Logo weiterlesen.de
Natchez Burning

Über Greg Iles

Greg Iles wurde 1960 in Stuttgart geboren. Sein Vater leitete die medizinische Abteilung der US-Botschaft. Mit vier Jahren zog die Familie nach Natchez, Mississippi. Mit der »Frankly Scarlet Band«, bei der er Sänger und Gitarrist war, tourte er ein paar Jahre durch die USA. Mittlerweile erscheinen seine Bücher in 25 Ländern. Greg Iles lebt heute mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Natchez, Mississippi. Fünf Jahre hat er kein Buch herausgebracht, da er einen schweren Unfall hatte.

Mehr zum Autor unter www.gregiles.com

Ulrike Seeberger, geboren 1952, Studium der Physik, lebte zehn Jahre in Schottland, arbeitete dort u.a. am Goethe-Institut. Seit 1987 freie Übersetzerin und Dolmetscherin in Nürnberg. Sie übertrug u.a. Autoren wie Philippa Gregory, Vikram Chandra, Alec Guiness, Oscar Wilde, Charles Dickens, Yaël Guiladi und Jean G. Goodhind ins Deutsche.

Informationen zum Buch

Ein packender Thriller über Liebe, Schuld und Sühne

»Der beste Thriller seit Jahren.« Ken Follett

Penn Cage, Bürgermeister von Natchez, Mississippi, hat eigentlich vor, endlich zu heiraten. Da kommt ein Konflikt wieder ans Tageslicht, der seine Stadt seit Jahrzehnten in Atem hält. In den sechziger Jahren hat eine Geheimorganisation von weißen, scheinbar ehrbaren Bürgern Schwarze ermordet oder aus der Stadt vertrieben. Nun ist mit Viola Turner, eine farbige Krankenschwester, die damals floh, zurückgekehrt – und stirbt wenig später. Die Polizei verhaftet ausgerechnet Penns Vater – er soll sie ermordet haben. Zusammen mit einem Journalisten macht Penn sich auf, das Rätsel dieses Mordes und vieler anderer zu lösen.

»Das ist der neue Faulkner für die Breaking-Bad-Generation!« BookPage

»Viel mehr als ein Thriller – ein Buch, das trotz seiner Länge nie nachlässt.« Publisher’s Weekly

Scott Turow: »Dieser Roman ist einfach unglaublich, geschrieben … er erinnert an die großen Werke von Thomas Wolfe und Faulkner. Greg Iles und zurück und besser als jemals zuvor.«

Jodi Picoult: »Ich weiß nicht, wie Iles es gemacht hat, aber jede Seite des Romans ist ein Cliffhanger, der einen dazu treibt, noch ein Kapitel zu verschlingen, bevor man das Buch hinlegt, um zu essen, zu arbeiten oder ins Bett zu gehen. Die perfekte Verbindung von Historie und Thriller. Greg? Du schuldest mir eine Menge Schlaf.«

Stephen King: »Ich wünschte, der Roman wäre noch länger geworden – ein erstaunliches Buch!«

BookPage: »Das ist der neue Faulkner für die Breaking-Bad-Generation!«

Publisher’s Weekly: »Viel mehr als ein Thriller – ein Buch, das trotz seiner Länge nie nachlässt.«

Washington Post: »Der beste Greg Iles aller Zeiten. Gut, dass er zurück ist.«

The Times: »DER Thriller der letzten zehn Jahre.«

Greg Iles

Natchez Burning

Thriller

Aus dem Amerikanischen von Ulrike Seeberger

Denn nichts geht verloren, nichts geht jemals verloren. Es gibt immer einen Schlüssel, den gesperrten Scheck, den Abdruck eines Lippenstifts, die Fußspur im Blumenbeet, den Handschuh auf dem Parkweg, den Schmerz in der alten Wunde, die in Bronze getauchten Babyschuhe, den Makel im Blutstrom. Und alle Zeiten sind eine einzige Zeit, und alle Toten der Vergangenheit haben nicht gelebt, ehe unsere Beschreibungen sie zum Leben erwecken, und aus dem Schatten flehen ihre Augen uns an.

Robert Penn Warren

Das Spiel der Macht

Prolog

»Wenn ein Mann die Wahl zwischen der Wahrheit und seinem Vater hat, entscheidet sich nur ein Narr für die Wahrheit.« Das hat einmal ein großer Schriftsteller gesagt, und lange teilte ich seine Meinung. Doch wenn man diese Weisheit in die Praxis umsetzt, kann man damit beinahe jede Sünde beschönigen. Meine Mutter würde mir hier zustimmen, aber bei meiner älteren Schwester hege ich Zweifel, und meine Verlobte würde nur spotten. Nichts macht mir mehr Angst als der gläubige Ausdruck in den Augen meiner Tochter. Wie viele Menschen verdienen solches Vertrauen? Bei den Mentoren, die ich am meisten bewunderte, zeigte sich bei einem nach dem anderen mit der Zeit, dass auch sie Schwächen haben, dass ihre schönen Fassaden von Rissen durchzogen sind, dass sie auf müden tönernen Füßen stehen – oder dass es gar noch schlimmer war.

Nicht bei meinem Vater.

Als Kind der Großen Depression der zwanziger Jahre kannte Tom Cage den Hunger. Mit achtzehn wurde er zum Militär eingezogen und leistete während der schlimmsten Kämpfe in Korea Dienst als Sanitäter in der Gefechtszone. Nachdem er das überlebt hatte, studierte er Medizin und zahlte dann sein Darlehen ab, indem er in Westdeutschland bei der Armee arbeitete. Nach seiner Rückkehr praktizierte er über vierzig Jahre lang in Mississippi als Allgemeinarzt und behandelte ohne große Hoffnung auf finanziellen Gewinn einige der unterprivilegiertesten Menschen unserer Gemeinde. Öfter, als ich mich erinnern kann, hat ihn der Natchez Examiner als »unbesungenen Helden« bezeichnet. Wenn es in Kleinstädten noch Heilige gibt, dann ist er ganz bestimmt einer.

Und doch …

Wie der zynische Gouverneur Willie Stark, den sich mein entfernter Verwandter Robert Penn Warren ausgedacht hat, einmal sagte: »Der Mensch ist empfangen in Sünde und geboren in Laster, und er wandert vom Mief der Windel zum Gestank des Leichenhemdes. Es gibt immer irgendwas.« Als ich jünger war, habe ich mich manchmal gefragt, ob das auch auf meinen Vater zutrifft, doch die Zeit hat mich allmählich davon überzeugt, dass mein Vater die Ausnahme von dieser zynischen Regel war. Wie der arme Jack Burden im Theaterstück antwortete auch mein hoffnungsvolles Herz: »Vielleicht nicht beim Richter.« Aber Robert Penn Warren hatte den Mut, den ich bei mir erst jetzt allmählich entdecke: den Willen, bis zur untersten Sohle des Bergwerks zu graben, den erbarmungslosen Lichtstrahl nach unten zu richten und unerschrocken auf das zu blicken, was er dort fand. Was ich entdeckte, als ich seinem Beispiel folgte, war der Beweis für Willie Starks ewige Regel: Es gibt immer irgendwas.

Nur zu gern möchte ich mir vorstellen, ich hätte nie etwas von alldem erfahren – meiner Mutter, meiner Schwester und mir wären gnädig die Folgen von Taten erspart geblieben, die im tiefen Nebel der Geschichte begangen wurden (in einer Zeit vor Mobiltelefonen und Digitalkameras und vor Reportern, die keine Grenzen des Anstands kennen, einer Zeit, in der niemandem der Begriff »N-Wort« etwas bedeutete und in der das Wort »Nigger« so sehr in der Allgemeinsprache verwurzelt war wie etwa das Wort »Traktor«) – doch wenn man sich nach der Unwissenheit zurücksehnt, macht man sich auch das Wunschdenken eines Kindes zu eigen. Denn wenn einmal der Stein auf die Oberfläche des Teiches aufgeprallt ist, hören die Wellen niemals wirklich auf. Sie werden kleiner, und alles scheint wieder zum vorherigen Zustand überzugehen, doch das ist eine Illusion. Fische, die gestört wurden, ändern ihre Bewegungsmuster, eine Schlange gleitet vom schlammigen Ufer ins Wasser, ein Reh rennt aufgescheucht in die Lichtung und wird dort erschossen. Der Stein bleibt auf dem glitschigen Seegrund liegen, außer Sichtweite, aber unstrittig da, fest und dauerhaft, und Schlamm lagert sich über ihm ab, Schildkröten und Welse stupsen ihn an, die Sonne erwärmt ihn durch all die Wasserschichten hindurch, bis zu jenem fernen Tag, wenn der Stein entweder von einem neugierigen Jungen aufgehoben wird, der fünfzig Jahre nach dem Steinwurf in die Tiefe taucht, oder von einem Dummkopf von Farmer eingesammelt wird, der den Teich trockenlegt, um noch einen halben Hektar Baumwolle mehr anzubauen; der Stein jedenfalls findet den Weg zurück hinauf ans Licht.

Und der Mann, der ihn geworfen hat, zittert. Oder wenn er tot ist, zittern seine Söhne. Sie folgen damit einem ungeschriebenen Gesetz, einem Gesetz, das mein Landsmann aus Mississippi lange vor meiner Geburt verstanden hat und das er 1956 ganz beiläufig in einem französischen Hotelzimmer einem Reporter enthüllte, als er ewige Weisheiten so lässig verteilte, wie man auf der Straße einem Bettler Münzen hinwirft. Er sagte damals: »Die Vergangenheit ist niemals tot. Sie ist nicht einmal vergangen. Denn sonst gäbe es keine Trauer und kein Leid.« Und zehn Jahre vor ihm schrieb mein entfernter Verwandter: »Es gibt immer irgendwas.« Und sechs Jahrzehnte später dachte ich: Bitte nicht, lasst mir doch meinen sorgfältig gesponnenen Kokon der Unwissenheit! Lasst mir mein unbeflecktes Idol, meinen bescheidenen Kriegshelden, den einzigen Heiler, der nicht getötet hat, den einzigen Ehemann, der nicht gelogen hat, den einzigen Vater, der das Vertrauen seiner Kinder nicht verraten hat. Aber heute weiß ich es besser, und ich hasse diese Erkenntnis … Willie hatte recht: Es gibt immer irgendwas.

Wir wollen also im Jahre 1964 anfangen, und zwar mit drei Morden. Mit drei Steinen, die in den Teich geworfen wurden, der seit der Belagerung von Vicksburg1 niemanden interessiert hatte, der aber schon bald im Zentrum des Weltinteresses stehen sollte. An einem Ort, von dem die meisten Leute in den Vereinigten Staaten gern glauben, dass er irgendwie anders war als der Rest des Landes, der aber tatsächlich ein präzises Abbild der gefolterten amerikanischen Seele war.

Mississippi.

Teil 1
1964–1968

WIE DER MENSCH IN SEINER VOLLENDUNG DAS EDELSTE ALLER GESCHÖPFE IST, SO IST ER, LOSGERISSEN VON GESETZ UND RECHT, DAS SCHLIMMSTE VON ALLEN.

Aristoteles

Kapitel 1

Albert Norris sang ein paar Takte von Howlin’ Wolfs »Natchez Burnin’«, um die Geräusche des Paares zu übertönen, das sich im Hinterzimmer seines Ladens liebte. Die Vordertür war abgesperrt. Es war nach sieben, die Straßen waren menschenleer. Aber heute war ein schlimmer Tag gewesen. Albert hatte versucht, das Rendezvous der beiden abzusagen, indem er das Licht in dem Nebenzimmer anschaltete, in dem er unter der Woche Klavierstunden gab – er hatte sogar einen Jungen losgeschickt, um den Mann zu ermahnen, sich bloß vom Laden fernzuhalten –, aber die beiden Liebenden hatten alle Warnungen in den Wind geschlagen und waren trotzdem gekommen. Er hatte ihr Rendezvous vor einer Woche mit seiner üblichen Methode arrangiert, indem er in seinem Gospelprogramm im Radio eine verschlüsselte Botschaft sendete. Aber Liebende, die einander nur zweimal im Monat sahen – wenn sie Glück hatten –, würden sich durch ein warnendes Licht in einem Fenster nicht abhalten lassen, nicht einmal, wenn ihr Leben in Gefahr war.

Die weiße Frau war als Erste gekommen, hatte leise an die Tür zur Gasse geklopft. Albert hatte versucht, sie zu verscheuchen – Weiße hatten eigentlich die Vordertür zu benutzen –, aber sie hatte sich nicht von der Stelle gerührt. Aus Angst, dass ein Passant sie sehen könnte, hatte Albert sie hereingelassen. Mary Shivers war eine dürre weiße Lehrerin mit mehr Hormonen als Verstand. Noch ehe er sie tadeln konnte, hörte er, wie die Seitentür aufging. Augenblicke später kam der eins neunzig große Willie Hooks in den Laden gestürmt. Der massige Zimmermann drückte Albert fünf Dollar in die Hand, rannte zu der Frau, hob sie mit einem Arm in die Höhe und trug sie zum Hinterzimmer. Albert war ihnen gefolgt, hatte verzweifelt versucht, den beiden von dem Besuch zu erzählen, den ihm die wütenden weißen Männer am Nachmittag abgestattet hatten, doch Hooks und die Lehrerin waren taub für alles Flehen. Drei Sekunden nachdem sie ihm die Tür vor der Nase zugeschlagen hatten, hörte Albert schon, dass sie sich die Kleider vom Leib rissen. Einen Augenblick später keuchte die Frau laut auf, und dann begangen die Sprungfedern des alten Sofas im Hinterzimmer zu singen.

»Fünf Minuten!«, hatte Albert ihnen durch die Tür zugeschrien. »In fünf Minuten trete ich diese Tür ein. Ich werde nicht für euch beide sterben!«

Das Paar nahm keine Notiz von ihm.

Albert fluchte und ging zu seinem Schaufenster. Die Second Street sah zum Glück verlassen aus, aber schon nach fünf Sekunden kam Hilfssheriff DeLillos Streifenwagen im Schritttempo angerollt. Albert flutete eine Welle von Säure in den Magen. Er überlegte, wo die Lehrerin wohl ihr Auto geparkt hatte. Hilfssheriff DeLillo war sogar noch größer als Willie Hooks, und er war außerordentlich jähzornig. Albert wusste von mindestens vier schwarzen Männern, die er umgebracht hatte, und unzählige andere hatte er mit Eisenstangen, Telefonbüchern und einem mit Dachdeckernägeln gespickten Lederriemen verprügelt.

Der Streifenwagen von Big John blieb mitten auf der Straße stehen. Der Polizist lehnte seinen großen Schädel aus dem Fenster, um in Alberts Schaufenster zu schauen. Wegen der verspiegelten Sonnenbrille, die der Hilfssheriff trug, konnte Albert die Augen des Mannes nicht sehen, aber er wusste, wonach DeLillo Ausschau hielt. Pooky Wilson war heute Abend der meistgesuchte Mann in der Gemeinde Concordia. Mit gerade mal achtzehn erfreute er sich des zweifelhaften Ruhms, mit der achtzehnjährigen Tochter eines der reichsten Männer der Gemeinde geschlafen zu haben. Da er schon beinahe ein Jahr in Alberts Laden arbeitete, war Pooky natürlich zu Albert gerannt gekommen, als er herausgefunden hatte, dass der Ku-Klux-Klan und die Polizei – was oft auf dasselbe hinauslief – die Gemeinde nach ihm absuchten. Albert wusste, dass die »Rechtsprechung« vor Ort für Pooky auf einen hohen Baum und einen kurzen Strick hinauslaufen würde, und er hatte den Jungen in dem sicheren Verschlag versteckt, den er für die Aufbewahrung des schwarzgebrannten Whiskeys konstruiert hatte, den er saisonabhängig verkaufte. Die letzten beiden Stunden hatte Pooky zusammengekauert in Alberts Werkstatt im Gehäuse einer Hammond-Spinettorgel gehockt. An die Wand gerückt, sah das Modell A-105 aus, als wöge es fünfhundert Pfund, aber in dem leeren Gehäuse ließen sich eine volle Ladung Schwarzgebrannter und zur Not auch ein Mann verstecken. Unter dem Kasten befand sich eine Falltür, durch die man im Notfall die Schmuggelware entsorgen konnte (und unter die man im Erdboden ein Loch gegraben hatte), aber da der Musikalienladen auf Steinblöcken ruhte, konnte Pooky diesen Fluchtweg erst nach Einbruch der Dunkelheit benutzen.

Albert hob die Hand und schüttelte überdeutlich den Kopf, um Hilfssheriff DeLillo anzudeuten, dass er nicht die geringste Spur von seinem Angestellten gesehen hatte. Ein paar lähmende Sekunden lang fürchtete Albert, DeLillo würde in den Laden kommen, um ihn noch einmal auszufragen, was dazu führen würde, dass der Hilfssheriff die Tür eintreten würde, die ihn von dem sich lautstark liebenden Paar trennte, und dann unweigerlich den Tod von einem der beiden, DeLillo oder Willie Hooks, nach sich gezogen hätte. Albert mochte nicht einmal daran denken, welche gewalttätigen Folgen es haben würde, wenn Willie den Hilfssheriff tötete. Zum Glück winkte Big John nach ein paar schrecklichen Sekunden mit seiner großen Pranke und fuhr weiter. Ein unsichtbares Band um Alberts Brustkasten lockerte sich, und er erinnerte sich wieder ans Atmen.

Er überlegte, wie es wohl Pooky ging. Der närrische Junge hatte schon in der Hammond-Orgel gehockt, als der Vater seiner Freundin und ein Ku-Klux-Klan-Mitglied namens Frank Knox in den Laden gestürzt waren, Albert dafür übel beschimpft hatten, dass er »zur Rassenmischung aufhetzte«, und ihm gedroht hatten, ihn umzubringen, wenn er nicht sofort Pooky Wilson herbeischaffte. Albert hatte all seinen Mut zusammengenommen und so überzeugend gelogen wie Luzifer höchstpersönlich; sonst wären Pooky und er jetzt bereits tot.

Während die Sprungfedern im Hinterzimmer seines Ladens quietschten, betete Albert wie nie zuvor in seinem Leben. Er betete, dass der Klan niemanden als Wachposten vor seinem Laden aufgestellt hatte. Er betete, dass Willie und die Lehrerin bald fertig sein und ohne Probleme fortgehen würden und dass es endlich dunkel würde. Alles andere würde das Ende für sie alle bedeuten, für alle außer vielleicht der weißen Frau.

»Habt ihr mal von dem Feuer gehört«, sang Albert mit brüllender Stimme, während er sich zwischen den Klavieren in seinem Schauraum durchschlängelte, »das es damals in Natchez, der Stadt am Mississippi, gab?« Die Sprungfedern stöhnten etwa auf der Tonhöhe eines eingestrichenen E, also passte Albert seine Stimme an diese Begleitung an. »Ich sagte, habt ihr mal von dem Feuer gehört, das es damals in Natchez, der Stadt am Mississippi, gab?« Er trat in seine Werkstatt, setzte sich neben die Hammond-Orgel, nahm ein Tonrad zur Hand und gab vor, daran zu arbeiten. »Ich stand da, tat nichts und schaute, und das alte Gebäude ist eingekracht

Nach einem raschen Blick zurück zum Schaufenster klopfte er an die Hammond-Orgel und fragte: »Wie geht’s dir da drin, Pook?«

»Gar nicht gut. Ich pinkle mir gleich in die Hose, Mr. Albert.«

»Du musst es einhalten, Junge. Und denk nicht mal dran, die Falltür aufzumachen. Jemand draußen kann dann vielleicht sehen, wie dein Urin auf den Boden klatscht.«

»Luft kriege ich auch keine. Ich mag enge Räume nicht. Können Sie mich nicht eine Minute rauslassen? Das fühlt sich an wie ein Sarg.«

»Da ist jede Menge Luft drin. Und dieser enge Raum ist das Einzige, was dich heute Abend vor dem Sarg rettet.«

Albert hörte ein Reißen. Dann wurde ein Teil der Stoffabdeckung des Gitters unter dem Manual zurückgezogen, und in dem Loch erschien ein Auge. Es war weit aufgerissen vor Angst, fast nur weiß, und es sah aus wie das Auge eines Fisches, der halbtot am Boden eines Bootes nach Luft schnappt.

»Hörst du wohl auf, den Stoff zu zerreißen!«, blaffte Albert.

Das Auge verschwand, und an seiner Stelle sah man nun zwei dunkle Finger. »Halten Sie mir die Hand, Mr. Albert. Nur eine Minute.«

Mit einem Kloß im Hals streckte Albert die Hand aus und verhakte seinen Zeigefinger mit Pookys Finger. Der Junge klammerte sich so an Albert, als wäre der das einzige Lebewesen, das ihn noch mit der Erde verband.

»Ist sonst noch jemand im Laden?«, fragte Pooky.

»Willie Hooks. Der ist bald weg. Jetzt hör zu! Wenn es dunkel wird, schalte ich im Schauraum das Licht an und spiele Klavier. Das wird alle Augen, die das Haus beobachten, auf sich ziehen. Wenn ich so richtig in Schwung bin, machst du die Falltür auf und lässt dich in das Loch darunter fallen. Sobald die Luft rein ist, lauf zwei Blocks weiter zum Haus der Witwe Nichols. Die versteckt dich bis morgen auf ihrem Dachboden. Wenn ich glaube, dass die richtige Zeit gekommen ist, hole ich dich da mit meinem Lieferwagen ab und bring dich zum Bahnhof in Brookhaven. Von da geht’s mit dem Illinois Central direkt nach Chicago. Kapiert?«

»Glaub schon. Was soll ich wegen Geld machen? Die lassen einen ja nicht kostenlos Zug fahren.«

Albert lehnte sich vor und schob fünf Zwanzigdollarscheine unter den Boden der Orgel.

»Steck dir das in die Hosentasche. Mit den Scheinchen hast du schon mal ’nen Anfang in Chicago.«

Pooky im Orgelgehäuse pfiff erstaunt. »Können wir das wirklich schaffen, Mr. Albert? Die Kerle sind echt drauf aus, mich zu lynchen, das ist mal sicher.«

»Wir schaffen das. Aber wir wären gar nicht erst in diesen Schlamassel geraten, wenn du auf mich gehört hättest. Ich hab dir doch gesagt, dass das Mädchen nur seinem Papa was beweisen wollte, als es mit dir rumgemacht hat.«

Pooky wimmerte wie ein verängstigter Hund. »Ich kann nichts dran ändern, Mr. Albert. Ich liebe Katy. Und sie liebt mich.«

Es klang ganz so, als könnte der Junge nur mit Mühe die Fassung wahren. Albert schüttelte den Kopf, stand dann auf und ging in den Schauraum zurück, sang wieder den Blues laut vor sich hin, wie jemand, der gelangweilt allein vor sich hin arbeitet.

Er hatte Howlin’ Wolf damals 1955 kennengelernt, in Haney’s Big House ein paar Meter weiter die Straße hinauf, damals, als der Wolf noch in den Klubs des Chitlin Circuit2 spielte. Wolfs Keyboarder war krank gewesen, und so hatte Haney Albert aus seinem Laden herbeigerufen, um einzuspringen. Auf diese Weise hatte Albert im Laufe der Jahre all die Großen kennengelernt. Irgendwann war jeder mal in Ferriday vorbeigekommen, weil es so nah am Mississippi und am Highway 61 lag. Ray Charles, Little Walter, B. B., sogar Muddy höchstpersönlich. Auch weiße Jungs. Albert hatte Jerry Lee Lewis mehr als nur ein paar Licks auf dem Klavier beigebracht. Einige der schwarzen Bands hatten versucht, Albert dazu zu überreden, mit ihnen auf Tour zu gehen, aber als Albert die Musiker beobachtete, die in seinem Laden vorbeikamen, hatte er eine Wahrheit gelernt: Die Straße macht einen Mann schnell kaputt – besonders einen schwarzen Mann.

Im Hinterzimmer kreischte die weiße Frau. Albert betete, dass gerade niemand durch die Gasse ging. Willie nahm sie hart ran. Mary Shivers war seit fünf Jahren verheiratet und hatte zwei Kinder, aber das reichte nicht aus, um sie zu Hause zu halten. Vor zwei Monaten hatte sie mit Willie ein Gespräch angefangen, als er an einem Haus nebenan arbeitete. Und ehe man sich’s versah, bat Willie Albert, für ihn irgendwo ein Rendezvous zu arrangieren. So ging es meistens. Die schwarze Hälfte des Paars bat Albert, etwas zu organisieren. Es konnte der Mann sein, es konnte die Frau sein. Ein paarmal im Laufe der Jahre hatte eine besonders wagemutige weiße Frau ein Rendezvous im Laden verabreden wollen, hatte Albert das über die Noten für irgendein Kirchenlied hinweg zugeflüstert, die sie bei ihm kaufte. Albert hatte nach einigem Zögern allen den Gefallen getan. So verhielt man sich schließlich als Geschäftsmann. Man befriedigte ein Bedürfnis. Kam einer Nachfrage nach. Und es bestand, weiß Gott, eine Nachfrage nach einem Ort, wo sich Weiße und Schwarze abseits aller neugierigen Augen treffen konnten.

Albert hatte weit von seinem Laden entfernt ein paar Orte eingerichtet, wo sich Paare diskret treffen konnten. Doch wenn die weiße Hälfte eines Paares ein legitimes Interesse an der Musik – und genug Bares – hatte, gestattete er ihnen gelegentlich ein kurzes Treffen im Hinterzimmer des Ladens. Aus seiner Zeit bei der Marine hatte er die Idee übernommen, die Rendezvous mit Hilfe seiner Radiosendung zu arrangieren. Er war zwar nur Koch gewesen – mehr ließen sie einen im 2. Weltkrieg nicht machen, wenn man schwarz war –, aber ein weißer Offizier hatte ihm erklärt, dass die Briten einfache Codes in Musiksendungen unterbrachten, um den Agenten der französischen Résistance draußen im Feld Nachrichten zu übermitteln. Sie spielten ein bestimmtes Lied oder zitierten ein Gedicht, und dann wussten bestimmte Gruppen, was das Signal zu bedeuten hatte. Sprengt diese Eisenbahnbrücke oder erschießt jenen deutschen Offizier. Mit seiner Gospelsendung am Sonntag war es für Albert ein Leichtes, verschlüsselte Botschaften an Paare zu schicken, die darauf warteten, den Zeitpunkt für ihr Rendezvous zu erfahren. Und da Weiße diese Gospelsendung genauso gut einschalten konnten wie Schwarze, war das System nahezu perfekt. Jeder in einem solchen verbotenen Paar hatte sein eigenes Lied, und jeder kannte den Song des Partners oder der Partnerin. Als Discjockey seiner eigenen Sendung konnte Albert sagen: »Nächsten Sonntag spiele ich um sieben Uhr eine Doppelkombination aus ›Steal Away to Jesus‹ von den Mighty Clouds of Joy, gefolgt von ›He Cares for Me‹ von den Dixie Hummingbirds. Gott, zusammen sind die unschlagbar.« Und dann wüssten sie Bescheid.

Kinderleicht.

Der Rhythmus der Sprungfedern nahm Tempo auf und erreichte dann einen plötzlichen Stillstand, als Willie mit der Inbrunst des Sünders »Jesus!« schrie. Wenig später knarrten die Dielenbretter unter Willies zweihundertdreißig Pfund. Albert wusste nicht, wie die dürre Lehrerin das aushielt, was Willie mit ihr anstellte, aber auch das hatte er im Laufe der Zeit gelernt: Wie groß oder klein eine Frau aussah, hatte nichts zu bedeuten; vielmehr bestimmte der Hunger in ihrem Inneren, was sie so zwischen den Laken brachte. Manche weiße Frauen, die durch seinen Laden gegangen waren, quälte ein verzweifelter Hunger, den nichts und niemand stillen konnte.

Albert hörte Schlurfen, dann ging die Tür auf. Willie Hooks stand da und wischte sich mit dem Hemdärmel den Schweiß von der Stirn. Die Lehrerin sah aus, als wäre sie gerade eine Meile gerannt, um noch einen Bus zu erwischen, wäre aber stattdessen von ihm überfahren worden. Benommen knöpfte sie sich langsam ihr Kleid zu, ohne Rücksicht auf Albert und darauf, was er sehen könnte.

