Logo weiterlesen.de
Nächte voller Sinnlichkeit

Nächte voller Sinnlichkeit

Nalini Singh

Sinnliche Stunden mit dir

Nalini Singh

Nächte der Liebe – Tage der Hoffnung

Nalini Singh

Die schöne Hira und ihr Verführer

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder
auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich
der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Nalini Singh

Sinnliche Stunden mit dir

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Roswitha Enright

1. KAPITEL

Heftig schlug der kalte Winterregen gegen die Windschutzscheibe. Die Nacht war stockdunkel, und Jackson drosselte die Geschwindigkeit seines PS-starken Wagens, um jederzeit abbremsen zu können. Angestrengt achtete er darauf, keinen unachtsamen Fußgänger zu übersehen.

Im Gegensatz zu sonst war die Innenstadt von Auckland an diesem Freitagabend allerdings beinahe menschenleer. Doch Jackson wusste, dass das nur so aussah. Die Menschen waren in ihren Wohnungen geblieben und feierten dort ihre Partys. Bestimmt hatten sie die Boxen so laut aufgedreht, dass die Musik den Regen übertönte. Auf seinem Weg vom Büro war er an so einer Wohnung vorbeigekommen. Eine Blondine, dünn wie ein Strich, kam gerade aus dem Haus und lud ihn ein, wobei sie es sehr deutlich machte, dass sie zu allem Möglichen bereit war. Jackson hatte dankend abgelehnt, denn ihm lagen diese Partys nicht. Und seit der Geschichte mit Bonnie hatte er mit blonden Frauen sowieso nichts mehr im Sinn. Genauer gesagt mied er sie wie der Teufel das Weihwasser.

Er hatte einen schweren Tag hinter sich und sehnte sich nur nach einem Cognac und einem heißen Bad. Die Frau da vorne an der Bushaltestelle sah aus, als hätte sie genau das ebenfalls bitter nötig. Die Ärmste stand da im eiskalten Regen, ihr Gesicht wirkte wie erstarrt vor Kälte. Irgendwie kam sie ihm bekannt vor.

War das nicht Andrea?

Er bremste abrupt. Glücklicherweise war nicht viel Verkehr. Jackson fuhr ein paar Meter zurück und stieß die Beifahrertür auf. „Schnell, steig ein, verdammt noch mal!“

Sie sah unschlüssig aus, als überlege sie, ob sie diese nicht sehr höflich vorgebrachte Einladung annehmen sollte, obwohl sie vollkommen durchnässt wirkte. „Der Bus muss jeden Augenblick kommen.“

Ihre Hartnäckigkeit machte Jackson wütend. Wie konnte sie nur so unvernünftig sein? Kurz meinte er so etwas wie Furcht in ihren großen Augen zu sehen, aber das musste ein Irrtum sein. Keine Frau, die er kannte, hatte so wenig Angst vor ihm wie sie. „Red keinen Unsinn und steig ein!“

Immer noch zögerte sie. Aber dann griff der Wettergott ein. Es fing an zu hageln. Andrea schrie leise auf und stieg schnell in den Wagen. Rasch zog sie die Tür hinter sich zu und hielt dann die zitternden Hände dem warmen Luftstrom der Heizung entgegen.

Jackson drehte die Heizung weiter auf und fuhr los. Statt eine Linkskurve zu machen, bog er nach rechts ab, denn Andrea wohnte auf der anderen Seite der Stadt. Der Hagelschauer war kurz, aber heftig gewesen. Jetzt regnete es wieder, wie Jackson im Licht der Scheinwerfer deutlich sehen konnte.

„Ich bin so nass … und dein Auto …“, fing Andrea an, aber Jackson schnitt ihr schnell das Wort ab.

„Das trocknet wieder.“ Er war sauer. Und als er abbremsen musste, weil ein entgegenkommender Wagen seiner Windschutzscheibe einen Schwall Wasser verpasste, sah er Andrea kurz von der Seite an. „Was hast du dir nur dabei gedacht, hier mitten in der Nacht auf den Bus zu warten?“ Wie konnte sie sich selbst nur in so eine gefährliche Situation bringen?

„Das geht dich gar nichts an.“ Da sie immer noch mit den Zähnen klapperte, fiel ihre Antwort nicht so souverän aus, wie sie es geplant hatte.

„Andrea!“, warnte er. Diesen Ton kannte sie nur zu gut, und sie wusste, dass er kurz davor war, die Geduld zu verlieren.

„Ich arbeite nicht mehr bei dir. Also hast du mir gar nichts zu sagen“, brachte sie jetzt einigermaßen energisch heraus.

Diesen Ton war Jackson nicht gewohnt. Normalerweise widersprach man ihm nicht. Jeder wollte einen Mann für sich einnehmen, der gute Beziehungen zum Film hatte, und das traf besonders auf junge hübsche Frauen zu. Andrea allerdings hatte diesen Ehrgeiz nicht, daran erinnerte er sich nur zu gut. Unter dem sanften, sehr weiblichen Äußeren verbarg sich ein eiserner Wille, auch das hatte er nicht vergessen. Je mehr er versuchte, sie zu etwas zu zwingen, desto widerspenstiger wurde sie. Also versuchte er es auf die vorsichtige Tour. „Ich will dir doch nur helfen.“

Sie schwieg. Wahrscheinlich musste sie erst einmal auftauen. Schließlich räusperte sie sich. „Der Mann, der mich nach Hause bringen wollte, hatte wohl andere Vorstellungen als ich, was meine Dankbarkeit betrifft. Da bin ich lieber ausgestiegen.“

Er sah aus dem Augenwinkel, wie sie sich in den Sitz kuschelte und die Knie hochzog. Sofort erwachte sein Beschützerinstinkt. Wenn man ihr etwas angetan hatte …

„Was ist passiert?“ Er umklammerte das Lenkrad fester.

Sie starrte schweigend geradeaus. „Nichts“, sagte sie dann leise.

„Andrea, komm schon.“

„Lass mich. Du sollst mich nicht bevormunden“, erwiderte sie heftig. Doch dann sackte sie in sich zusammen, ein für sie sehr untypisches Zeichen von Schwäche. „Das war ein richtiger Idiot. Ich hatte gedacht, ich könne ihm vertrauen. Wir waren auf einer Party der Firma, für die ich vorübergehend gearbeitet habe. Mein Vertrag lief gestern aus, aber sie haben mich trotzdem zu der Party eingeladen, was ich sehr nett fand. Zum Schluss hat einer der Projektleiter einigen von uns angeboten, uns nach Hause zu bringen. Dass ich als Letzte an der Reihe war, habe ich zu spät gemerkt.“ Andrea zuckte mit den Schultern. „Na ja, das war dumm von mir.“ Sie lächelte kurz, als wolle sie nicht nur Jackson, sondern auch sich selbst überzeugen, dass die Sache halb so schlimm gewesen war.

