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Nackt schlafen ist bio

Über die Autorin

Vanessa Farquharson berichtet über Kunst und schreibt Filmrezensionen für die NATIONAL POST, wo sie außerdem eine wöchentliche Kolumne zu Umweltthemen hat. Sie lebt in Toronto. Bis heute berichtet die ehemalige Powershopperin und Fast-Food-Fan über weitere Do’s & Dont’s auf ihrer website:
www.greenasathistle.com

Vanessa Farquharson

Nackt schlafen
ist bio

Eine Öko-Zynikerin findet
ihr grünes Gewissen und die große Liebe

Aus dem Englischen von
Gerlinde Schermer-Rauwolf und Robert A. Weiß,
Kollektiv Druck-Reif

Inhaltsverzeichnis

Über die Autorin

EINLEITUNG

März

Al Gore und seine Diashow mit ertrinkenden Eisbären veranlassen eine ansonsten ganz vernünftige Journalistin dazu, alle Errungenschaften der Zivilisation hinter sich zu lassen, sich mit Recycling-Toilettenpapier einzudecken und Hals über Kopf in die Öko-Szene zu stürzen.

April

Unsere Heldin, die Tofu ebenso hasst, wie sie importierten Wein liebt, versucht ihren Frieden mit den Hippies zu machen und ihre ökologische Ader zu entdecken.

Mai

Öko hat durchaus seine Tücken, wie die Autorin erkennen muss, als sie sich in ihrem Nachhaltigkeitsnetz verheddert und ihr klar wird, dass ihr das ganze Grün womöglich über den Kopf wächst.

Juni

Panik bricht aus, als die Autorin keine Ideen mehr hat; ihre Haare »wäscht« sie mit Essig, alle Stecker werden gezogen, und sie bekommt den ersten Öko-Blues.

Juli

Ein turbulenter Sommerurlaub erzeugt einen gewissen Öko-Überdruss und Schuldgefühle wegen der CO2-Bilanz, gestattet aber auch Einblicke in die Umweltbewegung – von Recyclingkäfigen an der West Bank bis zu Permakultur-Radtouren in Oregon.
August

Zur Halbzeit gewinnt der Begriff »globale Erwärmung« neue Bedeutung, als die Stadtwohnung der Autorin zum Treibhaus wird; die Motivation sinkt auf ein Dauertief.

September

Ein veganer Masseur, den sie von der nachhaltigen Radtour kennt, kommt auf einen Monat zu Besuch und bringt mehr Grün ins Schlafzimmer.

Oktober

Die ständig wachsende Liste mit den bisherigen Öko-Maßnahmen und den neuen grünen Herausforderungen lässt sich unmöglich länger im Kopf behalten, was so manches Malheur zur Folge hat.

November

Ein weiterer Fehlschlag in Sachen Liebe stellt die Prioritäten unseres grünen Mädels auf eine harte Probe, und ein spontaner Hauskauf mündet in einen Nervenzusammenbruch.

Dezember

All die Veränderungen, die im Sommer so einfach ausgesehen haben, erweisen sich bei sinkenden Temperaturen als fatal – doch eine alte Freundschaft spendet Wärme.

Januar

Auf den letzten Metern wird das Öko-Abenteuer zu einem Marathon-Schlusssprint samt morbider Gedanken, schlimmer Schmerzen und vielleicht sogar Erbrechen.

Februar

Eine waschechte zertifizierte Öko-Frau denkt über ihr grünes Jahr nach, steckt zur Feier des Tages den Kühlschrankstecker wieder ein und überlegt, was sie beibehalten will und was auf dem Komposthaufen landen soll.

Nachwort

Danksagung

Einleitung

Wir sollten mit der Erde pfleglich umgehen. Wir sollten verantwortungsbewusst leben. Wir sollten die Glühbirnen gegen Energiesparlampen austauschen, nach Möglichkeit einen Komposthaufen anlegen und Fahrradwege bauen.

Wenn es um die Öko-Bewegung geht, reden alle – von Politikern bis zu Musikern – darüber, was getan werden sollte. Aber anscheinend verliert nie jemand ein Wort darüber, was das konkret heißt.

Klar, lasst uns alle anfangen zu kompostieren – aber kann mir mal einer verraten, wie man in einer 65-Quadratmeter-Wohnung mit offener Küche vergammelnde Gemüseabfälle und geschreddertes Zeitungspapier samt Würmern unterbringen soll? Klar ist es wichtig, regionale Bio-Produkte zu kaufen, aber was soll man machen, wenn man im Supermarkt nur die Wahl hat zwischen einem pestizidverseuchten Royal Gala aus der Region und einem Granny Smith aus biologisch-dynamischem Anbau, der aus Neuseeland eingeflogen worden ist? In Zeitschriften, auf Websites und in Talkshows kursieren alle möglichen Öko-Checklisten, die die meisten Leute schon auswendig aufsagen können und die in der Regel so beginnen: »Steigen Sie auf Energiesparlampen um!«

Aber geben die nicht ein ziemlich hartes Licht? Und wie ist das mit all dem Plastik, in das sie verpackt sind? Und was, wenn die Hälfte der Lampen in Ihrem Haus für Halogenleuchten gemacht sind? So mancher ökologische Ansatz wird durch unbrauchbare Ratschläge im Keim erstickt oder durch leere Versprechungen, wonach umweltfreundliches Verhalten ganz einfach sei, Spaß mache und voll im Trend liege, oder indem man Konzerne, Regierungen oder die Öffentlichkeit anklagt, die für die Rettung unseres Planeten zuständig seien, und dabei über den drohenden Untergang lamentiert.

Es reicht. Es ist Zeit, mit all dem Gerede aufzuhören und etwas zu tun – irgendwas.

Das wurde mir im Februar des vergangenen Jahres klar, und ich beschloss, dass »etwas tun« in meinem Fall bedeutete, erst einmal meine Kündigung einzureichen. Schluss damit, in einer Box im Großraumbüro zu sitzen, die Pampe aus der Kantine zu essen und auf einen Computerbildschirm zu glotzen. Ich würde meinen Job als Journalistin im Feuilleton der National Post aufgeben und in ein exotisches Land wie Kambodscha oder Sri Lanka ziehen, um gemeinnützige Arbeit zu leisten, vorzugsweise in einem Heim für verwaiste Elefantenbabys oder einer ruhigeren Sektion des World Wildlife Fund.

Leider musste ich ziemlich schnell feststellen, dass solche Organisationen eher »Projektmanager/in mit Berufserfahrung« suchten als eine verbitterte Exjournalistin, deren Fachkenntnisse sich auf CuteOverload.com und andere tierfreundliche Websites beschränkten. Ich war zwar zuversichtlich, mit der Zeit ein Projekt leiten zu können – immerhin hatte ich fast alle Folgen von Big Boss gesehen und gut dabei aufgepasst –, aber das würde anderen Leuten wohl nicht so leicht zu vermitteln sein. Also hakte ich die Idee mit dem Tierschutz ab.

Stattdessen wandte ich mich der Ernährung zu. Vielleicht könnte ich gegen freie Kost und Logis auf einem Bio-Bauernhof im nördlichen Ontario arbeiten. Das wäre zwar nicht gerade weltbewegend, aber zumindest würde ich ein einfaches Leben führen und etwas über nachhaltige Landwirtschaft und bewusste Ernährung lernen.

Andererseits muss man als Farmarbeiter zumindest Grünkohl von Mangold unterscheiden können, bereit sein, seinen morgendlichen Caffé Latte gegen einen Spaten einzutauschen, und ein paar grundlegende Dinge über Ackerbau wissen. In Anbetracht der Tatsache, dass ich es kaum schaffe, auf meinem Balkon einen Rosmarinstrauch zu ziehen, wäre ich dort wohl keine große Hilfe.

Schließlich fiel mir etwas ein, was sich leichter umsetzen ließ:

Was, wenn ich meinen Job doch nicht aufgab? Ich schrieb ja immerhin für eine überregionale Zeitung, und was eignet sich besser zur Verbreitung ökologischen Gedankenguts als die Medien? Zudem ist die National Post bekannt für eine ausgeprägt konservative und antiökologische Grundhaltung – in unseren Leitartikeln werden Umweltschützer regelmäßig als »Öko-Faschisten« und »grüne Gestapo« verunglimpft. Und wir haben einen Kolumnisten, der zwar am Wochenende Fahrrad fährt, und wenn er sich sein Mittagessen vom Imbissstand holt, auf Styroporverpackungen verzichtet, es sich aber anscheinend zur Lebensaufgabe gemacht hat, Al Gore zu widerlegen. Wenn ich den Herausgeber und den Chef vom Dienst irgendwie überreden könnte, mir eine eigene Kolumne zu geben, vielleicht auch nur eine Kolumne auf der Website der National Post, um über das Thema zu schreiben, könnte ich vielleicht wirklich etwas bewirken. Ja, wenn alles nach Plan lief, könnte ich womöglich sogar von mir behaupten, das umweltfeindlichste Blatt des Landes im Alleingang auf Öko-Kurs gebracht zu haben. Ich wusste nichts über die wissenschaftlichen Hintergründe des Klimawandels, welche Technik in Solarzellen steckt oder warum Hart-Polyethylen in der Abfallhierarchie höher rangiert als Polypropylen (Nr. 2 bzw. Nr. 5). Aber ich wusste, dass ich mir ein paar Stoffbeutel zulegen und öfter mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren wollte. Nichtsdestotrotz hegte ich Zweifel, ob ich meine laienhaften Umweltschutzbemühungen in gute journalistische Arbeit ummünzen konnte oder zumindest in etwas, was die Leute gerne lasen.