»Das ist das letzte Mal«, sagte Albert. »Jedenfalls für lange Zeit. Und ihr seid bitte verdammt vorsichtig, wenn ihr geht. Big John fährt da draußen in der Gegend rum, und der halbe Klan ist auf der Jagd nach Pooky Wilson.«

»Big John, der Gesetzeshüter«, sagte Hooks mit Hass in der Stimme. »Was hat Pooky angestellt?«

»Darüber zerbrich du dir nicht den Kopf.«

»Hast du deswegen den kleinen Jungen geschickt, um mich zu warnen?«, fragte Willie, dessen Stimme eine ganze Oktave tiefer als die von Albert war. »Und das Licht eingeschaltet? Wegen Big John?«

»Ich sag dir, warum ich den Jungen geschickt habe. Heute Nachmittag sind hier zwei weiße Männer reingeplatzt, und der eine hat Zeter und Mordio geschrien. Hat gebrüllt, dass seine Tochter mit nem Niggerjungen geht.«

»Was für weiße Männer?«, fragte Willie interessiert.

»Einer war Brody Royal.«

Willie zwinkerte ungläubig. »Das hübsche Mädchen von dem pennt mit Pooky Wilson?«

Die Lehrerin stieß Willie den Ellbogen in die Rippen.

Hooks zuckte nicht mit der Wimper. »Mit dem dürren kleinen Kontrabassspieler, dem Buckligen?«

Pooky Wilson hatte starke Skoliose, aber Katy Royal schien das nicht zu stören. »Du vergisst, dass du das je gehört hast«, sagte Albert. »Und Sie auch«, fügte er hinzu und blitzte die weiße Frau an, die unter anderen Umständen dafür hätte sorgen können, dass er wegen frecher Widerworte eingesperrt wurde.

»Ich hab keine Angst vor Brody Royal«, sagte Willie. »Diesem reichen Schweinehund.«

Albert warf Willie einen abschätzenden Blick zu. »Nein? Nun, der Mann bei Brody war Frank Knox.«

Willie erstarrte und schaute dann weg.

»Jetzt hast du nicht mehr so ’ne große Klappe, was?«, fragte Albert.

»Scheiße. Du hast zugelassen, dass Mr. Franks Mädchen sich hier mit jemandem getroffen hat?«

Albert stampfte verärgert mit dem Fuß auf. »Sehe ich so aus, als wäre ich weich im Kopf, Junge? Frank Knox hat kein kleines Mädchen. Der war nur hier, um der Sache Nachdruck zu verleihen. Und jetzt macht, dass ihr aus meinem Laden rauskommt, Teufel noch mal. Und sucht euch einen anderen Ort zum Vögeln.«

Die Lehrerin stöhnte und klang dabei eher wie eine Wildkatze als wie ein menschliches Wesen.

Willie schaute sie mit offenem Verlangen an. »Nun, wenn es das letzte Mal für eine ganze Weile ist …«

Sie machte den Mund auf und fing schon an, ihr Kleid wieder aufzuknöpfen, doch Albert drängte Willie zur Seitentür. »Los! Und komm bloß nicht wieder. Wenn dich jemand anhält, dann hast du mir geholfen, Klaviere zu verschieben. Und ich sorge dafür, dass ich die Gnädigste auch hier rauskriege.«

Hooks lachte und stapfte zur Seitentür. »Wie wär’s mit ein bisschen Sprit für den Weg, Mr Albert?«

»Für solche wie dich hab ich keinen Whiskey!« Er wandte sich wieder der Frau zu, während Willie fluchend durch die Tür verschwand.

Inzwischen war das Kleid der Lehrerin zugeknöpft. Sie schaute ihn sittsam an. »Sie wissen ziemlich viel über ziemlich viele Leute, nicht?«

»Denke schon«, antwortete Albert. »Nur dass ich ein schlechtes Gedächtnis habe. Wirklich schlecht. Vergesse ein Gesicht, sobald ich es gesehen habe.«

»Das ist gut«, meinte Mary Shivers. »So leben wir alle länger.«

Sie wollte Willie durch die Seitentür folgen, aber Albert versperrte ihr den Weg und deutete ihr an, dass sie durch die Vordertür aus dem Laden gehen sollte. »Nehmen Sie auf dem Weg Noten aus dem Regal mit. Gott steh Ihnen bei, wenn Sie nicht lügen können, aber ich nehme an, Sie sind darin ziemlich gut.«

Nach einem kleinen Zögern gehorchte Mary Shivers.

Albert schaltete einen Ventilator an, um den Geruch der Frau aus dem Unterrichtsraum herauszukriegen. Er überlegte, dass es in etwa einer Viertelstunde dunkel werden würde. Um sich die Zeit zu vertreiben, ging er in sein Büro, kniete sich neben den Schreibtisch und hob eine Kieferndiele hoch. Die Tür zu einem feuerfesten Kasten war zu sehen. Er nahm eines von mehreren Hauptbüchern heraus, die er dort aufbewahrte, setzte sich an seinen Rollschreibtisch und schlug das in Leder gebundene Buch auf, in dem in seiner präzisen Handschrift perfekte Reihen von Namen und Zahlen in blauer Tinte zu lesen waren.

Albert führte über alles Buch. Er hatte ein Hauptbuch für den Verkauf von Musikinstrumenten, ein anderes für die Vermietungen. Er führte eines über die Instrumente, die er auf Raten verkaufte, in dem er die Zahlungen und die Gebühren für Verspätungen eintrug. Er führte ein schwarzes Buch über die Whiskeyverkäufe und ein rotes Buch über das Geld, das er Leuten seines Vertrauens lieh. Er hatte im Laufe der Jahre eine Menge Geld verliehen, viel davon an die Jungs, die er in seinem Laden ausbildete, Jungs, die sich dann in Städte wie Chicago oder Los Angeles aufmachten und die – außer dem Ausheben von Gräben und dem Baumwollpflücken – nur ein einziges markttaugliches Talent hatten: Klavierstimmen. Bis auf den letzten Mann hatten sie ihm alle das Geliehene zurückgezahlt, selbst wenn sie dazu Jahre gebraucht hatten. Auf diesen Jungs beruhte Alberts Glaube an die Menschheit. Es tröstete ihn, zu wissen, dass Pooky Wilson, sobald er Chicago erreichte – falls er es erreichte –, wahrscheinlich Arbeit als Klavierstimmer finden würde, ehe die Hundertdollaranleihe aufgebraucht war, die ihm Albert gegeben hatte.

Hinten in sein Buch über die Anleihen schrieb Albert in Rot die Summen, die er Leuten geliehen hatte, die in Schwierigkeiten waren, in solchen Schwierigkeiten, dass er wusste, er würde sein Geld nie zurückkriegen. Das musste man manchmal machen, selbst als Geschäftsmann. Da kam seine Mom in ihm durch. Doch das Hauptbuch, in das er jetzt Eintragungen machte, war etwas Besonderes. In diesem Band verzeichnete er alle Rendezvous, die er je arrangiert hatte – die Namen der beteiligten Leute, die Zeiten und Orte ihrer Treffen, das Geld, das sie ihm bezahlt hatten, die Liedercodes aus seiner Radiosendung. In achtzehn Jahren waren ziemlich viele Seiten zusammengekommen. Es standen nun in dem Buch beinahe achtzig Namen. Albert war sich nicht sicher, warum er diese Aufzeichnung machte. Er hatte nicht die Absicht, jemanden damit zu erpressen, obwohl dieses Buch sicher für einen skrupellosen Menschen einiges wert sein musste. Aber ein guter Geschäftsmann führte eben Buch. So einfach war das. Man wusste nie, wann man einmal auf die Vergangenheit Bezug nehmen musste.

Nachdem er die Einzelheiten zu Willie und der Lehrerin eingetragen hatte, legte Albert das Hauptbuch wieder in den feuerfesten Kasten und deckte ihn mit der Bodendiele ab. Dann nahm er aus einem Koffer, der am Boden stand, eine Literflasche mit Kornwhiskey, ging in den Verkaufsraum und setzte sich an sein Lieblingsklavier. Er trank in der Stille, bis draußen die Straße vor dem Schaufenster dunkel wurde. Dann stand er auf, schaltete das Licht ein und kehrte zum Klavier zurück.

Er legte die Finger auf die Tasten und fing mit »Blues in the Night« an, ließ die Rechte mit federleichtem Anschlag tanzen. Dann verwirbelte er ganz allmählich die Melodie, bis daraus »Blue Skies« geworden war, obwohl auf ihn nun schon eine ganze Weile kein blauer Himmel mehr heruntergelächelt hatte. In Augenblicken wie diesem wünschte sich Albert, dass seine Frau noch lebte. Lilly hatte immer neben ihm gesessen, während er spielte, oder sie hatte auf dem Boden hinter ihm gehockt und sich an seinen Rücken gelehnt und ihre eigene Melodielinie über die Töne gesungen, die er dem Klavier entlockte. Manchmal sang sie wie Billie Holiday im Radio, manchmal gurrte sie in ihrer ureigenen Sprache und improvisierte über das, was Albert spielte. Heute Abend würde er alles Geld, das er auf der Bank hatte, darum geben, er hätte die Lieder aufgezeichnet, die sich seine Frau in solchen Nächten ausgedacht hatte. Aber das hatte er nie gemacht.

Und dann war sie gestorben.

Lilly war verstorben, als er dreißig war und sie achtundzwanzig. Albert hatte nie wieder geheiratet. Er hatte die letzten zwanzig Jahre mit verschiedenen jungen Frauen verbracht, von denen keine besonderer als ihre Vorgängerin war, und er hatte sich, soweit er konnte, von weißen Frauen ferngehalten, obwohl einige der Hausfrauen, in deren Häusern er Klaviere stimmte, ihm beträchtlichen Druck gemacht hatten. Er versuchte, seine Besuche immer auf die Zeit zu legen, wenn der Ehemann zu Hause war, und er arbeitete hart, um einen guten Eindruck zu hinterlassen. So überlebte man im Baumwollland. Von einer Ecke der Gemeinde bis zur anderen kannte jeder begüterte weiße Mann Albert Norris als einen »guten Nigger«.

Albert hörte mitten im Takt auf zu spielen wie ein Wanderer, der mitten im Schritt stockt, und lauschte darauf, wie der angeschlagene Akkord in der Stille verklang. Das dauerte eine halbe Minute, und er wusste, dass ein Kind wahrscheinlich die Schallwellen noch dreißig Sekunden länger nachklingen hören konnte, so wie es bei ihm gewesen war, wenn er neben dem alten Baldwin-Klavier seiner Mutter auf dem Boden gesessen hatte. Das Alter raubte einem diese Fähigkeiten langsam, aber sicher.

In der quälenden Stille hörte er aus der Werkstatt ein dumpfes Geräusch. Wenige Sekunden später wiederholte es sich. Die Falltür war zugegangen. Pooky Wilson schlüpfte hinaus in die feindliche Nacht, wie tausend schwarze Jungen vor ihm.

»Gott mit dir, mein Junge«, sagte Albert leise.

Er hatte heute Abend mehr Whiskey als gewöhnlich getrunken, hoffte, damit die Erinnerung an die Männer zu vertreiben, die ihn am Nachmittag besucht hatten, ganz zu schweigen vom Schreckgespenst von Big John DeLillo, der auf dem heißen Asphalt draußen mit dem Streifenwagen vorbeischlich. Manchmal drängte sich die Wirklichkeit so nahe an einen heran, dass nicht einmal die Musik sie mehr aussperren konnte. Er meinte beinahe, Pookys rasendes Herzklopfen zu hören, während der Junge versuchte, die zwei Blocks bis zum Haus der Witwe Nichols zurückzulegen. Voller Bitterkeit stand Albert von der Klavierbank auf, schwankte ein wenig, ging dann zum Schaufenster und hantierte an ein paar glitzernden Trommeln herum, um die Augen irgendwelcher Beobachter draußen darauf zu lenken. Nach ein paar Minuten torkelte er in sein Schlafzimmer hinter dem Laden. Er konnte immer noch den Sexgeruch der Weißen in der Luft riechen, und es machte ihn wütend.

»Die Schlampe sollte bei ihresgleichen bleiben«, murmelte er. »Nichts als Ärger.«

Die letzten Worte murmelte er schon in sein zusammengeknülltes Kissen.

Das Klirren von zerbrechendem Glas zerrte Albert aus traumlosem Schlaf. Instinktiv griff er nach der Pistole vom Kaliber .32, die sonst auf seinem Nachttisch lag, aber er war zu betrunken gewesen, um sie aus dem Büro mitzunehmen, als er zu Bett ging. Jemand fiel über ein Schlagzeug, und ein Becken krachte zu Boden.

Albert drehte sich im Bett um.

Jemand war vorn im Laden. Der Strahl einer Taschenlampe schnitt durch den kurzen, dunklen Flur, der zum Verkaufsraum führte.

»Wer ist da?«, rief Albert. »Pooky? Bist du das?«

Die Geräusche hörten auf, gingen dann weiter, und diesmal hörte er gedämpfte Stimmen. Albert stand auf, kämpfte gegen den Schwindel an und eilte in sein Büro. Die Pistole war noch da, wo er sie hingelegt hatte. Er nahm die Charter Arms Kaliber .32 in die Hand und schlich vorsichtig auf den Flur. Er hörte ein dumpfes Gurgeln, als würde jemand Unkrautvernichtungsmittel aus einem 55-Gallonen-Fass ausschütten. Dann roch er Benzin.

Panik und eine böse Vorahnung durchströmten ihn wie eine lähmende Welle. Er wollte fliehen, aber der Laden war doch alles, was er hatte. Das Gebäude gehörte ihm, eine seltene Errungenschaft für einen schwarzen Mann in Ferriday, Louisiana – er hatte jedoch keine Versicherung. Er hatte das Geld für die Prämien lieber in neues Inventar gesteckt, die E-Gitarren, die all die weißen Jungs haben wollten, seit die Beatles im Fernsehen wie eine Bombe eingeschlagen hatten. Albert stürzte auf den Flur, blieb dann stehen, als er im Dunkeln zwei schwarze Silhouetten sah. Die Schattenmänner schütteten Benzin über das Klavier im Schaufenster und spritzten es auch hoch auf die Gitarren, die an der Wand hingen.

»Was macht ihr da?«, rief er. »Hört sofort auf! Wer ist da?«

Die Männer leerten weiter ihre Kanister aus.

»Ich rufe die Polizei! Ich schwöre es!«

Die Männer lachten. Albert blinzelte, und im schwachen Lichtschein, der durch das Fenster strömte, konnte er sehen, wie hell ihre Haut war. In der Finsternis zu seiner Rechten spürte Albert eine dritte Gestalt mehr, als dass er sie sah. Doch die wirkte größer als ein Mann, beinahe wie ein Gemini-Astronaut mit dem Sauerstofftank auf dem Rücken.

»Ich habe eine Pistole!«, schrie Albert und schämte sich über die Angst in seiner Stimme. Wenn er jetzt schoss, würde das Mündungsfeuer oder eine abgeprallte Kugel die Benzindünste so sicher entzünden wie ein Streichholz. »Bitte!«, flehte er. »Warum wollt ihr meinen Laden ruinieren? Was habe ich euch denn getan?«

Draußen auf der Straße fuhr ein Pick-up vorbei, und im reflektierten Scheinwerferlicht konnte Albert die Gesichter der beiden Männer im Schaufenster erkennen. Der eine war Snake Knox, der Bruder von Frank, dem Mann aus dem Klan, der am Nachmittag im Laden gewesen war. Der andere war Brody Royal. Der dritte Mann blieb im Schatten. Großer Gott … Diese Männer meinten es ernst. Neben ihnen wirkten die üblichen Ku-Klux-Klan-Leute wie Zirkusclowns. Albert hatte es sein Leben lang geschafft, es sich mit Leuten wie ihnen nicht zu verderben. Wenn nötig, hatte er Katzbuckel gemacht. Er hatte die Flirtversuche ihrer Frauen übersehen, hatte die richtigen Leute geschmiert, ihnen Dienstleistungen und Waren geschenkt. Aber jetzt … jetzt trachteten sie einem Jungen nach dem Leben, der sich nichts hatte zuschulden kommen lassen, außer dass er jung und dumm war.

»Mr. Brody, Sie kennen mich doch«, sagte Albert mit absurder Vernünftigkeit. »Bitte … ich hab Ihnen doch schon heute Nachmittag gesagt, ich weiß nix, nix über Ihre Tochter und dass sie was angestellt hat.« Diese Lüge klang sogar in seinen eigenen Ohren hohl, aber die Wahrheit wäre noch schlimmer gewesen: Mr. Royal, Ihr kleines Mädchen hat einen eigensinnigen Charakter, und sie hätte den schwarzen Jungen vor Ihren Augen gebumst, wenn er sie gelassen hätte. »Bitte, Mr. Royal«, flehte er. »Ich hab doch Ihre eigene Kirchenorgel zur Reparatur hier!«

»Halt’s Maul!«, blaffte der Mann aus dem Schatten. »Sag uns, wo der junge Hurenbock ist, oder du stirbst. Du hast die Wahl.«

»Ich weiß es nicht!«, rief Albert. »Ich schwöre es! Aber ich weiß, dass der Junge keinem was zuleide tun wollte.«

Brody Royal ließ seinen Benzinkanister auf den Boden fallen und kam zu Albert herüber. »Straßenköter wollen auch niemandem was zuleide tun, aber trotzdem schwängern sie deine rassereine Siegerhündin, wenn sie nah genug rankommen.«

»Der verrät uns nix«, sagte Snake Knox. »Kommt, wir bringen die Sache zu Ende.«

»Ich dachte, du wärst Geschäftsmann, Norris«, sagte Royal, und die Augen schienen in seinem bleichen, kantigen Gesicht zu glühen. »Aber ich denk mal, wenn’s drauf ankommt, muss selbst der beste Neger einmal in der Woche einfach nur ein echter Nigger sein. Auf geht’s, Jungs.«

Snake hob die Klavierbank hoch und warf sie durch Alberts Schaufenster. Die Splitter klirrten auf der Straße wie ein zerborstener Traum. Snake sprang hinter der Bank her, und Albert sah, wie ein Mann, der beinahe zweimal so groß war wie er, sich auf der Straße zu ihm gesellte. Brody Royal kletterte auf die Veranda und sprang dann auf den Bürgersteig hinunter. Der Instinkt riet Albert, ihnen zu folgen, doch ehe er eine Bewegung machen konnte, trat die riesige Gestalt aus dem Schatten und starrte ihn mit purem Hass an. Der Mann war kein Astronaut; es war Frank Knox, der einen Asbestanzug und eine Art Rucksack trug.

»Du hättest reden sollen«, sagte er. »Jetzt verpass ich dir das Guadalcanal-Barbecue.«

Albert wich in Panik zurück, aber der fauchende Feuerstrahl griff nach ihm wie der Finger des Satans, und Knox’ Augen blitzten fasziniert auf.

Der Schauraum explodierte in Flammen.

Mit dem Gesicht zur Erde rappelte sich Albert in einem brüllenden Nebel des Schmerzes langsam vom Boden auf und rannte dann blind von dem Inferno weg, das im vorderen Teil seines Ladens tobte. Als er mit rudernden Armen durch die Hintertür krachte, sah er, dass seine Kleidung bereits verbrannt war. Wie Wild, das vor einem Waldbrand flieht, rannte er auf eine helle Lichtung am Ende der Gasse zu. Dort war eine Tankstelle – die einem Weißen gehörte, wo er aber den Tankwart kannte. Vielleicht würde ihn von dort jemand ins Krankenhaus bringen.

Als Albert mit rudernden Armen die Gasse entlanggerannt kam, fuhr ein großes Auto vor die Öffnung und blockierte sie. Dann erwachte die Leuchte auf dem Dach zum Leben und verströmte ihre roten Blitze auf die Hausmauern. Eine riesige Gestalt tauchte neben dem Auto auf. Big John DeLillo.

»Helfen Sie mir, Mr. John!«, kreischte Albert und rannte auf den Hilfssheriff zu. »Großer Gott, die haben mir das Haus über dem Kopf abgefackelt.«

Während er noch rannte, sah Albert, dass seine Hände Feuer gefangen hatten.

Kapitel 2

Dreiundzwanzig Tage später

Natchez, Mississippi

»Wenn die die beiden Juden in Ruhe gelassen hätten und nur den Nigger erschossen hätten«, sagte Frank Knox, »dann würde nichts von alldem hier passieren. Die New Yorker scheren sich genauso einen Dreck um einen Nigger weniger auf der Welt. Aber bring ein paar Judenbengel um, und schon sind sie drauf und dran, die Marines ausrücken zu lassen.«

»Redest du von der Geschichte in Neshoba County?«, fragte Glenn Morehouse, ein Berg von einem Mann mit halb so viel Hirnschmalz wie sein alter Sergeant.

»Wovon denn sonst?«, sagte Frank und wendete auf dem zischenden Grill eine Scheibe Alligatorfleisch.

Sonny Thornfield hebelte den Verschluss von einem eiskalten Jax und beobachtete, wie die Adern an Franks Nacken vorstanden. Seit man vor ein paar Tagen in einem Erdwall die drei Bürgerrechtsaktivisten gefunden hatte, war Frank so aufgewühlt, wie Sonny ihn seit dem Fiasko in der Schweinebucht nicht mehr erlebt hatte. Eigentlich hatten sie diesen Campingtrip nur geplant, damit sie ein wenig Druck ablassen konnten, nachdem das FBI oben in Philadelphia die Leichen entdeckt hatte. Nach dem Ende ihrer Schicht am Freitag hatten sie vier Campingaufsätze auf ihre Pick-ups montiert und dann Franks Boot und Sonnys selbstgebauten Grill zur Sandbank südlich der Triton-Batterie-Fabrik geschleppt, wo sie unter der Woche alle arbeiteten. Nach dem langen, sonnigen Wochenende waren alle außer den Kindern ziemlich erledigt. Jetzt hockten die Frauen auf Klappstühlen, fächelten sich Kühlung zu und klatschten im Schatten der Schwarzpappeln Moskitos tot. Die Frauen von Frank und den anderen saßen dahinten zusammen mit Granny Knox und Wilma Deen, Glenns geschiedener Schwester. Die Kinder, die nicht mit dem Boot auf dem Wasser waren, ärgerten am Flussufer einen streunenden Hund.

Die Männer hatten das Wochenende damit verbracht, ihre zerstörerischen Kräfte an Baumstümpfen und an einem alten Chevy zu schulen, der beim Wasser halb im Sand vergraben lag. Franks jüngerer Bruder Snake war noch immer dort unten, fummelte mit irgendwas unter dem Armaturenbrett des Chevy herum und flirtete mit der neunzehnjährigen Kellnerin, die er auf den Trip mitgebracht hatte. Alle Männer bei diesem Picknick waren alte Hasen im Umgang mit Dynamit und Composit B3, doch Frank hatte einem Versorgungsoffizier, den er in Fort Polk kannte, etwas von dem neuen C-4-Sprengstoff abgekauft, und den hatten sie verwendet, um die Arbeit mit dem formbaren Plastiksprengstoff zu lernen. Jedes Mal, wenn sie wieder zwanzig Zentimeter von einem Baumstumpf abschälten, kreischten und johlten die Kinder und bettelten um noch mehr Feuerwerk.

Doch nicht einmal das hatte Frank beruhigen können. Als sie gestern zum Zigarettenholen in die Stadt gefahren waren, hatte er von einem Münzfernsprecher aus ein paar Kumpel angerufen und sich nach der überregionalen Berichterstattung erkundigt. Er kam zum Auto zurück und erzählte, Cronkite könnte sich gar nicht einkriegen über den »nationalen Skandal«, und all die Zeitungen in den großen Städten ritten mächtig auf der Geschichte rum. Das ganze Wochenende über hatte Sonny das Gefühl, dass Frank sich zu einer Entscheidung durchrang. Und wenn das stimmte … dann bedeutete es für sie alle eine Veränderung.

Sogar Morehouse schien die Wut zu verstören, die Frank durch alle Poren wie sauren Schweiß ausschied. Sonny musterte die beiden Männer mit klinischer Objektivität. Glenn, der sanfte Riese, hatte während des Krieges sein Maß an Töten hinter sich gebracht, aber im zivilen Leben war Morehouse schnell verweichlicht und hatte achtzig Pfund Fett zugelegt. Er stand da, die Daumen hinter die Träger seiner Latzhose gehakt, und kaute auf einem Grashalm herum, als bräuchte er dazu seine ganze Konzentration. Im Gegensatz dazu hatte Frank immer noch einen Waschbrettbauch, Muskeln wie Stahlseile, auf denen sich die Adern abzeichneten, und Augen, die Sonny nie wieder so entspannt wie hinter dem Visier eines Maschinengewehrs vom Kaliber .30 gesehen hatte.

Sonny drängte Frank nicht nach mehr Informationen; was immer kam, würde kommen, wenn es so weit war. Er stellte sich so, dass Morehouses’ Körper zwischen ihm und der sinkenden Sonne blieb, nippte an seinem Jax und schaute Franks Sohn zu, wie er im rötlich braunen Flusswasser hinter dem aufgemotzten Fischerboot seines Vaters Fontänen wie Hahnenschwänze aufspritzen ließ.

»Überall in Neshoba County krauchen Reporter rum«, sagte Frank und strich das Alligatorfleisch mit seiner Spezialsoße ein. »Der ganze verdammte Landkreis ist in Aufruhr, und es wird noch schlimmer.«

Sonny zog eine krumme Camel aus der Brusttasche seines Hemdes und zündete sie mit einem Zippo-Feuerzeug an. »Ich habe gehört, dass Marinetaucher denen da oben bei der Suche nach den Leichen geholfen haben. Kannst du das glauben?«

»Kotzbrocken von der Marine«, murmelte Frank und streckte die Hand aus, um die Lautstärke an seinem GE-Transistorradio aufzudrehen. Marty Robbins sang »The Girl from Spanish Town«. Wenn Frank ein japanisches Radio zu Gesicht bekam, klatschte er es an die nächste Wand, und noch nie hatte jemand protestiert. »Aber das war kein Marinetaucher, der die Leichen gefunden hat«, fuhr er fort.

»Wer dann?«, fragte Morehouse.

»Nicht wer, Mountain, sondern wie.«

Morehouse sah immer noch verwirrt aus, aber Sonnys Augen verengten sich. »Er sagt, dass die da oben Spitzel haben, genau wie wir hier unten.«

Frank nickte. »Informanten nennen sie die. Bezahlte Judasse, das sind sie. Die vom FBI hätten ohne ihre Hilfe die Leichen niemals gefunden.«

»Ich hab gehört, dass fünfundzwanzigtausend Dollar als Belohnung ausgesetzt sind«, sagte Morehouse mit ehrfürchtiger Stimme. »Das reicht, um sich ein Haus zu kaufen und einen Lastwagen und ein Boot noch dazu.«

Frank durchbohrte ihn mit einem Blick. »Würdest du deine Ahnen für fünfundzwanzig Riesen verscherbeln, Glenn?«

Morehouse traten die Augen beinahe aus dem Kopf, und seine Wangen röteten sich. »Teufel, nein! Das weißt du doch, Frank.«

»Meine Frau hat mir heute Morgen was Seltsames erzählt«, sagte Sonny nachdenklich. »Ihre Schwester wohnt da oben in Kemper County, und sie hat mitgekriegt, dass irgend so ein italienischer Schweinehund in Neshoba rumzieht und Leute bedroht. Sie hat gehört, dass er einen aus dem Klan verprügelt hat, dem die Hosen runtergezogen, ihm eine Pistole in den Hintern gesteckt und ihn nach dem Ort gefragt hat, wo die drei vergraben waren. Sie meint, einige Jungs vom Klan hätten gedacht, der Typ wäre ein Mafiakiller.«

»Wann genau hat sie dir das gesagt?«, fragte Frank.

»Heute Morgen im Campingwagen. Sie hat mit ihrer Schwester telefoniert, kurz bevor wir am Freitag aus der Stadt losgefahren sind.«

Während Frank über dieses Gerücht nachdachte, begann George Jones zu singen: »The Race Is On«.

»Quatsch mit Soße«, verkündete Frank schließlich. »Nicht dass sich das FBI nicht ziemlich bei der Mafia einschleimt, denn ich weiß, dass sie das während der Kuba-Scheiße sicher gemacht haben. Die Hälfte der Gewehre, die wir einundsechzig in unseren Trainingslagern hatten, haben die Leute von Carlos Marcello geliefert, und die Kontakte, die Trafficante in Havanna hatte, haben uns alle Infos für die Invasion geliefert. Hoover hat das genau gewusst. Die CIA hat die Lager in Südflorida betrieben, aber ich hab da auch FBI-Agenten getroffen. J. Edgar würde allerdings für so was keine Spaghettifresser einsetzen. Wenn der will, dass jemand einem vom Klan eine Knarre in den Arsch steckt, dann hat er seine eigenen Leute, die das für ihn machen. Das Bureau hat ein paar harte Burschen, genau wie wir.«

»Eben«, sagte Morehouse. »Die haben Jungs aus dem Süden im FBI.«

Frank lachte bitter. »Glaubst du, es gibt keine knallharten Yankees? Hast du diesen Iren McClaren vergessen, damals auf Guadalcanal? Der hat mehr Japse umgelegt als ich je, und der war aus Boston, genau wie die Kennedys. Als ich neben diesem verrückten Schweinehund gekämpft habe, ist mir klar geworden, warum wir in Gettysburg verloren haben.«

Sonny beobachtete Frank wie ein Vernehmer, der darauf wartet, dass sein Gefangener zusammenbricht. Er wusste, dass sein alter Sergeant ihnen etwas zu sagen hatte. Aber eher würde es grün schneien, als dass Frank Knox alle Karten auf den Tisch legte. Sonnys Neugier siegte, und er sagte: »Komm schon, Chef. Du lässt diese Sache in Neshoba Country doch nicht einfach so stehen, das weiß ich.«

Franks Augen glühten bedrohlich, wie ein schwelendes Reifenfeuer auf einem Schrottplatz, das locker fünfzehn Jahre weiterbrennen konnte. »Das steht mal fest, Junge. Heute ist ein Tag, den du dir im Kalender rot anstreichen kannst. Ein Tag, den ihr Jungs niemals vergessen werdet.«

»Wieso?«, fragte Morehouse.