„Wenn mir das klar gewesen wäre, wäre ich nie mitgefahren“, fuhr sie fort. „Ich dachte, er würde mich als Erste nach Hause bringen, weil die anderen außerhalb wohnen. Aber offenbar wollten die alle in der Stadt abgesetzt werden, weil sie vorhatten, noch in einen Klub zu gehen. Das hat er mir natürlich nicht gesagt. Und sobald die anderen ausgestiegen waren, wurde er deutlich. Ich solle die Nacht mit ihm verbringen und so weiter …“

Jackson wurde heiß vor Zorn. Das hatte dieser widerliche Kerl also von Anfang an vorgehabt. Andrea sagte die Wahrheit, das wusste er genau. Auch dass sie sehr vorsichtig war, was Männer betraf. „Hat er dir etwas getan?“

Sie murmelte etwas, was er nicht verstand.

„Hat er dir etwas getan?“, wiederholte er und betonte jedes Wort. Er durfte jetzt nicht lockerlassen, denn in ihrer momentanen seelischen Verfassung würde sie ihm am ehesten Auskunft geben. „Antworte mir.“

„Er hat meinen Blusenärmel zerrissen, als ich ausstieg, weil er mich gewaltsam zurückhalten wollte. Und leider habe ich meine Handtasche in seinem Auto gelassen. Aber das ist nicht so schlimm.“

„Wie heißt der Kerl?“ Jackson war selbst überrascht, wie sehr ihn die Sache aufregte. Andererseits hatte Andrea immer schon eine ganz besondere Wirkung auf ihn gehabt.

„Jackson, ich …“ Sie blickte ihn unschlüssig an.

„Der Name!“ Er sah buchstäblich rot, wenn er sich vorstellte, wie dieser Mann …

„Warum willst du das wissen?“ Allmählich gewann Andrea wieder an Selbstsicherheit. Offenbar war sie schon dabei, das hässliche Erlebnis zu verdrängen.

Glücklicherweise fiel ihm schnell die passende Antwort ein. „Willst du denn deine Tasche nicht zurückhaben?“

„Ach so. Aber du wirst ihm doch nichts tun?“

„Wie kommst du denn darauf? Sehe ich aus wie ein Schläger?“ Ihm war wohl bewusst, dass er durchaus wie jemand wirkte, der sich nichts gefallen ließ. Er war groß und dunkelhaarig und ausgesprochen durchtrainiert. Das hatte einerseits mit seiner Abstammung zu tun, denn seine Vorfahren kamen aus Italien und Skandinavien. Andererseits waren die Albträume daran schuld, die ihn so oft quälten. Er hatte sich nämlich angewöhnt, in den schlaflosen Nächten bis zur Erschöpfung an den Maschinen zu trainieren. Ja, er musste zugeben, mit seinen schwarzen Haaren und den dunklen Augen wirkte er tatsächlich wie ein Mafioso.

„Vielleicht.“ Das klang keineswegs eingeschüchtert.

„Keine Sorge, ich hole nur deine Tasche ab“, log er. So leicht würde dieser Kerl nicht davonkommen.

„Versprich mir, dass du ihm nichts tust.“

„Warum denn?“ Plötzlich wurde er unsicher. Ob es sich bei dem Ganzen nur um eine Streiterei unter Liebenden handelte? Bei dem Gedanken, sie könne in den Armen eines anderen Mannes liegen, wurde ihm ganz elend. Aber war es für seine Bemühungen nicht ohnehin längst zu spät? War ein anderer schneller gewesen als er? Hatte ihn die quälende Erinnerung an das, was er nach Bonnies Tod herausgefunden hatte, blind und taub gemacht für das, was um ihn herum vorging?

„Weil ich nicht möchte, dass du in Schwierigkeiten gerätst.“

Ihm fiel ein riesiger Stein vom Herzen. „Wie heißt dieser Mann?“ „Erst musst du mir dein Versprechen geben.“ Andrea verschränkte die Arme vor der Brust und sah ihn entschlossen an.

Er fluchte innerlich. „Gut, ich verspreche dir, ihn nicht anzufassen“, stieß er schließlich hervor. Trotzdem musste er sich an dem Mann rächen. Irgendetwas würde ihm schon einfallen. Er kannte ein paar Leute, die wussten, was in einem solchen Fall angemessen war, darunter auch einen Detective, der mit Sexualdelikten zu tun hatte.

Andrea schwieg. Offenbar überlegte sie, ob sie ihm trauen konnte. Schließlich holte sie tief Luft. „Donald Carson.“

Jackson nickte nur, froh, dass sie ihm vertraute. Wieder sah er kurz zur Seite. Sie war immer noch klatschnass. Sicher war ihr kalt, und er wünschte, er könne ihr etwas von seiner Hitze abgeben. Das einzig Vernünftige war, dass sie die nassen Sachen auszog, aber das konnte er auf keinen Fall vorschlagen. Denn mit der unbekleideten Andrea allein im Auto zu sitzen war keine gute Idee. Schließlich kannte er sich und seine Sehnsucht nach ihr nur zu genau. „Ist dir jetzt warm?“

„So allmählich.“ Ihre leise dunkle Stimme wirkte sich nicht gerade mäßigend auf sein Verlangen aus.

Entschlossen richtete er den Blick auf die Fahrbahn vor sich. „Auf dem Rücksitz liegt eine Decke.“ Auch er sprach jetzt leiser und mit dunklerer Stimme, als wolle er sie verführen. Dabei war er fest entschlossen, seine Leidenschaft zu zügeln.

Andrea griff nach hinten. „Sie ist noch in der Originalverpackung.“

„Ich weiß. Ich habe die Decke mal geschenkt bekommen und sie dann gleich auf den Rücksitz gelegt.“ Die Straße war jetzt nicht mehr durch Bäume geschützt, und der Regen prasselte verstärkt gegen die Windschutzscheibe. „Wohnst du immer noch in New Lynn?“ Dieser Vorort von Auckland, Neuseelands größter Stadt, war unter normalen Umständen mit dem Auto in dreißig Minuten zu erreichen. Heute allerdings waren die Umstände nicht normal.

„Ja.“

Er wandte sich kurz zu ihr um. Andrea hatte sich bereits vollkommen in die Decke gehüllt, sodass nur noch ihr blasses Gesicht zu sehen war. Ihr dunkles Haar lockte sich vor Feuchtigkeit, und die blauen Augen sahen so müde aus, dass sie wie ein nasses, verlorenes Kätzchen wirkte, das man zum Trocknen in ein Handtuch eingewickelt hatte.

Wie gern hätte er sie auf seinen Schoß gezogen, an sich gedrückt und geküsst, bis sie sich erregt an ihn schmiegte.

Diese Wunschvorstellung stand in krassem Widerspruch zu den Schwüren, die er damals geleistet hatte, als Bonnie sich auf derartig grausame Weise gerächt hatte, weil er sie verlassen hatte. An ihrem Grab hatte er sich geschworen, dass er nie wieder eine enge gefühlsmäßige Bindung zu einer Frau eingehen würde. Zu sehr war er verletzt worden. Damals war er so verzweifelt gewesen, dass ihm der Schwur sehr leicht über die Lippen gekommen war und er fest daran geglaubt hatte, ihn ohne Schwierigkeiten halten zu können.