Und da ging mir buchstäblich ein Energiesparlicht auf. Ich lag eines Nachts im Bett, wälzte mich von einer Seite auf die andere – geplagt von CO2-Gewissensbissen, weil ich an diesem Tag allein, nicht in einer Fahrgemeinschaft, mit dem Auto zur Arbeit und zurück gefahren war – und dachte über den Kreis des Zynismus und den Kreis der Hoffnung nach, worüber ich gerade im Handbuch für eine bessere Welt: Kleine Veränderungen mit großer Wirkung gelesen hatte. Der Kreis des Zynismus funktioniert in etwa so:

  1. Man stößt auf ein Problem
  2. möchte etwas dagegen tun
  3. weiß nicht, wie
  4. tut also gar nichts
  5. ist deprimiert und verärgert, fühlt sich machtlos
  6. kommt zu dem Schluss, dass man nichts tun kann
  7. beginnt sich zu verschließen
  8. will immer weniger von Problemen wissen
  9. (und so weiter bis zur Apathie).
    (Übrigens: Das trifft es bei mir im Großen und Ganzen ziemlich genau.)

Dann gibt es den Kreis der Hoffnung, der, aus welchen Gründen auch immer, mit zwei Schritten weniger auskommt (Optimisten nehmen ja gern den kürzesten Weg) und so aussieht:

  1. Man macht es sich zur Aufgabe, ein guter Mensch zu werden
  2. entwirft für sich eine Vision von einer besseren Welt, die auf den eigenen Werten beruht
  3. beschafft sich zuverlässige Informationen über die Probleme der Welt
  4. sucht konkrete Handlungsmöglichkeiten
  5. handelt im Einklang mit seinen Werten
  6. akzeptiert, dass man nicht alles schaffen kann
  7. (und so weiter, bis die Welt eine bessere geworden ist).

Da dämmerte es mir: Wenn ich ein Jahr lang jeden Tag eine Kleinigkeit veränderte – Triviales wie die Stoffeinkaufstaschen, aber auch Größeres, etwa meine Ernährungsgewohnheiten umzustellen und mein Konsumverhalten einzuschränken –, würde ich herausfinden, was einfach und was schwer umzusetzen war, was nur für einen Großstadt-Single mit Katze wie mich infrage kam oder was sich auch für eine vierköpfige Familie in einem Vorort eignete, was jeder von uns ändern sollte oder was man besser den Hundertfünfzigprozentigen überließ. Es ist wie in dem chinesischen Sprichwort: Eine Reise von tausend Meilen beginnt mit einem ersten Schritt. Und ich würde 365 Schritte tun.

Aber ohne Gruppenzwang und unterstützende Begleitung würde das nicht klappen. Wenn mir die Post keine Kolumne gab, musste ich ein anderes Sprachrohr finden. Mein ehemaliger Kollege Kelly unterhielt ein Theater-Blog, und meine Freundin Meghan hatte gerade ein Blog über Ernährung begonnen – wenn ich das Wort Blog nur aussprach, kam ich mir vor, als wäre ich einem Star Trek-Fanclub beigetreten und hätte mir eine retroschicke High-Waist Hose zugelegt, aber ein Blog wäre tatsächlich das perfekte Medium. Es würde bedeuten, dass ich jeden Tag etwas tun und auch sofort darüber schreiben konnte. Und wenn ich stets selbstkritisch blieb – darauf achtete, nicht in einen moralinsauren, selbstgerechten oder salbungsvollen Tonfall abzugleiten –, würden sich immer mehr Leute für mein Blog interessieren. Und je größer wiederum die Leserschar wurde, desto mehr Engagement musste ich an den Tag legen, sowohl um der Befürworter als auch um der Gegner willen. Schließlich konnte ich nicht vor aller Augen kneifen.

Das war meine aufrichtige, ehrgeizige und etwas naive Vorstellung, als ich das Blog einzurichten begann, Meinungen und Anregungen einholte, mir meine ersten ökologischen Schritte überlegte und dem Herausgeber der Post diese Pulitzerpreis-verdächtige Idee in einer E-Mail darlegte.

Eine Woche verging.

Er antwortete nicht.

Kein Problem, dachte ich mir, wahrscheinlich ist er mit wichtigen redaktionellen Angelegenheiten beschäftigt. Also schrieb ich eine Woche später, als mein Projekt praktisch startklar war, unserem Chef vom Dienst, der, obschon ein Ass in Sachen Internet, noch lernen musste, dass es uncool war, von der »Datenautobahn« zu sprechen. Ich schickte ihm meine URL und fragte ihn, ob er vielleicht auf der Homepage der Post darauf verlinken oder mir seine Meinung dazu sagen könnte.

Es verstrichen weitere zwei Wochen, aber schließlich mailte er zurück: »Warum schreiben Sie kein Film-Blog?«

Nun ja, es würde also schwieriger werden als gedacht. Trotzdem, sagte ich mir, wenn ich einen festen Leserstamm aufbauen und eine gewisse Anzahl von Seitenzugriffen pro Tag erreichen könnte, würden meine Chefs – die meist noch vor kurzem keine Ahnung gehabt hatten, was man unter RSS-Feeds und Schlagwortwolken versteht – doch irgendwann bestimmt bei mir an die Trennwand meiner Großraumbürobox klopfen, oder? Und selbst wenn nicht, sollte ich mich dadurch etwa von meinem Öko-Jahr abhalten lassen und nicht wenigstens meiner Familie, meinen Freunden und ein paar Blog-Freaks beweisen, dass umweltbewusst zu leben keineswegs eine so beängstigende Perspektive war? Außerdem hatte es mich ein ganzes Wochenende gekostet, diese blöde Website zu basteln, also würde ich mein Ding jetzt um Mutter Erde willen durchziehen, egal, ob jemand davon Notiz nahm. Ja, und am 1. März war der Kompost am Dampfen.

Es kam mir vor, als stünde mir eine Art Öko-Coming-out bevor, deshalb waren die ersten Menschen, denen ich von meinem waghalsigen Vorhaben erzählte, diejenigen, die zu mir halten mussten, ob sie wollten oder nicht, die mich sogar dann noch lieben mussten, wenn ich nach Hanföl stank und mir unter den Achseln Dreadlocks wachsen ließ: meine Eltern.

»Mein Projekt ist keine Spinnerei«, erklärte ich zwei gefurchten Stirnen, einem schräg gelegten Kopf und einem halb offenen Mund, dem geballten Ausdruck ihrer Besorgnis. Wir saßen in einem Restaurant, es war der Vorabend vor meinem Öko-Abenteuer. Mit diesem, so erläuterte ich ihnen, würde ich in 365 einfachen Schritten den Planeten retten, und meine Fortschritte dabei würde ich online dokumentieren.

»Am ersten Tag steige ich auf Recycling-Küchenrollen um«, sagte ich. »Am zweiten könnte ich beispielsweise auf mein elektrisches Heizkissen verzichten. Ganz einfache Sachen.«

Ja, räumte ich ein, es könne schon sein, dass ich irgendwann in den letzten Wochen mal Al Gores Eine unbequeme Wahrheit gesehen hatte, und ja, diese Computersimulation mit dem ertrinkenden Eisbären könnte einen gewissen Einfluss auf mich gehabt haben. Aber mir gehe es doch gerade darum, mich aus Politik möglichst herauszuhalten, zu beweisen, dass umweltfreundliches Verhalten nicht zwangsläufig hieß, dass man auf Demos mitmarschierte und bunte Folklore-Hosen aus Guatemala trug. Schließlich, so merkte ich an, wüssten sie doch selbst besser als jeder andere, dass ihre erstgeborene Tochter gern die Heizung bis zum Anschlag aufdrehte, ihre Glühlampen dimmte und ihre monatlichen Ersparnisse schon mal für eine Flasche Veuve Clicquot Rosé draufgingen, die sie sich genehmigte, während sie eine komplette Staffel von America’s Next Top Model am Stück schaute. Außerdem sei es ihnen ja auch nicht neu, dass ich einen britischen Pass besaß und somit einen Humor, der so trocken war wie ein wochenalter Staubfussel. Ich sei keine militante Öko-Streiterin, die mit Begriffen wie »Permakultur« um sich warf und ohne Ende darüber schwadronierte, wie gesund Weizengras war. Also bitte.

