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Nachtschwimmer

Inhaltsübersicht

DAS ZIMMER

4. Januar

DIE REISE

29. Dezember bis 3. Januar

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

18.

19.

DER WALD

4. Januar

 

Der Raum ist klein und quadratisch. Sein Fenster geht auf eine Wiese hinaus, das Winterlicht ist viel zu grell. Zum Glück bin ich der Einzige, der wartet. Ich würde jetzt niemanden in meiner Nähe ertragen. Die Wände haben die Farbe von Eierschalen, der Teppich ist braun. Ich hasse Braun. Die Aquarelle, die über dem Sofa, der Kommode und zwischen den drei Türen hängen, sollte man verbrennen. Landschaften in fröhlichen Farben. Sensibel, warm, einfühlsam. Die Aquarelle würden mir auch in einer anderen Situation nicht gefallen. Wenn es mir besser ginge. Wenn ich nicht so schreckliche Angst hätte. Wenn ich wüsste, wie es Fiona geht.

Die Zeitschriften, die auf dem Tischchen ausgebreitet sind, habe ich alle durchgesehen. Aber ich kann mich nicht konzentrieren. Die Buchstaben verschwimmen vor meinen Augen, die Fotos gehen mir auf die Nerven. Sie lügen. Sie zeigen glückliche Menschen, die keine Probleme zu haben scheinen. Wie lange warte ich schon? Die Gardine ist gelb verfärbt, offenbar durfte man hier drin rauchen. Es riecht nach Medikamenten. Die Topfpflanze in der Ecke sieht aus wie die Topfpflanze in der Ecke im Wohnzimmer meiner Eltern: kümmerlich. Im Nebenzimmer klappert eine Schreibmaschine. Bis auf einen ungespitzten Bleistift, eine Kerze sowie ein Telefonbuch sind die zwei Schubladen der Kommode leer. Wer schreibt heute noch auf einer Schreibmaschine? Die Sekretärin des Arztes sieht aus wie meine Deutschlehrerin. Wenn sie den Kopf bewegt, blitzen ihre Brillengläser. Bevor sie etwas sagt, hüstelt sie. Ihr Blick ist vorwurfsvoll. Auf ihrem Schreibtisch liegt eine Banane. Sie trägt eine Bluse, die nicht einmal meine Mutter anziehen würde. Ich möchte sie gern beleidigen. Aber sie hilft uns. Mit Fiona ist sie freundlich gewesen, mich hat sie kaum beachtet. Bestimmt denkt sie, dass ich an der ganzen Sache schuld bin. Fiona ließ es sich gefallen, dass ihr die Sekretärin über die Haare strich.

Als Fiona und ich gestern Nacht in England in den Zug gestiegen sind, regnete es in Strömen. Um nicht aufzufallen, reisten wir getrennt über die Grenze. Danach suchten wir ein leeres Abteil. Die Stichwunde an meinem rechten Oberarm hatte wieder angefangen zu bluten. Der Arm war heiß, ich spürte den Herzschlag bis in die Fingerspitzen. Damit Fiona meinen Verband wechseln konnte, machten wir die Vorhänge zum Gang zu und löschten das Licht. Ich setzte mich unter eines der Leselämpchen. Später zogen wir die Sitze aus und legten uns hin. Ich hielt Fiona die ganze Nacht im Arm. Da wir nicht einschlafen konnten, starrten wir aus dem Fenster. Wir waren zu erschöpft, um zu reden. Außerdem hatten wir schon alles besprochen. Irgendwann ging der Regen in Schnee über. Im Gestöber sahen die vorbeifliegenden französischen Dörfer und Bahnhöfe aus wie in einem Fernsehprogramm mit schlechtem Empfang. Kurz vor der Schweizer Grenze setzte ich mich in einen anderen Wagen; vielleicht suchte man uns ja tatsächlich.

Hier hat es die ganze Nacht geschneit. Die Wiese vor dem Fenster ist unberührt, nicht eine Fußspur stört die dicke weiße Decke. Der Schnee glitzert in der Sonne, die flach über die Landschaft fällt. Ich könnte den Blick aus dem Zimmer auswendig zeichnen, so lange habe ich aus dem Fenster gestarrt. Im einzigen Baum, der auf der Wiese steht, hocken siebzehn Krähen. Es ist nicht einfach gewesen, sie zu zählen. Der Wald auf dem fernen Hügel ist ein schwarzer Fleck. Auf dem Parkplatz neben der Wiese stehen vier Autos. Nur das Dach von Kathleens rotem Toyota ist nicht mit Schnee bedeckt. Kathleen hat uns am Hauptbahnhof in Zürich abgeholt und gleich hierher gefahren. Fiona hat sich vom ersten Moment an mit meiner Patentante verstanden. Die beiden haben mich ausgeschlossen. Zuerst hat mich das beleidigt, aber dann habe ich begriffen, dass es mich entlastet.

Ich zähle bis hundert. Und beginne sofort wieder von vorn, weil es auch nichts hilft. Ich versuche mir vorzustellen, was Fiona durchmacht, sehe ihr blasses Gesicht vor mir, ihre lange Nase, die roten Haare. Sie ist zum ersten Mal in der Schweiz. Später werde ich ihr meine Lieblingsplätze zeigen und meinen besten Freund Jan vorstellen. Auch meine Eltern hat sie noch nicht kennengelernt. Meine Eltern haben keine Ahnung, dass wir in der Schweiz sind. Sie gehen davon aus, dass ihr Sohn immer noch in Irland vermisst wird, weil er zusammen mit seiner Freundin abgehauen ist.

Man sollte nur Dinge tun, die Eltern nicht verstehen.

Ich zähle erneut bis hundert. In meiner Vorstellung werden die Zahlen zu Monstern, die schweigend an mir vorbeiziehen. Ich bin müde. Wir haben seit zwei Tagen nichts Vernünftiges mehr gegessen, trotzdem hab ich keinen Hunger. Im Gegenteil: Sobald ich an Essen denke, wird mir schlecht. Der Arzt weiß nichts von der Stichwunde. Ich werde sie ihm später zeigen. Jetzt hat er Wichtigeres zu erledigen. Er hat winzige Hände, die aussehen, als würde er sie ununterbrochen waschen. Er ist mit Kathleen befreundet. Ich vertraue ihm. Wenn er nachdenkt, zuckt sein linkes Augenlid.

Ich habe Fiona bis vor das Zimmer am Ende des Flurs begleitet. Damit wir uns in Ruhe verabschieden konnten, haben sie uns einen Moment allein gelassen. Fiona hat nicht geweint. Sie wollte nicht, dass ich sie auf den Mund küsse. Sie hat meine Hand erst losgelassen, als die Tür des Behandlungszimmers von innen geöffnet wurde. Die Wände des Zimmers sind blau. Kathleen hat Fiona in den Arm genommen und begleitet. Ich musste draußen bleiben. Fiona hat sich noch einmal umgedreht und mir zugelächelt. Dann ist die Tür ins Schloss gefallen, und ich habe mich in den Warteraum gesetzt.

Die Zeit ist stehen geblieben, schon vor Stunden.

Ich sehe genau vor mir, wie das Behandlungszimmer ausgestattet ist: Jeden Gegenstand sehe ich vor mir, alle medizinischen Geräte, jede Maschine, jedes Möbel, alles. Nein, ich sitze nicht allein im Warteraum, ich knie neben Fiona, halte ihre Hand und wische ihr den Schweiß von der Stirn. Auch wenn ich unsichtbar bin und mich niemand sehen kann, nur Fiona. Sie kann mich sehen.

Sie weiß, dass ich in Gedanken bei ihr bin, denn das ist meine einzige Chance, mich daran zu erinnern, wie es so weit gekommen ist, dass Fiona jetzt in diesem Zimmer liegt.

DIE REISE

29. Dezember bis 3. Januar

1.

Die Propellermaschine rollte direkt auf das Gebäude zu und drehte erst im letzten Augenblick ab. Der linke Flügel berührte beinahe die Scheibe der Flughafenbar; es sah aus, als schramme er am Glas entlang und schneide das Gebäude auf wie eine Konservendose.

»Da staunen die Scheißer«, sagte der Pfarrer, der neben mir saß.

Er deutete grinsend aus dem Fensterchen: Die Leute, die in der Bar auf die Maschine aus Dublin gewartet hatten, wichen tatsächlich erschrocken zurück.

»Angsthasen«, sagte er, »hattest du schöne Weihnachten?«

»Geht so«, sagte ich.

»Ja oder nein?«

»Ja«, log ich, »toll.«

Sollte ich ihm etwa erzählen, dass sich mein Vater und sein Schwiegervater schon während dem Weihnachtsessen in die Haare geraten waren? Dass mein Vater wutentbrannt die Balkontüre aufgerissen hatte, weil er den Weihnachtsbaum mit den brennenden Kerzen aus dem dritten Stock werfen wollte?

»Schweizer?«, fragte er.

Ich nickte und starrte knapp an ihm vorbei aus dem Fenster.

»Und woher hast du dein gutes Englisch?«

»Meine Patentante heißt Kathleen. Sie ist Irin.«

»Feierst du Neujahr in Irland?«

»Ja.«

»Wirst du abgeholt?«

Ich nickte.

»Gut. Ich auch. Und wie heißt sie?«

»Woher wissen Sie, dass es ein Mädchen ist?«, fragte ich.

»Ist der Papst katholisch? Warum schmeckt Whiskey besser als Cola? Ich werd auch von einer Dame abgeholt«, sagte er und stieß mich mit dem Ellbogen an.

»Aber Sie sind doch Pfarrer«, sagte ich vorsichtig.

»Allerdings. Und wie heißt sie, deine Freundin?«

»Fiona. Fiona McMullen.«

»Das ist gut.«

Ich fragte ihn nicht, was daran gut war. Jetzt wusste ich, dass die Kosmetika in seiner Ledertasche nicht für ihn bestimmt waren. Ich hatte ihm die Tasche, die so voll war, dass sich ihr Reißverschluss nicht mehr schließen ließ, in Dublin über das Rollfeld zu unserer Propellermaschine getragen und im Fach für das Handgepäck verstaut.

»Dann ist die Kosmetik also für Ihre Freundin?«, fragte ich und zeigte auf die Gepäckablage über unseren Köpfen.

»Hab ich etwas von einer Freundin gesagt? Meine Schwester Marie holt mich ab.«

»Das ganze Zeugs ist für Ihre Schwester?«

»Allerdings. Ich brauch ja schließlich keinen Lippenstift. Und was bringst du deiner Fiona mit?«

»Ein Tank Top.«

Er nickte verschwörerisch und fuhr sich mit der Hand über die Nase.

»Das ist etwas zum Anziehen«, erklärte ich.

»Ich weiß, was ein Tank Top ist.«

»Gehen wir.«

»Allerdings«, erwiderte er und stand schwerfällig auf.

Ich öffnete das Gepäckfach und nahm seine Tasche und die Plastiktüte mit dem Geschenk für Fiona heraus. Er blieb am Ausgang des Flugzeuges stehen, um sich mit der Stewardess zu unterhalten. Die junge Frau lachte und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. Der Pfarrer war mir in der Abflughalle von Dublin sofort aufgefallen: Er ging am Stock, trug Sneakers, einen schwarzen Anzug und einen schwarzen Hut mit breiter Krempe. Seine Ledertasche hatte er nicht getragen, sondern mit dem rechten Fuß vor sich hergeschoben. Er brauchte ewig, bis er die Halle durchquert hatte und vor dem Abflugschalter nach Sligo stand. Dann ließ er sich seufzend in den Sessel neben mir fallen, klaubte eine halb gerauchte Kippe aus der Tasche seines Jacketts, zündete sie an und nahm einen tiefen Zug.

»Rauchen verboten«, hatte eine Frau mit Stützstrümpfen gezischt.

»Ich muss rauchen«, hatte er freundlich geantwortet, »die Lunge, wenn Sie verstehen, was ich meine.«

»Aber nicht hier. Hier ist Rauchverbot. Das gilt auch für Geistliche.«

Der Alte hatte die Frau angelächelt. Dann hatte er den brennenden Zigarettenstummel mit einer raschen Bewegung der Zunge in seinem Mund verschwinden lassen. Die Frau hatte ihn fassungslos angestarrt, war aufgestanden und hatte sich einen anderen Sessel gesucht. Und er hatte den Mund aufgemacht und die Zigarette, die an seiner Zunge klebte, zum Vorschein gebracht und in aller Ruhe fertig gepafft.

Die Stewardess nickte mir freundlich zu, dann stieg ich hinter dem Pfarrer aus der Propellermaschine. Es war kalt. Die Wolken hingen so tief, dass nicht einmal die Berge hinter dem Flughafen zu erkennen waren. Auch das Meer war nicht zu sehen. Dafür konnte ich es riechen: Windböen trugen den Geruch nach Salz und Fisch über die Rollbahn. Wenn ich mich anstrengte, konnte ich die Brandung hören. Es war zwar erst 15 Uhr 30, aber es wurde bereits dunkel. Der Pfarrer erwartete mich am Ende der Gangway.

»Wie lange bleibst du in Irland?«

»Zwei Wochen.«

»Und dann geht’s wieder in die Schule?«

»Leider«, log ich.

Es gab keinen Grund, ihm zu erzählen, dass ich vor den Weihnachtsferien aus dem Gymnasium geflogen war. Anfang Februar fing ich im Architekturbüro meines Vater ein Praktikum an.

»Ich wünsche dir und deiner Fiona ein gutes neues Jahr«, sagte er und legte mir die Hand auf die Schulter, »lass es krachen, Junge!«

»Ebenfalls«, sagte ich.

»Trägst du mir den Kram für meine Schwester noch bis rein?«

Wir waren als Letzte ausgestiegen. Hinter der Scheibe der Flughafenbar stand jetzt nur noch eine ältere Frau, die ihm zuwinkte. Von Fiona war nichts zu sehen, sie saß auch nicht an der Theke. Bestimmt erwartete sie mich in der Halle, genauso aufgeregt wie ich. Ich versuchte mich an den Geruch ihrer Haare und den Klang ihrer Stimme zu erinnern. Komisch. Zwei Monate lang hatte ich Fiona nicht gesehen, hatte nur ihre Mails und SMS gelesen und ihre Stimme am Telefon gehört, und trotzdem versuchte ich mich jetzt, da ich endlich ganz in ihrer Nähe war, an ihre Stimme zu erinnern. Reichte sie mir wirklich bloß bis zur Schulter? Das Wiedersehen machte mir Angst.

»Komm schon«, sagte der Pfarrer, »deine Freundin wartet nicht ewig auf dich.«

2.

Der Regen trieb in Schleiern über den Parkplatz und hüllte die aufgereihten Mietwagen in dichtes Grau. Drehte der Wind, prasselten die Tropfen über die großflächigen Scheiben des Flughafengebäudes. Dann klang es, als werfe jemand Kieselsteine auf das Flachdach, unter dem ich stand. Es war dunkel. Ich wartete seit zweiundvierzig Minuten auf Fiona. Mittlerweile hatte ich sie sieben Mal auf ihrem Handy angerufen, aber immer nur ihre Mailbox erreicht. Es war eindeutig nicht mein Tag. Mein Seesack war nämlich als einziges Gepäckstück nicht in Sligo angekommen. Er lag entweder in Dublin oder war in eine falsche Maschine verladen worden. Ein Angestellter des Flughafens Sligo hatte meine Handynummer sowie Fionas Adresse aufgeschrieben. Er hatte mir versprochen, dass mein Seesack am nächsten Tag zu ihr geliefert werden würde.

Der Pfarrer und seine Schwester hatten mir angeboten, mich zu Fiona zu fahren, obwohl sie in die andere Richtung mussten. Natürlich hatte ich abgelehnt. Fiona kam ganz bestimmt. Ich hatte sie seit acht Wochen nicht gesehen, da kam es auf ein paar Minuten nicht an. Als wir uns voneinander verabschiedeten, hatte mir der Pfarrer seine Visitenkarte in die Hand gedrückt.

Ich wartete im Freien auf Fiona, damit sie mich schon von Weitem im Regen und in der Kälte stehen sah. Gibt es etwas Trostloseres als einen leeren Flughafen?

Wenn ich in der Schweiz allein sein will, gehe ich zu einem ganz bestimmten Haus am Stadtrand. Das Haus ist klein und schief, sein Garten zugewachsen, seit sich mein Großvater nicht mehr um ihn kümmern kann. Der Vater meines Vaters ist vor ein paar Monaten an Krebs gestorben. Seither steht das Haus leer. Ich weiß, wo der Schlüssel liegt. Wenn ich alleine sein will, setze ich mich in Großvaters Wohnzimmer, in dem immer noch sein Radio und seine vielen Bücher stehen, auf den Boden. Anfangs hat mich das traurig gemacht. Heute beruhigt es mich. Manchmal mache ich sein Radio an, einen Röhrenempfänger, der lange braucht, bis er warm wird. Wenn der Lautsprecher hinter der Stoffabdeckung endlich zu knistern beginnt, suche ich einen Sender, der Musik spielt, die auch meinem Großvater gefallen hätte. Jazz. Count Basie. Louis Armstrong. Josephine Baker. Fats Waller. Billie Holiday. Duke Ellington. »Das Herz einer Frau eroberst du am leichtesten mit Jazz«, hat mein Großvater mir beigebracht. »Jazz bringt die Frauen zum Schmelzen, macht sie flüssig wie Wachs, haucht ihnen das Feuer der Leidenschaft ein. »Nachmittage lang hat er mir seine Lieblingsplatten vorgespielt und die Stücke und Instrumente erklärt oder Geschichten aus dem Leben der Musiker erzählt. Bis heute bringe ich es nicht fertig, die Schallplatten aus den Hüllen zu nehmen und abzuspielen. Jazz aus dem Radio ist in Ordnung, aber Großvaters alte Platten sind tabu. Ich kann sie einfach nicht anfassen.

Die Regenschleier tanzten im Wind. Ich fror. Dann gingen im Flughafen die Lichter aus, und drei Angestellte verließen das Gebäude durch eine Nebentür. Die beiden Männer und die Frau gingen zielstrebig auf das letzte Auto zu, das abgesehen von den Mietwagen noch auf dem Parkfeld stand. Die Männer stiegen ein, doch die Frau drehte sich um und bemerkte mich unter dem Vordach des Einganges.

»Willst du mitfahren?«, rief sie mir zu.

»Danke. Ich werde abgeholt.«

Als sie langsam an mir vorbeifuhren, hupten sie. Die roten Rücklichter des Autos schwebten zitternd durch den Niesel, dann waren auch sie verschwunden.

Wenn es mir besonders beschissen geht, denke ich an meinen kleinen Bruder Alex. Dann geht es mir zwar nicht unbedingt besser, aber mir wird bewusst, dass ich immerhin noch lebe. Und dass es an mir liegt, etwas aus diesem Leben zu machen. Fiona kam todsicher. Vielleicht hatten sie eine Panne gehabt, einen Unfall. Ich hatte es satt, mir in der Kälte die Beine in den Bauch zu stehen. Also ging ich auf und ab und betrachtete die Plastiktüte mit Fionas Geschenk, die unter dem Vordach stand.

Nach sechsundfünfzig Minuten tauchten Scheinwerfer auf. Das Auto, das auf mich zu kam, fuhr schnell. Der Motor röhrte, wahrscheinlich hatte der Auspuff ein Loch. Der weiße Ford hielt etwa zehn Meter von mir entfernt an. Kaum stand er still, schwang die Beifahrertür auf, und die Scheinwerfer gingen aus. Fiona sprang auf die Straße und kam ein Stück auf mich zugelaufen, blieb dann aber plötzlich stehen und sah mich an.

»Hi«, sagte sie und streifte sich die Kapuze ihres Sweatshirts aus dem Gesicht.

»Hi«, sagte ich.

Wir blieben reglos stehen.

»Es tut mir leid«, sagte sie.

Sie trug schwarze Cargohosen und rote Puma-Turnschuhe mit hellen Schnürsenkeln.

»Was tut dir leid?«

»Dass ich zu spät bin.«

»Bist du zu spät? Ist mir gar nicht aufgefallen.«

»Bist du mir böse?«

»Sehe ich so aus?«

»Weiß ich nicht«, sagte sie leise.

Wir rührten uns ziemlich lange nicht von der Stelle und sahen uns einfach nur an. Sie hatte sich die Augen geschminkt. Der Silberring in ihrem rechten Nasenflügel funkelte im Licht der Straßenlampe, die ein paar Meter hinter mir stand.

»Mein Gepäck ist nicht angekommen.«

»Und was ist das?«, fragte sie und deutete mit dem Kinn auf die Plastiktüte.

»Geschenke.«

»Für mich?«

»Für den Weihnachtsmann.«

Wir hatten uns noch immer nicht von der Stelle gerührt. Ich sah, dass eine Frau am Steuer saß. Es musste Fionas Mutter sein. Sie hob die Hand und winkte mir zu. Sie hatte eine Zigarette im Mund und blies den Rauch aus dem offenen Fenster. Der Wind wehte Fiona die Haare ins Gesicht. Sie nestelte mit der einen Hand am Saum ihres Sweaters herum, mit der anderen zerrte sie den Kragen nach unten. Sie hatte rote Flecken am Hals und schlug die Augen nieder, allerdings bloß für den Bruchteil einer Sekunde. Dann sah sie mich an und kam schnell auf mich zu. Sie legte mir die Hand in den Nacken, zog mich an sich und küsste mich. Sie riecht noch immer nach Zimt, stellte ich fest, Gott sei Dank. Ich nahm ihr Gesicht in beide Hände und küsste sie zuerst auf die Augenbrauen, dann auf die Stirn und auf ihre lange Nase und schließlich aufs Kinn. Sie hatte einen kleinen Schnitt auf der Wange, den sie mit Make-up überpudert hatte.

»Das kitzelt«, flüsterte sie, hob die Hände und ließ ihre geballten Fäuste in der Luft stehen.

»Versprich mir, dass wir zusammenbleiben«, sagte ich leise.

»Versprich mir, dass du nicht gleich abhaust, wenn irgendetwas schiefgeht«, entgegnete sie mit geschlossenen Augen.

»Es wird nichts schiefgehen.«

»Versprich es.«

»Versprochen«, sagte ich.

3.

Unser Tisch stand in einer Fensternische im oberen Stock der »Old Bridge Bar«. Das Meer lag gleich hinter der Straße, aber da es dunkel war, sah ich die Wellen erst, wenn sie in der Bucht ausliefen. Die Straßenlampen am Pier schaukelten im Wind und warfen Flecken auf den Asphalt des Strandweges und das finstere Wasser.

Ich saß neben Fiona. Wir hielten uns unter dem Tisch an der Hand, ihre Finger waren genauso feucht wie meine. Ihre Mutter Moira war zwar noch jung, sah aber trotzdem erledigt aus. Ihre Haut war grau, sie hatte Ringe unter den Augen und strich sich immer wieder die strähnigen Haare aus dem Gesicht, wobei sie kurz die Augen zudrückte, als kämpfte sie gegen den Schlaf an. Zuerst saß sie Fiona gegenüber, als wollte sie nicht in meiner Nähe sein, aber sie rutschte bald in die Mitte des Tisches und sah mich immer wieder verstohlen an. Fiona und ich bestellten Burger, Fritten und Cola, ihre Mutter nur ein großes Glas Bier.

»Du musst etwas essen, Mom«, sagte Fiona.

»Ich hab aber keinen Hunger.«

Ihre Mutter steckte sich eine Zigarette zwischen die Lippen, ohne sie anzuzünden. Dann trank sie einen Schluck Bier und hatte einen Schnurrbart aus Schaum, den sie sich müde lächelnd von der Oberlippe leckte. Die Wellen vor dem Fenster sahen aus wie Mauern, die immer wieder plötzlich in sich zusammenfielen.

»Fiona kann nichts für die Verspätung«, sagte Fionas Mutter, »mein Bruder hat versprochen, sie zum Flughafen zu fahren.«

»Mom!«

Fiona ließ meine Hand los und drehte den Kopf zur Seite. Ihre Mutter schnaubte und nahm die Zigarette aus dem Mund.

»Aber die beiden konnten es ja nicht lassen, sich wieder einmal zu streiten. Nicht, Fiona?«

»Mom, bitte!«

Fiona legte beide Hände auf den Tisch. Ich spürte, wie sie ihre Beinmuskeln anspannte; sie wäre am liebsten aufgestanden und abgehauen. Ihre Mutter schüttelte den Kopf. Sie wirkte nicht wütend, sondern nur erschöpft. Ich kann Streitereien nicht ausstehen. Wenn sich meine Eltern in die Haare geraten, mache ich, dass ich wegkomme. Alex und ich hatten uns beim ersten lauten Wort unserer Eltern jeweils sofort in unserem Zimmer verbarrikadiert. Wir hatten die Tür abgeschlossen, die Musik aufgedreht und so getan, als seien unsere Eltern gar nicht da. Als seien wir Waisen.

»Die beiden streiten nämlich immer«, sagte Fionas Mutter.

»Und du streitest dich nie mit ihm oder was?«

»Das ist etwas anderes.«

Brauchen eigentlich alle Eltern überall auf der Welt dieselben verlogenen Ausreden? Erwartete Fiona, dass ich mich einmischte und für sie Partei ergriff? Bestimmt war es besser, wenn ich den Mund hielt. Inzwischen umklammerte Fiona mit der rechten Hand ihren linken Arm. Sie starrte ihre Mutter zornig an und stand auf. Ich habe keine Ahnung, was sie getan hätte, wenn nicht in diesem Augenblick unser Essen gekommen wäre. Fiona entspannte sich und ließ sich auf die Bank fallen

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