Wenn er allerdings mit Andrea zusammen war, schien dieses Versprechen kein Gewicht mehr zu haben. Seit sie das erste Mal in seinem Büro aufgetaucht war, fühlte er sich zu ihr hingezogen, sosehr er sich auch dagegen sträubte. Da er damals noch verheiratet gewesen war, hatte er versucht, sich davon zu überzeugen, dass ihre Wirkung auf ihn andere Ursachen hatte. Sie war ein nettes, junges Mädchen und arbeitete hart. Nun war Bonnie schon seit einem Jahr tot, und er war nicht mehr gebunden. Und als er Andrea in der nassen Bluse gesehen hatte, die über ihren Brüsten spannte, da hatte er gewusst, dass er es mit einer erwachsenen Frau zu tun hatte.

„Wo ist denn dein Bruder?“, fragte er, um sich vom Gedanken an Andrea als begehrenswerte Frau abzulenken.

„Nick ist in einem Camp mit seiner Klasse, im Riverhead Forest, nicht weit von der Stadt.“

Deshalb also war sie noch so spät unterwegs, denn normalerweise richtete sie ihr Leben ganz nach ihrem Bruder aus. Er hatte Nick erst zwei Mal gesehen. Das erste Mal, als die Firma ein Barbecue für die Angestellten und ihre Familien veranstaltete. Das zweite Mal hatte er Andrea dringend im Büro gebraucht. Und da es ein Sonnabend war und sie so kurzfristig keinen Babysitter finden konnte, hatte sie den Bruder mitgebracht. Da Andrea aber begeistert von den Fortschritten des Bruders erzählte, mit mehr Stolz, als selbst eine Mutter für ihren Erstgeborenen aufbringen konnte, hatte er das Gefühl, den Jungen sehr gut zu kennen.

„Arbeitest du immer noch für dieselbe Zeitarbeitsfirma?“

„Ja.“

„Ich habe jedes Mal nach dir gefragt, wenn ich kurzfristig eine Stelle zu besetzen hatte.“ Und immer hatte die unglückliche Aushilfe seine schlechte Laune aushalten müssen, weil er so enttäuscht war, dass Andrea schon woanders zugesagt hatte.

„Tatsächlich?“ Sie wandte sich zu ihm um. „Das wusste ich nicht. Allerdings arbeite ich nicht mehr in der Filmbranche.“

„Warum denn nicht?“ Wollte sie ihm nicht mehr begegnen? Mied sie ihn geradezu? Wut stieg in ihm auf, die mehr mit Besitzansprüchen zu tun hatte, als ihm bisher bewusst gewesen war.

„In so einer Atmosphäre möchte ich nicht mehr arbeiten.“

An einer Ampel musste er halten und sah Andrea stirnrunzelnd an. „Wie meinst du das?“

Sie errötete leicht. „All diese Exzesse, der ganze falsche Glanz. Und es geht immer nur um Geld.“

Das war ihm nicht neu. Er hatte gewusst, dass ihr die Welt, in der er lebte, zuwider war. „Und die Kunst?“

„Was für eine Kunst?“, gab sie heftig zurück.

Er lächelte und fuhr an, denn die Ampel hatte gerade auf Grün geschaltet. „Arme Andrea. So jung und schon so desillusioniert.“

„Lass das!“, fauchte sie.

Sie war die Einzige seiner bisherigen Sekretärinnen, die ihm immer Kontra gegeben hatte. Als er ihr eine Verlängerung des Vertrages angeboten hatte, hatte sie mit Nachdruck abgelehnt, so als könne sie es keinen Tag länger bei ihm aushalten. Dabei sehnte er sich nach ihr und wollte sie halten. Aber er hatte sich dann doch überwunden und hatte sie gehen lassen, denn er war zu anständig, als dass er sie hätte einfach verführen wollen. Sie war doch noch so jung. Doch immer hatte er darauf gewartet, dass sie eines Tages zurückkommen würde. „Tut mir leid, ich wollte dich nicht beleidigen.“

„Stimmt doch gar nicht. Es tut dir nicht leid.“

„Wie kommst du denn darauf? Für dein Alter bist du schon ganz schön zynisch.“ Mit seinen zweiunddreißig war er zwar nur acht Jahre älter als sie, aber in ihrer Gegenwart fühlte er sich manchmal hundert Jahre alt.

Andrea merkte, wie die Wut in ihr hochstieg. Warum behandelte Jackson sie immer wie ein Kind? „Ich bin kein Kind mehr.“ Ihre Gefühle ihm gegenüber waren alles andere als die eines Kindes.

Seine körperliche Gegenwart erregte Empfindungen in ihr, die ihr Angst machten. Ihr war heiß und kalt zugleich. Sie sehnte sich nach ihm und fürchtete ihn. Wegen ihrer schlechten Erfahrungen hatte sie sich geschworen, sich niemals in einen Mann zu verlieben. Aber sie wusste, dass sie Jackson nie vergessen und immer begehren würde.

Jetzt lachte er leise. „Mit mir verglichen bist du immer noch ein Baby.“

„Blödsinn!“, stieß sie wütend hervor.

„Blödsinn?“ Jetzt lachte er laut los, überlegen und so selbstbewusst in seiner Männlichkeit, dass sie ihn am liebsten angeschrien hätte.

„Ab einem bestimmten Alter machen die Jahre allein auch nichts mehr aus.“ Er sollte endlich akzeptieren, dass sie eine erwachsene Frau war. Allerdings überlief sie ein Schauer, wenn sie sich vorstellte, was das für Konsequenzen haben könnte.

„Natürlich spielen die Jahre eine Rolle.“ Er blieb vollkommen gelassen, was sie noch mehr aufbrachte. „Jedes Jahr bringt ein Stück mehr an Lebenserfahrung.“

„Das glaube ich einfach nicht. Lebenserfahrung und Reife hängen nicht unbedingt vom Alter ab.“

„So?“ Jackson zog die Augenbrauen hoch.

„Nein. Ich muss immerhin für ein Kind sorgen, eine Erfahrung, die du ganz sicher nicht hast.“

„Das stimmt“, sagte er knapp, und Andrea biss sich auf die Lippen. Wie hatte sie das sagen können? Wie taktlos von ihr! Er hatte keine Kinder, und sie wusste nicht, ob er das überhaupt so gewollt hatte. Und wenn nicht, ob es an ihm oder seiner Frau gelegen hatte, dass sie keine Kinder bekamen. „Entschuldige“, sagte sie leise. „Das hätte ich nicht sagen sollen.“

„Wieso? Es entspricht doch der Wahrheit.“ Seine Stimme klang ausdruckslos.

„Das schon. Aber so kurz nach Bonnies Tod war es sehr taktlos von mir. Ich habe einfach nicht darüber nachgedacht.“

Wahrscheinlich war sie zu sehr mit ihren eigenen Ängsten beschäftigt. Denn die Vorstellung, dass ihr Stiefvater Lance das Sorgerecht für Nick erhalten könnte, war unerträglich. Heute Abend hatte sie sich ablenken wollen, aber auch dieser Versuch hatte mit einem Albtraum geendet. Der ganze Tag war eigentlich ein ziemliches Desaster gewesen, bis zu dem Zeitpunkt, als Jackson sie aufgelesen hatte. Und nun hatte sie ihn verärgert und traurig gemacht.

