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Nachtschwärmer

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Zitat
  7. 1
  8. 2
  9. 3
  10. 4
  11. 5
  12. 6
  13. 7
  14. 8
  15. 9
  16. 10
  17. Neujahr
  18. Leseprobe »Dein finsteres Herz«

Über dieses Buch

London, ein Uhr nachts am 2. Weihnachtsfeiertag. Schnee fällt, die Stadt schläft. Aber nicht Detective Max Wolfe. Durch die großen Fenster seines Lofts beobachtet er die dunkle Straße ein paar Stockwerke unter ihm. Ein Kastenwagen hat dort gerade angehalten. Zwei Männer springen heraus, vermummt und schwarz gekleidet. Sie zerren etwas aus dem Wagen. Es ist ein Mann – halb nackt, halb tot, am Leben. Doch nicht mehr lange …

Bald schon jagt Max Wolfe eine Bande von Mördern, die ihre Opfer buchstäblich einen Kopf kürzer macht.

Über den Autor

Tony Parsons begann seine Karriere als Musikkritiker und ist einer der erfolgreichsten Kolumnisten und Fernsehjournalisten Großbritanniens. Zudem gehört er zu den ganz großen Stars der englischen Literaturszene, denn alle seine Romane schafften es bis an die Spitze der internationalen Bestsellerlisten. Er lebt mit seiner Frau, ihrer gemeinsamen Tochter und ihrem Hund in London. Dein finsteres Herz ist Tony Parsons erster Kriminalroman und wird von der Presse frenetisch gefeiert.

Tony Parsons

Nachtschwärmer

Eine DC-Max-Wolfe-Kurzgeschichte

Aus dem Englischen von Dietmar Schmidt

BASTEI ENTERTAINMAENT-Logo

Babe of the Blessed Trinity,
Shall smile their steeds to see:
Herod and Pilate riding by.
And Judas, one of three.
 

Walter de la Mare, A Ballad of Christmas

1

Etwas stimmte nicht mit der Nacht.

Plötzlich hellwach, schob ich mich aus dem Bett, stand zitternd in der Dunkelheit und versuchte zu begreifen, was anders war. Es herrschte vollkommene Stille. Ich ging zum Zimmer meiner Tochter.

Scout, meine Fünfjährige, hatte ihre Bettdecke auf den Boden gestrampelt, und Stan, unser roter Cockerspaniel, lag zusammengerollt an ihre Waden geschmiegt. Ich hob die Bettdecke auf und breitete sie über beide. Stan öffnete seine riesigen runden Augen und beobachtete mich. Scout rührte sich nicht. Leise schloss ich hinter mir die Tür. Ich ging zum Fenster und sah, was anders war in dieser Nacht: Es hatte zu schneien begonnen.

Die schlafende Stadt lag bereits unter einer dicken weißen Decke. Vor mir, hoch über unserem Loft, wirbelten eine Milliarde Schneeflocken um die große weiße Kuppel der St. Paul’s Cathedral und funkelten im Mondlicht. Ein wunderschönes Schauspiel.

Ich blickte auf die Uhr und lächelte. Ein Uhr morgens am 26. Dezember. London hatte komplett weiße Weihnachten um etwa sechzig Minuten verpasst.

Ich wandte mich von dem Fenster ab, blieb wie angewurzelt stehen und drehte den Kopf erneut in Richtung Fenster. Es war nicht der Schneefall gewesen, der mich aus dem Schlaf gerissen hatte.

Direkt unter mir lag der große Londoner Fleischmarkt von Smithfield. Er hätte verwaist sein sollen, aber unmittelbar vor dem Haupteingang stand ein schwarzer Ford Transit. Wolken aus Dieselabgasen dampften hinter ihm hoch – der Motor lief.

Ich beobachtete den Kastenwagen und hoffte, er würde weiterfahren. Aber das tat er nicht. Die Hecktüren wurden von innen geöffnet, und ein Mann sprang heraus.

Er war dick eingepackt wegen der Kälte, und eine Skimaske verdeckte sein Gesicht. Ein zweiter Mann stieg aus, dessen Gesicht ebenfalls hinter einer Skimaske verborgen war, und ich konnte nicht sagen, ob sie ihn vor der Kälte oder vor der Identifizierung schützen sollte.

Die dunklen Gestalten zerrten etwas aus dem Laderaum. Sie mussten beide anpacken, um das Frachtstück zu bewegen. Langsam wuchteten sie es aus dem Kastenwagen.

Weißes Fleisch, von roten Streifen überzogen, die Rippen klar zu erkennen. Eine Rinderhälfte.

Sie legten sie vor dem Fleischmarkt auf den verschneiten Gehweg.

Nein, das war keine Rindhälfte.

Das war ein Mann. Nackt. Halb tot. Aber er lebte noch.

Ich sah, wie er den Mund öffnete und schloss, während sie ihn aufhoben und in die Poultry Avenue trugen, eine der drei schmalen Straßen, die den Fleischmarkt durchschneiden.

In Windeseile zog ich mir Jeans, Schuhe und Lederjacke an und war schon halb die Treppe hinunter, als ich stehen blieb. Ich rannte die Stufen wieder hoch und schloss die Wohnungstür dreimal ab.

Dann hetzte ich zur Straße hinab.

Der Schnee fiel dichter.

Ich nahm mein Handy heraus und rief CCC an – Central Communications Command, auch Metcall genannt, die größte Einsatzleitstelle des Metropolitan Police Service, der Londoner Polizei. Den Blick nahm ich dabei nicht von dem schwarzen Transit auf der anderen Seite der Charterhouse Street. Der Motor lief noch, aber niemand saß am Steuer.

»Hier DC Max Wolfe, West End Central«, sagte ich zu der Beamtin von CCC. »Sofort Einsatzkommando benötigt. Mutmaßlicher Mord in Gang. Mehrere Täter. Smithfield Market, Charterhouse Street, EC1. Ende.«

Ein Herzschlag.

Dann die Stimme der CCC-Beamtin, ruhig und deutlich: »Grad eins.« Damit meinte sie die oberste Notfallstufe. »Einsatzkommando unterwegs. Einsatzleitung nennt mir eine voraussichtliche Ankunftszeit von sechs Minuten.«

Das war schnell. Die Standardreaktionszeit bei Grad-I-Notfällen liegt bei fünfzehn Minuten.

»Danke«, sagte ich. »Frohe Weihnachten.«

Ich zog den Reißverschluss meiner Lederjacke zu, während ich die Straße überquerte. Der frische Schnee knirschte unter meinen Schuhen, und jetzt erst wurde mir richtig bewusst, dass der erste Weihnachtstag schon vorüber war.

Ich hielt das Handy noch in der Hand und machte ein Foto vom vorderen Nummernschild, blickte in die Fahrerkabine – leer –, fotografierte das hintere Nummernschild und sah in den Laderaum – auch leer, allerdings war auf dem Boden eine breite blutige Schmierspur, die im Halbdunkel schwarz glänzte.

Ich schaute zu unserem Loft hoch und dachte, wenn ich Scout jetzt sähe, würde ich wieder hineingehen und drinnen abwarten, bis die Verstärkung kam. Aber meine Tochter tauchte nicht am Fenster auf. Daher wartete ich, während mir die Schneeflocken ins Gesicht fielen, und sagte mir, wenn ich jetzt gleich die Sirenen hörte, würde ich warten, bis die Kollegen eintrafen. Doch ich hörte nur Stille.

Also fuhr ich mir mit der Hand übers Gesicht und trat auf den Fleischmarkt zu. Die großen Türen zur Halle schienen abgesperrt zu sein, aber von irgendwoher dahinter drangen gedämpfte Stimmen zu mir – nüchtern überlegten sie, wie sie es am besten hinbekämen. Und dann hörte ich den Mann – er wimmerte flehentlich, er stöhnte, er bettelte um sein Leben.

Plötzlich vernahm ich Schritte hinter mir.

Als ich herumfuhr, sah ich einen Streifenpolizisten, der auf mich zustapfte, die flache Mütze tief ins Gesicht gezogen, den Wintermantel mit Schnee bestäubt. Ich hob die Hand, und er blieb stehen. Ich zeigte nach drinnen. Wir hörten jetzt beide die Stimmen, sehr deutlich und aufgeregter als zuvor. Sie redeten in einer Sprache, die ich nicht erkannte, während der Mann auf Englisch um sein Leben flehte.

Ich bedeutete dem jungen Cop, mir zu folgen. Er nickte, und ich sah, wie er den Schlagstock vom Gürtel nahm. Zumindest rechnete ich mit einem Schlagstock – starr, mit Seitengriff, ausziehbar. Ich rechnete mit was immer für ein Modell sie dieses Jahr mitführten.

Stattdessen zückte er einen altmodischen Knüppel aus Holz. Merkwürdig, dachte ich noch und wandte mich ab, um herauszufinden, wie die Männer die Markthalle betreten hatten.

In diesem Moment schlug er zu.

Eine Stelle am Hinterkopf explodierte, irgendwo in der Nähe meines linken Ohres, und ich sank auf alle viere. Ich bekam keine Luft mehr, die Welt drehte sich, und ein stechender Schmerz durchzuckte mich.

»Nicht ich, Sie Vollidiot«, stieß ich benommen hervor. »Die da.«

Er hämmerte gegen die Türen des Fleischmarkts, und sie ließen ihn hinein. Ich hörte wieder die unbekannte Sprache, hörte, wie Stimmen lauter wurden, und dann einen Schrei.

Hilfe musste her, und zwar schnell. Ich war auf Händen und Knien nur wenige Meter vorwärtsgekrochen, als die drei wieder herauskamen. Sie umstellten mich, dann gingen zwei von ihnen weg, und vor mir sah ich nur noch die Beine des jungen Streifenpolizisten. Oder was auch immer er war.

Autotüren wurden geöffnet und geschlossen. Der Motor röhrte auf. Aber die Beine waren noch vor mir. Er fragte sich wohl, was er mit mir anstellen sollte. Während er noch darüber nachdachte, entdeckte ich die zerbrochene, schneebedeckte Bierflasche neben mir im Rinnstein.

Am Hals gepackt, rammte ich sie dem Kerl ins Bein. Ich hielt ihn nicht mehr für einen Kollegen.

Er schrie auf.

»Bah kwai!«, brüllte er und schlug mit dem Knüppel auf mich ein. Ich glaube, er wollte mich umbringen, aber seine Freunde riefen ihm in ihrer Sprache etwas zu, und er ließ mich dort auf dem Bürgersteig kniend zurück.

Als der Ford Transit losfuhr, hörte ich die Sirenen.

Ich stand vorsichtig auf. Der Schwindel hatte sich gelegt. Mein Kopf tat weh, aber ich blutete nicht. Niemand hatte dem Kerl je beigebracht, wie man richtig mit einem Knüppel umgeht.

Stolpernd betrat ich den Fleischmarkt und benutzte das Handy als Taschenlampe. Dutzende Stände waren dort, alle an Kühlhäuser oder Verarbeitungsräume angeschlossen und verschlossen. Bis auf einen. Ich ging hinein, vorbei am Verkaufsbereich bis in den Verarbeitungsraum. Für einen langen Moment begriff ich nicht, was ich da auf dem Boden liegen sah.

Es war ein Kopf. Nur ein Kopf. Der Mund stand halb offen, die Augen waren halb geschlossen. Obwohl er kaum noch menschlich aussah, war es definitiv der Kopf eines Mannes.

Ich schwenkte das Handy umher und entdeckte den Körper des Mannes hinter einer Maschine aus Edelstahl.

Die Maschine hatte die Größe eines Kleinwagens. Zu ihr gehörte eine riesige 500-Liter-Stahlschüssel, an deren Boden ein dickes Rohr zu einer Schütte führte. Es gab Steuerelemente für mehrere Geschwindigkeiten und etliche Optionen für Schnitt, Entbeinen und der Entfernung von Knorpel.

Die Sirenen waren jetzt direkt vor dem Fleischmarkt. Ihr Blaulicht zuckte auf dem Edelstahl der monströsen Vorrichtung.

Der Anblick schnürte mir die Kehle zusammen, und plötzlich überwältigte mich der Geruch von achthundert Jahren Fleischschlachtung, der hier in der Luft zu liegen schien.

Denn ich sah, dass sie den Mann nicht nur hierher gebracht hatten, um ihn zu ermorden, sondern auch, um ihn durch den Fleischwolf zu drehen.

2

»Musst du denen denn helfen, Daddy?«, fragte Scout.

Wir saßen an einem der Fenstertische im Smiths of Smithfield und frühstückten. Scout konzentrierte sich auf das Bild, das sie malte, während ich beobachtete, was auf der anderen Straßenseite vorging, und meinen Porridge kalt werden ließ.

Der Fleischmarkt Smithfield war der Schauplatz einer Mordermittlung.

Der Leichenwagen war gekommen und wieder weggefahren, ehe die Sonne aufging, aber die Spurensicherung war in voller Stärke angetreten. Wo normalerweise gigantische Kühllaster und weiße Kastenwagen parkten, standen jetzt ein Dutzend Einsatzwagen, zwei Fahrzeuge der Specialist Search Teams und die unmarkierten Autos von Homicide and Serious Crime Command, der Abteilung für Mord und Schwerverbrechen.

SOCOs – Scene of Crime Officers – in weißen Overalls und mit blauen Handschuhen gingen in dem Zelt ein und aus, das vor dem Haupteingang aufgebaut worden war. Streifenbeamte patrouillierten an den Absperrbändern entlang, die mitten auf der Charterhouse Street bis zur Grand Avenue verliefen, der Smithfield Long Lane auf der Rückseite folgten und auf der East Poultry wieder zurückführten. Vor Sonnenaufgang hatte es aufgehört zu schneien, und der zweite Weihnachtstag war hell und kalt. Die Erinnerung an die unberührte weiße Schneedecke in den frühen Morgenstunden verblasste schon wie ein Traum.

Und im Zentrum von allem standen vier Detectives – ein Mordermittlungsteam von New Scotland Yard. Einer der Kriminalbeamten, ein junger Detective Inspector, hatte mich vernommen, ehe ich die Treppen zu unserem Loft hochgeeilt war, wo ich feststellte, dass Scout und Stan alles verschlafen hatten.

Mir kochte das Blut, wenn ich daran dachte, was hier unmittelbar vor unserem Zuhause geschehen war.

»Daddy?«

»Tut mir leid, Engel«, sagte ich. »Ich glaube, sie könnten meine Hilfe brauchen.«

Ich bewunderte Scouts Zeichnung eines Schäferhunds. Auf beiden Seiten des Absperrbands hielten sich Hundeführerteams von der Dog Support Unit auf – der Hundestaffel DSU –, und meine Tochter hatte eines ihrer wunderschönen Tiere gezeichnet.

Die nette australische Kellnerin brachte mir noch einen dreifachen Espresso. Am Fenster lehnte ein brandneues rotes Fahrrad, und die Kellnerin nickte dorthin.

»Hat dir das der Weihnachtsmann gebracht?«, fragte sie Scout.

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, mein Daddy hat es online gekauft.«

»Und fährst du gern damit?«

»Ich guck es mir gerne an.«

Scout und ich grinsten uns an. Ihr neues Rad – Roter Pfeil

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