»Ihr seht also«, schloss ich, »wenn ich für die Umwelt Gutes tun kann, ohne mir meine geliebte schmeichelnde Beleuchtung, den überteuerten Champagner und Reality-TV verkneifen zu müssen, dann kann das jeder schaffen. Stimmt’s? Gebt zu, dass ich recht habe.«

»Meine kleine Aktivistin«, gurrte meine Mutter schließlich, was nach 90 Prozent Ermutigung und 10 Prozent Sarkasmus klang, während sie sich den Resten ihres Filets Mignon widmete. Ich sinnierte, ob das Fleisch aus konventioneller Produktion stammte, fragte mich dann aber, ob mir das im Grunde nicht wurscht war.

»Und was ist am dritten Tag?«, wollte mein Vater wissen.

»Am dritten Tag?«, echote ich. »Na, so weit habe ich nicht vorausgeplant …«

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1 Auf Recycling-Küchenpapier umsteigen
2 Kein elektrisches Heizkissen mehr
3 Styropor verbannen
4 Auf eine umweltfreundliche Zahnbürste umsteigen
5 Den Thermostat runterdrehen
6 Kein in Flaschen abgefülltes Wasser mehr
7 Auf biologische Haarpflegespülung umsteigen
8 Fusselrollen aus natürlichen Stoffen wie Bimsstein oder Filz anstatt aus Kunststoff benutzen
9 Regionale Produkte essen
10 Zu E-Banking übergehen
11 Reifendruck prüfen
12 Keine Mikrowelle anschaffen
13 Zu einer natürlichen, biologisch abbaubaren Handwaschlotion in recycelbarem Behälter wechseln
14 Auf phosphatfreies Maschinengeschirrspülmittel umsteigen
15 Auf elektronische Fitnessgeräte verzichten
16 Stoffeinkaufstaschen verwenden
17 Zu Recycling-Toilettenpapier wechseln
18 Kabelfernsehen kündigen
19 Umstieg auf biologisch abbaubare, auf Maisbasis hergestellte Katzenstreu
20 Taschentücher aus Stoff statt aus Papier verwenden
21 Eine natürliche, umweltfreundliche Körperlotion verwenden
22 Keine Sprays mit Treibgas mehr
23 Natürlichen Glasreiniger benutzen
24 Anmelden beim lokalen Verschenknetzwerk Freecycle
25 Vor dem Verlassen der Wohnung sämtliche Lichter ausschalten
26 Auf natürliche Duschlotion umsteigen
27 Im Wäschetrockner chemiefreie, wiederverwendbare Anti-Statiktücher benutzen
28 Elektronische Geräte vom Netz nehmen, wenn sie nicht im Einsatz sind
29 Kein Wegwerfbesteck und -geschirr mehr
30 Autofreie Wochenenden
31 Elektronischen Luftbefeuchter wegräumen

1. März, 1. Tag

Auf Recycling-Küchenpapier umsteigen

»Töricht«. Dieses Wort lernte ich irgendwann in der Unterstufe kennen, und ich finde, es passt perfekt in folgendem Satz: »Dass ich mir 365 Schritte zu einem umweltverträglicheren Leben ausdenken und ein ganzes Jahr lang täglich darüber schreiben will, ist wahrscheinlich die törichteste Idee, auf die mein ansonsten neurologisch unauffälliges Hirn in den 28 Jahren seiner Existenz verfallen ist.« Tatsächlich ist der einzige Gedanke, der mir momentan durch den Kopf geht, dass es bestimmt mit mir nie so weit gekommen wäre, wenn ich einen festen Freund und mehr soziale Kontakte hätte. Seit wann interessiere ich mich für Recycling und öffentliche Verkehrsmittel? Für Kompost? Oder Blogs? Hätte ich doch nie Eine unbequeme Wahrheit gesehen! Wissen Sie, was wirklich unbequem ist? Sich 365 ökologische Änderungen seines Lebensstils auszudenken und ein ganzes Jahr lang täglich darüber zu schreiben.

Was habe ich mir da nur eingebrockt?

Diese Mischung aus Bedauern, Verwirrung, Bitterkeit und tödlicher Verlegenheit brodelte in mir, als ich dasaß und auf die Reaktionen von Freunden und Kollegen wartete, die ich soeben per Mail über mein Vorhaben informiert hatte, wobei ich so viele selbstironische Adjektive wie möglich verwendete. Manche Leute werden ja, sobald sie auf den »Senden«-Button geklickt haben, von Ängsten heimgesucht, weil sie nach ein paar Gläsern Wein eine allzu überschwängliche E-Mail geschrieben haben. Bei mir lag es schlicht daran, dass ich mich zu etwas öffentlich bekannt hatte – und zwar zu etwas, das meinen coolen, lässigen Pseudo-Szenefrau-Status durchaus gefährden konnte. Ich hätte ebenso gut auf die Knie fallen und verkünden können: »Vergebt mir, Freunde, denn ich habe gesündigt. Ich habe mich nicht nur in eine Öko-Tante verwandelt, sondern führe auch noch ein Blog darüber.«

Was ist schlimmer: Blogger oder Hippie zu sein? Ich kann es nicht mal sagen.

Da trudelte die erste Antwort ein, von einem Freund, der in Paris lebt und für Associated Press arbeitet. Matt isst Sachen, die ich nicht mal aussprechen kann, hört obskuren westafrikanischen Hip-Hop und hat die Coolness praktisch mit der Muttermilch aufgesogen. Begriffe wie »Nachhaltigkeit« oder »konsumkritisch« zählen nicht zu seinem aktiven Wortschatz. Komischerweise ist er aber auch ein echter Computerfreak und hatte schon auf meine Mail reagiert, kaum dass ich auf »Senden« gedrückt hatte.

Wie mir eine E-Mail in meinem Posteingang anzeigte, hatte Matt einen Kommentar zu meinem ersten Blogbeitrag geschrieben.

»Bin echt sprachlos«, stand da.

Das war alles, außer dem launigen Zusatz, dass die Gänseleberpastete, die er gerade verspeise, ganz bestimmt »bio« sei. Darunter verstehen die Franzosen anscheinend so etwas wie naturbelassen, aus ökologischem Anbau, umweltverträglich oder ganz allgemein Hippie-kompatibel. Es war also wohl ironisch gemeint, denn Gänseleberpastete ist bestimmt so ziemlich das Letzte, was ein Hippie guten Gewissens konsumiert.

Wie auch immer, nach begeisterter Zustimmung klang es jedenfalls nicht.

Dann kam eine E-Mail von meinem Freund Jacob, der fast am anderen Ende der Welt lebt, in Ramallah in Palästina, wo er eine gemeinnützige Organisation namens Souktel aufbaut, die Arbeitgeber und Arbeitsuchende durch SMS auf ihre Handys zusammenzubringen versucht. Näheres wusste ich nicht darüber, nur so viel, dass er jeden Tag 14 Stunden in dieser Krisenregion arbeitete und höchstwahrscheinlich keine Zeit für Blogs hatte.

»Meine Güte«, begann seine E-Mail, »weißt du, bei jedem anderen würde ich meine übliche Anti-Blog-Tirade vom Stapel lassen. Aber in diesem Fall habe ich irgendwie das Gefühl, dass ich dich bald in mein Twitter oder Flickr oder was auch immer aufnehmen muss, damit ich deinen Öko-Botschaften ganz zeitnah lauschen kann. Außerdem würde ich für Live-Blogs oder sogar Vlogs plädieren, auch wenn ich nicht genau weiß, was das eigentlich ist.«

Halb ironisch, halb ernst. Jacob, wie er leibt und lebt.

Doch binnen einer Stunde erhielt ich eine Flut wohlwollender Mails, hauptsächlich von meinen Freundinnen. Die meisten sprachen mir Mut zu, machten Vorschläge oder brachten ihre eigenen Wünsche nach weniger Papiermüll im Büro oder regelmäßiger Benutzung von Brotdosen anstelle von Einwegverpackungen zum Ausdruck. Eine meiner Kolleginnen, Maryam, mailte sogar zurück: »Ich schau mir dein Blog an und hole es in MySpace«, wodurch sie sich mutig als soziale Netzwerkerin outete.