»Weil wir heute aus dem Klan austreten.«

Glenn keuchte, und Sonny erstickte beinahe am Rauch in seiner Lunge.

»Weiß nicht, warum euch das überrascht«, sagte Frank. »Der Klan, den wir jetzt hier haben, ist ungefähr so gefährlich wie ein Kleingartenverein. Jede gottverdammte Ortsgruppe im ganzen Staat ist von Maulwürfen durchsetzt. Die ganze Organisation ist unbrauchbar. Schlimmer als unbrauchbar.«

Morehouse sah aus wie ein Pfadfinder, dessen Vater ihm verkündet hatte, sie würden die amerikanische Staatsbürgerschaft aufgeben. »Aber … aber …«, stammelte er.

»Aber gar nichts«, blaffte Frank. »Wir spalten uns ab, und damit basta.«

»Wir können doch nicht austreten«, sagte Sonny. »Das weißt du. Einmal drin, niemals wieder draußen.«

Frank lachte. »Wir sagen ja niemandem, dass wir austreten. Wir machen einfach pro forma mit, tragen diese dämlichen Kutten und Masken, katzbuckeln vor den Drachen, Zyklopen und Hexenmeistern und dem ganzen anderen Halloween-Scheiß. Aber das ist für uns jetzt nur noch Tarnung. Kapiert? Ich stelle eine Spezialeinheit auf. Ein Aktionsteam. Eine Abrisstruppe.«

»Unsere eigene Abrisstruppe«, wiederholte Morehouse und ließ sich die Worte auf der Zunge zergehen.

»Klingt gut«, meinte Sonny. »Ich hab nie gern mein Gesicht versteckt. Wenn man für was einsteht, was richtig ist, dann macht man das offen. Das ist der Hauptgrund, warum Papa nie in den Klan eingetreten ist. Er hat gesagt, dass der KKK mit den Gewändern und Ritualen genauso albern ausgesehen hat wie der Papst und seine Kardinäle. Die kommen mir manchmal wie ein jämmerlicher Witz vor.«

»Die sind ein Witz«, stimmte ihm Frank zu. »Aber nicht für uns. Das FBI hat sich gerade im Holiday Inn eingenistet und hält eine Siegesfeier ab. Aber wir werden diese Schweinehunde zum Schweigen bringen. Hoover auch, solange der nach Bobby Kennedys Pfeife tanzt.«

»Dieser Pisser aus Harvard«, grummelte Morehouse. »Katholischer Pisser.«

»Wir müssen uns auch keine Sorgen mehr drum machen, dass wir Geld auftreiben müssen und all den Unsinn«, meinte Frank. »Brody Royal finanziert die ganze Operation.«

Sonny pfiff leise. »Wie hast du das denn hingekriegt?«

»Brody hat gefallen, wie wir die Norris-Sache angepackt haben und dass wir diesen Wilson-Bengel nicht haben laufen lassen. Zum Teufel, ich kenne Brody noch aus der Zeit, bevor ich die Kader unten in Morgan City ausgebildet habe. Er hat den C-4-Sprengstoff bezahlt, mit dem wir das ganze Wochenende rumgeballert haben.«

»Ich fasse es nicht«, wunderte sich Morehouse.

»Wir müssen ihm im Gegenzug nur ab und zu einen Gefallen tun«, fügte Frank hinzu, »wenn Brody einen braucht.«

Es hat Royal also gefallen, wie wir die Norris-Sache angepackt haben, dachte Sonny und erinnerte sich an den in der Dunkelheit lodernden Albert Norris, der aussah wie der Typ in den Comics von den Phantastischen Vier. Und dass wir den Wilson-Bengel nicht haben laufen lassen. Sonny hatte im Pazifik schreckliche Gräueltaten – von beiden Seiten – miterlebt, aber nichts davon war auch nur annähernd daran herangekommen, wie Pooky Wilson unter Snake Knox’ Händen gestorben war.

»Ich kann mir nicht vorstellen, welchen Gefallen Brody von uns brauchte«, murmelte Sonny.

»Nichts, womit wir nicht klarkommen«, sagte Frank und tauchte den Pinsel in die kräftig riechende Soße. »Also, jetzt hört mal zu. Wir halten die Truppe klein. Am Anfang ein halbes Dutzend Männer. Nur knallharte Jungs können mitmachen. Jungs, mit denen wir aufgewachsen sind.«

»Klingt sinnvoll«, überlegte Sonny. »Aber was ist mit Jared Leach? Der ist aus Shreveport, aber so gemein wie eine Mokassinotter, auf die jemand getreten ist. Der war bei den Marines. Wie wär’s, wenn wir für Veteranen eine Ausnahme machen, Frank? Nur für Veteranen vielleicht.«

»Ehemalige Frontkämpfer«, meinte Frank nachdenklich. »Kerle, die sich mit dem Töten auskennen.«

»Töten im Nahkampf«, stimmte ihm Sonny zu. »Jared ist unerschütterlich wie ein Fels. Der war in Europa an der Front, aber da hat er auch jede Menge Scheiße mitgekriegt. Die Ardennenoffensive zum Beispiel.«

»Wir werden ihm schon Gelegenheit geben, das zu beweisen.«

Sonny nickte. »Wen willst du sonst noch fragen?«

»Ich lass es dich wissen. Werd’ bloß nicht hibbelig. Wir müssen mit Methode vorgehen, als würden wir ein Maschinengewehrnest ausheben. Da greift man auch nicht blindwütig an wie der verdammte Audie Murphy4. Die flankiert man hübsch nacheinander und geht dann mit dem Blei und den Granaten drauflos. Halt mal deine Hand auf, Junge.«

Sonny streckte vorsichtig die Hand aus, erwartete beinahe, dass sie für einen Blutschwur eingeritzt oder dass irgendein Geheimzeichen eingebrannt würde. Stattdessen ließ Frank etwas Schweres und Kühles in seine Handfläche gleiten. Sonny sah Gold aufblitzen.

»Was zum Teufel soll das?«, fragte er, als er die Münze erkannt hatte. »Ist das ein Zwanzig-Dollar-Goldstück?«

»Genau das ist es«, erwiderte Frank. »Ein Doppeladler.«

Sonny pfiff ehrfürchtig. »Hab keins davon gesehen, seit mein Opa mir mal eins gezeigt hat.«

»Schau mal auf das Jahr der Prägung.«

Er linste auf die Münze. »1928?«

»Fällt dir zu dem Jahr was Besonderes ein?«

»Das war das Jahr der großen Überschwemmung?«, riet Morehouse und blinzelte auf die glänzende Münze.

Frank schnaubte verächtlich. »Die Überschwemmung war siebenundzwanzig, du Trottel.«

»Ich bin achtundzwanzig geboren«, meinte Sonny, der Franks Absicht begriffen hatte.

Frank nickte. »Das ist jetzt deine Hundemarke. Jeder in der Truppe kriegt eine. Keine Gewänder, keine Masken, kein Scheiß, nur ein Goldstück. Dein Goldstück.« Er fischte einen zweiten Doppeladler aus der Tasche und streckte ihn Morehouse hin.

Der Riese nahm die Goldmünze beinahe gierig entgegen, hielt sie dann in die Sonne und musterte sie wie ein Kind, das eine seltene Murmel untersucht. »1927«, bestätigte er grinsend. »Verdammt, das ist toll.«

»Die prägen sie schon lange nicht mehr, oder?«, fragte Sonny.

»Seit 1933«, erwiderte Frank.

»Also niemand, der jünger ist als … Bucky Garrett kommt noch rein?«

»Stimmt. Außer meinem kleinen Bruder. Snake ist erst vierunddreißig geboren, aber wir brauchen den verrückten Hundesohn. Manchmal ist verrückt genau das, was angesagt ist.«

Franks jüngerer Bruder hatte sich mit siebzehn freiwillig für Korea gemeldet und ein falsches Alter angegeben, um früh eingezogen zu werden. Snake hatte den größten Teil des Krieges im schlimmsten Kampfgetümmel verbracht und eine Menge gelernt. Sonny hatte das Gefühl, dass das, was Snake da auch immer an dem Chevy machte, ihnen das beweisen sollte.

»Was machen wir als Erstes?«, fragte Morehouse.

»Ich weiß, was wir nicht machen«, murmelte Sonny. »Wir quatschen nicht groß rum und gehen dann besoffen nach Hause wie ein Haufen kaputter Schlappschwänze.«

»Das ist mal ’ne Tatsache«, sagte Frank, und seine Stimme knisterte wie ein Draht unter Strom.

»Hauen wir jemanden weg?«, erkundigte sich Sonny.

Frank nickte.

»Wen?«, fragte Morehouse. »Wie wär’s mit dem Riesennigger, der draußen bei Armstrong arbeitet, diesem George Metcalfe. Sonny sagt, der wird Präsident der NAACP5 in Natchez.«

Frank schüttelte den Kopf. »Wir verschwenden keine Zeit damit, dass wir Reifenmechaniker und Handwerker umbringen. Das überlassen wir den Clowns mit den weißen Kapuzen, wenn sie sich je trauen.«

»Wen dann?«, wollte Sonny wissen, der versuchte, wie Frank zu denken. Sobald ihm das gelungen war, kam ihm die Erleuchtung. »Großer Gott! Du denkst darüber nach, Weiße abzumurksen. Oder?«

»Vielleicht«, gab Frank mit leuchtenden Augen zu.

»Was?«, fragte Morehouse.

»Informanten«, erklärte Sonny. »Wie Jerry Dugan draußen in der Fabrik.«

Frank lächelte über Sonnys Schlussfolgerung, schüttelte aber erneut den Kopf. »Eines Tages kommt es vielleicht dazu, dass wir Jerry umbringen, aber im Augenblick ist der tabu. Ich will, dass er dem FBI weiterhin ständig Quatsch über die regulären Weißen Ritter des Ku- Klux-Klan füttert. Wir wollen, dass Hoovers Jungs glauben, sie hätten hier den Finger am Puls des Geschehens.«

»Wen dann?«, fragte Sonny wirklich verwundert.

Frank nahm sich zwei große Holzspatel und schaufelte damit das Alligatorsteak vom Grill. Ein Lendenstück vom Reh lag noch auf dem heißen Eisengitter. Es stammte von einer Ricke, die sie am Vorabend im Wald von International Paper gewildert hatten. Nachdem Frank sich ein frisches Jax aus der Kühlbox geangelt hatte, stürzte er die Hälfte des Biers aus der Dose herunter und fokussierte dann seine Scharfschützenaugen auf die beiden anderen Männer.

»Wenn ich einen von euch in ein Loch mit drei Klapperschlangen werfen und euch eine Machete geben würde, was würdet ihr machen?«

»Mir in die Hosen scheißen«, rief Morehouse. »Und gleich wieder rausspringen.«

»Kannst du nicht, Mountain. Du steckst in dem Loch. Was machst du also? Schlägst um dich und haust auf alles ein, was sich bewegt? Hackst rechts und links auf Schlangen ein?«

»Nein«, antwortete Sonny, der versuchte, sich die Situation vorzustellen. »So wird man gebissen.«

»Okay, Korporal. Also, was machst du?«

Sonny dachte nach. »Ich bleib still stehen, lass mir Zeit, und wenn der richtige Augenblick gekommen ist, hack ich ihnen die Köpfe ab. Zuerst der, die mir am nächsten ist.«

Frank grinste. »Hervorragend.«

»Worum geht’s hier, zum Teufel?«, fragte Morehouse.

»Die Anführer umbringen«, überlegte Sonny laut. »Die Typen umbringen, auf die es ankommt. Wenn man den Kopf abhackt, stirbt der Rest mit.«

»Operation Kopf ab«, sagte Frank mit einem wilden Grinsen.

»Was für Anführer?«, wollte Morehouse wissen. »Sprecht ihr von den Anführern der Deacons for Defense6 oder was?«

»Das glaube ich nicht«, meinte Sonny, und er spürte ein seltsames Hämmern in der Brust.

Frank nahm eine lange Grillgabel und zeichnete damit drei Buchstaben in den Sand zu ihren Füßen: KKK.

»Was zum Teufel soll das bedeuten?«, fragte Morehouse. »Ich dachte, du wolltest aus dem Klan raus.«

Frank verwischte die Buchstaben mit seinem Stiefel, zeichnete sie dann erneut, diesmal als Eckpunkte eines gleichseitigen Dreiecks.

»Ich kapier’s immer noch nicht«, sagte Sonny.

Frank lächelte, griff dann in die Tasche und faltete eine Seite auf, die aus einer Zeitschrift herausgerissen war. Ein Foto nahm das obere rechte Viertel der Seite ein. Darauf war Justizminister Robert F. Kennedy zu sehen, der neben Martin Luther King stand, während links Lyndon Johnson Kennedy überragte. Ein alter schwarzer Mann, den Sonny nicht kannte, war rechts von King zu sehen. Bobby Kennedy lächelte auf dem Bild, aber King wirkte besorgt, wenn nicht sogar ängstlich. Jemand hatte mit rotem Buntstift Kreise um die Köpfe von King und Kennedy gemalt. Die Bildunterschrift erklärte, das Bild sei im Rosengarten des Weißen Hauses aufgenommen worden.

Morehouse fragte Frank etwas, aber Sonny bekam es nicht mit, weil das Blut ihm so laut in den Ohren rauschte. Ohne fragen zu müssen, wusste er, was diese roten Kreise zu bedeuten hatten; er überlegte nur, wer sie gemalt hatte.

»Was meinst du, Junge?«, fragte Frank leise.

Sonny schluckte und versuchte, eine Antwort zu formulieren. Frank Knox war kein verrückt gewordener Hinterwäldler mit grandiosen Wahnvorstellungen. Er hatte sich zwar zum größten Teil alles selbst beibringen müssen, aber er war ein taktisches Genie. Er hatte erfolgreiche Angriffe auf japanische Stellungen angeführt, die Marineoffiziere für uneinnehmbar erklärt hatten, und er besaß die Orden, mit denen er das beweisen konnte. Als Anführer von Sonny und Glenn hatte Frank direkt unter den Augen der Militärpolizei einen schwunghaften Handel mit japanischen Schädeltrophäen getrieben – und er hatte sich die Schädel auch selbst besorgt. Wenn Frank darüber nachdachte, Martin Luther King und Robert F. Kennedy umzubringen, waren die beiden Männer bereits in höchster Lebensgefahr.

Während Morehouse noch verdattert plapperte, nahm Frank die lange Gabel wieder zur Hand und fügte Buchstaben vor jedem der drei Ks im Sand hinzu. JFK. MLK. RFK. Dann zeichnete er ein X über JFK, schaute auf und sagte: »Einer erledigt, zwei stehen noch aus.«

Sonny räusperte sich. »Wie sollen wir deiner Meinung nach diese Typen erwischen, Top? Nach Atlanta und Washington D. C. fahren?«

Frank warf ihm ein abgeklärtes Lächeln zu. »Nicht nötig. Wir machen das genauso, wie uns die japanischen Scharfschützen auf den Inseln erledigt haben. Denk doch mal nach. Die haben nie so geschossen, dass sie mit der ersten Salve jemanden umgebracht haben. Sie haben immer jemanden verletzt. Den haben sie draußen liegen und vor Schmerzen schreien lassen, bis jemand beschlossen hat, ihn zu retten. Und dann hat der Heckenschütze das arme Schwein abgeknallt. Und so weiter, bis wir endlich seine Position genau ausgemacht hatten und ihm die Artillerie auf den Arsch geschickt haben.«

Sonny begriff sofort, wie elegant dieser Plan war und dass er eine echte Erfolgschance hatte. Morehouse dagegen schaute immer noch völlig verwirrt drein.

Frank warf dem großen Mann einen milden Blick zu, als wäre er ein begriffsstutziges Kind, und sagte: »Stell dir vor, es ist 1936, Glenn. Du willst einen Mordanschlag auf Hitler machen. Da versuchst du doch nicht, den in seinem Bunker umzubringen, oder? Du lockst ihn aus der Deckung.«

»Verstanden. Aber wie?«

Frank seufzte müde. »Ich weiß es nicht … vielleicht überfährst du Max Schmeling mit dem Auto. Schmeling hat gerade Joe Louis auf amerikanischem Boden besiegt, also organisiert Goebbels ein Staatsbegräbnis. Da muss Hitler sich zeigen, stimmt’s? Und da hast du dich mit deinem Gewehr auf die Lauer gelegt und wartest.«

»Super«, sagte Sonny, als es in Glenns Augen endlich dämmerte. »Wir holen die Ziele her zu uns. Aber wer soll unser Max Schmeling sein?«

Frank schnalzte mit der Zunge. »Darüber habe ich auch schon nachgedacht. Es hat keine Eile. In Mississippi wird in den nächsten paar Jahren ordentlich was los sein, und ich garantiere dir, über kurz oder lang stecken King und Kennedy hier ihre Nase rein.«

»Genau wie JFK auf der Ole Miss7 damals zweiundsechzig«, sagte Sony.

»Teufel, das war zum größten Teil Bobby, sogar damals schon.«

»Ist Brody Royal für so was zu haben?«

Frank schnaubte. »Brody ist nur fürs Geldverdienen zu haben, Bruder. Aber lass dir eines sagen: Der ist durch alle möglichen Geschäfte mit Carlos Marcello verbunden. Und niemand hasst Bobby Kennedy so sehr wie Carlos. Nicht mal Hoffa. Vor drei Jahren hat Kennedy Carlos von der CIA entführen lassen, die haben ihm einen Fallschirm umgeschnallt und ihn über Guatemala aus einer C-130 rausgeworfen. ›Inoffizielle Deportation‹. Wie blöd kann man sein? Da haben wir gleich die Hälfte der Gründe, warum John F. Kennedy gestorben ist. Die Jungs von der CIA hätten Carlos ohne Fallschirm rausschmeißen sollen, denn dieser sizilianische Schweinehund vergibt nicht, und verdammt sicher vergisst er nichts.«

Sonny wandte den Blick von Frank ab, weil er gemerkt hatte, dass sein alter Freund wahrscheinlich mehr als geplant verraten hatte. Frank hatte über ein Jahr in der Nähe von Morgan City verbracht und Kubaner für die Invasion in der Schweinebucht ausgebildet. Dabei hatte er alle möglichen zwielichtigen Typen kennengelernt. Sonny hatte ihn ein paarmal dort besucht, hatte sogar einige Kubaner an Granatwerfern und verschiedenen kleinen Waffen ausgebildet, aber er hatte darauf geachtet, dass er nichts mit den paramilitärischen Typen von der CIA zu tun bekam, die das Lager leiteten. Trotzdem vermutete Sonny, dass Frank mehr über die Ermordung von John Kennedy wusste als alle Kongressmitglieder in der Warren Commission zusammen.

Als Sonny wieder zu seinem alten Freund schaute, warf ihm Frank einen intensiven wissenden Blick zu. In diesem vertrauten Augenblick wurde Sonny klar, dass Frank Knox mehr als nur Informationen über diese Art von Operation hatte. Er war daran beteiligt gewesen.

»Irgendwelche Ideen, Sonny?«, fragte Frank. »Ziele vor Ort?«

Sonny fühlte sich geschmeichelt, dass man ihn um seine Meinung bat, und dachte ernsthaft nach. »Wir brauchen jemanden, den King oder Kennedy persönlich kennt. Ich bin mir sicher, dass der Reverend King Charles Evers kennt. King ist auf Medgar Evers’ Beerdigung in Jackson gegangen. Und Bobby Kennedy hat an Medgars Gedenkgottesdienst in Arlington teilgenommen. Davon habe ich was im Fernsehen mitgekriegt.«

»Charles Evers ist ein Zuhälter und Schwarzhändler«, sagte Frank. »Der hatte schon damals in der Armee auf den Philippinen seine Nutten am Laufen gehabt. Würden King und Kennedy wirklich zur Beerdigung eines Zuhälters kommen?«

»Vielleicht schon«, überlegte Sonny laut. »Charles behauptet, dass er da weitermacht, wo sein Bruder mit der Bürgerrechtsarbeit aufgehört hat. Er ist der neue Bereichsleiter der NAACP, obwohl die alte Garde ihn nicht haben wollte. Und Charles ist sehr viel gewiefter, als sein Bruder war. Der kriegt vielleicht tatsächlich was getan.«

Frank nickte langsam. »Ich behalte ihn im Auge. Wer noch?«

»Vor Ort wäre da noch George Metcalfe, wie Glenn schon gesagt hat, aber den beobachten die Leute vom Klan. Ich hätte gedacht, dass auch Albert Norris einige Aufmerksamkeit erregt hätte. Alle liebten Albert.«

»Jetzt nicht, da diese Judenbengel in Neshoba County verschwunden sind«, sagte Frank. »Verglichen mit weißen Märtyrern aus New York fällt der Besitzer eines Musikalienladens in Ferriday, Louisiana, nicht ins Gewicht.« Frank nahm das Lendenstück mit der Gabel vom Grill und ließ es auf eine Platte gleiten. »Mach dir keine Sorgen. Die Zeit ist auf unserer Seite. Wenn der Augenblick kommt, wissen wir, welche Ziege wir an den Baum binden müssen.« Er deutete auf die sanft abfallende Sandbank. »Schaut euch bloß Snake an! Der grinst ja über alle vier Backen!«

Snake Knox kam auf sie zugeschritten, die betrunkene junge Kellnerin wie eine Gefangene unter den Arm geklemmt. In der Linken hielt er ein Walkie-Talkie mit einer leuchtenden silbernen Antenne. Sonny schaute an ihm vorüber zum Chevy. Es schien jemand reglos am Steuer zu sitzen.

»Wer ist da im Auto?«, fragte Sonny ängstlich. Er machte sich Sorgen, was Snake wohl wieder plante.

»Nur ein alter Sicherheits-Dummy, den ich von einem Typen in der Reifenfabrik gekriegt habe«, antwortete Snake und gesellte sich am Grill zu ihnen. »Seid ihr bereit für eine Show, Jungs?«

»Teufel noch mal, ja«, sagte Frank und wischte mit dem Stiefel die Zeichnung im Sand aus, während er sein Bier austrank.

Snake drehte sich zu den Frauen um, die weit hinten unter den Bäumen saßen. Keine von ihnen, nicht einmal seine Mutter hatte ihn seit Freitag auch nur eines Wortes gewürdigt, denn sie waren alle mit seiner Exfrau befreundet. Snake winkte trotzdem und schrie ihnen zu: »Behaltet mal den Chevy im Auge, Ladys!« Dann drehte er sich um und brüllte den Kindern am Flussufer zu, sie sollten mindestens dreißig Meter Abstand vom Auto halten. Als Sonnys Frau begriff, was gleich passieren würde, begann sie auf die Kinder zuzurennen, aber da hatte Snake bereits das Walkie-Talkie hochgehoben und auf einen Knopf gedrückt.

Ein gleißender gelber Blitz ließ den millionsten Teil einer Sekunde lang das Innere des Autos aufleuchten und brannte eine ovale Scheibe aus Sonnys Gesichtsfeld heraus. Dann jubelten die Kinder und rannten auf das Auto zu, Frank und Sonny dicht hinter ihnen. Weiter hinten unter den Pappeln stieß eine Frau einen gellenden Rebellenschrei aus. Sonny drehte sich um und sah Glenns Schwester Wilma in ihrem Bikini dastehen und die Faust triumphierend in den Himmel recken. Die anderen Frauen schien der Aufruhr beim Wasser gleichgültig zu lassen. Sonny trabte zu den Menschen unten am Wasser, und Morehouse kam keuchend und schnaufend hinter ihm her.

Der säuerliche Gestank des Sprengstoffs warf Sonny wieder in Kriegszeiten zurück, doch der Chevy sah nicht aus, als wäre ihm viel Schaden zugefügt worden. Der Dummy saß noch am Steuer, war aber wie ein Betrunkener, der das Bewusstsein verloren hatte, nach vorn gesackt, nachdem er den Wagen in die häusliche Einfahrt manövriert hatte. Dann riss Snake die Tür mit metallischem Kreischen auf, und Sonny sah das Resultat seiner Arbeit.

Der Körper des Dummys war in der Taille säuberlich durchtrennt. Welche Ladung Snake auch immer unter dem Armaturenbrett angebracht hatte, sie hatte den Dummy so sauber durchschnitten wie eine Guillotine. Sonny hatte schon oft erlebt, dass Menschen eine konventionelle Autobombe überstanden, aber eine solche Wunde würde niemand überleben.

Frank pfiff voller Bewunderung, und Snake platzte beinahe vor Stolz. Sonnys Frau sagte Snake gründlich die Meinung, weil er diese Schau vor den Kindern abgezogen hatte, aber Snake ignorierte sie und stapfte in wütendem Schweigen fort. Die Kinder hatten sich viel mehr Zerstörung erhofft und verloren schon bald das Interesse. Sie bettelten um weitere Feuerwerksraketen, die sie aus Flaschen abschießen konnten, doch die hatten sie alle am Freitagabend aufgebraucht, und Frank vertrieb die Kleinen mit ein paar Schimpfwörtern.

Jetzt, da Snake damit beschäftigt war, den Bombenschaden zu begutachten, starrte Sonny unverhohlen auf die Kellnerin. Sie war ein Dreck verglichen mit der Hauptdarstellerin in seiner wichtigsten Phantasie – der schwarzen Krankenschwester von Dr. Tom Cage, dem Werksarzt der Triton-Batterie-Fabrik. Viola Turner war die schönste Frau, die Sonny seit langer Zeit zu Augen bekommen hatte; sogar Frank hatte in den vergangene Monaten einige anerkennende Bemerkungen über sie fallenlassen. Wie sein Vater, der Prediger, ließ sich Frank nie von der Hautfarbe davon abhalten, sich jede Frau zu nehmen, nach der ihm der Sinn stand, und Sonny wurde jedes Mal die Brust ganz eng vor Eifersucht und Groll, wenn Frank Viola erwähnte. Sonny erinnerte sich daran, wie er in Dr. Cages Sprechzimmer auf die Waage gestiegen war; er hatte nach unten gesehen und die vollkommene Rundung zweier kaffeebrauner Brüste gesehen, die unter der weißen Uniform verschwanden.

»Brauchst du Vaseline?«, flüsterte ihm Frank ins Ohr.

»Verpiss dich!«, blaffte Sonny. Er drängte Frank mit der Schulter nach hinten und verbannte dieses Bild aus seinen Gedanken.

Franks Gelächter war rau und wissend wie das eines Dämons, der sämtliche menschlichen Schwächen offen und unverhüllt gesehen hatte.

Als nach und nach niemand mehr beim Auto stand, sagte Snake: »Ich könnte diese Ladung mit dem Anlasser verbinden, mit dem Signal vom Walkie-Talkie, sogar mit dem Radio. Und das Zeug ist so stabil, dass du ’ne Kugel reinschießen kannst, ohne dass es explodiert.«

Frank klatschte der Kellnerin mit der Hand auf den Hintern und sagte: »Warum rennst du nicht den Hang rauf und holst dir ein Bier, Süße? Wir kommen gleich nach.«

Die Frau errötete nach dem unerwarteten Kontakt mit Frank, hatte aber eindeutig nichts dagegen einzuwenden. Snake schon, doch der protestierte mit keinem Wort gegen das Benehmen seines Bruders. Snake Knox war vielleicht verrückt, aber blöd war er nicht.

»Willst du so die Sache mit Kennedy und King angehen?«, fragte Sonny skeptisch.

Frank schüttelte den Kopf. »Nö. Zu viele Sicherheitsleute. Dieses Großwild kannst du nur mit einer Methode zur Strecke bringen. Mit einem Team aus Scharfschützen und Spähern. Besser noch mit mehr als einem.«

Sonny nickte erleichtert. Frank und Snake hatten sich in der Armee als Scharfschützen qualifiziert, und Snake war in Korea tatsächlich als Heckenschütze eingesetzt gewesen.

