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Nächte an der Côte d’Azur

1. KAPITEL

Danielle hatte das Gefühl, dass der Mann sie beobachtete, seit er die VIP-Lounge des Flughafens betreten hatte. Da sie bis dahin im Wartesaal der ersten Klasse allein gewesen war, hatte sie bei seinem Eintreten natürlich aufgeblickt. Die Aussicht auf etwas Gesellschaft schien verlockend.

Jemand wie ihn hatte Danielle jedoch nicht erwartet. Der Mann war groß und breitschultrig und besaß das markant attraktive Gesicht eines Filmstars. Auf keinen Fall wirkte er wie einer jener langweiligen älteren Geschäftsreisenden, die laut Danielles Freundin Virginia normalerweise als Einzige die VIP-Lounges der Fluggesellschaften benutzten.

„Schau“, hatte Virginia auf sie eingeredet. „Ein Freund von mir ist Flugbegleiter. Er kann dir Zutritt zur VIP-Lounge verschaffen.“

Danielle hatte protestiert, ihr verbilligtes Air-France-Ticket würde sie wohl kaum zu derartigen Eskapaden ermächtigen. Nein, sie würde sich ganz bestimmt fehl am Platz fühlen, aber ihre Freundin war hartnäckig geblieben.

„Höchstwahrscheinlich wirst du in der Lounge sowieso allein sein und dich nach einer Weile nach Gesellschaft sehnen.“

Virginia hatte recht gehabt. Die Lounge war groß, elegant eingerichtet und so unpersönlich wie das Wartezimmer eines Zahnarztes. Danielle trank mehr Kaffee, als gut war, blätterte in versnobten Modemagazinen und schaute immer wieder auf die Uhr, als könne sie damit erzwingen, dass die Zeit schneller verging. Dabei hatte sie nie das Gefühl verloren, fehl am Platz zu sein.

Genau deshalb fühlte sie sich jetzt so unwohl. Ihr erster Gedanke beim Anblick des Mannes war gewesen, dass er in die VIP-Lounge gehörte und sie nicht. Dann war etwas geschehen, was sie immer noch nicht ganz begriff.

Der Fremde hatte sie angesehen, und der Blick aus seinen intensiv blauen Augen hatte sie wie ein Blitz getroffen. Urplötzlich lag eine knisternde Spannung im Raum. Danielle hörte das Pochen ihres Herzens. Der Mann lächelte ihr so vertraulich zu, dass ihr das Blut in die Wangen schoss. Sofort wandte sie sich ab und blickte angestrengt zum Fenster hinaus. Sie hörte, wie der Neuankömmling den Raum durchquerte und sich in einem der Ledersessel niederließ.

Seitdem herrschte angespannte Stille, während sich die Zeit mühsam dahinschleppte. Danielle überlegte, was sie tun sollte. Ihrem ersten Impuls folgend, wäre sie am liebsten zur Tür hinaus in den öffentlichen Wartesaal gelaufen. Das wäre natürlich dumm gewesen. Es gab keinen Grund, davonzulaufen, außer dass es ihr alle paar Minuten im Nacken kribbelte, weil sie den Blick des Fremden auf sich spürte. Gleichzeitig pochte ihr Herz so laut, dass sie sicher war, er könne es hören.

Das alles war selbstverständlich lächerlich und existierte nur in ihrer Einbildung. Warum sollte der Mann sie anstarren? Sicher las er in einer Zeitung oder döste vor sich hin.

„Verzeihung?“ Danielle schaute verblüfft hoch. Der Fremde stand plötzlich neben ihr, eine Zeitung in der Hand, und lächelte. „Haben Sie vielleicht die genaue Uhrzeit? Meine Uhr scheint stehen geblieben zu sein.“

„Es ist fünf nach sieben“, antwortete Danielle mit einem bezeichnenden Blick auf die große Wanduhr.

Der Mann war ihrem Blick gefolgt, und sein Lächeln vertiefte sich. „So etwas, wie konnte ich das nur übersehen?“ Als Danielle schwieg, deutete er auf den Sessel neben ihr. „Darf ich?“

„Wenn Sie wünschen.“

Der Fremde setzte sich, und Danielle beugte den Kopf tief über das Buch in ihrem Schoß. Aber die Buchstaben verschwammen ihr vor den Augen. Sie hörte das Rascheln von Papier und sah aus dem Augenwinkel, dass der Mann sich in eine Zeitung vertiefte.

