ein schlanker Mann mit hagerem Gesicht. Sam erkannte, dass er den Kopf hob, als wende er sich unmittelbar an das Grüppchen auf dem Dach, obwohl Sam nicht ganz sicher war, ob der Demonstrant sie überhaupt sehen konnte. Rechts und links des eher schmalen Anführers standen zwei Männer, deren Gesichter unter Wollmasken verborgen waren und die wie Preisboxer gebaut waren. Der Wortführer drehte sich zu einem seiner Begleiter um und sagte etwas, ehe er erneut schrie: »Was wollen wir?«

»Stoppt die Folter!«, johlte die Menge.

Zumindest sorgt der Lärm dafür, das Gerede von Conor und Greg zu beenden, dachte Sam.

»Mein Gott, wie langweilig«, nölte Lucy. »Das kennen wir doch alles schon!« Und sie trank den Rest ihres Saftes, als wolle sie beweisen, wie wenig sie sich aus alledem machte.

»Vielleicht sollten wir zusehen, dass wir allmählich von diesem Dach runterkommen«, schlug Conor vor. Er fühlte sich sichtlich unwohl. »Dieser Pöbel gefällt mir nicht.«

»Ach was«, wandte Sam ein. »Wir sind hier sicher. Und außerdem ist das da unten kein Pöbel, sondern eine Menschenmenge. Vielleicht hat der Typ etwas Neues zu sagen. Seht mal!«

Der Anführer hatte jetzt ein Megafon in der Hand und hob es an die Lippen.

»Jetzt hören wir ihn jedenfalls besser«, meinte Sam.

»Na toll! Willst du dir diesen Mist tatsächlich anhören? Oder sympathisierst du sogar mit den Kerlen?«, schimpfte Greg.

»Mörder!«, kam von unten eine verstärkte, blechern klingende Stimme. Kerri fuhr zusammen.

»Und so etwas unterstützt du?«, fragte Greg mit wütendem Gesicht. Sam stellte fest, dass Greg gern den kleinen Tyrannen gab, wenn er glaubte, dass er damit durchkam. Seine Sympathie für den Kollegen schrumpfte deutlich.

»Warum sollte Sam nicht auf Seiten der Tiere stehen?«, mischte sich nun auch Lucy ein. Ihr gefiel, dass Sam sich nicht unterkriegen ließ. »Wir alle lieben doch Tiere, oder etwa nicht?«

»Klar doch«, trumpfte Sam auf. Greg runzelte die Stirn. »Wir haben alle Biologie und Umwelttechnik studiert, weil wir uns für die Natur und ihre Abläufe interessieren. Es ist völlig logisch, dass uns die Tierwelt am Herzen liegt. Außerdem würde ich gern die Argumente des Typen da unten hören, ehe ich ihn in Grund und Boden verdamme.«

»Genau«, pflichtete Kerri ihm bei. Sie wurde ein wenig mutiger. »In gewisser Weise haben sie sicher auch recht. Denk doch nur mal an die Art und Weise, wie man auf manchen Bauernhöfen mit den Tieren umgeht.«

»Was hat denn das damit zu tun?«, knurrte Greg. »Schließlich werden wir hier nicht von machtbesessenen Veganern bedroht.« Er verlor sichtlich die Geduld. »Und wenn ihr beiden noch so viel Wert auf einen vernünftigen Dialog legt – die Spinner da unten warten sicher nicht darauf, mit euch zu reden oder eure Abschlusszeugnisse zu sehen. Und sie werden euch auch nicht glauben, wie innig ihr die Ratten da unten im Keller in ihren Käfigen liebt.«

Kerri verzog das Gesicht wie ein weinerliches Kind. »Jetzt hack doch nicht immer auf ihr herum«, schimpfte Sam, doch seine Stimme ging in den durch das Megafon verstärkten Stimmen unter.

Der Anführer unten hatte ihnen jetzt den Rücken zugewandt. Bis seine Worte von den Wänden der umliegenden Institute zurückgeworfen wurden, konnte man sie nicht mehr verstehen. Man erkannte nur noch die Wut, die in ihnen lag. Selbst Sam gab es auf, den Sinn herauszuhören.

»Tötet sie!«, schrie eine einzelne Stimme, die sich erschreckend scharf von dem allgemeinen Lärm abhob. Ein Spruchband mit einer nachlässig hingekritzelten Botschaft wurde vor den Fenstern des Labors geschwenkt. Conor lehnte sich wieder über die Brüstung und las laut vor: »In Erinnerung an Henry: gefoltert, geblendet, getötet.«

»Wer zum Teufel ist Henry?«, fragte Greg. Sein kanadischer Akzent klang deutlicher durch als sonst.

»Ein Makakenäffchen«, antwortete Lucy. »Ein Wildtier, das man für Experimente benutzte. Erinnert ihr euch nicht an den Aufruhr, als die Geschichte in allen Skandalblättern veröffentlicht wurde?«

»Vergiss den blöden Affen«, platzte Greg heraus. »Diese Leute da unten sollte man umgehend hinter Schloss und Riegel bringen. Mit welchem Recht dürfen die uns bedrohen? Wieso gestattet man ihnen, unsere Arbeit zu stören?«

»Schon mal was von Demonstrationsfreiheit gehört?«, wagte Kerri sich vor. Als die anderen sie anblickten, errötete sie bis über beide Ohren. »Die Leute da unten haben das Recht, sich frei zu äußern – auch wenn dir nicht passt, was sie sagen. Redefreiheit ist gesetzlich …« Ihre Stimme erstarb.

»Für dich als Praktikantin spielt es schließlich auch keine Rolle. Du bist nur noch ein paar Wochen bei uns, ehe du wieder zur Uni zurückkehrst. Für uns aber steht unser Job und damit unsere Zukunft auf dem Spiel«, erwiderte Greg mit finsterem Gesicht.

Die fünf auf dem Dach steckten die Köpfe eng zusammen, um sich trotz des Lärms im Hintergrund verständigen zu können, doch die erzwungene Nähe verstärkte ihre gegenseitigen Ressentiments.

»Kerri hat das Recht, ihre Ansichten frei zu äußern«, begann Sam und wollte gerade Noam Chomsky zitieren, als Greg ihm das Wort abschnitt.

»Klar, jeder von uns darf eine eigene Ansicht haben. Ich glaube, keiner von uns hier ist gegen das Wohlergehen der Tiere. Lucy ist Vegetarierin, ich esse nur Fleisch von Bio-Höfen, und Blakes Lebensgefährtin Marianne ist Veganerin. Aber dafür interessieren sich die Leute da unten nicht. Sie wollen nur Krawall. Sie sind Psychopathen, die sich zufällig dieses Jahr den Tierschutz auserkoren haben, um Terror zu machen. Meiner Ansicht nach gehören sie eingesperrt. Und wenn es das nächste Mal eine Demo gibt, die Tierversuche befürwortet, laufe ich mit und schwenke ein Fähnchen, okay?«

»Ob nun für oder gegen Tierversuche: Ich halte jede Demo für reine Zeitverschwendung«, schimpfte Conor und fuhr sich mit seinen nikotingelben Fingern nervös durch das fettige Haar. Kerri sah es und zuckte zusammen.

»Was hast du?«, fuhr er sie angriffslustig an.

»Nichts«, sagte sie.

Conor trat ein paar Schritte beiseite.

»Ihr könnt ja gerne weiterdebattieren und eure Zeit verschwenden. Mir ist es gleich, ob die da unten nur Spinner sind oder Terroristen. Und wenn sie anfangen, irgendwas hier heraufzuwerfen, werde ich mich schon zu wehren wissen.« Er begann auf dem Dach nach geeigneten Wurfgeschossen zu suchen.

»Mach bloß keinen Mist!«, rief Greg hinter ihm her. »Wenn du das tust, wirst du in null Komma nichts verhaftet. Und wenn du jemanden triffst, blüht dir eine Anklage wegen Körperverletzung.«

»Dazu müssten sie mich erst einmal kriegen«, murrte Conor, gab aber seine Suche widerwillig auf. »Jedenfalls bleibe ich nicht hier oben, und wenn ihr ein bisschen Grips im Kopf hättet, würdet ihr mitkommen. Kerri?«

»Ich bleibe bei Sam«, erklärte das Mädchen.

Conor zuckte die Schultern und verschwand durch die weiße Tür, von der die Farbe abblätterte, ins Treppenhaus. Die Zurückbleibenden hörten, wie seine Schritte auf der Treppe verhallten, und wandten sich wieder dem Geschehen auf der Straße zu.

Wortfetzen drangen megafonverstärkt zu ihnen nach oben.

»Alle … schuldig!«

»Mörder!«

»Strafe!«

Plötzlich sagte Greg: »Hey, ist das da drüben nicht Conor?« Er zeigte auf eine schmale Gestalt, die sich am Rand des Demonstrationszuges vorbei in Richtung des Parks drängte und nur langsam vorwärtskam. »Ist der Kerl noch ganz dicht? Wo will er hin?«

»Das könnte tatsächlich Con sein«, meinte Lucy mit zusammengekniffenen Augen. »Fettiges Haar hat er jedenfalls. Aber von hinten ist es schwer zu sagen.«

In diesem Augenblick drehte sich die Gestalt um, und sie konnten das Gesicht erkennen.

»Ja, das ist Conor.« Sam nickte.

»Sieht fast so aus, als würde er sich mit einem der Demonstranten unterhalten«, sagte Lucy. »Vielleicht ist es einer seiner Kumpel.«

»Na ja, sehr freundschaftlich scheint es bei denen aber nicht zuzugehen«, wandte Sam ein und lehnte sich weiter nach vorn, um besser sehen zu können. »Ich würde fast sagen, die beiden da unten streiten sich.«

»Hoffentlich erklärt er seinem Kumpel, was für ein Volltrottel er ist«, meinte Greg.

»Der Kerl ist ein gutes Stück größer als Con«, sagte Kerri.

Die Menge geriet in Aufruhr, und sie verloren die beiden Streithähne kurz aus den Augen. Irgendwann streckte Lucy den Arm aus und rief: »Da ist er!«

»Ist alles in Ordnung mit ihm?«, erkundigte sich Kerri.

»Zumindest sehe ich kein Blut«, flachste Lucy. »Allerdings sieht er stinksauer aus.«

»Das ist doch nichts Neues«, höhnte Greg.

Conor entfernte sich mit gesenktem Kopf und sichtlich verärgert vom Labor.

»Warum haben die beiden sich wohl gestritten?«, überlegte Kerri.

Sie bekam keine Antwort. Die Menge auf der Straße skandierte jetzt wieder lautstark ihre Parolen und schwenkte die Spruchbänder im Takt dazu. Der Anführer ließ sie einige Zeit gewähren, ehe er wieder das Megafon an die Lippen hob und sich laut, deutlich und langsam an die Fenster des Labors zu wenden schien. »Wir gehen jetzt. Niemals aber vergessen wir die Verbrechen, die hier begangen werden. Ihr werdet wieder von uns hören!«

Mit einem Lächeln auf dem hageren Gesicht wandte er sich um und führte die Demonstranten die Parks Road hinunter in Richtung High Street. Die Kundgebung löste sich nun offenbar auf, denn ihm folgte nur noch eine Handvoll Unermüdlicher. Binnen kürzester Zeit war es auf dem Platz vor dem Labor still und friedlich wie zuvor.

»Das war’s mit dem Unterhaltungsprogramm«, sagte Greg. Ihm schien eingefallen zu sein, dass er der Senior der Gruppe war. »Zurück an die Arbeit.«

In diesem Augenblick jedoch hob sich das Dach, auf dem sie standen, wie ein Schiffsdeck und sackte sofort wieder zurück. Die vier jungen Leute hatten Mühe, das Gleichgewicht zu halten. Sie waren starr vor Schreck. Fast im gleichen Moment fuhr ein Donnerschlag durch das ganze Haus. Man hörte das Prasseln kleiner Steine.

Dann war es still.

»War das ein Erdbeben?«, flüsterte Lucy.

Zumindest glaubte Sam, so etwas verstanden zu haben. Lucys Lippen bewegten sich, aber ihre Stimme konnte er kaum hören, obwohl er unmittelbar neben ihr stand. Ein hoher, unangenehmer Pfeifton schrillte in seinen Ohren.

Greg zu seiner Linken beugte sich hustend und spuckend über die Brüstung, um nachzusehen, was passiert war. Er deutete nach unten. Sam lehnte sich ebenfalls über das Mäuerchen.

»Himmel!«, murmelte er.

»Was ist los?« Auch Kerris Frage musste Sam ihr von den Lippen ablesen. Sie schüttelte Sams Arm, traute sich aber nicht, selbst nach unten zu schauen. Tränen der Angst liefen ihr über das staubige Gesicht.

Greg schüttelte den Kopf. Hinter ihm sah Sam eine dicke, mit Papierfetzen durchsetzte Staubwolke aufsteigen.

Lucy kam mit unsicheren Schritten ebenfalls auf Sam zu und beugte sich über die Brüstung.

Nein, kein Erdbeben – eher eine Explosion, dachte Sam. Tief in seinem Kopf summte es noch immer.

»War das eine Bombe?«, schrie Kerri, doch ihre Stimme klang für Sam wie das Piepsen eines kleinen Vogels.

Sam streckte die Hand aus, um sie zu trösten. Er spürte, wie ihr Arm unter seinem Griff zitterte, zog sie von der Brüstung fort, wies auf die Tür und winkte den anderen, ihm zu folgen. Falls eine weitere Explosion folgen sollte und das Gebäude zusammenbrach, wäre das Dach nicht gerade der sicherste Aufenthaltsort.

Greg jedoch schüttelte den Kopf und bedeutete dem Grüppchen, an Ort und Stelle zu bleiben, bis er das Treppenhaus untersucht hätte. Wenig später kehrte er zurück, nickte und ging ihnen mit erhobener, zu Vorsicht mahnender Hand voran nach unten.

Kerris Mund stand offen. Möglicherweise stöhnte sie oder schrie sogar, doch keiner von ihnen konnte sie hören.

Lucy griff nach Kerris freier Hand, um ihr ein Gefühl von Sicherheit zu geben. Sie und Sam hielten sich auf der Treppe dicht neben dem Mädchen. Die Beleuchtung war ausgefallen, und natürlich hatte keiner von ihnen eine Taschenlampe dabei. Unsicher und zögernd tasteten sie sich die Stufen hinunter. Jetzt erst wurde ihnen klar, dass etwas Furchtbares geschehen sein musste.

Die ersten Sirenen von Feuerwehr und Polizei waren zu hören, doch die vier jungen Leute vernahmen nichts als das schrille Pfeifen in ihrem Kopf.

Kapitel 3

Blake Parker hatte sich auf dem Institutsparkplatz eine ruhige Ecke gesucht und sprach eifrig in sein Mobiltelefon. Mit der grauen Staubschicht auf Gesicht und Haaren wirkte er viel älter als die siebenunddreißig Jahre, die er tatsächlich zählte. Wenn er beim Sprechen die Stirn runzelte, gruben sich tiefe, dunkle Falten in seine Haut.

»Selbstverständlich«, sagte er gerade. »Ich gebe Ihnen völlig recht. Dass es sich hier um einen sehr ernsten Zwischenfall handelt, dürfte niemand bestreiten.« Er hielt inne, weil er einen heftigen Wortschwall über sich ergehen lassen musste. »Einen Augenblick bitte! Wir sollten nicht übertreiben«, wandte er schließlich ein. »Es hätte deutlich schlimmer kommen können.« Sein Gesprächspartner jedoch fuhr fort, auf ihn einzureden, als hätte er kein Wort gesagt.

Blakes Augen folgten einer jungen Frau, die über den Parkplatz zu einem roten Toyota eilte. Sie trug ein weißes Tanktop und einen kurzen Jeansrock, was ihre gebräunten Arme und Beine vorteilhaft betonte. Als sie Blakes Blick bemerkte, lächelte sie ihm flüchtig zu. Ihre Beine waren für seinen Geschmack etwas zu dick, registrierte er ein wenig enttäuscht, doch der Inhalt des Oberteils sah vielversprechend aus. Als das Mädchen sich umdrehte, um ihre Einkäufe im Kofferraum zu verstauen, stellte sie fest, dass sein Blick ihr noch immer folgte, und runzelte die Stirn. Blake lächelte sie freundlich an, doch sie ließ die Kofferraumtür rasch ins Schloss fallen, klemmte sich hinter das Steuer, ließ den Motor unnötigerweise laut aufheulen und fuhr davon.

Man kann nicht alle haben, dachte Blake und widmete sich wieder seinem Telefonat. Er verspürte eine schier unwiderstehliche Lust, sich eine Zigarette anzuzünden, doch er wusste genau, dass der gestrenge Mr Browne am anderen Ende der Leitung das Klicken des Feuerzeugs und den ersten genüsslichen Zug richtig interpretieren und keinesfalls gutheißen würde. Das war der deutliche Nachteil, wenn man sich auf amerikanische Geldgeber einließ: Toleranz für den mäßigen Genuss von Alkohol und Nikotin war für sie ein Fremdwort. Widerwillig lauschte er der rauen Stimme seines Gesprächspartners, die immer wieder die gleichen Punkte zur Sprache brachte.

»Ich brauche absolute Gewissheit, dass alle Mitglieder Ihres Teams unverletzt sind, Blake.«

»Ich sagte Ihnen doch bereits, dass das der Fall ist. Sie sind samt und sonders in Sicherheit.«

»Gut. Außerdem brauche ich eine Liste aller Schäden, die im Labor entstanden sind, und zwar detailliert. Mailen Sie mir umgehend, welche Geräte ersetzt werden müssen. Sie sollten so schnell wie irgend möglich die Arbeit wieder aufnehmen. Bei Ihrem Auftrag handelt es sich um eine Art Wettrennen, und wir können es uns beim besten Willen nicht leisten, auf dem zweiten Platz zu landen.«

»In Ordnung. Ich muss Sie allerdings darauf hinweisen, dass es wahrscheinlich einen Augenblick dauern wird, bis ich einen funktionsfähigen Computer gefunden habe.« Er räusperte sich. Der verdammte Staub kroch in jede Ritze, und der einzige Weg, ihn wieder loszuwerden, war vermutlich ein doppelstöckiger Whisky. Dabei wäre es ihm sogar egal, wenn der Drink mit Eiswürfeln und Sodawasser gepanscht wäre.

»Welche Sicherheitsmaßnahmen haben Sie in die Wege geleitet? Sie müssen zusehen, dass diese Irren Ihnen nichts anhaben können.«

»Unser Sicherheitsbeauftragter wird sich direkt mit Ihnen in Verbindung setzen«, sagte Blake müde. »Ich finde, das Wichtigste ist tatsächlich, das niemandem etwas passiert ist. Unsere Sicherheitsvorkehrungen sind wirklich hervorragend, und dass die gesamte Belegschaft mit heiler Haut davongekommen ist, beweist doch, dass wir die richtigen Maßnahmen ergriffen haben.« Jetzt rede ich schon genauso geschwollen daher wie Mr Browne, dachte Blake angewidert.

»Ich verstehe durchaus, dass Sie es eilig haben, nach Hause zu kommen, Blake. Sie sehnen sich sicherlich nach einer Dusche und einem starken Drink, aber ehe Sie gehen, müssen wir noch ein, zwei Dinge klären.«

»Ich muss unbedingt mit dem Team reden. Und dann muss ich …«

»Schon gut, ich merke, dass Sie am Ende sind.« Das Mitgefühl in Mr Brownes Stimme klang nicht echt. Blake fühlte geradezu, wie sein Name mit einer negativen Markierung versehen wurde. »Leider ist es nun einmal so, dass irgendwer in Ihr Labor marschiert ist und dort eine Bombe gelegt hat. Es fällt mir nicht leicht, Ihnen Ihre Illusionen zu rauben, Blake – aber wenn Ihr Sicherheitssystem wirklich so gut ist, wie Sie behaupten, dann muss jemand aus Ihrem Team die Hände im Spiel gehabt haben.«

»Das kann ich einfach nicht glauben. Wir sind eine kleine, sehr harmonische Gruppe und gehen ganz in unserer Arbeit auf.« Eine schlanke Frauengestalt schlenderte durch Blakes Gesichtsfeld. Er wandte den Kopf und blickte ihr nach.

»Ich bitte Sie lediglich, die Möglichkeit im Hinterkopf zu behalten, wenn Sie mit Ihrem Team sprechen und Ihren Aufgaben nachgehen. Ich will nicht einmal behaupten, dass der- oder diejenige den Anschlag bewusst herbeigeführt hat; vielleicht ahnte er oder sie sogar überhaupt nichts davon, sondern wurde unbewusst ausgenutzt.«

»Nun ja …«

»Dr. Parker?«

Eine eindringliche Stimme ertönte hinter ihm.

»Ich werde gebraucht, Mr Browne«, sagte Blake ins Telefon.

»Selbstverständlich. Trotzdem muss ich Sie bitten, Ihren Gesprächspartner noch einen Moment warten zu lassen.«

Blake blickte sich um und erkannte jemanden vom technischen Service. »Hat die Angelegenheit noch einen Augenblick Zeit, Geoff?«, erkundigte er sich. Der Mann nickte. »Zwei Minuten«, bedeutete er dem Angestellten und achtete darauf, dass auch sein Gesprächspartner am Telefon seine Worte hörte.

»Haben Sie meine Bedenken zur Kenntnis genommen, Blake?«

»Ich werde meine Leute fragen«, antwortete Blake kurz angebunden. »Trotzdem glaube ich nicht daran. Mein Team besteht aus hochintelligenten Leuten.«

»Die möglicherweise ein wenig weltfremd sind. Nicht, dass Sie mich missverstehen, Blake. Ich will niemanden aus Ihrem Team der Illoyalität beschuldigen, aber wäre es vielleicht möglich, dass sich in der Gruppe ein Sympathisant befindet? Jemand, dem – wie selbstverständlich uns allen – das Wohlergehen der Tiere am Herzen liegt und der unwissentlich in eine Extremistengruppe geraten ist?«

»Auch das ist eher unwahrscheinlich.« Blake ging das sinnlose Gespräch auf die Nerven. Seine Augen juckten, seine Kleidung starrte vor Staub, und er musste endlich herausfinden, was zum Teufel in seinem Labor überhaupt passiert war. Trotzdem wusste er, dass er Browne nicht loswerden würde, ehe er nicht alle seine Fragen beantwortet hatte.

»Mir schwebt da ein junger, noch sehr beeinflussbarer Mensch vor«, sagte Browne und wartete auf Blakes Antwort.

»Ich glaube nicht, dass jemand aus meinem Team bereit wäre, Menschenleben in Gefahr zu bringen.«

»Okay, ich warte auf Ihren Bericht. Und bitte mailen Sie mir eine Liste all Ihrer Angestellten mit dem jeweiligen Einstellungsdatum und allem, was sonst noch wissenswert über sie sein könnte. Nur damit wir auf der sicheren Seite sind.«

»Ich bin mir nicht sicher, ob diese Dinge nicht dem Datenschutz unterliegen.«

»Mein Unternehmen trägt den Löwenanteil Ihrer Gehälter. Ich denke also, wir haben ein Recht zu erfahren, mit wem wir es zu tun haben – vor allem, wenn die Gefahr besteht, dass diese Mitarbeiter unseren Investitionen schaden.«

»Na gut, wenn es unbedingt sein muss.«

»Wie lange, glauben Sie, werden Sie nicht im Labor arbeiten können?«

»Zunächst müssen wir abwarten, was die Statiker sagen. Morgen können wir mit etwas Glück einen Teil des Gebäudes schon wieder nutzen. Im Büro sieht es am schlimmsten aus, aber im Rest des Labors hat es auf den ersten Blick nur kleinere Schaden gegeben.«

»Das hört sich ja recht tröstlich an. Aber wenn Sie jetzt wieder dort hineingehen, Blake, dann denken Sie bitte daran, dass irgendwer versucht hat, Sie umzubringen.«

»Das bezweifele ich. Wenn die Bombe tatsächlich von Tierschützern gelegt wurde, wollten sie wohl eher unsere Arbeit stoppen, vielleicht auch Eigentum beschädigen, aber bestimmt nicht töten.«

»Trotzdem haben sie das Risiko in Kauf genommen.«

»Der Sprengsatz detonierte um dreizehn Uhr fünfunddreißig in unserem Büro, das jeden Tag zwischen ein und zwei Uhr geschlossen ist. Es liegt an der Vorderseite des Gebäudes. Jeder konnte durch das Fenster schauen und sehen, dass niemand anwesend war.«

»Ich habe gehört, dass unmittelbar vor der Explosion in der Nähe eine Demonstration stattgefunden hat. Wissen Sie zufällig, ob die Polizei die Anführer festgenommen hat?«

»Die Polizei wird wohl zunächst nach dem Grund für die Detonation suchen, ehe sie Leute verhaftet. Als es passierte, hatte die Kundgebung sich bereits aufgelöst, und es ist sehr unwahrscheinlich, dass einer der Teilnehmer eine Bombe durch das Fenster geworfen hat. Wenn die Spurensicherung da war, werden wir sicher Näheres erfahren.«

»Sagten Sie eben, dass um die Mittagszeit niemand anwesend war?«

»Ein paar meiner Leute arbeiteten im Labor, aber glücklicherweise wurde weder jemand verletzt noch gab es größere Materialschäden. Mehr Sorgen bereitete uns unmittelbar nach der Explosion eine Gruppe jüngerer Teammitglieder, die ihre Mittagspause auf dem Flachdach verbrachten, doch sie waren alle in der Lage, aus eigener Kraft über den Schutt im Treppenhaus zu klettern und sich außerhalb des Gebäudes in Sicherheit zu bringen. Keiner von ihnen ist verletzt. Die Fakultät hat uns einen Raum zur Verfügung gestellt, wo sie mit warmen Getränken versorgt werden und nun auf mich warten. Ich muss jetzt so schnell wie möglich zu ihnen und sie informieren, was vorgefallen ist.«

»Wurden sie ärztlich untersucht? Nicht, dass da irgendwelche Schmerzensgeldforderungen auf uns zukommen!«

»Sie wurden alle durchgecheckt.«

»Und wie haben Ihre Leute sich verhalten?«

»Wir hatten schon so viele Bombendrohungen, dass jeder im Team genau weiß, wie er sich zu verhalten hat, und keine Panik ausbrach. Diejenigen, die sich innerhalb des Gebäudes aufhielten, sammelten sich auf dem Parkplatz, und wir haben sofort die Liste der Anwesenden mit der Liste der Leute, die sich zum Mittagessen abgemeldet hatten, abgeglichen. Nicht ein Einziger hat gefehlt. Und alle sind wild entschlossen, so schnell wie möglich wieder mit der Arbeit zu beginnen.«

»Das ist gut zu hören. Ich bin sicher, Sie geben Ihr Bestes, die Leute bei Laune zu halten.«

»Vielen Dank für Ihr Vertrauen. Aber jetzt sollte ich wirklich …«

»Noch eine Bitte, ehe Sie gehen, Blake. Erzählen Sie mir kurz etwas über die jüngeren Teammitglieder.«

Was hatte der Mann mit den jungen Leuten?

»Sie sind alles andere als rebellisch, wenn Sie das meinen. Zwei von ihnen sind Stipendiaten der Universität, zwei weitere haben ihre Examina abgelegt und arbeiten schon mehr als ein Jahr für uns, die fünfte ist unsere Statistikerin. Außerdem gibt es noch einen Labortechniker, der sich in seiner Freizeit fortbildet. Es sind also wirklich keine Problemkinder!« Blakes Stimme wurde ungeduldig.

»Wie Sie meinen!«

»Ich werde mir alle Mühe geben, Sie noch vor dem Wochenende wieder anzurufen, allerdings kann ich erst wieder in mein Büro zurückkehren, wenn es als vollständig sicher gilt«, sagte Blake.

»Ich will Sie keinesfalls unter Druck setzen, Blake, und werde bei der Unternehmensleitung ein gutes Wort für Sie einlegen, was Ihre finanzielle Unterstützung betrifft. Aber ich glaube ohnehin kaum, dass es durch den Zwischenfall zu Zahlungsverzögerungen kommen wird.«

Blake ließ einige Sekunden verstreichen, ehe er antwortete. »Ich freue mich, das zu hören.«

»Sicher verstehen Sie, dass der Chef ein wenig nervös ist. Zumindest so lange, bis Sie wieder arbeiten und Ermittlungen nach den Tätern angestellt werden. Aber ich bin ganz sicher, dass alles wieder ins Lot kommt. So etwas darf keinesfalls noch einmal geschehen, nicht wahr? Oder etwa Schlimmeres, Gott behüte. Das würde uns ein Vermögen … Hey, ich weiß, ich klinge jetzt wie ein bitterböser, geiziger Unternehmer, weil ich gleich nach einem für Sie so schrecklichen Ereignis von Geld rede, aber wir dürfen diesen Aspekt nicht aus den Augen verlieren. Schließlich wollen Sie sicher nicht eines Morgens aufwachen und nicht wissen, wie Sie Ihre Rechnungen bezahlen sollen.«

Es fiel Blake nicht leicht, ruhig zu bleiben. »Ich werde daran denken. Aber jetzt muss ich wirklich auflegen, Mr Browne.«

»Sie und ich, wir wissen beide, dass wir nicht allein des Geldes wegen in diesem Geschäft sind. Aber leider sitzen in der Unternehmensleitung Leute, die weniger idealistisch sind als wir.«

Scheißkerl, dachte Blake, als er sein Handy zuklappte und feststellte, dass seine Hand zitterte. Erst gibt er sich mitfühlend, und dann droht er, uns den Geldhahn zuzudrehen. Oh ja, es sollte wie ein Scherz klingen, aber der Typ meinte es verdammt ernst.

Eines aber blieb noch zu tun, ehe er nach oben in den Konferenzraum ging. Hastig blickte er sich auf dem Parkplatz um. Von seiner Abteilung war niemand in Sicht. Blake zog ein Päckchen Zigaretten aus der Tasche, zündete sich eine an und inhalierte einen tiefen, langen, genüsslichen Zug. Es war nicht seine, sondern Mariannes Idee gewesen, mit dem Rauchen aufzuhören, aber wenn je eine Dosis Nikotin mehr als gerechtfertigt war, dann jetzt. Sein Team sollte nicht sehen, wie aufgewühlt er war, und so wartete er, bis seine Hände zu zittern aufhörten, ehe er nach oben ging, um mit seinen Leuten zu sprechen.

Kapitel 4

»Wieso sitzen wir eigentlich hier? Warten wir auf die nächste Bombe?« Die schrille, hysterische Stimme übertönte das allgemeine Gemurmel im zur Verfügung gestellten Konferenzraum. Bisher hatten sich alle mehr oder weniger zurückgehalten, doch jetzt wurde die Angst der Leute spürbar.

»Sie haben das ganze Gebäude durchsucht, ehe sie uns hier hereingelassen haben«, versuchte Greg die Anwesenden zu beruhigen. Aber stimmte das auch? Er hoffte es zumindest.

Weil man die Fenster wegen des Staubs hatte schließen müssen, war die Luft in dem überfüllten Raum abgestanden. Auf jeder ebenen Oberfläche standen leere Teetassen herum, und überall lagen Kekskrümel. Das halbe Dutzend Leute, das sich in oder auf dem Gebäude aufgehalten hatte, als der Sprengsatz explodierte, war ausnahmslos von den Sanitätern untersucht worden. Glücklicherweise hatte niemand einen Arzt gebraucht, und obwohl das schrille Pfeifen in ihren Ohren noch nicht verstummt war, konnten alle verstehen, was gesagt wurde.

»Worauf warten wir eigentlich?«, fragte Lucy und sprach damit die Gedanken aller Anwesenden aus. »Warum lässt man uns nicht einfach nach Hause gehen?«

»Weil wir uns erst noch die Ansprache des Chefs anhören müssen«, grantelte jemand.

»Ich wünschte, er käme endlich«, sagte Lucy. »Wo bleibt er denn?« Staub bedeckte ihr rotgoldenes Haar, verursachte ihr ein raues Gefühl auf der Haut und sorgte für tiefe, dunkele Linien zwischen ihren Augen. So ähnlich würde sie vielleicht eines Tages mit sechzig aussehen.

»Blake hat jetzt eine Menge um die Ohren«, lenkte Greg ein.

»Ich auch«, gab Lucy schnippisch zurück. »Und außerdem will ich endlich nach Hause. Ich brauche einen anständigen Drink und will über meine Zukunft nachdenken.«

Conor war wieder aufgetaucht und saß mit Kerri und Sam in einer ruhigen Ecke.

»Wir haben dich auf der Parks Road gesehen«, sagte Sam. »Wo wolltest du hin?«

»Mich wollt ihr gesehen haben? Unmöglich.«

Kerri runzelte die Stirn. »Sah aber ganz nach dir aus.«

»Die Stadt ist voll von Typen, die mir ähnlich sehen.«

»Es sah aus, als hättest du dich mit einem Kumpel getroffen«, berichtete Kerri.

»Warum interessiert euch das? Was wollt ihr von mir?« Conor blickte finster drein und lehnte sich so weit zurück, dass sein Stuhl nur noch auf zwei Beinen wippte.

»Immer schön cool bleiben, Conor. Es ist doch nichts dabei. Bei uns allen liegen die Nerven ein bisschen blank«, versuchte Sam ihn zu beruhigen.

»Jedenfalls habe ich niemanden getroffen. Ich bin nur hinter dem Haus gewesen und habe eine geraucht.« Conor starrte Kerri an, als wolle er sie zum Widerspruch herausfordern.

»Tatsächlich? Dann hast du vielleicht jemanden gesehen?«, erkundigte sich Sam und versuchte die Erinnerung an Conors leere Zigarettenschachtel auf sich beruhen zu lassen.

»Was meinst du?«

»Wäre doch möglich, dass du den Bombenleger gesehen hast«, hakte Sam nach.

»Meinst du etwa den Mann mit der schwarzen Gesichtsmaske, der ein schweres, rundes Paket durch die Hintertür schleppte? Mal im Ernst: Willst du mich auf den Arm nehmen?«

»Hast du wirklich nichts gesehen? Es könnte wichtig sein.«

»Wie schon gesagt, ich habe nur eine geraucht. Ich konnte die Spinner hören, aber ich stand bei den Fahrradunterständen, und da war niemand.«

»Wolltest du nicht mit dem Rauchen aufhören?«, fragte Kerri.

»Mir geht es wie Blake Parker. Ich rauche nur, wenn ich Stress habe«, antwortete Conor.

»Das ist zumindest ein Anfang«, sagte Sam und rückte seinen Stuhl näher an den von Kerri heran. »Aber eigentlich hatten wir doch nicht besonders viel Stress, ehe der Sprengsatz in die Luft flog.«

Conor beachtete ihn nicht weiter, sondern bemühte sich um Kerris Aufmerksamkeit. Das Mädchen aber hörte Sam gebannt zu.

»Kein ganzes Jahr«, sagte der gerade. »Etwas mehr als sechs Monate.«

»China.« Kerri seufzte sehnsüchtig. »So weit weg. Ich wollte, ich könnte mitkommen.«

»So weit muss man gar nicht fahren, wenn man seiner Familie entkommen möchte.«

»Ich verstehe überhaupt nicht, warum du das willst. Ich würde mich freuen, wenn sich meine Mutter für mein Leben interessierte.«

Sam wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Natürlich war es schön, eine große, fröhliche Familie zu haben, doch schon in jüngeren Jahren hatte er es manchmal einengend gefunden. Seit Langem schon sehnte er sich danach, fortzugehen und endlich genügend Freiräume für eigene Entscheidungen zu haben. Kerri hingegen lebte in einer Art Vakuum; niemand kümmerte sich darum, ob oder was sie aß und ob sie saubere Wäsche zur Verfügung hatte. Würde sie wirklich auf ihn warten, bis er nach Oxford zurückkam?, überlegte er. Oder hätte sie dann längst an jemand anderem Interesse? Conor wäre es bestimmt nicht, dessen war sich Sam ziemlich sicher. Zumindest im Moment nahm sie nicht die geringste Notiz von ihm, sondern starrte in ihren leeren Teebecher, als berge er die Antwort auf alle Lebensfragen.

»Was hast du?«, fragte Sam leise.

»Ich habe den Eindruck, dass mich hier keiner besonders mag. Meinst du, sie schmeißen mich raus?« Sie blickte Sam mit ihren großen, braunen, ängstlich dreinblickenden Augen an.

»Du spinnst doch!«, mischte sich Conor ein. »Wer sollte etwas gegen dich haben? Was soll der Mist?«

»Na, die dort.« Mit dem Kopf wies sie auf die anderen Leute im Raum.

»Niemand hat etwas gegen dich. Und warum sollten sie dich rauswerfen?« Sam verstand sich darauf, Kerris Selbstbewusstsein aufzurichten. Aber wer würde das an seiner Stelle tun, wenn er fort war?

Ihre Unsicherheit verwirrte ihn. Sie hatte ein Stipendium, genau wie er. Gemeinsam arbeiteten sie unter der Leitung des weltberühmten Dr. Blake Parker in einer Forschungsgruppe zur Untersuchung degenerativer Hirnerkrankungen. Sam und Kerri waren mit kleineren Teilprojekten betraut, unterstanden Greg Eades und wurden während ihres zweimonatigen Praktikums vom gesamten Team wie vollwertige Mitglieder behandelt. Sam legte dem Mädchen sanft den Arm um die Schultern, nur um ihr zu zeigen, dass er da war und sich um sie kümmerte. Er spürte, wie sie dankbar lächelte. Wenige Sekunden später nahm er seinen Arm wieder weg, um sie nicht in Verlegenheit zu bringen.

»Sie sind der Ansicht, dass ich auf Seiten des Tierschutzes stehe«, erklärte sie.

»Aber dem ist nicht so, oder?«

»Nein, es stimmt durchaus«, sagte Kerri zaghaft. »Zumindest bin ich der Meinung, dass auch Tiere Rechte haben, die wir nicht missbrauchen dürfen.«

»Und was ist mit der Arbeit hier im Labor?«

»Die halte ich auch für richtig.« Sie brach ab, weil sie feststellte, dass sie sich in ihrer Argumentation verhaspelte. »Auf keinen Fall stehe ich auf Seiten der Extremisten. Aber Greg schien ernstlich wütend auf die Demonstranten zu sein, und ich glaube, Lucy und Candra sehen es ähnlich. Blake natürlich auch.« Sam bemerkte, dass sie im Geiste die Leute zählte, die gegen sie waren. »Ich aber bin der Meinung, dass die Demonstranten in einigen Punkten recht haben. Mit Gewalt habe ich absolut nichts im Sinn, aber ich finde es richtig, dass Menschen sich gegen Grausamkeiten an Tieren einsetzen, zumal dann, wenn es andere Forschungsmöglichkeiten gibt.«

Es war eine der längsten Äußerungen, die Sam und Conor je von Kerri gehört hatten. Beide nickten zustimmend.

»Jeder vernünftige Mensch würde mit mir übereinstimmen, dass die Bombe heute einfach zu weit ging«, fuhr Kerri fort. Allmählich kam sie in Fahrt, zumal niemand ihr widersprach. »Außerdem ist mir klar, dass das, was wir hier tun, äußerst wichtig für Parkinsonpatienten werden kann, und …«

»Nur alte Knacker kriegen Parkinson«, unterbrach Conor, den Kerris ernsthafte Argumente längst langweilten. »Alte Knacker, die ohnehin bald hinüber sind. Warum sollten wir Tiere opfern, um Tattergreise am Leben zu erhalten?« Conor, der ein oder zwei Jahre älter war als Sam und Kerri, arbeitete als Labortechniker und hatte nebenher ein Studium aufgenommen. Er drückte sich bewusst nachlässig aus; es schien ihm Spaß zu machen, Sam aufzuziehen. Vielleicht war er auch ein wenig eifersüchtig auf die Blicke, die Kerri Sam zuwarf, und dass sie ihm gestattete, den Arm um ihre Schulter zu legen.

»Nicht alle Parkinsonpatienten sind alt«, widersprach Sam. »Emma hat da eine Freundin …« Als er bemerkte, dass die beiden anderen nicht zuhörten, brach er ab. »Immerhin ist Kerri konsequent, was das Wohlergehen der Tiere angeht.«

»Mir liegt das Wohlergehen der Tiere ebenfalls am Herzen«, trumpfte Conor streitsüchtig auf. »Es gehört sogar zu meinem Job.«

»Aber unterstützt du auch die Forderungen der Demonstranten?«

»Ach, darüber kann man doch nur lachen.« Conor zuckte die Schultern.

»Heute nicht«, wandte Kerri ein.

»Und du wärst der Erste, der seinen Job verliert, wenn Tierversuche verboten würden«, fügte Sam gewitzt hinzu.

»Es gibt genügend andere Labors. Ich würde sicher schnell wieder einen Job finden.«

»Kerri ist Vegetarierin. Aber was ist mit dir, Conor?«, fragte Sam weiter. »Bist du der Ansicht, dass Tierversuche nicht in Ordnung sind, aber dass man Tiere töten darf, um sie zu essen?«

»Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass Blake und seinesgleichen Blödmänner sind. Und wieso stellst du eigentlich Fragen wie ein verdammter Lehrer?« Conor zog ein neues Zigarettenpäckchen hervor. »Glaubst du, dass hier jemand meckert, wenn ich mir eine anzünde?«

»Blake ganz bestimmt.«

»Ach ja!« Conor lachte. »Er hat aufgehört, nicht wahr? Außer es guckt niemand.«

»Du sitzt übrigens genau unter dem Schild ›Rauchen verboten‹«, meinte Kerri.

Doch Sam wollte noch etwas von Conor wissen. »Kanntest du eigentlich jemanden von den Demonstranten heute Morgen?«, erkundigte er sich beiläufig.

»Kann schon sein, dass mir der eine oder andere bekannt war.« Conor warf ihm einen prüfenden Blick zu. »Wieso interessierst du dich eigentlich die ganze Zeit für meine Freunde?«

»Nur so.«

»Glaubst du etwa, ich hätte etwas mit der Bombe zu tun?«

»Läge ich damit richtig?«

»Warum hackst du ständig auf Conor herum?«, mischte Kerri sich ein. »Ich habe auch Freunde, die auf Demos gehen. Aber deswegen bin ich noch lange keine Bombenlegerin. Wieso verdächtigst du Conor?«

»Aber ich …« In diesem Augenblick betrat Blake Parker den Saal. Kerri, Sam und Conor rückten ihre Stühle näher an die der anderen heran. Alle drei waren froh, dass sie das Thema fallen lassen konnten, ehe sich ein handfester Streit daraus entwickelte.

Blake hatte sich das Gesicht gewaschen, doch auf seinem Haar und seiner Kleidung lag eine Schicht grauen Staubs, dem er bei der Begutachtung der Gebäudeschäden ausgesetzt gewesen war. Er gab sich bewusst optimistisch, doch Sam bemerkte, dass er nicht in der Lage war, das Zittern seiner Hände zu kontrollieren. Wahrscheinlich hatte ihn der Vorfall tiefer getroffen, als er zugeben mochte.

»Ich freue mich, Sie alle hier unversehrt vorzufinden«, begann Blake. »Sicher sind Sie ebenso erleichtert wie ich, dass bei dem Anschlag niemand verletzt wurde. Das liegt vor allem daran, dass sich während der Mittagspause nur wenige Menschen im Gebäude befanden.« Er blickte in die stummen Gesichter. »Das Ausmaß der Schäden können wir noch nicht abschätzen, aber so, wie es aussieht, ist hauptsächlich das Büro betroffen. Die Labors blieben weitestgehend verschont, daher können wir sofort wieder an die Arbeit zurückkehren, sobald der Zustand der Gebäude als unbedenklich erklärt wird. Wir werden doch diesen Extremisten nicht erlauben, unsere Arbeit zu stören, oder?«

Sam erkannte die künstliche Heiterkeit in Blakes Stimme und konnte sich lebhaft die unangenehmen Telefonate vorstellen, die Blake hatte führen müssen.

»Und wie wird es weitergehen?«, fragte Greg.

»Unsere Zukunft liegt in der Forschung, wie gehabt«, wich Blake geschickt aus.

»Ich wollte eher wissen, was geplant ist, um die Gewaltakte zu unterbinden. Auf welche Weise werden wir in Zukunft geschützt?«

»Das ist eine gute Frage. Als erste und vordringliche Maßnahme werden wir unser Sicherheitssystem überprüfen. Sie haben natürlich recht, Greg. So etwas wie heute darf nie wieder geschehen.«

Blake sah in leere Gesichter. Er hatte seine Leute nicht überzeugen können. Seine Worte klangen zu perfekt, zu wohlüberlegt.

»Wie haben unsere Geldgeber auf den Anschlag reagiert?«, wollte Candra wissen. »Könnte es nicht sein, dass sie das Vertrauen in unsere Fähigkeiten verlieren? Dass sie nicht mehr davon ausgehen, dass wir nützliche Resultate produzieren? Diese Fragen werden sie sich doch sicherlich stellen.«

»A

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