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Nächte wie Feuer, Tage wie Eis

1. KAPITEL

„Verdammt, Julia, geh ans Telefon!“, erklang die tiefe Stimme drohend auf dem Anrufbeantworter, und Julia Prentice zuckte zusammen, als der Anrufer kurz darauf offenbar wutentbrannt auflegte.

Seit zwei Monaten wich sie Max Rollands Anrufen jetzt schon aus, aber er hatte noch immer nicht aufgegeben. Er war kein Stalker oder so etwas. Nein, er war ein wütender Mann, der eine Erklärung dafür verlangte, warum sie seit ihrer gemeinsam verbrachten sehr erotischen Nacht nicht mehr mit ihm sprechen wollte.

Julias Antwort darauf war simpel. Sie wusste einfach nicht, wie sie Max sagen sollte, dass sie schwanger war.

„Oh, oh“, meinte Julias Untermieterin, als sie aus ihrem Schlafzimmer kam. Amanda Crawford war Julias beste Freundin und von Beruf Eventmanagerin. „Er klingt ja ziemlich sauer.“

„Ich weiß.“ Julia seufzte. Es war in ihren Augen sogar verständlich, dass Max wütend war. An seiner Stelle hätte sie genauso reagiert.

Amanda kam zu ihr, umarmte sie und meinte dann: „Du musst ihm von dem Baby erzählen.“

Klingt theoretisch nicht schlecht, dachte Julia. Sie sah ihrer Freundin ins Gesicht und begegnete deren mitfühlendem Blick. „Und wie soll ich das tun?“

„Sag es ihm einfach.“ Amanda setzte sich zu Julia, um nicht auf sie hinunterschauen zu müssen. Das musste sie ohnehin meist tun, denn Julia war klein und zierlich, während Amanda die Größe und Figur eines Models besaß. Abgesehen von kurzen blonden Haaren und hübschen grauen Augen, besaß Amanda auch ein gutes Herz.

„Leichter gesagt als getan“, erwiderte Julia und strich ihre hellgrüne Hose glatt.

„Du kannst nicht ewig warten, Kleines. Früher oder später sieht man es dir sowieso an.“

„Ich weiß. Aber diese Nacht, die ich mit ihm verbracht habe, war eine Ausnahmesituation. Ich meine, wir waren so heiß aufeinander, es ging alles so schnell, und dann war es passiert. Anschließend hat Max mir erklärt, er wäre lediglich an einem flüchtigen sexuellen Abenteuer interessiert.“

„Idiot.“

„Danke.“ Julia lächelte. „Auf jeden Fall dachte ich, die Sache wäre damit zu Ende. Max wollte unkomplizierten Sex, aber auf einen One-Night-Stand oder so etwas wollte ich mich nicht einlassen.“

„Klar.“

Julia legte den Kopf gegen die Stuhllehne und starrte an die Decke. „Das Baby verändert jetzt die Situation vollkommen, und ich weiß nicht, was ich tun soll.“

„Doch, das weißt du. Du willst es nur nicht tun.“

„Stimmt.“ Tief durchatmend fuhr Julia fort: „Er hat ein Recht darauf, von dem Baby zu erfahren.“

„Ja“, erklärte Amanda bestimmt.

„Okay. Ich sage es ihm morgen.“ Nachdem die Entscheidung getroffen war, fühlte Julia sich schon ein wenig besser. Schließlich hatte sie nicht vor, von Max zu verlangen, dass er Anteil am Leben des Kindes nahm oder Unterhalt zahlte. Sie konnte es sich leisten, das Baby allein großzuziehen. Alles, was sie zu tun hatte, war, ihn über die bevorstehende Vaterschaft zu unterrichten und ihn dann vom sprichwörtlichen Haken zu lassen.

„Warum mache ich mir überhaupt so viele Gedanken darüber?“

„Weil das in deiner Natur liegt“, antwortete Amanda lächelnd. Sie tätschelte ihrer Freundin das Knie. „Du denkst zu viel. Das hast du schon immer getan.“

„Wunderbar“, meinte Julia trocken. „Klinge ich nicht aufregend?“

Amanda lachte. „Mach dir nichts draus. Du denkst zu viel, und ich handele zu impulsiv. Wir alle haben unser Kreuz zu tragen.“

„Richtig. Und es wird Zeit, das nächste Kreuz zu schultern.“ Julia stand auf und zupfte ihre weiße Bluse zurecht. „Ich muss zur Eigentümerversammlung.“

„Viel Spaß.“

„Ich wünschte wirklich, du würdest mitkommen.“

„Nein, danke“, erwiderte Amanda. „Ich treffe mich mit einer Freundin zum Essen und werde sicherlich sehr viel mehr Spaß haben als du. In diesem Fall bin ich sehr froh, nur Untermieterin zu sein, die auf diesen Versammlungen nichts zu suchen hat. Ich wäre schon nach zehn Minuten gelangweilt.“

Resigniert gab Julia zurück: „Nach fünf.“

Verstohlen blicke Julia auf die schmale, goldene Uhr an ihrem Handgelenk und konnte gerade noch ein Seufzen unterdrücken. Die Eigentümerversammlung in Vivian Vannick-Smythes Apartment hatte noch nicht einmal richtig begonnen, und schon wünschte sie, verschwinden zu können.

Das Gespräch mit Amanda hatte an ihrer inneren Anspannung nichts geändert. Diese ganze Sache mit Max dauerte schon viel zu lange an. Sie musste ihn einfach treffen und ihm die Wahrheit sagen. Morgen, versprach sie sich. Sie würde ihn anrufen, sich mit ihm verabreden und die Bombe platzen lassen. Wenn sie dann ihre Pflicht erfüllt hatte, konnte sie normal weiterleben. Denn bestimmt würde ein Mann, der so erpicht darauf war, jede wirkliche Nähe zu meiden, sie nicht weiter belästigen.

„Du siehst gelangweilt aus“, ertönte eine sanfte Stimme neben ihr.

Julia lächelte trotz ihrer düsteren Gedanken und schaute Carrie Gray an. Deren grüne Augen waren hinter einer allzu praktischen Brille versteckt, und ihr langes, rotbraunes Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Sie trug Jeans, ein T-Shirt und Sandalen, die rot lackierte Nägel enthüllten. Carrie hütete offiziell die Wohnung 12B für Prinz Sebastian von Caspia, war jedoch auch eine talentierte Grafikdesignerin – leider zurzeit ohne Anstellung – und eine gute Freundin von Julia.

„Nicht gelangweilt“, flüsterte Julia und beugte sich zu ihr, „nur gedankenverloren.“

Wie sollte man sich auch auf das konzentrieren, was hier im Haus passierte, wenn man mit sehr viel wichtigeren, sehr viel privateren Dingen beschäftigt war?

„Kann ich irgendwie helfen?“, fragte Carrie.

„Nein“, erwiderte Julia, die wusste, dass nur sie selbst sich aus ihrem derzeitigen Dilemma befreien konnte. „Aber vielen Dank für dein Angebot. Gibt es bei dir etwas Neues?“

„Nein, ich arbeite beziehungsweise versuche es“, erklärte Carrie missgestimmt.

Julia lächelte verständnisvoll. „Wirst du immer noch von Trents Besucherinnen belästigt?“

Carrie verdrehte die Augen. „Es ist ein Albtraum, Julia. Trent Tanford scheint jede freie Minute damit zu verbringen, Frauen aufzureißen, denn sie laufen mir Tag und Nacht die Bude ein.“

Trent war ein notorischer Playboy. Man munkelte, er hätte jeden Tag eine andere Frau. Und diese Frauen machten sich fortwährend auf den Weg in die Park Avenue 721.

„Ich sage dir“, flüsterte Carrie bissig, „diese Frauen sehen zwar gut aus, haben aber keinen Funken Verstand im Kopf. Sie klingeln ständig bei mir, weil sie glauben, es wäre Trents Wohnung. Die können anscheinend nicht mal den Unterschied zwischen 12B und 12C erkennen. Verabredet Tanford sich mit Frauen, die nicht lesen können?“

Lachend berührte Julia die Hand der Freundin und konzentrierte sich wieder auf die Versammlung. Zumindest versuchte sie es, doch ihre Gedanken drehten sich immer wieder im Kreis.

Julia schaute sich im Apartment der Vannick-Smythes um und stellte einmal mehr fest, dass es absolut geschmacklos eingerichtet war. Die Sachen waren so kitschig, dass einem die Augen wehtaten. Niemand konnte sich hier wohlfühlen. Was vermutlich ganz gut war, denn so gingen diese langweiligen Versammlungen meist relativ schnell zu Ende.

In diesem Moment klatschte Vivian Vannick-Smythe in die Hände, um die Aufmerksamkeit ihrer Gäste auf sich zu lenken. Sie hatte sich selbst zur Leiterin dieser Versammlungen ernannt, da niemand anderes an der Aufgabe interessiert war. Eine Dame Anfang sechzig, war Vivian inzwischen so oft mit Botox behandelt worden, dass ihr Gesicht einer Maske glich. Nur die eiskalten blauen Augen verrieten ihre Gefühle. Sie war sehr schlank, klassisch elegant gekleidet, hatte kurz geschnittenes, silbergraues Haar und das Benehmen eines Offiziers.

Zum Glück hatte sie heute Abend ihre beiden Hunde im Schlafzimmer eingesperrt, doch selbst durch die geschlossenen Türen konnte man das Kläffen hören.

„Ich dachte“, erklärte Vivian jetzt, „dass wir, bevor wir unsere Versammlung beginnen, eine Schweigeminute für Marie Endicott einlegen sollten. Ich selbst kannte sie nicht sehr gut, aber sie war, wenn auch nur kurz, eine von uns.“

Gehorsam schwiegen die Anwesenden und taten zumindest so, als konzentrierten sie sich auf den Tod der jungen Frau, die im Haus gelebt hatte. Julia hatte sie nur vom Sehen gekannt, aber die Tatsache, dass Marie vor einer Woche vom Dach gestürzt war, hatte bei ihr wie bei allen anderen einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen.

Tagelang hatten Zeitungs-und Fernsehreporter das Haus belagert und die Bewohner belästigt, in der Hoffnung, irgendeinem Skandal auf die Spur zu kommen.

„Gibt es inzwischen irgendwelche Informationen, was wirklich passiert ist?“ Tessa Banks, eine schlanke Blondine, war die Erste, die das Schweigen brach.

„Gute Frage“, hakte Elizabeth Wellington nach. „Ich habe einige Reporter sagen hören, dass die Polizei glaubt, Marie wäre vom Dach gestoßen worden.“

„Das sind reine Spekulationen“, versicherte Vivian ihr.

„Hat jemand einen Abschiedsbrief gefunden?“, fragte Carrie.

„Nicht dass ich wüsste“, antwortete Vivian. „Die Polizei hält sich bedeckt. Aber ich bin sicher, dass keiner von uns sich Sorgen zu machen braucht. Für die Presse ist das nur ein Skandal unter vielen, der bald vergessen sein dürfte.“

Wohl wahr, dachte Julia, während die anderen weitere Vermutungen über Marie Endicott anstellten. In ein paar Tagen würden die Reporter aufgeben und abziehen, und das Leben würde normal weiterlaufen.

Nur leider nicht für sie.

„Ich habe noch einige weitere Ankündigungen“, sagte Vivian und übertönte damit das allgemeine Gemurmel. „Bedauerlicherweise sind Senator Kendrick und seine Frau, langjährige Bewohner des Hauses, ausgezogen. Ich weiß nicht wohin, glaube aber, irgendwo in die City. Auf jeden Fall steht ihre Wohnung offiziell zum Verkauf.“

Erneut wurde geredet und spekuliert, und Julia ließ den Blick durch den Raum schweifen. Gage Lattimer saß ein wenig abseits, was sie nicht weiter überraschte. Er war ein großgewachsener, gut aussehender Mann, der selten zu diesen Versammlungen kam. Und wenn er es tat, so wie heute, dann vermied er den Kontakt mit den anderen.

Reed Wellington saß neben seiner Ehefrau Elizabeth, aber seine Miene zeigte deutlich, dass er nicht gern hier war. Auch Elizabeths Haltung verriet, dass sie sich woanders hinwünschte.

Tessa tippte ungeduldig mit der Schuhspitze auf den Teppich, und selbst Carrie, die neben Julia Platz genommen hatte, begann unruhig zu werden. Julia war jedoch bei diversen Kindermädchen durch eine harte Schule gegangen und wusste, wie man still saß, auch wenn man sich gern bewegt hätte. Genauso wie sie gelernt hatte, ihre Gefühle zu verbergen.

„Eine Sache noch“, fuhr Vivian fort. „Und zwar etwas sehr Aufregendes. Ich bin sicher, dass meine Nachricht Sie alle hoch erfreuen wird. Mir wurde mitgeteilt, dass unser Haus – Park Avenue 721 – den Status eines denkmalgeschützten Gebäudes erhalten soll!“ Vergeblich wartete sie auf die Begeisterung der Anwohner und meinte dann: „Ich denke, wir sollten das mit einer Party feiern.“ Ungeachtet des Desinteresses der anderen, begann sie Pläne zu schmieden.

Der offizielle Teil der Veranstaltung dauerte nicht mehr lange. Als Vivian anfing, durchs Zimmer zu gehen, um die anderen Wohnungseigentümer mit ihrer Begeisterung für die Party anzustecken, bahnte Julia sich einen Weg zur Tür. Carrie war es schon gelungen zu verschwinden, und Julia wollte ihr schnellstens folgen.

„Julia, meine Liebe.“

Verflixt.

Julia blieb stehen und drehte sich mit einem aufgesetzten Lächeln auf den Lippen zu Vivian um. „Hallo, Vivian. Die Versammlung lief gut.“

„Ja, nicht wahr?“ Die ältere Frau versuchte sich an einem Lächeln, scheiterte aber, weil ihre Haut einfach nicht nachgab. „Verzeihen Sie, wenn ich mich einmische, aber Sie sehen aus, als hätten Sie Sorgen. Ist alles in Ordnung?“

Überrascht, weil Vivian in dem Ruf stand, nur an sich selbst interessiert zu sein, ließ Julia sich einen Moment lang Zeit mit ihrer Antwort. „Danke, Vivian“, erwiderte sie. „Mir geht es gut. Ich bin nur ein wenig müde. Und diese traurige Sache mit Marie Endicott ist uns sicherlich allen nahegegangen.“

„Ach ja, natürlich.“ Vivian nickte. „Die arme Frau. Ich kann gar nicht verstehen, was sie veranlasst hat, vom Dach zu springen.“

„Sie glauben also, dass es Selbstmord war?“

„Das denken Sie doch sicherlich auch. Alles andere wäre einfach zu schrecklich! Stellen Sie sich das nur vor: Wenn man sie vom Dach gestoßen hätte, dann könnte es einer von uns gewesen sein.“

In diese Richtung hatte Julia noch gar nicht gedacht, aber jetzt, da der Verdacht gesät worden war, musste sie einen Schauder unterdrücken. Unwillkürlich schaute sie die anderen Bewohner des Hauses an. Vivian hatte recht: Julia konnte sich nicht vorstellen, dass einer von ihnen ein Mörder war. Marie musste gesprungen sein. Was ziemlich traurig war. Wie schrecklich, wenn man sich so allein, so miserabel fühlte, dass man den Tod als einzigen Ausweg sah!

„Jetzt habe ich Sie aufgeregt“, sagte Vivian. „Das war ganz bestimmt nicht meine Absicht.“

Julia fühlte sich tatsächlich beunruhigt, wollte aber nicht mehr darüber reden. Also zwang sie sich zu einem Lächeln und meinte: „Keinesfalls. Aber ich bin müde. Wenn Sie mich also bitte entschuldigen …“

„Natürlich“, antwortete Vivian, während sie sich schon ihr nächstes Opfer suchte. „Gehen Sie ruhig.“

Genau das hatte Julia vor. Sie verließ Vivians Apartment und trat in den Fahrstuhl. Eigentlich hatte sie in ihre Wohnung zurückkehren wollen, aber Amanda war ausgegangen, und Julia hatte keine Lust, allein herumzusitzen. Aus einem Impuls heraus drückte sie also den Knopf für das Erdgeschoss und lehnte sich gegen die Fahrstuhlwand, während die Türen sich schlossen und der Fahrstuhl sich in Bewegung setzte.

Einen Moment später betrat Julia die große, elegante Empfangshalle. Orientteppiche in hellen Farben dämpften ihre Schritte und ließen den Marmorfußboden weniger kühl wirken.

Gemälde und Spiegel zierten die in einem gedeckten Blau gehaltenen Wände der Lobby. Von der hohen Decke hing ein massiver Kristallleuchter, genau über dem Empfangstresen, einem antiken Möbelstück aus Mahagoni. Die Eingangstür war ebenfalls aus Mahagoni. Durch einen Glaseinsatz konnten Passanten einen Blick ins Innere werfen, das verriet, welch exklusiven Lebensstil die Bewohner pflegten. Julia kam sich manchmal vor wie im Zoo. Sie und ihre Mitbewohner saßen in einem goldenen Käfig, während die Menschen draußen stehen blieben und in eine fremde Welt sahen.

„Hallo, Henry“, begrüßte Julia den Portier, der sofort zur Tür eilte, um sie ihr aufzuhalten.

„Hallo, Miss Prentice. Schön Sie zu sehen, wie immer.“

Julia wartete, bis er die Tür geöffnet hatte. Natürlich wäre es einfacher gewesen, sie selbst zu öffnen, aber Henry legte Wert darauf, seine Pflichten ordnungsgemäß zu erfüllen. „Danke, Henry.“

Er lächelte noch immer, als sie in das Gewühl auf der Straße trat. Sommernächte in New York waren heiß und stickig, und der heutige Abend bildete keine Ausnahme. Der Verkehr brummte, es hupte, und ein wütender Taxifahrer schimpfte auf Fußgänger, die bei Rot über die Straße liefen.

Julia lächelte und klemmte sich ihre Designer-Handtasche fester unter den Arm, während sie sich in die Schar der Fußgänger einreihte. Nachdem sie so lange still gesessen hatte, tat es gut, draußen inmitten von Menschen zu sein. Sie war allein und doch Teil einer Menge. Das empfand sie irgendwie als tröstlich. Hier war sie lediglich ein weiterer Mensch, der den Bürgersteig entlangging. Hier erwartete niemand etwas von ihr. Niemand beobachtete sie. Niemand schenkte ihr Beachtung, solange sie weiterging und den Fluss nicht ins Stocken brachte.

Sie brauchte nicht weit zu gehen, nur ein paar Schritte bis zum Park Café an der Ecke. Die meisten Bewohner der Park Avenue 721 frequentierten den kleinen Coffeeshop so häufig, als gehörte er zu dem Apartmenthaus.

An diesem Abend hoffte Julia jedoch, niemandem zu begegnen, den sie kannte. Sie hatte keine Lust auf Small Talk, auch wenn sie nicht nach Haus gehen wollte, um allein zu sein. Als sie das Café betrat, umfing sie sofort der angenehme Duft von Zimt, Schokolade und Kaffee. Das Zischen der Espressomaschine untermalte die Unterhaltungen und das Gelächter der zahlreichen Gäste, die allein oder in Gruppen zusammensaßen.

Julia gab ihre Bestellung auf, nahm dann den entkoffeinierten Kaffee und den Muffin entgegen und machte es sich in einem der großen, weichen Sessel in der hintersten Ecke gemütlich.

Max Rollands Wohnung befand sich am Ende der Straße, in dem auch das Park Café lag, und normalerweise ging er mindestens einmal am Tag in den äußerst günstig gelegenen Coffeeshop. Genau hier hatte er auch Julia Prentice das erste Mal getroffen, die Frau, die ihn noch in den Wahnsinn treiben würde.

Er erinnerte sich ganz genau an ihre erste Begegnung. Sie hatte so kühl und elegant gewirkt, wie sie in der Ecke gesessen und sich das Kommen und Gehen der anderen Gäste angesehen hatte, als säße sie in der Loge eines Broadway-Theaters. Ihr schulterlanges hellblondes Haar fiel ihr in weichen Locken ins Gesicht, und ihre großen blauen Augen fixierten ihn von dem Moment an, als er das Café betrat.

Max hatte ihren Blick bis in sein Innerstes gespürt, und als er ihr in die Augen schaute, durchströmte eine merkwürdige Wärme seinen Körper. Unwillkürlich war er auf sie zugegangen. Normalerweise hätte er das nicht getan. Er war nicht auf der Suche nach einer Beziehung, wie sie sich eine Frau wie Julia zweifellos ersehnte. Aber an jenem Abend war das belanglos gewesen.

Sie hatten sich einander vorgestellt, miteinander geredet, sich berührt und waren schließlich in seinem Bett gelandet. Diese gemeinsame Nacht war anders gewesen als alles, was er bis dahin erlebt hatte. Allein die Erinnerung an Julias Körper, der sich unter seinem bewegt hatte, an ihre weiche, glatte Haut und an ihren Duft erregte ihn bis heute.

Was die Wut, die in seinem Innern brodelte, noch weiter aufheizte. Diese verflixte Frau! Warum reagierte sie nicht auf seine Anrufe? Und warum zum Teufel verhielt er sich wie ein hormongetriebener Teenager?

Er nahm seinen schwarzen Kaffee und wollte gehen. In diesem Moment spürte er es. Die Kraft ihres Blickes. Genau wie beim ersten Mal vor zwei Monaten.

Max schaute zu dem Stuhl in der hintersten Ecke und dort, verborgen im Schatten, fand er sie endlich wieder.

Und dieses Mal wollte er verdammt sein, wenn er sie noch einmal so leicht davonkommen ließ.

2. KAPITEL

Max marschierte durch das überfüllte Café, ohne Julia aus den Augen zu lassen. Er konnte selbst aus dieser Distanz sehen, dass sie sich verspannte. Ihre betont zur Schau getragene Gleichgültigkeit geriet ins Wanken, als ihre Blicke sich trafen, und Max genoss es zu wissen, dass er sie ein wenig nervös machte.

Welcher Mann würde das nicht?

„Julia“, sagte er mit so leiser Stimme, dass nur sie ihn hören konnte.

„Hallo, Max.“

Er hob eine Augenbraue. „‚Hallo‘? Das ist alles? Du gehst mir seit zwei Monaten aus dem Weg, und alles, was du zu sagen hast, ist ‚Hallo‘?“

Sie brach sich ein winziges Stück von ihrem Muffin ab, schob es in den Mund und kaute, als wäre es ein Stück zähes Fleisch. Ganz offensichtlich versuchte sie, Zeit zu schinden. Aber auch wenn sie das Gespräch hinauszögern wollte, es würde ihr nichts nützen. Jetzt, da Max sie im wahrsten Sinne des Wortes in die Ecke getrieben hatte, würde er sie erst gehen lassen, wenn sie ihm erklärt hatte, warum sie ihm auswich.

Er setzte sich neben sie, nahm den Kaffeebecher zwischen beide Hände und starrte Julia an. Immer wieder war er nachts aufgewacht und hatte ihr Bild vor Augen gehabt. Er hatte sich eingeredet, dass seine Erinnerung ihn trog. Keine Frau war so schön. Keine Frau konnte solch eine berauschende Mischung aus Unschuld und Sinnlichkeit in sich vereinen. Fast hätte er sogar daran geglaubt.

Bis jetzt.

Jetzt kehrten die Erinnerungen an die Nacht mit ihr zurück, und er erkannte, dass sie nicht nur genau so war, wie seine Fantasie ihm vorgegaukelt hatte, sondern sogar noch faszinierender. Allein ihr Duft – etwas Leichtes, Blumiges – genügte, um ihn in Versuchung zu führen. Als wäre er nicht ohnehin ständig erregt, wenn er an sie dachte.