„Es ist jetzt ein Jahr her, seit Bonnie eine Überdosis genommen hat.“ Immer noch war Jacksons Stimme hart und gefühllos, aber nur so hatte er das letzte Jahr überstehen können. „Du weißt genau, dass unsere Ehe schon lange keine Ehe mehr war. Und nicht nur du, die ganze Welt weiß es.“

Bonnie und Jackson waren verheiratet gewesen, aber im Grunde nicht miteinander. Er hatte seine Arbeit gehabt und für eine kurze wunderbare Zeit die Freude, jeden Morgen Andrea und ihr strahlendes Lächeln sehen zu können. Bonnie war drogenabhängig, was ihm anfangs nicht klar gewesen war. Zwei Jahre hatten sie nicht mehr miteinander geschlafen, mit einer Ausnahme. An dem Tag, vier Monate vor ihrem Tod, war sie so zärtlich und anschmiegsam gewesen wie damals, als er sie geheiratet hatte. Denn als die Nachricht vom Tod ihres Vaters kam, hatte sie bei Jackson Trost gesucht, und er hatte es einfach nicht fertig gebracht, sie zurückzuweisen. Die Trauer um den Vater hatte sie die Maske der überlegenen zynischen Frau vorübergehend ablegen lassen, und er hatte sie in die Arme genommen und getröstet.

In dieser Nacht hatten sie ein Kind gezeugt.

Und dieses Kind hatte Bonnie getötet, als sie sich mit einer Überdosis Drogen das Leben nahm. Wäre das nicht geschehen, wäre er jetzt Vater. Immer noch spürte er den Schmerz, der ihn ergriffen hatte, als die Autopsie ergab, dass Bonnie schwanger war. Und ein Vaterschaftstest hatte eindeutig ergeben, dass das Kind von ihm war.

Er war sowieso schon sehr traurig gewesen, aber als er erfuhr, dass Bonnie von ihrer Schwangerschaft gewusst hatte, hatte ihm das den Boden unter den Füßen weggezogen. Wie hatte sie nach wie vor mit ihren Liebhabern ins Bett gehen können, obwohl sie wusste, dass sie von ihm schwanger war? Und wie hatte sie es fertig bringen können, eine tödliche Dosis zu schlucken, wo sie doch ein neues Leben in sich trug?

Von dem Zeitpunkt an hatte Jackson nur noch Zorn empfinden können, Wut und den Wunsch nach Rache; jede zärtliche Empfindung war abgetötet.

3. KAPITEL

Das Bett in einem der Gästezimmer ist bezogen. Es ist das Zimmer rechts neben dem Bad im ersten Stock. Mein Schlafzimmer ist auf der anderen Seite des Flurs, falls du noch etwas brauchst.“ Jacksons Stimme klang vollkommen sachlich.

„Okay, Boss.“ Andrea sah den Mann neben sich an. Sie ahnte, er konnte genauso wild und gefährlich sein wie der Sturm da draußen.

„So hast du mich nie genannt, als du noch bei mir gearbeitet hast“, sagte er leichthin, aber sein Blick war heiß und besitzergreifend.

Sie kannte diesen Blick von früher und wollte sich dem nicht aussetzen, obwohl ihr Herz wie verrückt klopfte. So sagte sie ihm nur Gute Nacht und ging.

Die Tür zum Gästezimmer ließ sich nicht abschließen, aber Andrea machte sich deswegen keine Gedanken. Jackson würde sie ganz sicher nicht belästigen, was aber nicht hieß, dass er sie nicht wollte. Wenn im letzten Jahr das Leben manchmal zu langweilig und einsam gewesen war, hatte sie sich gern daran erinnert, dass Jackson sie begehrte. Sie wusste, dass daraus nie etwas werden konnte. Denn so eine Frau war sie nicht.

Und er war ein Mann mit Moralvorstellungen, die stärker waren als Verlangen und Leidenschaft. Er hätte Bonnie nie betrogen, was auch immer sie ihm antat. Aber nun war er frei, und er zeigte ihr, dass er sich durchaus der sexuellen Spannung bewusst war, die zwischen ihnen bestand. Zumindest konnte sie es in seinen Augen lesen.

Andrea wusste nicht, wie sie ihre eigenen Gefühle einschätzen sollte. Wahrscheinlich sollte sie erst einmal ausschlafen, dann würde alles ganz anders aussehen. Sie schlug die Bettdecke zurück, und erst jetzt fiel ihr auf, dass sie weder einen Schlafanzug noch ein Nachthemd hatte. Während sie noch im Schrank nach etwas Passendem suchte, hörte sie Schritte auf dem Flur, gefolgt von einem kurzen Klopfen.

Sie öffnete die Tür. Jackson stand vor ihr und hielt ihr ein weißes Hemd entgegen. „Ich dachte, du könntest das vielleicht gebrauchen“, sagte er leise.

Wie nett. „Danke.“ Gerade als sie ihm das Hemd aus der Hand nehmen wollte, klingelte ihr Handy, das sie in die Tasche des Bademantels gesteckt hatte. Sie fuhr ängstlich zusammen. „Das könnte Nick sein. Moment noch, bitte.“

Leider war es nur ihr Stiefvater Lance Hegerty. „Wo bist du denn, Andrea? Bei dir zu Hause nimmt keiner ab. Wo ist mein Sohn?“

Das Letzte hatte er mit Absicht gesagt, um sie daran zu erinnern, dass Nick nur ihr Halbbruder war. Sie mochte Nick ganz allein aufgezogen haben, aber in den Augen des Gesetzes hatte sie trotzdem weniger Rechte als Lance, Nicks biologischer Vater.

„Was soll dieser Anruf? Es ist schon spät.“ Andrea musste sich sehr zusammennehmen, damit man ihrer Stimme nicht anhörte, wie nervös sie war.

„Du hast meine Frage noch nicht beantwortet.“

Sie spürte, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich. Schnell drehte sie Jackson den Rücken zu, damit er nicht sah, wie ihr zumute war. „Ich habe noch zwei Wochen.“ Nur noch vierzehn Tage, dann war die Frist abgelaufen. Dann fiel sein Sorgerecht, das Andrea so erfolgreich angefochten hatte, wieder an Lance Hegerty zurück.

Er lachte böse. „Wie auch immer du es anstellst, ob du nachgibst oder dich wehrst, ich werde letzten Endes doch gewinnen. Das solltest du nie vergessen und auch nicht, dass du nur das Zufallsprodukt eines reichen Mannes bist. Mein Sohn hat etwas Besseres verdient als jemand wie dich.“

Sie beendete abrupt das Gespräch, die Finger zitterten ihr. Lance wusste genau, wie er sie fertigmachen konnte.

