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Nächte voller Sinnlichkeit: Nächte der Liebe – Tage der Hoffnung

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Nalini Singh

Nächte der Liebe – Tage der Hoffnung

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Brigitte Bumke

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1. KAPITEL

Die letzte Person, die Jessica Randall bei ihrer Ankunft in Neuseeland auf dem International Airport von Christchurch zu sehen erwartet hatte, war der Mann, den sie bald heiraten würde. „Gabriel. Was machst du denn hier?“

„Du warst ein Jahr lang in L. A., und das ist alles, was du zu sagen hast?“

Verwirrt küsste sie ihn flüchtig auf die Wange. Es war ein ungewohntes, merkwürdiges Gefühl. „Entschuldige, ich war einfach überrascht. Hast du nicht alle Hände voll zu tun auf der Farm?“

„Ich wollte etwas mit dir besprechen. Aber eins nach dem anderen.“ Unvermittelt zog er sie an sich und küsste sie leidenschaftlich auf den Mund.

Das brachte Jessica völlig aus der Fassung, und sie klammerte sich an sein Hemd, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Deutlich spürte sie die knisternde Spannung zwischen ihnen. Jessicas Herz klopfte zum Zerspringen, und das Blut rauschte ihr in den Ohren.

Es war der intimste Kuss, den sie und Gabriel je getauscht hatten, der engste Körperkontakt, den sie bisher hatten. Jessica geriet geradezu in Panik. Nicht, weil es ihr nicht gefiel, sondern weil es ihr gefiel.

„Willkommen zu Hause.“ Gabriel gab sie frei. Der Ausdruck in seinen grünen Augen war unmissverständlich – Gabriel Dumont war bereit für die Hochzeitsnacht.

Mit leicht zittrigen Beinen sah Jessica zu, wie er ihr Gepäck aufnahm, dann folgte sie ihm zum Bereich des Flughafens für Inlandsflüge und weiter zum Flugfeld für die kleineren Maschinen. Dort wartete die Jubilee auf sie, eines der beiden Flugzeuge, die zur Angel-Farm gehörten.

Jessica fühlte sich derart unter Druck – wegen Gabriels Erwartungen, aber hauptsächlich wegen ihrer unerklärlichen Reaktion auf seine Umarmung –, dass sie kaum etwas wahrnahm. Im Laufe des vergangenen Jahres hatte sie sich eingeredet, ihre Ehe würde eine ruhige, geschäftsmäßige Angelegenheit werden. Sie hatte nicht einmal darüber nachgedacht, was es bedeuten könnte, wirklich Gabriels Frau zu sein, von ihm berührt und in Besitz genommen zu werden.

Ihr Herz klopfte heftig, als Gabriel neben ihr den Platz des Piloten einnahm, die Kontrolle übernahm. Ihr Verlobter war ein Mann, der genau wusste, was er wollte. Man konnte ihn unmöglich ignorieren.

Gabriel Dumont war hochgewachsen, muskulös und schlank und wirkte geschmeidig. Seine Art sich zu bewegen erinnerte an einen jungen wilden Hengst, prachtvoll und stolz. Sie wusste von früher, dass die verblassten Brandnarben auf seinem linken Arm und auf seinem Rücken diese Wirkung nicht schmälerten – womöglich unterstrichen sie seine überwältigende Ausstrahlung sogar noch. Seine klaren grünen Augen und sein in der Sonne schimmerndes Haar ließen ihn perfekt wirken. Es war fast, als wäre er in dem Jahr ihrer Abwesenheit noch attraktiver geworden … noch unpassender für sie.

Bei Gabriels Anblick verschlug es den Frauen in der Regel den Atem. Man fühlte sich unweigerlich an die Schönheit eines Tigers erinnert – gefährlich und unberührbar. Nicht zum ersten Mal zweifelte Jessica an der Richtigkeit ihrer Entscheidung, einen Mann zu heiraten, von dem sie so wenig wusste, obwohl sie auf benachbarten Farmen aufgewachsen war.

„Und, was hast du in L. A. gelernt?“, fragte Gabriel, nachdem sie sicher abgehoben hatten.

Noch immer nervös von der Wirkung seines Kusses auf sie, bemühte Jessica sich, ruhig zu klingen. „Dass ich malen kann.“ Sie hatte bei Genevieve Legraux, einer bekannten Malerin, studiert.

„Das wussten wir beide vorher, Jessica. Deshalb bist du ja nach Amerika gegangen.“

„Stimmt. Ich meine, ich habe herausgefunden, dass ich auf einem Niveau malen kann, das zum Profi reichen könnte.“ Diese Entdeckung hatte sie überrascht, denn sie hatte als Kind und Jugendliche auf der kleinen Schaffarm ihrer Eltern nur gelegentlich Zeit für ihre Kunst gehabt.

„Genevieve hat mich ermutigt, meine Bilder zum Verkauf anzubieten. Sie will einige sogar an Richard Dusevic schicken, einem angesehenen Galeristen in Auckland.“

„Davon hast du bei unseren Telefonaten gar nichts erzählt.“

Achselzuckend dachte Jessica an die wöchentlichen Telefonate zurück. Sie hatten immer höchstens ein paar Minuten gedauert, doch sie hatte sich danach jedes Mal verloren und verwirrt gefühlt. „Ich wollte dir die Bilder zeigen.“ Gabriel glaubte nur, was er sah. „Sie sollten in Kürze ankommen. Ich habe sie als Schiffsfracht aufgegeben.“

„Wirst du Los Angeles vermissen?“

„Nein.“ Jessica warf einen Blick aus dem Fenster. Sie flogen gerade über die Canterbury Plains, die einem Flickenteppich glichen. Bald würden sie das Mackenzie Country erreichen, ein atemberaubendes Paradies im Schatten der Southern Alps Neuseelands und die einzige Gegend, in der sie sich zu Hause fühlte. „Ich musste für eine Weile weg von hier, doch jetzt komme ich zurück, um zu bleiben.“

„Wirklich?“

Sein scharfer Ton ließ Jessica sich Gabriel zuwenden. „Was für eine Frage ist denn das? Wir werden heiraten – oder hast du deine Meinung geändert?“ Vielleicht hatte er sich ja inzwischen in eine dieser sinnlichen, selbstsicheren Frauen verliebt, mit denen er in schöner Regelmäßigkeit das Bett teilte. Bei dem Gedanken ballte sie die Hände zu Fäusten.

„Ich bin bereit.“ Gabriel korrigierte ein wenig den Kurs. „Deinetwegen mache ich mir Sorgen.“

„Ich habe versprochen, dass ich zurückkomme, um zu heiraten. Und ich bin zurückgekommen.“ Traumatisiert von zwei Schicksalsschlägen, den Tod ihres Vaters und der Kündigung der Hypothek, mit der die Randall-Farm belastet war, hatte sie vor zwölf Monaten nicht die Kraft gehabt, jemandes Frau zu werden, schon gar nicht die eines Mannes wie Gabriel.

„Mark und Kayla haben sich getrennt.“

„Wie bitte? Aber du hast doch gesagt, Kayla sei schwanger.“

„Hochschwanger. Dein Freund hat sie vor drei Monaten verlassen.“

Das klang wie eine verbale Ohrfeige. „Mark ist ein guter Freund, mehr nicht.“

„Egal, wie sehr du dir etwas anderes wünschst?“

Gabriel sah sie an, und sein Blick war so kalt, dass Jessica nichts darin entdeckte als ihr eigenes Spiegelbild.

„Ja. Egal, wie sehr ich mir etwas anderes wünsche“, räumte sie ein, obwohl sie sich gedemütigt fühlte. „Er hat mich nie geliebt, nicht so wie er Kayla liebt.“

„Sieht mir nicht nach Liebe aus. Der Junge zieht mit allem durch die Gegend, was einen Rock trägt und Brüste hat.“

Die vulgäre Bemerkung ließ Jessica erröten. „Er ist wohl kaum ein Junge, immerhin ist er so alt wie ich.“ Und mit sechsundzwanzig sollte man erwachsen sein.

„Er benimmt sich momentan eben wie ein Kind“, überging Gabriel, der neun Jahre älter war als sie, Jessicas Einwand.

„Wie ist es passiert? Und warum hast du mir das nicht früher erzählt?“

Er warf ihr einen seltsamen Blick zu. „Hat Mark es dir denn nicht gesagt?“

Jessica strich sich das Haar hinter die Ohren. „Nein, wir haben nicht miteinander geredet, seit ich weggegangen bin.“

„Kein einziges Mal?“

„Nein“, schwindelte sie und bemühte sich, nicht an Marks einzigen Anruf vor vier Monaten zu denken. Er war betrunken gewesen und hatte Dinge gesagt, die kein verheirateter Mann sagen sollte – Dinge, die sie sich nicht hätte anhören sollen. „Sieht es schlecht aus?“

„Es geht das Gerücht, sie wollen sich scheiden lassen.“

„Die arme Kayla.“

„Scheinheiligkeit hätte ich nicht von dir erwartet.“

Jessica errötete erneut. „Egal, was du denkst, ich wünsche keiner Frau diesen Kummer. Es sei denn … hat sie die Trennung verlangt?“

„Es sieht nicht danach aus.“

„Ich kann es nicht glauben, dass Mark seine Ehe hinwirft.“

„Vielleicht hat er endlich gemerkt, was er aufgegeben hat.“ Gabriels herausfordernder Ton war nicht zu überhören. „Was wirst du tun?“

„Tun?“ Jessica war noch ganz benommen.

„Wir werden morgen heiraten, und ich will, dass wir verheiratet bleiben. Wenn du also vorhast, Mark nachzulaufen, dann solltest du mir das lieber gleich sagen.“

Jessica atmete tief durch. „Wie soll ich denn jetzt sofort eine Entscheidung treffen?“

„Genauso, wie du entschieden hast mich zu heiraten und mit meinem Geld nach L. A. zu gehen.“

„Wirf mir das nicht vor! Du warst einverstanden, dass ich für ein Jahr weggehe.“

„Beantworte die verdammte Frage. Willst du heiraten oder nicht?“ Seine Miene wirkte erbarmungslos.

In Wirklichkeit hatte Jessica gar keine Wahl. Wenn sie einen Rückzieher machte, verlor sie den letzten Einfluss auf das Land, das einmal die Randall-Farm war, ihr Zuhause. „Wie viel kostet es, die Farm zurückzukaufen?“ Gabriel hatte das Land nie wirklich haben wollen. Er hatte nur bei der Zwangsversteigerung mitgeboten, weil sie ihn inständig darum gebeten hatte. Aber das änderte nichts an der Tatsache, dass er die Farm jetzt besaß. Und sie gleich mit.

Gabriel schnaubte verächtlich. „Du hattest damals nicht so viel Geld, und du hast es jetzt nicht. Genauso wenig wie Mark.“

Das war unstrittig. Zudem war sie Gabriel etwas schuldig für das Jahr in L. A. – ein Jahr Auszeit, das sie unbedingt gebraucht hatte, um erwachsen zu werden. Egal, ob sie Mark liebte oder nicht, sie hatte ihrem Vater auf dessen Totenbett ein Versprechen gegeben, und das würde sie halten. Auf Randall-Land würde immer ein Randall leben. „Ich werde dich heiraten.“

„Du wirst einen Ehevertrag unterzeichnen müssen.“

Jessica verstand glasklar, was er damit sagen wollte. „Ich habe nicht die Absicht, das Land durch eine Scheidung zurückzubekommen. Du hast es rechtmäßig erworben.“ Damit hatte er es vor Grundstücksspekulanten gerettet, die es völlig zerstört hätten.

Den Preis zu bezahlen, den er verlangt hatte – die Ehe –, war ihr seinerzeit nicht als ein so großes Opfer erschienen. Besonders, da sie geglaubt hatte, sie würde keinerlei Gefühle in diese Verbindung einbringen müssen. Es war ihr nie in den Sinn gekommen, dass Gabriel ihr nicht gestatten würde, auf Distanz zu bleiben.

Jedenfalls nicht bis zu dem Moment, als er sie bei ihrer Ankunft geküsst hatte.

„Mein Anwalt wird die Papiere morgen früh vorbeibringen.“

„Schön.“ Hinter Gabriels Geld war sie nie her gewesen. Das Recht zu verlieren, das ihr anvertraute Land zu betreten, das hatte sie nicht ertragen können.

Im Cockpit breitete sich Schweigen aus. Jessica legte den Kopf zurück und versuchte einen klaren Gedanken zu fassen. Mark hatte sich von Kayla getrennt. Ein kleine egoistische Stimme in ihr forderte sie auf, die Hochzeit mit Gabriel abzusagen, doch sie hatte seit Langem aufgehört, sich etwas vorzumachen. Auch wenn Mark sich wieder wie ein Single aufführte, in ihr hatte er nie etwas anderes gesehen als eine Freundin.

Trotzdem musste sie immer wieder an Marks unerwarteten Anruf denken, an das, was er gesagt hatte. Sie schluckte und rief sich ins Gedächtnis, dass er betrunken gewesen war. Er hatte es nicht ernst gemeint. Rein gar nichts. Sie konnte es sich nicht leisten, etwas anderes zu glauben.

„Wie kommt es, dass du abgenommen hast?“ Gabriels harsche Frage durchschnitt das Schweigen wie ein Messer.

„Es ist einfach passiert.“ Eine Kombination aus Kummer, Schock und dem Stress der ersten Monate in einer fremden Stadt. „Ich dachte, du würdest dich freuen.“ Seine Geliebten waren immer langbeinige, schlanke Schönheiten gewesen. Sie dagegen war nicht besonders groß und auch jetzt nicht gerade gertenschlank.

„Ich heirate dich nicht deines Körpers wegen.“

Jessica biss sich auf die Unterlippe. „Nein.“ Trotz des atemberaubenden Kusses hatte sie keinen Zweifel daran, dass der wohlhabende, erfolgreiche und unglaublich attraktive Gabriel Dumont sie nicht ihres Körpers wegen heiratete. Und auch nicht ihres Verstandes wegen oder wegen ihrer fundierten Kenntnisse des Lebens auf einer Farm. Nein, Gabriel heiratete sie aus einem einfachen, praktischen Grund: Im Gegensatz zu jeder anderen Frau, die bisher seinen Weg gekreuzt hatte, machte sie sich keine romantischen Illusionen über ihn.

Sie erwartete nicht, dass er sie liebte, nicht jetzt, nicht irgendwann. Daher war sie eine ausgesprochen geeignete Heiratskandidatin für einen Mann, der unfähig war zu lieben und nicht von einer Frau behelligt werden wollte, die sein Leben mit Träumen von Romantik aus dem Tritt brachte.

„Ich habe mir in L. A. ein Kleid gekauft. Für die Hochzeit“, sagte sie.

„Nicht das kleinste bisschen unschlüssig?“

„Du hast mir ein Jahr Zeit gegeben. Ich bin jetzt bereit.“

Gabriel erinnerte sich nur allzu genau an ihre verzweifelte Bitte an dem Abend, an dem sie beschlossen hatten zu heiraten. Ich muss herausfinden, wer ich bin, ehe ich Mrs Dumont werde, hatte sie gesagt. Ich habe nie gelernt, für mich selbst verantwortlich zu sein und bei dir werde ich das können müssen. Andernfalls wirst du mich zerstören, ohne es zu wollen.

Sie hatte den Mut gehabt, ihm ins Gesicht zu sagen, was viele nicht gewagt hätten: dass er durchaus einen sanften, weniger starken Menschen mit seiner schroffen nüchternen Art zu zerstören vermochte.

Die Frau neben ihm hörte sich nicht mehr an wie das verzweifelte Mädchen von vor zwölf Monaten, doch sie war noch genauso mutig. „Gut“, sagte er, war sich aber gar nicht sicher, ob ihm ihre Stärke gefiel. Er hatte Jessica gewählt, weil er gewusst hatte, dass sie absolut nichts von ihm verlangen würde. Ihr lag lediglich daran, die Randall-Farm zu behalten.

„Du hast … du hast keine andere Frau gefunden?“

„Ich will, dass du meine Frau wirst, Jessie. Ich will, dass du auf der Angel-Farm lebst, meinen Namen trägst und meine Kinder bekommst.“ Er ließ keinen Zweifel daran, dass er fest entschlossen war. Er hatte seine Wahl getroffen, und er würde dabei bleiben.

Dass sie nichts für ihn empfand, störte ihn nicht im Mindesten. Er hatte vor langer Zeit beschlossen, dass Liebe in seiner Ehe, falls er einmal heiraten sollte, keine Rolle spielen würde. „Im Gegensatz zu Mark habe ich meine Hosen anbehalten, seit wir verlobt sind.“

„Wirst du seinen Namen bei jeder Unterhaltung, die wir führen, aufs Tapet bringen?“

Auf diesen unerwarteten Tadel hin warf er ihr einen Seitenblick zu. Sie hatte die Augen zusammengekniffen und die Arme verschränkt. Ihre Haltung amüsierte ihn. Sie mochte ein wenig erwachsener geworden sein, doch sie war immer noch ein Leichtgewicht verglichen mit ihm. „Wen möchtest du zur Hochzeit einladen?“

Frustriert aufseufzend strich sie durch ihr rotbraunes Haar. Er merkte, dass er den Blick auf ihren Locken verweilen ließ. Das war ein Merkmal Jessicas, das sich nicht geändert hatte – ihre unbändige, seidige Lockenpracht, die so gar nicht zu ihrem stillen, anspruchslosen Charakter passen wollte.

„Ich würde eine Hochzeit im kleinen Rahmen vorziehen, denn wenn wir einige Leute aus Kowhai“, das war die nächste Stadt, „einladen und andere nicht, wird es Gerede geben. Wie wär’s, wenn wir uns auf die Mitarbeiter der Farm beschränken?“

„Sonst niemand?“

„Nein.“ Jessica fragte sich, ob sie sich seinen neuerlichen scharfen Unterton bloß einbildete. „Wissen die Leute …?“

„Einige vermuten es, seit sie gehört haben, dass du direkt auf die Angel-Farm zurückkommst.“

Gabriel streckte die Hand aus, um einen Hebel zu bedienen, und Jessica fühlte sich wie hypnotisiert vom Anblick seines sehnigen Arms.

„Nach der Hochzeit ist es noch früh genug, die Gerüchte zu bestätigen“, fügte er hinzu.

Jessica nickte, unfähig den Gedanken zu verdrängen, dass Gabriels Hände bald sehr viel intimere Bereiche berühren würden als die Regler im Cockpit seines Flugzeugs. Die Vorstellung löste erneut Panik in ihr aus, doch sie bezwang sie. Der Tag, an dem sie dieser Panik die Oberhand ließ, würde der Tag sein, an dem sie jede Hoffnung aufgeben konnte, dass diese Ehe funktionierte. Gabriel würde niemals eine schwache Frau respektieren. „Das macht es einfacher.“

„Ist dir vier Uhr morgen Nachmittag recht?“

Ihr Hals war derart trocken, dass sie sich räuspern musste. „Okay.“ Es gab keinen Grund zu warten – sie hatten ihre Vereinbarung an einem regnerischen Abend vor einem Jahr getroffen.

Jetzt war die Zeit gekommen, ihre Schulden zu begleichen.

2. KAPITEL

Ich habe dein Gepäck für heute Nacht ins Gästezimmer gebracht.“

Gabriel stand hinter Jessica und stützte die Arme rechts und links von ihr auf dem Verandageländer auf. Ihr krampfte sich der Magen zusammen, auch wenn sie wusste, dass er sie nie zu etwas zwingen würde. Falls sie sich weigern sollte, mit ihm zu schlafen, würde er sich zurückziehen, und alle Heiratspläne wären vom Tisch. Er würde sie bitten, die Farm zu verlassen und nie zurückzukommen.

„Nur für heute Nacht?“ Sie hielt den Blick auf die majestätischen Gipfel in der Ferne gerichtet. Das Mackenzie Country zog sich im Kessel unterhalb der Berge hin und der Anblick war selbst im ausklingenden Winter atemberaubend. Doch die Schönheit ihrer Heimat konnte sie im Moment nicht beruhigen. „Du meinst doch nicht, dass wir …?“

„Wir werden heiraten, Jessie.“

„Ich weiß. Aber wir können nicht …“

„Ich habe dir doch von Anfang an gesagt, dass ich Kinder will.“

Bei seiner Unnachgiebigkeit benötigte sie jedes Quäntchen Mut, das sie besaß. „Ich meine doch nur, wir sollten uns Zeit lassen, um uns in dieser Hinsicht aneinander zu gewöhnen.“

„In welcher Hinsicht?“

Er stand noch immer hinter ihr, und sein Atem fühlte sich auf ihrer empfindsamen Haut im Nacken wie eine heiße Liebkosung an. Heftiges Verlangen durchströmte sie, ein Schock, der ihre Welt auf den Kopf zu stellen drohte. „Du weißt, was ich meine.“

„Ich lebe seit einem Jahr enthaltsam. Wenn du mehr Zeit haben willst, such dir einen anderen Mann.“

„Ich fasse es nicht, dass du das eben gesagt hast.“ Jessica wollte sich zu ihm umdrehen, doch Gabriel hinderte sie daran. „Mit anderen Worten, du wirst die Hochzeit abblasen, wenn ich nicht einwillige, umgehend mit dir Sex zu haben?“

Er wich keinen Millimeter zurück. „Es ist doch klar, weshalb wir heiraten, Jessica. Du willst das Land der Randalls in der Familie behalten, und ich bin fünfunddreißig, also in einem Alter, in dem es Zeit für Kinder wird, um die Zukunft der Angel-Farm sicherzustellen.“

Nach einem Moment fügte er hinzu: „Im Grunde genommen geht es uns beiden darum, einen Erben zu bekommen. Wenn du nicht bereit bist zu tun, was nötig ist, was hat es dann für einen Sinn? Entweder nehmen wir unser Vorhaben in Angriff, oder wir lassen es ganz.“

Das war eine brutal sachliche Beschreibung ihrer Abmachung, die Jessica den Atem verschlug. Und es machte sie wütend. Warum hatte er nicht wenigstens versuchen können, dieses eine Mal, wo sie es am meisten gebraucht hätte, etwas sanfter zu sein? „Ich bin noch Jungfrau, Gabriel. Wenn ich morgen also ein paar Fehler mache, dann wirst du das entschuldigen müssen“, sagte sie ärgerlich.

Gabriel erstarrte. „Was hast du gesagt?“

Es freute sie, dass sie ihn aus dem Gleichgewicht gebracht hatte, doch ihr Eingeständnis machte sie reichlich nervös. „Du hast mich genau verstanden.“

„Soll das heißen, dass Mark nie etwas versucht hat?“

Wenn er ein anderer Mann gewesen wäre, hätte sie vermutet, er würde absichtlich Salz in ihre offenen Wunden streuen wollen. Doch Hinterhältigkeit war nicht Gabriels Stil – er griff immer frontal an. „Genau.“

„Und du hast dir keinen anderen Liebhaber gesucht?“ Gabriel beantwortete seine Frage selbst, ehe sie etwas sagen konnte. „Natürlich nicht. Du hast darauf gewartet, dass Mark sich in dich verliebt.“

Mit seiner gefühllosen Vermutung lag er ziemlich richtig. „Wir wissen beide, dass das nicht passiert ist, also bin ich weit weniger erfahren, als du es wahrscheinlich gewöhnt bist.“ Die Untertreibung des Jahrhunderts. Gabriels Geliebte hatten immer eine starke sinnliche Ausstrahlung gehabt und diesen wissenden Blick.

„Schön. Dann werde ich dich trainieren.“

Fassungslos wirbelte sie in seinen Armen herum. „Das sollte wohl ein Witz sein.“

Gabriel neigte den Kopf, bis sein Mund dicht vor ihrem war. „Ich dachte, du wüsstest es – ich habe keinen Humor.“ Sein Kuss war alles andere als sanft. Mit seiner ganzen Arroganz und Entschlossenheit zwang er sie, den Mund für ihn zu öffnen, und eroberte ihn dann.

Ohne Gnade. Ohne jede Rücksicht.

Genau wie am Flughafen erstarrte Jessica. Aber diesmal endete der Kuss nicht abrupt. Es war wie ein Inferno, und sie klammerte sich an Gabriel. Ihr Körper war an seinen gepresst, ihr Verstand von wildem Verlangen ausgeschaltet. Als er sie freigab, rang sie nach Atem. Bevor sie etwas sagen konnte, küsste er sie erneut, und sie war keines klaren Gedankens mehr fähig.

Gabriel ließ sich Zeit, Jessica zu erforschen, ihren weichen Mund zu genießen. Er zweifelte nicht eine Sekunde daran, dass sie aus einem Urinstinkt heraus derart ungestüm auf ihn reagierte. Genau das hatte er erreichen wollen. Jessica mochte einen anderen Mann lieben, aber im Bett würde sie vor Lust den Namen ihres Ehemannes keuchen.

Allerdings hätte er nie damit gerechnet, dass sie ihm ihrerseits unglaubliche Lust verschaffte. Das machte ihn nicht glücklich. Leidenschaft untergrub die ausgefeiltesten Pläne, brachte die Dinge aus dem Lot. Indem er Jessica wählte, hatte er sich bewusst gegen körperliche Begierde entschieden.

Doch da war sie nun, Leidenschaft pur in seinen Armen.

Er beendete den Kuss und sah zu, wie Jessica heftig atmend um Fassung rang. Ihre Lippen waren feucht, ihre Augen geschlossen, ihr Körper an seinen geschmiegt. Es war verlockend, sie noch einmal zu küssen, doch er hatte nicht die Absicht, Macht auf diesem Gebiet abzutreten. Oder auf irgendeinem anderen.

Jessica öffnete die Augen.

Er strich mit dem Daumen über ihre Unterlippe und legte seine andere Hand auf ihre Hüfte. „Wir werden keine Probleme im Bett haben.“

Jessica versteifte sich augenblicklich. „Lass mich los. Du hast bewiesen, was du beweisen wolltest.“

Gabriel trat zurück, und dabei fiel sein Blick auf ihre verhärteten Brustknospen. Er bemerkte, dass Jessica errötete, sie unternahm jedoch keinen Versuch, ihre Brüste zu bedecken. Meine Frau ist also aufsässig, dachte er belustigt. Es würde ihm großen Spaß machen sie zu zähmen. „Geh schlafen. Morgen wird es viel zu tun geben. Und denk daran, ich bin kein Mann, der aufgibt, was ihm gehört.“

Mrs Croft, Köchin und Haushälterin auf der Angel-Farm, werkelte in der Küche herum, als Jessica gegen sieben am nächsten Morgen nach unten kam.

Die ältere Frau begrüßte sie mit einem Küsschen auf die Wange, denn als Freundin ihrer Mutter kannte sie Jessica von klein auf.

„Wo ist denn Gabriel?“, erkundigte Jessica sich. Es gelang ihr nicht, nicht daran zu denken, mit welcher Unbarmherzigkeit er ihr am Vorabend vor Augen geführt hatte, wie sehr sie körperlich auf ihn reagierte. Sie hätte damit rechnen müssen. Gabriel war für seinen eisernen Willen in geschäftlichen Dingen bekannt. Warum hatte sie geglaubt, er würde als Ehemann anders sein?

„Unterwegs, um mit Jim, unserem Vorarbeiter, nach den Tieren zu sehen. Der Mann scheint nicht zu wissen, dass heute sein Hochzeitstag ist und dass er eigentlich nervös sein sollte.“

Die Vorstellung, dass Gabriel irgendetwas nervös machen könnte, hätte Jessica beinah zum Lachen gebracht. Nur, heute war ihr nicht nach Lachen. „Kann ich dir irgendwie zur Hand gehen?“ Sich zu beschäftigen, würde sie vielleicht von den beunruhigenden Gedanken, die ihr durch den Kopf wirbelten, ablenken.

Mrs Croft winkte ab. „Setz dich und iss dein Frühstück. Danach hast du Zeit, um dich für die Hochzeit hübsch zu machen.“

Jessica hätte hinterher nicht sagen können, was sie eigentlich gegessen hatte. Ihre Gedanken kreisten um zu viele andere Dinge. Der Teil ihres Herzens, der Mark seit Ewigkeiten liebte, beharrte darauf, dass sie einen Riesenfehler mit dieser Ehe machte.

Vielleicht hat Mark …

Nein!

Kayla war schwanger. Jessica könnte nicht damit leben, falls Mutter oder Kind durch ihr Handeln leiden müssten. Zudem hatte Mark mehr als zwei Jahrzehnte Zeit gehabt, um sich in sie, Jessica, zu verlieben. Er hatte sich immer für andere Frauen entschieden.

Und sein Anruf vor drei Monaten? Ihre kleine innere Stimme wollte keine Ruhe geben. Erinnerst du dich nicht, was er …

Stopp!

Energisch schob sie ihren Teller beiseite. „Ich denke, ich mache einen Spaziergang, um einen klaren Kopf zu bekommen.“

Mrs Croft nickte. „Gabriel ist draußen bei der östlichen Scheune.“

Also spazierte Jessica Richtung Westen.

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