Frank streckte die Arme hinter sich aus, dehnte mit offensichtlichem Vergnügen seinen Rücken. »Das war ein verdammt starkes Wochenende, alles in allem. Warum essen wir nicht den Alligator hier auf, packen dann zusammen und machen uns auf den Heimweg?«

Snake warf Sonny und Morehouse einen verstohlenen Blick zu. »Habt ihr Jungs schon eure neuen Hundemarken?«

Sonny langte in die Tasche und ließ sein Doppeladler-Goldstück aufblitzen. Morehouse tat es ihm nach. Snake blinzelte, knöpfte dann sein Hemd am Kragen auf, so dass kein Goldstück, sondern ein 1964 geprägter, glänzender JFK-Halbdollar zu sehen war. Jemand hatte ein Loch durch die Münze geschossen, mitten durch Kennedys Kopf, und durch ein zweites Loch oberhalb des Kopfes war ein Lederriemen gefädelt.

»Meine ist nicht aus meinem Geburtsjahr, klar!«, sagte Snake. »Meine ist symbolisch.« Er lachte wie ein Verschwörer. »Es kommen gute Zeiten, Jungs. Und keinen Augenblick zu früh. Unser Land geht schon im Affentempo den Bach runter.«

Sonny rang sich ein Lächeln ab und versuchte, freundlich zu schauen, aber er fragte sich, ob sich Frank nicht zu viel vorgenommen hatte, wenn man bedachte, wie groß die Bürgerrechtsbewegung geworden war und dass sich inzwischen das FBI in den Kampf eingeschaltet hatte.

Snake stupste Sonny an die Brust. »Wie wär’s, Junge? Bist du bereit, Robert F. Kennedy neben seinem Bruder zu beerdigen?«

Sonny kämpfte mit dem Verlangen, Snake eine Ohrfeige zu verpassen, die ihm das Trommelfell zum Platzen bringen würde. »Wenn Frank glaubt, dass wir das schaffen, dann bin ich dabei.«

Snake warf ihm einen neckischen Blick zu. »Und Hochwürden King?«

»Auf den freue ich mich.«

Snake nickte, und ein gruseliges Licht tanzte in seinen Augen. »Du und ich, alle beide. Ich hab nix übrig für Nigger-Prediger. Jeder, den ich kenne, hat die eine Hand im Klingelbeutel und die andere unter dem Rock irgendeiner süßen Kleinen.«

Genau wie dein Daddy, dachte Sonny. Aber da Snake und Frank denselben Vater hatten, lachte Sonny pflichtschuldig und schaute zu, wie Franks Sohn mit dem Fischerboot auf die Sandbank bretterte wie ein Stuntman beim Film. Frank Jr. war vor ein paar Monaten zur Armee gegangen und sollte schon bald losziehen. Er hatte seinen Marschbefehl noch nicht bekommen, aber er hatte Frank erzählt, dass es bei den Rangers viel Gerede über eine Gegend gab, die am anderen Ende der Welt lag und Vietnam hieß. Anscheinend sollten die Vereinigten Staaten dort die Franzosen ablösen, denen die asiatischen Kommunisten einen Tritt in den Arsch versetzt hatten, genau wie 1940 die Deutschen. Sonny wusste nicht die Bohne über Vietnam, aber er wusste etwas darüber, wie es war, am anderen Ende der Welt gegen Schlitzaugen zu kämpfen. Und er konnte es als Freizeitbeschäftigung nicht empfehlen. Frank schien das jedoch nicht sonderlich zu bekümmern, und so beschloss Sonny ebenfalls, sich keine Sorgen mehr um den Jungen zu machen.

Außerdem sah es ganz so aus, als würde es in den nächsten paar Jahren auch hier in Mississippi ganz schön heiß hergehen. Sonny erinnerte sich an den Abend, an dem er gehört hatte, dass man Medgar Evers in der Einfahrt zu seinem Haus erschossen hatte, dann an den Tag fünf Monate später, als jemand JFK in Dallas das Hirn weggepustet hatte. Sonny hatte beide Männer gehasst, und doch hatte er sich nach den Morden seltsam leer gefühlt, als hätte Gott die Regeln für das Universum weggeworfen und nun die Menschheit ihrem Schicksal überlassen. Die Vorstellung, dass er vielleicht schon bald selbst in diese Art von Mordanschlag verwickelt sein würde, jagte ihm Angst ein, und nur sein Vertrauen zu Frank machte es ihm überhaupt möglich, seine Angst zu unterdrücken.

»Weißt du, was das Einzige ist, das uns jetzt hier noch fehlt?«, fragte Frank überschwänglich.

»Ein halbes Dutzend Nutten?«, schlug Sonny vor und hoffte, damit seine Furcht zu überspielen.

Frank grinste. »Nö. Wir brauchen Norman Rockwell, der diese Szene für die Nachwelt malt und dann auf die Titelseite der Saturday Evening Post bringt. Das hier ist Amerika, verdammt! Das wahre Amerika. Und hier wird Geschichte geschrieben.«

Snake verdrehte die Augen, aber Sonny und Morehouse schwiegen. Man wusste nie, wann Frank Witze machte, und keiner wollte hier Vermutungen anstellen.

»Los, jetzt essen wir den Alligator.« Frank wandte sich ab und ging den Hügel hinauf, rollte die breiten Schultern wie eine gut geölte Maschine.

Als Snake neben ihn trat, sagte Sonny: »Der meint das ernst mit den Morden an King und Kennedy, nicht?«

Snakes Augen richteten sich interessiert auf Sonny. »Warum nicht? Die beiden haben doch schon Freunde oder Brüder durch Gewehrkugeln verloren. Wenn du dann in die Lücke vortrittst, musst du damit rechnen, dass es dir genauso ergeht. So ist der Krieg, oder? Haben wir alle schon erlebt.«

Als Sonny die Sandbank hinauf und auf den rauchenden Grill zuging, musste er zugeben, dass Snake nicht ganz unrecht hatte. Nur war hier weder der Pazifik noch Korea – oder Vietnam, wo zum Teufel das auch immer sein mochte. Hier war Amerika. Und das hieß, dass Snake von einem Bürgerkrieg redete. Sobald Sonny dieser Gedanke durch den Kopf geschossen war, wurde ihm alles klar, und ein Gefühl des Friedens breitete sich in ihm aus. Nichts war bei Appomattox8 zu Ende gegangen; dieses Gefecht hatte nur eine Kampfpause eingeläutet. Der Krieg selbst tobte noch im ganzen Land weiter, dicht unter der glänzenden Plastikoberfläche des amerikanischen Traums. Einige Leute gaben vor, das nicht zu bemerken, oder sie taten so, als wären die Russen die wirklichen Feinde. Aber jeder, der sich überhaupt mit Geschichte befasste, wusste ja, dass große Kulturen immer von innen heraus zerbrachen. Und um das zu verhindern, war Sonny bereit, jeden zu töten, von dem Frank sagte, dass er sterben müsse.

Kapitel 3

Vier Jahre später

1. April 1968

Bei Athens Point, Mississippi

Sonny Thornfield lenkte mit der Linken das rostige grüne Flachbodenboot durch den immer finsterer werdenden Sumpf und hatte mit der Rechten eine Pistole auf Jimmy Revels gerichtet. Nach drei Tagen Gefangenschaft bei den Doppeladlern war der junge Neger keine große Bedrohung mehr. Revels lag, kaum noch bei Bewusstsein, am Boden des Bootes. Er konnte höchstens noch aus dem Boot springen, um sich zu ertränken, anstatt erschossen zu werden. Sonny hatte überlegt, ob er ihn einfach zwischen den hohen Sumpfzypressen rauswerfen sollte, doch da bestand immer noch die Möglichkeit, dass ein Fischer die Leiche vor den Alligatoren finden könnte, und dieses Risiko wollte Sonny nicht eingehen.

Sonny war sich nicht sicher, ob er selbst die Nacht überleben würde. Nach vier Jahren erfolgreicher Operationen der Doppeladler waren die Dinge schließlich so schiefgelaufen, wie es nur ging. Vor vier Nächten waren sie drauf und dran gewesen, Phase eins der Mission abzuschließen, die Frank Knox damals im Sommer 1964 an jenem ersten Tag auf der Sandbank umrissen hatte. Aber um vier Uhr nachmittags am Donnerstag war Frank ums Leben gekommen, und fünf Stunden später hatte man den Doppeladlern befohlen, sich aufzulösen. Sonny hatte kein Problem mit dieser Entscheidung. Seiner Meinung nach hatten die Doppeladler ohne Frank bei Operationen von nationaler Bedeutung nichts zu suchen. Aber Snake hatte da andere Vorstellungen. Vom schwarzgebrannten Schnaps völlig benebelt und von Speed aufgeheizt, hatte es sich Snake Knox in den Kopf gesetzt, sein älterer Bruder wäre vergebens gestorben, wenn sie Franks ursprünglichen Plan nicht umsetzten.

Der schwarze Junge im Flachbodenboot war der Köder, den Frank schließlich ausgewählt hatte, der Köder, der die großen Tiere in die Stadt locken sollte. Sie hätten kein besseres Opfer finden können. Jimmy Revels, ein ehemaliger Marinekoch und bekannter Musiker, hatte nicht nur Martin Luther King persönlich kennengelernt, sondern auch noch unermüdlich in Mississippi schwarze Wähler registriert. Nachdem Robert Kennedy seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahlen verkündet hatte, hatte Jimmy Revels seine Bemühungen noch verdoppelt, und dafür hatte ihm Kennedy vor nur einer Woche mit einem persönlichen Anruf gedankt. Durch einen seltsamen Zufall hatte Revels auch einige Jahre bei Albert Norris gearbeitet, ehe er zur Marine ging. Noch bemerkenswerter war, dass Revels der jüngere Bruder von Viola Turner, Dr. Tom Cages Krankenschwester, war, einer Frau, nach der sich Sonny schon jahrelang heimlich verzehrte. Sonny versuchte gar nicht erst, die Macht des Schicksals zu begreifen, aber er hatte das Gefühl, dass all diese Verbindungen irgendwie zu Franks Tod geführt und sie in ihre augenblickliche Notlage gebracht hatten.

Nichts war je wieder wie früher gewesen, nachdem Franks Sohn in Vietnam umgekommen war. Sonny konnte sich nicht erinnern, dass Frank nach dieser Nachricht auch nur einen einzigen Tag nüchtern gewesen wäre. Zwei Jahre betrunken. Frank funktionierte noch ordentlich, aber er war aus dem Tritt gekommen. Als er seinen neuesten Plan vorgestellt hatte, war Sonny besorgt gewesen, dass ihn die Trauer über seinen Sohn für manche Realität blind gemacht hatte. Wenn man sich freiwillig meldete, um den Willen eines Mafiabosses vom Kaliber eines Carlos Marcello auszuführen, dann schloss man einen Pakt mit dem Teufel. Als Sonny darauf hinwies, dass beinahe jeder, den man mit der Ermordung von JFK in Verbindung gebracht hatte, inzwischen tot war, erwiderte Frank ihm, er sollte sich lieber um einen Posten in der Abteilung Damenunterwäsche in dem jüdischen Kaufhaus Coles in der Stadtmitte bewerben. Danach hatte Sonny die Klappe gehalten, aber es war ihm mit dem, was sie jetzt machten, nie recht wohl gewesen.

In den letzten vier Jahren hatte sich etwas in seinem Denken und Fühlen verändert. Bei den ersten Operationen, damals 1964, hatte er sich noch wie im Krieg gefühlt. Aber nach den Taten, zu denen ihn Frank gedrängt hatte, um Jimmy Revels aus seinem Versteck zu locken, war Sonny krank vor Scham und Verwirrung. Das war genau wie das, was die Japse in Nanking den Chinesinnen angetan hatten. Sonny hatte noch nie nein gesagt, wenn sich eine Chance zu einer heißen Bumserei bot, aber eine Vergewaltigung, das war etwas völlig anderes. Und eine Frau zu vergewaltigen, an der einem etwas lag … da wollte man sich am liebsten in einem dunklen Loch verkriechen und nie wieder herauskommen. Aber was konnte man schon machen, wenn Frank Knox die Befehle gab und selbst als Erster zur Tat schritt?

Während er das Boot zwischen den großen Zypressen hindurchlenkte und nach vertrauten Orientierungspunkten Ausschau hielt, erinnerte sich Sonny daran, wie begeistert sie gewesen waren, nachdem sie Revels und seinen massigen Leibwächter Luther Davis geschnappt hatten, der Jimmys Drummer und ein ehemaliger Infanterist war. Doch dann hatte der Tod ihnen Frank geraubt, so sicher und zufällig, wie er ihnen damals während des Krieges auf den Inseln die Freunde geraubt hatte. Und Snake hatte vollkommen durchgedreht. Wenn sie ihn gelassen hätten, so hätte er Jimmy Revels mitten in Natchez an einem Telegrafenmast gekreuzigt und dann darauf gewartet, dass die großen Tiere zu Protestkundgebungen und zur Beerdigung hereingeflogen kamen, wie Enten auf einen Lockvogel fliegen. Doch ehe Snake das tun konnte, hatte Brody Royal den Befehl übermitteln lassen, die Doppeladler sollten die Mission abbrechen. Royal wollte, dass sie Jimmy Revels und Luther Davis in ein abgrundtiefes Loch warfen, so dass niemand sie je finden würde, und Sonny wusste auch warum. Der Millionär traute Snake nicht zu, die Operation zu Ende zu führen, ohne dass sie alle im Gefängnis landeten.

Das Chaos, das nach Royals Entscheidung ausgebrochen war, hatte zu Tagen brutaler Folter geführt, die Sonny bis ins Mark erschütterten. Snake litt an Schlafentzug und war high von Drogen, und er hatte versucht, seinen Schmerz an den Gefangenen auszulassen, die er in seiner Gewalt hatte. Schlimmer noch, er hatte die erneute Entführung von Revels Schwester Viola befohlen, unter dem Vorwand, sie hätte ihre Gesichter gesehen, als sie sie einer nach dem anderen vergewaltigt hatten, um ihren Bruder aus seinem Versteck zu locken. Wenn Sonny aus dieser Operation noch hätte aussteigen können, er hätte es gemacht, aber zu diesem Zeitpunkt war er schon so tief verstrickt, dass es keinen Ausweg mehr gab – nur noch Durchhalten. Das bedeutete achtundvierzig Stunden die Hölle auf Erden in einer Werkstatt, die so weit draußen im Wald lag, dass niemand die Schreie hören konnte. Als die Erlösung für Viola wie durch göttliche Hilfe gekommen war, hatte Sonny ein stummes Dankgebet gesprochen. Aber Snakes Wut war nur weiter gewachsen, so dass Sonny fürchtete, er würde auch den Befehl zum Abbruch der Operation ignorieren und sie alle der Verdammnis preisgeben.

In diesem Augenblick hatte er beschlossen, Brody Royals Befehl zu befolgen, obwohl Snake auf Franks Posten als Befehlshaber der Doppeladler nachgerückt war. Denn ein Befehl von Brody Royal war wohl eigentlich ein Befehl von Carlos Marcello, und niemand, der Carlos nicht gehorchte, überlebte das lange. Als Snake endlich – drei Stunden nach der Beerdigung seines Bruders – zusammenbrach und wenige Meter von seinen angeketteten und blutenden Gefangenen laut schnarchend auf einem Sessel lag, hatte Sonny Glenn Morehouse nach draußen gezerrt und ihm gesagt, sie müssten Royals Befehle ausführen, ehe Snake etwas machte, das sie beide das Leben kosten würde. Morehouse hatte nicht den Mumm gehabt, Snakes Zorn zu riskieren, aber Sonny ließ sich davon nicht aufhalten. Da es ganz so aussah, als würde Luther Davies ohnehin an seinen Verletzungen sterben, hatte Sonny Jimmy Revels losgeschnitten, zu seinem Pick-up getragen und ihn an den Rand des Lusahatcha-Sumpfs gefahren, wo man im Laufe der Jahre schon so viele andere Leichen abgeladen hatte.

Vor ein paar Stunden hatte Revels zu reden aufgehört. Die einzigen Worte, die er am Nachmittag gesprochen hatte, waren Fragen nach seiner Schwester und Luther Davis gewesen. Sonny wusste nicht, wo Viola war, aber er betete, dass Luther auf dem Grund des Jericho Hole in der Gemeinde Concordia lag, wo Morehouse ihn auf Sonnys Anweisung abladen sollte.

Sonny zog den Gashebel des Außenborders ein wenig auf und lenkte das Boot vorsichtig durch einen tieferen Kanal zwischen den Zypressen. Sie waren dreißig Meilen südlich von Natchez und zwanzig westlich von Woodville, tief in Lusahatcha County. Der Sumpf lag zum größten Teil auf Land, das zum Jagdanwesen der Doppeladler gehörte, aber teilweise auch auf Bundesland – einem Staatsforst. Sonnys Ziel war eine Gruppe von Sumpfzypressen, die aussahen, als könnten sie aus einer Geschichte von Edgar Rice Burroughs stammen. Mitten in diesem Sumpf hatten die Stämme mancher Zypressen einen Durchmesser von sechs Metern. Sonny und Frank hatten einmal versucht, ein mehr als fünfzehn Meter langes Seil um den Stamm des Baumes zu spannen, der Knochenbaum genannt wurde, und es hatten ihnen über drei Meter gefehlt. Frank behauptete, einige dieser Bäume seien tausend Jahre alt.

»Scheiße«, murmelte Sonny, als er zuschaute, wie die orangerote Sonne am violetten Himmel aufflammte und hinter dem Horizont versank. Er würde seine Taschenlampe brauchen, um wieder in die Zivilisation zurückzukommen. »Wir sollten schon längst da sein.«

Er legte seine Pistole weg und nahm die Karte zur Hand, die Snake bei einem viel früheren Anlass für ihn gezeichnet hatte. Während er sie studierte, schaute er immer wieder über den Rand, um sich zu versichern, dass Jimmy Revels sich ruhig verhielt. Das T-Shirt des Jungen war rostrot von eingetrocknetem Blut und schwarz mit Fett verschmiert, und sein linker Arm war mit einem blutigen Mullverband umwickelt. Im vergehenden Licht konnte Sonny nicht mehr ausmachen, ob der Junge die Augen offen hatte oder nicht.

Beißender Schweiß triefte Sonny in die Augen, und er blinzelte durch die Tropfen auf die Karte. Ich muss schon beinahe da sein, dachte er. Und als hätten ihn seine Gedanken dorthin getragen, bemerkte er, dass er wirklich angekommen war. Statt der normalen Zypressen waren hier nun grasige Inseln, kleine Erdbuckel, die von riesigen Bäumen gekrönt waren. Schon die Knie der Zypressen waren dicker als die Stämme der meisten anderen Bäume. Sonny sah auf einigen dieser Hügel Pfade im Gras, wahrscheinlich von hungrigem Wild getrampelt, das vom Schwimmen erschöpft war. Hirsche und Rehe konnten verdammt gut schwimmen, aber das wussten nicht viele Leute.

Sonny hatte den Knochenbaum seit 1966 nicht mehr gesehen, doch er erinnerte sich nur zu gut an ihn. Die gigantische Zypresse erhob sich aus dem Sumpf wie der Baum der Erkenntnis im Garten Eden. Das hier war jedoch nicht das Paradies. Sonny wusste von mehr als einem Dutzend Männern, die unter diesem Baum gestorben waren, und Frank behauptete, die wirkliche Zahl liege eher über hundert. Er hatte Sonny die handgeschmiedeten Kettenglieder in der Rinde gezeigt, die noch auf die Zeiten der Sklaverei zurückgingen. Angeblich hatte man entlaufene Sklaven hier aufgehängt oder unter der Zypresse an Händen und Füßen gefesselt. Hoch oben im hohlen Stamm hatte Sonny Schnitzereien entdeckt, von denen Frank schwor, sie wären indianische Zeichen aus der Zeit noch vor der Ankunft der Franzosen. Sonny brauchte all dieses Tatsachenwissen nicht, um an diesem Ort ein ungutes Gefühl zu haben. Die Dinge, die er mitangesehen hatte, Dinge, die man Männern unter dem Knochenbaum angetan hatte, waren in sein Gedächtnis gebrannt. Er war beinahe versucht, Jimmy Revels nach Baton Rouge zu bringen und ihn in einen Bus nach Norden zu setzen, anstatt die Rückfahrt aus diesem schlangenverseuchten Sumpf allein anzutreten.

»Glenn weiß gar nicht, wie gut er’s hat«, murmelte Sonny. »Verglichen hiermit ist es ein Kinderspiel, Luthers Auto ins Jericho Hole zu schmeißen.«

Dann hörte Sonny ein schweres Platschen im Wasser zu seiner Rechten, und sein Schließmuskel verkrampfte sich. Das Geräusch kannte er. Und sicher doch, als er die Augen zusammenkniff, entdeckte er den gepanzerten Rücken eines Alligators neben dem Boot. Als sein Puls sich endlich wieder auf normales Tempo verlangsamt hatte, blickte Sonny nach vorn und sah den Knochenbaum hundert Fuß über sich aufragen, den Sockel, der so breit war wie ein Haus und ihm den Weg versperrte. Die faserige Borke wirkte wie die ledrige Haut eines großen Lebewesens, das nicht gestorben war, sondern nur schlief, und hoch droben verwoben sich die Zweige mit den Kronen anderer Bäume zu einem dünnen Baldachin. Sonny schaltete den Motor ab und ließ das Flachbodenboot zum Rand des Erdhügels gleiten, der den riesigen Stamm umgab. Ein schmaler, A-förmiger Spalt von tiefster Schwärze verriet den Eingang in den hohlen Stamm, und Sonny fragte sich, was wohl in dieser Nacht im Inneren des höhlenartigen Raums auf der Lauer lag. Schon bald würde Jimmy Revels ihm das sagen können.

Sonny stand auf und richtete seine Pistole auf Revels’ blutige Gestalt. »Steig aus«, sagte er und trat gegen den Fuß des Niggers.

Revels rührte sich nicht.

»Los schon, Junge!« Sonnys Stimme klang höher und mickriger, als er es beabsichtigt hatte. »Ich weiß, dass du dich nur tot stellst.«

Revels blieb reglos.

»Bei Gott, ich erschieß dich da, wo du liegst.« Sonny log. Die Kugel aus seiner Magnum Kaliber .357 würde wahrscheinlich durch Revels durchgehen und gleich noch ein Loch in den Boden des Bootes schlagen. Und er hatte nicht vor, hier die Nacht zu verbringen, von Mokassinottern und Alligatoren umgeben. Teufel, in diesem Sumpf gab es sogar Bären.

»Was soll das schon ändern?«, stöhnte Revels schließlich.

»Steh auf, verdammt! Oder ich schieß dir ins Becken. Und das ändert was. Das verspreche ich dir.«

»Sagen Sie mir, wo meine Schwester ist. Dann steh ich auf.«

»Ich weiß es nicht!«

»Aber ihr habt ihr doch nicht noch was getan?«

»Nein!«, brüllte Sonny und unterdrückte die Erinnerung an all das, was sie Viola Turner angetan hatten. Er konnte den Gedanken daran nicht ertragen. »Sie ist noch mal davongekommen, das hab ich dir doch gesagt.« Er blinzelte im Dämmerlicht auf seine Uhr. »Du hast es doch selbst gesehen. Die ist wahrscheinlich gerade jetzt bei Dr. Cage, gut verarztet und wieder hübsch.«

»Das ist unmöglich, nach allem, was ihr gemacht habt.«

»Beweg dich, Junge!«

Revels rappelte sich mühsam auf die Knie, kroch aus dem schaukelnden Boot und brach im Gras zusammen. Er lag mitten auf einem Trampelpfad.

Sonny nahm seine Taschenlampe, kletterte aus dem Boot und trat Revels an den Oberschenkel. »Beweg deinen Arsch, verdammt!«

»Wozu? Sie erschießen mich doch und rollen mich ins Wasser, damit die Alligatoren mich kriegen. Los, machen Sie schon!«

»Das habe ich nicht vor. Ich lass dich einfach ein paar Tage hier draußen, bis sich alles wieder beruhigt hat.«

»Dann lassen Sie mich endlich in Ruhe.«

»Nicht hier. Drinnen im Baum.«

Revels rollte sich herum und schaute auf die riesige Zypresse. »Im Baum? Wie meinen Sie das?«

»Dieser Baum ist hohl. Ich will, dass du da reingehst.«

Verschwollene, blutunterlaufene Augen blinzelten in den Strahl von Sonnys Taschenlampe. »Sie lügen, Mann.«

»Tu ich nicht. Manchmal gehen Rehe da zum Schlafen rein, weil es trocken ist. Siehst du den Spalt? Sie nennen den Baum Knochenbaum, weil verwundete Rehe da zum Sterben reinkriechen. Und du gehst jetzt auch da rein, wenn dir dein Leben lieb ist. Das hier ist für ein paar Tage dein Gefängnis.«

Revels starrte eine halbe Minute nachdenklich auf die schwarze Öffnung. Dann rollte er sich herum und stand langsam auf. Sonny stieß ihn in den Rücken, schob ihn den Erdhügel hinauf, auf den Spalt in der faserigen Wand aus Holz zu. Er war nur achtzehn Zoll breit, klaffte zehn Fuß hoch und wurde allmählich immer schmaler, bis er verschwand.

»Ich geh da nicht rein«, sagte Jimmy mit kindlicher Angst. »Man kann nie wissen, was da oben drin lauert.«

»Nix ist da jetzt drin. Die Tiere haben uns schon von Weitem kommen hören.« Sonny trat vor und schlug scharf mit seiner Pistole an die Seite des Stamms. »Siehst du? Wenn da ein Reh drin wäre, wäre es schon längst weggerannt.«

»Vielleicht sind Schlangen drin.«

»Das Risiko musst du eingehen. Los jetzt! Ich muss hier wieder weg.«

»Ich komm einfach wieder raus, wenn Sie weg sind.«

»Ich nagle ein Brett davor.«

Revels starrte in den gelben Lichtstrahl und sprach mit völlig leidenschaftsloser Stimme. »Ich weiß, dass es Ihnen nicht gefallen hat, was die anderen mit Viola gemacht haben. Oder mit mir. Ich hab es in Ihren Augen gesehen.« Er hielt seinen bandagierten Arm hoch und deutete auf den Mull, den Sonny um die Wunde gewickelt hatte, die entstanden war, als Snake Knox die Marinetätowierung des Jungen weggeschnitten hatte. »Sie sind christlich erzogen worden, genau wie ich, Mr. Thornfield. Wie können Sie so was machen?«

Sonny schüttelte den Kopf, wandte den Blick ab und schaute auf das schwarze Wasser zu seiner Rechten. Der Junge hatte recht mit der Folter, aber er schien nicht zu begreifen, worum es im Rassenkrieg ging. Dass man einen gemeinsamen Glauben hatte, bedeutete rein gar nichts. Nigger waren schließlich nicht mal richtige Christen. Als Sklaven hatten sie sich einfach in ihrer Verzweiflung an den Glauben ihrer Herren geklammert und gar nicht gemerkt, dass die Herren die Religion nur benutzten, um sie gefügig zu halten.

»Los jetzt«, sagte Sonny und deutete mit seiner Pistole auf den Spalt.

»Ich geh nicht!«, beharrte Jimmy. »Ich kann nicht.«

Sonny überlegte, wie die Chancen standen, Revels tot in den Spalt zu stopfen. Dünn genug war der Junge ja, aber Sonny gefiel der Gedanke nicht sonderlich. Tote zu bewegen war Schwerarbeit. »Los, Jimmy, oder ich erschieß dich da, wo du stehst. So sieht’s aus.«

»Ist Luther tot?«

»Ja«, sagte Sonny und hoffte, dass es stimmte.

Jimmys Schultern sackten herunter, und das bisschen Widerstand, das er noch in sich gehabt hatte, verebbte vollends. »Zumindest haben Sie mir die Wahrheit gesagt. Also geht es Viola vielleicht wirklich gut.«

»Sicher, ich schwöre es.«

Jimmy stimmte etwas an, das wie ein Gebet klang. Dann drehte er sich zur Seite und quetschte seinen dunklen Körper durch den Spalt im Baum. Er hätte genauso gut in eine Höhle gehen können.

Gott sei Dank, dachte Sonny, als das verdreckte weiße T-Shirt verschwunden war. Er leuchtete mit der Taschenlampe durch den Spalt. Jimmy stand ein paar Fuß entfernt und starrte auf etwas, das mitten in dem hohlen Baum lag. Sonny bewegte den Strahl von seinem Rücken und schwenkte ihn ringsum. Der hohle Stamm bildete einen runden Raum, wie im Turm einer Burg. Wie die Wände nach oben hin immer näher zusammenrückten, das gab ihm beinahe ein frommes Gefühl. »Was guckst du?«, fragte Sonny.