Jackson stand hinter ihr, und sie konnte die Wärme spüren, die von seinem Körper ausging. Wie gern hätte sie ihm alles erzählt, aber nach dem entmutigenden Gespräch mit Lance hätte sie sich auch das nicht mehr getraut. Auch Jackson war ein einflussreicher und mächtiger Mann. Vielleicht würde er deshalb eher für Lance Partei ergreifen. Im Grunde wusste sie überhaupt nicht mehr, was sie denken oder glauben sollte. Sie wusste nur eins: Niemals durfte Lance Nick in die Finger bekommen.

Plötzlich kam ihr ein schrecklicher Gedanke. Wenn er ihn nun einfach entführte? Sie musste sich sofort mit dem Camp in Verbindung setzen und die Leute da warnen.

Sie drehte sich zu Jackson um, und bei seinem Anblick überkam sie wieder die Sehnsucht nach Sicherheit und nach einem verlässlichen Menschen, dem sie sich anvertrauen konnte.

Jackson blickte sie fragend an, dann zuckte er leicht mit den Schultern, drehte sich um und ging. Sie blickte ihm hinterher, und wegen der Panik, die sie bei Lance’ Anruf überfallen hatte, sehnte sie sich besonders danach, sich an Jacksons breiten, kräftigen Rücken zu schmiegen. Jackson schien momentan der einzige ruhende Pol in ihrem Leben zu sein.

Sie schloss mit zitternden Händen die Tür und rief sofort das Camp an. Die arme Betreuerin wurde geradewegs aus dem Tiefschlaf gerissen. Andrea beschwor sie nachzusehen, ob Nick auch in seinem Bett lag. Dann ließ sie sie schwören, den Jungen an niemanden außer ihr, Andrea Reid, zu übergeben. Am liebsten hätte sie Nick sofort abgeholt, aber der Junge hatte sich so sehr auf das Camp gefreut, dass sie es nicht übers Herz brachte, ihm den Spaß vorzeitig zu verderben.

Allmählich beruhigte sie sich etwas. Sie zog sich Jacksons Hemd über, das ihr fast bis zu den Knien reichte. Die Ärmel musste sie ein paar Mal umkrempeln, um die Hände freizubekommen. Aber irgendwie war es tröstlich, Jacksons Hemd zu tragen. Schnell kroch sie ins Bett. Sie war todmüde und sehnte sich nach Schlaf.

Doch dann überfiel sie Panik, als sie daran dachte, was mit Nick werden würde, und an Schlaf war nicht mehr zu denken. Ihr Kopf dröhnte, und sie setzte sich auf und presste die Hände an die Schläfen. Vielleicht würde es helfen, wenn sie sich doch Jackson anvertraute? Warum sollte er sich auch auf Lance’ Seite stellen? Sicher, auch er war es gewohnt zu befehlen und erwartete, dass seine Anordnungen befolgt wurden, aber im Gegensatz zu ihrem Stiefvater hatte er ein Gefühl für Anstand und Moral.

Das Leben hatte sie gelehrt, stark zu sein, und normalerweise hielt sie dem Druck auch stand. Aber momentan lastete so vieles auf ihr, dass sie kurz vor einem Zusammenbruch war. Und dennoch hielt sie etwas davor zurück, Jackson um Hilfe zu bitten. Denn sie wusste, dass er allen Grund hatte, sich leicht ausgenutzt zu fühlen. Seine Familie wandte sich nur an ihn, wenn sie seine Hilfe brauchte. Er hatte schon genug am Hals, und sie wollte ihn nicht auch noch mit ihren Problemen belasten. Andererseits ging es hier um Nick, und für ihn würde sie alles tun.

Und zwar sofort, bevor sie wieder irgendetwas davon abhielt. Sie sprang aus dem Bett und lief über den Flur. Erst als sie an die Tür klopfte, fiel ihr ein, dass sie nichts anderes als Jacksons Hemd trug, aber es war zu spät umzukehren. Die Tür ging auf, und Jackson stand vor ihr. Die Boxershorts hingen ihm tief auf den Hüften.

Sie starrte ihn an. An der breiten Brust, seinen kräftigen Armen, den schmalen Hüften und den Beinen war kein Gramm Fett zu viel. Als er einen Schritt vorwärts machte, fuhr sie zusammen, hob den Blick und sah ihm in die Augen. Überraschenderweise funkelten sie nicht amüsiert, sondern drückten etwas ganz anderes aus.

Verlangen.

Leidenschaft.

Körperliches Begehren.

Sie kannte diese Gefühle, denn wenn sie von Jackson träumte, war sie schon oft schweißgebadet aufgewacht, heiß vor unerfüllter Sehnsucht. Aber auch diesen Blick in Männeraugen kannte sie nur allzu gut. Seit sie vierzehn war, hatten die Freunde ihrer Mutter sie mit genau diesem Blick angesehen. Und dann war das passiert … sie schüttelte unmerklich den Kopf. Immer noch fühlte sie sich schmutzig und benutzt, wenn sie daran dachte.

„Cara.“

Bei Jacksons leiser, dunkler Stimme überlief es sie heiß, und wie erstarrt blieb sie stehen.

Er hob ihr Kinn leicht mit dem Zeigefinger an, beugte sich vor und küsste sie sanft. Sofort schaltete Andrea auf Abwehr. Sie stand da wie erstarrt. Weder entzog sie sich, noch erwiderte sie seinen Kuss. Immer noch hatten die Ängste aus der Jugend sie fest im Griff – auch wenn sie Jackson kannte und ihm vertraute.

Er hob den Kopf. „Entschuldige. Ich wusste nicht, dass es dir unangenehm ist, wenn ich dich küsse.“

Aber das stimmt doch nicht, wollte sie ausrufen. Im Gegenteil, seine Lippen waren sanft und warm und tröstlich. „Es ist mir nicht unangenehm“, sagte sie leise.

Er blickte sie kühl an. „Davon habe ich aber nichts gemerkt. Keine Sorge, ich versuche es nicht noch einmal, wenn es dir so zuwider ist.“

Sie senkte den Blick. „Ich kann nicht gut damit umgehen, wenn Männer etwas von mir wollen.“ Sie musste ihm erklären, warum sie so reagierte. Auch wenn er verletzt war, er würde sie verstehen. „Als ich jünger war, habe ich ein paar schlechte Erfahrungen gemacht.“

Sofort wurde sein Beschützerinstinkt wieder wach. „Mit wem?“ Er kam noch näher und legte ihr vorsichtig eine Hand auf die Hüften. Zu seiner Überraschung entzog sie sich ihm nicht, sondern strich ihm zögernd über die Brust. Bei der Berührung durchfuhr es ihn heiß. Mit viel Mühe gelang es ihm, sich nichts anmerken zu lassen. Er wollte das Vertrauen nicht zerstören, das Andrea trotz ihrer offenbar schlechten Erfahrung mit Männern allmählich aufzubauen schien.