„Ich wollte dich morgen anrufen“, sagte sie, und Max konzentrierte sich wieder auf die Gegenwart. Bei einer Frau wie Julia Prentice war es klug, aufmerksam zu sein.

„Tatsächlich.“ Es war keine Frage. Eher eine Feststellung, die besagte, dass er ihr kein Wort glaubte.

Sie hat die Botschaft verstanden, dachte er, da eine leichte Röte ihre Wangen überzog und sie den Blick senkte.

„Ich weiß, dass du wütend bist“, sagte sie, und ein Muskel in ihrem Gesicht zuckte nervös.

„Wütend war ich noch vor ein paar Wochen.“

Sie hob ihren Blick und schüttelte den Kopf. „Wir haben nur eine Nacht zusammen verbracht, Max. Und als die vorbei war, hast du ausdrücklich betont, dass du nur an einer Affäre interessiert bist.“

Er lachte kurz und vergewisserte sich, dass niemand ihnen zuhörte. Aber die anderen Gäste waren entweder in angeregte Unterhaltungen vertieft oder saßen allein hinter einem Laptop. Er und Julia hätten genauso gut auf einer einsamen Insel sitzen können.

„Das hat dich in der Nacht aber anscheinend nicht gestört“, bemerkte er.

„Nein, da hat es mich tatsächlich nicht gestört“, gab sie zu und befeuchtete ihre Lippen mit der Zunge. Eine Bewegung, die seine Erregung verstärkte, bis sie fast schmerzhaft wurde. „Es ist in dieser Nacht einfach mit uns durchgegangen. Wir haben Dinge getan …“

„An die ich ständig denken musste“, unterbrach er sie, in der Hoffnung, in ihr bestimmte Erinnerungen zu wecken. Erinnerungen wie die, die ihn seitdem verfolgten.

Er war noch nie mit einer Frau zusammen gewesen, die sich äußerlich so gefasst und im Bett so hemmungslos benahm. Der Gedanke an Julia hatte ihn seitdem nicht mehr losgelassen, trotz seiner Bemühungen, eine sichere emotionale Distanz zu wahren. Und das machte ihn wütend. Max war nicht dumm. Er kannte Frauen wie Julia.

Sie war eine typische Vertreterin der oberen Zehntausend. Hineingeboren in eine Gesellschaft, in die er nur nach jahrelanger, harter Arbeit und aufgrund von Beharrlichkeit aufgenommen worden war. Sie konnte einen Stammbaum vorweisen, und er kam sozusagen von der Straße. Die Unterschiede zwischen ihnen waren offensichtlich. Aber im Bett waren sie bedeutungslos geworden. In den gemeinsam verbrachten Stunden hatten sie im jeweils anderen etwas entdeckt, was sie bei niemandem sonst finden konnten.

Zumindest hatte Max das angenommen.

„Du kannst mir glauben, dass ich genauso häufig an diese Nacht gedacht habe“, verteidigte sie sich.

„Warum hast du mich dann gemieden? Wir hatten doch beide unseren Spaß.“

„Oh ja.“

„Was hält uns also davon ab, noch einmal die eine oder andere Nacht miteinander zu verbringen?“

Sie schaute ihm in die Augen. „Ich bin schwanger.“

Hätte sie ihm den Stuhl, auf dem er saß, weggezogen, hätte Max nicht verblüffter sein können. Die schlichte, geradlinige Aussage, ihr offener Blick, die entschlossene Miene, all das verdeutlichte Max, dass sie die Wahrheit sagte. Aber wenn sie ihn glauben machen wollte, es sei sein Baby, dann musste sie sich auf eine Überraschung gefasst machen.

Er wusste etwas, das sie nicht wusste, und war sich aufgrund dieser Tatsache sicher, dass er nicht der Vater des Kindes sein konnte.

„Herzlichen Glückwunsch“, bemerkte er bitter und trank einen Schluck Kaffee.

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