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Narrativ predigen

Vorwort

Über dieses Buch

Ich habe in meinem Berufs-Leben an jedem Sonntag gepredigt – 40 Jahre lang. Mit Kasual-Ansprachen sind es schätzungsweise rund 5000 Predigten. Immer habe ich versucht, auch theologisch und methodisch am Ball zu bleiben, zu reflektieren, die Wirkung in der Gemeinde zu studieren und hinzuschauen, was bei HörerInnen wie ankommt, was theologische Verantwortung heißt, wie Praktische Theologie, als das theoretische Gebäude, in Gemeinde-Arbeit umgesetzt werden kann.

Ein Ergebnis meiner Arbeit an der Predigt habe ich in diesem Buch dargestellt. Vielleicht ermutigt es andere PredigerInnen, etwas davon auszuprobieren und genauso gute Erfolge damit zu erzielen (Erfolg heißt in diesem Fall: positive Reaktionen und wiederkommende HörerInnen), wie sie mir beschieden waren. Dafür bin ich dankbar.

Ein erster Teil – der Schwerpunkt dieses Buches – bietet Informationen über die Geschichte, die Struktur und Grundlagen sowie die Absicht narrativ-relationaler Predigt. In einem zweiten Teil werden einzelne biblische Predigtabschnitte für eine narrativ-relationale Auslegung übersetzt, und es werden verschiedene Zugänge zu den Texten – im Kontext des Gottesdienstes – vorgestellt. Im dritten Teil werden ausgewählte theologische Sachfragen, die in diesem Buch eine Rolle spielen, aus meiner ganz eigenen Perspektive erörtert. Es soll helfen, mein Vorverständnis und die Entscheidungen, die für mein narratives Predigen wichtig sind, transparent zu machen. Ich platziere sie im letzten Teil des Buches, um vorher den Lesefluss nicht durch theologische Grundsatzerwägungen zu unterbrechen, aber auch deshalb, weil manche Leserinnen und Leser möglicherweise zu dem einen oder anderen von mir hier angesprochenen Thema andere Auffassungen haben.

Über narrative Predigtarbeit, so wie ich sie hier vorstelle, gibt es im deutschsprachigen Raum nur wenig Literatur. Darum lohnt es sich, dazu etwas zur Verfügung zu stellen: aus der Praxis gewonnene Überzeugungen.

Seelsorger, Prediger und Erwachsenenbildner zu sein, sind meine Haupt-Leidenschaften und haben mich im Berufsleben als Theologe im Pfarramt in Stadt- und Landgemeinden angetrieben – je nach den Bedürfnissen der Gemeinden mit wechselnden Schwerpunkten.

Dieses Buch möchte – auch sprachlich – der Tatsache Rechnung tragen, dass Gott den Menschen als Mann und als Frau erschaffen hat. Beide Geschlechter gehören zum Volk Gottes, beide übernehmen Dienste in der Gemeinde: predigend, lesend, singend, hörend. Ich habe mich daher bemüht, die weibliche und die männliche Form möglichst gleichberechtigt zu nennen, und dies in verschiedenen Variationen. Das führt gelegentlich zu „Wortungetümen“ und einer holprigen, gewöhnungsbedürftigen und auch nicht immer konsistenten Ausdrucksweise. Dafür bitte ich meine Leserinnen und Leser um Verständnis und Nachsicht. In diesem Punkt ist mir das Sachanliegen wichtiger als die stilistische Eloquenz.

Ich würde mich freuen, wenn Sie dieses Buch gern lesen. Viel Freude und viel Segen wünsche ich Ihnen.

Ein herzliches Dankeschön gilt meinem Lektor Ekkehard Starke für seine Geduld, Sorgfalt und konstruktive Beratung.

Kleinostheim, Januar 2018

Joachim Pennig

 

Inhalt

Vorwort

Über dieses Buch

Teil I – Grundlagen

Blitzlichter zur Geschichte

Warum narrativ?

Doch wie soll das gehen?

Warum relational?

Was ist eine gute Predigt?

Narrativ-relational

No-says und Do-says

Theologische Entscheidungen

Herz und Hirn und Bauch

Das Grundverständnis von narrativ

Teil II – Beispiele

Predigtabschnitt: 1. Mose 28,10-19

Predigtabschnitt: 1. Sam 2,1-2.6-8

Predigtabschnitt: Jes 49,1-6

Zu Lk 2

Predigtabschnitt bei Lk 17

Predigtabschnitt: Joh 1,16-18

Predigtabschnitt: Apg 16,9-10

Predigtabschnitt: 1. Kor 15,19-28

Predigtabschnitt: 2. Kor 4,3-6

Zum Predigtabschnitt Eph 3, in Auswahl

Predigtabschnitt: Hebr 10,19-25

Predigtabschnitt: Offb 5,1-5

Narrativ-relationale Übersetzungen

Jes 9,1-6, vorsichtige Übersetzung

Jes 9,1-6, transformative Übersetzung

Jes 9,1-6, narrativ-relationale Übersetzung

Jes 11,1-2, narrativ-relationale Übersetzung

Mi 5,1-3, narrativ-relationale Übersetzung

Sach 2,14-17, narrativ-relationale Überetzung

Tit 2,11-14, narrativ-relationale Übersetzung

Mt 1,18-25, verschieden aufgearbeitet

Nachrichten

Kabarettstil

Talkshow-Stil

„Text“-Bearbeitung

Homiletische Strukturübersicht – Predigt

Teil III – Anhang

Theologische und homiletische Anmerkungen

1 Die Bibel ist ein Glaubensbuch

Verbale Inspiration

Der Umgang mit dem absoluten Wahrheitsanspruch

Das theologische Problem

Gemeinsam sind folgende Grundgedanken allen Religionen auf der ganzen Welt:

Endlichkeit und Demut

Und für mich

3 Woher kommt das Wort „Gott“?

Die Grundfragen

Schöpfung heißt Entwicklung

Einfach – Genial

Im Anfang war Gott

Only bad news are good news

4 Die geheimen Listen

5 Engel

6 Geliebte Gemeinde

7 Die Kontinuität der Predigt

Teil I – Grundlagen

Blitzlichter zur Geschichte

Die Geschichte der Narrativen Theologie beginnt mit der Weitergabe der religiösen Inhalte und ist in der jüdisch-christlichen Religion auf die Zeit ca. 1200 v. Chr. grob einzuordnen. Sie ist der orientalischen Weise geschuldet, wie man lebenswichtige Inhalte an die nächste Generation weitergegeben hat: Gesetze, Ethik, Sippenregeln, wo Brunnen sind (für Nomaden in der Wüste überlebenswichtig!) u. a. Man lese dazu Elsa Sophia von Kamphoeveners „An Nachtfeuern der Karawanen-Serail“. Es ist das Aufschlussreichste, was ich zu diesem Thema und zum Verständnis der Predigt Jesu gefunden habe. Eine in Erzählungen verpackte Wahrheit ist zum einen leichter zu merken (die Gehirnforschung hat das erklärt), zum Zweiten ist die mitzuteilende Wahrheit bei jeder Erzählung leicht an die aktuelle Zuhörersituation anzupassen (Verstärkung des situativen Wahrheitsgehalts) und damit leicht zu rezipieren.

Diese orientalische Erzähltradition finden wir reichlich im Alten Testament, und an sie hat Jesus von Nazareth angeknüpft. Deshalb ist auch das Neue Testament voller Geschichten. Was Rudolf Bultmann später mit dem oft missverstandenen Begriff „Entmythologisierung“ deutlich machen wollte, ist nichts anderes als dies, dass die Wahrheit „IN“ den Geschichten steckt und als Wahrheit dort entdeckt werden will, ent-mytologisiert, entschlüsselt werden will, weil sie per narrativer Theologie weitergegeben wurde und es nicht auf die Geschichte an sich ankommt, sondern auf die Wahrheit, die damit transportiert wurde.

Als sich das Christentum – vielleicht festzumachen an den Missionsreisen des Paulus – mit seinem Schwerpunkt vom Orient auf den Okzident verlagerte und vom orientalischen auf das griechisch-philosophische Denken wechseln musste, um verstanden zu werden, was ein wesentliches Verdienst des Johannesevangeliums war, wurde das Narrative in den Hintergrund gedrängt. Es ging stärker um Begriffe, Definitionen, Systeme. Der Streit der sieben mediterranen Theologenschulen um die Vormacht beförderte diese Tendenz. Und als sich schließlich Rom als führende theologische Macht flächenmäßig durchsetzte, war Recht wichtiger als Richtig. So begann eine 2000 Jahre anhaltende Suche nach der „absoluten Wahrheit“ in Begrifflichkeiten und Streitschriften, in akademischen Disputen und ängstlicher dogmatischer Absicherung.