Jimmy trat zur Seite und deutete auf den Boden.

In der Mitte des runden Raums lag ein gelbliches Skelett. Kein Mensch, stellte Sonny fest. »Das ist nur ein Reh«, sagte er und bemerkte darunter einen Teppich aus anderen Knochen. »Wahrscheinlich in der letzten Jagdsaison hier verwundet reingekrochen.«

»Sie haben gar kein Brett, mit dem Sie das hier zunageln können, oder?«, fragte Jimmy in resigniertem Ton.

»Nein«, antwortete Sonny, beinahe entschuldigend. »Das stimmt.«

Jimmy drehte sich langsam um und hob eine Hand gegen den Strahl der Taschenlampe. Das Weiße seiner Augen leuchtete in seinem schwarzen Gesicht. Revels war sechsundzwanzig Jahre alt, aber er sah aus wie ein Teenager.

»Schwören Sie, dass es meiner Schwester gutgeht?«, fragte er drängend.

»Ich schwöre«, sagte Sonny mit zittriger Stimme. »Und wenn dir das hilft: Dass ich das hier draußen zu Ende bringe, wird deinem Helden das Leben retten.«

Jimmy zwinkerte verwirrt. »Wen meinen Sie?«

»Senator Kennedy.«

»Was ist mit dem?«

»Dass du hier stirbst, rettet ihm das Leben.«

Der Junge dachte ein paar Sekunden darüber nach. »Das ändert nichts. Er wird niemals Präsident. Wenn nicht eure Leute, dann erwischt ihn jemand anders. Die Besten schaffen es nie. Moses, Jesus … Medgar, Malcolm. Sogar Dr. King. Der erlebt das Verheißene Land auch nicht mehr.«

Sonny hatte das Gefühl, dass der Junge recht hatte, aber er war froh, dass er jetzt mit diesen Angelegenheiten nichts mehr zu tun hatte.

»Irgendwann«, sagte Jimmy und senkte die Hand, mit der er seine Augen abgeschirmt hatte, »sagen Sie Viola, wo sie mich finden kann, okay? Es ist nicht recht, wenn jemand nicht weiß, was mit seiner Familie passiert ist. Sie haben doch auch gedient. Sie wissen das. Selbst wenn die einem nicht die Wahrheit sagen, wie die Leute gestorben sind, sie sagen doch wenigstens, wo die Leiche ist. Damit die Familie Frieden findet.«

Sonny schluckte und hob seine Pistole. Er fand kein Vergnügen daran, jemanden kaltblütig zu töten, aber er hatte auch nie gezögert, wenn es darum ging, seine Pflicht zu erfüllen. Und er war schon zu weit gegangen, um noch umzukehren. Alles musste begraben werden. Keine Leiche, kein Verbrechen, hatte Frank immer gesagt. »Vielleicht mach ich das irgendwann«, log Sonny und versuchte, es dem Jungen leichter zu machen.

Revels glaubte ihm offensichtlich nicht. Der Schweiß rann dem Jungen übers Gesicht, und Sonny musste ebenfalls den Kopf schütteln, um den ätzenden Schweiß aus den Augen zu kriegen.

»Irgendwelche letzten Worte?«, fragte er und legte den Kopf schief, um sich das Gesicht am Hemd abzuwischen.

Revels nickte nüchtern.

»Dann raus damit.«

»Hören Sie zu, Mr. Thornfield?«

Sonny bereitete sich auf einen schrecklichen Fluch im Namen Gottes oder vielleicht irgendeines uralten afrikanischen Dämons vor. »Ich höre.«

»Ich vergebe Ihnen.«

Teil 2
2005

Die Wahrheit ist selten rein und niemals einfach.

Oscar Wilde

Montag

Kapitel 4

Natchez, Mississippi

Als junger Rechtsanwalt hatte ich immer wieder denselben Traum. Mein Vater saß auf der Anklagebank und wurde eines schrecklichen, aber mir unbekannten Verbrechens bezichtigt, und mir hatte man seine Verteidigung aufgetragen. Es gab ein Dutzend Versionen dieses Traums, alle entwickelten sich durch unterschiedliche Fehler meinerseits zum Alptraum. Manches waren reine Routinefehler, zum Beispiel, wenn ich merkte, dass ich einen wichtigen Antrag nicht gestellt oder nicht um einen Aufschub gebeten hatte, oder weil ich es körperlich nicht fertigbrachte, in den Gerichtssaal zu gelangen. Andere Varianten verstörten mich sehr viel mehr. Manchmal konnte der Staatsanwalt sprechen, aber ich war stumm; manchmal konnten alle sprechen, aber ich war taub und also machtlos, meinen eigenen Vater zu retten. Das Seltsamste an der Erfahrung war, dass ich stellvertretender Bezirksstaatsanwalt war, ein Ankläger, kein Verteidiger. Seltsamer noch: Mein Vater hatte ein vorbildliches Leben geführt. Er war ein Held, ein vielgeliebter Arzt ohne den geringsten Makel auf seinem Charakter. Und doch erhob sich in der abschließenden Episode dieser Traumreihe, als man ihn bat, seinen Kommentar vorzubringen, mein Vater nur, machte den Mund auf und begann wild zu husten. Der Gerichtsdiener reichte ihm ein weißes Taschentuch, und als mein Vater es vom Mund nahm, hatte geronnenes schwarzes Blut die Baumwolle befleckt, wie das Lungengewebe, das jemand hochhustet, der an Schwindsucht stirbt. Nach wenigen Augenblicken gelähmten Schreckens erwachte ich in meiner Wohnung, das Herz pochte mir wild gegen die Rippen, und ich schwitzte, als wäre ich sechs Meilen gerannt.

Das war das letzte Mal, dass ich diesen Traum hatte. Im Laufe der Jahre erinnerte ich mich gelegentlich daran, aber nie wieder hat er meinen Schlaf gestört. Schließlich kam ich zu der Überzeugung, dass er eher mit meinen manchmal entsetzlichen Erfahrungen während des Jurastudiums und bei Gericht zu tun hatte als mit meinem Vater. Andere Rechtsanwälte erwähnten gelegentlich ähnliche Alpträume, und das bestärkte mich in dem Glauben, dass ich wohl recht hatte. Aber dann, als ich fünfundvierzig war … wurde mein Albtraum Wirklichkeit.

Es begann mit einem Anruf.

»Herr Bürgermeister, ich habe den Bezirksstaatsanwalt auf Leitung eins.«

Ich schaue von meinem BlackBerry auf, leicht schockiert über den Anrufer. »Hat er gesagt, was er will?«

»Was glauben Sie denn, Chef!« Ein Löffelchen Sarkasmus von Rose, meiner Chefsekretärin. Shadrach Johnson, der Bezirksstaatsanwalt von Adams County, ruft mich nur an, wenn es sich wirklich nicht vermeiden lässt.

»Hallo, Shad«, sage ich mit so viel Freundlichkeit, wie ich aufbringen kann. »Was gibt’s?«

»Seltsame Zeiten, Herr Bürgermeister«, antwortet er mit überraschend zurückhaltender Stimme. »Sie werden das jetzt nicht glauben. Ich hab hier einen Mann im Büro, der von mir verlangt, dass ich Ihren Vater wegen Mordes verhafte.«

Ich lege meinen BlackBerry auf den Schreibtisch. Das ist doch sicherlich ein Scherz, ein Streich, den mir der Bezirksstaatsanwalt spielt, um mir das heimzuzahlen, was er für meine vielen Vergehen gegen ihn hält. »Shad, ich hab für so was keine Zeit. Ernsthaft, was wollen Sie?«

»Ich würde niemals Spielchen mit so was machen, Penn. Der Kerl ist kein gewöhnlicher Bürger. Er ist Rechtsanwalt und aus Chicago. Und er meint es ernst.«

Chicago? »Wen soll Dad denn umgebracht haben?«

»Eine fünfundsechzigjährige Frau namens Viola Turner. Kennen Sie den Namen?«

Viola Turner. »Ich glaube nicht.«

»Nehmen Sie sich eine Minute Zeit.«

Nach einem zerfahrenen Augenblick der Verwirrung zuckt mir ein Proust’scher Wirbel von Düften und Bildern durchs Gehirn. Mit dem beißenden Geruch von Wundbenzin in der Nase sehe ich eine große, dunkelhäutige Frau, die fast genauso aussieht wie Diahann Carroll als Julia im Fernsehen der späten sechziger Jahre, die weiße Schwesternhaube als perfekte Umrahmung des Gesichts auf dem straff zurückgekämmten schwarzen Haar, strahlende, intelligente Augen, milchkaffeebrauner Teint. Schwester Viola. Ich habe Viola Turner seit meinem achten Lebensjahr nicht mehr gesehen, und doch ist dieses Bild erschreckend deutlich geblieben. Viola hat mir, als ich ein Junge war, meine Tetanus- und Penizillinspritzen gegeben und mir die Hand gehalten, als mir mein Vater das Knie nähte, nachdem ich es mir auf der Straße aufgeschlagen hatte. Während dieser aufreibenden Begebenheiten habe ich beinahe nie geweint, und jetzt erinnere ich mich an den Grund. Als Dad die gebogene Nadel durch meine Haut fädelte, sang Viola mir leise etwas in einer Sprache vor, die ich noch nie gehört hatte. Später erklärte mir mein Vater, dass es kreolisches Französisch war, was mich nur noch mehr verwirrte. Ich hatte in der Grundschule Französischunterricht gehabt, aber die Lieder von Schwester Viola ähnelten nichts, das ich je innerhalb der Mauern der Grundschule St. Stephen’s gehört hatte. Erst jetzt begreife ich, dass Violas Einfühlungsvermögen und ihre exotische Stimme sich damals unauslöschlich in mein kindliches Gemüt eingebrannt haben müssen.

»Ich verstehe nicht«, sage ich leise. »Ich dachte, die wohnt weit weg. In Los Angeles oder …«

»In Chicago«, vollendet Shad den Satz. »Die letzten siebenunddreißig Jahre.«

Eine Welle der Furcht verdrängt meine ursprüngliche Skepsis. »Shad, was zum Teufel geht hier vor?«

»Soweit ich verstanden habe, hat man bei Mrs. Turner vor einigen Monaten Lungenkrebs diagnostiziert. Im Endstadium. Die Behandlung hat nicht gut angeschlagen. Vor ein paar Wochen hat sie beschlossen, zum Sterben nach Natchez nach Hause zu kommen.«

»Nach siebenunddreißig Jahren?«

»Passiert immer wieder, Bruder. Die Schwarzen rennen zwar, wenn sie jung sind, so schnell sie können, vom Süden weg, aber wenn sie alt werden, fehlt er ihnen. Wissen Sie das nicht?«

Shads Tonfall, der ihn als Südstaaten-Soul-Bruder auszeichnen soll, ist aufgesetzt; er ist ein in Mississippi geborener Afroamerikaner und hat seinen Südstaatenslang, einen Monat nachdem ihn seine Eltern nach Chicago auf eine weiterführende Schule geschickt hatten, völlig abgelegt.

»Der Sohn«, fährt er fort, »der Lincoln Turner heißt, sagt, dass seine Mutter damals in den sechziger Jahren bei Ihrem Vater als Krankenschwester gearbeitet hat. Jedenfalls hat Dr. Cage, nachdem Viola zurückgekommen war, angefangen, sie zu Hause zu behandeln. Vielmehr im Zuhause ihrer Schwester. Die ist nie von Natchez weggegangen. Sie heißt Revels – Cora Revels. Sie hat nie geheiratet. Also war Viola auch mal eine Revels. Das ist ein berühmter schwarzer Familienname, wissen Sie? Der erste Schwarze im US-Senat hieß so.«

»Aber Dad arbeitet doch im Augenblick nicht mal. Er hat eine Auszeit genommen, um sich von seinem Herzanfall zu erholen.«

»Na ja, bei seiner ehemaligen Krankenschwester hat er offensichtlich Hausbesuche gemacht. Zumindest in den letzten paar Wochen. Das bestätigt die Schwester des Opfers.«

Opfer. Großer Gott. »Weiter.«

»Laut Cora Revels – und Violas Sohn – hatten Ihr Vater und Mrs. Turner eine Art Pakt geschlossen.«

»Was für einen Pakt?«

»Sie wissen schon«, sagt Shad mit seiner besten Rechtsanwaltsstimme. »Eine Übereinkunft, dass Ihr Vater, ehe die Dinge zu schlimm würden, der alten Dame dabei helfen würde, ohne allzu viel Leiden aus dem Leben zu scheiden.« In Shads Stimme schwingt die Gewissheit eines Staatsanwaltes mit, der in seinem Leben die meisten Dinge schon mal gesehen hat.

Fünfundsechzig ist kein Alter. »Wie ist die Sache überhaupt in Ihrem Büro gelandet? Krebs im Endstadium, haben Sie gesagt. Normalerweise zieht man unter solchen Umständen die Polizei nicht hinzu.«

»Ich weiß. Der Sohn drängt in dieser Sache. Er scheint das Gefühl zu haben, Ihr Vater hätte irgendeine Grenze überschritten, was immer das in diesen Situationen auch sein mag, und Turner ist Rechtsanwalt. Er sitzt gerade eben vor meinem Büro.«

»Wo ist mein Vater? Er ist doch nicht verhaftet worden, oder?«

»Noch nicht. Aber das will Turner.«

»Wieso glaubt er, dass Dad eine Grenze überschritten hat?«

»Turner fuhr gerade von Chicago her, als es passiert ist. Seine Mutter ist dreißig Minuten vor seiner Ankunft gestorben, also hat er ihr keinen letzten Besuch abstatten können. Er glaubt, dass seine Mutter leicht noch einen weiteren Tag hätte leben können, vielleicht sogar ein paar Wochen. Ich hoffe, dass er sich beruhigt, wenn ihm erst die Wirklichkeit klar geworden ist.«

Ein leises Summen beginnt in meinem Kopf, die Sorte Summen, von der man nicht sicher ist, ob sie von einer Biene oder Wespe kommt. »Hoffen Sie das wirklich, Shad?«

»Verdammt, ja. Ich habe nicht vergessen, was Sie gegen mich in der Hand haben. Wenn ich diesen Fall vorantreibe, hat das keinerlei positive Folgen für mich.«

Zumindest hat Shad seinen Selbsterhaltungstrieb noch nicht verloren. »Was sagt die Schwester sonst noch?«

»Nicht viel. Ich glaube, Cora Revels ist ein bisschen einfältig, ehrlich gesagt.«

»Nun, was werden Sie jetzt machen? Haben Sie vorhin gesagt, dass der Sohn von einer Anklage wegen Mordes geredet hat?«

»Zunächst ja, aber dann hat er im Internet die Gesetze von Mississippi recherchiert. Wir haben ein Gesetz über Suizidhilfe, falls Sie das nicht wussten. Jetzt verlangt er, dass wir Ihren Vater nach diesem Gesetz anklagen.«

»Wie sehen da die Strafen aus?«

»Höchststrafe zehn Jahre.«

»Scheiße! Das ist für meinen Vater lebenslänglich.«

»Ich weiß. Immer mit der Ruhe, Penn. So weit kommt es auf keinen Fall. Ich habe mit ein paar Leuten telefoniert, ehe ich Sie angerufen habe. Fälle wie dieser schaffen es kaum je vors Gericht. Und wenn, dann werden gewöhnlich Leute angeklagt, die keine Ärzte sind. Es sei denn, es geht um einen Irren wie Kevorkian, und das ist Ihr Vater offensichtlich nicht.«

Es ist seltsam, Shad Johnson so reden zu hören, denn unter normalen Umständen wäre der Bezirksstaatsanwalt entzückt, mir Nachrichten überbringen zu können, die mir Kummer machen. Doch vor acht Wochen habe ich unerwartet ein Druckmittel gegen ihn in die Hand bekommen, und seither ist unsere Beziehung weit über die Grenzen des Normalen hinausgeschlittert.

»Trotzdem … gut hört sich das nicht an.«

»Deswegen rufe ich ja an. Sie müssen schnell mit Ihrem Vater sprechen und genau herausfinden, was gestern Abend passiert ist. Ich möchte Sie nicht beunruhigen, okay? Aber ich muss Ihnen sagen, dass das Gesetz über Suizidhilfe ziemlich weit gefasst ist. Technisch gesehen könnte Ihr Vater schon dafür verurteilt werden, dass er nur eine tödliche Dosis Narkotika zur Verfügung gestellt hat, und nach dem wenigen, was ich bisher weiß, hat er mehr als das getan.«

»Vor einer Minute haben Sie mir noch gesagt, ich sollte mir keine Sorgen machen.«

»Ich meine nur, dass Sie die Sache ernst nehmen sollten, Penn. Aber die Aussichten, dass es zu einem Verfahren kommt, sind gering. Wir müssen nur herausfinden, wie wir das im Keim ersticken können.«

»Verstanden.«

»Was die Verhaftung angeht, so glaube ich ehrlich nicht, dass es in der Stadt einen Polizisten oder einen Hilfssheriff gibt, der Ihrem Vater den Haftbefehl zustellen würde.«

Da hat Shad wahrscheinlich recht.

»Rufen Sie mich sofort an, wenn Sie mit Ihrem Vater gesprochen haben. Ich kann Lincoln Turner nicht ewig hinhalten. Rufen Sie auf meinem Handy an, nicht im Büro. Die Nummer haben Sie doch noch?«

»Ich weiß immer, wie ich Sie finden kann, Shad.«

Der Bezirksstaatsanwalt legt auf.

»Viola Turner«, murmele ich und lege mein Telefon mit zitternden Fingern hin. Der Bezirksstaatsanwalt hat mir ein Geschenk gemacht, aber nur aus Eigennutz. Während eines der schrecklichsten Alpträume, die diese Stadt je erlebt hat, habe ich ein Digitalfoto entdeckt, auf dem der Bezirksstaatsanwalt bei einem Verbrechen zu sehen ist, das seine Karriere sofort beenden würde. Und obwohl ich Shad (im Austausch gegen seine Zusicherung, sich nicht zur Wiederwahl aufstellen zu lassen) das gegeben hatte, was laut meiner Aussage die Original-SD-Karte mit diesem Foto war, konnte er doch nie sicher sein, dass ich nicht eine Kopie behalten habe und die gegen ihn benutzen würde, wenn er mich zu sehr bedrängte.

Ich schaue mich in meinem Büro um, während mein Herz versucht, wieder zu seinem normalen Rhythmus zurückzufinden. Mein Blick wandert über die gerahmten Fotografien an der Wand zu meiner Linken. Die meisten sind Schnappschüsse von meiner Familie, von den sechziger Jahren bis zu den letzten turbulenten Monaten, in denen wir ungeheuer viel Arbeit zu erledigen hatten, die uns der Hurrikan Katrina beschert hatte, dessen wütende Kraft Natchez zwei Tage nach seinem Aufprall auf die Golfküste erreicht hatte. Doch mitten unter den Fotos von Flüchtlingen aus New Orleans und umgerissenen Bäumen hängt ein formelleres Porträt: die letzte perfekte Aufnahme von meiner Familie, ehe mein eigener persönlicher Hurrikan uns traf. Auf diesem Bild bin ich achtunddreißig Jahre alt; meine Frau Sarah ist sechsunddreißig und quicklebendig, erschreckend lebendig; zwischen uns sitzt unsere Tochter Annie, vier Jahre alt, und lächelt wie ein Kobold, der gerade aus dem Gras gesprungen ist. Heute wandern meine Augen zu Sarah, denn kurz bevor diese Aufnahme gemacht wurde, hatten wir erfahren, dass sie Brustkrebs hatte, Stadium 4, bereits mit Metastasen. Oberhalb ihrer lächelnden Lippen sehe ich das Wissen um ihre Sterblichkeit in ihren Augen, ein Bewusstsein, das nur Selbstbetrug unterdrücken konnte, und Sarah hatte sich nie etwas vorgemacht. Auch meine Augen waren mit dem schrecklichen Wissen belastet, dass das Glück wie das Leben selbst etwas unbeschreiblich Zerbrechliches ist. Nur Annies Augen sind auf dem Bild klar, aber schon bald würde sogar sie das seelenzerstörende Gewicht spüren, das auf den Erwachsenen rings um sie herum lastete.

Dieses Porträt ruft stets eine Flut von Erinnerungen in mir hervor, gute wie schlechte, aber was heute am klarsten hervortritt ist die Erinnerung an die Nacht von Sarahs Tod – eine Erfahrung, an die ich selten zurückdenke und über die ich noch mit keiner lebenden Seele gesprochen habe. In diesen letzten Wochen hatte ich etwas Unbekanntes in die Augen meiner Frau kriechen sehen – Angst. Doch in der letzten Nacht hatte es sie verlassen, wurde fortgewaschen von einem tiefen Frieden und der Annahme ihrer Situation. Erst am nächsten Tag begriff ich den Grund dafür, und ich habe meinen Vater nie gebeten, meine Vermutung zu bestätigen. Doch jetzt überlagern sich in meinen Gedanken Viola Turners wunderschönes junges Gesicht und das meiner Frau. Viola hat wahrscheinlich genauso schrecklich gelitten wie Sarah, als der Tod näher kam (ich habe zugesehen, wie ein starker Onkel an Lungenkrebs starb, und das hat mich dauerhaft und zutiefst erschüttert). Aber was ich in diesem Augenblick weiß, ist schlicht und einfach: Was immer Viola Turners Sohn glaubt, was mein Vater seiner Mutter gestern Abend angetan hat, er könnte damit recht haben. Denn wenn es um Suizidhilfe geht, ist eines sicher: Dad hat das schon mal gemacht.

»Mom, ist Dad zu Hause?«

»Nein!«, antwortet Peggy Cage, und ihre Stimme ist sofort angespannt vor Sorge. »Ist was passiert?«

Der Instinkt rät mir, meiner Mutter nicht zu viel zu verraten. »Nein, ich wollte ihn nur was fragen.«

»Bist du sicher?« Jetzt liegt eindeutig Anspannung in ihrer Stimme. »Deine Stimme hört sich so anders an, Penn.«

Meine Mutter hinters Licht zu führen ist eine Herausforderung, als wollte man mit einer 747 unbemerkt unter dem Küstenradar von NORAD9 durchfliegen. »Im Rathaus ist eine Menge los. Weißt du, wo Dad ist?«

»Ich glaube, in der Praxis; er wollte an den Akten arbeiten. Penn, das Letzte, was du jetzt tun solltest, ist, deinem Vater mit irgendwelchen stressigen Sachen Sorgen zu machen. Seine Angina ist seit Tagen nicht besser geworden, und ich weiß, dass er heute Morgen mindestens schon eine Nitro-Tablette genommen hat.«

Ich würde Mom gern fragen, wann Dad am Morgen aus dem Haus gegangen sei, und auch, ob er gestern Abend zu Hause war, aber mein Bauchgefühl sagt mir, dass ich zuerst ihn fragen sollte. »Ernsthaft, es ist keine große Sache. Ich muss ihn nur was zu seiner Altersvorsorge fragen.«

»Nun, da bin ich ziemlich gut informiert. Du kennst doch deinen Vater. Ich bin sicher, ich kann dir dabei helfen.«

Großer Gott. »Nein, ich muss mit ihm reden.«

Eine lange Pause. »Na gut. Versuch’s in der Praxis.«

»Danke, Mom.«

Ehe sie noch etwas sagen kann, lege ich auf. Aber anstatt in der Praxis meines Vaters anzurufen, stelle ich das Telefon in die Ladestation und lege meine Hand darauf. In den letzten paar Wochen habe ich angenommen, dass mein Vater nach beinahe fünfzig Jahren als praktizierender Arzt Probleme mit der traumatischen, aber unvermeidlichen Entscheidung hatte, sich aus dem Beruf zurückzuziehen. Vor acht Wochen hat er einen Herzinfarkt erlitten, den er nur mit viel Glück und heldenhafter medizinischer Hilfe überlebte. Hätte nicht meine Mutter, eine der am zwanghaftesten auf alles vorbereiteten Personen auf dem Planeten, darauf bestanden, dass Dad im Haus und in seiner Praxis mobile Defibrillatoren bereithielt, so wäre mein Vater jetzt wahrscheinlich tot. Er hatte immer argumentiert, Defibrillatoren könnten nur bei bestimmten Arten von Herzattacken helfen, es würde sich also nicht lohnen, so viel Geld dafür auszugeben. Für meinen Vater war es wohl dann die größte Überraschung, dass er, nachdem er in seinem Büro zusammengebrochen war, von seinem jungen Partner Drew Elliott mit genau diesem Defibrillator wieder zum Leben erweckt wurde, von dem Mom verlangt hatte, dass er stets einsatzbereit zu sein hatte.

Trotz seiner kurzen Begegnung mit dem Tod – bei weitem nicht seiner ersten – fährt mein Vater gelegentlich in seine Praxis und liest Krankenblätter durch, macht außerdem während seiner »Rekonvaleszenz« Besuche in Pflegeheimen, um nach besonderen Patienten zu sehen. Dad und Mom haben darüber gestritten, dass er allein Auto fährt, aber ein Arzt lässt sich ja nichts sagen, und so habe ich beschlossen, mich nicht einzumischen. Es hat niemanden überrascht, dass er einfach weiterarbeitet, denn trotz verschiedener chronischer Krankheiten plus mehrfachen Operationen am Herz und an den Gefäßen hat Dad immer unermüdlich und mit einer so erbarmungslosen Entschlossenheit weitergemacht, dass seine Patienten und Kollegen das inzwischen für normal halten. So ist eben die Arbeitsmoral eines 1932 geborenen Mannes. Ich hatte gehofft, dass die halbherzigen medizinischen Aktivitäten der vergangenen Wochen zu dem Entwöhnungsprozess gehörten, der langsam aber sicher auf eine völlige Loslösung von der Praxis hinführen würde. Doch wenn Shad Johnson recht hat, so hat Dad während dieser Genesungsphase mindestens eine Patientin aktiv behandelt, und er hat dazu keine Mühen gescheut.

»Miss Viola«, murmele ich und frage mich, wann ich vor heute den Namen zum letzten Mal ausgesprochen hatte. »Mein Gott!«

Nach allem, was der Bezirksstaatsanwalt gesagt hat, ist mein Idealbild einer Krankenschwester nach siebenunddreißig Jahren in Chicago nach Natchez zurückgekehrt, nicht, um sich hier zur Ruhe zu setzen, wie das so viele in Natchez geborene Leute, Schwarze wie Weiße, tun, sondern um zu sterben. Wenn Dad Viola behandelt hat, dann hat er seine Gründe dafür. Und wenn er ihren Tod ein wenig beschleunigt hat, um ihr Schmerzen zu ersparen oder ihre Würde zu wahren, dann hat er auch dafür seine Gründe. Nichts wäre mir lieber, als das alles als eine Sache abzutun, die nur meinen Vater und seine ehemalige Krankenschwester etwas angeht. Leider habe ich diese Wahl heute nicht.

Ich nehme das Telefon zur Hand und wähle die Privatnummer in der Praxis meines Vaters. Manchmal geht er dann selbst an den Apparat (zum Beispiel, wenn gerade kein Patient bei ihm ist), aber heute meldet sich eine warme Altstimme, die ich sofort als die von Melba Price erkenne, der Krankenschwester, die nur für meinen Vater arbeitet. Beinahe genauso wie Viola in den sechziger Jahren ist Melba die rechte Hand meines Vaters in der Praxis, und wie jede andere Frau, die seit 1963 diese Stellung bekleidet hat, ist sie eine Schwarze. Ich habe mich nie nach dem Grund dafür gefragt, doch jetzt, da ich das mache, sehe ich eine offensichtliche Erklärung. Da mehr als die Hälfte der Patienten meines Vaters Schwarze sind, hat er vielleicht das Gefühl, diese Patienten könnten sich in einer klinischen Situation mit einer schwarzen Krankenschwester wohler fühlen. Oder vielleicht mag er einfach schwarze Frauen.