„Darüber möchte ich jetzt nicht sprechen.“ Er zog unwillig die Augenbrauen zusammen, aber sein Gesicht glättete sich sofort wieder, als sie hinzufügte: „Ich möchte mit dir über den Telefonanruf reden.“

Er war verblüfft und gerührt über diesen Vertrauensbeweis. „Wer hat angerufen?“

Sie neigte den Kopf leicht zur Seite und sah ihn nachdenklich an. „Warum hast du vorhin nicht gefragt, wer es war?“

„Ich dachte, das würde mich nichts angehen.“ Es entging ihm nicht, wie ernst ihre Miene war. Sein Blick wanderte zu ihrem wunderbaren dunklen Haar. Seit er sie das erste Mal gesehen hatte, hatte er sich danach gesehnt, mit diesen Locken zu spielen, sie auf seiner Brust zu fühlen, wenn Andrea sich nackt an ihn kuschelte. „Ist das ein Irrtum?“

Sie ahnte, was hinter dieser Frage stand. „Ich weiß nicht, ob ich dich wirklich in alles einweihen sollte, was mein Leben betrifft.“

„Warum denn nicht?“

„Du bist so …“ Wie hätte sie zugeben können, dass sie Angst vor ihren eigenen Gefühlen hatte, vor ihrem Verlangen nach ihm, der heißen Begierde, die er in ihr geweckt hatte?

„Aber du vertraust mir doch, oder?“

„Ja, sonst wäre ich nicht hier.“ Die Antwort fiel ihr leicht, denn unabhängig von dem, was sie sonst für ihn empfand, hatte sie nie an ihm und seiner Anständigkeit gezweifelt. Sie wusste, dass er sie nie zu etwas zwingen würde, was sie nicht wollte. Er war ein Beschützertyp, und darauf kam es momentan an. Denn er musste sie vor Lance schützen. Wichtiger war noch, dass er Nick vor Lance schützte. „Nick ist das Wichtigste in meinem Leben“, flüsterte sie.

„Ich weiß.“

„In ein paar Tagen ist seine Zeit im Camp zu Ende. Würdest du ihn mit mir zusammen abholen?“

„Aber gern.“

Ihr war bewusst, dass sich durch ihre Bitte etwas Grundsätzliches in ihrer Beziehung zu Jackson veränderte. Sie ließ ihn an ihrem Leben teilhaben und würde sich ihm noch weiter offenbaren müssen. Wahrscheinlich hatte er auch seine Erwartungen, was sie betraf. War sie bereit, sie zu erfüllen, wo doch die Sorge um Nick ihr Leben bestimmte?

„Du sprichst immer nur von Nick.“ Seine Stimme war sanft, und er strich Andrea zärtlich über den Kopf. „Hast du sonst keine Familie?“

„Nicht wirklich.“

„Was meinst du damit, piccola?

Sie wusste, dass er nicht lockerlassen würde, aber sie hatte auch das Bedürfnis, sich ihm anzuvertrauen. Er war immer offen gewesen, was sein Privatleben betraf, und so war es nur fair, dass er auch von ihr etwas mehr erfuhr. Außerdem hatte sie niemanden außer Jackson.

Aber wo anfangen? Sie stand da und grub die Zehen in den dicken flauschigen Teppich. Jackson ließ ihr Zeit und drängte sie nicht. Schließlich holte sie tief Luft. „Ich bin bei meiner Mutter aufgewachsen. Als ich zwanzig war, ist sie gestorben. Nick war damals sechs. Ihr Tod kam für mich nicht überraschend, denn sie war schwer alkoholkrank.“

Zu ihrer Überraschung beugte sich Jackson plötzlich vor und hob sie hoch. Er trug sie in sein Schlafzimmer und setzte sie vor dem Erker ab. Rasch zog er die Decke vom Bett, legte sie Andrea um die Schultern, setzte sich auf eine gemütliche gepolsterte Fensterbank und hob Andrea auf seinen Schoß. Sie wagte es nicht, sich an ihn zu schmiegen, sondern blieb aufrecht sitzen. Dennoch fühlte sie sich sicher, weil sie seine schützende Körperwärme spüren konnte.

„Warum erzähle ich dir das eigentlich?“ Sie wunderte sich selbst, dass sie ihm in dieser verfänglichen Situation so voll und ganz vertraute.

„Weil du dich endlich aussprechen musst. Hatte der Telefonanruf etwas mit deinem Bruder zu tun?“

„Woher weißt du das?“ Sie blickte ihn verblüfft an.

„Du warst in Panik. So reagierst du nur, wenn es um Nick geht.“

„Stimmt. Es war Lance, Nicks Vater.“

„Dein Vater?“

„Nein.“ Sie musste ihm erzählen, warum es Lance vollkommen gleichgültig war, wie sehr sie unter der Trennung von Nick leiden würde. „Nein, Lance ist nicht mein Vater.“

„Wie?“ Am liebsten hätte Jackson sie in die Arme genommen und fest an sich gedrückt, aber er musste unbedingt ihr Gesicht sehen, wenn sie sich ihm offenbarte.

„Helena, meine Mutter, war von einem anderen Mann schwanger, als sie Lance geheiratet hat. Mein leiblicher Vater war bereits verheiratet und trennte sich von seiner Geliebten – also meiner Mutter –, als sie schwanger war und keine Abtreibung machen wollte. Sie war vollkommen mittellos.“

Er war schockiert, dass Andrea sich offenbar schuldig fühlte, ihre Mutter in eine solche Situation gebracht zu haben. „Aber das war doch nicht deine Schuld!“

„Lance hat ihr das nie verziehen“, fuhr sie leise fort. „Immer wieder erinnerte er sie daran, dass ich nicht seine Tochter war, dass er sich ihrer erbarmt hatte, als sie bereits schwanger war. Nicht einmal seinen Namen durfte ich tragen.“

Jackson musste sich zwingen, ruhig sitzen zu bleiben, so sehr regte ihn auf, was sie hatte ertragen müssen. Aber er wusste, dass er ihr Zeit lassen musste, endlich alles loszuwerden, was sie bedrückte. Das erforderte Mut, und er bewunderte sie dafür.

„Und meine Mutter vergaß nie, mir immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, dass alles meine Schuld war. Dass sie meinetwegen gezwungen war, mit einem Mann zusammenzubleiben, der sie schlug, wenn ihm danach war, und sie gegen ihren Willen zum Sex zwang.“ Sie atmete tief durch. „Lance verschwand oft wochenlang, ohne zu sagen, wohin, und tauchte dann plötzlich wieder auf, als sei nichts geschehen. Aber eines Tages kam er nicht zurück, sondern ließ sich von ihr scheiden. Da war Nick nicht mal zwei.“ Sie schwieg und starrte aus dem Fenster.

Am liebsten hätte Jackson ihre Eltern erwürgt. Wie konnte ein Mann seinem Kind so etwas antun? Vorsichtig legte er ihr seinen Arm um die Schultern.

