Logo weiterlesen.de
Nachtruf

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der
gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Die Handlung und Figuren dieses Romans sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.

In Erinnerung an meine Mutter.

Sie zeigte mir, wie aufregend ein gutes Buch an einem verregneten Tag sein kann.

1. KAPITEL

Trevor Rivette wartete in Obduktionssaal drei im Keller des All Saints Hospital. In dem Gespräch, das gerade im Flur geführt wurde, ging es um ihn. Die Tür stand einen Spaltbreit offen. Er lauschte aufmerksam, während er den Blick durch den fensterlosen Raum schweifen ließ, in dem der scharfe Geruch eines Antiseptikums hing.

„Der FBI-Mann ist bei der Leiche. Er meint, er wäre gerade angekommen.“

Der schwere Akzent gehörte zu Douglas Semer, Gerichtsmediziner im Orleans Parish, den Trevor kurz zuvor kennengelernt hatte. Semer war ein blasser, älterer Mann mit dicken Brillengläsern, durch die er etwas eulenhaft wirkte. Er hatte Trevor bei dessen Ankunft mit leichtem Misstrauen begrüßt.

„Wie lange wartet er schon?“, fragte der andere Mann.

„Eine halbe Stunde vielleicht.“

Ein Dritter meldete sich zu Wort. Seine Stimme klang heiser, als hätte er sein ganzes Leben lang Zigaretten geraucht. „Hat er gesagt, warum sich die Leute vom FBI für unsere Leiche interessieren?“

„Nein. Ich habe ihm erklärt, ich müsse warten, bis das NOPD da wäre. Erst dann könne ich ihm meinen abschließenden Untersuchungsbericht geben.“ Semers Antwort hatte einen Unterton, als wollte er sagen: Wir Jungs hier im Ort halten zusammen.

Trevor blickte wieder auf den Obduktionstisch aus Edelstahl, auf dem der nackte Körper des Opfers lag. Die Lippen des Mädchens waren blau angelaufen und leicht geöffnet, das rötlich blonde Haar umrahmte das Gesicht. Eine Stütze aus Gummi war unter den Kopf geschoben worden, um den Leichnam für die Autopsie in die richtige Position zu bringen. Der Y-Schnitt, der an den Schultern des Mädchens ansetzte und dann ab dem Brustbein in einer Linie bis hinunter zum Schambein verlief, zeigte, dass Semer seine Arbeit beendet hatte.

Das Mädchen war höchstens sechzehn gewesen und damit wesentlich jünger als die anderen Opfer. Noch ein halbes Kind, weshalb dieser Tod erst recht sinnlos und brutal wirkte. Trevor stieß einen Seufzer aus und starrte auf den Schriftzug an der Wand des Obduktionssaals. Es war Latein, doch er übersetzte die Worte spielend.

Dies ist der Ort, an dem der Tod mit Freude lehrt.

Na ja. Wenn es um tote Frauen auf einem Stahltisch ging, hatte er das Gefühl, schon so viel gelernt zu haben, dass es für mehr als ein Leben reichte.

Die Tür zum Obduktionssaal schwang auf, und Semer trat ein. Ihm folgten die beiden Männer, mit denen er sich gerade im Flur unterhalten hatte.

„Detectives McGrath und Thibodeaux, das ist Agent Rivette vom FBI.“ Nachdem Semer sie einander vorgestellt hatte, machte Trevor einen Schritt nach vorn, um den Detectives die Hand zu reichen. Der erste, McGrath, war mittleren Alters und stämmig, mit beginnender Glatze und Schnurrbart. Sein Partner Thibodeaux war ein schlaksiger Afroamerikaner, dessen Haar an den Schläfen allmählich grau wurde. Wie Trevor trugen die beiden ihre Waffen in einem Holster am Gürtel.

McGrath warf einen vielsagenden Blick auf den Besucherausweis, der an Trevors Revers befestigt war. „Also, Special Agent Rivette, Semer sagt, Sie sind aus dem Norden. Heißt das, Sie kommen von der Außendienststelle in Mobile?“

Bei McGraths Scherz deutete Trevor ein Lächeln an. „Etwas nördlicher als Mobile, Alabama. Aus D. C., um genau zu sein. Ich bin von der Violent Crimes Unit, der Abteilung für Gewaltverbrechen.“

„VCU, hm? Nicht schlecht.“ McGraths Miene nach zu urteilen, beeindruckte ihn das allerdings nicht sonderlich.