Trotzdem machte es das nicht einfacher. Jetzt wusste jeder Bescheid: meine Angehörigen und Freunde, meine Kollegen und eine wachsende Zahl von Umweltbewegten, die genug Zeit hatten, um sich auf der Suche nach neuen Umwelt-Blogs in der »Online-Community«, wie es meine Vorgesetzten nannten, herumzutreiben. Und wer war eigentlich diese Lori V.? Sie hatte bereits zwei Kommentare auf meiner Website hinterlassen, und ich wusste von ihr lediglich, dass sie Recycling-Küchenpapier ebenfalls gut fand. Wie auch immer, jetzt waren so viele Leute in mein Vorhaben eingeweiht, dass es kein Zurück mehr gab. Außerdem: Egal, wie lächerlich ich mich mit all dieser Online-Tagebuchschreiberei und meinen amateurhaften Öko-Anwandlungen machen mochte, es wäre auf alle Fälle eine noch größere Blamage, wenn ich schon in den ersten 24 Stunden kalte Füße bekäme.

»Okay, jetzt mach mal einen Moment Pause«, sagte ich mir. »Jetzt ist einfach nur eins angesagt: tief durchatmen, die Augen schließen und einen mentalen Kopfsprung in die Tiefen dieses Öko-Dings wagen. Wenn ich im Kompost zu versinken drohe, vor lauter Müsli keine Luft zum Atmen mehr bekomme oder mir die Sache anderweitig zu viel wird, kann ich mich immer noch ans Ufer der Normalität retten, das Blog absaufen lassen und komme klatschnass, aber unversehrt aus dem Schlamassel raus.«

Zu meinem Glück habe ich das Rettungsschwimmerabzeichen gemacht.

Zu meinem Pech war dieser Öko-Tümpel ziemlich tief.

Doch wie die Buddhisten zu sagen pflegen – und auf wen kann man sich verlassen, wenn nicht auf die Buddhisten? –, kommt es darauf an, in der Gegenwart zu leben. Also rufe ich mir in Erinnerung, dass ich heute nichts weiter vorhabe, als von normalem Küchenpapier auf Recycling-Küchenpapier umzusteigen.

Dieses besteht zu 100 Prozent aus ungebleichtem Altpapier, der Wasserverbrauch bei der Herstellung ist um 80 Prozent niedriger als bei herkömmlichen Produkten, und die Trocknung erfolgt mit Energie aus Erdgas. Das erwähne ich deshalb so ausführlich, weil mir andernfalls womöglich der imaginäre Al Gore, der mir jetzt plötzlich über die Schulter guckt, Vorhaltungen gemacht hätte, ich solle die Finger doch lieber ganz von Einwegpapiertüchern lassen und stattdessen Stoffgeschirrtücher verwenden – am besten solche aus recycelten Fasern, die in einer Fair-Trade-Einrichtung in einem Umkreis von hundert Meilen um meinen Wohnort gewoben und per Fahrrad ausgeliefert werden.

Was soll ich dazu sagen? Ich bin eben nicht gerade ein Hardcore-Öko-Freak. Wenn meine Katze Sophie sich lieber auf dem Boden anstatt in ihrer Katzentoilette übergibt, bringen mich keine zehn Pferde dazu, ihren Mageninhalt mit irgendwas anderem aufzuwischen als mit etwas, das ich danach unverzüglich im Mülleimer entsorgen kann. Ich habe mit dem Gedanken gespielt, eine von diesen Küchenrollen zu nehmen, bei denen man auch schmalere Streifen abreißen kann, aber nach reiflicher Überlegung – und deutlich größerer Schmiererei – habe ich mich gegen diese Option und für die unbekannte, aber vielversprechend klingende Marke Cascades entschieden, deren Name mich an Wasserfälle, sanfte Hügellandschaften und auch ein bisschen an eine schicke Reha-klinik denken lässt. Zudem fand ich, dass die beige Farbe gut zu meinem Laminatboden passt. Die Textur mag zwar weniger reißfest und haltbar sein als bei der Konkurrenz, aber ich habe ja auch nicht vor, das Tuch in blaue Flüssigkeit zu tunken und dann große, schwere Sachen darin herumzutragen, wie man es immer in der Werbung sieht.

Das war also die erste Veränderung. Auf der Schmerzskala von eins bis zehn würde ich sagen: zwei. Leicht.

Und da waren’s nur noch 364.

3. März, 3. Tag

Styropor verbannen

Meine Freundin Meghan, die ich an meinem ersten Tag an der Highschool kennengelernt habe und die jetzt nur ein paar Straßen westlich von mir wohnt, wird sich bei meinem Vorhaben vermutlich als eine der größten Unterstützerinnen erweisen. Was wenig überraschend ist. Wir machen eine Menge verrückter Sachen zusammen und reden danach darüber, wie toll diese verrückten Sachen sind. So binden wir uns bei ihr zu Hause identische Küchenschürzen um und kochen glutenfreie Bio-Suppe und gebratenes Gemüse, und die Woche darauf teilen wir uns das Kantinenessen. Außerdem laden wir uns Yoga-Podcasts herunter und machen die Übungen zusammen. Um Spenden für ein lokales Hilfsprojekt für Aidskranke zu sammeln, sind wir über vierhundert Meilen von Toronto nach Montreal geradelt. Und natürlich haben wir beide vor kurzem fast gleichzeitig ein Blog gestartet. Meghans Blog heißt Healthy Cookie und dreht sich um gesunde Ernährung; früher arbeitete sie in der Werbung, doch dann hat sie sich aufgrund anhaltender Verdauungsprobleme beruflich völlig neu orientiert und macht nun eine Ausbildung zur ganzheitlichen Ernährungsberaterin.

Das Lustige ist, dass wir sogar dann, wenn wir gar nicht vorhaben, etwas gemeinsam zu unternehmen, letztlich doch zusammentreffen; gehe ich ins Theater, läuft sie mir über den Weg, wir begegnen uns in der Obst-und-Gemüseabteilung des Supermarkts und so weiter. So gesehen war es nicht allzu überraschend, dass sie, als ich mich neulich von meinem Freund trennte, ebenfalls Single wurde.

Wenn wir zusammen in einer Bar auftauchen, bringen wir uns oft gegenseitig Glück. Höchstwahrscheinlich hängt das damit zusammen, dass wir von unserem Äußeren her völlig unterschiedlich sind – ich groß und hellhäutig, sie zierlich und dunkel; ich habe langes, hellbraunes Haar mit Seitenscheitel, sie trägt ihr dunkles Haar kurz mit Pony; ich trinke Rotwein, sie trinkt keinen Alkohol. Ich gebe mich ernsthaft und schweigsam, sie spielt die witzige Kichererbse. Wir decken das ganze demografische Spektrum ab, da ist für jeden was dabei.

Als ich von dieser Anti-Styropor-Party erfuhr – jawohl, eine Anti-Styropor-Party –, bat ich daher Meghan mitzukommen. Die Party wurde von einer Organisation namens Get It to Go Green veranstaltet. Sie macht den Restaurants, die Essen zum Mitnehmen anbieten, das Leben schwer, weil sie die lokalen Behörden dazu bringen will, Styropor zu verbieten und durch Materialien wie NaturoPack zu ersetzen, die genauso aussehen und sich genauso anfühlen, jedoch aus Mais, Zuckerrohr und Kartoffeln hergestellt werden und biologisch vollständig abbaubar sind. Wenn sie nicht gerade gegen das böse FCKW kämpfen, machen diese Leute offenbar auch gerne mal einen drauf. Die Party fand in einer nahe gelegenen Hotelbar statt, die bei der Szene des West Ends recht beliebt ist. Daher dachten wir, dort gäbe es ein paar coole Jungs in Secondhand-Jeans und T-Shirts mit ironischen Aufdrucken, die sich für die Umwelt engagierten und uns zu einer Runde Hanfbier oder Ähnlichem einladen würden.

Nun, unser Fazit nach einer halben Stunde dort lautete: Innerhalb der großstädtischen Jugendszene gibt es eine Untergruppe, auf deren Angehörige am ehesten die Bezeichnung Öko-Alternative passt. Diese Leute sehen praktisch genauso aus wie das Sonnenbrillen als ironisches Zitat tragende und Indie-Rock hörende Durchschnittsszenevolk, sind aber irgendwie ganz anders. Statt Espresso und Zigarettenqualm bevorzugen sie Rote-Bete-Saft und Marihuana, und leider fehlt ihnen oft das Gen für Zynismus. Das kann manchmal ganz niedlich wirken, besonders wenn sie in die Pedale eines am Boden festgeschraubten Fahrrades treten, das an einen Stromgenerator angeschlossen ist und eine weihnachtliche LED-Lichterkette an der Decke zum Leuchten bringt, oder wenn sie ohne eine Spur von Verlegenheit eine Gruppe von Öko-Rappern anfeuern. Aber bei ihnen ist auch nicht alles Gold, was glänzt.

Diese Öko-Alternativen lassen sich wiederum in zwei Gruppen unterteilen, in die Wichtigtuer und die echten Aktivisten. Macht man beispielsweise einen Witz über Veganer, wäre ein echter Aktivist beleidigt, wohingegen ein Wichtigtuer den Witz gar nicht kapieren würde. Zwar würde sich keiner von beiden zur mittwochabendlichen Topmodel-Casting-Show vor den Fernseher setzen, um mitanzusehen, wie Moderatorin Tyra Banks ihren Modelnachwuchs drillt, aber der echte Aktivist würde als Grund angeben, dass er Wichtigeres zu tun habe, während der Wichtigtuer solchen Durchschnittsscheiß einfach nur doof findet, was er mit einem entsprechenden Aufnäher auf seinem Rucksack kundtut. Allerdings scheint vor allem den Aktivisten nicht allein jeder Sinn für Zynismus, sondern für Humor insgesamt zu fehlen. Und ihr durchdringender Blick vermag einen zwar zu fesseln, doch sind sie normalerweise weniger daran interessiert, deine Telefonnummer zu bekommen, als Sinn und Nutzen von Bio-Sprit zu diskutieren. Das törnt nicht gerade an.

Aber Meghan und ich ließen uns davon nicht abschrecken. Wir trugen uns in ihre Unterschriftenliste ein, bestellten ein Öko-Bier und ein Glas Wasser und konzentrierten uns auf die schnuckeligsten Jungs in der Menge.

»Was hältst du von dem?«, fragte ich sie und zeigte mit der Flasche auf einen Typen, der aussah, als hätte man ihm irgendwann einmal eine Komparsenrolle in einer romantischen Komödie mit Matthew McConaughey, Jennifer Aniston und einem manischen, aber im Grunde sympathischen Schoßhund angeboten, doch dann hätte er im letzten Augenblick beschlossen, eine Schauspielerkarriere sei ihm zu oberflächlich, und sich stattdessen der Öko-Bewegung angeschlossen.

»Na ja«, erwiderte Meghan. »Den Pulli find ich nicht so prickelnd. Der erinnert mich an Bill Cosby. Was ist mit dem Typen dort drüben?«

Ich schaute in die Richtung, in die sie deutete.

»Ziemlich hohe Stirn«, antwortete ich.

Das ist typisch für unsere Gespräche über Männer. Wir sind derart kritisch, dass ein armer Kerl schon wegen so etwas Banalem wie dem Mosaikmuster seines Pullis oder seinem fliehenden Haaransatz bei uns untendurch ist. Aber der erste Eindruck zählt nun mal, und wir ziehen nie das Urteil der anderen in Zweifel. Außerdem dauerte es nur etwa 20 Minuten, bis wir unsere Wahl in gegenseitigem Einvernehmen getroffen hatten.

Als ein Mädchen in einem T-Shirt mit dem Aufdruck »Heißer als ich sein sollte« – eine Anspielung auf den Klimawandel – die Bühne betrat und etwas darüber murmelte, weshalb wir alle hier seien, beugte ich mich zu »meinem« Typen vor und fragte mit meinem betörendsten Augenaufschlag, ob er gehört habe, was die Organisatorin gesagt habe, da ich wegen all den ratternden Pedalen kaum etwas verstehen könne.

»Sie kündigt die erste Nummer an«, gab er mit ausdrucksloser Miene zurück und schaute wieder nach vorn. Ich rückte etwas näher an ihn heran, aber kaum hatte die Gruppe mit ihrem Öko-Rap angefangen – der sich anhörte, als würde das jede Kindergartengruppe besser hinkriegen –, sprang er in einem plötzlichen Anfall von Begeisterung herum, stieß immer wieder die Faust in die Luft und gab aufmunterndes Gejohle in Richtung Bühne von sich. Ein echter Aktivist. Ohne jedes Rhythmusgefühl. Und mit noch weniger Sinn dafür, wann er sich lächerlich machte. Vergiss ihn.

Ich drehte mich um, um zu sehen, wie es Meghan erging. Sie hatte sich den Typen am Eingang ausgesucht, der den Gästen einen Stempel auf die Hand drückte. Binnen Sekunden stand sie wieder neben mir.

»Krass«, sagte sie. »Ich habe ihn gefragt, ob er weiß, wann die Hauptband spielt, weil ihre CD auf dem Tisch ausliegt und ziemlich cool aussieht.«

»Und?«, fragte ich.

»Und er sagte: ›Ja, die kommen als Nächstes – du kannst dir aber auch die CD kaufen und sie zu Hause anhören.‹ Ich meine, damit hat er im Grunde gesagt, ich soll abhauen.«

Vielleicht überinterpretierten wir die Dinge und gingen nicht offensiv genug vor; vielleicht hatten wir nach zwei Stunden Anti-Styropor-Party zu hohe Erwartungen. Auf jeden Fall beschlossen wir, den Rat des Typen am Einlass zu befolgen und uns vom Acker zu machen.

5. März, 5. Tag

Den Thermostat runterdrehen

Februar und März sind nicht gerade die schönsten Monate des Jahres. Es ist nicht mehr Winter, aber auch noch nicht Frühling. Es gibt weder eine frische Schneedecke noch zwitschernde Vögel oder knospende Bäume; stattdessen grauer Himmel, graue Straßen, grauer Matsch und in meinem Fall auch graue Tristesse. Also sagte ich mir, wenn ich die Initiative ergriff, meine Stiefel mit den Salzrändern und den rotzverschmierten Schal hinten im Schrank verstaute, einen Strauß frische Tulpen kaufte und den Thermostat herunterdrehte, dann würde die Natur den Wink verstehen und ihrerseits mit ein bisschen Sonne und warmem Wetter aufwarten.

Gerade die letztgenannte Aktion, das Abschalten der Heizung, erschien mir als eine weitere leicht durchführbare Öko-Maßnahme. Klar, ich würde ein paar Kleiderschichten mehr und an besonders trostlosen Abenden einige zusätzliche Tassen heiße Schokolade benötigen, aber das würde ja bald vorbei sein. Außerdem aß ich zu Mittag schon Salat und ließ mir von meiner alten Freundin Visa eine neue Sonnenbrille spendieren – mochte es Wunschdenken sein oder nicht, ich spürte, dass der Frühling schon in der Luft lag.

Manchmal vergesse ich aber, dass sich mein Kreislauf seit 1979 im Streik befindet und Blutdruck und Herzfrequenz sich mit vereinten Kräften weigern, mir irgendwie entgegenzukommen. Meine Finger und Zehen haben selten eine andere Farbe als Rot, Blau und manchmal auch Weiß – sogar im Sommer zeigen sie Erfrierungssymptome, wenn ich einen klimatisierten Raum betrete. Binnen weniger Tage fand ich mich mit drei Paar Wollsocken übereinander, verschiedenen nicht zueinanderpassenden Schlafanzugteilen aus Flanell, Handschuhen, zwei Extradecken und einer ins Kopfkissen gestopften Wärmflasche im Bett wieder, wobei ich unentwegt hoffte, Sophie würde sich als zusätzliche Wärmeschicht auf mich legen. In einer besonders eisigen Nacht stellte ich meinen Radiowecker auf einen Sender mit beruhigender Musik ein, um mich trotz meiner Unterkühlung in den Schlaf lullen zu lassen.

Als ich am nächsten Morgen zum Easy-Listening-Sound von Kenny G erwachte und mich an mein Kissen mit der Wärmflasche kuschelte, das meine Nase und meine Speicheldrüsen offenbar die ganze Nacht vollgesabbert hatten, dachte ich mir, dass das alles nicht passiert wäre, wenn ich a) meinen Thermostat in Ruhe gelassen hätte, b) in einer dieser zahlreichen wundervollen Städte südlich des 49. Breitengrads leben würde oder c) einen Freund hätte, der in meinem Bett für die nötige Hitze sorgte.

6. März, 6. Tag

Kein in Flaschen abgefülltes Wasser mehr

Eigentlich ist es ja absurd, dass man teures Geld für Wasser in Flaschen ausgibt. Aber irgendwann wurde es normal, und ich gestehe, dass ich mich von dem Trend anstecken ließ. Auch ich wurde ein bisschen ein Wasser-Snob. Ich meine, ich war schon immer bei den meisten Dingen ein Snob, aber wenn es um Mineralwasser geht, macht mir niemand ein Evian für ein Volvic oder ein San Pellegrino für ein San Benedetto vor. Und ich werfe mein Geld nicht für in Flaschen abgefülltes Leitungswasser hinaus, das einer Umkehrosmose unterzogen und von den netten Menschen bei Coca-Cola mit dreierlei Salzarten angereichert worden ist, wenn ich stattdessen natürliches Quellwasser haben kann, das von Passatwinden gereinigt vor Ort in einem unberührten Regenwald auf den Fidschis abgefüllt wird. Andererseits bin ich alt genug, um mich noch zu erinnern, wie Flaschenwasser auf den Markt und in Mode kam, und irgendwie ist mir auch klar, dass das ganze Konzept des Flaschenwassers zumindest in den Industrieländern absoluter Unsinn ist, ganz zu schweigen von der Unmenge an anfallendem Plastikmüll und dem überflüssigen Transportaufwand.

Also werde ich als nächsten Öko-Schritt wieder dazu übergehen, gewöhnliches Leitungswasser zu trinken. Ich verwende einen Trinkwasserfilter, wodurch das Wasser zumindest nicht ganz so metallisch schmeckt, und wenn ich den ganzen Tag unterwegs bin, nehme ich mir Wasser in einer Trinkflasche mit. Mag das Teil auch nicht sonderlich cool sein – bestimmt ist in den meisten Geschäften das Mitbringen von Hunden, Fremdverzehr und langweilig aussehenden Trinkflaschen verboten –, ruft es doch Erinnerungen in mir an Zeiten wach, als ich mir das Haar zu symmetrischen Zöpfen flocht, mit einem altersschwachen Kanu auf den Big Hawk Lake hinauspaddelte und mir in meinen Sportsandalen die Zehen braunbrennen ließ, während ich ab und an nach einer Mücke schlug, Kenny-Rogers-Songs trällerte (zugegebenermaßen ziemlich falsch) und warmes Wasser aus meiner Halbliter-Trinkflasche mit Schraubverschluss trank.

Neulich habe ich all diese Artikel gelesen, wonach bestimmte Plastikflaschen aus Polycarbonaten Bisphenol A freisetzen, eine östrogenartige, hormonell wirksame Substanz, und außerdem Nährboden für gefährliche Keime sein können, wenn man sie nicht richtig sauber hält. Aber zum einen reinige ich meine Flasche täglich mit Spülmittel, und was kann mir eine kleine Extradosis Östrogen schon schaden? Dann werde ich vielleicht nicht so leicht schwanger und bekomme weniger Pickel.

In meiner Welt ist das ein klarer Vorteil.

9. März, 9. Tag

Regionale Produkte essen

Im Lebensmittelladen sehe ich mich mittlerweile mit einigen Problemen konfrontiert, besonders in der Obst-und-Gemüseabteilung. Es fängt schon damit an, dass ich oft mit dem Korb in der Hand zwischen den Apfelkisten stehe und mich nicht entscheiden kann: den biologischen Apfel aus den Vereinigten Staaten oder den gespritzten, aber hier in der Region Ontario angebauten? Der amerikanische Bio-Apfel glänzt nicht so schön, aber vielleicht müssen Äpfel ja gar nicht so glänzen; die Pestizide des regionalen Apfels könnte ich zu Hause mit einem speziellen Obstwaschmittel abwaschen, aber das würde noch mehr Ressourcenverbrauch bedeuten. Oft suche ich Rat bei meinem Mini-Al-Gore, der erstmals damals auftauchte, als ich auf Recycling-Küchenpapier umgestiegen bin, aber auf die Einflüsterungen meines imaginären Freunds ist auch nicht immer Verlass, wenn schwierige Entscheidungen anstehen.

Wenn mich Meghan bei meinen Lebensmitteleinkäufen begleitet, weiß ich schon im Voraus, was sie sagen wird, nämlich dass meine eigene Gesundheit wichtiger ist als die des Planeten und zahlreiche Studien nachgewiesen hätten, dass biologisch angebautes Obst und Gemüse mehr Nährstoffe hat; also sollte ich die Bauern unterstützen, die sich um natürliche Anbaumethoden bemühen, und den US-amerikanischen Apfel nehmen. Allerdings weiß ich auch, dass die Menschen seit Jahrhunderten auf ihre Sinneseindrücke vertrauen, wenn es darum geht, zu beurteilen, was gut und was schlecht für sie ist – weswegen der Anblick und Geruch von vergammeltem Essen Ekelreflexe in unserem Hirn auslöst –, und dieser Royal Gala aus Ontario sieht von Haus aus ziemlich gut aus. Außerdem ist er garantiert frischer, was heißt, dass er wahrscheinlich besser schmeckt, und da er nicht tagelang in einem Lkw auf holprigen Autobahnen durchgerüttelt worden ist, hat er bestimmt genauso viele Nährstoffe wie der amerikanische. Andererseits: Wenn ich die regionalen Äpfel kaufe, erzeuge ich dann eine entsprechende Nachfrage und fördere so den Pestizideinsatz?

Als ich das letzte Mal in diesem Dilemma steckte, stand ich nur da und starrte die Äpfel mindestens fünf Minuten lang an, was im Grunde nicht so schrecklich lang ist, in der Welt der Supermärkte jedoch fast schon den Sicherheitsdienst auf den Plan ruft. Sicher wäre es optimal, wenn ich ökologisch erzeugte Lebensmittel regionaler Herkunft essen könnte, aber dieses Privileg haben anscheinend nur die Kalifornier – überall sonst ist es entweder zu feucht, zu trocken, zu heiß, zu kalt, zu dunkel oder zu sonnig. Wir Übrigen aus den anderen Klimazonen haben eben immer ein klein bisschen Stress in der Obst-und-Gemüseabteilung. Wie der Bestsellerautor und Ernährungsphilosoph Michael Pollan mehrfach betont, ist uns das kollektive Wissen darüber, was wir essen sollen, abhandengekommen; stattdessen haben wir Ernährungspyramiden, Ernährungswissenschaftler, Diätkuren und ganze Bücher, die sich der kritischen Zerlegung des Twinkie in seine Einzelteile widmen – eines Cremekuchens, der aus mehr als 90 verschiedenen und überwiegend künstlich hergestellten Inhaltsstoffen besteht, unter anderem auch Fleischextrakt.

Aus ökologischer Sicht halte ich es eindeutig für wichtiger, Produkte aus der Region statt aus biologischem Anbau zu kaufen, aber ich möchte mich dabei nicht auf die Region Ontario beschränken müssen – zumindest nicht, solange mir mein Arzt kein regional erzeugtes Mittel gegen Skorbut verschreibt. Doch ich will künftig einzig und allein Lebensmittel kaufen, die aus Kanada oder den Vereinigten Staaten kommen. Das heißt, ab sofort sind Mangos und Bananen bis zum Ende meines Öko-Jahres tabu, Zitronen und Limonen hingegen nur bis zum Sommer, sofern sie aus Kalifornien stammen. Dasselbe gilt für Avocados und Grapefruits.

Alkohol bleibt von dieser Regel jedoch weiterhin ausgenommen, zumindest bis ich einen einheimischen Wein finde, der nicht wie Traubensaft schmeckt.

14. März, 14. Tag

Auf phosphatfreies Maschinengeschirrspülmittel umsteigen

Ich glaube, in der Abteilung Putz- und Reinigungsmittel ist kaum ein Produkt überzeugender als die Power Tabs mit und ohne extrastrong Zusatzkugel, die kraftvoll unser Geschirr von ekligen Essensresten befreien. Am besten ist das in Verbindung mit Spülmaschinen-Deo – wer liebt nicht diesen heißen, blitzsauberen Duft, der einem entgegenweht, wenn man die Spülmaschine öffnet? Meine Lieblingssorte ist die mit »frischem Brandungsduft«. Ich weiß zwar nicht genau, wie Brandung riecht – geschweige denn, wie sich eine frische Brandung von einer abgestandenen unterscheidet –, aber mir gefällt die Vorstellung, dass in meiner Spülmaschine, sobald ich sie einschalte und das vertraute Brummen höre, eine enorme Welle herumschwappt und mit sanfter, aber effektiver Gewalt gegen meine Teller und Tassen anbrandet, bis sie strahlend sauber und frei von pappigen Resten sind.

Leider habe ich neulich meine letzten Vorräte aufgebraucht und musste mir eine ungefährlichere und natürlichere Alternative suchen.

»Probier es doch mit Natron und Essig«, schlug mir der imaginäre Gore vor, der plötzlich wieder aufzutauchen beliebte, als ich im Bio-Supermarkt stand. Kann man einem imaginären Freund die Freundschaft aufkündigen? Wie auch immer, er begann die Vorzüge einfacher, selbst gemachter Putz- und Reinigungsmittel zu erläutern, und ich erwog es sogar ernsthaft, aber bei Natron und Essig muss ich immer an die Naturkunde-Experimente in der Grundschule denken, wo irgendwas zu schäumen und zu stinken begann, und so etwas wollte ich meiner edlen Spülmaschine aus rostfreiem Edelstahl nicht antun. Schließlich entschied ich mich, stattdessen eine Marke namens Seventh Generation auszuprobieren.

Das in Vermont ansässige Unternehmen bietet eine der weitverbreitetsten Öko-Produktlinien an – es ist eine Art kiffender, aber dennoch solventer Cousin von Procter & Gamble. Auf der Firmenwebsite sind neben den Presseveröffentlichungen geschickt Bilder von Müttern mit Babys, Kindern mit Schoßtierchen und Senioren mit Gießkannen in der Hand platziert. Man findet Links zu wissenschaftlichen Erläuterungen der natürlichen Inhaltsstoffe oder auch, was weitaus unterhaltsamer ist, ein Blog namens Der inspirierte Protagonist, der seine Mission folgendermaßen charakterisiert: »Lasst uns die Fesseln der Negativität durchtrennen, die uns hemmen.« Ach ja, diese Leutchen in Vermont …

Nun, ich probierte das Maschinengeschirrspülmittel einmal aus und versuchte es dann noch einmal mit der doppelten Menge, aber es wurden nur etwa 80 Prozent des Geschirrs sauber, die Löffel am allerwenigsten. Und als ich die Spülmaschinentür öffnete, um eine duftig-frische Wolke herauszulassen, stieg mir ein eher neutraler bis leicht käsiger Geruch in die Nase.

Ich will meine Phosphate wiederhaben.

16. März, 16. Tag

Stoffeinkaufstaschen verwenden

Bei dem Wort »Tragetasche« denke ich unwillkürlich an einen schmutzigen Leinensack, der die Farbe von Tang und vergammelter Creme hat und als starrer Knäuel ganz unten im Wäscheschrank meiner Eltern liegt. Meine Mutter hat ihn bei einem Ärztekongress geschenkt bekommen, und als ich klein war, benutzten wir ihn die wenigen Male, als die ganze Familie ins örtliche Schwimmbad ging und wir etwas brauchten, in das wir danach unsere nassen, chlorstinkenden Badesachen stecken konnten. Die Tasche ist mit dem Logo eines Generikums und einem Akronym bedruckt, das man höchstens kennt, wenn man Radiologie praktiziert hat, und zwar im Jahr 1984 in Orlando, Florida.

Es gibt wahrlich kein Mode-Accessoire, das verpönter ist als die Leinentragetasche, aber ich brauchte etwas, womit ich meine Lebensmitteleinkäufe transportieren konnte und was mir die vielen Plastiktüten ersparte. Meine Rucksackjahre liegen offiziell hinter mir – genauso wie die Jahre, in denen ich mich von Fertiggerichten ernährte, Essays verfasste und in Jugendherbergen übernachtete –, ein Rucksack kam also nicht infrage, und diese Einkaufstrolleys sind ja ein noch größeres Verbrechen gegen den guten Geschmack. Wenn ich also eine Einkaufstasche in nicht ganz so abscheulichen Farben auftreiben könnte, vielleicht sogar aus einem Material, das nicht so schwer wie Leinen ist, wäre mein Problem gelöst.

Und schließlich fand ich sie: eine zusammenlegbare Nylontasche in schlichtem Weiß mit einem reizenden Blumenmuster darauf. Sie lässt sich auf Faustgröße zusammenfalten und passt dann leicht in meine Handtasche; geöffnet ist sie etwa so groß wie zwei normale Plastiktüten. Als ich sie kaufte, dachte ich, das könnte die beste Öko-Innovation des Monats sein. Wenn ich sie immer mitnähme, gäbe es sogar bei Spontankäufen – die, um ehrlich zu sein, bei mir fast täglich vorkommen – keine Ausrede mehr für eine Plastiktüte.

Ich beschloss, die Probe aufs Exempel zu machen.

Ich zog los, um mir ein paar neue Klamotten zuzulegen, und rechtfertigte das damit, dass ich meine neue Einkaufstasche ausprobieren musste. Als ich an einem meiner Lieblingsgeschäfte vorbeikam – einer Markenfiliale, die auf Jogginghosen und Handtaschen spezialisiert ist –, entdeckte ich im Schaufenster den Hinweis, dass alle grünen Artikel (gemeint war die Farbe) zum halben Preis angeboten wurden. Dadurch wollte man irgendwie Umweltbewusstsein demonstrieren, obwohl Greenpeace anscheinend nicht direkt an den Einnahmen beteiligt war. Jedenfalls ging ich hinein, probierte eine Bluse an, beschloss, sie zu kaufen und lehnte die angebotene Plastiktüte ab. Mit stolzem Lächeln verkündete ich, ich hätte meine eigene Tasche mitgebracht, und wartete darauf, dass der Kassierer dies mit einem anerkennenden Pfiff oder dergleichen quittierte.

Doch stattdessen zuckte er leicht zurück und legte den Kopf schief.

»Warum das?«, fragte er mit Betonung auf dem letzten Wort, um seine Verwunderung und möglicherweise auch ein gewisses Unverständnis zum Ausdruck zu bringen.

»Weil ich mir passend zum grünen Thema des Tages Recycling statt Einweg auf die Fahnen geschrieben habe«, sagte ich.

»Aha, na ja, also schön … wenn Sie es unbedingt so wollen«, erwiderte er.

Was war denn das für eine Antwort – wenn ich es unbedingt so wollte? Warum sollte ich es anders wollen? Damit ich mit dem Logo eines leicht überteuerten Einzelhandelgeschäfts unter dem Arm nach Hause gehen konnte? Damit ich die Tüte zu Hause bequem wegwerfen konnte und nicht zusammenlegen und wegräumen musste?

Ich glaube, allmählich beginne ich zu verstehen, warum man den echten Öko-Freaks nachsagt, sie seien ständig in der Defensive und schnell eingeschnappt.

18. März, 18. Tag

Kabelfernsehen kündigen

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich stehe durchaus auf MTV, ich will nur nicht 50 Dollar pro Monat dafür bezahlen. Sosehr mir Reality-Shows wie Bachelors und Bachelorettes, Big Boss mit seinen Möchtegernunternehmern und das brillant witzige How Not to Decorate oder auch Science-Fiction-Serien wie Survivors ans Herz gewachsen sind, musste ich doch feststellen, dass mein Bankkonto weniger begeistert von all dem war. Als ich mir meine monatlichen Kontoauszüge ansah, wurde mir klar, dass ich einen größeren Posten streichen musste. Internet war unverzichtbar, ebenso Heizung, Strom und Wasser; arbeitsbedingt musste ich mein Handy behalten, meinen Festnetzanschluss hatte ich aber schon gekündigt; ich versuchte auch bereits, weniger für Kleidung auszugeben und bei meinen Lebensmitteleinkäufen planvoller vorzugehen. Trotzdem, in Anbetracht der Tatsache, dass mein Kontostand am Monatsende gegen null tendierte, und bei den finanziellen Unwägbarkeiten meines Öko-Wandels waren 50 Dollar Ersparnis pro Monat kein Pappenstiel.

Also rief ich bei meinem örtlichen Anbieter an, um meinen Vertrag zu kündigen.

»Ach, das ist ja wirklich bedauerlich«, sagte die Dame von der Kabelgesellschaft, als ich mein Anliegen vorbrachte. Ihrem Tonfall nach zu schließen konnte man meinen, ich hätte ihr vom Tod meiner Katze erzählt.

»Ist nicht so schlimm«, erwiderte ich. »So was kommt vor.«

»Darf ich nach dem Grund fragen?«, hakte sie nach.

»Klar. Um ehrlich zu sein, ich kann mir den Anschluss eigentlich nicht leisten.«

»Verstehe …«, sagte sie in ernstem Ton. »Wie wär’s, wenn Sie auf einen reduzierten Tarif umsteigen? Beim Basistarif haben Sie immer noch die unteren Kanäle …«

»Aber dann kriege ich Tyra nicht mehr rein, stimmt’s? Ich meine es ernst, ich will alles kündigen. Und ich möchte auch gar nicht weiter darüber diskutieren.«

Damit war die Sache erledigt.

Als ich ein paar Minuten nach Beendigung des Gesprächs noch immer mit meinem pinkfarbenen Handy in der Hand dasaß, hatte ich das untrügliche Gefühl, etwas Gewaltiges angestoßen zu haben, etwas, das über das Plus auf meinem Konto hinausging. Jetzt, da ich regelmäßig über all die Veränderungen in meinem Leben schreibe, scheint mir, ich sollte darüber bloggen. Aber dass ich meinen Kabelanschluss kündigte, war keine wie auch immer geartete »grüne« Aktion.

Oder doch? Es bedeutete immerhin, dass ich den Strom für den Fernseher sparte, der sonst allabendlich drei bis vier Stunden lief, ganz zu schweigen von den Batterien der Fernbedienung. Zugegeben, das macht keine Tausende von Kilowattstunden aus, und ich hätte diesen Schritt, unabhängig von meinem Öko-Abenteuer, sowieso unternommen. Aber auch wenn es nur einen kleinen Knick in meiner CO2-Bilanz ausmacht, warum sollte es deshalb nicht gelten?

Das ist zugegebenermaßen eine etwas verquere Logik. Aber nur, weil mir eine grüne Veränderung in den Schoß fällt, heißt das ja nicht, dass ich sie links liegen lassen muss. Es mag vielleicht noch ein bisschen früh dafür sein, aber ich nehme, was ich kriegen kann.