»Melba, hier ist Penn.«

»Großer Gott, Penn, haben Sie heute Morgen Ihren Daddy schon gesehen?«

»Nein, aber ich muss ihn sehen.«

»Er ist nicht hier, und ich habe ihn auch nicht gesehen. Niemand hat ihn gesehen.«

»Er hat nicht hinterlassen, wo man ihn finden kann?«

»Nein. Aber ein paar Sachen auf seinem Schreibtisch sind verschoben worden. Ich habe überlegt, ob er vielleicht gestern Abend noch mal gekommen ist, um an seinen Krankenakten zu arbeiten, wie er das manchmal tut.«

Da Melba die Position einnimmt, die Viola einmal hatte, überlege ich, ob mein Vater sie ins Vertrauen gezogen hat, genau wie früher Viola. »Melba, ich rufe wegen einer Patientin an. Wegen einer besonderen Patientin. Ich kenne die Bestimmungen des HIPAA10-Gesetzes und all das, doch hier geht es um Dads persönliches Wohl. Wissen Sie, ob er eine Frau namens Viola Turner behandelt? Sie hat Lungenkrebs.«

Ich höre ein kurzes Schnaufen, dann einen langen Seufzer. »Ich wünschte, ich könnte Ihnen helfen, Penn. Aber das ist Sache Ihres Daddys. Ich kann mich da nicht einmischen. Und ich bin mir auch nicht sicher, ob Sie das sollten.«

O Mann. »Ich will es ja nicht tun, Melba. Aber ich habe keine andere Wahl. Viola ist tot, und es wird deswegen vielleicht ein gerichtliches Nachspiel geben. Und diese Probleme haben mit Dad zu tun. Verstehen Sie?«

»Sie müssen mit Ihrem Vater selbst sprechen. Haben Sie es auf seinem Handy versucht?«

»Er geht nie an sein Handy, das wissen Sie doch.«

»Versuchen Sie es trotzdem. Manchmal geht er ran.«

Ich danke Melba und lege auf, dann rufe ich auf Dads Mobiltelefon an. Ich benutze diese Nummer so selten, dass ich mich kaum an sie erinnere. Ich werde gleich zur Mailbox umgeleitet, die nicht einmal darauf eingerichtet ist, Nachrichten aufzuzeichnen.

Der Mensch plant, Gott lacht steht auf einem gerahmten Kreuzstichbild an meiner Wand, auf Englisch und Jiddisch. Mein erster Literaturagent hat mir das geschickt. Rund um dieses Sprichwort hängen gerahmte Wahlplakate aus meinem Bürgermeisterwahlkampf gegen Shadrach Johnson. Wenn Sie einen Bürgermeister für die Schwarzen wollen, wählen Sie den anderen Kandidaten. Wenn Sie einen Bürgermeister für die Weißen wollen, wählen Sie den anderen Kandidaten. Wenn Sie einen Bürgermeister für alle wollen, wählen Sie Penn Cage. Und dann noch das: Historische Veränderung für eine historische Stadt. Und mein Lieblingsspruch: Ich schulde keinem einzigen Menschen in Natchez einen Gefallen. Ich schulde ihn allen.

Ich habe diese Slogans selbst geschrieben, aber zwei Jahre nachdem ich mit großer Mehrheit zum Bürgermeister meiner Heimatstadt gewählt wurde, habe ich es unbestreitbar nicht geschafft, die versprochenen Veränderungen herbeizuführen. Dafür gibt es jede Menge Gründe, doch eigentlich gebe ich mir selbst die Schuld. Vor zwei Monaten (nachdem ich zwei Jahre lang mit dem Kopf gegen eine Wand der Gleichgültigkeit angerannt war) habe ich beschlossen, vom Amt zurückzutreten und wieder Romane zu schreiben. Dann lachte Gott, und eine Reihe erschütternder Ereignisse legte mir nahe, dass ich vielleicht nicht das moralische Recht hatte, die Verantwortung abzugeben, die ich so unbekümmert übernommen hatte. Meine Eltern, meine Tochter, ein guter Freund und meine Verlobte bekräftigten diesen Vorschlag des Schicksals, und der Herzanfall meines Vaters zementierte dann noch meinen Entschluss, meine Amtszeit ganz zu durchlaufen.

In den Wochen seither habe ich wie ein Besessener gearbeitet. Ich teilte meine Zeit auf zwischen den Aufräumungsarbeiten nach dem knapp vereitelten Untergang eines Kasinoschiffs unterhalb der Klippe von Natchez und dem Versuch, unsere Kommunalregierung zu erneuern, indem ich höchst unwahrscheinliche Bündnisse abgeschlossen, viele Gefallen eingefordert und Geld aus den seltsamsten Quellen aufgetrieben habe. In dieser Zeit hat meine Verlobte Caitlin Masters, die Herausgeberin des Natchez Examiner, Schulter an Schulter mit mir zusammengearbeitet. Und neben all diesen Aktivitäten liefen noch die Vorbereitungen für unsere Hochzeit, die für heute in zwölf Tagen geplant ist, für den Heiligabend. Seit dem Anruf des Bezirksstaatsanwalts habe ich ein ungutes Gefühl: Was immer mein Vater gestern Abend gemacht hat, ich werde wohl deswegen diese Hochzeit verschieben müssen. Es graust mich bei dem Gedanken daran, wie meine Verlobte und meine Tochter darauf reagieren werden.

»Herr Bürgermeister«, sagt Rose, »Ihr Vater auf Leitung eins.«

Eine Welle der Erleichterung durchflutet mich. »Danke.« Ich drücke auf den Knopf unten am Telefon. »Hallo?«

»Penn?« Mit dieser einzigen Silbe erfüllt mich der mächtige Bariton meines Vaters mit ruhigem Vertrauen. »Peggy hat mir gesagt, dass du mich suchst.«

»Dad, wo bist du?«

»Ich erledige nur ein paar Besorgungen.«

Besorgungen! Bei meinem Vater könnte das alles Mögliche bedeuten, vom Stöbern in alten Buchläden bis zur Suche nach Munition für eine antike Muskete aus dem Sezessionskrieg. Ehe ich blindlings in ein Gespräch über Viola Turners Tod tappe, macht sich mein Anwaltsinstinkt mit erstaunlicher Macht bemerkbar. Den größten Teil meiner juristischen Karriere habe ich als Staatsanwalt verbracht, aber das erste Gesetz eines Verteidigers kenne ich trotzdem seit eh und je: Niemals den Mandanten fragen, ob er es getan hat. Sogar diejenigen, die vor uns ihre Unschuld beteuern, bringen damit ihren Anwalt in eine unhaltbare Lage. Denn wenn einem der Mandant eine Version der Wahrheit liefert, kann man ihn nicht wissentlich in den Zeugenstand rufen und ihm dabei zuhören, wie er eine andere Fassung erzählt. Und kein Verteidiger möchte sich einer so erbarmungslosen Sache wie der Wahrheit verpflichtet wissen.

Am meisten verstört mich an dieser Gedankenkette, dass ich mich an keine einzige Begebenheit erinnern kann, wann mein Vater je gelogen hat. Warum plane ich also jetzt diese Möglichkeit ein? Ist es Paranoia? Oder zwingt mich das Wissen, dass Shad Johnson ein skrupelloser Mann ist, der meine Familie nicht gerade liebt, zu einem so pragmatischen Schritt? »Dad, ist jemand bei dir?«

»Nein. Warum?«

»Vor ein paar Minuten hat der Bezirksstaatsanwalt angerufen. Sag bitte nichts, ehe ich mit dem fertig bin, was er mir mitgeteilt hat. In Ordnung?«

Er zögert, ehe er antwortet: »In Ordnung.«

So knapp wie möglich berichte ich ihm von meinem Gespräch mit Shad Johnson. »Violas Sohn ist noch in Natchez«, schließe ich. »Er drängt Shad, dich wegen Beihilfe zum Selbstmord anzuklagen. Zuerst wollte er eine Mordanklage, aber inzwischen hat er wohl in den Gesetzen von Mississippi nachgelesen. Also, ich bitte dich nicht, mir zu erzählen, was in Cora Revels’ Haus passiert ist, ich will nicht mal wissen, ob du gestern Abend dort warst. Aber sagst du mir, ob du Viola behandelt hast?«

Dad wartet beträchtliche Zeit, ehe er mir antwortet: »Ja, das habe ich.«

»Weiß jemand davon?«

»Melba weiß es. Und natürlich Cora Revels.«

»Mom?«

Eine weitere Pause. »Nein. Ein Apotheker im Ort weiß es. Vielleicht ein paar Leute, die in der Nähe der Revels’ wohnen. Ich bin in den letzten fünf Wochen alle paar Tage, manchmal jeden Tag dort gewesen. Die Leute da draußen kennen mein Auto. Viola ging es sehr schlecht, mein Junge.«

»Lungenkrebs?«

»Stimmt. Es hatten sich schon vor einiger Zeit Metastasen gebildet.«

Das bloße Wort Metastase bringt mir den ganzen Schrecken der Krankheit meiner Frau wieder in Erinnerung. Beinahe gegen meinen Willen erkundige ich mich nach Einzelheiten. »Warst du gestern Abend im Haus von Cora Revels?«

»Darüber möchte ich lieber nicht sprechen, mein Sohn.«

»Verstehe. Aber da ein Familienmitglied Anzeige erstattet, wirst du etwas sagen müssen, wenn du eine sehr öffentliche Schlammschlacht vermeiden willst.«

Dad legt erneut eine Pause ein, und ich kann ihn atmen hören. »Darüber mache ich mir keine Sorgen. Was immer gestern Abend zwischen Viola und mir geschehen ist, war eine Angelegenheit zwischen einer Patientin und ihrem Arzt. Ich habe nichts dazu zu sagen, weder zu Shad Johnson noch zu sonst jemandem. Es tut mir leid, wenn das brüsk klingt, aber so ist es nun mal.«

Diese Aussage verschlägt mir ein paar Sekunden die Sprache. »Dad, auf Beihilfe zum Selbstmord steht eine Strafe von zehn Jahren. Selbst wenn du nicht ins Gefängnis musst, könntest du deine ärztliche Zulassung verlieren.«

»Das ist mir klar. Aber ich rede trotzdem nicht darüber. Wenn Shad Johnson mich verhaften will, soll er das tun. Ich bin nicht schwer zu finden.«

Großer Gott. »Du und ich, wir sollten uns mal von Angesicht zu Angesicht unterhalten.«

»Das hat keinen Sinn, Penn. Ich habe sonst nichts zu der Sache zu sagen.«

»Schweigen ist keine Option! Violas Sohn ist Rechtsanwalt. Wenn er den Bezirksstaatsanwalt weiter bedrängt und es unterstützendes Beweismaterial gibt, dann könnte dir ein Strafprozess drohen. Ob du es glaubst oder nicht, Shad Johnson möchte das vermeiden. Aber um ihm dabei zu helfen, müssen wir ihm deine Seite der Angelegenheit unterbreiten.«

»Ich muss gar nichts«, sagt Dad und unterscheidet schön säuberlich zwischen seinem und meinem Schicksal, in einem Tonfall, den ich nur zu gut kenne.

»Wenn du dich weigerst, über das Geschehene zu sprechen, wird das als Schuldgeständnis gesehen.«

»Hat man als amerikanischer Staatsbürger nicht das Recht zu schweigen?«

»Ja, aber …«

»Ich glaube nicht, dass das Wort ›aber‹ in der Miranda Rule11 vorkommt, Penn. Auch nicht in der Verfassung, wenn ich mich recht erinnere.«

Der Herr bewahre mich vor Amateur-Rechtsanwälten! »Kennst du Violas Sohn?«

»Nie gesehen.«

»Nun, nach allem, was ich bei Shad zwischen den Zeilen heraushöre, könnte die Sache bald vom Tisch sein, wenn du es richtig angehst.«

»Und was wäre ›richtig‹ in diesem Fall?«

»Ich bin mir nicht sicher. Vielleicht die Wahrheit sagen? Es sei denn …«

»Was?«

Ich schließe die Augen. »Es sei denn, du hast es getan.«

Dieses Mal zieht sich das Schweigen furchterregend lange hin. »Ich kann zu der Sache sonst nichts mehr sagen. Mir ist die ärztliche Schweigepflicht heilig.«

»Diese Schweigepflicht ist leider mit Violas Tod zu Ende gegangen. Jedenfalls unter diesen Umständen.«

»Meiner Ansicht nach nicht.«

Seine Stimme strahlt absolute Überzeugung aus. Ich könnte das Gespräch genauso gut jetzt gleich beenden. »Dad … bitte denk noch mal drüber nach. Du bist gesetzlich verpflichtet, dem untersuchenden Beamten bei der Feststellung der Todesursache deiner Patientin zu helfen. Ich bin nicht einmal der Staatsanwalt, und was ich da von dir zu hören bekomme, klingt in meinen Ohren ganz so, als gäbe ein Arzt zu, dass er jemandem Sterbehilfe geleistet hat.«

»Die Leute hören, was sie hören wollen. Ich habe dir gesagt, wenn Shad Johnson mich verhaften will, soll er es tun. Ich bin mit Reden fertig, und es tut mir leid, dass man dich damit belästigt hat. Bis nachher.«

»Dad!«

Aber er hat schon aufgelegt.

Ich greife hinter mich, nehme das kommentierte Gesetz von Mississippi von 1972 zur Hand und blättere es durch, um nach der Bestimmung über Suizidhilfe zu suchen, doch ehe ich mich orientieren kann, klingelt das Telefon schon wieder.

»Wieder der Bezirksstaatsanwalt«, sagt Rose. »Leitung zwei.«

Ich drücke den zweiten Knopf an meinem Telefon. »Shad?«

»Erzählen Sie mir bitte, dass Sie eine Wundergeschichte für mich haben«, sagt er. »Das perfekte Alibi.«

»Ich wünschte, es wäre so.«

»Was haben Sie?«

»Nichts.«

»Haben Sie Ihren Vater nicht finden können?«

»Oh, gefunden habe ich ihn. Er will nicht mit mir reden.«

»Was?«

»Er macht die Hemingway-Nummer. Er gibt den stoischen Schweiger. Er sagt, was gestern geschehen ist, gehe mich nichts an. Ärztliche Schweigepflicht.«

»Sie wollen mich wohl verarschen. Ich hoffe, Sie haben ihm gesagt, dass er damit nicht durchkommt.«

»Das ist ihm egal, Shad. Der ist so stur, wie’s nur geht, wenn er will.«

»Aber er hat zugegeben, dass er da war? Im Haus dieser Frau?«

»Er hat gar nichts zugegeben. Er hat mir bestätigt, dass er die Dame behandelt hat, mehr nicht.«

»Penn, sind Sie ehrlich zu mir? Haben Sie bei meinem Anruf zum ersten Mal von dieser Sache gehört?«

»Wirklich und wahrhaftig. Aber ich glaube, wir lassen die Fragen jetzt fürs Erste.«

»Was zum Teufel soll ich dem wild gewordenen Anwalt hier sagen? Der würde am liebsten gleich das Fell Ihres Vaters an die Gerichtstür nageln.«

»Ich weiß es nicht. Ich denke drüber nach.«

»Dann denken Sie schneller.«

»Vielleicht sollte ich selbst mal mit dem Sohn reden.«

»Vergessen Sie’s. Ich will nicht einmal, dass Lincoln Turner erfährt, dass ich bei Ihnen angerufen habe. Wenn Ihnen keine medizinische Rechtfertigung für das einfällt, was gestern Abend geschehen ist – und zwar eine, die vor Gericht Bestand hat –, dann ist Ihr Vater angeschissen. Turner will Tom Cage ins Gefängnis bringen, und die Beweislage unterstützt augenscheinlich seine Lesart der Situation. Und eines sage ich Ihnen: Turner hat bereits die Rassenfrage ins Spiel gebracht.«

»Die Rassenfrage? Wie das denn?«

»Er hat mir gesagt, wenn ein schwarzer Arzt Euthanasie an einer weißen Frau vorgenommen und ihr Sohn eine Beschwerde eingelegt hätte, dann säße der Arzt jetzt bereits hinter Gittern.«

Ich versuche mir vorzustellen, wie unser schwarzer Bezirksstaatsanwalt auf Turners Anschuldigung reagiert hat. »Was haben Sie ihm gesagt?«

»Ich habe ihm erklärt, dass ich diesen Fall genauso behandle wie jeden ähnlichen. Aber ich bin mir nicht so sicher, dass er so unrecht hat.«

»Hatten Sie je einen ähnlichen Fall?«

»Nein, zum Teufel. Sie?«

»Als Ankläger, ja. Allerdings war der Fall nicht genau wie dieser hier. Der Arzt war ein Irrer. Aber was Sie mir vorhin gesagt haben, hat in Houston auch gestimmt. In neunundneunzig Prozent dieser Fälle wird die Polizei nicht eingeschaltet, noch viel weniger der Staatsanwalt.«

Shad grunzt. »Ich sag Ihnen noch was: Lincoln Turner beeindrucken meine Hautpigmente als Legitimierung nicht die Bohne. Er glaubt, ich bin so eine Art Strohmann für die da oben.«

Trotz des Ernstes der Situation muss ich unwillkürlich ein bisschen über Shads Notlage lachen. »Wie alt ist der Kerl?«

»Vielleicht vierzig? Und er hat gerade seine Mutter verloren. Ich denke mir, der wird sich schon irgendwann beruhigen. Aber heute hilft uns das nichts.«

»Wie lange können Sie ihn hinhalten?«

»Ich denke, ich kann ihm sagen, dass ich ohne hundertprozentige Beweise keinen hiesigen Arzt mit untadeligem Ruf verhaften werde. Ich kann Aussagen von Violas Schwester aufnehmen und von allen, die sonst noch wussten, was vor sich ging, und ich kann das Beweismaterial sichten. Aber bis morgen früh, spätestens bis zum Nachmittag sollten Sie Ihrem alten Herrn unbedingt die wahre Geschichte aus den Rippen leiern. Sonst braucht er einen erstklassigen Strafverteidiger.«

Während Shad noch auf meine Antwort wartet, fallen meine Augen auf die Bestimmung zur Suizidhilfe im Gesetz von 1972. Bereits nach einem kurzen Blick verkrampfen sich meine Rückenmuskeln. »Shad, was ist laut Turner genau passiert? Behauptet er, mein Vater hätte Morphium zur Verfügung gestellt oder er hätte es selbst gespritzt?«

»Das hat er nicht gesagt. Er hat immer nur was von Morphium und einer Spritze gebrüllt. Wieso?«

»So wie ich die Bestimmung verstehe, ist es Beihilfe zum Selbstmord, wenn Dad das Medikament zur Verfügung gestellt hat und Viola sich die Spritze selbst gegeben hat. Aber wenn er es injiziert hat … dann ist das Mord. Haben Sie schon nach Präzedenzfällen geschaut?«

»Noch nicht. Aber ich schlage vor, Sie machen das. Vor zehn Minuten habe ich gehört, dass Sheriff Foti in der Gemeinde Orleans vorhat, die Ärztin anzuklagen, die während des Hurrikans Katrina Sterbehilfe bei Patienten geleistet hat. Und die Anklage wird auf Mord lauten.«

Das Herz klopft mir bis zum Hals. »Sagen Sie mir, dass das ein Witz ist.«

»Nein. Und Viola Turner war ja auch kein Niemand. Sie hatte einen jüngeren Bruder, der ein Märtyrer der Bürgerrechtsbewegung war. Jimmy Revels. Revels ist 1968 zusammen mit einem Freund entführt und ermordet worden. Man hat die Leichen nie gefunden.«

Ich erinnere mich, in den Zeitungsartikeln eines besessenen Reporters vom anderen Ufer des Mississippi etwas über diesen Vorfall gelesen zu haben. »Was hat das denn damit zu tun?«

»Nur eins. Wenn Greta van Susteren mit ihrer Gerichtssendung hier aufkreuzt und Al Sharpton da was über rassistisch motivierten Genozid durch Euthanasie rumbrüllt, habe ich keine Wahl, dann muss ich Ihren Vater ins Gefängnis von Parchman12 schicken, ganz egal, was Sie gegen mich in der Hand haben.«

»Sagen Sie nicht so was, Mann.«

»Dann bringen Sie Ihren Hintern in Bewegung. Die Uhr läuft.«

Kapitel 5

Tom Cage starrte auf sein klingelndes Handy, schaute dann durch den unteren Teil seiner Gleitsichtbrille, um den Namen des Anrufers zu lesen: Rose Meadows. Penns Sekretärin, Vor- und Zuname das reinste Klischee. Er hatte schon zwei weitere Anrufe aus dem Rathaus erhalten, die er weggedrückt hatte. Dass Rose es jetzt von ihrem Mobiltelefon aus probierte, bedeutete, dass Penn sie hart bedrängte, ihn wieder an die Leitung zu bekommen. Tom wünschte, er hätte ehrlicher zu seinem Sohn sein können, aber Penn konnte nichts machen, um die Lage zu verbessern, sie aber andererseits sehr verschlechtern. Und wenn Penn sich einmischte, könnte er sich und seine Tochter in Gefahr bringen. Tom holte tief Luft und schaltete sein Handy aus.

Er hielt sich nicht für einen sentimentalen Mann. Er war nicht der Typ, der melancholisch in die Stadt seiner Kindheit zurückreiste, der zu Klassentreffen der Highschool ging und beim vierten Bourbon weinerlich wurde. Er war ein Kind der Großen Depression der zwanziger Jahre und hatte immer nur nach vorn geschaut, niemals zurück. Seine Erlebnisse im Koreakrieg hatten diese Angewohnheit nur noch verstärkt. Doch an einem Gebäude in Natchez ging Tom nie ohne Beklemmungen in der Brust vorüber, und die Ereignisse der vergangenen zwölf Stunden hatten ihn wieder dorthin zurückgebracht wie einen von einer Eisschicht umhüllten Kometen, der zu dem Stern zurückkehrt, an dem einst seine lange Reise durch den Kosmos begonnen hatte.

Das Haus stand in der Monroe Street, und es war ein weitläufiges einstöckiges Gebäude im Schatten des großen Wasserturms, der den Nordteil der Stadt versorgte. Hier hatte Tom 1962 nach seiner Entlassung aus der Armee zum ersten Mal als Zivilist in einer Arztpraxis gearbeitet. Er kam heutzutage hier nur selten vorbei, wenn er seine eigenen Regeln missachtete und an einer Trauerfeier in Webb’s Bestattungsinstitut teilnahm oder wenn er einen Hausbesuch in der Nordstadt machte. Aber heute hatte er seinen ältlichen BMW neben dem schmiedeeisernen Zaun geparkt, der um den Garten seiner ehemaligen Praxis verlief, und starrte auf die vertraute Eichentür, während ihm Bilder aus der fernen Vergangenheit durch die Gedanken fluteten.

Ein Chirurg namens Wendell Lucas hatte die Praxis gegründet, die einmal in diesem Haus untergebracht gewesen war. Im Laufe der Jahre hatte Lucas eine lange Reihe junger Allgemeinärzte eingestellt, die täglich Patienten behandelten und ihm all die Blinddarmoperationen und Entfernungen von Gallenblasen überwiesen, mit denen er seinen Lebensunterhalt bestritt. Lucas hatte mehr Talent zum Geschäftsmann als zum Chirurgen, und die geschäftstüchtigeren unter diesen Allgemeinärzten verließen ihn nach drei oder vier Jahren und machten in Natchez oder anderen Städten eine eigene Praxis auf. Aber Tom hatte nur einfach als Arzt arbeiten wollen. Dass der alte Chirurg sich um die geschäftliche Seite der Praxis kümmerte, hatte ihm den Freiraum zu dieser Arbeit gegeben, und so war es bei diesem Arrangement geblieben. Tom war sich immer darüber im Klaren gewesen, dass der alte Herr ihn ausnutzte, aber es war ihm zu peinlich für Lucas, als dass er ihn dafür zur Rede gestellt hätte. Peggy hatte Tom deswegen manchmal in den Ohren gelegen, aber nachdem genügend Jahre vergangen waren, hatte sogar sie aufgegeben. Dann war Lucas endlich 1980 in den Ruhestand gegangen, um nun nur noch Golf zu spielen. Tom zog aus der alten Praxis in ein modernes neues Gebäude neben dem St. Catherine’s Hospital um, in dem seine Praxis noch jetzt untergebracht war.

Auf vielerlei Weise stand diese alte Praxis für Toms Erwachsenwerden. Hier hatte er erst seine Reife als Arzt erlangt. Hier hatte er große Triumphe erlebt und grässliche Fehler gemacht. Die Triumphe waren zumeist leise, geniale Diagnosen, nachdem er die Lage eingehend studiert und viele Recherchen gemacht hatte und ihn die Diagnosen anderer Ärzte in entmutigende Sackgassen geführt hatten. Das war in den Zeiten vor den modernen Kernspinverfahren und komplizierten Labortests, als er nur auf seine Universitätsausbildung, seine Erfahrung und seinen Instinkt zurückgreifen konnte. Aber die Arbeit, der intensive Kampf um Leben und Tod, war nur ein Teil des unsichtbaren Netzes, das ihn an dieses Gebäude fesselte. Mehr als alles andere war dies der Ort, an dem er Viola Turner kennengelernt hatte.

Prinzipiell hatte Dr. Lucas immer zwei Allgemeinärzte beschäftigt, die unter ihm in der Praxis arbeiteten. Die meisten waren recht anständige Ärzte gewesen, im Laufe der Jahre gab es nur ein paar schwarze Schafe. Doch eines dieser schwarzen Schafe hatte Tom niemals vergessen. Gavin Edwards war schon in der Praxis, als Tom 1962 ankam. Viola Turner war Edwards als Krankenschwester zugeteilt, aber sobald Lucas Tom eingestellt hatte, wies er ihm Viola zu. Tom meinte zunächst, Lucas habe diese Veränderung vorgenommen, um ihm den Einstieg in die Praxis zu erleichtern (und die Patientenzahl weiter zu erhöhen), aber schon bald begriff er, dass Viola selbst um die Versetzung gebeten hatte. Der Grund war einfach: Gavin Edwards wollte alles vögeln, was einen Rock trug, und er verbrachte den größten Teil seiner wachen Stunden damit, das zu versuchen. Obwohl er verheiratet war, hatte er bereits Liebschaften mit den beiden Empfangsdamen und der Laborantin gehabt, eine veritable Affäre mit der jungen Frau von der Krankenversicherung, und wahrscheinlich hatte er sogar ein paar Patientinnen belästigt.

Viola war die Einzige von den »Mädchen«, die Edwards noch nicht flachgelegt hatte, und er war eindeutig scharf darauf, das zu schaffen. Er gab oft Kommentare zu ihren körperlichen Vorzügen ab, obwohl sich Tom das bereits mit deutlichen Worten verbeten hatte. Die Ironie des Ganzen war, dass Gavin Edwards ein mindestens so großer Rassist war wie der durchschnittliche Schweißer in der Triton-Batterie-Fabrik, dass er aber trotzdem mit Viola schlafen wollte. Natürlich trieb diese Art von Scheinheiligkeit in Amerika bereits seit dem siebzehnten Jahrhundert schöne Blüten. Weiße Männer liebten den Sex mit schwarzen Frauen, solange sie sie nicht als gleichberechtigte Menschen behandeln mussten. Und im Staat Mississippi der frühen sechziger Jahre bestand in dieser Hinsicht keine Gefahr. Ehrlich gesagt auch in New York nicht. In Natchez hätte Edwards Viola wahrscheinlich vergewaltigen können und wäre straffrei davongekommen, aber er hatte nicht ganz den Mumm, so weit zu gehen. Viola gab sich große Mühe, nie mit ihm allein zu sein, aber er war hartnäckig. Schließlich machte sich Tom schon Gedanken, was er tun würde, sollte Edwards, der sein Vorgesetzter war, Viola offen Avancen machen. Unter solchen Umständen würde Dr. Lucas zweifellos Edwards unterstützen. Und dann … was würde Tom dann tun?

Das Schicksal entschied diese Frage schon bald für ihn. Viola hatte die Aufgabe, jeden Morgen die Praxis aufzuschließen, dann die Untersuchungszimmer und die Sprechzimmer für den Tag vorzubereiten. Die anderen Mädchen kamen dreißig Minuten später und die Ärzte noch eine halbe Stunde danach, im Anschluss an ihre morgendliche Visite im Krankenhaus. Dr. Edwards erschien immer als Letzter, doch das hatte nichts mit der Visite zu tun. Er besuchte gewöhnlich irgendeine gelangweilte Ehefrau, deren Mann früh zur Arbeit aufgebrochen war. Doch eines Morgens im Jahr 1965 wartete Gavin Edwards bereits in der Praxis, als Viola eintraf. Er erklärte ihr, er sei früher gekommen, um Unterlagen aufzuarbeiten. Doch kaum waren drei Minuten vergangen, da war er mit seinen Händen schon überall auf ihrem Körper. Als er versuchte, sie in die Ecke eines Untersuchungsraumes zu drängen, gab Viola so lange vor, ihm gefällig zu sein, bis sie einen Keramikbecher mit Zungenspateln in der Hand hatte. Den schlug sie ihm ins Gesicht.

Tom erfuhr von diesem Zwischenfall, als Dr. Lucas ihn in sein Büro rief. Viola hatte Bericht über Dr. Edwards’ Verhalten erstattet, und der Chirurg hatte Edwards bereits zu sich gerufen, um ihn zu befragen. Edwards erklärte Lucas, er hätte schon seit einigen Wochen mit Violas Zustimmung Sex mit ihr, und sie hätte ihn nur geschlagen, weil er ihr erklärt hatte, er hätte keinerlei Gefühle für sie empfunden, sondern habe nur rausfinden wollen, wie es wäre, »seinen Pinsel in ihre schwarze Tinte zu tauchen«. Lucas glaubte Edwards, hauptsächlich wegen seiner bekannten Eroberungen bei den anderen weiblichen Angestellten, und doch hatte ihn irgendetwas dazu gebracht, auch Tom nach seiner Meinung zu fragen. Beinahe ehe er wusste, was er sagen würde, war es aus Tom herausgeplatzt: »Gavin Edwards ist ein gottverdammter Lügner.«

Dr. Lucas blieb der Mund vor Staunen offen stehen, als hätte er es grün schneien sehen. Dann fasste er sich wieder und warf Tom einen strengen Blick zu. »Das ist eine ziemlich harte Anschuldigung gegen einen Kollegen, Tom. Um nicht noch deutlicher zu werden.«

»Inwiefern deutlicher?«, fragte Tom und überlegte, ob Lucas den Schneid haben würde, zu antworten, Edwards sei eben weiß und Viola schwarz.

»Sie glauben einer nicht examinierten Krankenschwester eher als einem ärztlichen Kollegen?«

»Viola Turner ist die beste Krankenschwester, mit der ich je gearbeitet habe«, antwortete Tom, und sein Kinn bebte vor Wut. »Gavin Edwards ist ein faules Schwein und kann seinen Schwanz nicht in der Hose behalten. Schlimmer noch, seine Diagnosen sind lausig. Ich glaube, er kann nicht einmal ein EKG richtig lesen.«

Dr. Lucas wollte etwas erwidern, aber Tom kam ihm mit einem Ultimatum zuvor. »Wenn Sie Viola rauswerfen, werfen Sie mich mit raus. Dann können Sie und Edwards hier alle Ihre Diagnosen allein machen.« Danach verließ er das Zimmer.

Um das Gesicht zu wahren, warf Dr. Lucas Gavin Edwards erst nach zwei Tagen raus. Tom machte sich keine Illusionen, dass es dabei um etwas anderes als eine geschäftliche Entscheidung gegangen war. Edwards war vielleicht ein guter Golfpartner, aber Tom hielt die Praxis am Laufen. Mehr als die Hälfte der Patienten priesen ihn als den besten Arzt, den Lucas je beschäftigt hatte, und Lucas war zu geldgierig, um sich von einem frustrierten Schwanzgesteuerten seinen Profit verderben zu lassen.

Viola blieb während dieser zwei Tage zu Hause, und die Klinik litt mächtig unter ihrer Abwesenheit. Es war, als müsste eine Kompanie ohne ihren Feldwebel klarkommen. Violas Fehlen machte rasch klar, wie viel sie jeden Tag erledigte. Die Patienten beklagten sich, obwohl Tom von der Ersatzschwester vollen Einsatz verlangte. Am Tag, nachdem Edwards seinen Schreibtisch ausgeräumt hatte, kehrte Viola zurück und wirkte gelassener denn je. Innerhalb weniger Stunden hatte sie die Praxis wieder auf Vordermann gebracht. Aber als Tom spät am Nachmittag in dem Wust von Papieren auf seinem Schreibtisch nach einem Diagramm suchte, kam sie in sein Privatbüro und schloss die Tür hinter sich.

»Ich möchte Ihnen dafür danken, was Sie getan haben«, sagte sie leise.

Tom merkte, wie ihm die Röte ins Gesicht stieg. Er konnte Viola nicht in die Augen schauen. »Das war doch nichts. Das hätte jeder an meiner Stelle auch getan.«

»Nein«, erwiderte Viola. »Niemand sonst hätte das gemacht. Jedenfalls kein Arzt, der je hier gearbeitet hat. Ich war mir sicher, dass ich rausfliegen würde. Dr. Lucas hat mir erzählt, was Sie gesagt haben.«

Tom starrte auf Violas Hände, die sie vor ihrem weißen Rock gefaltet hatte. Er konnte es immer noch nicht ertragen, ihr in die Augen zu schauen. Vielleicht, überlegte er mit schlechtem Gewissen, weil er das gleiche Verlangen spürte wie Edwards. Und deswegen wahrhaftig keine Dankbarkeit verdiente. Während er so starrte, bemerkte er, dass Violas Hände so fest verkrampft waren, dass ihre Haut schon blutleer war, wo der Daumen und die Finger darauf drückten.

»Ich habe nur die Wahrheit gesagt«, meinte er verlegen und versuchte, durch seinen anscheinend angeschwollenen Kehlkopf zu reden. Endlich blickte er auf und in ihre großen braunen Augen. »Sie sind eine wunderbare Krankenschwester, Viola. Sie können allen das Wasser reichen, mit denen ich je gearbeitet habe.«

»Sogar im Krieg?«

»Ja. Ich war natürlich in Korea nicht Arzt, sondern nur Sanitäter. Aber ich habe in den Versorgungsstationen einiges mitbekommen und dann in einem Feldlazarett bei einer MASH-Einheit, nachdem ich verwundet war.«

»Sie wissen gar nicht, wie viel mir das bedeutet.« Ihre Hände lösten sich voneinander, und Tom sah, dass sie zitterten. »Ihr nächster Patient wartet in Zimmer vier.«

»Danke«, sagte Tom und trat zögerlich vor.

Viola machte einen Schritt zur Seite, als wollte sie ihn vorbeilassen, doch dabei wandte sie sich zu ihm um, begrub ihr Gesicht an seiner Brust und umarmte ihn stürmisch. Obwohl sie stark zitterte, musste sie Toms Herzklopfen gespürt haben. Von der plötzlichen Intimität wie benommen, umfing er sie mit den Armen, stand einfach nur da und hielt sie fest. Nach einer gefühlten Minute löste sie sich von ihm, und er sah Tränen auf ihrem Gesicht. Sie wischte sie ohne jede Verlegenheit fort und lächelte.

»Habe ich Zimmer vier oder fünf gesagt?«

»Keine Ahnung.«

Viola lachte. »Dann geh ich mal nachsehen.«

Und das war es gewesen.

Die nächsten drei Jahre verbrachten sie damit, so zu tun, als hätte es diesen Augenblick nie gegeben. Schließlich waren sie beide verheiratet. Natürlich hinderte eine Ehe Leute wie Gavin Edwards nicht an seinen Eskapaden, und wenn sie ganz ehrlich waren, hätten ihre Ehen sie wahrscheinlich auch nicht gehindert. Das eigentliche Hindernis vor jeglicher tieferen Beziehung war einfacher und furchterregender: Tom war weiß und Viola schwarz. Diese Kluft konnte man in Natchez, Mississippi, in den sechziger Jahren nicht überwinden, nicht ohne schwere Verletzungen. Das wussten sie beide, und sie lebten unter der Tyrannei dieses ungeschriebenen Gesetzes.

Vor Viola die Rolle des sachlichen Arbeitgebers zu spielen war das Schwerste, was Tom je getan hatte. Er hatte schon bald die grundlegende menschliche Wahrheit begriffen, dass es immer schwerer wird, an etwas anderes zu denken, je mehr man versucht, sich eine Sache aus dem Kopf zu schlagen. Oscar Wildes Weisheit, dass man eine Versuchung nur dadurch loswird, indem man ihr nachgibt, verlor für ihn rasch jeglichen Witz, den sie einmal gehabt hatte. Fünf Tage in der Woche arbeitete Tom den größten Teil des Tages kaum mehr als sechs Meter von Viola entfernt, oft war sie ihm näher als einen Meter. Wenn sie in der Praxis zusammen eine offene Wunde versorgten, berührten sich manchmal ihre Köpfe, und er konnte ihre Nähe beinahe nicht ertragen. Er kannte ihre von der weißen Uniform fest eingeengten Rundungen intimer als den nackten Körper seiner Frau. Ihm erschien Violas Duft wie der Geruch der Karamellbonbons, die seine Großmutter gemacht hatte, als er noch ein kleiner Junge war: in der Wirklichkeit unerreichbar, aber in seinen Gedanken köstlich und quicklebendig.

Manchmal überlegte er, ob er Dr. Lucas bitten sollte, ihm eine andere Krankenschwester zuzuweisen. Inzwischen arbeitete ein neuer Allgemeinarzt in der Praxis, und Lucas hätte nicht gezögert, Viola zu ihm zu versetzen, weil er wusste, dass dessen Arbeitsleistung dadurch sehr viel profitabler werden würde. Aber Tom brachte es nicht übers Herz. Manchmal meinte er zu spüren, dass Viola dieselben Qualen litt, weil auch sie versuchte, eine alles verzehrende Leidenschaft mit tiefverwurzelten Moralvorstellungen in Einklang zu bringen. Denn Viola Turner liebte nicht nur ihren Ehemann, sie war auch noch eine fromme Katholikin. Oft arbeitete Viola, wenn sie nicht in der Praxis war, in der Herz-Jesu-Kirche oder verrichtete Dienste in der Gemeinde. Einige Male war Tom sogar so weit gegangen, ihr bei diesen Projekten zu helfen, hatte ein paar Sportmannschaften in den Negerschulen kostenlos untersucht oder einige der ärmsten schwarzen Kinder gegen verschiedene Krankheiten geimpft. Es erstaunte ihn, dass manche seiner Kollegen Hunderte von Meilen reisten, um in Mittelamerika Entwicklungshilfe zu leisten, wo doch weniger als zwei Meilen von ihren Praxen entfernt ein entsetzlicher medizinischer Notstand herrschte. Dr. Lucas runzelte über diese »sozialistischen unentgeltlichen Kreuzzüge«, wie er sie nannte, missbilligend die Stirn, doch da Tom sie aus eigener Tasche finanzierte, machte der Chirurg nicht viel Wirbel darum. Das Ergebnis all dieser von Tom unternommenen Ausgleichsbemühungen war, dass er und Viola noch mehr Zeit miteinander verbrachten und dass sich zwischen ihnen eine Vertrautheit entwickelte, die ihre zu Hause wartenden Ehepartner nicht einmal annähernd mit ihnen teilten.

Dieses angespannte emotionale Patt erfuhr 1967 eine schockierende Wendung, als Violas Ehemann zum Militär eingezogen und nach Vietnam geschickt wurde. James Turner war Automechaniker, aber er hatte 1960 in Friedenszeiten in der Armee ein Jahr lang mit Hubschraubern gearbeitet, und das machte ihn für Südostasien sehr wertvoll. 1967 berief ihn die Armee erneut ein, und nicht einmal Toms Auftritt vor der Musterungskommission hatte das verhindern können. Tom erinnerte sich lebhaft an ein Gespräch, das er mit Violas besorgtem Ehemann geführt hatte, ehe der nach New Orleans und zu seinem Linienflug nach Vietnam aufbrach. James Turner wusste, dass Tom in Korea Kampfhandlungen miterlebt hatte, und er wollte sich von ihm die besten Ratschläge einholen, wie man Gefechte überlebt. Toms Warnungen waren einfach und beruhten auf Erfahrung: »Erstens, für nichts freiwillig melden. Zweitens, immer den Kopf schön unten halten und auf den Feldwebel hören. Drittens, wenn Sie je in einen Hinterhalt geraten, auf das Feuer zu, nicht davor weglaufen. Die ersten Schüsse sollen einen nur zu den wartenden Maschinengewehren treiben. Wenn Sie vorwärts rennen, haben sie bessere Chancen. Viertens, jeder Krieg ist anders, also hören Sie auf Ihren Feldwebel. Fünftens … hören Sie auf Ihren Feldwebel. Kapiert?« James hatte gelacht, aber Tom konnte sehen, dass er Todesängste ausstand. Niemand, der bei klarem Verstand war, hätte Viola gern zurückgelassen, um zehntausend Meilen entfernt ein Jahr in einem feindlichen Dschungel zu verbringen.

Im ersten Monat nach James’ Abreise war Viola Tom wie eine andere Frau vorgekommen. Die emotionale Spannung zwischen ihm und ihr war abgeebbt, als hätte es sie nie gegeben, und sie fehlte ihm wie ein endlich gezogener weher Zahn, der ein schmerzendes Loch hinterlassen hatte. Viola war mit den Gedanken offensichtlich bei ihrem Mann – doch Tom berührte ihre Gegenwart unvermindert. Sie lebte mit einer neuen Anspannung, die je nach Cronkites täglichen Berichten über den Konflikt am anderen Ende der Welt auf und ab ging. James schrieb regelmäßig, und der Tonfall seiner Briefe war stets fröhlich, so dass Viola sich nach einer Weile mit einer Art leichter Ängstlichkeit einrichtete. Bei der Arbeit setzte sie eine fröhliche Miene auf, eine oscarreife schauspielerische Leistung. Doch fünf Monate nachdem James Turner Natchez verlassen hatte, tauchten zwei Offiziere in Ausgehuniform in der Praxis auf. Als sie Viola mitteilten, dass ihr Mann gefallen war, schüttelte sie nur leicht den Kopf – eine kleine leugnende Geste – und sackte dann auf dem Boden zusammen. Dr. Lucas meinte, sie sollte sich die Woche freinehmen, und Tom stimmte ihm zu. Aber am nächsten Morgen erschien Viola wieder zur Arbeit, perfekt frisiert und mit ihrer gewohnten Professionalität. Das einzige Anzeichen ihres Verlustes war eine schwarze Schleife, die sie links an ihrem Uniformkragen trug.

Von diesem Zeitpunkt an wusste Tom überhaupt nicht mehr, wie er sich verhalten sollte. Violas stoische Haltung hatte ihn über alle Maßen gerührt, und aus eigener Kriegserfahrung wusste er, dass er es besser nicht versuchen sollte, ihre Trauer zu lindern. Wenn er jetzt zurückblickte, so hatte Violas heldenhafte Reaktion auf ihre Witwenschaft in so jungen Jahren wahrscheinlich mehr als jede körperliche Attraktivität dazu beigetragen, dass er sie liebte. Aber seltsamerweise schien Viola in den nächsten Monaten noch mehr in Gedanken verloren zu sein als zu der Zeit, als ihr Mann in Vietnam noch lebte. Erst nach mehreren unbeholfenen Versuchen entdeckte Tom schließlich den Grund für Violas Sorgen.

Sie hatte einen jüngeren Bruder namens Jimmy Revels, und Jimmy war »in Schwierigkeiten«. Als Tom sich nach der Art der Schwierigkeiten erkundigte, schüttelte Viola nur den Kopf und weigerte sich zu antworten. Aber im Laufe der Woche verriet sie ihm schließlich, dass Jimmy sich in der Bürgerrechtsbewegung engagierte. Das machte ihr in mehrerer Hinsicht Sorgen. Nicht zuletzt war da die Angst, dass Dr. Lucas ihr kündigen würde, wenn er erfuhr, dass sie mit einem Bürgerrechtsaktivisten verwandt war. Tom versicherte ihr, dass er ihre Arbeitsstelle schützen könnte, doch Viola hielt ihn für naiv. »Dr. Lucas hat vielleicht durchgehen lassen, dass Sie die Rassentrennung im Wartezimmer aufgehoben haben«, sagte sie, »das war aber nur guter Geschäftssinn, weil wegen Ihnen so viele farbige Patienten in die Praxis gekommen sind. Es ist jedoch was ganz anderes, wenn man bei der Bewegung mitmacht.«

Viola ängstigte sich auch wegen des Ku-Klux-Klans, der in den vergangenen vier Jahren im ganzen Staat fanatisch aktiv geworden war. Jimmy war Musiker, aber nun war er völlig besessen vom Reverend Martin Luther King und hatte von ihm nicht nur seine Philosophie der Gewaltlosigkeit übernommen, sondern auch die Angewohnheit, sich ständig absichtlich in Schwierigkeiten zu bringen. Viola war wegen Jimmys nächtlicher Aktivitäten das reinste Nervenbündel geworden. Tom versuchte, sie zu beruhigen, doch die Gefahr ließ sich nicht leugnen. Als Betriebsarzt in der Triton-Batterie-Fabrik (eine Vereinbarung, die Dr. Lucas ausgehandelt hatte) hatte Tom bemerkt, dass ein maßgeblicher Teil der weißen Arbeiter in diesem Unternehmen Rassisten reinsten Wassers waren. Sie versuchten nicht einmal, ihre Mitgliedschaft im Klan zu verbergen genauso wenig wie die Tatsache, dass sie im Kampf für die weiße Vorherrschaft »Posten bezogen«. Weil Tom ein Weißer war, gingen sie schlicht davon aus, dass er ihre Vorurteile teilte.

Die wachsende Spannung zwischen Tom und Viola spiegelte die Spannungen auf den Straßen von Natchez wider. Doch zwei Abende nachdem in einem Grillrestaurant am anderen Flussufer ein weißer Polizist einen schwarzen Mann ermordet hatte, wurden die Barrieren, die es zwischen ihrem beruflichen und privaten Leben noch gab, völlig eingerissen. In einer Nacht, als der Ku-Klux-Klan und die schwarzen Deacons for Defense sich auf einen bewaffneten Konflikt vorbereiteten, weckte ein mitternächtlicher Anruf Tom aus unruhigem Schlaf.

»Dr. Cage«, meldete er sich mit der militärischen Wachheit, die er in Korea und Westdeutschland entwickelt hatte.

»Dr. Cage?«, flüsterte eine Frauenstimme. »Hier ist Viola. Ich brauche Hilfe. Ich bin in Schwierigkeiten.«

Toms Herz begann zu pochen, und das Blut geriet ihm in den Adern in Wallung. »Wo sind Sie?«

»In der Praxis.«

Tom konnte sie kaum hören. Er schaute auf die Uhr. Ein Uhr fünfundzwanzig am Morgen. »Was ist passiert?«

»Jimmy ist verletzt. Schwer. Ich hätte Sie nicht angerufen, aber er kann nicht ins Krankenhaus. Ich habe versucht, selbst damit klarzukommen, aber ich kriege die Blutung nicht gestillt.«

Tom hörte, wie ihre normalerweise ruhige Stimme sich zur Panik hochschraubte. Der gesunde Menschenverstand flüsterte ihm ein, er sollte nachfragen, ob die Polizei etwas damit zu tun hatte, stattdessen sagte er nur: »Versuchen Sie, ihn zu stabilisieren. Ich bin unterwegs.«

Als Tom eine Viertelstunde später in der Praxis ankam, wartete Viola mit ihrem Bruder und einem jungen Mann namens Luther Davis im Behandlungszimmer. Man hatte beide Männer mit Kanthölzern verprügelt, aber das war nicht das Schlimmste. Jimmy Revels hatte Messerstiche im Rücken und Davis klaffende Schnittwunden an den Armen. Mitglieder des Klan hatten den beiden vor dem Flyway Drive-in zwischen Vidalia und Ferriday, Louisiana, aufgelauert. Das Flyway-Restaurant war nur Weißen vorbehalten, doch farbige Kunden konnten zum Hinterfenster gehen und sich eine Cola oder ein paar Pommes frites kaufen, wenn sie kein Aufsehen erregten. Anscheinend waren aber Jimmy und Luther bei einem der normalen Fenster vorgefahren und hatten Milchshakes bestellt, genau wie die weißen Kunden. Das sorgte zunächst für Verwirrung, bis dann ein Pick-up mit zwei Leuten aus dem Ku-Klux-Klan auftauchte. Die Männer waren nicht maskiert, sie stiegen aus, Holzstangen in den Händen, und alle hatten erwartet, dass es eine Prügelei geben würde, doch dann war Davis mit seinem Pontiac-Cabrio über den Betonbordsteig gefahren und entkommen.

Der Pick-up jagte Luthers Pontiac über eine Meile, ehe ein zweiter Wagen ihnen in der Nähe von Pelhams Holzlager den Weg abschnitt. Da er nun keinen Ausweg mehr hatte, war Revels ausgestiegen und hatte versucht, mit den Verfolgern zu verhandeln, doch das hatte ihm nur eine Fraktur des rechten Oberarms beschert. Dann mischte sich Luther Davis ins Gefecht ein. In einem Kampf konnte es Luther mit den meisten Leuten aufnehmen, selbst wenn es fünf gegen zwei waren. Er hatte den Angreifern ernstlichen Schaden zugefügt, aber schließlich machte sich die Überzahl doch bemerkbar. Als Luther merkte, dass er und Jimmy höchstwahrscheinlich hier am Straßenrand sterben würden, hatte er sich zum Pontiac durchgekämpft und eine Pistole Kaliber .25 aus dem Handschuhfach gezogen. Er erzählte Tom, er habe nur versucht, die Leute vom Klan einzuschüchtern, damit sie mit dem Prügeln aufhörten, aber einer hatte ihn gezwungen, die Pistole abzufeuern. Luther schoss einem Mann ins Bein, zerrte dann Jimmys blutenden Körper zum Auto zurück und schaffte es zu fliehen. Erst da begriff Jimmy, dass ihm jemand ein Messer in den Rücken gerammt hatte.

All das fand Tom heraus, während er die Verletzungen der Männer behandelte und Viola ihm mit zitternden Händen assistierte. Er selbst hatte es sorgfältig vermieden, zu lernen, wie man Röntgenaufnahmen machte, damit er kein schlechtes Gewissen haben musste, wenn er spätnachts Notfälle an die Notaufnahme überwies. Doch Viola hatte die Röntgenassistentin beobachtet und es sich selbst beigebracht. Innerhalb weniger Minuten lagen ein paar hervorragende Bilder vor Tom, mit denen er Jimmys Bruch beurteilen konnte. Trotz seiner Schmerzen hatte Jimmy Tom wortreich dafür gedankt, dass er das Risiko eingegangen war, sie zu behandeln, während Luther alles in missmutigem Schweigen über sich ergehen ließ. Viola sagte kaum ein Wort, außer dass sie Jimmy ermahnte, leise zu reden. Tom wusste, dass sie fürchtete, ihren Job zu verlieren, weil sie Probleme in die Praxis gebracht hatte. Er war sich nicht sicher, wie er mit der Situation umgehen sollte, aber eines war sicher: Mit dem, was er jetzt machte, wagte er sich im Konflikt zwischen den Rassen weit aus der neutralen Ecke heraus und begab sich in die Gefahrenzone des Ku-Klux-Klan.

Er hatte einen Drainageschlauch in Jimmys Stichwunde angebracht und fing an, Luthers restliche Platzwunden zu nähen, als er hörte, wie jemand verzweifelt an die Eingangstür der Praxis klopfte. Sein erster Gedanke war, dass es die Polizei war. Doch Jimmy versicherte ihm, dass sie das Auto weit genug weg geparkt hatten. Viola hatte sie mit ihrem Wagen in die Praxis gebracht. Tom arbeitete weiter und hoffte, dass das Klopfen aufhören würde, aber es ging weiter. Als er sich über das Waschbecken beugte, um sich die Hände zu waschen, hörte er einen Aufschrei, drehte sich um und sah, dass Viola auf eine Pistole in Luther Davis’ Hand starrte. Tom hob zum Sprechen an, schwieg dann jedoch. Es würde nichts bringen, wenn er jetzt dem Mann sagte, er solle die Waffe wegstecken.

»Ihr beide bleibt hier drin«, sagte Tom zu den Männern. »Viola, Sie gehen in Untersuchungsraum drei. Und keiner hier macht einen Mucks, ganz gleich, wie nah jemand an dieses Zimmer herankommt.«

Tom schaltete das Licht aus. Als Viola leise hinter ihm vorüberging, dröhnte erneut ein Klopfen durch die Praxis. »Ich behaupte, dass ich allein hier bin«, sagte er den Männern, »aber wenn es die Polizei ist und sie mich drängen, dann erkläre ich ihnen, dass ich mich hier mit einer meiner Krankenschwestern zu einem nächtlichen Rendezvous getroffen habe. Können Sie diese Rolle übernehmen?«

»Zur Not renne ich im BH hier rum, wenn es Jimmy retten kann«, flüsterte Viola.

»Das könnte es.«

Tom ließ sie im Untersuchungsraum drei zurück und ging zum Eingang. Unterwegs schaute er nach Blutflecken auf dem Hemd und machte dann die unter den Faustschlägen bebende Vordertür auf.

Auf den Betonstufen sah er nicht die Polizei, sondern drei Männer aus dem Klan, die er nur allzu gut kannte. Alle waren Angestellte der Triton-Batterie-Fabrik. Vorne stand Frank Knox mit seinen flammenden Augen und dem militärischen Kurzhaarschnitt. Hinter ihm stützte ein Riese von einem Mann namens Glenn Morehouse den drahtigen Sonny Thornfield, dessen Gesicht schmerzverzerrt war. Thornfields T-Shirt war blutdurchtränkt, und selbst im schwachen Lichtschein, der durch die Tür fiel, konnte Tom erkennen, dass sein linkes Hosenbein an dem stark geschwollenen Oberschenkel klebte und dass jemand einen Gürtel knapp über dem Knie festgezurrt hatte. Alle drei Männer standen zitternd draußen in der Kälte.

»N’abend, Doc«, sagte Frank Knox. »Ihre Frau hat gesagt, dass Sie einen Hausbesuch machen, aber sie wusste nicht wo. Wir konnten hiermit nicht ins Krankenhaus, also wollten wir in die Praxis einbrechen und Ihre Sachen benutzen. Dann haben wir Licht gesehen.«

»Warum könnt ihr damit nicht ins Krankenhaus?«, fragte Tom mit der unschuldigsten Stimme, die er aufbringen konnte. »Habt ihr eine Bank ausgeraubt oder so?«

Frank lachte. »Nö. Probleme mit Niggern. Zu viele Leute vom FBI in der Stadt, als dass wir’s im Krankenhaus riskieren könnten. Wir haben einen Niggerarzt drüben in Brookhaven, der uns ab und zu hilft – ein Morphiumsüchtiger –, aber der ist hierfür zu weit weg. Ich mach mir Sorgen, dass die Kugel vielleicht seine Oberschenkelarterie erwischt hat.«

Tom schüttelte den Kopf. »Dann wäre das Bein viel dicker, oder er wäre tot. Es überrascht mich, dass Sie nicht bei Dr. Lucas angerufen haben. Der ist doch Chirurg, und den scheinen Sie zu brauchen.«

Knox schnaufte verächtlich. »Der Hurensohn denkt doch nur an seinen Kontostand. Glauben Sie, den kriegen wir aus dem Bett, damit er einem Arbeiter hilft?«

»Na ja …«

»Frank kann das Bein flicken«, grunzte Thornfield. »Der braucht nur die Werkzeuge.«

»Ich habe im Pazifik viele Schussverletzungen gesehen«, erklärte Knox. »Sogar ein paar selbst verarztet. Aber ich würde mich verteufelt viel besser fühlen, wenn das jemand mit geübten Händen übernehmen würde.«

Tom beugte sich hinunter und tat so, als untersuchte er die Wunde im Schein des Flurlichts, aber er wusste ganz genau, dass dies Luther Davis’ Werk war. »Wie ist das denn passiert?«

»Das wollen Sie nicht wissen, Doc«, knurrte Thornfield.

»Wie wär’s, wenn wir aus diesem Eingang rauskommen?«, schlug Frank vor. »Damit Sie sich das besser ansehen können.«

Ehe Tom Einwände erheben konnte, standen schon alle drei Männer in der Praxis, und die Tür fiel hinter ihnen zu. »Wo sollen wir hin?«, fragte Frank.

Knox wusste, wo das Behandlungszimmer war. Die meisten Leute von der Triton-Batterie-Fabrik waren schon mal zur Untersuchung oder zur Behandlung in der Praxis gewesen. Tom hatte Angst, dass Luther Davis, wenn sie auch nur in die Nähe des Behandlungszimmers kamen, herausstürzen würde, um zu Ende zu führen, was er am anderen Flussufer angefangen hatte.

»Im Zimmer neben meinem Privatbüro steht ein Untersuchungstisch«, sagte Tom und deutete mit der Hand dorthin. »Dahinten rechts. Zimmer eins. Gehen Sie da rein.«

Während die Männer ihren Kameraden wie erschöpfte Soldaten durch das Wartezimmer trugen, ging Tom zum Behandlungszimmer zurück. »Ich komme gleich nach«, versicherte er ihnen. »Ich muss nur ein paar von Dr. Lucas’ Instrumenten holen.«

»Geh mit und hilf ihm, Glenn!«, befahl Frank.

»Nein, ich hab’s schon!«, rief Tom mit Herzklopfen und schaute über die Schulter, ob ihm auch wirklich niemand folgte.

Er rannte zum Behandlungszimmer zurück, schaltete das Licht an und hielt den Finger vor die Lippen. Luther kauerte in Kampfstellung mit der Pistole im Anschlag da, während Jimmy reglos wie ein Buddha aus Ebenholz auf dem Untersuchungstisch saß.