Sie sah ihn an, und es war eindeutig, dass sie mit ihren Gedanken in der Vergangenheit war. „Warum ist sie so lange bei Lance geblieben? Wir wussten doch beide, dass er andere Frauen hatte. War sie so dankbar, dass er sie geheiratet hat, als sie schwanger war?“

„Es hört sich so an, als wäre sie ziemlich hilflos gewesen und hätte ihr Leben nicht selbst in die Hand nehmen können.“

„Ja, wahrscheinlich.“

„Aber seit wann kümmert sich Nicks Vater um seinen Sohn?“

„Erst nach Mutters Tod hat er sich gemeldet. Aber auch schon vorher habe ich für Nick gesorgt. Und dann hat er seine Rechte geltend gemacht.“

Jackson zog Andrea leicht an sich und strich ihr eine Locke aus der Stirn. „Was will er denn eigentlich?“

„Er will Nick. Ich werde mich dagegen wehren, solange ich kann, aber meine Möglichkeiten sind beschränkt. Ich bin nur Nicks Halbschwester, aber er ist sein Vater.“ Sie lehnte sich zögernd an Jackson.

„Aber du hast Nick aufgezogen.“

„Das hat nichts zu sagen. Lance ist nicht irgendwer, er ist reich und mächtig. Er hatte immer schon viel Geld, auch wenn er uns sehr kurz gehalten hat. Wahrscheinlich hat er meine Mutter geheiratet, weil sie eine ausgesprochene Schönheit war. Aber nachdem er sie benutzt hatte, ließ er sie einfach fallen. Nick war ihm zu dem Zeitpunkt vollkommen gleichgültig.“ Jackson spürte, wie sie zitterte. „Er hat gesagt, dass er wieder geheiratet hat und jetzt seinen Sohn zu sich nehmen kann. Dabei bin ich ziemlich sicher, dass er ihn nur haben will, weil er mit seiner neuen Frau keine Kinder kriegen kann.“ Jetzt packte sie Jackson beim Arm. „Das darf nicht passieren. Lance wird Nick wehtun! Er hat ihn oft geschlagen, als Nick noch ein Baby war. Ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen!“

Jackson nahm Andrea in die Arme. Nach kurzem Zögern ließ sie sich gegen seine Brust sinken. „Mach dir nicht zu viele Sorgen, piccola. Ich bin doch da und kann dir helfen.“ Er schaute ihr in die Augen. „Wie reich ist er denn?“

„Er ist Partner bei Hegerty und Williams, dieser riesigen Anwaltskanzlei für Prominente. Er ist der Hegerty. Er kennt jede Menge Richter und Psychiater. Er hat gedroht, dass er mich in eine psychiatrische Klinik einsperren lässt, wenn ich ihm Nick nicht überlasse. Und dass es ihm ein Leichtes sein wird, die Richter von meinem angeblich verantwortungslosen Lebensstil zu überzeugen.“ Sie wischte sich kurz über die Wangen. „Aber ich will Nick auf keinen Fall verlieren!“

In Jackson hatte sich Wut aufgestaut, die er nur mit Mühe unterdrücken konnte. Wie konnte es jemand wagen, diese Frau zu bedrohen? Diese mutige und wunderschöne Frau, die, auch wenn es noch keiner wusste, zu Jackson Santorini gehörte? Er richtete sich auf und schaute Andrea ruhig an. „Vertraust du mir?“ Wenn nicht, würde er es ihr beibringen, und wenn er sie die ganze Nacht auf seinem Schoß wiegen musste.

„Ja.“

„Dann musst du mir glauben, dass ich dir helfen werde.“

„Es tut mir so leid, dass ich dich darum bitte, denn ich weiß, dass alle Welt etwas von dir will. Und ich wollte auf keinen Fall zu den Menschen gehören, die ständig Forderungen an dich stellen.“

„Aber das weiß ich doch“, beruhigte er sie. Er zog sie wieder an sich und strich ihr zärtlich über die Wange. „Immer mit der Ruhe, piccola. Wo ist denn die Frau mit dem Löwenmut geblieben, die sich nicht unterkriegen lässt?“

Unter Tränen musste sie lächeln. „Die hat wohl gerade Ausgang.“

„Das hört sich schon mehr nach der Andrea an, die ich kenne.“ Ohne nachzudenken, drückte er ihr die Lippen auf den Mund, löste sich aber sofort wieder von ihr, als ihm klar wurde, was er tat. „Entschuldige.“ Hoffentlich hatte er jetzt nicht ihr Vertrauen zerstört.

Doch sie legte ihm nur die Hand auf den Mund. „Ich habe nichts dagegen, wenn du mich berührst.“ Dabei sah sie ihn an, als sei sie selbst von ihren Worten überrascht.

Ihr Geständnis rührte ihn mehr, als dass es ihn erregte. „Eine Frau sollte den Kuss des Mannes genießen können und nicht einfach nur zulassen.“ Das Mondlicht fiel auf ihr Gesicht, und sie sah blass und verletzlich aus.

„Ich bin nicht sicher, ob ich überhaupt weiß, was Genuss in dieser Beziehung ist.“ Sie blickte ihn fragend an. „Könntest du vielleicht …?“

„Was möchtest du, piccola?

„Dass du mich küsst … so wie man eine Frau richtig küsst“, flüsterte sie kaum hörbar.

Er wusste, dass sie Küsse bisher immer verabscheut hatte. Eines Tages würde er noch herausfinden, wer dafür verantwortlich war. Aber heute Nacht würde er sie so küssen, wie man eine unerfahrene Frau küsste. Zärtlich und nur mit einer Andeutung von Leidenschaft, um ihre Lust auf mehr zu wecken.

Andreas Herz schlug wie verrückt, als Jackson sich jetzt vorbeugte. Gleich wird er tatsächlich seine Lippen auf meinen Mund pressen, dachte sie, und war überrascht von der sanften Berührung.

„Gib dich ganz dem Gefühl hin“, sagte er leise. Und wieder strich er ihr zärtlich über die Lippen. „Gefällt dir das?“

Sie nickte. Sie fühlte sich nicht unter Druck gesetzt, empfand kein Unbehagen, sondern nahm nur Jacksons männlichen Duft und die Wärme seiner Haut wahr. Trotz seiner spürbaren Kraft umarmte er sie sanft und liebevoll. Sie schloss die Augen und gab sich ganz diesen Empfindungen hin, die für sie neu und aufregend waren. Denn sie fühlte sich auch in dieser Situation bei ihm sicher. Sein altmodischer Sinn für Ritterlichkeit hatte ihn schon unter anderen Umständen davon abgehalten, seinen Vorteil zu suchen. Nie hatte er sie auch nur andeutungsweise belästigt, wenn sie länger arbeiteten. Nie hatte er sie gedrängt, ihn auf einen Kaffee mit in ihre Wohnung zu nehmen, wenn er sie nach einem langen Arbeitstag nach Hause gefahren hatte.

„Dann genieß es mit allen Sinnen.“ Er drückte ihr einen Kuss auf den Hals, und sie hielt kurz den Atem an vor Überraschung.

„Entspann dich, bellissima“, flüsterte er, bevor er ihre Lippen wieder berührte.

Bei dieser tiefen, warmen Stimme konnte sie gar nicht anders. Sie überließ sich ganz ihren Sinnen, war sich seiner sanften und doch festen Lippen bewusst, die sie jetzt vorsichtig aufforderten, den Mund zu öffnen. Als sie es tat, stöhnte er leise auf, drang aber nicht gewaltsam vor, sondern liebkoste ihre Lippen vorsichtig mit der Zunge. Schließlich hielt sie es nicht mehr aus, drängte sich dichter an ihn und griff ihm ins Haar.

Endlich vertiefte er den Kuss, und plötzlich konnte sie ihn ohne Angst erwidern. Jackson umfasste sie jetzt mit beiden Armen und drückte sie fest an sich, sodass ihre Brüste seinen nackten Oberkörper berührten. Sie spürte, wie erregt er war, aber weil sie sicher war, dass er sofort aufhören würde, wenn sie es verlangte, hatte sie kein bisschen Angst. „Du schmeckst, als würdest du zu mir gehören“, stieß er leise hervor, als er den Kopf hob, um Luft zu holen.

„Es ist so schön, dich zu berühren, dich zu küssen“, gab sie zurück und hob ihm das Gesicht wieder entgegen.

„Gut.“ Er lächelte zufrieden und küsste sie wieder, während er ihr liebevoll über den Rücken strich. „Genauso soll es sein.“

Sie gab sich dem Kuss entspannt hin, erwiderte ihn mit Leidenschaft und war selbst überrascht, dass sie gar keine Angst hatte. Eine neue Art von Vertrauen erfüllte sie, das Vertrauen einer Frau, die sexuelle Freuden genießen konnte und nichts mehr mit dem ängstlichen Mädchen gemein hatte, das vor jeder sexuellen Berührung zurückschreckte.

„Bist du noch wach, cara?

„Ja.“

„Möchtest du mir nicht sagen, warum du solche Angst vor männlichem Begehren hast?“

„Ja, irgendwann ganz sicher. Aber nicht heute Nacht.“ Sie wollte die schönen Erfahrungen dieser Nacht nicht durch die schrecklichen Erinnerungen zerstören.

„Dann solltest du jetzt schlafen.“ Er stand auf und hob sie hoch.

Erst an der Tür zum Gästezimmer setzte er sie ab. Als er sich zum Gehen wandte, legte sie ihm die Hand auf den Arm. „Ich danke dir.“

Er runzelte kurz die Stirn. „Mir kommt es nicht auf deine Dankbarkeit an, Andrea.“

Sie wusste, dass das weniger eine Abfuhr als eine Frage war. „Es war keine Dankbarkeit. Es war Vertrauen.“ Dieses Gefühl war für sie vollkommen neu. Denn bevor sie Jackson Santorini kennenlernte, hatte sie zu keinem Mann je Vertrauen gefasst.

Er blieb ernst und legte ihr nur ganz sanft seine Hand an die Wange. „Schlaf gut, piccola. Und keine Sorge, ich werde schon einen Weg finden, wie ich dir und deinem Bruder helfen kann.“

Und tatsächlich schlief sie so gut wie schon lange nicht mehr. Auch wenn es sie ein bisschen beunruhigte, dass sie sich so sehr auf Jackson verließ. Wo es doch so oft vorkam, dass Frauen Männern vertrauten und sich in sie verliebten, aber dann plötzlich im Stich gelassen wurden. Niemals würde sie einem Mann ihre Liebe gestehen und ihm damit Macht über sie geben. Nicht einmal Jackson.

4. KAPITEL

Am nächsten Morgen fuhr Jackson Andrea nach Hause. Zu ihrer Überraschung hatte er ihr ihre Handtasche überreicht; Cole hatte sie früh am Morgen vorbeigebracht, als Jackson gerade im Fitnessraum trainierte. Cole hatte ihm grinsend erzählt, dass Donald Carson eine fürchterliche Angst hatte, nun als Sexualstraftäter bei der Polizei registriert zu sein, und ganz sicher keine Frau mehr belästigen würde.

Während sie sich umzog, führte Jackson verschiedene Telefongespräche mit seiner Rechtsabteilung. Er hatte einen bestimmten Plan, wollte ihn aber erst von seinen Experten absegnen lassen. Ihm ging es nicht um Andreas Dankbarkeit, ganz bestimmt nicht. Das ließ sein Stolz nicht zu und auch nicht sein Herz.

Er selbst stammte aus einer gescheiterten Ehe, war von Kindermädchen aufgezogen worden und hatte selbst eine Ehe ohne Liebe hinter sich. So etwas würde er nicht noch einmal ertragen. Wenn er sich wieder an eine Frau band, dann nur an eine, die ihm absolut treu war und ein Leben lang zu ihm hielt. Andrea war die einzige Frau, die er wirklich wollte, mit Körper und mit Seele. Er würde um sie kämpfen, aber sie musste sich ihm freiwillig ergeben. Nie würde er ihr Vertrauen enttäuschen.

Wie Jackson vorgeschlagen hatte, packte Andrea ein paar Sachen zusammen und fuhr gleich wieder mit zurück zu ihm. Es tat so gut, den Kampf mit Lance nicht allein aufnehmen zu müssen.

„Ich habe einen Termin“, sagte Jackson nach einem ausgedehnten Brunch. „Warte hier auf mich. Ich erzähle dir alles, wenn ich wieder zurück bin.“

Gern hätte sie Genaueres erfahren, aber sie zügelte ihre Neugier. Wahrscheinlich hatte sie sowieso schon viel zu viel gefragt. „Wann kommst du denn zurück?“

„So schnell ich kann.“ Er küsste sie kurz. „Und sei nicht böse. Ich muss wirklich allein gehen. Diese Leute reden nicht in Anwesenheit von Zeugen.“

Sie musste lächeln. Er kannte sie einfach zu gut und wusste genau, was in ihrem Kopf vorging. „Komm nicht zu spät.“

„Versuch, an etwas anderes zu denken. Vielleicht kannst du dir ja so lange überlegen, ob du wieder als Sekretärin bei mir anfangen willst.“

Er ging, und sie brauchte über seinen Vorschlag nicht lange nachzudenken. Sehr gern würde sie wieder für ihn arbeiten, umso mehr, als sie jetzt nicht mehr verheimlichen musste, dass sie sich in ihren Chef verliebt hatte.

Erst gegen Abend kam Jackson wieder zurück.

„Hast du etwas herausgefunden?“, fragte sie.

„Ich bin hinter einer bestimmten Sache her.“

Er sah müde aus, und sie beschloss, vorläufig nicht weiter in ihn zu dringen. Erst einmal sollte er sich beim Essen entspannen. Auch wenn das Essen durch einige Telefongespräche unterbrochen wurde, schien Jackson die ruhige Atmosphäre zu genießen. Nach dem Essen goss sie zwei Becher Kaffee ein und ging ins Wohnzimmer. Sie reichte ihm einen Becher. „Hier, bitte.“

„Danke.“ In Gedanken versunken, ging er zu dem großen Fenster und starrte in die Dunkelheit.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Nächte voller Sinnlichkeit" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen