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Natural born Chillers

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Zitat
  6. 1
  7. 2
  8. 3
  9. 4
  10. 5
  11. 6
  12. 7
  13. 8
  14. 9
  15. 10
  16. 11
  17. 12
  18. 13
  19. 14
  20. 15
  21. 16
  22. 17
  23. 18
  24. 19
  25. 20
  26. 21
  27. 22
  28. 23
  29. 24
  30. 25
  31. 26
  32. 27
  33. 28
  34. Ich danke

Über die Autorin

Mara Andeck hat Journalismus und Biologie studiert, volontierte beim WDR und arbeitet heute als Wissenschaftsjournalistin und Autorin. Sie lebt mit ihrer Familie in einem kleinen Dorf bei Stuttgart. Ihr Debüt WEN KÜSS ICH UND WENN JA, WIE VIELE? war ein Jugendbuch, das mit begeisterten Kritiken gefeiert wurde. Mit NATURAL BORN CHILLERS legt sie nun ihren ersten Roman für ein erwachsenes Publikum vor.

»Im Wald zwei Wege boten sich mir dar,
und ich nahm den, der weniger betreten war.
Und das veränderte mein Leben.«

Robert Frost, Der nichtgegangene Weg

1

Pling.

Mit gerunzelter Stirn las Janna die Mail, die eben mit einem leisen Klingelton auf dem Bildschirm ihres Notebooks aufgeploppt war. »Sehr geehrte Frau Mahler«, stand da. »Ein lieber Mensch hat an Sie gedacht und Ihre Mailadresse an uns weitergegeben. Deswegen erhalten Sie jetzt dieses Schreiben mit einem einmaligen Angebot.«

Janna schnaubte, sie ahnte, was kommen würde. Und tatsächlich: »Frau Mahler, eigentlich wissen wir es doch alle: Schönheit, Gesundheit, Erfolg und Liebesglück sind keine Fragen des Schicksals. Sie sind harte Arbeit, und man erreicht sie nur auf einem einzigen Weg: Man muss seine Stärken trainieren und darf seinen Schwächen niemals Raum geben. Selbstoptimierung heißt das Zauberwort.«

Blablabla, dachte Janna, las aber weiter.

»Bestimmt verdrehen Sie jetzt die Augen, Frau Mahler.« Janna fühlte sich ertappt. »Klar, wir wissen das alle, aber wir setzen dieses Wissen nicht um, weil uns dieser Weg schwierig oder gar unmöglich vorkommt. Dabei ist er ganz einfach!«

Ach nee, dachte Janna. Lass mich raten: Wetten, dass du mir dabei helfen willst? Sie scrollte nach unten, um die zweite Hälfte der Nachricht zu überfliegen. »Wissenschaftler haben eine ebenso einfache wie effektive Methode entwickelt, wie man leicht und ohne viel Kraftaufwand endlich zu dem Menschen werden kann, der man eigentlich ist. Schluss mit Problemhaut und Problemhaaren! Mit Problemzonen und Problemzähnen! Mit Problemgesprächen, Problembeziehungen und Problemkindern!«

Na, toll! Und was war mit Problemfinanzen? Und Problemmüttern? Hatten Wissenschaftler auch dagegen Methoden entwickelt? Das wäre mal ein echter Fortschritt. Aber da waren garantiert selbst Wissenschaftler rat- und machtlos. Schlecht gelaunt las Janna weiter. »Sie können Ihr Leben in den Griff bekommen. Glauben Sie mir, Frau Mahler, das geht! Bestellen Sie einfach ein Probeabo unserer Zeitschrift Optimize, zunächst kostenlos, dann zum Supersparpreis von nur 9,99 €, und Sie erfahren Forschungsergebnisse, Tipps und Trends, die sich rasch auszahlen werden. Wenn Sie sich innerhalb der nächsten drei Tage für ein Abonnement entscheiden, erhalten Sie außerdem einen formschönen Schlüsselanhänger mit integriertem Nagelpflegeset gratis. Machen Sie einfach den ersten Schritt, alle weiteren werden folgen! Auf eine bessere Zukunft, Ihre Sonja Allertshofen-Wiekmann, Chefredakteurin.«

Janna schlug mit der flachen Hand auf den Tisch und spürte Krümel unter ihrer Handfläche. Ja, klar! Das hieß doch im Klartext nicht mehr als: Machen Sie einfach den ersten Schritt und lassen Sie uns den Betrag von Ihrem Konto abbuchen, alle weiteren Abbuchungen werden folgen. Hielten die sie für doof?

Janna seufzte. Solche Schreiben hatte sie schon mehrfach bekommen. Und natürlich hatte sie einen Verdacht, warum sie regelmäßig Post von Optimize erhielt. Es gab da nämlich tatsächlich einen »lieben Menschen« in ihrem Leben, der einiges an ihr für optimierbar hielt. Und dieser Mensch wohnte in der Wohnung über ihr und war eng mit ihr verwandt. Zu eng.

Halt, stopp! Auch wenn’s ärgerlich war, Janna wollte jetzt nicht über ihre Mutter nachdenken. Sie. Wollte. Jetzt. Arbeiten.

Na gut, »wollen« war vielleicht das falsche Wort, aber sie musste. Sie musste endlich den Artikel über Mücken für den Finnland-Reiseführer schreiben, sie brauchte das Geld. Lilly benötigte dringend neue Sandalen, denn nie wuchsen die Füße eines Kindes so schnell wie mit sieben.

Obwohl … Janna dachte nach. Hatte sie im letzten Sommerschlussverkauf nicht in weiser Voraussicht Sandalen auf Vorrat gekauft? Rote mit Blümchen? Doch, das hatte sie! Wo waren die denn? Im Schuhschrank? Nein, da wären sie ihr aufgefallen. Im Keller? Oder vielleicht in dem Schrank mit der Bettwäsche, in den sie alles stopfte, das in der winzigen Wohnung sonst nirgends Platz fand?

Janna wollte schon aufstehen, um nach den Sandalen zu suchen, als ihr Blick auf den neongelben Klebezettel fiel, den sie selbst oben an den Rand des Notebook-Displays geklebt hatte. »NEIN« stand darauf in fetten Großbuchstaben. Daneben klebte ein neongrüner Zettel mit der Aufschrift: »Das ist eine Ausrede! Schreib weiter, du Faultier!« Und rechts davon verkündete eine Botschaft auf leuchtendem Orange: »Und du hast auch KEINEN Hunger und KEINEN Durst! Pfoten weg vom Kühlschrank! Schreib!!!«

Janna grunzte. Ja, ja, ja, okay, sie würde später nach den Sandalen suchen. Das konnte sie auch nachmittags tun, wenn Lilly aus der Schule zurück sein würde, denn dann war an ruhige Arbeit sowieso nicht mehr zu denken. Jetzt standen die Mücken auf dem Programm, und über Mücken würde sie jetzt auch schreiben.

Jawohl!

Wahrscheinlich.

Vielleicht.

Vielleicht aber auch nicht. Vermutlich war es doch klüger, zuerst diese lästige Mail zu beantworten und danach den Mücken-Artikel zu schreiben. Dann war ihr Kopf frei, und sie konnte sich voll auf den Text konzentrieren.

Okay. Janna klickte auf »Antworten«, formte ihre Hände zu Tigerkrallen und stürzte sich auf die Ta s t a t u r.

»Sehr geehrte Frau Allertshofen-Wiekmann«, schrieb sie. »Sie haben mir jetzt schon zum vierten Mal ein Probe-Abonnement der Zeitschrift Optimize angeboten. Eigentlich wäre mir das egal, ich würde Ihr Schreiben normalerweise einfach löschen. Nur leider kommt etwa zwei Wochen nach jeder Ihrer Mails ein Probeheft Ihrer Zeitschrift samt Rechnung hier bei mir an, und das nervt. Jedes Mal schicke ich das Heft und die Rechnung zurück, und wirklich jedes Mal erhalte ich nach zwei Wochen trotzdem eine Mahnung. Daraufhin schicke ich Ihnen dann immer einen Brief per Einschreiben, in dem ich erkläre, dass ich das Heft nicht will, dass ich es nicht bestellt habe und dass ich es auch nicht bezahlen werde. Danach ist ein paar Monate lang Ruhe, aber eben nur ein paar Monate lang. Dann kommt Ihre nächste Mail, und alles beginnt von vorn.

Frau Allertshofen-Wiekmann, ich weiß nicht, woran das liegt, und es ist mir auch egal. Es soll einfach aufhören. Hier also noch einmal in Großbuchstaben die Information: NEIN! Ich will KEIN Probeabo der Zeitschrift Optimize. ICH WILL ES NICHT! Und ich will auch KEINE MAILS mehr von Ihnen bekommen. Geht das???

Mit immer noch freundlichen Grüßen, denn vielleicht können Sie ja nichts dafür, Janna Mahler.«

Puh! Janna klickte auf »Senden«, schloss das Mailprogramm und atmete tief durch. So, Mutter, das war erledigt! Und jetzt zu den Mücken.

Mückenmückenmücken.

Eine halbe Stunde später saß Janna immer noch vor einem leeren Bildschirm. Dafür war die Tastatur ihres Notebooks staubfrei und die Buntstifte in der Blechschachtel neben ihr gespitzt und der Größe nach geordnet.

Ein Gefühl von Zufriedenheit stellte sich allerdings angesichts dieser Ordnung nicht ein. Mit beiden Händen griff Janna sich in ihre Haare und zerwühlte sie, bis sie in alle Richtungen abstanden. Da waren sie wieder, ihre drei Probleme. Sie hatte keine Lust zu arbeiten. Sie hatte keinen Chef, der sie dazu zwang. Und die ganze Welt erschien ihr in diesem Moment wie eine einzige bunt glitzernde Ablenkung von ihrer Arbeit. Selbst Tätigkeiten wie Schränke nach Sandalen zu durchwühlen, Flecken an der Wand anzustarren oder die Spitzen ihres langen dunklen Haares auf Spliss zu kontrollieren kamen ihr gerade spannend und abwechslungsreich vor.

Wenn sie doch den ganzen Morgen einfach noch einmal zurückspulen und von vorn beginnen könnte!

Klick, stopp, rewind, alles zurück. Janna würde mit hastigen, ruckartigen Bewegungen ihr Notebook zuklappen, aufstehen, rückwärts durch den Flur ins Bad sausen und unterwegs hektisch über die Spielsachen und Schuhe springen, die Lilly auf dem Boden verstreut hatte. Sie würde den alten Jogginganzug wieder ausziehen und unter die Dusche steigen.

Und dann: klick, stopp und play. Arbeit, die zweite. Mit Bewegungen im Normaltempo würde Janna sich beim Neustart in den Tag sorgfältig schminken, sie würde statt der Jogginghose ein Kleid anziehen und anschließend einen teuren Duft auftragen. Business-Janna würde danach ihr Notebook aufklappen, aber natürlich nicht auf dem verkrümelten Küchentisch, so wie es Lilly-Mama getan hatte, und Business-Janna würde auch nicht erst das Mailprogramm öffnen. Sie würde den Laptop ins Arbeitszimmer tragen, sich am Schreibtisch niederlassen und schnell und effizient einen brillanten Artikel über finnische Mücken für einen namhaften Reiseführer verfassen, denn Business-Janna war eine Wortartistin, eine Edelfeder, eine Femme de Lettres.

Janna überlegte. Sollte sie vielleicht wirklich noch einmal in den Tag starten? Sie musste ja nicht unbedingt rückwärts und mit zackigen Bewegungen ins Bad sprinten, das wäre albern, aber sie konnte sich ein bisschen aufhübschen. Wie sah sie überhaupt aus? Sie hatte sich noch gar nicht im Spiegel betrachtet. Im Display ihres Notebooks sah sie ihr Abbild. Die langen, dunklen Haare waren strähnig und glanzlos, ihr ungeschminktes Gesicht wirkte blass, ihre Nase glänzte. Nein, so durfte sie sich nicht gehen lassen. Wenn man beim Schreiben aussah wie eine gescheiterte Existenz, war Scheitern vorprogrammiert.

Janna streckte schon die Hand aus, um ihr Notebook zuzuklappen, als ihr Blick auf die kleinen Klebezettel am Bildschirmrand fiel. »Das ist eine Ausrede! Schreib weiter, du Faultier!«

Janna knurrte leise, aber sie beugte sich ihrer eigenen Anweisung. Sie würde jetzt sofort mit dem Mückentext anfangen. Buchstabe um Buchstabe, Wort um Wort, Zeile um Zeile. Anders ging es nicht.

Nur noch schnell die Mails checken, sie klickte auf das entsprechende Programm.

Auf Jannas Bildschirm ploppte erneut eine Mail auf.

»Sehr geehrte Frau Mahler!«, stand da. »Herzlichen Dank für Ihre Nachricht! Es tut uns leid, dass wir Sie mit unserer Zeitschrift belästigt haben. Das lag nicht in unserer Absicht. Tatsächlich ist es so: Nach jedem Ihrer Schreiben streichen wir Sie aus unserem Verteiler. Nach einigen Wochen sind Sie dann aber jedes Mal wieder drin, und das ist nicht unsere Schuld. Es liegt daran, dass irgendjemand ständig ein Probeabonnement für Sie bestellt, wenn wir unsere Mails verschicken. Wenn Sie das nicht sind, wer dann?

Kann es sein, dass jemand in Ihrem Umfeld der Meinung ist, Sie sollten Ihr Leben optimieren? Oder sollten Sie vielleicht Ihre zwischenmenschlichen Beziehungen verbessern?

Wie dem auch sei, wir haben zur Kenntnis genommen, dass Sie an unserer Zeitschrift kein Interesse haben, und wir werden Ihnen künftig kein Exemplar mehr zusenden, egal, wie oft Sie oder jemand anders es für Sie anfordern!

Sollten Sie allerdings je ein Abonnement wünschen, müssten Sie uns dies dann ab jetzt per Einschreiben und mit entsprechenden Erläuterungen mitteilen. Eine Bestellung per Mail oder Telefon ist für Sie nun nicht mehr möglich. Mit freundlichsten Grüßen, Maria Meinrad, Kundenservice Optimize

»Da bin ich aber traurig«, murmelte Janna, löschte die Mail und schloss das Mailprogramm erneut. Tschüss Außenwelt, dachte sie, ran an die Mücken. Sie hatte noch zwei Stunden Zeit, bis Lilly aus der Schule zurückkam, dann musste sie fertig sein. Janna öffnete die Datei mit den Rechercheergebnissen und konzentrierte sich aufs Lesen der Mückenfakten.

Allerdings nur kurz. Das Telefon klingelte. Janna warf einen Blick aufs Display, der Anrufer unterdrückte seine Rufnummer.

Das musste warten. Oder doch nicht? Oder doch?

Bevor Janna eine Entscheidung getroffen hatte, verstummte das Klingeln.

Mücken also.

Leider war da aber immer noch niemand, der ihr in den Hintern trat und dafür sorgte, dass sie endlich loslegte.

Warum gab es eigentlich keinen Chefservice, den man buchen konnte, so wie einen Hausmeisterservice oder einen automatischen Weckdienst, einfach jemanden, der gegen Bezahlung in regelmäßigen Abständen vorbeikam, Druck machte und nach dem Fortgang der Arbeit fragte? »Stressen auf Rädern«, so konnte man das nennen, der Name würde garantiert für eine lebhafte Medienberichterstattung sorgen.

Ob es so etwas vielleicht wirklich schon gab? Janna öffnete den Internetbrowser und überlegte, unter welchem Schlagwort sie suchen musste.

Stopp! Sie hob erneut den Blick und starrte auf die Zettel an der schwarzen Umrandung. »NEIN«, las sie. »Das ist eine Ausrede! Schreib weiter, du Faultier!«

Okay. Es half alles nichts. Auf dem Bildschirm würde nur dann ein Artikel erscheinen, wenn sie jetzt endlich begann, die Tasten in einer Reihenfolge zu drücken, die Sinn ergab. Und genau das würde sie tun. Einen Artikel über Mücken in Finnland verfassen. Zwei Seiten. Die konnte man mit ein bisschen Routine doch wohl in einer halben Stunde herunterschreiben.

Zuerst brauchte sie einen witzigen Einstieg, der Rest folgte dann wie von selbst. Bloß nichts mit Mücken und Elefanten, das war zu ausgelatscht.

Nach kurzer Überlegung schrieb Janna: »Ferienhausvermieter Matti Meikäläinen wird von Touristen oft gefragt, ob Mücken in finnischen Ferienhäusern ein Problem sind. Nein, das sind sie nicht, sagt er dann immer, wir haben in unseren Häusern genug Spinnen, die unsere Mücken auffressen.«

Ha, ha, ha. Janna löschte die Zeilen wieder. Lieber keine Ironie, die kam in Schriftform selten gut rüber. Vielleicht sollte sie die Sache lieber biologisch-ökologisch aufziehen, der Lebenszyklus der gemeinen Stechmücke Culex pipiens und ihre Bedeutung für die Nahrungskette von Vögeln, Fröschen und Lurchen oder so ähnlich. Aua, das klang nach Schulfunk. Sie musste vielleicht den Servicegedanken in den Vordergrund stellen, so nach dem Motto: Was tun, damit Mücken keinen Stich machen? Das war auch nicht ganz neu, aber ja, so konnte es gehen.

Das Telefon klingelte wieder. Janna warf einen Blick auf das Display des Apparats und sah, was sie erwartet hatte. In Großbuchstaben erschien dort das Wort MUTTER.

»Jetzt nicht«, knurrte Janna. »Du weißt genau, dass ich um diese Zeit arbeite.«

Das Telefon klingelte weiter und verstummte schließlich, bevor sich der Anrufbeantworter einschaltete. »Culex pipiens, die gemeine Stechmücke, ist nur wenige Millimeter groß«, schrieb Janna. »Eigentlich ist sie ein harmloses Tier, zart, fein, federleicht. Sie beißt nicht, kratzt nicht, schlägt nicht aus, stinkt nicht, verursacht keine Kothaufen, in die man hineintreten kann, und überträgt auch keine tödlichen Krankheiten. Trotzdem ist sie unbeliebt.«

Ein schnarrendes Sirren, wie von einer Riesenmücke, riss Janna aus ihrer Arbeit. Was war das? Ach so, die Türklingel. Jemand hatte den Finger daraufgelegt und ließ den Knopf nicht mehr los. Hätte die Klingel ebenfalls ein Display, dann stünde dort jetzt bestimmt wieder das Wort MUTTER!

Egal. Janna versuchte, sich ganz auf ihren Text zu konzentrieren. Beißen? Ausschlagen? Kothaufen? So ein Quatsch, darum ging es doch gar nicht. Sie löschte den Absatz. In Finnland gab es Mücken, sie waren lästig, aber dagegen konnte man nichts tun. Das war die Botschaft, die sie rüberbringen musste, und dafür reichte ein einziger Satz. Sie musste mit dieser Weisheit jetzt aber zwei ganze Seiten füllen. Auch das sollte möglich sein, Janna war ja schließlich nicht ganz neu in dem Job. Also los!

Im Flur hörte Janna ein dumpfes Wummern an der Wohnungstür. Ihre Mutter gab nicht auf, das war klar. Wenn Janna ankündigte, vormittags für nichts und niemanden zu sprechen zu sein, weil sie arbeiten musste, dann förderte das die Kontaktfreude und Gesprächigkeit ihrer Mutter enorm.

Zurück zu den Mücken.

Plötzlich drang ein unbekanntes Geräusch in Jannas Bewusstsein, ein merkwürdiges Klackern. Es klang, als würde jemand Kieselsteine an ihr Küchenfenster werfen. In Gedanken sah Janna auch am Fenster das Wort MUTTER aufleuchten.

Sie überlegte, ob sie ausnahmsweise nachgeben sollte, um die Fensterscheibe zu retten, entschied sich aber dagegen. Wenn sie jetzt einlenken würde, hätte sie für immer verloren. Und die Bildschirmseite war noch immer leer, da musste jetzt schnell etwas passieren. Nur was?

Eine Liste! Sie würde eine Liste mit Tipps gegen Mücken schreiben. Listen hatten den Vorteil, dass man nach jedem Unterpunkt einen Absatz und eine Leerzeile platzieren konnte. Damit schrumpfte die Textmenge fast um die Hälfte. Es musste doch möglich sein, innerhalb von ein paar Minuten eine Seite über Mücken zu schreiben.

Janna ärgerte sich über sich selbst, weil sie bei der Arbeit so unkonzentriert war. Immer, wenn sie etwas schreiben wollte, hüpften die Gedanken durch ihren Kopf wie eine Horde wilder Affen, und es gelang ihr nicht, sie zu disziplinieren. Vielleicht hatte ihre Mutter doch recht und sie hätte Optimize lesen sollen.

Halt! Stopp! Ihre Mutter hatte natürlich nicht recht! Nie!

Sie. Würde. Jetzt. Arbeiten. Punkt.

Als Janna fünfzehn Minuten später und um eineinhalb Seiten Mückentext reicher Richtung Toilette tänzelte, hatte sie das gute Gefühl, an diesem Tag etwas geleistet zu haben. Sie konnte das Thema »Mücken in Finnland« auf ihrer To-do-Liste abhaken. Jetzt noch die isländischen Schafe, dann kamen morgen die kanadischen Bären, die neuseeländischen Kiwis und die afrikanischen Erdmännchen dran. Und dann würde der Kontostand schon wieder besser aussehen.

Janna lächelte sich selbst im Badezimmerspiegel an. Sie puderte ihre Nase, bürstete ihre Haare und schüttelte sie in Form. Das war Janna Mahler! Eine Femme de Lettres! Schön, schlank, erfolgreich, auf unauffällige Art elegant, na gut, auf sehr unauffällige, fast schon unsichtbare Art, aber mit unglaublich wachen, intelligenten, braunen Augen! So sahen Sieger aus! Auf zu den Schafen!

Beschwingt verließ Janna das Bad. Ups, was war das? Auf dem Boden vor der Wohnungstür war ein heller Fleck, der eben noch nicht da gewesen war. Sie drückte auf den Schalter, Licht flammte auf und erhellte den dunklen Flur. Vor ihr lag ein Zettel, den jemand unter der Wohnungstür durchgeschoben hatte. Sie hob ihn auf und entfaltete ihn.

»Janna!«, stand da. »Ich fahre jetzt zur Polizei und hole deine Tochter ab. Man hat sie aufgegriffen.« Janna erstarrte. »Gern hätte ich dich mitgenommen«, las sie, »aber leider hattest du Wichtigeres zu tun, als mir die Tür zu öffnen. Hoffentlich war es wirklich wichtig. Bis später.«

Darunter stand in Großbuchstaben MUTTER.

Was tun, damit Mücken keinen Stich machen?

Von Janna Mahler

Wer A sagt, muss auch B sagen, und wer in ein Land mit mehr als tausend Seen reist, muss dort auch mit Mücken rechnen. Lesen Sie hier, was Sie tun können, damit Ihr Urlaub nicht durch surrende Blutsauger verdorben wird:

 

  • Mücken fliegen vor allem in der Dämmerung. Bei Sonnenuntergang Fenster schließen!
  • Mücken lieben dunkle Untergründe. Tragen Sie helle Kleidung!
  • Mücken lieben das Blut von Menschen mit Blutgruppe Null. Nehmen Sie einen Reisegefährten mit dieser Blutgruppe mit!
  • Mücken lieben Menschen, die Bier getrunken haben. Servieren Sie diesem Reisegefährten eins!
  • Mücken lieben Schweißgeruch. Duschen Sie vor Einbruch der Dämmerung, am besten ohne Seife oder andere parfümierte Substanzen. Die mögen Mücken nämlich auch.
  • Nehmen Sie sich Mückennetze fürs Schlafzimmerfenster, die Schlafzimmertür und fürs Bett mit. Nachtschlaf ist so wichtig!
  • Reiben Sie bei einer Mückenattacke wirklich jeden Quadratzentimeter freiliegender Haut mit Anti-Mücken-Mitteln ein. Die Mücken merken es, wenn Sie eine Stelle vergessen.
  • Bleiben Sie gelassen. Je mehr Mückenstiche man im Leben erlitten hat, desto geringer fällt die juckende Körperreaktion aus. Und die einzige Krankheit, die finnische Mücken in ganz seltenen Fällen übertragen können, ist eine harmlose Fiebererkrankung, die nach einigen Tagen von selbst abklingt.
  • Überdenken Sie Ihre Einstellung zu Mücken: Finnland ist ein traumhaftes Reiseland. Einsame Seen, idyllische Hütten, die Stille der Natur, wo gibt es das denn sonst noch? All das verdanken Sie den Mücken. Gäbe es keine, dann befände sich jetzt anstelle jeder Mücke, die Sie gerade sehen, ein All-inclusive-Pauschalurlauber in Ihrer Nähe. Und den könnten Sie nicht einfach an der Wand zerklatschen.

2

»Evelina, ich möchte in der nächsten halben Stunde nicht gestört werden.« Helen Berg bedachte ihre Sekretärin mit einem festen Blick. »Von niemandem!«

Evelina sah ihre Chefin mit großen, blauen Augen fragend an. »Und wenn’s wichtig ist?« Sie blinzelte öfter als notwendig, ein Zeichen dafür, dass sie nervös war.

Helen kannte das, es verhieß nichts Gutes. »Wenn es wichtig ist, rufe ich in einer halben Stunde zurück«, antwortete sie und betonte jedes Wort überdeutlich. Sie bemühte sich, freundlich zu klingen, freundlich, aber bestimmt. Nicht, weil sie ein freundlicher Mensch war, sondern weil sie wusste, dass sie garantiert keine halbe Stunde Ruhe haben würde, wenn sie Evelina jetzt beunruhigte.

Als Helen ihre Aushilfssekretärin vor ein paar Tagen wegen ihrer Begriffsstutzigkeit gereizt angefahren hatte, war danach die Kaffeemaschine explodiert. Keiner wusste, warum und wieso, aber es geschah, als die aufgeregt flatternde Evelina sich zur Beruhigung einen Cappuccino machen wollte, und an Arbeit war danach für Stunden nicht zu denken. Evelina zitterte und weinte, sie hatte sich an der rechten Hand verbrüht und musste verarztet werden, und die Kaffeeküche sah aus, als wäre Evelina komplett ausgerastet. Helen fragte sich heimlich, ob das vielleicht tatsächlich der Fall gewesen war. Irgendetwas an Evelina kam ihr seltsam vor. Im Aussehen erinnerte das Mädchen an eine blonde Elfe, aber im Verhalten eher an Dobby, den hysterischen Hauselfen aus Harry Potter.

Helen hatte an diesem Tag beschlossen, sich Evelina gegenüber in Engelsgeduld zu üben und so lange durchzuhalten, bis ihre Vorzimmerdame Gabriele, eine echte Spitzenkraft, aus der Kur zurück war. Sechs Wochen noch. Sechs. Wochen.

»Aber was sage ich, wenn jemand anruft, der Sie wirklich ganz dringend sprechen will?«, wollte Evelina jetzt wissen. Ihre Stimme klang weinerlich.

Helen versuchte, mütterlich und beruhigend zu wirken. »Sie sagen dann, ich würde in einer halben Stunde zurückrufen.«

»Ich könnte auch sagen, Sie seien nicht da, oder?«, fragte Evelina hoffnungsvoll.

»Nein, Evelina, wir lügen nicht. Nichts auf der Welt ist so wichtig, dass es nicht eine halbe Stunde warten könnte.«

»Ja, natürlich«, piepste Evelina. »Ich finde nur immer, dass es so unfreundlich klingt, wenn jemand da ist, aber nicht mit einem sprechen will. Falls zum Beispiel Herr Dr. Schröbner anrufen würde und es um etwas Wichtiges ginge, also ich finde, dem Chef gegenüber sollte ich ja nicht unfreundlich wirken, oder? Vielleicht ist es besser, wenn ich in der nächsten halben Stunden einfach gar nicht ans Telefon gehe.«

»Nein, das ist nicht besser.« Helen benötigte all ihre Selbstbeherrschung, um mit milder, gelassener Stimme weiterzusprechen. »Selbst wenn der Papst anruft: Teilen Sie ihm einfach mit, ich würde in einer halben Stunde zurückrufen.«

»Kann man den Papst denn einfach so zurückrufen?« Evelina hatte plötzlich wässrige Augen.

»Evelina«, sagte Helen und sah das junge Mädchen ernst und feierlich an. »Manchmal stellt das Leben uns Aufgaben, die uns schwerfallen, nicht wahr?« Das Mädchen nickte, und Helen sprach weiter. »Ihnen stellt das Leben nun die Aufgabe, diesen einen Satz zu sagen, falls jemand anruft: Frau Berg ruft in einer halben Stunde zurück. Das fällt Ihnen nicht leicht, Sie sagen das nicht gern, und das spricht für Sie. Aber Sie müssen es trotzdem tun. Es ist Ihre Aufgabe, es ist Ihr Job, es ist Ihre Pflicht. Okay?«

»Okay«, flüsterte Evelina.

Helen schloss die Bürotür hinter sich, lehnte sich an das kühle Holz, atmete heftig aus und überlegte kurz, was ein Mensch wie Evelina wohl in seiner Freizeit tat. Wattebällchen pusten? Glitzernagellack sammeln? Mit glockenheller Stimme Feenlieder singen? Oder sammelte sie Socken wie Dobby der Hauself und trug einen Teewärmer als Hut? Sie schüttelte diesen Gedanken ab und zwang sich, jetzt nicht über das Pastell-Püppchen nachzudenken. Sie musste die Zeit nutzen, die ihr blieb, bis Evelina beim ersten Telefonklingeln ziemlich sicher kollabieren würde und vom Notarzt wiederbelebt werden musste. Sie würde jetzt wie geplant das Online-Formular ausfüllen, schließlich hatte sie sich selbst für das neue Fitness- und Gesundheitskonzept der Firma eingesetzt, und die Basis für dieses Konzept war nun mal dieser Online-Fragebogen.

Bei der Befragung ging es um eine Erhebung des Ist-Zustandes der Belegschaft. Jeder musste anonym fünfundsiebzig Fragen zu seiner Person und seiner Lebensweise beantworten, und ein Computer würde dann berechnen, welche Mitarbeiter der Agentur Schröbner und Partner betriebswirtschaftlich betrachtet potenzielle Schwachstellen waren. Ein speziell geschulter Gesundheitscoach würde dann mit den Betroffenen an ihrer Lebensführung arbeiten. Und heute stand Punkt eins dieses Programms auf der Agenda. Heute musste der Fragebogen ausgefüllt werden, und Helen als Vorgesetzte wollte der Belegschaft mit leuchtendem Beispiel vorangehen.

Sie setzte sich an den Schreibtisch, öffnete die Datei, loggte sich ein und klickte auf »Test starten«.

Ein Fenster öffnete sich. Alter, Geschlecht und Familienstand wurden abgefragt. Das war einfach. 35, weiblich, ledig.

Nein, halt, bei ledig gab es zwei mögliche Antworten: »ledig, aber in einer festen Beziehung oder Gemeinschaft lebend« oder »ledig und ungebunden«. Helen wählte die zweite Option, ungebunden, und ging zur nächsten Frage über. Stellung innerhalb des Unternehmens. Sie zögerte und klickte dann auf »Angestellte in Führungsposition«. Ihr Zögern lag nicht daran, dass es bei der Antwort Unklarheiten gab. Sie klickte vielmehr nur widerwillig auf das entsprechende Feld, weil sie wusste, dass das Formular allein schon durch die ersten vier Mausklicks leicht als ihres identifizierbar war. Es gab in der Agentur Schröbner und Partner nur eine einzige weibliche Führungskraft. Die Anonymität der Befragung war ab jetzt ein Witz, und Helen hätte genauso gut ihren Namen in fetten Leuchtbuchstaben in jede Spalte eintragen können. Aber es half nichts, sie musste die Fragen wahrheitsgemäß beantworten. Hätte sie ihre Identität durch eine falsche Antwort verschleiert, wäre auch das aufgefallen. Dann hätte ihr Fragebogen deutlich erkennbar im Datenpool gefehlt und was läge näher, als daraus zu schließen, dass sie etwas zu verbergen hatte.

Helen hielt inne und überlegte. Hatte sie denn Geheimnisse? Nein, eigentlich nicht. Natürlich waren das Fragen, die man einem Arbeitgeber zum Beispiel in einem Bewerbungsgespräch nicht hätte beantworten müssen. Schon die Unterscheidung bei der Antwort »ledig« ging genau genommen zu weit. Es hatte niemanden in ihrer Firma zu interessieren, ob sie in einer festen Beziehung lebte. Andererseits wussten ohnehin alle, dass sie solo war. Und selbst wenn nicht, es half nichts, sie musste da durch.

Nächste Frage. Rauchen Sie? Jawohl.

Selten, gelegentlich, regelmäßig, oft? Regelmäßig und oft, das wäre die richtige Antwort gewesen, aber weil man nur eine Angabe machen konnte, entschied Helen sich für regelmäßig, weil es ein bisschen besser klang als oft.

Trinken Sie Alkohol? Jep.

Weniger als zwei Mal wöchentlich oder mehr als zwei Mal wöchentlich? Mehr natürlich. Schon rein beruflich war es in der Agentur mehr als zwei Mal pro Woche üblich, Sektkorken knallen zu lassen, um einen Vertragsabschluss oder eine gelungene Kampagne zu feiern.

Geben Sie Ihre Wochenarbeitszeit an. Wie viele Stunden arbeiten Sie im Durchschnitt? Mehr als zwanzig, mehr als vierzig, mehr als fünfundvierzig, mehr als fünfzig Stunden? So eine blöde Frage. Jeder im Führungsteam arbeitete mehr als sechzig Stunden wöchentlich, das war selbstverständlich, darüber sprach man nicht, wie sollte es anders gehen, und wie sonst würde sich eine solche Gehaltshöhe für das Unternehmen rentieren?

Tragen Sie beruflich Verantwortung für andere Mitarbeiter? Jawohl.

Welche ärztlichen Untersuchungen nehmen Sie regelmäßig in Anspruch? Ha! Diese Antwort konnte niemand überprüfen, hier gab es Spielraum. Helen kreuzte Zahnarzt an, obwohl sie dort seit zwei Jahren nicht mehr gewesen war, dann Krebsvorsorge und zuletzt Augenarzt. Sie entschied sich allerdings, ohne überhaupt nachzudenken, gegen Fachärzte wie Orthopäden, Internisten, Neurologen und Hals-Nasen-Ohren-Ärzte, denn wer wollte da schon regelmäßig gewesen sein? Das klang so kränklich.

Nehmen Sie regelmäßig Vitaminpräparate ein? Auch so eine Frage, deren Antwort niemand überprüfen konnte. Helen klickte auf Ja, das klang gesund und vernünftig.

Treiben Sie Sport? Natürlich.

Wie oft? Ähm, also, wenn sie ehrlich war, aber andererseits, warum sollte sie ehrlich sein? Einmal wöchentlich, das klang realistisch, auch wenn es nicht stimmte.

Nennen Sie fünf Dinge, die Sie auf eine einsame Insel mitnehmen würden. Zur Wahl standen dreißig verschiedene Gegenstände.

Was hatte das denn mit Gesundheit und Fitness zu tun? Ein Moskitonetz, entschied Helen, ein bequemes Bett, eine Harpune, Streichhölzer. Und Astronautennahrung in Tuben für den Notfall, falls die Sache mit der Harpune nicht klappen sollte. Das wirkte doch überlebensfähig, lösungsorientiert, optimistisch und realistisch zugleich.

Von welchen Prinzipien lassen Sie sich in Ihren Entscheidungen am ehesten leiten, wählen Sie drei. Zur Auswahl standen Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Sicherheitsdenken, Flexibilität, Neugier, Intuition, Planung, Information, Kalkulation, Optimismus, Kommunikation. Oh, das war eine fiese Frage. Alle Antworten klangen positiv, aber wer wie Helen geübt im Lesen von Arbeitszeugnissen war, wusste, dass sich hinter scheinbar positiven Formulierungen oft das Gegenteil verbarg. Bei dieser Frage bestimmte die Mischung das Ergebnis. Wer zum Beispiel Zuverlässigkeit, Sicherheitsdenken und Planung ankreuzte, war garantiert ein ängstlicher Pedant und stand kurz vorm Burnout. Wer sich aber für Flexibilität, Optimismus und Kommunikation entschied, war ziemlich sicher ein undisziplinierter Schwätzer. Nach langer Überlegung wählte Helen Neugier, Information und Kommunikation. Sie war schließlich in der Werbebranche tätig.

Werfen Sie jetzt einen Blick in den Spiegel und beurteilen Sie selbstkritisch Ihr Äußeres, so lautete die nächste Aufgabe. Obwohl sie sich dabei lächerlich vorkam, zog Helen die Schublade ihres Schreibtisches auf, entnahm ihr den kleinen Taschenspiegel, den sie dort aufbewahrte, klappte ihn auf und betrachtete ihr Gesicht. Selbstkritisch stellte sie fest, dass ihre Nase glänzte und ihr Lippenstift verblasst war. Ihre blonden Haare, die sie heute zu einem strengen Knoten zusammengefasst und mit Gel fixiert hatte, waren aber noch einwandfrei und bedurften keiner Korrektur. Okay, und wie lautete nun die Frage? Wirken Sie auf außenstehende Betrachter älter oder jünger, als Sie es tatsächlich sind? Helen hatte keine Ahnung. Kurzentschlossen stand sie auf, eilte zur Tür und öffnete sie. Im Vorzimmer saß Evelina an ihrem Schreibtisch und starrte das Telefon an wie ein Kaninchen eine hungrige Klapperschlange. »Evelina, schätzen Sie bitte mal, wie alt ich bin.«

»Fünfunddreißig!« Das kam wie aus der Pistole geschossen.

Helen runzelte die Stirn. »Das wussten Sie, nicht wahr?«

Evelina nickte.

»Hätten Sie es nicht gewusst, auf welches Alter hätten Sie mich dann geschätzt?«, hakte Helen nach.

»Dreißig?«, zwitscherte Evelina und schlug die Augen nieder. Sie war eine schlechte Lügnerin.

Helen bedankte sich, schloss die Tür, setzte sich hinter den Bildschirm und wählte die Antwort: »Ich wirke bewusst durch Kleidung und Auftreten etwas älter, als ich bin, weil das in meiner Position hilfreich ist.«

Jetzt kamen Fragen nach Größe und Gewicht, da hatte Helen nichts zu verbergen. Nicht ganz so wahrheitsgemäß gab sie Antworten zu Schlafdauer, Essgewohnheiten, Kaffeegenuss und so weiter und so fort. Sie klickte sich immer rascher durch die Antworten, denn die Zeit wurde knapp.

Überprüfen Sie noch einmal, ob Sie alle Fragen wahrheitsgemäß beantwortet haben, und errechnen Sie dann Ihr biologisches Alter. Helen klickte auf okay.

Auf dem Bildschirm erschien eine Tabelle.

Tatsächliches Alter an Jahren: fünfunddreißig. Das stand in der ersten Spalte. Und darunter: Einsamkeit (plus zehn Jahre), lange Arbeitszeiten, beruflicher Stress (plus neun Jahre), Rauchen (plus sieben Jahre), Alkohol (plus drei Jahre), hohe Vitamindosen (plus zwei Jahre), schlechte Ernährung (plus drei Jahre), mangelnde Bewegung (plus drei Jahre).

Helen starrte auf den Bildschirm. Das durfte doch nicht wahr sein! Sie erfüllte sämtliche Kriterien, die laut Statistik zur Vergreisung führten, außer einem einzigen: Sie war kein Mann, das hätte ihr weitere drei Jahre eingebrockt. Rein rechnerisch gesehen war sie zweiundsiebzig! Hilfe! Und dabei hatte sie beim Ausfüllen sogar gemogelt. In Wahrheit war sie vermutlich noch älter.

Leider konnte sie trotzdem nicht einfach in Rente gehen und ihren Lebensabend genießen. Auf ihrem Bildschirm blinkte jetzt ein Text in leuchtend roten Buchstaben auf. »Liebe/r Mitarbeiter/In«, stand da. »Die Agentur Schröbner und Partner als Ihr Arbeitgeber ist um Ihren Gesundheitszustand ehrlich besorgt und möchte Ihnen helfen. Bitte vereinbaren Sie umgehend einen Termin bei unserem Down-Aging-Berater Jesper Knudsen. Ein Schreiben und die Kontaktdaten erhalten Sie automatisch per Mail.«

An dieser Stelle war ein Bild eingefügt. Man sah darauf Jesper Knudsen, einen braun gebrannten, blonden Mann mit überaus markanten Gesichtszügen. »Ihre Daten wurden bereits anonymisiert an Herrn Knudsen weitergeleitet«, verkündete der Text. »Sie können sich ihm ruhig anvertrauen und ihm Ihre Identität offenlegen. Er ist vertraglich zu absoluter Verschwiegenheit verpflichtet, und die Kosten trägt die Firma für Sie. Nennen Sie ihm daher unbesorgt Ihren Evaluationscode, dann kann er Ihre Erhebungsergebnisse mit Ihnen durchgehen. Gemeinsam mit ihm werden Sie einen Weg finden, fitter, gesünder, effektiver und glücklicher zu leben. Mit freundlichen Grüßen, Ihr Führungsteam Arthur Schröbner, Vincent Pfister und Helen Berg.« Helen sank in sich zusammen, als sie ihren eigenen Namen las.

Jemand klopfte an die Tür. Evelina. »Die halbe Stunde wäre jetzt vorbei«, verkündete sie und sah dabei stolz und zufrieden aus.

»Hat jemand angerufen?«, fragte Helen und rieb sich seufzend die Stirn. Sie fühlte sich matt und kraftlos. Vielleicht fühlte sie sich auch einfach nur alt.

»Oh ja!«, schmetterte Evelina und blickte auf den Zettel in ihrer Hand. »Eine Janna Mahler. Drei Mal schon! Klang irgendwie nach Nervenzusammenbruch. Ich habe ihr gesagt, dass Sie in einer halben Stunde zurückrufen werden. Aber das müssten Sie dann nicht mehr, hat sie geantwortet, es hätte sich bis dahin erledigt.«

Helen starrte Evelina an. Es gab Tage, an denen sie sich fragte, ob sie im Leben wirklich alles richtig machte.

Fit und gesund!

Von: jesper.knudsen@downage.de

An: helen.berg@schroebner.de

Betreff: Fit und gesund!

Hey, Helen, ich bin Jesper,

ich komme aus Schweden und da duzen wir uns alle. Ich hoffe, dass es für dich in Ordnung ist, wenn ich das hier auch tue. Was ich dir sagen will, kann man nämlich per du besser rüberbringen.

Helen, dein Online-Test hat Werte ergeben, die zeigen, dass dein Körper unter Stress steht, und das ist nicht gut. Du bist sehr zielstrebig und erfolgreich, aber du treibst damit Raubbau an deiner Gesundheit. Wer so lebt wie du, verbrennt Treibstoff, ohne vorwärtszukommen. Wer so lebt, hat seine Kraftvorräte schneller verbraucht als andere. Wer so lebt, lebt vielleicht nicht mehr lange.

Du denkst, dass du dein Alter kennst, und wenn man dich danach fragt, nennst du die Jahre, die seit deiner Geburt vergangen sind: fünfunddreißig. Moderne Altersforscher aber gehen dazu über, das Alter anders zu berechnen. Grundlage für diese Rechnung soll nicht mehr das gelebte Leben sein, also der Zeitraum, den wir bereits hinter uns haben. Die neue Formel lautet stattdessen: Wir sind so jung, wie wir noch Lebensjahre VOR UNS haben. Und das hängt ganz stark von unserer Lebensweise ab.

Du, Helen, musst daran etwas ändern, denn bei dir sind es nicht mehr viele Jahre. Aber ich wette, dass wir das zusammen schnell in den Griff bekommen.

Ruf mich an!

Jesper

3

Lou Antoni saß im Büro am Schreibtisch und zählte ein zweites Mal die Bestellungen. Sieben waren per Mail gekommen, zwei über das Onlineformular auf der Homepage, und neun hatten sie per Telefon erreicht. Also waren es insgesamt achtzehn.

Seltsam. Lou konnte es kaum glauben. Hatten heute wirklich nur achtzehn Menschen mitten in Berlin eine Kiste Bio-Gemüse bestellt? Hey, es war Frühling!

Sie sprang auf, trat ans Fenster und riss es auf. Mensch, draußen schien die Sonne. Die Bäume am Straßenrand hatten zartgrüne Blätter, in ihren Zweigen tschilpten Spatzen. An einem solchen Tag wollten doch alle nur eins: Vitamine, Vitamine, Vitamine. Man brauchte jetzt Obst und Gemüse, und man spürte das in jeder Körperzelle. Man gierte doch förmlich nach frischem Grün.

Oder etwa nicht? Mit gerunzelter Stirn betrachtete Lou eine junge Frau auf der gegenüberliegenden Straßenseite, die eine Eiswaffel Größe XXL mit leuchtend blauem Eis in der Hand hielt und selbstversunken daran leckte. Na gut, vielleicht waren bei manchen die natürlichen Instinkte durch Zivilisation verkümmert. Aber doch bestimmt nicht bei allen! Wer wenigstens noch ansatzweise einen Draht zu seiner wahren Natur hatte, wollte sich doch bei diesem Frühlingswetter garantiert nicht die Arterien mit Zucker, Farb- und Konservierungsstoffen verkleistern. Der wollte frische Luft und frische Nahrung.

Aber warum dann dieser Rückgang? Nur achtzehn? Lou verschränkte die Arme vor der Brust und dachte nach.

Sie arbeitete seit letztem Sommer bei Biofit, war also vom ersten Tag an dabei gewesen. In den Anfangsmonaten hatte der Laden gebrummt, doch im Winter waren die Bestellungen gesunken. Bei genauer Betrachtung war das kein Wunder. Biofit hatte wochenlang nur Kohl, Wurzelgemüse, Kartoffeln und Lageräpfel im Sortiment gehabt. Das war konsequent, weil es auf den Höfen in Brandenburg in diesen Monaten nichts anderes gab, aber natürlich war es auch langweilig.

Doch jetzt war der Winter vorbei. Der Chef hatte Rucola angekarrt, Dill, Schnittlauf, Petersilie, sogar schon ersten Rhabarber. Und das schien sich herumgesprochen zu haben, denn in den letzten Tagen waren die Bestellzahlen wieder leicht gestiegen.

Tja, bis heute. Achtzehn Bestellungen, so wenig waren es noch nie gewesen.

War eine Serverpanne der Grund für die Flaute? Geisterten die Buchungen noch irgendwo in den undefinierbaren Weiten des Internets herum und hatten ihren E-Mail-Account einfach noch nicht erreicht?

Lou fuhr den Computer noch einmal hoch. Vielleicht waren ja inzwischen weitere Bestellungen eingetroffen. Ihr blieb nicht mehr viel Zeit, sie musste die Kisten gleich zusammenstellen. Der Fahrer würde gegen Mittag kommen.

Es war warm im Büro, und sie fasste ihre hennaroten Locken im Nacken zusammen, zwirbelte sie zu einem Knoten auf und steckte ihn mit zwei Bleistiften fest. Als das Telefon klingelte, hatte sie die Hände gerade wieder frei.

»Biofit Obst- und Gemüselieferservice, Lou Antoni am Apparat. Was kann ich für Sie tun?«, flötete sie in den Hörer.

»Fräulein Louisa?«, fragte die Stimme am anderen Ende des Apparats.

»HERR BRANDT! GUTEN MORGEN! WIE GEHT ES IHNEN?« Lou sprach laut und überdeutlich, denn nur ein einziger Mensch auf der Welt nannte sie Fräulein Louisa, und der war vierundachtzig Jahre alt und schwerhörig: Herr Brandt, der freundliche ältere Herr aus dem Haus gegenüber. Er bestellte jeden Mittwoch telefonisch eine kleine Biofit-Kiste, die Lou stets persönlich am Donnerstag zu ihm brachte. Dass Herr Brandt montags anrief, war ungewöhnlich.

»Fräulein Louisa, ich hätte da eine Frage«, sagte er mit seiner ruhigen, freundlichen Altmännerstimme.

»JA, HERR BRANDT?«, rief Lou in den Hörer. Sie mochte den alten Herrn. Mit seinem schneeweißen Haar und seiner stillen, höflichen Art erinnerte er sie an einen dieser typischen Gentlemen aus den Schwarz-Weiß-Filmen der Fünfzigerjahre, nur eben ein paar Jahrzehnte älter.

»Fräulein Louisa, ich hätte gern Erdbeeren, einfach so zwischendurch. Könnten Sie mir heute ein Pfund vorbeibringen, außer der Reihe, sozusagen?«

Er hustete, und Lou wartete, bis der Hustenanfall vorbei war. »WIR HABEN LEIDER KEINE ERDBEEREN!«, rief sie dann. »DIE ERDBEERSAISON HAT NOCH NICHT BEGONNEN.«

»Wirklich?« Das kam leise. Herr Brandt zögerte, dann fuhr er fort. »Heute lagen in der Zeitung Prospekte, Werbeblätter von Geschäften, Sie wissen schon. Die verkaufen schon Erdbeeren.«

»DIE KOMMEN AUS SPANIEN UND ITALIEN«, trompetete Lou. »ABER SOLCHE ERDBEEREN VERKAUFEN WIR NICHT. SIE WURDEN MIT LASTWAGEN UND FLUGZEUGEN VON WEIT HER ZU UNS GEBRACHT, DAS IST NICHT UMWELTFREUNDLICH. WIR VON BIOFIT VERKAUFEN NUR OBST AUS HEIMISCHEM ANBAU. AUS DER UMGEBUNG.«

»Ach, ja, ich weiß, aber vielleicht gibt es doch einen Weg?« Er dachte kurz nach. »Fräulein Louisa, könnten Sie vielleicht im Supermarkt ein paar Erdbeeren für mich kaufen und sie mir vorbeibringen? Ginge das?«

Herr Brandt war nicht gut zu Fuß. Um seine Einkäufe kümmerte sich eine Haushaltshilfe, die dienstags und freitags zu ihm kam, und für ihn auch kochte und putzte. An den übrigen Tagen sorgte er selbst für sich, und das schaffte er gut. Lou hatte schon manchmal kleine Besorgungen für ihn erledigt, wenn sie donnerstags die Kiste vorbeibrachte, und sie plauderte oft mit ihm, die Zeit nahm sie sich. Aber spanische Erdbeeren, das ging nun gar nicht. Sie konnte doch nicht während ihrer Arbeitszeit bei einem Biogemüseservice spanische Erdbeeren beim Discounter kaufen und an ihre Kunden ausliefern. Und auch nach der Arbeitszeit würde sie das nicht übers Herz bringen. Sie stand schließlich mit Leib und Seele hinter dem Motto von Biofit: »Iss das, was da wächst, wo du wächst!«

»NEIN, HERR BRANDT«, rief sie in den Hörer. »WIR MÜSSEN AN DIE UMWELT DENKEN. KEINE ERDBEEREN VOR MAI, SO HAT ES DIE NATUR GEWOLLT UND SO IST ES RICHTIG. ABER ICH KANN IHNEN NACHHER SCHÖNEN RHABARBER VORBEIBRINGEN.«

»Nein, danke, das ist nicht nötig.«

»WIR HABEN AUCH KRESSE.«

»Erdbeeren«, sagte Herr Brandt. Er klang dabei nicht fordernd, sondern versonnen, als würde er sich die Früchte vorstellen, als sähe er sie beim Sprechen vor seinem inneren Auge.

»WISSEN SIE WAS, HERR BRANDT, ICH KOMME HEUTE MITTAG BEI IHNEN VORBEI UND BRINGE IHNEN EIN PAAR ÄPFEL. WIR HABEN NOCH WELCHE VON EINER SELTENEN SORTE MIT ERDBEERAROMA IM LAGER, SIE WERDEN SIE LIEBEN. ECHTE ERDBEEREN GIBT ES DANN IN EIN PAAR WOCHEN. DIE ZEIT GEHT SCHNELL VORBEI, GANZ BESTIMMT.«

Herr Brandt klang nicht begeistert, aber er stimmte zu, und Lou beendete das Gespräch mit einem Tastendruck.

Sie warf einen Blick auf den Bildschirm. Keine weiteren Bestellungen. Dann würde es eben bei achtzehn Kisten bleiben.

Plötzlich hielt sie inne. Erdbeeren, überlegte sie, Erdbeeren aus Spanien, sie könnten der Grund für den Bestellrückgang sein. Und Spargel. Überall lag das Zeug plötzlich in den Regalen, zu einem Spottpreis. Und wer kam schon auf die Idee, Rhabarber, Spinat oder Lageräpfel vom Vorjahr zu bestellen, wenn es überall nach Frühling roch und man Spargelspitzen und Erdbeeren essen konnte? Das wäre eine Erklärung, aber es war natürlich nicht die einzig mögliche. Es konnte auch an der Geschäftsidee liegen.

Lou dachte nach. Okay, vielleicht waren die ersten Erdbeeren der Grund, dann war alles gut, das würde vorübergehen. Oder es lag am Geschäftskonzept, dann war das der Anfang vom Ende.

Ein Geräusch im Packraum nebenan unterbrach Lous Gedanken. In drei Schritten war sie an der Tür und spähte durch den Spalt. Sie sah einen großen, blonden Mann in hautenger, neonbunter Sportkleidung, einen wahren Hünen, der langsam um die Tische mit dem Gemüse herumging und die Ware betrachtete. Er zupfte ein Blättchen Dill von einem Büschel, steckte es in den Mund und kaute es.

Ha! Ein Kunde! Den schickte das Schicksal! Lou beschloss, diesen merkwürdigen Menschen als eine Art Orakel zu sehen. Eine lebende Prophezeiung in Sportklamotten. Eine Weissagung in Neongelb, Grellgrün und Pink. Wenn sie es schaffen konnte, diesem Neon-Mann ein Gemüse-Abo zu verkaufen, und zwar eine große Kiste, dann bedeutete dieser Tag nicht das Ende von Biofit. Dann würde sie weiter an das Konzept glauben. Vielleicht musste der Chef einfach noch mehr Werbung machen, als Riesengurke verkleidet durch die Straßen laufen und Flyer verteilen, irgendwie so. Wenn es ihr aber nicht einmal gelingen würde, diesem sportlichen Menschen, der gerade heimlich Dill knabberte und demnach gesunde Instinkte besaß, mit ihrem geballtem Charme eine Gemüsekiste anzudrehen, dann war das ein eindeutiges Zeichen. Dann gab es einen Fehler im Geschäftskonzept, und sie sollte sich besser nach einem neuen Job umsehen.

An die Kresse, fertig, los! Lou holte tief Luft, knipste ein Lächeln an und betrat den Packraum. »Guten Tag! Was kann ich für Sie tun?«

Der Mann zuckte zusammen, er hatte sie offenbar nicht gehört. Aber er fing sich schnell wieder.

»Guten Morgen!«, sagte er. »Ich nehme ein bisschen was von dem Dill. Und hast du Giersch?«

»Giersch?«, fragte Lou, um Zeit zu gewinnen. Wieso duzte der sie? Und was trug dieser Mensch da an seinen Füßen? Riesige schwarze Plastikfüßlinge mit angedeuteten Zehen, wie ein Riesenhobbit. Wer hatte denn den aus dem Auenland vertrieben und in diese Gummihüllen eingeschweißt? »Sorry, aber wir haben hier keine Verkaufsstelle. Das ist ein Lieferservice. Sie können hier Obst- und Gemüsekisten bestellen, die wir Ihnen dann nach Hause liefern.«

»Aha. Und was kostet das?«

»Das hängt davon ab, wo Sie wohnen. Im Nahbereich kostet die kleine Kiste vierzehn Euro und die mittlere siebzehn. Und dann gibt es auch noch Angebote für Großfamilien und WGs, die sind entsprechend teurer. Wenn Sie ein Abo nehmen, also mindestens drei Monate lang wöchentlich eine Kiste bestellen, wird’s billiger, dann sparen Sie zwei Euro pro Lieferung.«

»Okay. Dann nehme ich eine große Kiste.«

Gewonnen! Lou entspannte sich. Das war ja einfacher als gedacht. »Einmalig? Oder lieber im Abo? Unsere Abonnenten erhalten übrigens mit jeder Lieferung zusätzlich Kochrezepte und ein Begleitschreiben mit Infos über die Obst- und Gemüsesorten, die in der Kiste enthalten sind.«

»Erst mal einmalig. Ich nehme das ganze Grünzeug hier, und außerdem Nüsse, Ananas und ein paar Erdbeeren. Wann kommt die Lieferung? Ich hätte sie gern morgen ganz früh, noch vor zehn.«

»Ähm«, Lou schluckte. »Sie können bei uns nicht einfach so Obst und Gemüse bestellen. Das funktioniert hier anders. Wir nennen das Prinzip Überraschungskiste. Sie bestellen nur die Kistengröße und bekommen dann das, was unsere Zulieferbetriebe im Umland am jeweiligen Liefertag frisch geerntet haben. Das variiert von Wochentag zu Wochentag. Und auch die Lieferzeit können wir nicht vorhersagen, sie hängt davon ab, wie viele Bestellungen wir an diesem Tag haben.«

»Hab ich das jetzt richtig verstanden?«, fragte der Mann und strich sich mit einer schwungvollen Bewegung die Wuschelhaare aus der Stirn. »Ich bezahle eine festgelegte Summe an dich. Und dann kriege ich irgendwann irgendwas. Du sagst mir aber weder, was ich dafür bekomme, noch wann? Witzige Geschäftsidee!« Er wippte auf den Fersen und grinste. »Darf ich mal was fragen? Habt ihr schon Kundschaft?«

»Jep«, sagte Lou. »Tolle Kundschaft! Man nennt die Leute Locavoren, also Nahesser. Das sind ganz besondere Menschen! Bei uns bestellen Leute, die selber denken. Leute, die sich nicht als Konsumenten betrachten, sondern als Prosumenten. Menschen, die beim Einkauf nicht einfach eine Ware ordern, sondern die mit jedem Einkauf auch bewusst einen Produktionszweig unterstützen. Unsere Kunden wollen Landwirtschaft fördern, die nach ökologischen Kriterien arbeitet. Und deswegen akzeptieren sie es, genau wie die Menschen vor hundert Jahren, dass es von Natur aus eben nicht zu jeder Jahreszeit jede Sorte Obst und Gemüse gibt. Sie nehmen, was die Natur ihnen gibt, und wir liefern es ihnen.«

»Prosumenten? Klingt irgendwie nach Bodenbakterien oder so was.«

Lou schwieg. Das lief jetzt nicht nach Plan. Was sollte sie tun? Argumentieren oder aufgeben?

»Machen wir es doch so«, sagte der Mann und strahlte sie an. »Du schickst mir morgen irgendwann irgendwas, und ich bezahle dann irgendwo irgendwie. Pfiiihiiihiii.«

Lou benötigte einige Sekunden, bis sie begriff, dass der Mann nicht quiekte, sondern lachte. Bei seiner Größe hätte sie eher ein »Har Har« erwartet. Sie lächelte schmallippig, und nach ein paar Sekunden kriegte sich der Riesenhobbit wieder ein.

»Weißt du«, sagte er, »das ist eine Denkfalle, in die ihr Prosumenten da getappt seid. Leben wie vor hundert Jahren, das war doch genauso scheiße wie unser Leben heute. Oder sogar noch schlimmer. Wenn du als Mensch wirklich artgerecht leben willst, musst du viel weiter zurückgehen. Du musst dich bewegen wie die Urzeitmenschen. Essen wie sie. Dich kleiden wie sie. Das ist es, wie Menschen leben sollten. Dafür sind sie gemacht.«

»Aha. Und Sie tun das?«

»So gut ich kann«, sagte er stolz.

Lou musterte ihn von Kopf bis Zeh. »Sie glauben aber nicht wirklich, dass Steinzeitmenschen solche Teile an den Füßen hatten, oder?«

»Pfiiihiiihiii«, wieherte der Mann wieder. »Nein, natürlich nicht. Die sind früher barfuß gelaufen. Aber sie lebten ja auch nicht in Berlin. Wenn du hier einen Schritt barfuß gehst, dann stehst du links in einem Hundehaufen und rechts in Glasscherben. Du, die Dinger hier sind genial, mit denen kannst du das trotzdem machen. Da hast du auch mitten in der Großstadt ein Barfuß-Feeling wie in der Steinzeit. Und du gehst nicht auf den Fersen, sondern auf den Ballen. Dafür sind Menschenfüße nun mal einfach geschaffen, alles andere macht sie krank. Hast du das gewusst?«

»Nö«, meinte Lou. »Und die Klamotten, die Sie da tragen, die geben Ihnen vermutlich ein Fell-Feeling wie in der Steinzeit.«

»Gar nicht so falsch«, sagte der Hobbit. »Das sind Funktionsklamotten, die genau wie Fell die Feuchtigkeit von der Haut weg nach außen transportieren.« Er hob den Arm und schnupperte unter seiner Achsel. »Echter, animalischer Männerschweiß! Gehört zum Menschen-Feeling dazu, pfiiihiiihiii.« Dann riss er erneut einige Blätter Dill von einem Kräuterbüschel und warf sie sich in den Rachen. »Du hast übrigens Bleistifte in den Haaren. Weißt du das?«, sagte er schmatzend.

Lou fühlte, wie sie langsam, aber sicher zum hobbitfressenden Ork mutierte. Wenn der Typ nicht sofort hier verschwand, konnte sie für nichts mehr garantieren. »Ich will Sie nicht aufhalten«, sagte sie und hörte selbst, dass ihre Stimme bebte. »Vermutlich müssen Sie noch nach Mordor und da einen Ring verbrennen. Und ich mach jetzt wohl besser hier weiter.«

Wie auf ein Stichwort klingelte das Telefon und übertönte das »Pfiiihiihiii« des Mannes. Erleichtert stellte Lou fest, dass er die Hand zum Gruß hob und den Packraum verließ.

Puh! Glück gehabt! Sie eilte ins Büro, aber sie war nicht schnell genug, das Klingeln verstummte. Die Nummer wurde auf dem Display nicht angezeigt.

Schlecht gelaunt begann Lou mit dem Packen der Kisten. Normalerweise liebte sie es, erdige Wurzeln und duftende Kräuter in die Pfandkisten zu sortieren, aber wenn dieser Bigfoot aus Mittelerde wirklich ein Bote des Schicksals war, dann musste sie jetzt wohl über einen Jobwechsel nachdenken. Und selbst, wenn der Hobbit kein Prophet war, konnte Lou seine Worte nicht einfach beiseiteschieben. Sie hatte das alles eben ja nicht zum ersten Mal gehört.

Ob Helen doch recht hatte? Sie sagte schon seit Monaten den Untergang von Biofit voraus. »Boah, seid ihr mit eurem Sortiment spaßresistent«, hatte sie ausgerufen, als Lou sie im Winter als Kundin gewinnen wollte und gemeinsam mit ihr die Firmenhomepage studiert hatte. »Ihr kommt rüber wie rechthaberische Prinzipienreiter. Bei euch ist kein Endorphin im Blut, sondern Moralin. Und dann dreht ihr den Leuten in den grauen, grauslichen Wintermonaten auch noch blähenden Kohl an. Nee, wie kann man nur? Ich glaub, wer regelmäßig bei euch einkauft, der will sich selbst bestrafen. Früher haben sich die Leute gegeißelt, wenn sie sich als Sünder fühlten, heute kaufen sie bei Biofit. Aber irgendwann hat jeder genug gebüßt, so viel kann man doch gar nicht sündigen.« Helen hatte Lou empfohlen, das Sortiment mit kreativen Angeboten aufzupeppen: Wildkräutersalate mit Blüten. Brennnesseln. Giersch. Portulak. In feinen Restaurants wurde längst Unkraut zu Höchstpreisen serviert, da sollte Biofit nach Meinung von Helen mitmischen. Einfach nur mit einem alten Lastwagen die Bio-Bauernhöfe Brandenburgs abzuklappern, wie der Chef es tat, mit diesem Konzept konnte man Helen zufolge auf Dauer niemanden für regionales Essen begeistern.

Lou schnaubte. Feine Restaurants. Höchstpreise. Aufpeppen. Das war typisch Helen. Natürlich hatte sie unrecht, und der Hobbit auch. Von wegen spaßresistent. Die beiden hatte ja keine Ahnung, die konnten einfach nicht über den Tellerrand ihrer Feinschmeckermenüs blicken. Nicht alle Menschen auf der Welt dachten dauernd nur an Gewinn und Genuss, Lou kannte genug Gegenbeispiele.

Wütend feuerte sie ein paar sandige Kartoffeln in eine der Kisten. Oh nein, sie würde nicht kündigen! Sie würde sich nicht dem Mainstream anpassen. Sie glaubte an das Konzept von Biofit, und sie würde stattdessen mehr Power ins Marketing stecken. Die Begleitbriefe für die Kisten zum Beispiel, die mussten besser werden, sachlicher, klüger, lehrreicher, und gleichzeitig emotionaler. Und das Angebot musste vielfältiger werden. Oh ja, sie würde kämpfen!

Ohne sich telefonisch mit dem Chef abzustimmen, ging Lou in den kühlen Lagerraum im Keller und wuchtete den Korb mit den letzten Erdbeeräpfeln nach oben. Die empfindlichen Winterfrüchte würden sich ohnehin nicht mehr lange halten. Sie verteilte die Äpfel auf die Kisten und beschloss, im heutigen Kundenbrief besonders auf sie hinzuweisen.

Schon um elf war sie mit den Kisten fertig, schneller als sonst, kein Wunder bei der geringen Anzahl. Auch der Kundenbrief war rasch verfasst, denn Lou wusste genau, was sie schreiben wollte. Zufrieden verteilte sie die Zettel auf die fertigen Kisten und stellte sie für den Fahrer bereit, der die Ware zu den Kunden bringen würde.

Dann packte Lou zwei Erdbeeräpfel für Herrn Brandt in eine Papiertüte, nahm sich den allerletzten als Wegzehrung mit und ging los. Die Äpfel waren wirklich lecker!

Als Lou vor der Jugendstilfassade des Nachbarhauses stand und bei Herrn Brandt klingelte, passierte nichts. Niemand rief in die Sprechanlage und niemand drückte auf den Türöffner. Das war nicht ungewöhnlich, Herr Brandt hörte die Klingel oft nicht beim ersten Mal.

Als Lou zum siebten Mal auf den Knopf drückte, öffnete die Frau aus der Wohnung über Herrn Brandt das Fenster, und Lou konnte sie überreden, den Hausmeister anzurufen.

Zehn Minuten später war der Mann da und schloss mit einem Zweitschlüssel die Tür auf. Die kleinen Härchen an Lous Armen stellten sich auf, als sie die Wohnung betrat, und sie fröstelte trotz der Wärme. Etwas in ihr wusste längst, was geschehen war. Ihr Handy klingelte, es spielte Beethovens Neunte, Jannas Melodie, doch die Freundin musste jetzt warten. Lou drückte das Gespräch weg.

Herr Brandt saß im Wohnzimmer in seinem Ohrensessel. Seine Augen waren weit geöffnet und zum Fenster gewandt, doch das Sonnenlicht, das die wächserne Blässe seines Gesichts unbarmherzig ausleuchtete, sah er nicht mehr. Er war tot.

Biofit Obst und Gemüse – wir liefern Natur!

Liebe Kundinnen und Kunden,

in unserer Gemüsekiste finden Sie heute knackiges Gemüse direkt vom Feld, in den Morgenstunden geerntet, also ganz taufrisch und voller Vitamine. Und Sie finden eine Rarität, die ich Ihnen besonders ans Herz legen möchte, da Sie sie vielleicht nicht auf den ersten Blick erkennen. Als Stammkunden wissen Sie: Unser Obst und Gemüse sieht manchmal unscheinbarer aus als die hochgetunten Techno-Produkte, die Sie in den Gemüseabteilungen der Supermärkte finden. Aber unsere Produkte haben es in sich!

Unter den Äpfeln in dieser Kiste finden Sie einige, die ein bisschen verschrumpelter aussehen als die anderen. Bevor Sie diese Äpfel aber Ihrem Kaninchen verfüttern, schließen Sie die Augen und beißen hinein.

Na, was schmecken Sie? Erdbeeren?

Was Sie in Händen halten, ist ein ganz besonders aromatischer Apfel, eine uralte Sorte namens Weißer Winterkalvill, kompliziert im Anbau und nur noch selten erhältlich. Diese Äpfel werden im Dezember reif und müssen dann noch einige Wochen gelagert werden, damit sie ihr volles Aroma erreichen.

Vor hundert Jahren gab es noch ungefähr zwanzigtausend Apfelsorten. Tausende sind schon ausgestorben, und in vielen Geschäften werden heute nur noch fünf oder sechs angeboten. Wir von Biofit setzen uns dafür ein, dass die Vielfalt auf dem Obst- und Gemüsemarkt erhalten bleibt. Und durch Ihre Bestellungen bei uns fördern Sie diesen Anbau mit.

Liebe Kunden, überall in den Läden liegen schon Erdbeeren aus Italien und Spanien. Wenn wir unseren Appetit darauf aber ein paar Tage bezwingen und sie erst dann kaufen, wenn sie auch bei uns auf biologisch gedüngten Feldern wachsen, dann tun wir nicht nur uns selbst etwas Gutes, sondern helfen auch der Umwelt und unserem ganzen Planeten.

Lassen Sie sich den Apfel mit Erdbeer-Aroma auf der Zunge zergehen, und freuen Sie sich mit uns auf die Erdbeeren, die gerade auf den Feldern unserer Vertragspartner prächtig heranwachsen und in kurzer Zeit an Sie ausgeliefert werden! Wir können doch warten! Wir müssen nicht jeden Tag leben, als wäre er unser letzter.

Leben – glücklich leben! – umfasst immer auch die Freude auf morgen!

Einen wunderschönen, sonnigen Frühlingstag wünscht

Lou Antoni, Biofit Obst und Gemüse

4

Ein Erdmännchen müsste man sein, dachte Janna. Ein Erdmännchen könnte jetzt seine Ohren zuklappen, dann müsste es sich das nicht länger anhören. Und ein Erdmännchen wäre immun gegen Gift. Auch das wäre im Moment hilfreich.

Janna stand vorm Haus und wartete auf Helen. Von fern hörte sie die Glocken der Pfarrkirche Mater Dolorosa, die der leidenden Mutter Christi geweiht waren, und von Nahem die Stimme ihrer eigenen leidenden Mutter, die ganz allein ihr gewidmet war. Die wummernden Glocken brachten ihr Trommelfell zum Vibrieren und die schrille Stimme der Mutter ihre Nerven. Eine fiese Mischung!

Leider war Janna kein Erdmännchen. Sosehr sie sich auch darauf konzentrierte, ihre Ohren zuzuklappen, sie hörte jedes Wort, und das Gift, das darin enthalten war, entfaltete seine Wirkung. »Irgendzwie ist das doch seltsam!«, schimpfte Hedda Mahler gerade. Sie bebte vor Entrüstung, selbst ihre braun gefärbten Löckchen wippten bei jedem Wort vor lauter Zorn, und wie immer, wenn sie erregt war, zeigte sie die seltsame Marotte, hinter alle Wortbildungen mit »irgend« ein Z einzubauen. »Wieso willst du diese Helen dabeihaben und nicht mich? Ich bin schließlich nicht irgendzwer, ich bin deine Mutter! Ich sollte mit dir da hingehen! Ich! Das gehört sich so!«

»Mutti, wir können da nicht einfach hingehen!« Janna wedelte mit dem Zettel, auf dem sie die Adresse der Polizeidienststelle notiert hatte, in der Lilly wartete. »Das ist außerhalb der Stadt, in Brandenburg. Wir müssen hinfahren, und wie sollen wir das tun, ohne Auto? Da du ja freundlicherweise verhindert hast, dass die Polizei Lilly nach Hause bringt, bin ich froh und dankbar über Helens Hilfe.«

»Verhindert?«, fragte ihre Mutter. »Ich habe nichts verhindert! Ich weiß nur, was sich gehört! Wenn man einen Fehler gemacht hat, dann bittet man nicht irgendzeinen wildfremden Menschen um Hilfe. Dann steht man selbst dafür ein. Und das habe ich dem Wachtmeister auch gesagt! Bleiben Sie, wo Sie sind, hab ich gesagt, und machen Sie Ihre Arbeit. Ich kümmere mich um diese Angelegenheit, wenn’s meine Tochter schon nicht tut. Und ich habe ihm angehört, dass er froh darüber war. Das ist schließlich ein viel beschäftigter Mann.«

»Mutti, ich habe keinen Fehler begangen. Lilly ist ausgebüxt, weil sie etwas erleben wollte. Das ist ganz normal, Kinder tun so was.«

»Normal soll das sein?«, fragte Hedda Mahler mit schriller Stimme. »Also, bei mir hat es so etwas nicht gegeben! Bei mir nicht! Du bist nie weggelaufen! Nie!«

Weil ich mich nicht getraut habe, dachte Janna. Weil ich nie Lillys Selbstbewusstsein hatte und weil ich wusste, dass ich mir danach wochenlang dein Lamento hätte anhören müssen. Aber das sagte sie nicht, es hätte ja doch nichts genützt. Stattdessen konzentrierte sie sich fest auf ihre Ohren. Zack und zu. Einfach nicht hinhören. Fest an etwas anderes denken! Deswegen konnten Erdmännchen in Familienrudeln überleben, da war Janna sicher. Nur deswegen!

Sie dachte an Lilly. Ihre Mutter hatte mit ihr am Telefon gesprochen, es ging ihr gut, sie war offenbar bester Laune gewesen. Sie hatte Janna sogar einen Brief hinterlassen, den sie eben im Briefkasten entdeckt hatte. Alles war in Ordnung, Ohren zu und durch.

Trotz aller Konzentration drangen Fetzen aus dem Wortschwall ihrer Mutter in ihr Bewusstsein. Immer! Nie! Typisch! Aber Janna blendete sie aus und dachte an Helen. Gleich würde sie hier sein. Sie hatte versprochen, zu kommen, und was Helen versprach, das hielt sie auch.

Es war schwer gewesen, Helen an den Apparat zu bekommen. Was für eine seltsame Sekretärin sie hatte! »Frau Berg ruft in einer halben Stunde zurück«, hatte das Mädchen in den Hörer gepiepst und dann noch hastig hinzugesetzt: »Das ist jetzt nicht persönlich gemeint, auch wenn’s unfreundlich klingt. Aber Frau Berg kann sich nicht immer um alles kümmern, das geht leider nicht. Sie muss Prioritäten setzen und die wichtigen Dinge zuerst tun, verstehen Sie?«

Das hatte dann doch irgendwie persönlich geklungen, fand Janna, aber natürlich wusste sie, dass Helen das niemals so gesagt haben konnte. Das war überhaupt nicht ihr Stil.

Als Helen dann selbst am Apparat war, hatte sie tatsächlich ganz andere Prioritäten gesetzt. Sie hatte sofort angeboten, Janna zu helfen, und sich sogar spontan den Rest des Tages dafür freigenommen. Und sie hatte nicht geklungen, als wäre das ein Opfer, für das Janna ihr lebenslang dankbar sein musste. Im Gegenteil, sie wirkte fast, als würde sie sich freuen, der Agentur zu entkommen. Helen war wirklich der warmherzigste, freundlichste Mensch, den Janna kannte, auch wenn sie das hinter ihrer direkten, sachlichen Art zu verbergen versuchte. Und gleich würde Helen hier sein. GLEICH!

»Und wie du wieder aussiehst!« Ihre Mutter war immer noch nicht fertig. »Ob die dir das Kind überhaupt geben? Und wenn sie dich fragen, wo der Vater ist? Was sie dann wohl denken! Vielleicht schalten sie dann das Jugendamt ein. Irgendzwie könnte ich das sogar verstehen! Sie müssen ja überprüfen, vor welchen Verhältnissen das Kind geflohen ist! Ich komme wohl doch besser mit!«

Ein Erdmännchen müsste jetzt nicht streiten, dachte Janna. Bei Erdmännchen hatten immer die Mütter der Jungtiere das Sagen. Nicht die Großmütter. Eine schöne Sitte!

»Danke, Mutti«, sagte sie bemüht freundlich. »Das ist nicht nötig!«

»Oh doch! Das ist es!«

»Nein«, sagte Janna fest und wich dem Blick ihrer Mutter nicht aus. »Nein, Mutti, nein!« In den Augen ihrer Mutter flackerte plötzlich Unsicherheit auf und vielleicht sogar Gekränktheit, aber dann war dieser kurze Moment vorüber, und Hedda Mahler wirkte nur noch verärgert.

»So!«, sagte sie. »Jetzt reicht’s! Weißt du was, Kind? Diese Suppe kannst du allein auslöffeln. Ohne mich. Jawohl!«

»Aber das …«

»Nein«, sagte Hedda Mahler. »Darüber müssen wir nicht mehr diskutieren! Bei diesem unfreundlichen Tonfall, den du am Leibe hast, helfe ich dir nicht. Irgendzwann ist Schluss! Ich komme nicht mit, und damit basta!«

»Aber … Okay!« Mit einem Anflug von schlechtem Gewissen beobachtete Janna, wie ihre Mutter auf dem Absatz ihres leukoplastfarbenen Gesundheitsschuhs kehrtmachte und mit wehender Strickweste im Haus verschwand.

Janna hatte erreicht, was sie wollte, aber sie fühlte keinen Triumph, sie hatte im Gegenteil ein schlechtes Gewissen. Woran das lag, wusste sie selbst nicht, aber sie kannte dieses Gefühl nur zu gut. Ihre Mutter beherrschte die hohe Kunst, es zu erzeugen. Ob sich Erdmännchen-Mütter auch so fühlten, wenn sie sich durchgesetzt hatten?

Ein Auto bog um die Ecke, und Janna sah auf. Puh, zum Glück war es Helen in ihrem Wagen. Das silberne Ungetüm glitt in eine Parklücke, und Janna stieg ein.

Helens viertüriges Coupé sah nicht nur teuer aus, es hörte sich auch so an. Die Tür fiel mit einem satten Plopp ins Schloss, und der Blinker pochte entspannt wie der Herzschlag eines schlafenden Tigers. Als Helen Gas gab und aus der Parkbucht fuhr, hörte Janna, wie der Tiger unter der Motorhaube erwachte. Helen liebte Autos, sie war oft und gern unterwegs. In ihren Neuwagen hatte sie sogar einen Kindersitz einbauen lassen, um auch Ausflüge mit Lilly machen zu können. Leider arbeitete sie so viel, dass es selten dazu kam.

Janna griff nach dem Gurt und schnallte sich an. »Danke, dass du gleich zurückgerufen hast. Und vielen, vielen Dank, dass du gekommen bist!«

»Dafür nicht!« Helen lächelte. Sie trug ein elegantes, weißes Kostüm, das nicht einmal im Sitzen unvorteilhafte Falten schlug, und sah umwerfend darin aus.

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