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Nachts kommt die Angst

Impressum

ISBN 978-3-8412-0589-6

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, März 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2013 bei Aufbau Taschenbuch, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung capa design, Anke Fesel

unter Verwendung einer Illustration von Chris Keller/bobsairport

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

18.

19.

20.

21.

22.

23.

24.

25.

26.

27.

28.

29.

30.

31.

32.

33.

34.

35.

36.

37.

38.

39.

40.

41.

42.

43.

44.

Epilog

Leseprobe: Die Fremde

1.

Obgleich die ersten Septemberstürme schon ihre Vorboten geschickt hatten, war dieser Spätsommertag warm, und es wehte nur ein schwacher Wind. Alexandra hielt den Kopf weit aus dem Fenster des fahrenden Zuges und atmete tief den Duft von frischen Strohballen und Kuhdung ein. Stroh war das, woran sie sich am meisten aus ihrer Kindheit erinnerte. Harte Stoppeln, die sich schmerzhaft in ihre nackten Fußsohlen bohrten und schon nach kurzer Zeit blutige Knöchel hervorriefen. Das Ende des Sommers, jedes Jahr aufs Neue schmerzlich empfunden, bedeutete auch, dass die unbeschwerte Zeit der Ferien endgültig vorbei war. Sie hatte es gehasst, den geliebten Abenteuerspielplatz gegen die harte Schulbank einzutauschen, und war demonstrativ kurz nach ihrer Rückkehr in die Stadt erkrankt. Der Traum ihrer Kindheit, die ländliche Idylle irgendwann einmal nicht mehr verlassen zu müssen, würde nun endlich in Erfüllung gehen. Zudem hatte ihr Professor Lenning schon oft ans Herz gelegt, ihr städtisches Dasein gegen ein gesundes Landleben einzutauschen, nicht nur, weil es ihrer angeschlagenen Gesundheit zuträglich sein würde, sondern auch das künstlerische Schaffen positiv beeinflussen könnte. Einundsechzig Kilo waren aus ärztlicher Sicht einfach zu wenig für eine Größe von ein Meter achtundsiebzig. Alexandra war also nicht nur schlank, sondern fast hager. Sie vermied es allerdings, Ärzten gegenüber zu sagen, dass sie sich so, wie sie war, durchaus mochte. Der morgendliche Blick in den Spiegel ließ sie nicht, wie so manche Frau, verzweifeln, sondern gab den Männern mit ihren Komplimenten recht. Ihr Teint war nicht der üblich blasse, den viele Rothaarige beklagten, die grünen Augen schimmerten geheimnisvoll, und die Lippen waren nicht allzu schmal. Einzig ihre Nase mochte Alexandra nicht sonderlich. Der leichte Schwung nach oben ließ sie etwas vorwitzig erscheinen. Im Grunde ein Allerweltsgesicht, nicht übermäßig schön, dafür aber ausdrucksstark.

Der Reisezug hatte inzwischen sein Tempo gedrosselt und zuckelte nun gemächlich dem nächsten regionalen Bahnhof entgegen.

Wenn sie die Augen ein wenig zusammenkniff, verschwammen die Farben der Landschaft in einem Meer aus Gelb und Rot, und in ihrem Kopf entstand das Bild ihrer neuen Heimat. Sie würde nach ihrer Ankunft die letzten Sonnenstrahlen nutzen, um es zu Papier zu bringen, bevor die Erinnerung verblich. Fast zärtlich strich sie mit der Hand über den ledernen Beutel, der ihre besten Pinsel beherbergte und den sie fast ständig bei sich trug. Schon oft war sie danach gefragt worden, warum sie Pinsel dabeihatte, wo sie doch weder Papier noch Farben mit sich herumschleppte. Schulterzuckend musste sie immer eingestehen, dass sie es nicht wusste. Es war wie ein Zwang, sie konnte auf den ledernen Beutel einfach nicht verzichten. Sogar in der eigenen Wohnung trug sie ihn manchmal bei sich. Mit einem Ruck zog Alexandra das Fenster zu, ordnete, als sie den amüsierten Blick ihres Sitznachbarn sah, ihre zerzausten roten Haare und schlang sie zu einem Knoten im Nacken. Dann ließ sie sich auf den Sitz fallen, stopfte ihre Jacke zwischen Kopf und Fenster und schloss die Augen. Ihre Gedanken kehrten in die Vergangenheit zurück.

Fünf Jahre waren vergangen, seit Marcel sie das erste Mal gebeten hatte, seine Frau zu werden. Da kannten sie sich gerade mal ein halbes Jahr. Sie hatte nein gesagt.

Alexandra musste zugeben, dass der Mann, der vom ersten Tag an so unverhohlen sein Interesse an ihr gezeigt hatte, alles andere als langweilig war. Das nämlich war zum damaligen Zeitpunkt nach ihrer Erfahrung die größte Schwachstelle der Männer. Marcel hingegen hatte es binnen kurzer Zeit geschafft, mit Charme, Humor und außergewöhnlichen Einfällen nicht nur ihre Gunst, sondern auch die ihrer besten Freundin Nina zu erobern. Und das sollte etwas heißen. Diese war mit knapp fünfzig und nach etlichen gescheiterten Beziehungen zu der festen Überzeugung gelangt, dass Männer einfach das Allerletzte seien. Alexandra hatte also ihrer Meinung nach wenig Aussichten, noch einen halbwegs passablen Mann abzubekommen. Missmutig hatte Alexandra der Freundin immer recht gegeben. Bis zu jenem Tag, als die Kette ihres Fahrrades, weit entfernt von jeglicher Zivilisation und etwaigen Reparaturläden, lautstark riss. Alexandra hatte ihr Fahrrad in den Straßengraben fallen lassen und war einfach daneben sitzen geblieben. Nach einer halben Stunde hielt ein Auto, und nur fünfzig Minuten darauf saß sie in einer gemütlichen kleinen Dorfkneipe und beobachtete durch das Fenster, wie Marcel ihr Fahrrad reparierte. Sieben Monate später hatte sie ihm das Angebot gemacht, bei ihr einzuziehen. Vier Jahre hatte diese Beziehung bestanden, glückliche Jahre, wie sie sich bekümmert eingestand, jetzt war alles vorbei. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, Marcel das Gefühl zu geben, dass Eifersucht nicht zu ihren Charaktereigenschaften gehörte. Sie wollte einfach nicht, dass er sich unfrei fühlte, nur weil sie das Bett miteinander teilten. Lange Zeit, so schien es Alexandra, war es genau dieser Umstand gewesen, weshalb die Beziehung so unkompliziert und glücklich verlief, bis sie eines Nachts eines Besseren belehrt wurde. Sie hatte ihn in flagranti mit einer anderen ertappt, noch dazu in ihrem eigenen Bett. In der Erwartung, Marcel würde die Frau beschämt aus der Wohnung geleiten, hatte sie in der Küche auf ihn gewartet. Doch stattdessen betraten beide den Raum und setzten sich ihr gegenüber an den Tisch. Das darauffolgende Gespräch führte ihre Sicht auf Marcel ad absurdum. Bis dato glaubte sie sich mit ihm im Einvernehmen darüber, dass Treue eine elementare Voraussetzung für eine gute Beziehung wäre, nun erklärte er ihr das Gegenteil. Ein monogames Leben hätte er niemals in Betracht gezogen, dafür wäre seine Anwesenheit auf dieser Welt einfach zu kurz. Alexandra war geschockt. Nie war sie jemandem näher als Marcel gewesen, aber ganz offensichtlich kannte sie ihn gar nicht. Wie sonst war es zu erklären, dass sie ein so wichtiges Detail seiner Ansichten nicht wusste? Noch in derselben Nacht hatte Alexandra wutentbrannt seine Koffer gepackt und sie unten vor das Haus gestellt. Am nächsten Morgen hatte es ihr zwar leidgetan, aber die Koffer waren schon verschwunden.

Das Dröhnen eines Warnsignals ließ Alexandra erschreckt die Augen öffnen, gleichzeitig wurde sie mit enormer Kraft gegen die vordere Sitzreihe gedrückt. Kurz darauf kam der Zug zum Stehen. Einige Gepäckstücke rutschten aus den Ablagen und fielen donnernd zu Boden. Die darauf einsetzende Stille währte nur kurz, dann hörte man allgemeines Stimmengewirr und Kinderweinen. Eine junge Frau eilte, ein Taschentuch vor die blutende Nase ihres kleinen Mädchens haltend, mit bleichem Gesicht den Gang entlang. Alexandra zog das Fenster wieder nach unten und streckte den Kopf weit nach draußen. Da sie sich im ersten Waggon des Zuges befand, konnte sie zwar den weiteren Schienenlauf überschauen, aber es war nicht festzustellen, was den plötzlichen Stopp ausgelöst hatte. Sie wollte gerade das Fenster schließen, als ihr Blick an etwas in der Böschung hängenblieb. Alexandra spürte, wie sich die Härchen in ihrem Nacken zu sträuben begannen, obgleich sie nichts Genaues erkennen konnte.

»Ist jemand verletzt worden?«, hallte es laut durch den Waggon. Eine Frau mittleren Alters in Bahnuniform durchschritt, sich prüfend nach rechts und links umsehend, die Reihen. Der Großteil der Fahrgäste reagierte nicht, nur hin und wieder schüttelte jemand den Kopf. »Ist hier jemand verletzt worden?«, hörte Alexandra sie beim Betreten des zweiten Waggons wiederholen, dann richtete sie ihr Augenmerk wieder auf die Böschung. Was sie sah, ließ ihr den Atem stocken. Ein nackter, blutüberströmter Fuß ragte unter einem Busch hervor, der Rest des Körpers wurde von herabhängenden Ästen verdeckt. In diesem Moment durchdrang ein gellender Schrei das Abteil. Alexandra schnellte herum und sah gerade noch, wie eine ältere Frau in der gegenüberliegenden Sitzreihe ohnmächtig zusammenbrach. Ihr Mann schien keinerlei Notiz davon zu nehmen, sondern starrte mit weit aufgerissenen Augen aus dem Fenster. Dann sackte er in sich zusammen und setzte sich wortlos neben seine Frau. Sein Gesicht war aschfahl, und sein Blick blieb starr geradeaus gerichtet. Alexandra reagierte instinktiv. Mit zwei Schritten war sie bei der alten Dame, ohrfeigte sie leicht, in der Hoffnung, den Ohnmachtsanfall dadurch zu beenden, und brachte sie in eine aufrechte Position. Als auch das nichts bewirkte, öffnete sie ihr hastig den oberen Blusenknopf am viel zu engen Kragen. Ein leises Röcheln drang aus der Kehle, ihre Lider zitterten, aber die Augen blieben geschlossen. Alexandra bekam es mit der Angst zu tun.

»Gibt es hier einen Arzt? Hallo! Ich brauche einen Arzt!«, rief sie, immer lauter werdend. Innerhalb weniger Sekunden war sie von Neugierigen umringt, die auf ihren Hilferuf jedoch mit bedauerndem Kopfschütteln reagierten.

»Was mach’ ich denn jetzt, verdammt«, flüsterte Alexandra, während sie die Hand der alten Frau tätschelte und deren Mann hilflose Blicke zuwarf.

»So lassen Sie mich doch durch, Himmel noch mal!«, polterte eine tiefe männliche Stimme vom Ende des Zugabteils.

Kurz darauf stand ein junger Mann in zerrissenen Jeans und ebenso verschlissenem Shirt neben ihr. Ohne weitere Worte zu verlieren, schob er den Ehemann auf den gegenüberliegenden Sitz, legte mit geübten Griffen die alte Dame auf die Bank und hob deren Beine nach oben.

»Hier, halten Sie mal«, sagte er knapp und deutete Alexandra an, die Beine der Frau möglichst hoch zu halten. Nach einem, für Alexandras Empfinden eindeutig zu derben Schlag auf die Wange der alten Frau öffnete diese die Augen.

»Na bitte. Alles gut, Frau ...? Hören Sie mich?«

Die Frau nickte schwach und setzte sich, von Alexandra gestützt, wieder auf. Benommen sah sie zu ihrem Mann hinüber und schüttelte dabei unentwegt den Kopf. Alexandra musterte den jungen Mann, den sie auf Anfang zwanzig schätzte.

»Danke. Das mit dem Beinehochlegen ist mir nicht eingefallen.«

Der junge Mann griff, ohne zu fragen, nach der Wasserflasche eines Schaulustigen und drückte sie dem Ehemann der alten Dame in die Hand.

»Trinken Sie! Am besten alles, dann geht’s wieder!«

Der Mann tat es fast mechanisch.

»Medizinstudent, oder?«, sagte Alexandra mehr anerkennend als fragend.

Der junge Mann sah sie belustigt an. »Nee, vom Bau.«

Er warf noch einen prüfenden Blick auf das Ehepaar, nickte Alexandra zu und verschwand dann wieder im hinteren Bereich des Abteils. Sie wollte gerade zu ihrem Platz zurückkehren, als sie durch einen unterdrückten Aufschrei an den Auslöser für den Zusammenbruch der alten Dame erinnert wurde. Darauf vorbereitet, etwas schier Entsetzliches zu sehen, wagte sie einen zaghaften Blick nach draußen. Noch bevor sie sich abwenden konnte, brannte sich das Bild in ihr Gedächtnis. Der abgetrennte Kopf einer jungen Frau mit weit aufgerissenem Mund und offenen Augen stand aufrecht im Schotterbett der Gleise. Ihr Antlitz, durch den Tod zur Fratze verzerrt, schien mit angsterfülltem Blick geradewegs hinauf zu den entsetzten Menschen zu starren.

Fast schlagartig wurde ihr klar, dass der Fuß und dieser Kopf zu ein und derselben Person gehörten. Die Frau musste quer über dem Bahngleis gelegen haben. Alexandra unterdrückte den aufkommenden Brechreiz und taumelte zu ihrem Sitzplatz zurück. Inzwischen hatten die meisten Fahrgäste verstört ihre Plätze verlassen und sich auf die dem Frauenkopf abgewandte Seite des Zugabteils gesetzt. Mindestens eine halbe Stunde lang passierte nichts. Über Lautsprecher wurde den Fahrgästen mitgeteilt, dass ein unvorhergesehenes Ereignis die Fahrt für mindestens zwei Stunden unterbrechen würde. Man bitte um Verständnis, dass niemand den Zug verlassen dürfe.

Es begann bereits zu dämmern, als Sirenengeheul ertönte. Drei Polizeiwagen mit Blaulicht näherten sich, eine riesige Staubwolke hinter sich lassend, querfeldein dem Zug. Die aufgewirbelte Erde gab schließlich ein Dutzend Polizeibeamte frei, die sich fluchend den unwegsamen Abhang hinaufkämpften. Alexandra beobachtete, wie ein junger Beamter seitlich des Zuges auf die Knie ging und mit einer Taschenlampe unter den Waggon leuchtete, ein weiterer wandte sich jäh ab, rannte ein paar Schritte und übergab sich in die Böschung. Sie verdrängte die Bilder, die ihrer Phantasie entsprangen, und versuchte sich abzulenken.

Der Abschied von Nina, ihrer Galeristin und besten Freundin, lag nur fünf Stunden zurück, aber sie vermisste sie schon jetzt. Bei einem ausgedehnten Frühstück auf Getränkekisten, mit heißem Kaffee und Croissants, hatten sie so lange in Erinnerungen geschwelgt, bis Alexandra ihre Tränen nicht mehr zurückhalten konnte und ihr Vorhaben, aus Frankfurt am Main wegzuziehen, komplett in Frage stellte. Auch der Umstand, dass sie in einer gekündigten Wohnung saß und der Umzugswagen schon am Vortag in Richtung Brandenburg losgefahren war, konnte sie nicht davon abhalten, alles noch einmal gründlich in Zweifel zu ziehen. War es denn wirklich notwendig, die Stadt zu verlassen, nur weil Marcel eine Nacht mit einer anderen verbracht hatte?

Um sich dem Gefühl, einen Fehler begangen zu haben, nicht ganz hinzugeben, hatte sie an Ort und Stelle begonnen, eine Liste mit den negativen Eigenschaften von Marcel zu erstellen. Zu ihrem Erstaunen war sie nicht weit gekommen, aber das, was letztlich auf dem Zettel stand, hatte ausgereicht, sie davon zu überzeugen, das Richtige zu tun. Nun trennten Nina und sie nicht nur sechshundert Kilometer Autobahn, sondern auch ihr nicht vorhandener Führerschein und laut Aussage ihres neuen Vermieters ein Haus ohne Festnetzanschluss. Dennoch dachte sie, dass, wenn sie erst einmal da war, schon alles gut werden würde.

Wenn, ja, wenn ...! Eine Enttäuschung mochte sie sich nicht ausmalen, schon gar keinen Rückzug. Nina hatte ihr zwar eindringlich von diesem Haus abgeraten, aber die Bilder im Internet und der niedrige Mietpreis hatten Alexandra überzeugt. Einhundert Quadratmeter Wohnfläche, dazu ein Hektar Land, ein Weiher mit altem Baumbestand und absolute Ruhe klangen wie das Paradies. Sie würde malen, malen und malen!

Alexandra spürte plötzlich, dass sie beobachtet wurde. Langsam tastete sich ihr Blick die Sitzreihen entlang, aber der überwiegende Teil der Reisenden war damit beschäftigt, dem jeweiligen Gegenüber die Geschehnisse am Gleisbett zu kommentieren, der Rest döste vor sich hin. Die Polizei hatte inzwischen rechts und links des Zuges Scheinwerfer aufgestellt, so dass die Umgebung in gleißendes Licht getaucht war. Eigentlich liebte sie die Mischung aus Kunstlicht und schwachem Tageslicht und die daraus entstehenden absonderlichen Schattenwürfe, dieses hier allerdings wirkte gespenstisch. Hinzu kam der nicht auszublendende Grund des Haltens.

Voller Unbehagen stand Alexandra auf und verließ das Abteil.

Vom grellen Licht geblendet, schirmte sie die Augen mit der Hand ab und warf einen Blick aus dem Fenster der Zugtür. Sie stand jetzt unmittelbar über der Unglücksstelle.

Die Beamten hatten den Torso der Verunglückten unter dem Zug hervorgezogen und ihn mit einem weißen Tuch bedeckt. Seltsam klein zeichneten sich die Umrisse des Körpers unter dem Laken ab. Unmittelbar daneben lagen der Kopf und die Füße unter separaten Tüchern, was die Grausamkeit des Bildes enorm verstärkte.

Wie vorhersehbar, wie spürbar ist das nahende Ende? Verließe man, wenn man es erahnen könnte, an jenem Tag das Haus? Gibt es ein vorbestimmtes Schicksal, oder ist es nicht vielmehr eine zufällige Begegnung mit dem Tod? Alexandra schauderte bei dem Gedanken, dass diese Frau vielleicht am Morgen noch die Post ins Haus geholt, den Kindern das Frühstück bereitet und ihren Mann verabschiedet hatte. Danach war sie losgegangen, um ihrem Leben ein Ende zu setzen. Irgendetwas hielt Alexandra davon ab, sich abzuwenden und zurück in ihr Abteil zu gehen. Wie unter Zwang starrte sie nach draußen.

Dann sah sie ihn. Mitten in der Menge geschäftiger Polizeibeamter schien ein unsichtbarer Fokus plötzlich auf ihn gerichtet. Sie schätzte ihn auf Mitte dreißig, markant geschnittene Züge, dunkelblondes schulterlanges Haar, die Polizeimütze lässig nach hinten geschoben. Selbst aus der Entfernung meinte sie, stahlblaue Augen zu erkennen.

Er unterschied sich in nichts von den anderen, einzig seine Bewegungslosigkeit war es, die ihn in diesem Moment besonders machte. Er stand da und sah sie an. Sekunden vergingen, dann wandte er sich abrupt ab.

Als hätte sie ein Gespenst gesehen, schüttelte Alexandra den Kopf und ging langsam zu ihrem Platz zurück. Den Rest des Haltes verbrachte sie damit, mit teilnahmslosem Blick den Beamten beim Abtransport des Leichnams zuzuschauen. Den jungen Mann sah sie nicht mehr.

2.

Der Himmel musste sich entschlossen haben, den ausgebliebenen Regen der letzten Wochen genau in dem Moment auszuschütten, als Alexandra den Bahnsteig von Eberswalde betrat. So war sie bereits bis auf die Haut durchnässt, als sie, am letzten Waggon angekommen, lautstark gegen die Tür hämmerte. Zu ihrem Erstaunen wurde sie prompt geöffnet, und ein freundlicher Bahnbeamter kletterte umständlich mit Alexandras Fahrrad auf den Bahnsteig. Der Weg zurück gestaltete sich schwieriger als gedacht, denn viele der Fahrgäste schienen schon ungeduldig erwartet worden zu sein, so dass der schmale Bahnsteig restlos überfüllt war. Alexandra hatte Mühe, sich mit dem Fahrrad einen Weg durch die Menge zu bahnen.

Vor dem Bahnhof dagegen herrschte gähnende Leere. Eigentlich hatte sie vorgehabt, die letzten Kilometer mit dem Fahrrad zurückzulegen, aber da war sie noch davon ausgegangen, am späten Nachmittag anzukommen. Jetzt war es kurz nach acht, es regnete in Strömen, und in spätestens einer halben Stunde würde es stockdunkel sein. Die vierstündige Verspätung hatte ihr einen Strich durch die Rechnung gemacht. Verdrossen sah sie sich um. Die gewohnte Schlange unterschiedlich großer Taxis gab es nicht, einzig zwei normale Taxis standen in einiger Entfernung und warteten auf Gäste. Diese allerdings, so befürchtete Alexandra, würden sicher die Mitnahme eines Fahrrades verweigern. Sie wollte es trotzdem versuchen. Zielstrebig ging sie auf den ersten Wagen zu, blieb aber kurz davor wie vom Donner gerührt stehen. Irgendetwas fehlte! Ihr Gepäck! Sie musste es auf dem Bahnsteig vergessen haben, als sie ihr Fahrrad in Empfang genommen hatte. Leise fluchend machte sie kehrt. Sicher würde, wenn sie zurückkam, kein Taxi mehr da sein.

»Hinterwäldlerisches Kaff!«, murmelte sie verstimmt, während sie sich durch den Gegenstrom der letzten Fahrgäste schlängelte.

Nina, die überzeugte Großstädterin, hatte sie gewarnt. »Es ist das Ende der Welt! Felder, Wiesen und Seen, wohin man blickt, Arbeitslosigkeit, Osten! Eigentlich schon Polen!«, hatte sie, nach kurzer Überlegung, lakonisch hinzugefügt. Für die Freundin war es schier unvorstellbar, dass Alexandra genau das suchte. Abgeschiedenheit, Ruhe, den weiten Blick über das Land.

Der Bahnsteig war inzwischen verwaist. Alexandra konnte schon von weitem erkennen, dass ihr Koffer nicht an der erwarteten Stelle stand. Sie wollte sich gerade auf ihr Rad schwingen, um die knapp hundert Meter bis zum Ende des Zuges schnell zurückzulegen, als ihr jemand von hinten auf die Schulter tippte.

»Na da ham Se aber Glück, dass es mich gibt!«, hörte sie eine tiefe Stimme in ihrem Rücken. Überrascht drehte sie sich um und sah in das freundliche Gesicht eines alten Mannes. »Ich hab Sie beobachtet!«, fügte er hinzu, stockte aber, als er ihre erschrockenen Augen sah. »Ich wollt sagen, ich hab zufälligerweise gesehen, wie Sie Ihr Gepäck abstellten, um sich Ihr Fahrrad geben zu lassen.«

Er hielt ihr am ausgestreckten rechten Arm den schweren Koffer hin, während er mit der Linken in seiner Jackentasche kramte. Als er gefunden hatte, wonach er suchte, streckte er auch noch den linken Arm aus und offerierte stolz seine Visitenkarte. Alexandra wusste nicht, wonach sie zuerst greifen sollte, zögerte und musste plötzlich lachen. Das Bild, welches er abgab, war einfach zu komisch. Der Bann war gebrochen, nun lachte auch er.

»Entschuldigen Sie, Fräulein.« Er stellte den Koffer ab, ergriff Alexandras Hand und schüttelte sie kraftvoll. »Fuhrunternehmen Beyer, Josef Beyer! Ganz zu Ihren Diensten!«

»Alexandra Fischer«, antwortete sie höflich und musterte ihn mit unverhohlener Bewunderung. Sie schätzte ihn auf knapp siebzig, er war klein, etwas untersetzt, und unter seinem Hut schauten kaum noch Haare hervor. Dafür waren seine Augen die eines Dreißigjährigen, wach, neugierig und aufgeschlossen. Die Kraft, mit der er am ausgestreckten Arm zwanzig Kilo zu halten vermochte, war ihm nicht anzusehen. Was hatte er gesagt? Fuhrunternehmer? Vielleicht sollte sie ... Noch bevor Alexandra den Gedanken zu Ende führen konnte, griff er wieder nach ihrem Koffer und machte auf dem Absatz kehrt.

»Wissen Se was, ich bring Sie!«, sagte er im Weggehen. »Die Taxis da draußen können Sie vergessen, die transportieren keine Fahrräder.«

Alexandra stand noch immer an der gleichen Stelle.

»Wohin?«, rief sie ihm nach.

»Na da, wo Se hinwollen!«, antwortete er, ohne sich nach ihr umzudrehen.

Während sie ihm nacheilte, versuchte sie sich diese Begegnung auf dem Frankfurter Bahnhof vorzustellen. Undenkbar, dass irgendein Mensch dort von ihr Notiz genommen, geschweige denn ungefragt seine Hilfe angeboten hätte. Nun gut, sie war auf dem Land, hier schien alles anders zu sein. Sie hatte ihn inzwischen eingeholt und versuchte mit ihm Schritt zu halten. Der alte Mann steuerte mit ungeheurem Tempo dem Ausgang entgegen und blieb erst wieder neben einem uralten Lieferwagen auf dem Parkplatz stehen. Mit Schwung hob er ihren Koffer auf die Ladefläche, schob ihr Fahrrad daneben, zog eine Plane darüber und grinste dann über das ganze Gesicht. »So, wo soll’s hingehen?«

Alexandra zögerte. Ganz sicher ging er davon aus, sie drei Straßen weiter absetzen zu können. Dass es hingegen achtundzwanzig Kilometer sein würden, war ihr mehr als peinlich. »Nach Lunow«, sagte sie zaghaft.

Er schien kurz nachzudenken, nickte dann und schloss die Beifahrertür auf. »Bitte schön!«, sagte er freundlich und machte eine einladende Handbewegung.

»Das sind knapp dreißig Kilometer!«, fügte Alexandra hinzu. »Ich kann unmöglich von Ihnen verlangen, dass Sie mich ...«

Weiter kam sie nicht, denn Herr Beyer schob sie kurzerhand auf den Beifahrersitz und knallte die Tür hinter ihr zu. Dann lief er kopfschüttelnd um die Kühlerhaube und öffnete die Fahrertür.

»Nu machen Se sich mal keine Sorgen, ob Se was verlangen können oder nicht. Natürlich können Se das von niemandem verlangen. Das tun Se doch auch nicht, ich überrede Sie dazu!« Er schwang sich auf den Sitz, als wäre er zwanzig, grinste noch einmal und startete den Wagen. »Also Lunow! In Ordnung. Halbe Stunde.«

»Na ja, das Haus steht nicht in Lunow, sondern irgendwo zwischen Oderberg-Neuendorf und einem Kieswerk.«

»Irgendwo ist eine sehr vage Beschreibung«, brummelte Herr Beyer. »Geht es vielleicht ein bisschen genauer?«

Gerade bog er in rasantem Tempo in die Hauptstraße ein. Alexandra bezweifelte plötzlich, dass es richtig gewesen war, in das Auto eines wildfremden alten Mannes mit Rennfahrerambitionen einzusteigen.

»Früher war es mal ein Bahnhof. Kann aber auch sein, dass ich da völlig falschliege«, murmelte sie und warf ihm einen unsicheren Blick zu.

»Hab davon gehört. Finden wir schon!«, antwortete er und grinste wieder.

Eine Weile herrschte Schweigen. Alexandra suchte das Innere der Fahrerkabine nach einem Hinweis auf eine Familie ab. Aber da war nichts, kein Foto von Kindern oder einer Ehefrau. Der alte Mann schien ihr mit einem Mal nicht geheuer.

»Warum tun Sie das?«, wollte Alexandra das Gespräch wieder in Gang bringen, solange sie sich noch innerhalb der Stadtgrenzen befanden.

»Was?«

»Fremde Personen am Bahnhof einsammeln und von A nach B bringen.«

»Weil ich sonst nichts zu tun hab«, brummte er und bekam dabei einen merkwürdigen Ausdruck im Gesicht. »Aber nicht jeden. Nur solche wie Sie.«

Er schaute kurz zu ihr, verzog den Mund zu einem gequälten Lächeln und sah dann wieder geradeaus.

»Sie meinen ... Frauen?«, fragte Alexandra und hoffte dabei inständig, seine Antwort wäre ein Nein.

Er nickte. »Ja, nur junge Frauen.«

Alexandra hatte genug gehört. »Können Sie bitte anhalten!«

Zu ihrem Erstaunen nickte er und fuhr an den Straßenrand. Ängstlich tastete sie die Tür nach einem Hebel ab, fand aber nichts, womit sie hätte öffnen können.

»Wie geht die auf, verdammt noch mal!«

»Von außen«, antwortete er ruhig.

Alexandra geriet immer mehr in Panik. »Dann öffnen Sie sie! Ich möchte aussteigen!«

Um ihn einzuschüchtern, hatte sie ihrer Stimme Nachdruck verliehen. Vollkommen unbeeindruckt schaltete er den Motor ab und drehte sich zu ihr.

»Hören Sie, ich weiß, was Sie denken ... Aber so ist es nicht. Sie brauchen keine Angst zu haben. Nicht vor mir!«

»Warum sollte ich Ihnen das glauben?«

Er lächelte nachsichtig und beugte sich dann langsam zu ihr hinüber. Außer sich vor Schreck stieß sie ihn mit voller Wucht zurück, so dass er hart gegen das Lenkrad prallte. Der alte Mann verzog für einen Moment schmerzhaft das Gesicht, lehnte sich dann ruhig zurück und zeigte auf das Handschuhfach. »Öffnen Sie das Fach!«, sagte er leise. Alexandra blieb keine Wahl, sie kam eh nicht aus dem Wagen. Vorsichtig drückte sie den Knopf des Faches, das daraufhin mit einem lauten Klicken aufsprang. Ein Stapel Fotos fiel vor ihre Füße. Bevor sich der Mann erneut zu ihr hinüberbeugen konnte, griff sie nach unten und sammelte sie hastig ein. Auf den ersten Blick konnte sie erkennen, dass sich auf allen Fotos dieselbe Frau befand.

»Letzten Dienstag wäre Michaela fünfunddreißig geworden.« Er nahm ihr den Stapel aus der Hand, strich vorsichtig den Schmutz vom obersten Bild und ließ die Fotos in seinen Schoß sinken. »Ist jetzt sieben Wochen her. Die Polizei fand ihre Leiche in der Oder, auf polnischer Seite.« Augenblicklich brach er in heftiges Weinen aus. »Sie hatte kein ... kein Gesicht mehr!«, schluchzte er und heftete seinen Blick starr auf die Bilder. Es vergingen einige Sekunden, in denen Alexandra nicht wagte, sich zu rühren. »Ihr Mörder läuft noch immer frei herrum«, fügte er leise hinzu. Mit einem Mal tat er ihr unendlich leid. Vorsichtig näherte sich ihre Hand der seinen, doch bevor sie ihn berühren konnte, setzte er sich kerzengerade auf und wischte sich heftig mit der Hand übers Gesicht.

»Deshalb fahr ich Sie! Verstehn Sie? Damit Ihnen nicht dasselbe passiert! Ich hab sonst nichts zu tun!«

Er hatte laut und energisch gesprochen, und als dulde er keinerlei Widerspruch, ließ er den Motor an und fuhr mit durchdrehenden Reifen los.

Sie sprachen erst wieder, als sich der Lastwagen den holprigen Weg zu ihrem Haus bahnte. Rund um sie herum war nichts als finsterer Wald. Die Felder hatten, kurz nachdem sie Lunow passiert hatten, aufgehört. Ebenso die Straße, die abrupt zu diesem unwegsamen Waldweg wurde.

»Das mit Ihrer Tochter tut mir leid und auch, dass ich dachte, Sie wären vielleicht ...«

Er unterbrach sie mit einem Kopfschütteln und tätschelte dabei ihre Hand. »Ist gut, Mädchen. Ein andermal rettet dir dein Misstrauen vielleicht das Leben. So, da wären wir! Ach du meine Güte!«

Im Licht der Scheinwerfer zeichneten sich die Umrisse eines riesigen Stapels ab. Die Umzugsfirma hatte ihre Möbel und Kisten einfach vor dem Haus abgestellt. Zu Alexandras Erleichterung hatten die Männer, des drohenden Regens wegen, über alles eine Plane gezogen. Herr Beyer stellte den Motor ab und blieb, ebenso wie Alexandra, mit einem skeptischen Blick auf das Haus sitzen.

Das, was sie sahen, war alles andere als einladend. Schon von weitem konnte man erkennen, dass sich das Haus in keinem guten Zustand befand, vielmehr war es verwahrlost und heruntergekommen. Der Putz bröckelte von den Wänden, allerlei Schrott umlagerte den Eingang, das Gras stand mindestens einen Meter hoch und ließ den Weg zur Haustür nur erahnen. Eine zerplatzte Glühbirne baumelte an einer Leitung vor dem Eingang.

Alexandra hatte sich alles völlig anders vorgestellt. Es war dunkel, es regnete, und in wenigen Minuten würde sie hier ganz allein sein. Kein guter Start in ein neues Leben!

»Darf ich Sie anrufen, wenn ich Hilfe brauche?«, fragte sie leise, fast flehentlich.

»Ich bestehe darauf!«, antwortete Herr Beyer und schenkte ihr ein väterliches Lächeln. Er zog einen Regenschirm hinter seinem Sitz hervor, öffnete die Tür und kam dann um den Wagen herumgelaufen.

Mit aufgespanntem Schirm wartete er darauf, dass sie ausstieg, aber Alexandra rührte sich nicht. Am liebsten wäre sie im Auto sitzen geblieben und hätte gewartet, bis die Nacht vorbei war. Ihre Vorfreude auf das Haus war einem mulmigen Gefühl gewichen. Was, um alles in der Welt, hatte sie sich nur dabei gedacht!

»Morgen früh, wenn die Sonne scheint ...«, hörte sie Herrn Beyer sagen.

»... sieht alles ganz anders aus! Ich weiß«, beendete sie seinen Satz und lächelte tapfer. Trotzdem würde sie jetzt viel dafür geben, mit ihm zurückzufahren und für die erste Nacht ein Hotelzimmer zu nehmen. Der Gedanke, das Haus allein zu betreten, ängstigte sie furchtbar. »Reiß dich zusammen«, ermahnte sie sich im Stillen und stieg aus dem Wagen.

»Haste eine Taschenlampe?«, fragte Herr Beyer, während er im Handschuhfach kramte. Ohne ihre Antwort abzuwarten, drückte er Alexandra eine große Stablampe in die Hand. »Behalt sie! Wer weiß, ob’s da drin überhaupt Strom gibt!«

»Sie machen Witze!«, schoss es aus ihr heraus. Herr Beyer wiegte den Kopf. »Weiß man’s? Schließlich scheint es schon sehr lange leer zu stehen!«

So liebenswürdig sie den alten Mann auch fand, in dieser Situation sagte er einfach das Falsche. Alexandras Selbstsicherheit rutschte ins Nichts ab. Voller Verzweiflung sah sie auf das dunkle Haus, knipste die Lampe an und leuchtete die Umgebung ab. Nichts hier lud auch nur im Entferntesten zum Bleiben ein. Trotzdem lief sie zügig auf den Stapel Umzugskisten zu, riss mit einem Ruck die Plane zur Seite, griff zielsicher in einen Karton und holte einen Baseballschläger heraus. Sie wiegte ihn kurz in den Händen und drehte sich dann mit einem gequälten Lächeln zu Herrn Beyer um. »Ich glaube, jetzt geht’s mir besser!«

3.

Herrn Beyers Angebot, noch einen Moment zu bleiben, hatte Alexandra dankend abgelehnt. Bei allem Unbehagen, sie würde gleich die Schwelle in ein neues Leben überschreiten. Und das musste sie ganz allein tun. Dass es nur eine morsche Holzdiele unter einer noch maroderen Tür sein würde, spielte in diesem Augenblick keine Rolle. Es war ihr neues Zuhause, und sie beschloss schon jetzt, sich hier wohl zu fühlen.

Das brummende Geräusch des Lastwagens wurde schwächer und schwächer, bis das Rauschen der Baumwipfel es gänzlich übertönte. Alexandra stand noch immer an der gleichen Stelle, den Lichtstrahl der Taschenlampe auf die Eingangstür gerichtet, und lauschte angestrengt. Sie meinte, ein Geräusch aus dem Inneren des Hauses wahrgenommen zu haben, als der Lastwagen wendete. Es hatte sich wie das Zuschlagen einer Tür angehört. Nun, da der Motorenlärm verstummt war, wartete sie darauf, dass es sich wiederholte, aber nichts rührte sich. Im Haus herrschte Totenstille. Alexandra holte tief Luft und schritt mit kerzengeradem Rücken auf den Eingang zu. Sie hatte mit dem Vermieter vereinbart, dass der Schlüssel unter einem Blumentopf rechts der Tür hinterlegt sein sollte. Von Blumen war allerdings weit und breit nichts zu sehen. So leuchtete sie zentimeterweise das Gerümpel im Eingangsbereich ab, bis sie glaubte, einen Blumentopf zu erkennen. Es war eher das Fragment eines Topfes, angefüllt mit Sand oder Ähnlichem und voller ausgedrückter Zigarettenstummel. Vorsichtig hob sie den Topf ein wenig an und griff mit der Hand darunter. Tatsächlich, in der weichen Erde fühlte sie einen einzelnen Schlüssel.

»Heben Sie die Tür etwas hoch, wenn Sie aufschließen, sonst funktioniert das Schloss nicht«, erinnerte sie sich an die Worte des Besitzers. Sie tat, wie ihr geheißen wurde, und sperrte die quietschende Tür auf. Feuchte Kühle schlug ihr entgegen. Alexandra klemmte sich die Stablampe unter den Arm, nahm den Baseballschläger in die rechte Hand und tastete mit der linken die Wand nach einem Lichtschalter ab.

»Ich muss doch wahnsinnig sein!«, murmelte sie leise, während sie sich Schritt für Schritt in das Hausinnere bewegte. Endlich, sie hatte bereits eine erste Zimmertür erreicht, fand sie einen Schalter und betätigte ihn. Das Licht einer etwas absonderlichen Hängelampe erhellte den Flur. Bei genauerem Betrachten stellte sie fest, dass es kein außergewöhnliches Design, sondern eine bis zur Hälfte mit Motten gefüllte Glaskugel war.

Ja, sie war wahnsinnig! Alexandra hatte zwar ein altes Haus erwartet, aber dass die Einrichtung ebenso alt sein würde, damit hatte sie nicht gerechnet. Der schmale Flur war bis zur Decke angefüllt mit unzähligen alten Stühlen, kleinen und großen Schränken, Blumentöpfen mit verdorrtem Inhalt, hässlichen Stehlampen, Kisten und Kartons. Der schmale Gang in der Mitte ließ einer schlanken Person gerade noch genug Platz, um mit eng an den Körper angelegten Armen zu laufen. Auf allen Möbeln lagerten zudem noch undefinierbarer Kram und eine zentimeterdicke Schicht Staub. Zwei durchgebissene Hundeleinen baumelten an einem in die Wand eingelassenen eisernen Ring.

Augenscheinlich waren sämtliche Abbildungen vom Inneren des Hauses an einem anderen Ort gemacht worden, denn nur von außen entsprachen die Internetfotos der Realität. Alexandra spürte Wut in sich aufsteigen, aber für diese Misere konnte sie niemanden verantwortlich machen außer sich selbst. Dabei hätte sie noch vor kurzem jeden, der ohne Vorbesichtigung eine Wohnung mietete, für leichtsinnig, wenn nicht gar verrückt erklärt, nun war sie selbst ein Opfer der Gutgläubigkeit geworden.

»Mein Gott«, dachte sie zähneknirschend, »ich bin jetzt dreißig. Wann werde ich endlich kapieren, dass es auch Gauner auf dieser Welt gibt?«

Desillusioniert und verärgert, was den Umzug im Ganzen betraf, öffnete sie eine der Zimmertüren und knipste das Licht an. Schlagartig tat sie Abbitte beim Vermieter. Ein frisch gestrichener leerer Raum, auf dessen Fensterbrett eine vertrocknete rote Rose in einer zierlichen Vase stand. Daneben lag ein weißer Briefumschlag. Alexandra lehnte den Baseballschläger an die Wand und öffnete neugierig den Brief.

»Herzlich willkommen!«, stand in leicht krakeliger Schrift auf einem DIN-A4-Blatt, sonst nichts. Mit plötzlich aufkommender Euphorie rannte sie aus dem Zimmer und öffnete zwei weitere Türen des Untergeschosses. Auch diese beiden Räume waren leer und frisch renoviert. Erleichtert atmete sie auf. Zwar hatte der Vermieter die alten Möbel nur in den Flur gestellt und sich nicht die Mühe gemacht, den Kram zu entsorgen, aber das war selbst von einer einzelnen Person schnell zu bewerkstelligen. Gleich am nächsten Morgen würde sie damit beginnen. Jetzt aber war es dringend notwendig, die Luftmatratze aus den Untiefen ihrer Umzugskisten hervorzuholen, wenn sie nicht auf dem blanken Fußboden übernachten wollte. Sie legte die Stablampe auf einem ausrangierten Kühlschrank vor dem Haus ab und richtete sie so aus, dass der Strahl die Umgebung bis zum Kistenstapel erhellte. Gut, dass Nina darauf bestanden hatte, die Kartons zu beschriften. Alexandra brauchte nur kurze Zeit, bis der Karton mit der Aufschrift »Bettzeug und Matratze« gefunden war. Leise keuchend schleppte sie den vom Regen feuchten Karton zum Haus, doch kurz bevor sie die Eingangstür erreichte, schlug diese mit einem lauten Knall vor ihr zu. Für Sekunden stand sie wie gelähmt. Das Adrenalin durchströmte ihren Körper, unmittelbar danach begannen ihre Knie zu zittern. Es gab nur eine Erklärung: Irgendwo im Haus musste ein Fenster offen stehen. An etwas anderes wagte sie nicht zu denken. Fast geräuschlos stellte sie den Karton ab und drückte langsam die Klinke nach unten. Tatsächlich spürte sie leichten Widerstand, und ein schwacher Windhauch strömte ihr durch den Türspalt entgegen. Alexandra atmete auf, es konnte nur ein offenes Fenster sein! Kaum hatte sie das Haus betreten, fiel die Tür mit lautem Krachen hinter ihr ins Schloss. Mit einer heftigen Handbewegung, als wolle sie einen Angreifer abwehren, ließ sie den Karton fallen und fuhr herum. Mit schreckgeweiteten Augen riss sie den Kopf hin und her und überflog blitzschnell ihre Umgebung. Plötzlich meinte sie, im halbtoten Winkel eine huschende Bewegung wahrzunehmen. Sie drehte langsam den Kopf in diese Richtung und verharrte bewegungslos. Es raschelte, dann ein Trippeln, wieder ein huschender Schatten. Alexandras Muskeln spannten sich an. Mäuse! Nicht eine oder zwei, in diesem Haus gab es sicher Hunderte! Offenbar musste sie sich darauf einstellen, dass ihre ausgeprägte Phobie in diesen Mauern zum anhaltenden Alptraum mutieren würde. Minuten vergingen. Ganz langsam normalisierte sich ihre Atmung, der Puls wurde ruhiger. Alexandra hatte genug. Kopfschüttelnd befahl sie ihrem Verstand, wieder normal zu funktionieren, sammelte den Inhalt der auseinandergefallenen Pappkiste ein und trug ihn in das vordere Zimmer. Dann marschierte sie, ohne nach rechts und links zu sehen, wieder hinaus und schleppte einen weiteren Karton ins Haus. Sie wiederholte diesen Vorgang ohne Pause an die zwanzig Mal, bis sich nach einer knappen Stunde alle Kisten im Trockenen befanden. Erschöpft ließ sie sich auf der unaufgeblasenen Matratze nieder und betrachtete zufrieden ihr Werk. Inzwischen war es kurz vor Mitternacht, und ihr laut knurrender Magen zeigte an, dass ihm die fast zwölfstündige Abstinenz alles andere als guttat. Das änderte allerdings nichts daran, dass sie rein gar nichts Essbares bei sich hatte. Nichts, absolut nichts. Ninas Rat, sich doch wenigstens die heißgeliebte Tafel Schokolade einzustecken, hatte sie mit der Bemerkung »Du klingst wie meine Mutter« abgetan. Jetzt rächte sich nicht nur ihre Starrköpfigkeit, sondern auch die ihr angeborene Haltung, prinzipiell für sich selbst verantwortlich zu sein und mütterliche Ratschläge generell in den Wind zu schlagen. Ein triumphierendes Lächeln huschte über ihr Gesicht. Wenn sie sich nicht täuschte, waren sie mit dem Lastwagen an einem Apfelbaum vorbeigefahren, der inmitten einer Gruppe Obstbäume, circa hundert Meter vom Haus entfernt, stand. Auf eine späte Apfelsorte hoffend, rannte sie aus dem Haus, griff im Vorbeigehen nach der nur noch matt leuchtenden Taschenlampe auf dem Kühlschrank und schlug sie mehrmals gegen den Oberschenkel. Das brachte die Lampe jedoch nicht zum Leuchten, sondern ließ sie gänzlich erlöschen. Mittlerweile hatte es aufgehört zu regnen, der Himmel stand sternenklar über ihr, und das weiße Licht des Mondes erhellte die Umgebung. Im Wald herrschte Stille, nur ein Käuzchen lärmte mit der immergleichen Abfolge von Schreien in den Baumwipfeln. Alexandra ignorierte die schaurigen Laute und lief zielstrebig auf eine Baumgruppe zu, die sich deutlich in Höhe und Form vom Hintergrund der Kiefern unterschied. Tatsächlich lagen unter den Bäumen mehr oder weniger brauchbare Äpfel. Sie ging auf die Knie, sammelte einige davon ein und stopfte sie in ihre Hosentaschen. Auf dem Rückweg war ihr, als hätte sie einen Lichtschein am Dach des Hauses gesehen, aber sie schenkte dieser Erscheinung keine große Bedeutung, da sie inzwischen zu der Überzeugung gelangt war, dass ihr eigener Verstand sie narrte. Trotzdem schloss sie vorsorglich die Eingangstür mehrere Male ab und schob zu ihrer eigenen Beruhigung eine alte Kommode davor. Als sie darauf noch recht umständlich einen Stuhl positionierte, der ihr mehrere Male herunterfiel, erwischte sie sich wieder bei dem Gedanken, einen Fehler begangen zu haben. In ihrer Großstadtwohnung war sie niemals in eine Situation gekommen, in der sie sich ängstigte. Dafür hatte der Hund ihrer Nachbarin schon gesorgt, der sich lautstark meldete, wenn jemand nur das Haus betrat, und Schritte fremder Personen bis ins Obergeschoss mit nervendem Gebell begleitete. Vielleicht hätte sie auch in diesem Punkt auf Nina hören sollen. Die Freundin hatte ihr, neben all den mehr oder weniger nützlichen Ratschlägen, auch empfohlen, sich sofort einen großen Hund anzuschaffen. Alexandras Gegenargument war, dass sie sich doch nur vor einer Sache wirklich fürchtete, und das waren Mäuse. Ihre erste Wahl bei der Anschaffung eines Haustieres wäre demzufolge eine Katze. Nun gut, sie hatte weder das eine noch das andere und würde wohl allein zurechtkommen müssen. Der Baseballschläger musste für nächtliche Panikattacken genügen, und das Mäuseproblem würden schon die Fallen beseitigen, die sie am nächsten Tag kaufen würde. Da sie keine Lust verspürte, die Matratze aufzublasen, warf sie alles, was sie an Decken finden konnte, übereinander und legte sich Apfel essend darauf. Es dauerte nur wenige Minuten, bis ihr, noch kauend, die Augen zufielen.

4.

Das flackernde Licht der Kerze warf lange zitternde Schatten an die unverputzten Wände des Obergeschosses. Konnte man den unteren Teil des Hauses noch als bewohnbar bezeichnen, entpuppte sich das obere Stockwerk als blanke Ruine. Auch hier türmte sich in jeder Ecke des Flures allerlei Krempel, der auf den ersten Blick nur noch als Brennholz zu verwenden war. Zwei in hässlichem Rot gestrichene Türen führten in kleine mansardenähnliche Räume, aus denen ein kalter, modriger Geruch strömte. Hunderte von Spinnen hatten sich in winzigen Löchern und Rissen zwischen den Ziegelsteinen ihre Behausungen gebaut und die Wände inzwischen fast vollständig eingesponnen. Wie eine dünne Haut zog sich das weiße, dicht gewebte Netz über das gesamte Mauerwerk. Obwohl man diesem Umstand ein gutes Raumklima nachsagte und Alexandra keinerlei Angst vor den achtbeinigen Mitbewohnern hatte, jagte ihr der Anblick dennoch kalte Schauer über den Rücken. Sie hob die Kerze ein wenig höher und leuchtete eine steile Treppe hinauf, die in eine große Deckenluke mündete. Von da, so vermutete sie, mussten die Geräusche kommen, die gegen zwei Uhr nachts eingesetzt hatten. Anfangs hatte es wie Schritte geklungen, leichte Schritte, die hin und wieder innehielten, wenig später war es eher ein rhythmisches Schleifen. Aber in allem, was sie meinte, gehört zu haben, konnte sie auch irren, ein altes Gemäuer besaß nun mal eigene, ganz charakteristische Geräusche. Mancher sah darin die Seele eines Hauses, ein anderer widerlegte jegliches Philosophieren über das Eigenleben von Gebäuden mit logischen Erklärungen von alten Wasserrohren oder Ähnlichem. Egal, wie man es auch betrachtete, des Nachts von unerklärlichen Geräuschen geweckt zu werden, gehörte nicht zu den angenehmsten Erfahrungen.

Der zentimeterdicken Schicht Staub und losem Mörtel nach zu urteilen, war die Treppe zum Dachboden schon jahrelang nicht mehr benutzt worden. Es würde nicht einfach sein, die Luke zu öffnen, denn auch wenn sie nicht sonderlich solide wirkte, maß sie doch schätzungsweise einen Quadratmeter. »Was soll’s«, dachte Alexandra, an Einschlafen war eh nicht mehr zu denken.

Die alte Holztreppe ächzte unter ihren Füßen, begleitet vom leisen Rieseln des Mörtels in den Hohlraum unter ihr.

Sie hatte keine Ahnung, was sie da oben erwartete, aber die Angst beim Lauschen würde sich ins Unerträgliche steigern und der Phantasie freien Lauf lassen. Diese Angst trieb sie jetzt, ungeachtet der eigenen Geräuschkulisse, nach oben. Wie erwartet bestand die Luke nur aus zusammengenagelten Brettern, von verrosteten Schrauben notdürftig an zwei großen Scharnieren gehalten.

Alexandra stemmte eine Hand von unten dagegen und hob sie vorsichtig ein paar Zentimeter an. Ein schwacher Windhauch schlug ihr entgegen und brachte die Kerze in ihrer rechten Hand beinahe zum Erlöschen. Reflexartig ließ sie die Luke los, um die flackernde Flamme mit der Hand abzuschirmen, und zog blitzschnell den Kopf ein. Die fallende Luke verfehlte sie nur knapp und landete mit lautem Krachen in ihrem Rahmen. Spätestens jetzt würden alle Mäuse in ihren Löchern verschwunden sein, etwaige Geister das Weite gesucht haben und selbst ein heimlicher Dachbewohner alarmiert in Deckung gehen.

Alexandra stellte die Kerze windgeschützt auf einer Stufe ab und hob dann mit beiden Händen die Tür wieder an.

Schwaches Mondlicht, das durch ein kleines Dachfenster fiel, erhellte den Raum. Vorsichtig lehnte sie die Luke an den Schornstein zur Linken und griff nach der Kerze. Obgleich ihr das Herz bis zum Hals schlug, stieg sie entschlossen die beiden letzten Stufen hinauf und betrat mutig den Dachboden. Verwundert stellte sie fest, dass er um vieles kleiner war, als sie erwartet hatte. Die Dachschrägen ließen nur einen schmalen Gang, in dem man aufrecht stehen konnte, im übrigen Teil war man gezwungen, sich in leicht gebückter Haltung fortzubewegen. Ein kleiner Holzverschlag, nicht größer als zwei mal drei Meter, dicht umlagert von Korbtruhen und antiken Kleiderständern, zwängte sich in die linke Ecke des Dachbodens. Ringsherum lehnte eine unüberschaubare Anzahl unterschiedlich großer und wertvoll anmutender Wandspiegel. Alexandras Leidenschaft für Antiquitäten ließ sie ihr Unbehagen vergessen und zielstrebig auf die Kammer zulaufen. Voller Enthusiasmus und Entdeckerfreude hoffte sie, im Inneren des Verschlages auf weitere Kostbarkeiten zu stoßen, die der Aufmerksamkeit ihrer Vormieter entgangen waren oder aber in ihnen keine Liebhaber gefunden hatten. Wenn ihre Freundin Nina jetzt hier wäre, würde diese ganz sicher in ein nicht enden wollendes Kreischkonzert ausbrechen. Alexandra beschloss noch im gleichen Moment, die zum Teil in Gold gerahmten Spiegel im gesamten Haus zu verteilen und die Truhen statt ihrer instabilen Ikeaschränke zur Kleideraufbewahrung zu nutzen. Sie stellte die Kerze auf einen kleinen dreibeinigen Tisch, der geradezu dafür geschaffen schien, und zog vorsichtig die Brettertür des Verschlages auf. Ein kurzer flüchtiger Blick in das Innere genügte, um ihr das Blut in den Adern gefrieren zu lassen. Sie hätte schwören können, im Zwielicht des Mondes eine sitzende Gestalt in einem schaukelstuhlähnlichen Gebilde gesehen zu haben. Ihr Instinkt forderte die Flucht, aber der furchtbare Schreck hielt ihre Füße bleiern an Ort und Stelle. Wie gelähmt stand Alexandra mit geschlossenen Augen vor der angelehnten Tür und wagte nicht zu atmen. Einige Sekunden lang herrschte Totenstille, dann drang ein leises Knarren aus dem Inneren der Kammer. Sei es, dass der Wind das Haus zum Ächzen brachte oder ihr eigenes Gewicht die altersschwachen Dielen überbeanspruchte, es reichte aus, ihren Fluchtinstinkt aufs Neue zu aktivieren. Wie von Sinnen rannte sie, ohne nach rechts und links zu sehen, zur Luke und hastete die Treppe hinunter. Auch da blieb sie keine Sekunde, sondern hetzte weiter nach unten und schlug im Vorbeigehen auf sämtliche Lichtschalter, bis der Hausflur hell erleuchtet war.

Sekunden später lehnte sie zitternd am Türrahmen, den Blick starr nach oben gerichtet. Sie fühlte, wie die Angst an ihr hochkroch und ihr mehr und mehr den Atem nahm. »Beruhige dich«, hämmerte es in ihrem Kopf, »und hole um Gottes willen die Kerze vom Dachboden, wenn du nicht willst, dass dir das Haus über dem Kopf abbrennt.« Alexandra schüttelte abwehrend den Kopf. Keine zehn Pferde würden sie dazu bringen, noch einmal nach oben zu gehen, lieber hielt sie die restliche Nacht auf dem Flur stehend Feuerwache und verzichtete auf ihr kuscheliges Deckenlager.

In der darauffolgenden halben Stunde passierte nichts, weder kamen Geräusche vom Dachboden, noch breitete sich von dort ein Brand aus. Langsam kam sie sich albern vor, halbnackt und mittlerweile schlotternd vor Kälte hockte sie auf der Zimmerschwelle und beobachtete argwöhnisch die Treppe zum Obergeschoss. Auch zweifelte sie inzwischen daran, dass es ein Mensch sein könnte, der in einer dunklen Kammer auf ihrem Dachboden saß. Legten nicht die Kleiderständer und Spiegel vielmehr die Vermutung nahe, dass es sich bei der Gestalt um eine Schaufensterpuppe handelte? Diese Erklärung war zwar in Anbetracht der eigenen Hysterie beschämend, beruhigte aber ungemein. Bei der Vorstellung, Nina von dieser ersten Nacht zu erzählen, musste sie nun beinahe lachen.

Sie ließ sämtliche Glühbirnen brennen und schlurfte müde ins Zimmer zurück. Inzwischen war es vier Uhr morgens, bald würde die Sonne aufgehen. Fröstelnd zog sie sich die Decke um die Schultern, lehnte den Kopf an die Wand und schlief binnen Minuten ein.

5.

Die Sonne ging gerade auf, als Alexandra eine Gabelung im Wald erreichte, an deren Wegesrand ein Pfahl mit einem einstmals grünen Schild und der Aufschrift »Lunow 3,5 Kilometer« lag. Ein etwas fahrradfreundlicherer Weg führte nach links, der Weg zur Rechten nahm schon nach wenigen hundert Metern pfadähnliche Züge an. Da nicht erkennbar war, in welche Richtung das Schild ehemals zeigte, entschied sich Alexandra für links. Außerdem meinte sie, am Vorabend an dieser Kreuzung mit dem Lastwagen nach rechts abgebogen zu sein. Aber sicher war sie sich nicht, denn sie hatten weit mehr als eine Wegkreuzung passiert. Die ersten Sonnenstrahlen durchbrachen jetzt das Dickicht der Bäume und verwandelten das kühle Licht des Morgens ganz langsam in ein warmes Gelb. Alexandra liebte diesen bläulich weißen Übergang eines nebelverhangenen Septembermorgens in die Klarheit des Tages.

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