Danielle versuchte noch einmal, sich wieder auf ihr Buch zu konzentrieren, vergeblich. Was war nur mit ihr los?

„Nehmen Sie den Non-Stop-Flug nach Nizza?“

Danielle blickte auf. Es war eine harmlose Frage, aber in den tiefblauen Augen des Fremden lag ein Leuchten, das ihr den Atem raubte. Sie benetzte sich mit der Zungenspitze die Lippen. „Ja.“

Er nickte. „Ich auch. Machen Sie Urlaub?“

„Ja.“ Liebe Güte, brachte sie nur dieses eine Wort heraus?

„Sind Sie schon einmal an der Riviera gewesen?“ Er lächelte, als sie den Kopf schüttelte. „Es wird Ihnen gefallen. Um diese Jahreszeit ist es zwar sehr voll, aber es gibt ein paar abgelegene Flecken, die noch nicht von den Touristen entdeckt worden sind. Wo haben Sie gebucht? Vielleicht könnten wir …“

„Nein“, sagte sie schnell. Ihr Nachbar hob spöttisch die Brauen, und Danielle errötete zu ihrem Entsetzen schon wieder. „Ich meine, eigentlich sind es für mich keine richtigen Ferien. Ich habe versprochen, zu arbeiten.“ Verdammt, er lachte über sie! War es ein Wunder? Sie machte sich ja auch zum Narren! Oder er sie? Ja, er wusste ganz genau, dass er sie verunsicherte, und amüsierte sich königlich darüber. Genug ist genug, dacht Danielle, und holte tief Luft. „Verzeihen Sie“, sagte sie höflich, aber kühl. „Ich würde jetzt gern mein Buch zu Ende lesen.“

Entschlossen schaute sie in ihr Buch. Natürlich las sie kein einziges Wort, dazu war sie viel zu aufgewühlt, aber wenigstens hatte sie ihn zu Schweigen gebracht!

Er lachte leise. „Schaffen Sie das wirklich, bevor der Flug aufgerufen wird?“

Danielle zuckte zusammen und blickte auf das Buch in ihrem Schoß. Sie hatte gerade mit dem ersten Kapitel begonnen, und das Buch hatte weit über dreihundert Seiten. Also schön, dachte sie, jetzt reicht’s! Es war noch eine halbe Stunde bis zum Aufruf des Flugs, und sie hatte nicht die Absicht, so lange irgendeinem gelangweilten Schickimicki zur Belustigung zu dienen.

Bewusst seinem spöttischen Blick ausweichend, verstaute sie das Buch sorgfältig in ihrer Bordtasche, nahm ihre Handtasche und stand auf. Gemessenen Schritts ging sie zum Ausgang der Lounge.

„Miss?“

Sie fuhr erschrocken zusammen, als sie seine Hand auf ihrer Schulter fühlte. Wie aus dem Nichts war der Fremde neben ihr aufgetaucht. Ein wissendes, sinnliches Lächeln umspielte seine Lippen.

„Ich wollte Sie nicht erschrecken, aber ich dachte, Sie …“

„Da haben Sie falsch gedacht“, unterbrach sie ihn kühl, obwohl ihr das Herz bis zum Hals klopfte. „Würden Sie mich jetzt bitte vorbeilassen?“

Er schmunzelte. „Selbstverständlich. Ich fürchte nur, Sie werden Probleme haben, ohne das hier an Bord gelassen zu werden.“

„Was ist das?“ Danielle blickte auf seine ausgestreckte Hand.

„Mir scheint, es ist Ihre Bordkarte.“ Er lachte über ihr verblüfftes Gesicht. „Schauen Sie selbst nach.“

Zögernd nahm sie den Umschlag und warf einen Blick hinein. Tatsächlich, es war ihre Bordkarte. Wie war das möglich?

„Sie ist Ihnen beim Aufstehen heruntergefallen“, erklärte der Fremde, als habe er ihre Gedanken gelesen.

Danielle begegnete seinem belustigten Blick und schluckte. „Danke.“

„Danke? Ist das alles, nach dem, was ich für Sie getan habe? Ich erwarte, dass Sie wenigstens einen Drink mit mir nehmen.“

„Nein“, wehrte sie ab. „Ich kann nicht. Mein Flug wird bald aufgerufen.“

„Das dauert mindestens noch eine halbe Stunde. Wir haben noch viel Zeit.“

Sie schüttelte den Kopf. „Trotzdem, vielen Dank.“

„Vielleicht lieber Kaffee oder Tee?“

„Nein, danke, aber ich möchte wirklich nicht.“ Dieses Hin und Her wurde allmählich lächerlich. „Auf Wiedersehen“, schnitt Danielle die Diskussion ab und war an dem Fremden vorbei und zur Tür hinaus, bevor er etwas erwidern konnte.

Sobald die Tür hinter ihr zuschlug, atmete Danielle erleichtert auf. Mit weichen Knien lehnte sie sich gegen die Wand. Was war nur in sie gefahren? Sie hatte sich wie ein dummes Schulmädchen benommen. Nein, schlimmer! Die kichernden Teenager aus ihrem Oberstufen-Französischkurs hätten die Situation besser gemeistert.

Nachdenklich machte sie sich auf den Weg durch die Abfertigungshalle in den öffentlichen Wartesaal. Sie hatte sich in der VIP-Lounge von vornherein fehl am Platz gefühlt, das war das Problem. Der Fremde hatte dort hingehört, sie nicht.

Ganz am Ende des Wartesaals war noch ein Platz frei. Danielle sank auf den Sitz, stellte ihre Bordtasche neben sich und seufzte. Wie war sie nur auf die Idee mit dieser Reise verfallen? Ihr Schicksal war bereits bei Valeries erstem Anruf besiegelt gewesen. Ihre Cousine hatte ihr ein zu verlockendes Angebot gemacht.

Mitten in der Nacht hatte das Telefon geklingelt und Danielle aus dem tiefsten Schlaf gerissen. Verschlafen hatte sie nach dem Telefonhörer getastet und dabei die Französischklausuren, die sie vor dem Schlafengehen korrigiert hatte, vom Nachttisch gefegt.

„Hallo? Wer ist da?“

„Danielle?“ Die Verbindung war sehr schlecht und die Stimme am anderen Ende der Leitung kaum zu erkennen. „Ich bin’s. Valerie. Kannst du mich verstehen?“

Mit einem Schlag war Danielle hellwach und setzte sich im Bett auf. Sie knipste die Nachttischlampe an und schaute auf den Radiowecker. Fünf Uhr morgens!

„Was ist passiert, Valerie?“, fragte sie besorgt. „Hatte Tante Helen wieder einen Herzinfarkt? Hat Onkel John angerufen?“

„Sei um Gottes willen nicht so melodramatisch, Danielle“, erwiderte ihre Cousine ungeduldig. „Mom geht es gut. Muss denn unbedingt etwas passiert sein, nur weil ich dich anrufe?“

Danielle ließ sich ins Kissen zurücksinken. „Es ist fünf Uhr morgens“, sagte sie.

„Ich wollte einfach nur hallo sagen, Danielle, und habe wohl die Zeitverschiebung vergessen.“ Valeries Stimme bekam einen schmeichelnden Klang. „Ich denke nämlich oft an dich, auch wenn ich manchmal vergesse, dich anzurufen. Bist du denn etwa nicht meine Lieblingscousine?“

Danielle musste lächeln. Das war ein alter Scherz zwischen ihnen seit ihren Kindertagen. „Ich bin nicht nur deine Lieblingscousine, sondern deine einzige Cousine“, antwortete sie wie stets. Beide Frauen lachten, und plötzlich verschwanden auch die Störgeräusche aus der Leitung, als habe das Lachen die Luft gereinigt.

„Wie geht es dir, Danielle?“

„Gut, und dir?“

„Oh, prächtig. Rate mal, wo ich jetzt bin?“

„Du hast von einer Zeitverschiebung gesprochen. Bist du in Europa?“

Valerie lachte vergnügt. „Wo würdest du als Französischlehrerin am liebsten sein auf der Welt?“

Danielle riss die Augen auf. „Du meinst, du bist wirklich in Frankreich, Valerie?“

„Genau. An der Côte d’Azur in einem kleinen Ort vor Nizza. Na, bist du jetzt grün vor Neid?“

„Das bin ich.“ Danielle seufzte. „Sag mir wenigstens, dass du dort nicht Urlaub machst, sondern hart schuften musst … sofern man das Vorführen von Luxuskleidern für berühmte Couturiers überhaupt als Arbeit bezeichnen kann.“

„Hat Mom es dir nicht erzählt? Ich arbeite nicht mehr als Mannequin.“ Valerie zögerte. „Ich bin hier mit einer Filmgesellschaft.“

Danielle setzte sich aufgeregt im Bett auf. „Mit einer Filmgesellschaft? Sag bloß, du hast es endlich geschafft, eine Filmrolle zu bekommen! Oh Valerie, ich freue mich so für dich!“

„Nun ja, ich arbeite nicht direkt in dem Film, Danielle, aber ich habe sozusagen einen Fuß in der Tür. Ich hörte von diesem Filmvorhaben von Barney Wexler und dachte, ich versuch es einfach mal … na ja, und jetzt habe ich mir einen Job als seine Sekretärin ergattert. Ich mache Barneys Termine, organisiere seinen Tag und … na ja, bin sozusagen seine Mittelsperson gegenüber den französisch sprechenden Mitgliedern der Filmcrew.“

Danielle verschlug es die Sprache. Ausgerechnet Valerie als Dolmetscherin! „Aber du kannst doch gar kein Französisch“, wandte Danielle vorsichtig ein.

„Ich habe es genauso wie du auf der Schule gelernt“, widersprach Valerie trotzig. „Auch wenn du besser warst.“

Danielle schüttelte verblüfft den Kopf. Wie wenig sich Valerie mit den Jahren verändert hatte. Schon als Teenager hatte sie sich selbst und anderen nach Lust und Laune alles einreden können.

Valerie sprach weiter: „Weißt du, Danielle, wir sind jetzt seit fast einer Woche am Drehort, und ich muss immer wieder an dich denken und wie gut es dir hier gefallen würde.“

„Wie heißt der Ort, in dem ihr Quartier aufgeschlagen habt?“

„Ste Agathe, oben in den Bergen.“

Danielle schloss die Augen und stellte sich die kleinen, idyllischen Ortschaften an den Felshängen entlang der sonnigen Mittelmeerküste vor. „Es ist bestimmt wundervoll. Ich wünschte, ich könnte jetzt auch dort sein.“

„Das kannst du!“, warf Valerie schnell ein. „Deshalb rufe ich ja an. Ich möchte, dass du kommst und die Sommerferien mit mir verbringst.“

Danielle setzte sich kerzengerade auf. „Was sagst du da?“

„Ich möchte, dass du deine Ferien hier bei mir in Ste Agathe verbringst. Wäre das nicht toll?“

Danielle war völlig verblüfft. Monatelang hörte sie gar nichts von ihrer Cousine und nun das!

„Bitte, sag ja! Du müsstest nur den Flug und deine privaten Ausflüge bezahlen. Alles andere bezahlt die Filmgesellschaft. Ich habe hier zwei Zimmer in einer schönen alten Auberge, die mehr als groß genug sind für uns beide. Und die Spesen, die mir täglich fürs Essen zustehen, kann ich nicht annähernd aufbrauchen. Komm schon, Danielle, sag ja! Wir werden so viel Spaß miteinander haben. Wie in alten Zeiten.“

Wie in alten Zeiten. Für einen Moment verwandelte sich Danielles Schlafzimmer im ersten Licht der Morgendämmerung in das Jungmädchenzimmer, das sie mit Valerie geteilt hatte, nachdem Tante Helen und Onkel John sie bei sich aufgenommen hatten, weil ihre beiden Eltern innerhalb eines Jahres gestorben waren.

„Ihr seid jetzt Schwestern“, hatte Tante Helen gesagt und die Hände der beiden Mädchen ineinander gelegt. „Ist das nicht schön?“

Doch sie waren kaum Freundinnen geworden. Es lagen Welten zwischen den beiden Mädchen. Bereits mit zwölf hatte Valerie nur noch Jungen, Kleider und Make-up im Kopf, und das Einzige, was sie außer dem Zimmer mit Danielle gemeinsam hatte, waren die Schule und die Hausaufgaben. Wobei Letztere meist von Danielle erledigt wurden.

„Danielle? Bist du noch dran? Ich höre dich gar nicht mehr.“

Danielle holte tief Luft. „Valerie, gibt es vielleicht ein Problem?“, fragte sie bedächtig. „Sei ehrlich. Worum geht’s?“

Am anderen Ende der Leitung herrschte kurzes Schweigen. Dann seufzte Valerie vernehmlich. „Also schön, du könntest mir einen kleinen Gefallen tun, wenn du kommst. Weißt du, aus irgendwelchen Gründen glaubt Barney, dass ich besser Französisch spreche, als es tatsächlich der Fall ist, und … er hat hier mit sehr vielen Franzosen zu tun.“

„Valerie, hast du diesem Mr. Wexler vielleicht gesagt, du würdest fließend Französisch sprechen?“

Valerie zögerte. „Nicht ausdrücklich“, sagte sie schließlich. „Ich habe ihm nur die Wahrheit gesagt: dass ich in der Schule sehr gut in Französisch war.“

Jetzt musste Danielle trotz allem lachen. „Valerie, ich war gut in Französisch“, erinnerte sie ihre Cousine sanft. „Du hast meine Hausaufgaben abgeschrieben, und vor jedem Test habe ich wie verrückt mit dir gepaukt.“

„Genauso könntest du mir auch jetzt wieder helfen“, sagte Valerie eifrig. „Du könntest mir ein bisschen von der Büroarbeit und vor allem einen Teil der Anrufe abnehmen.“ Sie senkte schmeichelnd ihre Stimme. „Mom ist übrigens auch begeistert von dieser Idee.“

„Du hast schon mit Tante Helen darüber gesprochen?“

„Sie meint, du könntest einen Tapetenwechsel brauchen, der Unfall habe dich sehr mitgenommen.“ Valerie schwieg kurz. „Ich wollte dich damals wirklich anrufen, Danielle. War es schlimm?“

Danielle schloss die Augen. „Ja“, flüsterte sie. „Schrecklich.“

„Wie war noch sein Name? Teddy?“

„Eddie. Eddie Chancellor. Du hast ihn auch gekannt. Er war zwei Klassen über uns in der Schule.“

„War er in der Football-Mannschaft oder so?“

Der Gedanke ließ Danielle lächeln. „Nein, er war in der Diskussionsmannschaft.“

„Es tut mir wirklich leid, Danielle. Wann ist es passiert?“

„Vor acht Monaten.“

„Es würde dir bestimmt gut tun, einmal etwas anderes zu sehen, und mir würdest du das Leben retten.“

„Valerie, du hattest immer schon einen Hang zum Dramatischen!“

„Nein, ich brauche dich wirklich hier.“ Es knackte in der Leitung. „Pass auf, ich muss jetzt Schluss machen. Ich schicke dir die Wegbeschreibung nach Ste Agathe, ja? Es ist kein Problem, von Nizza führt eine Straße geradewegs in die Berge.“

„Ich habe noch nicht zugesagt“, wandte Danielle ein.

„Natürlich kommst du.“ Wieder knackte es in der Leitung. Danielle glaubte, im Hintergrund eine Männerstimme zu vernehmen und dann Valeries Lachen.

„Valerie? Bist du noch dran?“

„Ja“, hauchte Valerie atemlos. Dann lachte sie leise. „In einer Minute. Ja. Ich frage sie gerade.“

„Mit wem sprichst du?“

„Hör zu, Danielle, ich hab’s jetzt wirklich eilig. Buch du deinen Flug. Hast du einen Pass? Du wirst auch ein Visum brauchen. Ach ja, und wahrscheinlich auch einen Mietwagen, um vom Flughafen hierher zu kommen. Und …“

„Wie kann ich dich dort erreichen, Valerie? Wie lautet deine Telefonnummer? Valerie?“

Die Leitung war tot. Danielle rekelte sich müde. Es hatte keinen Sinn, noch einmal ins Bett zu gehen. Sie würde duschen, sich anziehen, frühstücken und gründlich über Valeries Einladung nachdenken.

Ein ganzer Sommer in Frankreich, was für ein Traumurlaub! Sie war eigentlich noch nie richtig verreist, abgesehen von ihrem Besuch bei Tante Helen und Onkel John im vergangenen Winter in deren Altersruhesitz in Arizona. Valerie hatte recht, sie konnte einen Tapetenwechsel brauchen. Der Winter war lang und hart gewesen, und der furchtbare Unfall hatte seinen Tribut gefordert. Im Geiste sah Danielle immer noch das grauenvolle Bild, wie Eddie in seinem Blut auf der regennassen Fahrbahn lag.

Sie schüttelte den Kopf und ging ins Bad. Nein, sie wollte nicht mehr an diesen schrecklichen Tag denken. Schnell stieg sie in die Dusche und drehte das Wasser auf. Alles Nachgrübeln würde ihr Eddie auch nicht zurückbringen, und wenn sie es recht besah, dann wäre eine Reise nach Europa genauso unsinnig. Sie war hin und her gerissen.

Den letzten Ausschlag gab dann ein Anruf von Tante Helen aus Arizona noch am selben Nachmittag. Die Tante ließ Danielle gar nicht zu Wort kommen, sondern schwärmte gleich, wie glücklich sie sei, dass die beiden Mädchen den Sommer zusammen verbringen würden.

„Jetzt musst du fliegen“, hatte Virginia mit Unschuldsmiene gesagt. „Du kannst doch deine kranke Tante nicht enttäuschen.“

Natürlich hätte ich es gekonnt, dachte Danielle nun, als sie in dem unbequemen Plastiksessel auf dem New Yorker Kennedy Airport saß und wartete. In Wahrheit hatte sie sich hinter Virginias Drängen und Tante Helens Freude nur versteckt. Sie hatte Valeries Angebot von Anfang an annehmen und es sich nur nicht eingestehen wollen.

„Meine sehr verehrten Damen und Herren. Erster Aufruf des Flugs Nummer 010 der Air France Nonstop nach Nizza. Wir bitten die Passagiere der ersten Klasse …“

Danielles Herz klopfte erwartungsvoll. Es konnte nicht schaden, sich schon einmal zum Flugsteig zu begeben. Der Flug war sicher ausgebucht, denn vor ihr drängelten sich schon ganze Horden von Reisenden. Danielles Blick fiel auf die Passagiere der ersten Klasse. Es war nur eine Hand voll, und der Mann, den sie zuvor in der VIP-Lounge kennengelernt hatte, stach deutlich hervor.

Sie hielt den Atem an, als er plötzlich stehen blieb, sich langsam umdrehte und den Blick über die Reisenden hinter ihm schweifen ließ.

Danielle wusste, wen er suchte. Schnell trat sie zurück und tauchte in der Menschenmenge unter. Als sie wieder aufblickte, war der Fremde verschwunden.

2. KAPITEL

Das Flugzeug landete bei strahlendem Wetter in Nizza. Danielle schaute in den engen Gang, wo sich bereits die Passagiere drängten.

Jeder scheint es eilig zu haben, jeder außer mir, dachte Danielle etwas wehmütig. Auf sie wartete niemand am Flugsteig.

Danielle stand auf und nahm ihre Bordtasche. Es hatte keinen Sinn, im Flugzeug herumzutrödeln.

Am Zoll musste sie sich in eine lange Warteschlange einreihen. Zögernd lächelte sie den Zollbeamten an, aber der blickte kaum auf. Gelangweilt streckt er die Hand nach ihren Papieren aus. „Wie lange bleiben Sie in Frankreich? Ist Ihr Aufenthalt geschäftlich oder privat?“

Der Beamte sprach Englisch mit starkem Akzent.

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