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Nächte der Sehnsucht

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1. KAPITEL

Er kommt. Das verrieten ihr die Schritte im Flur. Entschiedene, schwere Schritte auf dem Marmorboden.

Ein großer Mann, der sich in hastiger Ungeduld auf das Zimmer zubewegte, in dem sie warten sollte. Einen Raum wie diesen hatte sie nicht erwartet. Auf der anderen Seite war nichts von alldem so, wie sie vermutet hatte, am wenigsten wohl der Mann, den sie so lange nicht gesehen hatte. Mehr als zehn Jahre hatte sie kein Wort mehr mit ihm gesprochen. Und nun würden sie sich in nicht einmal dreißig Sekunden gegenüberstehen.

Wie sollte sie nur mit dieser Situation umgehen?

Ria verlagerte ihr Gewicht in dem weichen Ledersessel, legte ein Bein über das andere, um es gleich wieder züchtig auf den Boden zu stellen, die Knie fest zusammengepresst. Sie strich ihr blaugrün geblümtes Kleid glatt und hob die Hand, als wolle sie eine Strähne ihres brünetten Haares aus dem Gesicht streichen. Dabei wusste sie, dass sie makellos aussah: Es gab nichts Frivoles oder Lässiges an ihr, und sie hatte auch nicht die Absicht, eine derartige Wirkung zu erzielen. Vielmehr gab ihr das leichte schwarze Leinenjackett, das sie über ihr Kleid gezogen hatte, einen Hauch von Formalität, den sie brauchte, um sich sicherer zu fühlen.

Das Zimmer, in dem sie wartete, wirkte mit dem hellen Holz sehr elegant und kultiviert. Eine der hellgrauen Wände war bedeckt mit gerahmten Fotografien. Die aufsehenerregenden Bilder waren in Schwarz-Weiß gehalten. Die Art von Fotografien, die Alexei Sarova zu Ruhm und Reichtum gebracht hatten. Hervorragende Fotos – und dennoch runzelte Ria bei der Betrachtung die Stirn. Die Darstellungen – Landschaften und Plätze – wirkten karg, menschenverloren. Obwohl er auch manchmal Menschen fotografierte, wie sie aus den Zeitschriften wusste. Doch hier fand sich keines dieser Bilder.

Draußen vor der Tür wurden die Schritte langsamer und kamen dann zum Stehen. Das tiefe, raue Murmeln ließ erkennen, dass es sich um einen Mann handelte, der sprach.

Der Mann, wegen dem sie hergekommen war. Um ihm eine Nachricht zu übermitteln, die ihr Land vielleicht vor einem verheerenden Bürgerkrieg retten konnte. Sie hatte sich geschworen, nicht eher wieder zu gehen, bis sie ihren Auftrag erfüllt hatte. Auch wenn sich ihr Magen bei dem Gedanken schmerzhaft zusammenzog und sie nervös mit den Fingern auf die hölzerne Armlehne trommelte.

„Hör auf!“, wies sie sich laut zurecht. „Auf der Stelle.“

Sie faltete die Hände im Schoß, um sich den Anschein von Selbstbeherrschung zu geben, obwohl ihr rebellierender Magen etwas ganz anderes verriet. Zu viel hing von diesem Treffen ab, wobei sie nicht einmal wusste, ob sie mit dieser Situation fertigwerden würde.

Ach, das war doch lächerlich! Zitternd atmete Ria tief durch, starrte zur weißen Decke hoch und versuchte, ruhiger zu atmen. Sie sollte durchaus in der Lage sein, damit zurechtzukommen. Von frühester Kindheit an war ihr beigebracht worden, wie man Fremden begegnete, mit ihnen redete und sich bei offiziellen Anlässen am Hof in höflichem Geplauder erging. All dies musste ihr so selbstverständlich sein wie das Atmen. Den Kopf erhoben, den Rücken gerade, sollte sie nur an eines denken, was ihr Vater und das Kindermädchen ihr von Anfang an eingebläut hatten: Dass der Ruf der Familie Escalona – ein Ableger der königlichen Familie – für sie an allererster Stelle stehen musste.

Sie konnte sich mit den Ehefrauen der Staatsmänner über deren Ausflüge zu Glasfabriken unterhalten oder über die Erträge von Weingütern oder Farmen. Wenn es ihr erlaubt war, konnte sie sogar sehr intelligent über die bedeutende Rolle des Exports oder die des neuen Minerals reden, das kürzlich in den Bergen ihrer Heimat entdeckt worden war. Allerdings wurde sie nicht oft um ihre Meinung gefragt. Diese wichtigen Dinge überließ man gewöhnlich ihrem Großvater, oder bis vor Kurzem ihrem Großcousin Felix, ehemals Kronprinz von Mecjoria.

Aber noch nie hatte sie sich einer so wichtigen Aufgabe stellen müssen, die für die Freiheit ihres Landes und ihre eigene eine derart große Bedeutung hatte. Allein der Gedanke ließ wieder Unruhe in ihr aufsteigen.

„Dann tun Sie das gefälligst.“

Sie schreckte hoch, als die Stimme aus dem Flur jetzt scharf und deutlich zu hören war. Schultern zurück, Kopf hoch … Sie konnte beinahe die strenge Stimme ihres Vaters hören und atmete tief ein, um sich zu beruhigen, wie sie es bei ähnlichen Gelegenheiten schon so oft getan hatte.

Obwohl es diesmal anders war. Der Mann vor der Tür war im Grunde kein Fremder, und höfliches Geplauder mit ihm war das Letzte, was sie sich wünschte.

Als die Türklinke sich bewegte, verspannte Ria sich und warf hastig einen Blick über die Schulter. Dann riss sie sich zusammen. Sie wollte gefasst wirken, als habe sie die Situation unter Kontrolle.

Kontrolle. Das Wort klang hohl in ihrem Kopf. Früher einmal hatte sie nur einen Befehl geben müssen, und ihr Wunsch wurde erfüllt. Doch in ein paar wenigen Monaten war ihr Leben völlig auf den Kopf gestellt worden, sodass ihr gesellschaftlicher Status nun ihre geringste Sorge war. Nichts war mehr wie früher, und die Zukunft ragte nun dunkel und gefährlich vor ihr auf.

Aber vielleicht könnte sie dieses Treffen erfolgreich abschließen und die Katastrophe ein Stück abwenden, die ihr Land im Griff hatte – und ihre Familie. Und vielleicht könnte sie damit auch die Fehler der Vergangenheit ausradieren und ihrer Mutter wieder Glück und Gesundheit schenken. Was ihren Vater betraf … nein, an ihn wollte sie nicht denken, nicht jetzt. Das würde ihr nur die Kraft rauben, die sie nun brauchte.

„Ich erwarte, dass heute Abend ein Bericht auf meinem Schreibtisch liegt.“ Die Tür wurde schwungvoll geöffnet. Er war da. Jetzt blieb keine Zeit mehr zum Grübeln.

Als er über die Schwelle trat, machte ihr Herz einen Sprung und raubte ihr kurz den Atem. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sie sich verloren und verletzlich ohne den Bodyguard, der sonst im Hintergrund über sie wachte und immer da war, sollte sie seine Hilfe benötigen. Sie hatte sich darauf verlassen können, dass er mit jeder unangenehmen Situation fertigwurde.

Aber das war einmal. Es gab keinen Sicherheitsbeamten mehr, der auf sie aufpasste. Weder hier noch in ihrer Heimat Mecjoria. Denn sie hatte keinen Anspruch mehr auf diesen Schutz. Dieses Privileg hatte man ihr und ihrer Familie als Erstes genommen, nach den Unruhen, die auf Felix’ unerwarteten Tod gefolgt waren. Ein weiterer Grund waren die schockierenden Enthüllungen in Bezug auf die Intrigen ihres Vaters, die er in der Vergangenheit angezettelt hatte. All das war so schnell gegangen, dass sie nicht einmal Zeit gehabt hatte, über die möglichen Konsequenzen für ihre Zukunft nachzudenken.

„Ich dulde keine Verzögerung. Auf Wiedersehen.“

Ria zuckte zusammen, als er nun mit großen Schritten den Raum durchquerte.

„Guten Tag.“ Er klang hart, entschieden.

Sie wusste, dass sie sich zu ihm umdrehen sollte. Und dennoch fiel es ihr unendlich schwer, sich zu rühren, wenn sie daran dachte, wie er reagieren würde.

„Miss …“

Sein warnender Unterton brachte schließlich Bewegung in sie. Abrupt drehte sie sich um und sprang auf. Als sie sah, wie groß und mächtig er vor ihr aufragte, war sie froh darum zu stehen. Sie hatte Fotos von ihm in den Zeitungen gesehen, doch in der Realität wirkte er mit seiner gebräunten Haut, den tiefdunklen Augen und dem schwarzen Haar noch viel überwältigender. Sein hellgrauer Anzug betonte seinen beeindruckenden Körper mit den breiten Schultern, das blütenweiße Hemd mit der silberschwarzen Krawatte verwandelte ihn in einen kultivierten Geschäftsmann, den Lichtjahre von dem Alexei trennten, den sie in Erinnerung hatte. Einen sehnigen Jungen mit ungezähmter Haarmähne, der einst ihr Freund gewesen war und jetzt unter einem teuren Anzug versteckt lag. Als sie schockiert nach Luft schnappte, atmete sie den herben Duft von Zitronenseife ein und den nach sauberer männlicher Haut.

„Guten Tag“, brachte sie heraus, erleichtert darüber, dass ihre Stimme fest klang. Vielleicht hörte sie sich ein wenig zu gepresst, zu steif an, aber zumindest hatte sie nicht gezittert, obwohl ihr Innerstes bebte. „Alexei Sarova, nehme ich an.“

Er war auf sie zugetreten, doch ihre Antwort brachte ihn aus dem Konzept.

„Ja!“ Mehr sagte er nicht, aber das kleine Wort klang nach Feindseligkeit.

Abrupt blieb er stehen, ehe er zur Tür herumwirbelte und nach der Klinke griff. Es war schlimmer, als sie erwartet hatte. Sie hatte gewusst, dass es schwierig werden würde, sich bei ihm Gehör zu verschaffen, doch dass er sie gänzlich zurückweisen würde, hätte sie nie gedacht.

„Oh … bitte“, presste Ria hervor. „Bitte gehen Sie nicht.“

Ihr Flehen ließ ihn herumfahren, und seine schwarzen glänzenden Augen waren ungerührt auf ihr Gesicht gerichtet.

„Gehen?“

Er schüttelte den Kopf, den Anflug eines Lächelns auf seinen wunderschönen, sinnlichen Lippen. Doch Ria erschauderte, als sie merkte, dass das Lächeln nicht einmal seine Augen erreichte. Sie wirkten genauso kalt und gefühllos wie Glas.

„Ich gehe nicht. Aber Sie.“

Es war noch weit schlimmer als erwartet. Eigentlich hatte sie auch nicht angenommen, dass er sie gleich wiedererkennen würde. Zehn Jahre waren eine lange Zeit, sie waren fast noch Kinder gewesen, als sie sich das letzte Mal gesehen hatten. Sie selbst war nicht mehr das pummelige, linkische Mädchen, als das er sie kannte. Inzwischen war sie größer, schlanker, und ihre Haare hatten nicht mehr den undefinierbaren Schlammton ihrer Kindheit, sondern leuchteten nun in einem glänzenden Rotbraun. Daher hatte sie erwartet, sich ihm vorstellen zu müssen und zumindest gehofft, dass er sich anhören würde, warum sie gekommen war.

„Nein.“ Sie schüttelte den Kopf. „Das werde ich nicht.“

Als ein wütendes Funkeln in seinen Augen aufblitzte, wäre sie beinahe vor ihm zurückgeschreckt. Aber eine Herzogin schreckte nicht zurück, auch wenn sie keinen Titel mehr hatte.

„Nein?“

Wie schaffte er es nur, so viel Zynismus und Feindseligkeit in dieses eine Wort zu legen?

„Ich sollte wohl klarstellen, dass ich der Eigentümer dieses Gebäudes bin. Also kann ich bestimmen, wer bleibt und wer geht. Und Sie gehen.“

„Wollen Sie denn gar nicht wissen, warum ich hier bin?“

Er zeigte genauso wenig Reaktion wie eine Maske aus Stein, außer dass seine Augen vielleicht noch eine Spur kälter wirkten.

„Eigentlich nicht. Im Grunde ist es mir völlig egal. Mich interessiert nur, dass Sie verschwinden und nie mehr wiederkommen.“

Nein, dachte Alexei. Eigentlich wünschte er, dass sie erst gar nicht gekommen wäre. Sie war mitten in sein Büro geplatzt, in dem er sich nun eingesperrt fühlte wie ein Tiger in seinem Käfig. Dabei war es nicht das Gitter, das ihn gefangen hielt, sondern die Erinnerungen an die Vergangenheit, die ihm nun wie Fußfesseln die Bewegung nahmen, sodass er nicht fliehen konnte.

Er hatte nicht erwartet, sie oder einen anderen Menschen von Mecjoria je wiederzusehen. Sein Leben hatte er von Grund auf umgekrempelt und sich und seiner Mutter eine neue Existenz geschaffen. Wobei es zu seinem Bedauern zu viele Jahre gedauert hatte, bis er seiner Mutter den Lebensstandard bieten konnte, den sie in ihrem Alter verdiente. Nun war er reicher, als er es je als Prinz gewesen war. Allerdings sträubte er sich gegen die Erinnerung an die königliche Familie von Mecjoria oder das Land selbst. Er hatte alle Verbindungen zu diesem Ort abgeschnitten und war entschlossen, es auch so zu belassen. Und er hätte niemals zurückgeblickt, wäre Ria nicht so plötzlich und unerwartet in seinem Büro aufgetaucht.

Alexei verharrte einen Moment, ehe er die Tür weit öffnete. „Oder soll ich dem Sicherheitspersonal Bescheid geben?“

Ria hob die Brauen, sah ihn aus kühlen, grünen Augen an. Und verwandelte sich damit für ihn wieder in die Großherzogin. Er verabscheute das Gefühl von Minderwertigkeit, das ihr Titel in ihm weckte.

„Du willst also deinem Sicherheitspersonal Bescheid geben? Das würde sich in den Klatschspalten nicht gut machen. ‚International bekannter Playboy braucht Unterstützung, um mit einem kleinen weiblichen Eindringling fertigzuwerden.‘“

„Klein? Ich würde dich kaum als klein bezeichnen“, erwiderte er kühl und wechselte ebenfalls zu dem vertrauten Du. Es war albern, länger vorzugeben, sie nicht zu kennen. „Du musst gewachsen sein, mindestens fünfzehn Zentimeter, seit ich dich das letzte Mal gesehen habe.“

Sie wirkte auch in anderer Hinsicht erwachsen, wie er gleich zu Anfang bemerkt hatte. Bevor er wusste, wer sie war. Seine Männlichkeit jedenfalls hatte sofort heftig auf sie reagiert.

Seit Jahren hatte er keine so atemberaubende Frau mehr gesehen – in seinem ganzen Leben nicht. Ihre schmale Figur, das flammendrote Haar, die Porzellanhaut, die langen, langen Beine … einfach hinreißend!

Und dann war ihm bewusst geworden, dass es sich um Ria handelte. Sie war gewachsen und schlanker geworden. Die rosigen Apfelwangen waren von markanten Linien verdrängt worden. Wobei er zugeben musste, dass er ihre runden Wangen geliebt hatte. Sie waren so weich, so glatt gewesen. Er hatte vorgegeben, sie zu necken, wenn er sanft mit seinem Finger in ihre Wange gebohrt hatte. Dabei hatte es ihm sehr gefallen, ihre seidige Haut mit seinen Fingerspitzen zu berühren. Jetzt wirkten Rias Wangenknochen eher so, als könnte man sich daran stoßen, und das Rosa auf den Wangen rührte von einem perfekt aufgetragenen Rouge. Es betonte ihre jadegrünen Augen und die weich geschwungenen Lippen. Doch ihr Verhalten hatte nicht Weiches, Sanftes.

Verlangen hatte ihn durchzuckt wie ein elektrischer Schlag, ehe er sich ungläubig und schockiert bewusst wurde, wer sie war und sich verwirrt fragte, warum sie überhaupt gekommen war. Gerade als er sich daran erinnerte, wie sie ihre Zeit damals gemeinsam verbracht hatten, hatte sie seine Erinnerung so heftig zerstört, als habe sie mit einem schweren Hammer zugeschlagen.

Auslöser war ihr Blick gewesen, den sie ihm über ihre aristokratische Nase hinweg zugeworfen hatte. Als sei er nicht einmal so viel wert wie der Dreck unter ihren Schuhen. Die Ria, die ihm einst Freundin und Vertraute gewesen war und sich von einem süßen Mädchen in eine umwerfend sinnliche Frau verwandelt hatte, wurde wieder zu der Ria, die ihm gemeinsam mit ihrem Vater und ihrer Familie ein Messer in den Rücken gestoßen, das Leben seiner Mutter zerstört und sie beide ins Exil verbannt hatte.

„Was die Klatschspalten betrifft – ich bin sicher, dass die Leute sich mehr dafür interessieren, wie die Großherzogin Honoria Maria Escalona aus dem Büro von Sarova International geworfen wurde.“

„Von Großherzogin kann keine Rede mehr sein“, räumte Ria ein.

„Wie bitte?“

Ihre Bemerkung ließ ihn hochfahren. Fragend zog er die Brauen zusammen, legte den Kopf schräg und wirkte einen Moment verwirrt. Dieser kurze Moment, in dem er sich unverhüllt zeigte, rührte sie und zog ihr schmerzlich das Herz zusammen.

Sie kannte dieses Verhalten von ihm aus Kindertagen. Wobei nur sie ein Kind gewesen war und er bereits sechs Jahre älter. Wenn er verwirrt oder unsicher war, tauchte immer die Falte zwischen seinen Brauen auf …

„Lexei … bitte.“ Der Name, so vertraut und liebevoll wie früher, entschlüpfte ihr, ehe sie darüber nachdenken konnte.

Ein verhängnisvoller Fehler, wie sie sofort bemerkte. Hatte sie gehofft, ihm dadurch ein wenig näherzukommen, war genau das Gegenteil der Fall.

Er versteifte sich, das Kinn abwehrend gereckt. Seine Augen sprühten, und in seinen Kiefermuskeln zuckte es.

„Nein“, sagte er mit harter, rauer Stimme. „Ich werde mir kein einziges Wort von dir anhören. Warum sollte ich auch, wenn du und die Deinen sich von meiner Mutter und mir abgewandt haben. Ihr habt uns der Schande überlassen und uns ins Exil gejagt. Meine Mutter ist daran gestorben. Also ist nichts von dem, was du zu sagen hast, überhaupt wichtig für mich.“

„Aber …“

Es könnte sein … Die Worte erstarben auf ihrer Zunge, wurden verbrannt von seiner Wut, die er auf sie richtete.

So hatte sie dieses Treffen nicht geplant, doch offensichtlich wollte er ihre sorgfältig zurechtgelegten Worte nicht hören. Hastig griff sie mit zitternden Fingern in ihre Handtasche.

„Das ist für dich“, sagte sie gepresst und hielt ihm ein gefaltetes Stück Papier hin. Während der Reise hierher hatte sie sich immer wieder vergewissert, dass es noch da war.

Sein Blick fiel auf das Dokument, und seine Miene wirkte plötzlich wie versteinert, als er oben auf dem Papier das Siegel entdeckte, das die Bedeutung dieses Schreibens verriet.

„Du weißt, dass deine Mutter einen Beweis für die Rechtmäßigkeit ihrer Ehe brauchte“, begann sie und sah, dass er nur ganz leicht nickte, den Blick weiter auf das Papier gerichtet.

Er wirkte so steif, so ungerührt, als würde sie zu einer Statue sprechen, während sie sich auf der Suche nach den richtigen Worten verhaspelte. Hätte nur jemand anders diese wichtige Pflicht übernommen. Doch sie hatte sich freiwillig bereit erklärt, obwohl die Minister sie misstrauisch beäugt hatten. Was verständlich war, nach dem, wie ihr Vater sich verhalten hatte. Dabei kannten sie nicht einmal die Hälfte seiner Machenschaften. Sie selbst hatte gerade erst die Wahrheit herausgefunden, wagte es jedoch nicht, jemand anderem auch nur ein Wort davon zu erzählen. Glücklicherweise waren die Minister schließlich davon überzeugt gewesen, dass sie am ehesten Erfolg haben würde. Alexei würde sie anhören, hatten sie gemeint. Überdies war es für sie persönlich und ihre Familie von größter Bedeutung, die Mission zum Erfolg zu führen.

Was für eine Ironie, dass sie all das, was sie von ihrem Vater gelernt hatte, nun darauf verwendete, dessen Pläne zu vereiteln.

„Und dafür brauchte sie den Beweis, dass der alte König deinem Vater als Mitglied der königlichen Familie vor vielen Jahren die Erlaubnis gegeben hat, deine Mutter zu heiraten.“

Warum zählte sie die Fakten noch einmal auf, die er doch genauso gut kannte wie sie? Schließlich war sein Leben zerstört worden, nachdem die Ehe seiner Eltern als illegal erklärt worden war. Alexeis Eltern hatten sich getrennt und er hatte bis zum sechzehnten Lebensjahr bei seiner Mutter in London gelebt. Nachdem ihr Ehemann an Krebs erkrankte, war sie nach Mecjoria zurückgekehrt, in der Hoffnung auf eine Versöhnung. In der kurzen Zeit, die ihnen noch vergönnt war, hatte Alexei sich schwer getan mit den altmodischen und hochnäsigen Aristokraten, zumal sie ihn und seine Mutter als Bürgerliche ansahen, die nicht an den Hof gehörten. Sein rebellisches Verhalten hatte bei vielen Missbilligung hervorgerufen. Als sein Vater kurz danach starb, war niemand mehr da gewesen, der Mutter und Sohn unterstützt hätte. Vielmehr wurden Intrigen gesponnen und Alexei und seine Mutter schließlich ins Exil geschickt. Zu ihrem Entsetzen hatte Ria vor Kurzem herausgefunden, dass ihr Vater wesentlich an der Sache beteiligt gewesen war.

Und dann war da noch ihre Rolle bei dem Ganzen. Auch deshalb hatte sie sich dazu bereit erklärt, das Dokument zu überbringen … weil ihr Gewissen sie quälte.

„Das hier ist der Beweis.“

Schließlich streckte er seine Hand aus und nahm das Papier. Doch er überflog den Text nur kurz, ehe er das Dokument auf den Tisch warf.

„Und?“

Ihr Mund schien plötzlich wie ausgetrocknet und machte ihr das Sprechen schwer.

„Verstehst du denn nicht?“ Eine dumme Frage. Natürlich verstand er, nur dass er ganz und gar nicht so reagierte, wie sie erwartet hatte. „Genau das hättest du damals gebraucht. Damit ändert sich alles. Denn dieses Dokument beweist, dass deine Eltern auch in Mecjoria schon rechtmäßig verheiratet waren. Somit bist du ein eheliches Kind.“

„Und daher steht es mir auch zu, dass du mich besuchst? Dass du nach all den Jahren wieder mit mir sprichst?“

Sein verbitterter Ton ließ sie zusammenfahren, und das umso mehr, da sie es verdiente. Denn sie hatte ihm entgegengehalten, dass er ein uneheliches Kind war, genau in dem Moment, als er sie um Hilfe bat. Damals kannte sie die Wahrheit noch nicht, doch sie wusste, dass sie verletzt und auch wütend gewesen war, als sie ihm diese Worte an den Kopf geworfen hatte. Und das nur deshalb, weil er sich von ihr abgewandt und sich auf eine Romanze mit einem anderen Mädchen eingelassen hatte.

Eine Frau, Ria. Seine Stimme klang ihr auch jetzt nach all den Jahren noch deutlich im Ohr. Sie ist eine Frau.

Was heißen sollte, dass sie selbst noch ein Kind war. In ihrem Schmerz über die Zurückweisung war sie das perfekte Opfer für die Machenschaften ihres Vaters gewesen.

Sie kämpfte mit ihren Erinnerungen, ehe sie mühsam herausbrachte: „Es ist die Wahrheit, nichts anderes.“

Sie wusste, wie sehr er die Bezeichnung „Bastard“ hasste. Doch noch mehr verabscheute er die Art und Weise, wie seine Mutter behandelt worden war, weil ihre Ehe nicht als rechtmäßig angesehen wurde. Deshalb hatte Ria geglaubt, gehofft, dass die Neuigkeit, die sie mitbrachte, alles verändern würde. Sie hätte nicht falscher liegen können.

„Die Wahrheit?“, fragte er zynisch. „Ein bisschen zu spät dafür, oder nicht? Die Wahrheit kann meiner Mutter jetzt nicht mehr helfen. Und mir persönlich ist es verdammt egal, was man in Mecjoria über mich denkt. Aber trotzdem danke für die Nachricht.“

Sein Ton verriet, dass von aufrichtiger Dankbarkeit bei ihm keine Rede sein konnte.

Dabei ging es um so viel mehr. Der Beweis seiner Legitimität hatte weitreichende Konsequenzen, und daher hätte sie nie mit diesem Desinteresse gerechnet.

„Mein Verhalten damals tut mir leid“, begann sie und versuchte, eine andere Richtung einzuschlagen, die jedoch nur mit einem kalten Blick quittiert wurde.

„Es ist zehn Jahre her.“ Ihre gestotterte Entschuldigung war ihm nur ein abschätziges Schulterzucken wert. „Seitdem ist viel passiert, aber nichts von dem hat jetzt noch Bedeutung. Ich habe mir ein eigenes Leben aufgebaut und will nichts mehr mit dem Land zu tun haben, das meine Mutter und mich nicht für gut genug hielt, um dort leben zu können.“

„Aber …“

So vieles ging Ria durch den Kopf, doch sie wagte es nicht, auch nur eine der Fakten oder Einzelheiten auszusprechen. Noch nicht. Zu viel hing davon ab, und dieser Mann war nicht bereit, sich auch nur ein Wort von dem anzuhören, was sie zu sagen hatte. Ein falsches Wort, und er würde sie zurückweisen. Eine zweite Chance würde sie nicht bekommen.

„Und jetzt wäre es mir recht, wenn du gehst. Sonst rufe ich wirklich den Sicherheitsdienst und lasse dich hinauswerfen. Und zur Hölle mit den Paparazzi oder der Klatschpresse. Vielleicht wäre es sogar der beste Weg, denn die Presse würde sich bestimmt um das reißen, was ich zu erzählen habe.“

War das nur eine leere Drohung, oder meinte er es ernst? Sollte sie es darauf ankommen lassen? Die Fakten zu Hause sprachen dagegen. Das Land war in Aufruhr, und man erhoffte sich von ihrer Mission Sicherheit und Frieden. Zudem fürchtete sie, dass ihre Mutter völlig zusammenbrechen würde, sollte noch mehr geschehen. Sie selbst würde dann wieder unter der Kontrolle ihres Vaters stehen, wenn sie scheiterte. Sie mochte gar nicht daran denken, welchen Schaden der leiseste Anflug eines Skandals verursachen könnte. Es gab nur einen Weg, wie sie ihr gesetztes Ziel erreichen konnte: Sie musste Alexei auf ihre Seite bringen, was jedoch zunehmend unmöglich schien.

„Honoria“, sagte er in gefährlichem Ton, der nicht einmal nötig war. Denn ihr reichte, dass er ihren vollen Namen nannte, sodass sie nervös zur geöffneten Tür blickte. „Herzogin“, fügte er mit spöttischer Verbeugung hinzu.

Doch ihre Füße waren wie festgenagelt. Sie konnte nicht gehen. Zu vieles war noch ungesagt.

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