Die Erzähllieder in den ersten lutherischen Gesangbüchern ( Muster: Vom Himmel hoch …) gehören vielleicht zu den ersten Zeugen Narrativer Theologie der Reformationszeit. Mit der „Volkspredigt“ in der Landessprache als Bildungsangebot besann sich die Kirche auch der biblischen Tradition des Erzählens neu. „Die biblischen Geschichten“ zu erzählen, gewann speziell im Pietismus ein bis heute hohes Ansehen und ist in Religionsunterricht und Kindergottesdienst noch immer weit verbreitet. Und ich bin froh darüber.

In der Predigt galt jedoch das Erzählen eher als verpönte Tugend, als kindisch und einfältig und so, als hätte der Prediger nichts Richtiges zu sagen. Predigt war ja die Fortsetzung des Katheder-Vortrags von Professor Luther und seinen Freunden. Die historisch-kritische Methode der Exegese verleitete zusätzlich zu einem wissenschaftlichen Vortrag über das Wort Gottes und erreichte damit auch vielerorts wirklich einen sehr hohen theologischen Bildungsstand und eine beachtliche Bibelkenntnis bei den Hörerinnen und Hörern.

Erst im Zeitalter der Medien, als Erzählen mit Wort und Bild wieder einen öffentlich höheren Stellenwert errang, besann man sich auch in der Theologie wieder dieser Tugend. „Die Beispielgeschichte“ aus dem Alltag wurde in der Predigt salonfähig. Ich erinnere mich noch gut: Als ich zu studieren begann, hörte ich viele Predigten, die in etwa so anfingen: „Als ich heute früh im Radio hörte“ oder: „Auf dem Weg zum Gottesdienst heute“. Damit brachten die Prediger(-Innen gab es damals noch nicht auf den Kanzeln) die Aktualität ihrer Predigt zum Ausdruck. Aber das war und ist noch keine narrative Predigt, wie wir in diesem Buch sehen werden. Und das „Wort zum Sonntag“ ist bis heute das dem Medium unangemessenste Sendungsformat im gesamten Fernsehprogramm, weil es auf die vielen erzählerischen Möglichkeiten durch Bilder vollständig verzichtet, um sich allein mit dem Wort zu begnügen.

An den theologischen Fakultäten gab es immer wieder einmal Versuche dazu in der Praktischen Theologie und in der christlichen Publizistik, aber die Konkurrenz der einzelnen Disziplinen war doch recht ausgeprägt und verhinderte wohl die damit nötige Teamarbeit. So erinnere ich mich an einen Professor während meines Studiums: Als studentischer Vertreter der Fakultät versuchte ich eine interdisziplinäre Diskussion zu aktuellen Zeitthemen zu organisieren. Jener Professor antwortete auf meine Anfrage mit den Worten: „Da kann ich mich ja gar nicht richtig profilieren. Da mache ich nicht mit.“ Ich denke, dass das ein Schlaglicht auf das Wissenschaftsgefühl dieser Zeit wirft.

Mein damaliges Anliegen aber hat mich nicht losgelassen. Es zeigte sich umso mehr, je tiefer ich in die Gemeindearbeit einstieg. Theologie braucht die Zusammenschau aller Einzeldisziplinen, wenn sie zeitgemäß auf die Fragen und Nöte der Menschen Antworten bereitstellen will. So begab ich mich auf die Suche. Sogenannte „Glaubenskurse“, die es wie Sand am Meer auf dem religiösen Büchermarkt gab, erlebte ich nicht als hilfreich, um eine religiöse Haltung zu bekommen, mit deren Hilfe die Lebensdeutung des Alltags im christlichen Kontext gelang.

Eine theologisch bedeutsame Grundlegung für ein narratives Predigen war die neutestamentliche Gleichnisforschung der Siebziger- und achtziger-Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Sprachliche Untersuchungen der Gleichnisreden Jesu, auch mit den Instrumentarien der Literaturwissenschaft und der Kommunikationsforschung, machten deutlich, dass Jesus Geschichten erzählte, in denen das Reich Gottes – im wahren Sinne des Wortes – zur Sprache kam.1 Seine Gleichniserzählungen sind Glanzstücke Narrativer Theologie und keine dogmatisch-lehrhaften Weisheiten. Sie erzählen Geschichten aus der Alltagswelt der Hörerinnen und Hörer, verfremden und überbieten diese (s. etwa das bekannte Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg und sein verblüffender Schluss) und lassen so Gottes neue Wirklichkeit in unsere Welt scheinen. Exegetische und hermeneutische Weiterentwicklungen dieses Ansatzes fanden schließlich auch eine produktive Weiterentwicklung und Aufnahme in der Praktischen Theologie2 und haben das Arsenal guter Werkzeuge für eine Predigtgestaltung fruchtbar und nachhaltig bereichert.

Es könnte ein Buch von Hans-Peter Dürr gewesen sein, das dann den letzten Ausschlag gab und mich auf die Idee brachte, ein narratives Gesamtkonzept zu entwickeln. Das ging dann schnell, denn die wöchentliche Predigtarbeit gab ein großes Trainings-Feld ab. Und ich entdeckte bald, dass viele Gemeindeglieder sehr positiv darauf reagierten. Nicht aufs Geschichten Erzählen an sich, sondern auf die Theologie, die damit nutzbar wurde: in neuer Weise verständlich, anschaulich, greifbar, mitteilbar. Vergeblich suchte ich damals nach grundlegenden Werken zu diesem Thema. So arbeitete ich selbst daran weiter.

Gleichzeitig entdeckte ich immer stärker die Bedeutung der Beziehung in der Theologie: Schöpfung ist Beziehung; Glaube ist Beziehung; Liebe ist Beziehung. Es lag also nahe, die Verbindung zur Narrativen Theologie anzuschauen. Das Ergebnis liegt hier vor: der narrativ-relationale Ansatz in der Predigtarbeit.

Ludwig Wittgenstein soll gesagt haben: An Gott glauben heißt sehen, dass das Leben einen Sinn hat. Dieses Sehen aus dem Hören einer Predigt zu gewinnen, beschreibt gut, was narrativ-relationales Predigen meint: Theologie als Ganzes in nachvollziehbaren Sprachbildern.

Warum narrativ?

Theologie ereignet sich. Theologie ist kein System, das künstlich erfunden, entwickelt, herausdiskutiert wurde, sondern ist Teil des Lebens-Gens, der DNS des Menschseins und von der Schöpfung selbst darin implantiert, als Teil der Funktionalität des Lebens in der vielfältigen sozialen Komponenten-Ebene des Menschen. Theologie benennt, misst, zählt, beschreibt diese Elemente des Menschseins, wie die Naturwissenschaften das mit anderen Phänomenen der Welt tun. Theologie ist deshalb insgesamt, wie Religion überhaupt, keine Anreihung ethisch-moralisch guter Taten, sondern eine Haltung, nicht Buchstabe – von dem wir wissen, dass er tötet! –, sondern ein inneres Ausgerichtet-sein – eben Geist, der lebendig macht, zum Leben hilft, führt. In diesem Sinne ruft Jesus auch zur Buße, zu meta-noia, zur immer wieder neuen „Hinwendung des Geistes“ und Ausrichtung des Daseins am Urgrund des Lebens selbst, wofür die Theologie die Kurzbezeichnung „Gott“ (vom Wort her ursprünglich ein Ausruf des Staunens3) eingeführt hat, um es sprachfähig zu machen. So sagt schon Augustin sinngemäß in den „Confessiones“: ‚Von Gott kann man nicht reden; doch wehe dem, der von ihm schweigt.‘ So beginnt alle Rede und Erkenntnis von Gott mit dem Staunen.

Man stelle sich einen Kompass vor, dessen Nadel sich ausrichten will zwischen dem magnetischen Nord- und Südpol entlang der Kraftlinien des Magnetfeldes der Erde. Dieses Bestreben der „Kompassnadel unseres Menschseins“, das ist die Theologie, das ist die Kraft der Religion. Das Kraftfeld, an dem sich der Mensch innerlich ausrichten will, ist das Leben in Glück und Frieden und Gerechtigkeit, das nur dann so funktioniert, wenn es im Zusammenleben geschieht und wenn es sich ausrichtet nach den Ordnungen und Gesetzmäßigkeiten, die das Leben selbst in uns so angelegt hat.

Wie das gehen kann, das beschreibt, erforscht, wiegt und misst die Theologie, um es den Menschen verfügbar zu machen. Und deshalb macht sie nichts anderes als alle Naturwissenschaft auch. Und deshalb fühle ich mich, in meinem Herzen Naturwissenschaftler, so wohl bei der Theologie.

Der Fundamentalismus ist deshalb so weit weg von der Theologie und von der göttlichen Erkenntnis, weil er diese fundamentale Wahrheit nicht erfasst und die Kompassnadel ständig zu beeinflussen sucht, um vermeintlich die Richtung mit moralistisch-gesetzlichen, ängstlich-machtorientierten Maximen an den eigenen Bedürfnissen und Ängsten selbst festzulegen. In diesem grundsätzlichen Verständnis ist der Fundamentalismus auf der ganzen Welt, egal in welcher Religion, gleich, und ich halte ihn überall für gleich ungeeignet und in seiner Ausrichtung für lebensbehindernd oder gar zerstörend. Das sind auch meine Erfahrungen aus der Seelsorge.

Theologie, wie sie von mir verstanden wird, sucht also nicht danach, den Menschen im Sinne einer absoluten Wahrheit mit Hilfe von Gesetzen den richtigen Weg zu zeigen, sondern sie will Menschen eine Haltung vorleben, aus der sie spüren, erfahren, erleben, wie sie diesem großen Ziel näherkommen, dass alle Schöpfung in Frieden, Gerechtigkeit und Glück leben kann. Eben nach dem Willen Gottes.

Dieser Wille Gottes hat doch ein wunderbares Ziel. Er geht vom gleichen Lebensrecht aller aus. Er ist von sich aus gewaltfrei. Er ist in sich gerecht und angstfrei, nachhaltig und ökologisch, global und wahrhaftig. Können Sie sich Besseres vorstellen? Ich nicht. Deshalb bin ich Christ und arbeite in Kirchengemeinden mit, schreibe dieses Buch und versuche mit Menschen darüber ins Gespräch zu kommen.

Machthungrige Egoisten sind die größte Gefahr für unsere Welt. Denn sie verwandeln mit ihrem Streben nach Ungleichheit alles, was dem Guten dienen könnte, ins Böse. Dass es an vielen Orten der Welt so schlimm aussieht, ist nicht Gott in die Schuhe zu schieben, sondern uns selbst!

Doch wie soll das gehen?

Ja, ich weiß, ich bin ein Phantast und Träumer, ein Optimist und Weltverbesserer, ein Menschenversteher und Gutmensch, und ich will es sein und bin stolz auf jeden Moment, wo es mir gelingt, so zu sein.

Aber haben Sie schon mal darüber nachgedacht, warum all diese Begriffe heutzutage als „Schimpfwörter“, als Negativbezeichnung benutzt werden? Es scheint doch Kräfte zu geben, die sich etwas davon versprechen, das Gute schlechtzumachen. Sensationslust statt Harmonie und Glück. Aber niemand ist gezwungen, mitzuspielen bei diesem Spiel. Denn alle, die mitspielen, sind am Ende die Verlierer. Im System der gnadenlosen Egoisten, die nicht verstehen, sondern beherrschen, die nicht träumen, sondern bestimmen, die nicht hoffen, sondern beschneiden, die nichts verbessern, sondern ausbeuten, die nicht gut sein wollen, sondern stolz sind auf ihre vernichtende Stärke – in diesem System heißt das Ziel, dass der Stärkste überlebt und der Schwächere untergeht. Und überleben kann in diesem System letztlich nur ein Einziger oder eine Einzige, und der/die wird am Ende nicht leben können.

Ich glaube, dass ein wichtiges Element dafür, dass es in unserer Welt besser wird, die Predigt in der Gemeinde ist, in Reden und Hören, begleitet von Erwachsenenbildung und seelsorgerlich orientierten Gesprächen, um die gute und zum Guten anregende Haltung weiterzusagen, zu hören, zu begreifen, zu lernen und einzutrainieren und dann miteinander zu üben. Und dazu ist die narrativ-relationale Predigt ein wichtiger Baustein. Denn sie erzählt, teilt sich mit, stellt zur Diskussion, öffnet sich: nicht um belehren zu wollen, sondern um zu zeigen, um ein Angebot zu machen, um einzuladen, um sich selbst dem Nächsten zu stellen, damit die Vielen überleben.

Warum relational?

Alle Erfahrungen, die ich in Leben und Amt gemacht habe, haben mich darin bestärkt, dass die Welt nur „in Beziehung“ funktioniert, also: relational. Dinge und Menschen bekommen einen Wert, wenn ich mich zu ihnen in Beziehung setze.

In Beziehung sein ist dabei zu unterscheiden von dem, was heute „vernetzt“ heißt. Vernetzt ist man ohne Beziehung, denn Vernetzung ist noch keine Qualität und hat auch zunächst keine. Es ist allein die Beschreibung von kommunikativen Verbindungen auf unverbindlichem Weg, heute meist auch virtuell. In der Vernetzung ist es gleichgültig, ob ich die anderen in ihrer menschlichen Qualität wahrnehme, in ihrem So- und-nicht-anders-Sein. Das unterscheidet sich von einer Beziehung, die hinschaut, um den Menschen zu sehen, seine Stärken und Schwächen, seine Kompetenzen und Fehler, seine Sehnsucht und Verzweiflung – um ihn mit all dem anzunehmen als Gegenüber, als Mensch an der Seite, als PartnerIn, als jemanden, der mein Leben beeinflusst.

Beziehung korrespondiert mit dem Narrativen. Um in Beziehung zu treten, benenne ich Dinge, geben ihnen einen Namen, belege sie mit einem Begriff, kreiere ein Bild, spreche sie an, erfasse ihr Gefühl mit dem meinen. Das In-Beziehung-Treten baut die Welt und hält sie zusammen, gibt ihr Gesicht und Gewicht. Geschieht es nicht narrativ, wird es auch nicht relational. Geschieht es nur informativ, wird es bestenfalls eine Vernetzung. Vernetzung hat kein Herz, das ist ihr Kennzeichen und ihr Makel.

Deshalb ist es nicht überraschend, wenn der Atomphysiker Hans-Peter Dürr in seinem Buch über seine Lebenserkenntnis die Liebe – also das Basiselement der Theologie – als das Basiselement der Welt schlechthin bezeichnet.4 Denn die Liebe ist die reinste und qualitativ höchste Form der Beziehung überhaupt. Und nach Hans-Peter Dürr ist es die Liebe (auch als physikalischer Begriff erfasst), die die Welt in ihrem Innersten als letzte Kraft zusammenhält. Welche eine Erkenntnis! Es ist Gott, der die Welt hält!

„Relational“ teilt dabei gleich auch mit, dass Beziehung durchaus viele Gesichter haben kann. Es können festgelegte sein, wie zum Beispiel die Beziehung zwischen zwei Wasserstoffatomen (H2) und einem Sauerstoff-Atom (O). Wir kennen das als H2O = Wasser. Klar definiert, und doch kann diese gleiche Formel in ihren verschiedenen Aggregatszuständen sehr unterschiedliche Eigenschaften haben, in dem Fall temperaturabhängig. Und wir wissen, wie es sich auflösen und andere Verbindungen eingehen kann.

Relational können aber auch sehr vage Beziehungen sein, die über ein Gefühl, eine Ahnung oder einen Geistesblitz zustande kommen. Kaum messbar (oder wir haben noch keine Methoden dafür gefunden) und doch real etwas gegenseitig bewirkend.

Narrativ-relational predigen ist der Versuch, davon zu reden, wie differenziert und vielfältig Beziehungen sind und sein können, und diese Rede nicht im Zufälligen zu belassen, sondern gezielt einzusetzen für die Verkündigung dessen, was die tiefste Ur-Verkündigung überhaupt ist: die Verkündigung der Beziehung des in der Heiligen Schrift der Bibel beschrieben Dreieinigen Gottes zu den Menschen, in je konkreten Situationen.

Und das ist nur logisch und konsequent: Denn wenn es um den Urgrund, die Liebe geht, und dieser Urgrund sich in Beziehung äußert, die einfach der Welt mitgeteilt wird, schlicht da ist und wirkt, ohne konkret erfasst werden zu können – wie die Schwerkraft oder das Licht –, also narrativ in der Welt wirkt, dann folgt die Predigt damit einem guten Vorbild.

Doch zuvor noch ein paar Überlegungen zur Predigt überhaupt.

Was ist eine gute Predigt?

Natürlich fallen mir sofort Kriterien für eine geschliffene Rede ein. Aber ist das eine gute Predigt? Ich denke, dass ein sorgfältiger Umgang mit Sprache und eine ansprechende Gestaltung schon nötig sind, aber für eine Predigt kommen noch ganz andere Aspekte hinzu, die sehr viel schwieriger und vor allem „von außen“ nur bedingt einzuschätzen sind. Ich denke dabei an Kriterien wie:

  • zeitgemäße Bezüge zur konkreten Gemeindesituation
  • Berücksichtigung der Gespräche des Predigers während der Woche
  • Leben und Konzept einer Gemeinde
  • die in der Regel differenzierte Zuhörerschaft und deren sehr unterschiedliche Zugänge zu Bildern und Sprache
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