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Neapel, die Liebe und du!

1. KAPITEL

„Gibt es einen Arzt an Bord?“, drang die Stimme der Stewardess aus dem Lautsprecher. „Dann melden Sie sich bitte sofort.“

Eleanor atmete tief durch. Das war genau die Situation, vor der jeder Arzt sich insgeheim fürchtete. Es musste sich um einen ernsthaften Notfall handeln, sonst hätte die Crew, die in Erster Hilfe ausgebildet war, sich selbst um den betroffenen Passagier gekümmert. Eleanor hob die Hand und stand auf, und die Flugbegleiterin kam eilig auf sie zu.

„Einer unserer weiblichen Passagiere ist kollabiert“, erklärte sie mit gedämpfter Stimme. „Würden Sie bitte nach ihr sehen?“

„Natürlich“, stimmte Eleanor sofort zu. Im Grunde war sie sogar froh, sich ablenken zu können, denn so grübelte sie nicht den ganzen Flug darüber nach, ob ihre Entscheidung, nach Neapel zu reisen, richtig gewesen war.

„Würden Sie sich bitte zuvor noch ausweisen?“, bat die Flugbegleiterin dann etwas verlegen. „Es tut mir leid, aber ich muss Sie danach fragen.“

Eleanor lächelte. „Das ist doch selbstverständlich.“ Sie nahm ihren Klinikausweis aus der Tasche und zeigte ihn der jungen Frau. „Ich bin Notärztin.“

„Vielen Dank, Dr. Forrest. Würden Sie mir bitte folgen?“

Die Stewardess ging voraus in den vorderen Bereich der Maschine, in dem eine korpulente Frau mittleren Alters zusammengesunken auf ihrem Sitz saß. Eleanor sah sofort, dass sie ohnmächtig war, und überprüfte ihren Puls. Er war sehr schwach, und die Frau atmete nicht mehr, was bedeutete, dass sie so schnell wie möglich reanimiert werden musste.

„Was ist passiert?“, fragte Eleanor das junge Mädchen, das neben der Frau saß und offensichtlich ihre Tochter war, auf Englisch. Das Mädchen weinte jedoch nur und gab dabei einen Redeschwall auf Italienisch von sich, dem Eleanor nicht folgen konnte. Sie wollte die Stewardess gerade bitten, jemanden zu suchen, der übersetzen konnte, als ein Mann auf sie zutrat.

„Orlando de Luca, Allgemeinmediziner“, stellte er sich vor. „Kann ich helfen?“

Er sprach mit leicht italienischem Akzent, doch sein Englisch war perfekt. Eleanor blickte wie gebannt zu ihm auf. Er war der attraktivste Mann, der ihr je begegnet war! Irritiert schüttelte sie den Gedanken ab. Wie kam sie nur auf solche Gedanken, wenn es galt, ein Menschenleben zu retten?

„Eleanor Forrest, Notärztin“, erwiderte sie sachlich und wies auf die ohnmächtige Frau. „Sie atmet nicht mehr, und ihr Puls ist sehr schwach. Sie muss schnellstmöglich reanimiert werden. Ich spreche leider nur sehr wenig Italienisch, und ihre Tochter spricht kein Englisch. Ich muss wissen, welche Medikamente die Frau einnimmt und ob sie irgendwelche schweren Erkrankungen hat. Würden Sie das Mädchen wohl danach fragen?“

Orlando nickte und wandte sich der Stewardess zu. „Holen Sie bitte den Notfallkoffer und einen Defibrillator.“

Die junge Frau nickte und eilte davon.

Orlando de Luca wandte sich nun an das Mädchen und stellte ihm mehrere Fragen, von denen Eleanor keine einzige verstand. Sie hatte zwar vor einigen Wochen einen Italienischkurs besucht und die Abschlussprüfung abgelegt, aber ihr Wissen reichte natürlich bei Weitem nicht aus, um sich problemlos verständigen zu können. Doch dann hörte sie Orlando l’infarto sagen, was so viel bedeutete wie Herzinfarkt.

„Unsere Patientin heißt Giulietta Russo, und das ist ihre Tochter Fabiola“, erklärte er. „Giulietta hat über Schmerzen in der Brust geklagt, bevor sie kollabierte. Fabiola weiß nichts von möglichen schwereren Erkrankungen.“

„Gut, dann fangen wir an.“

Orlando und Eleanor hoben die Patientin vorsichtig aus dem Sitz, legten sie flach auf den Boden und begannen mit der Reanimation. Im nächsten Moment erschien die Stewardess mit dem Notfallkoffer.

„Ich sehe gleich nach dem Defibrillator“, sagte sie aufgeregt.

Eleanor konnte nur hoffen, dass sich ein solches Gerät an Bord befand, mit dem sie das Herz hoffentlich wieder zum Schlagen bringen konnten. Außerdem würde sie Sauerstoff benötigen, wenn sie das Bewusstsein wiedererlangte. „Gibt es zusätzlichen Sauerstoff an Bord?“, fragte sie deshalb die Stewardess.

„Ich sehe nach.“ Die junge Frau eilte erneut davon und kam kurze Zeit später mit dem Defibrillator zurück.

„Ich schließe das Gerät an, und Sie fahren mit der Reanimation fort, einverstanden?“, schlug Eleanor vor, und Orlando nickte lächelnd.

Du meine Güte, was für ein Lächeln! Eleanor hätte glattweg weiche Knie bekommen und die Balance verloren, wenn sie nicht schon auf dem Boden gehockt hätte. Sie blickte zur Stewardess auf. „Sie helfen bitte Dr. Luca, ja? Folgen Sie einfach seinen Anweisungen.“

Die junge Frau tat wie geheißen, während Eleanor den Defibrillator anschloss. Dreimal hintereinander musste sie ihn einsetzen, bis Giulietta endlich wieder zu atmen begann.

Eleanor atmete erleichtert auf. „Sagen Sie Fabiola bitte, dass ihre Mutter über den Berg ist. Sie muss aber so schnell wie möglich in ein Krankenhaus gebracht werden.“

Orlando nickte und wandte sich an die Flugbegleiterin. „Fragen Sie den Kapitän, ob wir auf dem nächstgelegenen Flughafen landen können. Die Patientin muss schnellstmöglich in eine Klinik gebracht werden.“ Dann sprach er beruhigend auf Fabiola ein, die endlich zu weinen aufgehört hatte.

Kurz darauf kam die Stewardess zurück. „Der Captain sagt, wir werden in etwa zwanzig Minuten in Mailand landen. Und hier ist der Sauerstoff.“

„Gut gemacht“, meinte Orlando anerkennend und schenkte ihr sein umwerfendes Lächeln. „Vielen Dank, Signorina …?“

„Melanie“, antwortete die Stewardess verlegen und errötete dabei leicht.

Er verdreht allen Frauen den Kopf, schoss es Eleanor durch den Sinn, und sie ärgerte sich erneut, dass sie sich überhaupt Gedanken um diesen Mann machte. Jeremy hatte auch zu den Männern gehört, denen die Frauen zu Füßen lagen, und auf einen derartigen Charme würde sie bestimmt nicht mehr hereinfallen. Außerdem konnte es ihr gleich sein, mit wem Orlando de Luca flirtete, schließlich kannte sie ihn ja kaum. Sie konzentrierte sich wieder auf Giulietta Russo und legte ihr die Sauerstoffmaske an.

„Ist es in Ordnung für Ihre Begleitung, wenn Sie die Maschine kurz in Mailand verlassen?“, fragte Orlando unvermittelt.

„Meine Begleitung?“, wiederholte Eleanor verblüfft, dann erst begriff sie, was Orlando meinte. „Oh … ich bin

allein unterwegs, das ist also kein Problem, Dr. de Luca.“ „Bitte nennen Sie mich Orlando.“ Orlando – allein sein Name war pure Erotik! Unwillkürlich musste Eleanor an den Ratschlag ihrer besten Freundin Tamsin denken, bevor sie weggefahren war: Gönn dir eine Auszeit, Ellie. Und eine aufregende Romanze mit einem heißblütigen Italiener wäre genau das Richtige für dich, um diesen Schuft von Jeremy zu vergessen!

Ein heißblütiger Italiener – genau das schien dieser Orlando de Luca zu sein. Eleanor musste unwillkürlich lächeln. Tamsin würde Augen machen, wenn sie ihn sähe …

„Ist mein Name so amüsant?“, riss Orlandos Frage sie prompt aus ihren Gedanken.

„O nein, natürlich nicht“, erwiderte Eleanor schnell und spürte, wie ihr vor Verlegenheit die Hitze in die Wangen stieg. „Mi dispiace – entschuldigen Sie bitte.“

„Sie sprechen ja doch Italienisch.“

„Nur ein bisschen, aber es reicht bei Weitem nicht aus, um mich fließend zu unterhalten. Vielen Dank, dass Sie mir geholfen haben – grazie.“

Prego, gern geschehen.“

In nächsten Moment kam Giulietta zu Bewusstsein. Orlando nahm ihr die Maske ab und sprach beruhigend auf sie ein. Inzwischen hatte die Stewardess arrangiert, dass die beiden Sitze neben Giulietta frei gemacht wurden, sodass Orlando und Eleanor sie nutzen konnten, um sich während des Landeanflugs weiterhin um ihre Patientin zu kümmern.

Etwa zehn Minuten später landete die Maschine in Mailand, und Orlando übergab die Patientin dem bereitstehenden Notfallteam. Nachdem alles Wichtige geklärt war, stiegen sie gemeinsam zurück in die Maschine, und jeder kehrte an seinen eigenen Platz zurück.

Eleanor wusste nicht, weshalb, aber irgendwie war sie enttäuscht, dass Orlando de Luca ihr nicht den Vorschlag gemacht hatte, weiterhin nebeneinander zu sitzen. Dieser Mann interessierte und faszinierte sie auf eine seltsame Art und Weise. Einerseits ließ er ihr Herz höher schlagen, wenn er sie nur ansah, andererseits strahlte er so viel Ruhe und Sicherheit aus, dass sie sich auf Anhieb bei ihm hätte geborgen fühlen können.

Doch dann musste sie daran denken, wie schlecht ihre Menschenkenntnis in Bezug auf Männer bisher gewesen war. Wie sehr hatte sie sich in Jeremy getäuscht! Nur weil Orlando ein guter Arzt zu sein schien, musste er noch lange kein guter Partner sein. Außerdem war er vermutlich verheiratet oder zumindest in festen Händen. Ein derart gut aussehender Mann blieb sicher nicht lange allein. Also brauchte sie erst gar nicht an Tamsins Ratschlag zu denken, denn Orlando de Luca war bestimmt nicht der geeignete Mann für ein unverbindliches Abenteuer.

Eleanor schloss die Augen und dachte an das, was ihr in den nächsten Tagen bevorstand. Morgen würde sie sich mit einem Mann treffen, der behauptete, ihr leiblicher Vater zu sein. Wenn sich dies tatsächlich als richtig erwies und sie diesen Mann auch noch mochte, dann würde sich vielleicht ihre große Hoffnung erfüllen – die Hoffnung auf eine neue Familie und das Ende ihrer Einsamkeit.

2. KAPITEL

Die Maschine landete mit zwei Stunden Verspätung in Neapel. Eleanor ging zur Gepäckausgabe und wartete dort auf ihren Koffer, doch vergeblich. Nachdem das Band nun schon zum dritten Mal durchgelaufen war, wurde ihr klar, dass der Koffer verloren gegangen sein musste.

Na, großartig! dachte sie frustriert. Zwar hatte sie die wichtigsten Dinge ins Handgepäck gepackt, doch ohne frische Kleidung würde sie natürlich nicht auskommen. Schon morgen stand das Treffen mit Bartolomeo an, sodass ihr nichts anderes übrig bleiben würde, als in aller Frühe in die Innenstadt zu fahren, um sich etwas zum Anziehen zu kaufen, bis ihr Koffer gefunden war.

„Ist alles in Ordnung?“

Eleanor fuhr erschrocken zusammen. Orlandos aufregend dunkle Stimme ließ ihr Herz schon wieder höher schlagen. „Oh … ich warte nur auf meinen Koffer, aber er scheint nicht da zu sein.“ Auf dem Rollband lagen nur noch drei Gepäckstücke, von denen keines ihr gehörte. „Ich glaube, ich werde mal nachfragen.“

„Lassen Sie mich das machen“, bot Orlando spontan an. „Für mich ist es viel einfacher als für Sie.“

Eleanor zögerte. Sollte sie Orlando de Lucas Angebot annehmen? Einerseits wäre es nur vernünftig, da er Italiener war und noch dazu perfekt Englisch sprach, andererseits hatte sie Bedenken, sich von ihm helfen zu lassen, da allein schon sein Anblick sie aus der Fassung brachte. „Das ist sehr nett von Ihnen“, antwortete sie schließlich. „Aber ich möchte Sie nicht aufhalten, denn zu Hause werden Sie bestimmt schon erwartet.“

Orlando schüttelte den Kopf. „Non importa – es wartet niemand auf mich. Ich lebe allein.“

Damit hatte Eleanor nicht gerechnet. Sie war sicher gewesen, dass ein derart gut aussehender und gebildeter Mann verheiratet sein und eine Familie oder zumindest eine feste Freundin haben musste.

„Ihr Koffer ist bestimmt nur irgendwo stecken geblieben. Wie sieht er denn aus?“

„Es ist ein Trolley – ungefähr so groß.“ Sie beschrieb die Größe mit den Händen. „Und er ist … knallgelb“, gab sie etwas verlegen zu.

„Knallgelb“, wiederholte Orlando amüsiert.

Eleanor wusste genau, was er jetzt dachte: Wie kam eine erwachsene Frau und noch dazu seriöse Ärztin dazu, sich wie ein Teenager einen knallgelben Koffer zuzulegen? Aber sie hatte diese unkonventionelle Farbe gewählt, weil sie sich viel schneller unter der Masse der anderen ausmachen ließ.

„Kommen Sie mit, ich frage gleich nach.“

Eleanor folgte Orlando zur Information und hörte angestrengt zu, wie er sich mit dem Mann am Schalter unterhielt. Etwas anderes als „Koffer“ und „Dottoressa Forrest“ konnte sie allerdings nicht verstehen. Gleich darauf wandte Orlando sich wieder ihr zu.

„Er wird sich sofort darum kümmern. Ich habe ihm gesagt, dass Sie die kompetente Ärztin sind, die der Patientin in der Maschine nach Neapel das Leben gerettet hat“, erklärte er lächelnd. „Also sollte er tunlichst dafür sorgen, dass Ihnen geholfen wird.“

Eleanor errötete leicht. „Das war aber nicht allein mein Verdienst. Ohne Sie hätte ich es nicht so leicht geschafft.“

„Nun, dann würde ich sagen, wir waren ein gutes Team.“ Plötzlich wurde Orlando ernst. „Sie sehen müde aus, Eleanor. Ist auch kein Wunder nach all dem Stress im Flugzeug, und nun auch noch der Ärger mit dem Koffer. Kommen Sie, setzen wir uns irgendwohin, und trinken wir einen Kaffee.“

Wieder wusste Eleanor nicht, was sie dazu sagen sollte. Einerseits wollte sie nicht unhöflich sein und Orlandos Angebot ablehnen, andererseits mochte sie seine Hilfe nicht länger als nötig in Anspruch nehmen.

„Es kann noch eine ganze Weile dauern, bis sie Ihren Koffer finden“, meinte er, als würde er ihr Zögern richtig deuten. „Warum also hier herumstehen, wenn wir es uns gemütlich machen können?“

Orlando hatte recht. Sie war wirklich sehr müde und sehnte sich nach einem guten Kaffee. Also willigte sie ein, und sie setzten sich in das kleine Bistro nebenan.

Geschafft! dachte Orlando erleichtert. Er hatte schon befürchtet, dieses zauberhafte Wesen könnte ihm entgleiten. Diese Dottoressa Forrest hatte etwas an sich, das ihn begeisterte, deshalb musste er sie unbedingt näher kennenlernen. Schon auf den ersten Blick war er von ihr fasziniert gewesen. Ihr ruhiges und kompetentes Handeln während des Notfalls hatte ihn schwer beeindruckt, und ihre natürliche Schönheit, ihre Anmut und die Wärme, die sie ausstrahlte, zogen ihn unwiderstehlich an.

Er kaufte zwei Tassen Kaffee mit Cantuccini, einem beliebten toskanischen Mandelgebäck, und trug die Sachen zu Eleanor an den Tisch. „Die habe ich sehr vermisst, als ich in England war“, meinte er lächelnd. „Englische Kekse kann man nicht so gut in den Kaffee tunken.“

Eleanor lachte. „Wir Engländer haben eben nicht so seltsame Gebräuche wie ihr Italiener. Aber nun mal Spaß beiseite – was bin ich für den Kaffee schuldig?“

„Nichts, ich lade Sie ein.“

Da wurde Eleanor unvermittelt ernst, und ein trauriger Ausdruck trat in ihr Gesicht.

Ob sie jetzt an jemanden denkt, der sie sehr verletzt oder enttäuscht hat? fragte Orlando sich.

„Keine Angst, Sie sind mir zu nichts verpflichtet“, versicherte er sanft. „Was auch immer Sie über italienische Männer gehört haben, vergessen Sie es. Ich habe nichts in Ihren Kaffee getan, und Sie werden auch morgen früh nicht in meiner Wohnung aufwachen und allein ohne Geld und Papiere dastehen.“

Verlegen senkte Eleanor den Blick. „Entschuldigen Sie bitte, ich wollte Sie nicht beleidigen, das lag nicht in meiner Absicht.“

„Das weiß ich, Eleanor. Aber Sie haben recht, man sollte nicht jedem Fremden vertrauen.“ Er lächelte. „Von mir haben Sie aber wirklich nichts zu befürchten. Ich bin nur ein ganz normaler Arzt, der eine nette Kollegin zum Kaffee einlädt, weiter nichts.“

Nun erwiderte Eleanor sein Lächeln. „Vielen Dank, das ist sehr nett von Ihnen.“

Orlando tauchte seinen Keks in den Kaffee und biss ein Stück davon ab. „Sie machen also Urlaub in Neapel?“

„So ungefähr.“

„Aha, Ihre Mamma hat Ihnen eingeschärft, Fremden nichts Persönliches über sich preiszugeben, stimmt’s?“, fragte er amüsiert.

Eleanor schüttelte traurig den Kopf. „Nein. Meine Mutter ist vor Kurzem gestorben.“

Mi dispiace, Eleanor, das tut mir leid. Ich wollte Sie nicht kränken.“

„Das haben Sie nicht, Sie konnten es ja nicht wissen.“

Orlando betrachtete eingehend ihr zartes Gesicht. Bildete er es sich nur ein, oder steckte hinter ihrer Traurigkeit mehr als nur der Verlust ihrer Mutter? Gab es vielleicht einen Mann, der Eleanor zutiefst enttäuscht hatte? Orlando beschloss, nicht weiter nachzuhaken und ein unverfängliches Thema anzuschneiden. „Sie sind Notärztin, nicht wahr?“

„Ja. Ich arbeite in einer Londoner Klinik.“

„London ist eine interessante und aufregende Stadt. Ich komme gerade von dort, habe meinen Freund Max besucht. Er ist ein ehemaliger Kollege, mit dem ich vor Jahren eine Wohnung in London teilte. Er hatte mich zur Taufe seines Sohnes eingeladen.“

„Wie schön. Waren Sie Taufpate?“

„Ja“, gab Orlando zu und musste unwillkürlich daran denken, wie verliebt Max und seine Frau Rachel ineinander waren.

Er selbst hatte schon vor langer Zeit aufgehört, an die Liebe zu glauben. Das Schicksal seiner Mutter hatte ihm vor Augen geführt, dass die große, wahre Liebe offenbar nicht existierte. Nach der fünften Scheidung hatte seine Mutter die Hoffnung auf den Richtigen aufgegeben. Seit er jedoch gesehen hatte, wie glücklich sein Freund Max mit Rachel und dem kleinen Connor war, begann er allmählich an seiner Einstellung zu zweifeln. Vielleicht gab es die „wahre Liebe“ ja doch, und man musste nur fest daran glauben, sie irgendwann zu finden.

Wo aber sollte er nach ihr suchen? Oder sollte er besser darauf warten, dass ihm die Richtige irgendwann zufällig begegnete? Und wenn sie schließlich da war, woran erkannte er sie? All diese Fragen hatte Orlando sich schon unzählige Male gestellt und war zu keinem Schluss gekommen. Also hatte er beschlossen, genauso weiterzuleben wie in den vergangenen fünf Jahren, was bedeutete, dass er stets nur kurzfristige und unverbindliche Beziehungen zu Frauen einging und sich währenddessen hauptsächlich seinem Beruf widmete.

„Arbeiten Sie auch in London?“, erkundigte Eleanor sich nun ihrerseits.

„Nein, nicht mehr. Ich habe mehrere Jahre in einer Klinik gearbeitet, auf der Kinderstation. Doch im Laufe der Zeit wurde mir klar, dass ich meine kleinen Patienten lieber würde aufwachsen sehen, anstatt sie nach Beendigung der Therapie aus den Augen zu verlieren. So reifte allmählich der Wunsch, nach Italien zurückzukehren, um mich als Allgemeinarzt selbstständig zu machen. Und ehrlich gesagt, habe ich das Meer und die Sonne ziemlich vermisst.“

„Das kann ich mir vorstellen.“

Eleanor lächelte sanft, und wieder fiel Orlando auf, wie wunderschön sie war. Sie hatte ebenmäßige weiße Zähne, eine makellose Haut und wundervolle dunkelbraune Augen. Eleanor Forrest war wirklich die bezauberndste Frau, der er je begegnet war.

Ihm wurde plötzlich heiß, und er verspürte den schier unwiderstehlichen Drang, sie zu küssen. Verdammt, was hatte sie eben gesagt? Und wieso brachte ihre Gegenwart ihn derart aus der Fassung?

„Meine Freundin Tamsin“, fuhr Eleanor fort, „hat in derselben Klinik gearbeitet wie ich. Vor zwei Jahren hat sie eine eigene Praxis eröffnet und diese Entscheidung bis heute nicht bereut.“

„Und Sie?“, erwiderte Orlando, um sich von seinen erregenden Gedanken abzulenken. „Füllt die Arbeit als Notärztin Sie aus?“

„Ja, sehr. Es macht mich glücklich, wenn ich Menschen helfen kann.“

„Dottoressa Forrest?“ Ein Mitarbeiter des Servicepersonals trat mit einem großen zitronengelben Koffer auf sie zu.

„Wir haben Ihr Gepäck gefunden. Es tut uns sehr leid, dass Sie so lange warten mussten.“

Grazie“, antwortete Eleanor höflich und überprüfte das Namensschild. „Ja, das ist mein Koffer.“

Der Mann verabschiedete sich freundlich, und Eleanor nutzte die Gelegenheit, um aufzustehen. „Ich muss mich jetzt auch auf den Weg machen, Orlando. Noch einmal vielen Dank für Ihre Hilfe.“

„Aber Sie haben Ihren Kaffee noch gar nicht ausgetrunken.“

„Ich weiß, aber ich muss jetzt wirklich los und im Hotel einchecken.“

Orlando überlegte fieberhaft, wie er Eleanor aufhalten sollte. Wenn er sie jetzt gehen ließ, würde er sie wahrscheinlich nie wiedersehen. „Darf ich Sie fahren?“, bot er hastig an. „Welches Hotel haben Sie denn gebucht?“

Doch Eleanor schüttelte den Kopf. „Das kommt überhaupt nicht infrage, ich habe Sie schon viel zu lange aufgehalten.“

Sein Herz begann zu rasen, und er fragte sich, was plötzlich in ihn gefahren war. Er wusste nur, dass er Eleanor keinesfalls aus den Augen verlieren durfte. Sie war das reizvollste Geschöpf, das ihm je begegnet war, und er musste sie unbedingt wiedersehen!

Ihm wurde gleichzeitig heiß und kalt. War das vielleicht dieses große, unbeschreibliche Gefühl, nach dem er sich sein ganzes Leben lang gesehnt hatte? Gab es wirklich Liebe auf den ersten Blick, und könnte Eleanor tatsächlich die Richtige sein? Oder waren diese verwirrenden Gefühle nichts weiter als unwiderstehliche sexuelle Anziehungskraft?

„Ich möchte mich nur gern bei Ihnen revanchieren“, folgte sein zweiter verzweifelter Versuch, sie aufzuhalten. „Schließlich haben Sie einem meiner Landsleute das Leben gerettet.“

Eleanor lächelte erneut, und Orlando spürte tausend Schmetterlinge im Bauch. Himmel, ihr Lächeln brachte ihn noch um den Verstand!

„Erstens war es meine Pflicht als Ärztin, zu helfen, zweitens haben Sie auch Ihren Teil dazu beigetragen, und drittens haben Sie mir ja schon mit dem Koffer geholfen und noch dazu einen Kaffee spendiert.“

„Ich würde Sie wirklich gern fahren, Eleanor. Anstatt fürs Taxi sollten Sie Ihr Geld lieber für schönere Dinge ausgeben, zum Beispiel für …“, er machte eine Hilfe suchende Handbewegung, „… für einen guten Wein, einen Ausflug ans Meer oder irgendetwas, das Neapel unvergesslich für Sie macht.“

Eleanor focht einen inneren Kampf aus. Dieser Orlando war wirklich sehr nett und die Versuchung, sein Angebot anzunehmen, einfach zu verlockend. Aber war sie nicht schon einmal auf den Charme eines gut aussehenden Mannes hereingefallen, und hatte sie nicht teuer dafür bezahlen müssen? Andererseits reizte sie nicht nur sein blendendes Aussehen, sondern er zog sie auf eine seltsame Art und Weise an. Ein einziger Blick von ihm genügte, und ihr Herz begann zu rasen.

„Ich habe keinerlei unanständige Absichten, falls Sie das befürchten“, sagte er prompt, und Eleanor errötete.

„Also, an … an so etwas habe ich überhaupt nicht gedacht“, erwiderte sie schnell, obwohl genau das der Fall war.

Orlando de Luca war tatsächlich der erotischste Mann, den sie kannte. Sein schwarzes, leicht gewelltes Haar, die ausdrucksvollen Augen und der sinnliche Mund mussten einfach jede Frau zum Schmelzen bringen!

Lächelnd verschränkte er die Arme vor der Brust. „Worüber grübeln Sie denn jetzt schon wieder nach, Dottoressa Forrest? Soll ich Sie nun fahren, oder möchten Sie hier lieber Wurzeln schlagen?“

Eleanor gab sich einen Ruck und nickte. „Also gut, wenn es Ihnen wirklich nichts ausmacht, nehme ich ihr Angebot an.“

Bene.“ Orlando lächelte zufrieden. Das war noch mal gut gegangen!

Die Warteschlange an der Zollabfertigung hatte sich inzwischen aufgelöst, und so dauerte es nur wenige Minuten, bis sie den Parkplatz erreichten. Orlando steuerte auf ein schwarzes Sportcabriolet zu, was Eleanor nicht im Geringsten überraschte. Standen denn nicht alle Italiener auf spritzige Sportwagen?

Als könne er Gedanken lesen, lachte Orlando amüsiert. „Keine Angst, ich will damit nicht angeben, sondern finde es nur angenehm, mit offenem Verdeck zu fahren. Es ist einfach schön, die Sonne und den Wind zu spüren und die frische Seeluft einzuatmen, wenn man an der Küste entlangfährt. Wenn Sie Zeit und Lust haben, lade ich sie gern einmal zu einer Spritztour ein. Die Gegend südlich von Neapel ist sehr idyllisch.“

O nein, nur das nicht! dachte Eleanor entsetzt.

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