19. März, 19. Tag

Umstieg auf biologisch abbaubare, auf Maisbasis hergestellte Katzenstreu

Meine Katze Sophie hat drei Lieblingsbeschäftigungen: 1) Sie leckt mir den Joghurt von meinem Löffel, wenn ich nicht hingucke, 2) sie maunzt, dass sie auf den Balkon will, und habe ich dann endlich alle drei Schiebetüren geöffnet, schnuppert sie kurz und geht wieder rein, 3) sie kackt auf mein Bett. Sophie ist eine Blaue Britisch Kurzhaar, eine Rasse, die im 16. Jahrhundert fast ausgerottet wurde, weil die abergläubischen Leute in Europa argwöhnten, dass diese Katzen Hexen gehörten und daher möglichst vielen von ihnen den Garaus machten. Zwar glaube ich nicht an Hexen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass Sophie wirklich eine Nachfahrin von Luzifer ist – und wenn nicht vom Teufel selbst, dann zumindest von dieser bösen Katze aus Cinderella. Ich habe ihr in den letzten acht Jahren alle möglichen Katzenfuttersorten, Leckereien, Spielsachen und Fellpflegebürsten gekauft, alles nur Erdenkliche, nur damit sie mich ein bisschen mag und ab und zu schnurrt oder wenigstens aufhört, auf mein Bett zu kacken.

Ein paar Jahre zuvor versuchte ich, sie von aus Lehm hergestellter Katzenstreu auf eine aus Kieselerde umzugewöhnen, doch das schien nicht viel zu bringen. Die Kieselerdestreu stank zwar weniger, doch die steinchenartigen Körnchen verteilten sich überall auf dem Boden, und wenn ich versehentlich auf eines trat, fühlte es sich an, als würde sich ein Reißnagel in meine Fußsohle bohren – schlimmer noch: ein in wochenaltem Katzenurin eingelegter Reißnagel. Als ich dann in der Zoohandlung eine neue, aus Mais hergestellte und biologisch abbaubare Katzenstreu entdeckte, dachte ich mir, es wäre zumindest einen Versuch wert, wenn auch nur um meines grünen Projekts willen. Zudem stand »Beste Katzenstreu der Welt« darauf, sie konnte demnach so schlecht nicht sein.

Wie sich zeigte, war die Bezeichnung tatsächlich mehr als gerechtfertigt – das Zeug riecht gut, es verteilt sich nicht in der ganzen Wohnung, und vor allem: Sophie liebt es. Seit der Umstellung hat sie kein einziges Häufchen mehr auf mein Bett gemacht, und ich meine, ich hätte sie heute Nachmittag sogar schnurren hören (vielleicht war sie aber auch nur gerade dabei, einen Haarball herauszuwürgen).

24. März, 24. Tag

Anmelden beim lokalen Verschenknetzwerk Freecycle

Ich bin ein schrecklicher Einkaufsfetischist, eine Konsumentin, wie sie sich jeder Werbetexter erträumt. Artikel in kleinen, weißen Tiegeln, auf denen strahlend, leuchtend oder festigend steht, muss ich einfach kaufen. Und weil das so ist, hat sich bei mir das Ritual des Zu-Bett-Gehens im Lauf der Jahre von den elementarsten Verrichtungen – Zähne putzen, Gesicht waschen – zu einer 18 Punkte umfassenden Prozedur entwickelt, die allein im Bereich von den Schultern aufwärts in etwa so abläuft: Haare bürsten, Zähne putzen, Zunge putzen, Zahnseide benutzen, mit Mundwasser spülen, abschminken, Gesicht waschen, peelen, mit Gesichtswasser betupfen, Anti-Falten-Creme auftragen, Pigmentfleckencreme gegen Sommersprossen verstreichen, Augencreme einmassieren und schließlich bei Bedarf noch Anti-Pickel-Creme auftupfen. Erschwerend kommt hinzu, dass ich wegen meines Jobs als Zeitungsfeuilletonistin eine Menge kostenloser Proben der neuesten Salben und Wässerchen zugeschickt bekomme – und ich bei so etwas einfach nie Nein sagen kann. Aber jetzt möchte ich meinen Badezimmerschrank entrümpeln und in ein paar ausgewählte Naturprodukte investieren, die nicht potenziell krebserregend oder sonstwie toxisch sind. Das heißt, ich muss mich von all diesem Zeug in den Tiegeln und Fläschchen trennen, das ich meist nur einmal ausprobiert habe.

Eigentlich möchte ich das alles nicht einfach wegwerfen, aber von meinen Freundinnen will im Grunde keine etwas haben, in das ich schon einmal meinen Finger getunkt habe, und die noch ungeöffneten Sachen auch nicht, denn die meisten Mädchen, die ich kenne, schwören auf ihre eigenen Produktlinien. Ob ich das wohl alles einfach in den Sammelcontainer einer Wohltätigkeitsorganisation werfen kann – das meiste davon darf man ja mittlerweile nicht mal mehr in ein Flugzeug mitnehmen? Aber dann habe ich von diesem Online-Netzwerk namens Freecycle gelesen: Das ist einfach eine Gruppe von Leuten, die in derselben Stadt wohnen und zu verschenkende Sachen anbieten oder suchen. Also habe ich mich dort angemeldet.

Gleich darauf trafen die ersten E-Mails von meiner lokalen Gruppe ein. Sie hatten alle ähnliche Betreffzeilen wie »BIETE: Gartengeräte« oder »SUCHE: Kinderbücher«, und wenn ein Artikel einen neuen Besitzer gefunden hatte, hieß es beispielsweise: »ABGEHOLT: Nähmaschine«. Als ich die E-Mails öffnete, fand ich meist eine ausführlichere Erklärung vor, was jeweils verschenkt wurde und aus welchem Grund, außerdem Angaben zum Wohnort des Betreffenden. Der größte Teil davon war Müll. Etwa folgendes Angebot: »BIETE: Couch« – eine neue Couch, das klingt super. Aber wenn man dann weiterliest, erfährt man: »Braune Veloursledercouch, hatte sie 20 Jahre in Gebrauch, kaum Flecken!« Igitt! Oder es gibt Sachen wie »BIETE: Drei Boxen für Floppy Discs« – wer benutzt denn heutzutage noch Floppy Discs? Und wenn ja, hat er dann nicht auch die Boxen, die als Verpackung mit dabei waren? Besonders schätzte ich aber so supergenaue Anzeigen wie »SUCHE: Fünf alte Badewannen mit Klauenfüßen« mit dem kryptischen Zusatz: »Es geht um einen Wettkampf, ich brauche sie schnell!«

Ich stellte mein eigenes Angebot ein, das lautete: »BIETE: Luxus-Kosmetikartikel« samt der Anmerkung, dass ich etliche Anti-Falten-Cremes und Körperlotions über die Arbeit bekommen hätte, aber nicht mehr bräuchte und gerne fortgäbe; dazu nannte ich die meiner Wohnung am nächsten gelegene größere Straßenkreuzung und schrieb, dass die Sachen selbst abgeholt werden müssten. Binnen dreißig Sekunden meldete sich jemand mit dem Namen Buddy. Er wohnte zufälligerweise nur eine Straße weiter und suchte ein Last-Minute-Geburtstagsgeschenk für seine Frau. Weshalb sich seine Frau über einen Haufen angebrochener Anti-Falten-Cremes zum Geburtstag freuen sollte, war mir ein Rätsel, aber ich verkniff mir Fragen – schließlich wollte ich das Zeug loswerden. Also telefonierten Buddy und ich und vereinbarten, dass er am nächsten Morgen vorbeikommen solle.

Zur verabredeten Zeit klingelte er an meiner Tür. Ich schlief natürlich noch, es war ja Wochenende und so, aber dann schwang ich mich schnell aus dem Bett und packte das ganze Zeug in eine Geschenktüte, die ich unter dem Küchenschrank hervorzog (so edle Sachen konnte ich ihm ja schlecht in einer ordinären Plastiktüte geben). Dann schleppte ich mich in Jogginghose und Schlafanzugoberteil hinunter und vor zur Haustür. Schon vom Gang aus konnte ich Buddy draußen stehen sehen. Er war mindestens fünfzig, hatte einen struppigen Bart, trug eine Outdoor-Weste und einen Tilley-Allwetterhut. Es nieselte, aber das schien ihn nicht zu stören. Ein bisschen argwöhnisch öffnete ich die Tür.

»Äh, Buddy?«, sagte ich.

»Das bin ich, hallo!«, erwiderte er und streckte mir seine Hand entgegen. Ich konnte es nicht glauben, dass ich hier im Schlafanzug vor meiner Tür stand und einem Mann, der so alt war wie mein Vater und einen Tilley-Hut trug, eine Tasche mit einem Sortiment von Anti-Falten-Cremes übergab. Außerdem war ich unsicher hinsichtlich der Freecycle-Etikette. Sollte ich ihn zu einem Kaffee einladen? Ihn fragen, ob ich sonst noch etwas für ihn tun könne? Ihm meine Visitenkarte geben?

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