»Es sind Ihre Freunde vom Klan«, flüsterte Tom. Er schaute zu Luther. »Der, den Sie angeschossen haben, blutet wie ein Schwein.«

»Gut«, zischte Luther, richtete sich auf und ging in dem kleinen Zimmer auf und ab. »Ich werde die gottverdammten Scheißkerle doch noch umbringen müssen.«

»Fluch nicht so rum«, mahnte Jimmy freundlich.

»Sie bringen niemanden um«, sagte Tom und trat dem großen Mann in den Weg. »Die sind zu dritt, und inzwischen sind sie bestimmt bewaffnet. Sie bleiben schön hier sitzen und rühren keinen Muskel. Wenn Sie auch nur den kleinsten Mucks machen, haben Sie die Klukker am Hals. Und in einem drei mal drei Meter großen Raum gewinnt keiner eine Schießerei. Das kann ich Ihnen aus Erfahrung sagen. Kapiert?«

Nachdem Luther genickt hatte, schnappte sich Tom ein paar chirurgische Instrumente und ging zu dem Zimmer zurück, in das er die Männer vom Klan geschickt hatte.

Die nächsten fünfundvierzig Minuten waren die angespanntesten seines Zivillebens. Alle drei Männer vom Klan waren es gewohnt, mit Wunden umzugehen, aber ihr brodelnder Zorn war noch mit Händen zu greifen. Am beängstigendsten war, dass sie die Namen »von beiden Niggern« kannten, die an diesem Abend versucht hatten, »im Flyway die Rassentrennung höchstpersönlich aufzuheben«. Als Tom in Sonny Thornfields Bein nach der Kaliber-.25-Kugel suchte, fragte Frank: »Was machen Sie eigentlich zu dieser nachtschlafenen Stunde hier, Doc? Ihre Frau hat gemeint, Sie wären auf einem Hausbesuch.«

Tom schüttelte den Kopf und arbeitete weiter. »Ehrlich gesagt, ich habe gerade eine von meinen Krankenschwestern gebumst, als ihr Arschlöcher aufgetaucht seid.«

Nach einem kurzen erstaunten Schweigen brachen alle drei Männer in schallendes Gelächter aus.

»Als ihr geklopft habt, habe ich gedacht, es wäre meine Frau, die mich auf frischer Tat ertappen wollte«, fügte Tom hinzu. »Deswegen hat es so lange gedauert, bis ich zur Tür gekommen bin. Ich musste doch das Mädchen erst mit Kleidern am Leib rauslassen.«

»Dann schulden wir Ihnen wirklich was«, meinte Frank. »Wenn Sie mal ’nen Gefallen brauchen, jederzeit, einfach Bescheid sagen.«

»Darauf könnt ihr euch verlassen«, erwiderte Tom, der schließlich, von Thornfields Schmerzensschreien begleitet, die Kugel entfernt hatte.

»Welche Schwester bumsen Sie denn?«, erkundigte sich Sonny schwer atmend. »Doch nicht etwa das farbige Mädchen, oder?«

Sofort wurde Toms Gesicht ganz heiß. »Wieso?«

»Sonny ist eifersüchtig«, sagte Frank lachend. »Der ist ganz scharf auf die.«

»Quatsch!«, knurrte Sonny. »Es war ihr Bruder, der …«

»Hör auf zu jammern«, blaffte Frank. »Wenn es so weit ist, lass ich dich dem Hirsch die Haut abziehen, der das gemacht hat. Bis dahin ertrag’s wie ein Mann.«

»Ich werd’ den Nigger schon zum Kreischen bringen, ganz bestimmt«, schwor sich Sonny. Dann wurde er blass und übergab sich über die Tischkante.

»O Scheiße!«, stöhnte Frank und sprang zurück. Er nahm die blutige und verformte Kugel aus der Nierenschale. »Wegen so ’ner kleinen Zuhälterkugel wie der hier dem Doc den Boden dreckig machen. Wisch die Kotze auf, Glenn. Der Doc hat gerade keine Krankenschwester im Dienst.« Frank boxte Tom an den Arm und lachte. »Zumindest jetzt nicht mehr, was?«

Während Morehouse folgsam das Erbrochene wegputzte, machte Tom schweigend seine Arbeit zu Ende. Mehr als zwanzig Minuten dauerte es nicht bei den oberflächlichen Verletzungen, aber während er arbeitete, überlegte er, ob Luther seinen Befehl befolgt hatte und im Behandlungszimmer geblieben war. Mehr als alles andere sorgte ihn, wie es Viola in der Dunkelheit in Zimmer drei aushielt. Er betete, sie würde nicht durchdrehen und versuchen, nach ihrem Bruder zu schauen. So verrückt war sie doch sicher nicht …?

»Wie gesagt, Doc«, meinte Frank mit großspuriger Geste. »Wenn Sie mal was brauchen, egal was, lassen Sie es uns wissen.«

»Seht einfach zu, dass so was nicht wieder vorkommt. Ihr ruiniert mir mein Liebesleben.«

Die drei Männer lachten herzlich, als Tom sie nach draußen führte, Thornfield nur humpelnd und auf Morehouse gestützt.

»Machen Sie, dass Sie nach Hause kommen und das Bein ausruhen«, riet Tom. »Rächen können Sie sich noch nächsten Monat. Kommen Sie morgen in die Sprechstunde zum Nachsehen. Sie sollten sich übrigens alle ausruhen. Mit Kopfverletzungen darf man nicht spaßen.«

Frank lachte. »Ausruhen können wir uns, wenn wir tot sind, Doc. Nur immer mit der Ruhe, okay? Und tut uns leid wegen Ihrer Muschi.«

Tom schüttelte den Kopf und schloss die Tür. Plötzlich brach ihm der Schweiß aus. Er hatte diese Art von Angst schon im Krieg verspürt, aber jetzt war es anders geworden. In Korea hatte er sich hauptsächlich um sich selbst gesorgt. Doch jetzt hatte er eine Frau und zwei Kinder, die er vor allem Bösen schützen musste. Und heute Nacht war er zwischen zwei feindliche Armeen geraten – kleine Armeen vielleicht, aber in ihrem Hass so grausam, wie es nur ging.

Er schaltete das Licht aus und ging nach hinten, um Viola zu suchen. Die saß zitternd im dunklen Untersuchungszimmer, die Bluse bis zur Taille aufgeknöpft. Ein weißer BH war darunter zu sehen, umschmiegte ihre Brüste wie für ein Foto auf der Mittelseite des Playboy.

»Sie sind weg«, sagte Tom und wandte den Blick ab. »Wir wollen Jimmy zu Ende versorgen.«

Ehe sie etwas sagen konnte, ging er in den Behandlungsraum zurück. Jimmy und Luther bestürmten ihn mit Fragen, und er nähte so schnell wie noch nie seit seinem Praktikum im Charity Hospital von New Orleans.

»Die wollen Rache«, erklärte er Luther. »Sie haben euch beide erkannt, und sie werden so lange suchen, bis sie euch finden. Ihr müsst aus der Stadt weg.«

»Ich laufe nicht vor solchen hirnrissigen Scheißärschen weg«, gelobte Luther.

»Dann sind Sie blöder, als Sie aussehen. Die haben mehr Gewehre und Leute als ihr, und die Polizei und die Gerichte stehen auf deren Seite. Ihr habt nur eine Wahl. Rückzug.«

»Dr. Cage hat recht«, sagte Viola. »Jimmy, bitte rede mit Luther, dass er wieder zur Vernunft kommt. Wenn ihr in Natchez bleibt, müsst ihr sterben. Dieser Frank Knox ist durch und durch böse. Das ist ein Killer.«

»Sie hat recht«, stimmte ihr Tom zu, richtete sich auf und schaute sich seine Arbeit an. »Die Sorte kenne ich. Diesmal ist wirklich Vorsicht die Mutter der Porzellankiste.«

»Freewoods«, sagte Jimmy nachdenklich. »Wir gehen nach Freewoods, bis sich hier alles wieder beruhigt hat.«

»Was ist Freewoods?«, fragte Tom.

»Nichts«, blaffte Luther. »Nirgends. Er redet wirr.«

Als sich Tom das Blut von den Händen und Unterarmen wusch, bemerkte er, dass Jimmy ihn anstarrte. »Was ist, Jimmy?«

»Macht es Ihnen nichts aus, schwarzes Blut an die Haut zu kriegen?«

Tom lachte. »Eins habe ich als Sanitäter im Gefecht gelernt. Wir bluten alle in der gleichen Farbe.«

Jimmy lächelte. »Das haben Sie nicht als Sanitäter gelernt. Das haben Sie von Ihren Eltern.«

Tom starrte auf den ernsten jungen Mann zurück und schüttelte den Kopf. »Da irren Sie sich.« Er machte einen Schrank auf, nahm Antibiotika heraus, die ihm ein Pharmavertreter dagelassen hatte, und reichte Luther die Tabletten. »Das sorgt dafür, dass Ihre Wunde sich nicht entzündet. Viola kann Ihnen die Dosierung sagen. Und jetzt raus hier, Jungs.«

»Ich gehe das Auto holen«, sagte Viola. »Ich fahre in die Garage, dann könnt ihr euch beide auf den Rücksitz hocken.«

»Rücksitz, dass ich nicht lache!«, sagte Luther. »Wir steigen in den Kofferraum.«

Tom wartete in der dunkelsten Ecke der Garage, während Viola ihren Plan ausführte. Er schaute zu, wie sich die beiden Männer in den Kofferraum des Pontiac quetschten, was ziemlich schwierig war, wenn man bedachte, wie massig Luther war. Nachdem Viola den Deckel zugeklatscht hatte, ging sie nicht zur Fahrerseite, sondern kam in die Ecke, wo Tom stand. Sie war nur eine dunkle Gestalt im Schatten, aber Tom kannte ihren Duft besser als jeden anderen auf der Welt. Sie trat ganz nah an ihn heran und ergriff seine Hand.

»Mir fehlen die Worte«, murmelte sie. »Sie haben meinem Bruder das Leben gerettet.«

»Viola«, flüsterte er zurück. »Das ist nicht nur gefährlich. Sie könnten dabei umkommen. Wir alle.«

»Ich weiß. Und Sie sollten gar nicht dabei sein.«

»Was ist Freewoods?«

»Ein Ort, wo sich die Leute nicht darum scheren, welche Farbe man hat. Weiß, schwarz, rot, alles egal. Da ist es sicher. Nicht einmal die Klukkers gehen da hin.«

»Dann bringen Sie die Jungs heute Nacht noch hin.«

Im Dunklen spürte er ihr Nicken mehr, als dass er es sah.

»Kommen Sie hier klar?«, fragte sie und drückte seine Linke.

»Mir geht’s gut. Das Risiko nehmen Sie auf sich. Sie …«

Ehe er weitersprechen konnte, umarmte sie ihn so fest, dass es ihm den Atem verschlug. Im Gegensatz zu der Umarmung nach dem Rausschmiss von Gavin Edwards war dies keine schlichte Dankesbezeugung. Diesmal schmiegte sich Violas Körper vom Hals bis zum Knie an seinen. Eine schwindelerregende Woge schwappte über ihn, löste nach der Tortur, die sie gerade durchgestanden hatten, den verzögerten Schock aus. Tom merkte, wie er das Gleichgewicht verlor, und spürte dann eine so mächtige Welle des Verlangens, dass er Viola an sich zog, als wollte er ihre beiden Körper durch die Kleidung hindurch miteinander verschmelzen.

Ein dumpfes Dröhnen ließ sie erstarren, dann fuhr Viola zurück, als wäre zwischen ihnen ein elektrischer Funke übergesprungen. Jimmy und Luther hämmerten von innen gegen den Deckel des Kofferraums.

»Seien Sie vorsichtig«, sagte Tom in die Dunkelheit hinein. »Wenn Sie ein Polizist anhält, sagen Sie, dass Sie für mich einen Hausbesuch in einem Negerhaushalt abstatten. Wenn er Schwierigkeiten macht, bitten Sie ihn, mich zu Hause anzurufen.«

»In Ordnung«, versicherte ihm Viola. »Ich komme klar. Ich sehe Sie morgen.«

Als sie zur Fahrertür ging, durchzuckte ihn die Angst wie Dexedrin. Was wäre, wenn er sie nie mehr wiedersehen würde?

»Das will ich schwer hoffen, verdammt!«, sagte er.

Sieben Stunden später war sie da, wie immer perfekt angezogen und frisiert. Tom dagegen hatte die ganze Nacht hindurch nie mehr als ein paar Minuten am Stück geschlafen. Innerhalb einer einzigen Stunde hatte er mit einer schlichten, anständigen Tat seinen eigenen Stamm verlassen und seinen Beruf, sein Leben und seine Familie aufs Spiel gesetzt. Schlimmer noch: Nachdem er seine Gefühle für Viola jahrelang unterdrückt hatte, spürte er jetzt, wie sich in ihm etwas veränderte, wie eine Art tektonische Verschiebung stattfand, die nie wieder rückgängig gemacht werden konnte. Am Maßstab ihrer fortgesetzten gegenseitigen Leugnung aller Gefühle gemessen, waren diese wenigen Sekunden Umarmung in der Garage schon eine Art Vollzug, ein Eingeständnis, dass zwischen ihnen etwas so Mächtiges gewachsen war, dass sie in ständiger Furcht davor lebten, etwas, das so gefährlich war, dass es ihr gegenwärtiges Leben davonschwemmen konnte.

»Dr. Cage, sind Sie das?«, fragte eine gedämpfte Stimme.

Tom zwinkerte verwirrt. Dann begriff er, dass jemand an das Fenster seines Autos geklopft hatte. Draußen stand ein Mann von etwa fünfzig Jahren und wartete darauf, dass Tom die Scheibe herunterließ.

»Dachte ich mir doch, dass Sie es sind!«, rief der Mann erfreut, als Tom auf den Knopf für den Fensterheber drückte.

Die letzten Erinnerungsfetzen an Viola wurden vom Wind fortgetragen, der ins Auto wehte, als die Scheibe in der Türfüllung verschwand.

»Was machen Sie denn in dieser Gegend der Stadt, Doc?«, fragte der Mann, als hätte er Tom bei einer heißen Affäre erwischt. »Ich wette, Sie denken an alte Zeiten zurück, stimmt’s?«

Konnte es sein, dass seine Gedanken so leicht zu lesen waren?

»Sie erkennen mich nicht, was?«, fragte der Mann.

»Äh …«

»Jim Bateman! Sie waren mein Arzt. Ich bin hier um die Ecke aufgewachsen, gleich da drüben. Ihre Labordame hat mir manchmal Milchshakes gemacht, mit dem Mixer für den Bariumbrei.«

»Oh«, sagte Tom, der sich verschwommen an einen dicklichen Jungen erinnerte, der immer an die Hintertür hämmerte, bis ihn jemand hereinließ. »Jim. Natürlich erinnere ich mich an Sie.«

»Ich hab recht, was? Sie haben an Ihre alte Praxis da gedacht. Nicht wahr?«

»Stimmt«, sagte Tom leise.

»Das ist jetzt nur noch ein ganz gewöhnliches Wohnhaus«, klagte Bateman. »Scheint mir nicht richtig. Als Sie noch hier waren, war es hier immer voller Leute. Der ganze Häuserblock ist einem so lebendig vorgekommen. Jetzt ist es nichts als ein verschlafenes altes Haus.«

»Das ist ein bisschen verwirrend.«

Bateman schaute auf die Farbe, die von dem ehemaligen Praxisgebäude abblätterte. »Wissen Sie, an wen ich manchmal denke?«

»An wen?«

»An die schwarze Krankenschwester, die Sie hatten. Miss Viola. Die war so nett. All die Jahre habe ich sie nicht vergessen.«

Tom nickte erstaunt.

»Was ist wohl aus ihr geworden?«

»Sie ist nach Chicago gezogen.«

»Wirklich?«

Er nickte lahm.

»Nun, da haben Sie eine gute Kraft verloren. Haben Sie je wieder was von ihr gehört?«

Tom schluckte und versuchte, die Fassung zu wahren. »Sie ist gestorben, Jim.«

»Oh … sagen Sie bloß. Wann war das?«

»Heute Morgen.« Zum ersten Mal brach die ganze Wucht von Violas Tod über Tom herein. Erst jetzt begriff er, was mit ihr alles aus der Welt verschwunden war.

»Was?«, fragte Bateman, offensichtlich verwirrt. »In Chicago, meinen Sie?«

»Nein.« Endlich schaute Tom auf, in die erstaunten Augen des Mannes. »Hier in Natchez. Sie war sehr krank. Sie ist zum Sterben nach Hause gekommen.«

Bateman schüttelte verwundert den Kopf. »Verdammich noch mal. Das … das tut mir richtig weh da drinnen. Bisschen wie damals, als Hoss in Bonanza gestorben ist. Verstehen Sie?«

»Ich verstehe.«

»Kein Wunder, dass Sie heute hier draußen sind.« Bateman klopfte ihm auf die Schulter. »Es tut mir leid, dass ich Sie gestört habe, Doc. Ich lasse Sie jetzt in Ruhe. Ich rede einfach verdammt zu viel. Meine Frau sagt mir das dauernd.«

»Nein, ich freue mich, dass Sie stehen geblieben sind. Es ist gut, zu wissen, dass Leute sich an Viola erinnern. Passen Sie auf sich auf.«

Bateman winkte und ging langsam nach Norden die Monroe Street hinauf, schaute von einer zur anderen Seite wie ein Mann, der seinen Wohnort zum ersten Mal richtig wahrnimmt.

Tom griff nach unten und legte den Vorwärtsgang ein, ließ dann die gekrümmten Finger fallen, während er vom Bordstein wegfuhr und mit der linken Hand lenkte. Zum ersten Mal seit vielen Jahren begann er zu weinen.

Kapitel 6

Henry Sexton saß an seinem Schreibtisch beim Concordia Beacon in Ferriday, Louisiana, als die Empfangsdame ein Gespräch zu ihm durchstellte und vom Empfangstresen herüberrief, es sei wichtig.

»Wer ist es?«, brüllte er durch die offene Tür der Nachrichtenredaktion.

»Der Bezirksstaatsanwalt von Natchez!«, rief Lou Ann Whittington zurück.

Henry runzelte die Stirn und legte die Hand auf den Hörer, hob aber nicht ab. In zwei Stunden sollte er das wichtigste Interview seines Lebens führen. Er wollte nicht riskieren, dass ihn jemand davon ablenkte, besonders nicht Shadrach Johnson, der nur anrief, wenn er etwas von einem wollte – gewöhnlich öffentlichkeitswirksame Werbung.

»Haben Sie’s?«, rief Lou Ann.

Henry fluchte und nahm den Hörer ab. »Henry Sexton.«

Ohne Vorrede fing Shad Johnson an: »Mr. Sexton, es ist mir zu Ohren gekommen, dass Sie kürzlich eine Frau namens Viola Turner interviewt haben. Stimmt das?«

Henry zwinkerte überrascht und schaute dann zum Sportredakteur, der ihm eine Grimasse schnitt. »Das stimmt. Ich habe zweimal mit ihr geredet.«

»Könnten Sie mir etwas über die Art der Fragen sagen, die Sie ihr gestellt haben?«

»Ich habe Sie im Zusammenhang mit einem Artikel befragt, an dem ich gerade arbeite.«

»Worum geht es in dem Artikel?«

Henry spürte, wie ihm das Blut in die Wangen schoss. »Ohne dass ich mehr weiß, muss ich Sie leider in diesem Punkt enttäuschen, Mr. Johnson.«

»Sie müssen in mein Büro kommen. Betrachten Sie das bitte als förmliche Anfrage.«

Henry wurde eng um die Brust. »Ich bin Bürger von Louisiana, Mr. Johnson. Sie dagegen sind Bezirksstaatsanwalt in Mississippi. Warum sagen Sie mir nicht, worum es geht?«

»Viola Turner ist tot. Sie wurde heute Morgen getötet.«

»Getötet?« Henry spürte die schwindelerregende Orientierungslosigkeit, die ihm immer vertrauter wurde, je älter er wurde; sie überkam ihn stets, wenn er hörte, dass jemand gestorben war, mit dem er erst vor ein, zwei Tagen gesprochen hatte. »Sind Sie sicher? Sie war todkrank.«

»Ich verlasse mich in dieser Sache auf den Beamten, der die Todesursache untersucht, Mr. Sexton. Die Leiche ist gerade auf dem Weg nach Jackson, zur Obduktion. Das ist jetzt nicht für die Veröffentlichung gedacht, aber es sieht nach Mord aus.«

Die Kälte kroch Henry bis ins Mark und ließ ihn zittern.

»Ich möchte, dass Sie in fünfundvierzig Minuten hier sind, Mr. Sexton. Bis dahin bin ich beim Sheriff. Aber ich muss mit Ihnen reden. Auf Wiederhören.«

»Warten Sie! Die Uhrzeit ist für mich ein Problem. Ich habe in zwei Stunden eine ungeheuer wichtige Verabredung. Wir könnten uns doch sicher später am Nachmittag unterhalten? Ich kann mir ohnehin nicht vorstellen, wie ich Ihnen helfen könnte.«

»Die Detektive des Sheriffs haben am Tatort einen Camcorder entdeckt, Sexton. Darauf steht ›Eigentum des Concordia Beacon‹. Haben Sie den in Mrs. Turners Krankenzimmer hinterlassen?«

»Äh … ja, Sir.«

»Das ist einer von den Punkten, über die wir sprechen müssen. Sollte eine Kassette in diesem Camcorder gewesen sein?«

»Ich denke, ja.«

»Nun, es war keine mehr drin. Auch sonst nirgends im Haus. Der Camcorder lag auf dem Boden, und es hatte jemand das Stativ umgeworfen. Die Fernbedienung haben wir allerdings im Bett der Toten gefunden.«

Henry schaute auf die Uhr. Natchez war zwölf Meilen entfernt, nur eben über den Mississippi. »Wie lange brauchen Sie mich?«

»Wir sollten in einer halben Stunde fertig sein.«

Henry stieß geräuschvoll die Luft aus und strich sich über seinen ergrauenden Kinnbart. »Okay. Ich bin in fünfundvierzig Minuten da. Aber eine halbe Stunde später muss ich wieder weg. Darüber lasse ich nicht mit mir handeln.«

»Kommen Sie pünktlich, und reden Sie mit niemandem darüber. Es ist ein sehr heikler Fall.«

Henry fluchte und legte auf. Er wünschte, er wäre gar nicht erst an den Apparat gegangen. Warum ausgerechnet heute? In zwei Stunden würde zum allerersten Mal ein Doppeladler die Verbrechen der Gruppe in einem Interview mit ihm aktenkundig machen. Henry hatte Wochen gebraucht, um das Gespräch zu arrangieren, das im Geheimen stattfinden würde. Er konnte es nicht riskieren, diese Möglichkeit zu vertun. Wenn man Viola Turner tatsächlich ermordet hatte, dann war das Interview noch wichtiger als zuvor.

»Was ist los, Henry?«, fragte Dwayne Dillard, der Sportredakteur. »Du siehst aus, als hättest du ein Gespenst gesehen.«

»Es ist nichts«, log er, hatte aber seine verworrenen Gedanken nur halb unter Kontrolle.

Henry schaute sich in der kleinen Nachrichtenredaktion um, nahm seinen Mantel von der Rückenlehne seines Stuhls und rannte zu seinem Ford Explorer hinaus. Er konnte unmöglich noch eine halbe Stunde in diesem Gebäude sitzen und warten, wenn so viel passierte. Er hatte keine Ahnung, wo er hinwollte, fuhr in die First Street zurück und dann in die Innenstadt von Ferriday. Im CD-Player spielte Little Walter die Blues-Harmonika und jaulte mit einer Leidenschaft, die in der Gemeinde Rapides, nur knapp fünfzig Meilen von Ferriday entfernt, entstanden war. Henry grölte ein paar Zeilen des Liedes mit. Er dachte eigentlich nicht einmal nach, folgte einfach den Straßen seiner verfallenden Stadt mit ihren halb heruntergelassenen Fensterläden.

Irgendwie jagte Henry die Doppeladler schon seit über dreißig Jahren. Seine Exfrau behauptete, diese Obsession habe ihn seine Ehe gekostet, und wahrscheinlich hatte sie recht. Und doch hatte sich Henry geweigert, seine Mission aufzugeben. In den letzten fünf Jahren hatte er auf den Seiten der kleinen Wochenzeitung, die er als Junge mit dem Fahrrad ausgetragen hatte, Artikel über diese Gruppe veröffentlicht, die er für die tödlichste inländische Terrorzelle der amerikanischen Geschichte hielt. Und allmählich horchten die Leute auf. Henrys Erfolge bei der Recherche hatten bestimmte Regierungsinstitutionen in Verlegenheit gebracht – zum Beispiel das FBI –, und die hatten ihn das spüren lassen. Zusammen mit Jerry Mitchell vom Jackson Clarion-Ledger hatte Henry das FBI dazu gedrängt, sehr verspätet eine Sondereinheit für ungeklärte Fälle einzurichten, die sich mit nicht gelösten Mordfällen aus der Zeit der Bürgerrechtsbewegung beschäftigte. Doch obwohl das FBI unendlich viel mehr Ressourcen für die Recherche hatte als er, schien Henry immer einen Schritt voraus zu sein.

Die Doppeladler waren ein Paradebeispiel. Die Gruppe wurde 1964 gegründet und war eine ultrageheime Splittergruppe der Weißen Ritter des Ku-Klux-Klan. Nach Henrys Berechnung hatten die Doppeladler mehr als ein Dutzend Menschen umgebracht, und doch waren sie sogar zu einer Zeit, als das FBI in Mississippi Unmengen von Informanten in sämtliche Strukturen des Klan eingeschmuggelt hatte, immer der Verhaftung durch das Justice Department entgangen. In einundvierzig Jahren hatte man die Namen von nur sehr wenigen Mitgliedern herausgefunden, und keiner war je bestätigt worden. Keinen Doppeladler hatte man je wegen eines rassistisch motivierten Verbrechens verurteilt, einige hatten sogar als Polizisten gearbeitet. Henry hatte wiederholt versucht, angebliche Mitglieder der Gruppe zu interviewen, aber sie hatten entweder mit Schweigen oder mit Aufsässigkeit auf seine Fragen reagiert. Als er beharrlich mit seinen Untersuchungen weitermachte, stellte Henry fest, dass ihn alle möglichen Leute ächteten – manche waren Rassisten, andere normale Bürger, die es ihm übelnahmen, dass er »ohne guten Grund die Vergangenheit wieder aufwühlte«.

Einmal hatte ihm ein gedrungener weißer Redneck13 im örtlichen Winn-Dixie-Supermarkt eine runtergehauen, und ein mutiger Regalauffüller hatte ihn von Henry trennen müssen. Aber jetzt – nachdem er sich jahrelang gewissenhaft darum bemüht hatte, die Wahrheit von der Legende zu trennen – hatte Henry endlich das Unmögliche möglich gemacht: Er hatte einen Doppeladler dazu überredet, aktenkundig zu werden. Um elf Uhr an diesem Morgen würde er sich mit einem Siebenundsiebzigjährigen namens Glenn Morehouse treffen. Und wenn Morehouse sein Versprechen wahrmachte – das er unter dem Schatten einer lebensbedrohlichen Krebserkrankung gegeben hatte –, würde er als erster Doppeladler sein Schweigegelübde brechen und durch Hass motivierte Verbrechen gestehen, unter anderem Überfälle, Brandstiftung, Vergewaltigung, Folter, Entführungen und Mord.

Wie die meisten seiner gewalttätigen Gesinnungsbrüder war Glenn Morehouse in einer Baptistenkirche groß geworden, in der ständig von Höllenfeuer und Schwefel gepredigt wurde. In sein Herz war die Gewissheit eingebrannt, dass nach dem Tod die Seele entweder in den Himmel aufstieg oder in die Hölle hinabfuhr. Und nach dieser Lesart konnte niemand in den Himmel kommen, der nicht zuvor seine Sünden gebeichtet und aufrichtig bereut hatte. Henry war es gleichgültig, was Morehouse dazu bewegt hatte, endlich den Mund aufzumachen; er wollte nur dabei sein, wenn die Wahrheit herauskam. Denn wenn ein Doppeladler je wirklich die Wahrheit erzählte, würden vielleicht in einer einzigen Stunde Dutzende von Mordfällen gelöst, würden ein Dutzend Familien endlich nach Jahrzehnten des Leidens Frieden und Ruhe finden.

Seit er im Morgengrauen dieses geheime Interview bestätigt hatte, war Henry unfähig gewesen, sich zusammenzunehmen. Als er an diesem Morgen am Schreibtisch saß, hatte ihn das kleinste Geräusch im Büro aufschrecken lassen.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Natchez Burning" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen