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Nachts in New York

PROLOG

“,Smythe Corp.‘ wird dir gehören – unter einer Bedingung”, erklärte Eliza Smythe und beobachtete ihren einzigen Sohn mit wachsamem Blick.

Stone Lachlan stand im Apartment seiner Mutter in der Park Avenue in New York City lässig an den Marmorkamin gelehnt. Nicht einmal ein Zucken seiner Wimpern verriet irgendeine seiner Emotionen. Er hatte nicht vor, seine Mutter wissen zu lassen, was ihr Angebot ihm bedeutete. Nicht, bis “Smythe Corp.” ihm gehörte, und sie ihm die Firma nicht mehr wegnehmen konnte.

“Und welche Bedingung könnte das sein?” Scheinbar desinteressiert nahm er einen Schluck aus seinem Whiskyglas.

“Du heiratest …”

“Heiraten!” Stone erstickte fast an dem erlesenen Malt Whisky.

“Und wirst sesshaft”, fügte seine Mutter hinzu. “Ich will Enkel, solange ich noch fit genug bin, um mich an ihnen zu erfreuen.”

Heftig setzte Stone das Glas auf der Marmorplatte des Tisches neben ihm ab. Er brauchte einen Moment, um die schmerzlichen Erinnerungen des kleinen Jungen zu vertreiben, dessen Mutter zu beschäftigt gewesen war, um sich um ihn zu kümmern. “Falls du beabsichtigst, dich deinen Enkeln so hingebungsvoll zu widmen wie mir früher, warum hast du dann vor, in den Ruhestand zu gehen? Es kostet nicht viel Zeit, einem Kindermädchen einmal in der Woche Anweisungen zu erteilen.”

Seine Mutter zuckte zusammen. “Ich bedauere, wie du aufgewachsen bist, falls das ein Trost für dich ist”, sagte sie, und er konnte den Kummer in ihrer Stimme hören. “Wenn ich es noch einmal machen müsste …”

“Würdest du es exakt genauso machen”, unterbrach Stone sie. “Du hattest dich völlig dem Unternehmen deiner Familie verschrieben, bis der drohende Bankrott abgewendet war. Und du hast es weitergeführt, weil du die Einzige aus der Familie bist, die übrig geblieben ist.”

Seine Mutter senkte den Kopf und bestätigte so seine Worte. “Wahrscheinlich.” Dann straffte sie ihre Schultern, und es schien Stone, als wolle sie die ihr unangenehmen Gefühle beiseiteschieben, so wie sie auch oft ihn einfach abgeschoben hatte. “Also, wie entscheidest du dich? Akzeptierst du mein Angebot?”

“Ich überlege”, sagte er kühl. “Du stellst harte Forderungen. Warum eine Ehefrau?”

“Du bist fast dreißig Jahre alt. Es ist Zeit für dich, über Erben nachzudenken. Du wirst sowohl für ‚Smythe Corp.‘, als auch für ‚Lachlan International‘ verantwortlich sein und solltest Kinder haben, die deine Nachfolge antreten können.”

Er wünschte, sie würde scherzen, bezweifelte das aber stark. Eine Ehefrau? Er wollte nicht heiraten. Er hatte noch nie die Neigung dazu verspürt. Ein Seelenklempner würde diese Einstellung wahrscheinlich auf die Narben aus seiner Kindheit zurückführen. Aber so, wie es Stone sah, wollte er einfach niemandem außer sich selber Rechenschaft ablegen müssen.

Und wo zum Teufel sollte er eine Ehefrau auftreiben? Oh, eine Frau zum Heiraten zu finden würde einfach sein. Es gab Dutzende junger Debütantinnen, die nach Mr Reich und Richtig Ausschau hielten. Das Problem würde sein, eine zu finden, die er länger als fünf Minuten ertragen konnte. Eine, die ihn nicht ausnehmen würde, wenn die Ehe zu Ende ging. Wenn die Ehe zu Ende ging … Ja, das war es! Er würde eine Ehe auf Zeit eingehen und einer bereitwilligen Frau eine beträchtliche Summe dafür zahlen, dass sie für einige Wochen seine Ehefrau spielte.

“Setz die Papiere auf, Mutter”, sagte er kurz. “Ich werde eine Frau finden.”

“Ich weiß, und deshalb gibt es noch eine Bedingung.”

“Noch eine Bedingung? Setzt du mir etwa ein Zeitlimit, bis wann ich das Problem gelöst haben muss?”

“Nein. Mir wäre es lieber, du wartest, bis du die Richtige gefunden hast. Aber zumindest weiß ich jetzt, dass du darüber nachdenken wirst. Die Bedingung ist, dass deine Ehe mindestens ein Jahr halten muss und dass ihr beide unter einem Dach lebt, bevor dir das Unternehmen überschrieben wird.”

Ein Jahr. Vor seinem geistigen Auge sah Stone schon den Vertrag vor sich. In Ordnung, er würde eine Braut finden. Und in dem Moment, wenn die Tinte unter dem Vertrag mit seiner Mutter trocken wäre, würden sie die Ehe annullieren lassen. Für einen Moment hatte Stone ein schlechtes Gewissen, aber dann beruhigte er sich. Er schuldete seiner Mutter überhaupt nichts. Und es würde ihr recht geschehen, wenn sie dachte, sie könnte sein Leben auf diese Weise manipulieren.

Mit einem Lächeln versuchte er, seine Zufriedenheit zu überspielen. “In Ordnung, Mutter. Wir haben einen Handel abgeschlossen. Ich finde eine Braut, und du gibst mir deinen liebsten Besitz.”

Eliza stand auf. “Ich weiß, ich war nicht gerade eine gute Mutter für dich, Stone, aber ich sorge mich. Deshalb will ich, dass du anfängst, nach einer Frau Ausschau zu halten. Single zu sein kann durchaus für eine Weile seinen Reiz haben, aber man kann sich auch furchtbar einsam dabei fühlen.”

Stone ließ die Worte an sich abprallen. Keinesfalls würde er es zulassen, dass seine Mutter ihn nach all der Zeit zu Tränen rührte. Schließlich war sie diejenige gewesen, die sich entschlossen hatte, zu gehen.

“Wie auch immer.” Eliza ging zur Tür. “Überlege es dir zumindest.” Sie seufzte. “Ich hätte nie gedacht, dass ich das jemals sagen würde, aber ich freue mich tatsächlich darauf, etwas freie Zeit zu haben.”

“Ich habe auch nie geglaubt, dass du das jemals sagen würdest.” Das hatte er wirklich nicht. Seine Mutter ging vollkommen in dem Unternehmen auf, das sie mit fünfundzwanzig übernommen hatte, als ihr Vater gestorben war. Sie liebte es weit mehr, als sie Stone oder ihren Mann geliebt hatte.

Stone hatte sich schon damit abgefunden, noch viele Jahre darauf warten zu müssen, bis er das Unternehmen von seiner Mutter erben würde. Aber er hatte nie aufgehört, davon zu träumen. Jetzt würde er in der Lage sein, seine lange gehegten Pläne umzusetzen. Er würde “Smythe Corp.” mit “Lachlan Enterprises”, das seinem Vater bis zu dessen Tod vor acht Jahren gehört hatte, zu einer Firma vereinigen.

Als seine Mutter sich auf den Weg machte, ging er in sein Büro und dachte immer noch darüber nach, wie er die richtige Frau finden sollte. Eine Ehefrau auf Zeit – warum nicht? Soweit er es beurteilen konnte, war die Ehe ohnehin eine zeitlich befristete Verpflichtung. Eine, die er niemals eingehen wollte. Aber wenn seine Mutter von ihm forderte, dass er heiratete, dann würde er es eben tun.

Er blätterte seine Post durch. Bei einem braunen Umschlag hielt er inne. Der vierteljährliche Bericht über die neuesten Entwicklungen seines Mündels, Faith Harrell.

Faith. Sie war eine linkische Zwölfjährige gewesen, als sie beide das gleiche grausame Schicksal erlitten: Ihre Väter kamen zur gleichen Zeit bei einem Schiffsunglück ums Leben. Er war damals gerade mit dem College fertig und war absolut erstaunt gewesen, als Faiths Mutter ihn gebeten hatte, der Vormund ihrer Tochter zu werden.

Ein Vormund … er? Es klang wie etwas aus dem vorigen Jahrhundert. Aber Stone hatte es nicht übers Herz gebracht, abzulehnen. Mrs Harrell hatte Multiple Sklerose und fürchtete, ihr Zustand würde sich verschlechtern. Hinzu kam, dass sie in ihrer Ehe eine perfekte Dame der Gesellschaft gewesen war, sozial engagiert und ansonsten damit beschäftigt, ihr Haus zu einem komfortablen Heim für ihren Ehemann zu machen. Sie wusste nichts über Geldangelegenheiten und die Geschäftswelt. Die beiden waren schon lange verheiratet gewesen, bevor sie Faith bekommen hatten, und ihr Leben hatte sich um ihre Tochter gedreht. Sein Vater hätte gewollt, dass er für Randall Harrells Familie sorgen würde.

Und so wurde Faith sein Mündel. Er hatte sich um sie und ihre Mutter auch finanziell gekümmert, nachdem er den traurigen Zustand von Randalls Investitionen entdeckt hatte. Der Mann hatte am Rand des Ruins gestanden. Faith und ihre Mutter waren praktisch mittellos. Und so hatte Stone während der folgenden Jahre stillschweigend alle ihre Rechnungen übernommen. Er hatte keinen Sinn darin gesehen, die kranke Witwe und ein junges Mädchen mit dieser Situation zu belasten. Das war es, was sein Vater getan hätte. Außerdem war es bei seinem immensen Vermögen auch kein großes Opfer.

Faith. Der Name beschwor das Bild eines schlanken Schulmädchens in einer adretten Uniform herauf, obwohl er wusste, dass sie keine Uniform mehr trug, seit sie das Internat verlassen hatte. Es war mehr als ein Jahr her, dass er sie gesehen hatte. Sie war zu einem reizenden jungen Ding herangewachsen und jetzt wahrscheinlich noch hübscher geworden. In einigen Monaten würde sie das College abschließen. Und obwohl er sie in letzter Zeit nicht persönlich gesehen hatte, freute er sich über die Neuigkeiten, die der Anwalt geschickt hatte, der die monatlichen Zahlungen an sie und ihre Mutter regelte.

Stone öffnete abwesend den Umschlag und überlegte wieder, wie er eine Ehefrau auf Zeit finden sollte.

Fünf Minuten später rieb er sich frustriert den Nacken, als er mit dem Mann sprach, der ihm die Neuigkeiten über Faith lieferte. “Was meinen Sie damit, dass sie vor zwei Wochen das College verlassen hat?”

1. KAPITEL

Eine große Hand schloss sich fest um ihr Handgelenk, und Faith Harrell, die die Auslage für Damenoberbekleidung des Kaufhauses “Saks” in der Fifth Avenue dekorierte, drehte sich erschrocken um.

“Was zum Teufel tust du hier?”, knurrte eine tiefe männliche Stimme.

Überrascht sah Faith in das wütende Gesicht Stone Lachlans. Ihr Herz machte einen Satz und begann zu hämmern. Sie freute sich so sehr, ihn zu sehen, dass es ihr fast den Atem nahm. Sie hatte Stone nicht mehr getroffen, seit er sie vor einem Jahr zum Mittagessen ausgeführt hatte – sie hätte sich niemals träumen lassen, ihm heute zu begegnen! Ihr Puls hatte zu rasen begonnen, als sie seine Stimme erkannt hatte, und sie hoffte nur, dass er nicht merkte, wie aufgeregt sie war.

“Hallo”, sagte sie lächelnd. “Es ist auch schön, dich zu sehen.”

Stone starrte sie an. “Ich warte auf eine Erklärung.”

Stone war fast zehn Jahre älter als Faith. Ihre Väter waren sehr gute Freunde gewesen, und sie war damit aufgewachsen, Stone und seinen Vater gelegentlich zu besuchen. Sie war dem großen Jungen nachgelaufen, der sie huckepack getragen und ihr geholfen hatte, mit ihm zu tanzen, indem er sie auf seinen Füßen stehen ließ. Bis ihre Väter bei einem Schiffsunglück vor acht Jahren umgekommen waren, war er nur ein freundlicher Bekannter gewesen. Seitdem war Stone ihr Vormund, der dafür sorgte, dass sich die schlimme Krankheit ihrer Mutter nicht durch Stress verschlechterte. Obwohl sie in nur acht Monaten, im November, einundzwanzig Jahre alt werden würde, war er immer noch ihr rechtmäßiger Vormund, nahm Faith an. Doch sie brauchte keinen Vormund, auch wenn sie mittellos war.

Stone. Ihr Magen flatterte nervös vor Freude, und sie ermahnte sich in Gedanken, sich zu beruhigen und sich wie eine Erwachsene zu benehmen. Als Teenager war sie schrecklich in ihn verknallt gewesen.

Er hatte sie geneckt und mit ihr herumgealbert. Und sie war von schlimmem Liebeskummer geplagt gewesen. Obwohl sie sich gesagt hatte, dass es nur eine Vernarrtheit gewesen war, die verfliegen würde, wiesen die Reaktionen ihres Körpers sie jetzt als Lügnerin aus. Lächerlich, sagte sie sich streng. Du hast den Mann seit Monaten nicht gesehen. Du kennst ihn kaum.

Aber seit dem Tod ihres Vaters hatte Stone auf sie achtgegeben, obwohl sein voller Terminkalender ihm offensichtlich nicht erlaubt hatte, sie oft zu besuchen. Er hatte Weihnachten und an ihrem Geburtstag an sie gedacht und ihr gelegentlich von Geschäftsreisen Ansichtskarten geschickt. Kleine, erfreuliche Nachrichten in einer maskulinen Handschrift. Es war nicht viel gewesen, aber genug für ein junges Mädchen auf dem Internat.

Und sie wusste aufgrund seiner unregelmäßigen Briefe, dass er ihre Fortschritte auf dem Internat und dem College kontrollierte.

Und dann hatte sie die Wahrheit herausgefunden.

Die Wahrheit. Die Freude darüber, dass er aufgetaucht war, verschwand.

“Ich arbeite hier”, sagte sie ruhig und mit Würde. Sie sollte wütend auf Stone sein, weil er das getan hatte. Aber sie konnte es nicht verhindern, seine große Gestalt, die hier bei all den femininen Kleidern so fehl am Platz wirkte, anzustarren wie ein liebeskranker Teenie.

“Du bist vom College abgegangen”, sagte er, und sein markantes gebräuntes Gesicht verfinsterte sich.

“Ich habe vorübergehend aufgehört zu studieren”, korrigierte sie ihn. “Ich hoffe, dass ich zwischendurch einige Vorlesungen besuchen kann.” Dann erinnerte sie sich an den Schock und die Demütigung, als sie erfahren hatte, dass Stone seit dem Tod ihres Vaters ihre Ausbildung und ihren Unterhalt bezahlt hatte. “Und ich hätte in keinem Fall dort bleiben können. Ich brauchte einen Job.”

Stone, der die Finger um ihr Handgelenk lockerte, sie aber nicht losließ, verstummte, plötzlich hellhörig geworden. “Warum sagst du das?”

“Du weißt sehr gut, warum, also täusche keine Unschuld vor.” Faith beobachtete ihn einen Moment, unfähig, ein süßsaures Lächeln zu unterdrücken.

Er lächelte nicht. “Geh mit mir zum Mittagessen. Ich möchte mit dir reden.”

Sie dachte einen Moment nach. “Worüber?”

“Über einiges”, sagte er. Seine blauen Augen waren düster. “Du kannst das hier nicht weitermachen.”

Sie lächelte über seine schlechte Laune. “Natürlich kann ich das. Ich bin keine Millionärin. Es hilft mir, die Miete zu zahlen.” Dann erinnerte sie sich an das Geld. “Eigentlich will ich auch mit dir reden.”

“Gut. Lass uns gehen.” Stone wollte sie zur Rolltreppe ziehen, aber Faith leistete Widerstand.

“Stone, ich arbeite hier. Ich kann nicht einfach gehen. Ich muss erst meine Vorgesetzte fragen, wann ich Mittagspause machen kann.”

Er hielt immer noch ihr Handgelenk fest, und sie fragte sich, ob er ihren hämmernden Puls unter seinen Fingern spürte. Einen langen Moment schaute er ihr prüfend ins Gesicht, dann nickte er kurz und bestimmt. “In Ordnung. Beeil dich.”

Faith drehte sich um und ging wie eine Lady in den hinteren Teil des Geschäfts. Sie weigerte sich, Stone merken zu lassen, wie sehr er sie aus der Fassung brachte. Unaufhörlich schossen ihr Erinnerungen durch den Kopf.

Als er einige Monate nach der Beerdigung zu Besuch gekommen war, um ihr gemeinsam mit ihrer Mutter mitzuteilen, was sie beschlossen hatten, war er bedrückt und sehr ernst gewesen. Trotzdem hatte er gut ausgesehen. Mehr denn je hatte sie sich von seiner charismatischen Ausstrahlung angezogen gefühlt. Er hatte über die Freundschaft ihrer Väter seit ihrer Zeit auf dem College gesprochen, aber sie hatte auch schon vorher gewusst, dass er sich für sie verantwortlich fühlte. Das war einfach seine Art.

Er beabsichtige, sie weiterhin auf ein privates Internat in der Nähe ihrer Mutter zu schicken. Und er versprach sicherzustellen, dass ihre Mutter wie bisher ärztlich betreut wurde. Sie solle sich keine Sorge machen, hatte er gesagt. Sie wusste es damals noch nicht, aber ihr Vater war bei seinem Tod fast zahlungsunfähig gewesen, und Stone hatte einfach die Schuldenlast ihrer Familie übernommen.

“Faith!”, flüsterte ihr eine der anderen Verkäuferinnen zu. “Wer ist dieser tolle Mann dort hinten? Ich habe gesehen, dass du mit ihm geredet hast.”

Faith bahnte sich den Weg durch die im Gang versammelten Kolleginnen. “Ein Freund der Familie”, antwortete sie. Dann sah sie Doro, ihre Vorgesetzte. “Wann habe ich heute meine Mittagspause?”

Doros Augen blitzten genauso neugierig wie die der anderen Frauen. “Will er, dass du mit ihm essen gehst?”

Wortlos nickte Faith.

“Das ist Stone Lachlan!” Eine weitere Angestellte eilte aufgeregt herbei. “Vom Stahl-Imperium ‚Lachlan‘. Und seine Mutter ist Eigentümerin von ‚Smythe Corp.‘ Hast du eine Ahnung, wie viel der wert ist?”

“Wen interessiert das?”, fragte eine andere. “Er könnte keinen Cent haben, und ich würde ihm dennoch überallhin folgen. Was für ein toller Typ!”

“Ruhe.” Doro schickte die anderen zurück zur Arbeit und meinte zu Faith: “Geh jetzt gleich!” Sie schob Faith zurück in Stones Richtung.

Faith war amüsiert, aber sie wusste ja um Stones Wirkung. Er zog Frauen unwiderstehlich an.

Ruhig holte sie ihre Tasche und ihren schwarzen Wollmantel, der im März in New York City immer noch notwendig war. Dann ging sie zurück in den vorderen Teil des Geschäfts, wo Stone wartete. Als er ihr in den Mantel half und sanft ihre Haare über den Kragen legte, spürte sie seine warmen Finger an ihrem Nacken und erschauerte.

Auf der Straße wartete ein Taxi auf sie, und nachdem er ihr beim Einsteigen geholfen hatte, setzte Stone sich neben sie. “Rainbow Room”, sagte er zum Fahrer.

Faith saß ruhig da und genoss den Moment so intensiv wie möglich. Dies könnte sehr gut das letzte Mal sein, dass sie zusammen essen würden. Tatsächlich könnte es sogar das letzte Mal sein, dass sie ihn sehen würde. Als sie jünger gewesen war und Stone sie im Internat besucht hatte, hatte er sie ab und zu zum Essen ausgeführt. Sie hatte nie gewusst, wann er auftauchen und sie einen Nachmittag lang entführen würde, aber sie hatte für diese Besuche gelebt. Doch sie und Stone verkehrten jetzt in unterschiedlichen Welten, und es war unwahrscheinlich, dass sich ihre Wege weiterhin kreuzen würden.

Im Restaurant wurden ihnen sofort ihre Plätze zugewiesen. Nachdem Stone die Bestellung aufgegeben hatte, nahm er eine kämpferische Haltung ein und durchbohrte Faith förmlich mit seinem Blick. “Du kannst nicht als Verkäuferin arbeiten.”

“Warum nicht? Millionen Frauen tun das, und es scheint ihnen nicht zu schaden.” Faith spielte mit ihrem Wasserglas, während sie ihn ansah. “Außerdem habe ich keine Wahl. Du weißt, dass ich kein Geld habe.”

Er hatte den Anstand wegzuschauen. “Es ist für dich gesorgt worden”, entgegnete er barsch.

“Ich weiß, und ich weiß es zu schätzen. Aber ich kann dein Geld nicht annehmen. Ich möchte gern wissen, wie viel ich dir für alles, was du in den vergangenen acht Jahren für uns getan hast, schulde.”

“Ich habe dich nicht gebeten, mir etwas zurückzuzahlen.”

Sie merkte, wie sie zurückschreckte, als er finster das Gesicht verzog. “Trotzdem”, sagte sie so fest, wie sie es mit ihrem sich nervös zusammenziehenden Magen vermochte. “Ich werde es tun. Es wird einige Zeit dauern, aber wenn wir eine Aufstellung ausarbeiten …”

“Nein.”

“Wie bitte?”

“Ich sagte Nein, du kannst es mir nicht zurückzahlen.” Er wurde lauter. “Verdammt, Faith, dein Vater hätte für mich dasselbe getan. Ich habe deiner Mutter versprochen, mich um dich zu kümmern. Sie vertraut mir. Außerdem ist es Ehrensache. Ich tue nur, was mein Vater getan haben würde.”

“Ah, aber dein Vater hat keine Investitionen riskiert, die sein Vermögen zunichte gemacht haben”, sagte sie und konnte nicht verhindern, dass ihre Wangen vor verletztem Stolz heiß wurden.

“Er könnte es getan haben. Außerdem”, sagte Stone, “hat es kein Loch in meine Brieftasche gerissen. Als ich das letzte Mal nachgesehen habe, waren noch einige Millionen übrig.”

Sie schüttelte den Kopf. “Mir ist trotzdem nicht wohl dabei, dein Geld anzunehmen. Hast du eine Vorstellung davon, wie ich mich fühlte, als ich erfuhr, dass ich all die Jahre von deinem Geld gelebt habe?”

“Wie hast du es herausgefunden?” Stone ignorierte ihre Frage.

“Im Februar bin ich zur Bank gegangen. Ich dachte, es wäre gut, mich schon mal über die Investitionen meines Vaters zu informieren, da du nach meinem einundzwanzigsten Geburtstag nicht mehr für mich verantwortlich sein wirst. Ich habe angenommen, dass ich mich dann auch um die Finanzen meiner Mutter kümmere. Da erfuhr ich, dass alle Ausgaben meiner Familie in den letzten acht Jahren von dir übernommen worden sind.” Obwohl sie sich geschworen hatte, ruhig zu bleiben, füllten sich ihre Augen mit Tränen. “Ich war entsetzt. Man hätte es mir sagen müssen.”

“Und was hätte das gebracht, außer dir unnötig Kummer zu bereiten?”

“Ich hätte direkt nach der High School einen Job annehmen und mich selber ernähren können.”

“Faith”, entgegnete er mit schlecht verborgener Ungeduld. “Du warst noch nicht einmal dreizehn Jahre alt, als dein Vater starb. Denkst du wirklich, ich hätte dich und deine Mutter damit allein fertig werden lassen?”

“Das ist keine Entscheidung, die du zu treffen hattest”, beharrte sie mit störrischem Stolz und blinzelte die aufsteigenden Tränen fort.

“Doch, das war es”, sagte er in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete. “Und das ist es noch immer. Deine Mutter hat mich zu deinem Vormund ernannt. Außerdem, wenn du deine Ausbildung beendet hast, wirst du leicht eine Menge besserer Jobs als diesen bekommen können.”

“Kennt meine Mutter die Wahrheit?”

Stone schüttelte den Kopf. “Sie glaubt, ich kontrolliere die Investitionen und bezahle die Rechnungen aus eurem Einkommen. Ihre Ärzte sagten mir, dass Stress schlecht für MS-Patienten ist. Warum sollte ich ihr unnötig Kummer bereiten?”

Das machte Sinn. Und objektiv gesehen bewunderte Faith sein Mitgefühl. Aber daran zu denken, wie viel Geld er ausgegeben hatte, entsetzte sie immer noch.

Der Kellner servierte ihnen das Essen, und bis ihre Vorspeisen aufgetragen waren, stockte die Unterhaltung.

Stone schien in Gedanken offensichtlich mit etwas anderem beschäftigt zu sein.

Faith hasste es, ihn von seiner Arbeit abzuhalten, aber als sie ihm das sagte, antwortete er: “Du bist die Einzige, die heute auf meinem Terminplan steht.”

Darauf konnte sie nun wirklich nichts erwidern und unterdrückte ein Lächeln. “Wenn das so ist”, sagte sie schließlich, “möchte ich gern eine Aufstellung darüber machen, wie viel ich dir schulde …”

“Bitte mich nicht noch einmal darum.” Stones tiefe Stimme vibrierte vor unterdrücktem Ärger.

Sie gab auf. Wenn Stone es ihr nicht sagen wollte, konnte sie den Betrag zumindest grob schätzen, indem sie die Gebühren für das Internat und das College und die Kosten für ihren Lebensunterhalt addierte. Es sollte auch möglich sein, vom Arzt eine Aufstellung über die Behandlungskosten für ihre Mutter zu bekommen. “Ich muss bald zur Arbeit zurück”, erklärte sie kühl.

Stone musterte sie. “Zum Teufel”, sagte er. “Du bist immer noch verärgert. Da kann ich dir genauso gut jetzt alles auf einmal sagen.”

“Ich würde es vorziehen, wenn du in meiner Gegenwart nicht fluchst.” Dann wurde ihr bewusst, was er gesagt hatte. “Was meinst du?”

“Du gehst nicht zurück zur Arbeit.”

“Verzeihung?” Ihre Stimme klang frostig.

Er zögerte. “Ich habe mich schlecht ausgedrückt. Ich möchte, dass du mit der Arbeit aufhörst.”

Sie starrte ihn an. “Bist du verrückt? Und wovon soll ich leben?”

“Ich habe dir doch gesagt, dass ich für dich sorgen würde.”

“Ich kann selber für mich sorgen. Ich will nicht immer Verkäuferin bleiben. Im Sommer, wenn das Semester beginnt, werde ich Abendvorlesungen am College besuchen.” Trotz ihrer Anstrengung, ruhig zu bleiben, erhob sie die Stimme. “Auf diese Weise wird es länger dauern, aber ich werde meinen Abschluss machen.”

“Welche Fächer willst du belegen?”

Faith musterte ihn argwöhnisch. Seine plötzliche Kapitulation kam unerwartet.

“Geschäftsführung und Computerprogrammierung. Ich würde mich gern bald mit Web Design selbstständig machen.”

“Du bist sehr ehrgeizig.”

“Das ist auch notwendig. Mamas Zustand verschlechtert sich. Sie wird bald rund um die Uhr betreut werden müssen. Ich muss in der Lage sein, die Mittel dafür zur Verfügung zu stellen.”

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