Trevor fuhr fort: „Ich war auf dem Weg zu Ihrer Dienststelle, um einen Blick auf die Fotos vom Tatort zu werfen, aber ich wollte zuerst hier vorbeikommen und sehen, ob der Obduktionsbericht schon fertig ist.“

„Nur ein vorläufiger“, erklärte Semer. „Ich habe noch nichts schriftlich festgehalten, und die Ergebnisse der toxikologischen Untersuchung werden nicht vor morgen da sein …“

„Rivette. Der Name klingt, als wären Sie aus der Gegend“, mischte sich Detective Thibodeaux ein. Er lehnte an der Front der in die Wand eingebauten Leichenkühlfächer und sah Trevor voller Interesse an. „Genealogie ist ein Hobby von mir. Wenn ich mich nicht irre, ist Ihr Nachname französisch, stimmt’s?“

Trevor nickte leicht. „Ich habe Familie hier.“

Als er nicht weiter darauf einging, wandte Thibodeaux seine Aufmerksamkeit dem Leichnam zu. „Ist dieses Mädchen was Besonderes, Agent? Sie haben dafür einen weiten Weg zurückgelegt.“

„Es geht nicht so sehr um das Opfer, als vielmehr um die Art und Weise, wie die Kleine ermordet worden ist.“ Über dem Obduktionstisch hing ein Mikrofon, in das der Gerichtsmediziner seine Untersuchungsergebnisse diktierte. Trevor schob es beiseite, damit er sich über die Leiche beugen konnte, und zeigte auf die Wunde unter dem Unterkiefer des Mädchens. „Die Drosselvene und die Halsschlagader wurden mit einem einzigen Schnitt durchtrennt. Dieses Muster passt zu einer Mordserie, die in den letzten achtzehn Monaten in mehreren Städten des Landes verübt worden ist. Allen Opfern wurden die Hände mit einem Rosenkranz gefesselt. Laut ViCAP-Datenbank, in der wir alle Mordfälle erfassen, passt Ihr Opfer in dieses Raster.“

McGrath tippte mit einem Kugelschreiber auf den Notizblock in seiner Hand. „Sie meinen also, wir haben einen Serienkiller in New Orleans?“

„Ich bezweifle, dass die Übereinstimmungen zufällig sind. Die Vorgehensweise ist viel zu ähnlich. Darum bin ich hierhergeflogen.“

„Um unseren Fall zu übernehmen.“

Trevor starrte auf einen offenen Schrank, in dem die Obduktionsinstrumente lagen – darunter ein Rippenspreizer und eine Knochensäge. Er war auf Widerstand vorbereitet. „Hören Sie, ich weiß, dass die hiesige Polizei und das FBI dafür bekannt sind, nicht gut miteinander auszukommen …“

„Wie Atheisten im Vatikan“, murmelte Thibodeaux.

„Doch das muss nicht für diesen Fall hier gelten“, betonte Trevor. „Mir ist es egal, wer für was die Lorbeeren einheimst – ich will diesen Kerl schnappen. Wir können diesen Mord gemeinsam bearbeiten und Informationen austauschen, oder wir arbeiten getrennt. Aber das hier ist New Orleans, und wenn ich einen Blick in die Kriminalitätsstatistik werfe, haben Sie einige Fälle, die noch aufgeklärt werden müssen.“

Thibodeaux kniff argwöhnisch die Augen zusammen. „Also schwebt Ihnen ein Deal vor – nach dem Motto: Eine Hand wäscht die andere?“

„So in der Art.“

McGrath rieb sich das Kinn und fragte: „Wie viele Opfer gibt es schon?“

„Fünf, dieses Mädchen mit eingerechnet.“

„Wo?“

„In D. C., Atlanta, Memphis und Raleigh. Und jetzt hier. Die gute Nachricht für Sie ist: Der Täter verfolgt offenbar eine Strategie, nach der es pro Stadt nur ein Opfer gibt. Vielleicht ist er schon längst weitergezogen, was bedeutet, dass auch ich bald wieder verschwinden werde.“

„Und wenn nicht?“, fragte Thibodeaux.

„Dann haben wir ein größeres Problem als nur eine Leiche.“

McGrath kratzte sich mit dem Kugelschreiber hinter dem Ohr. „Haben die Medien dem Scheißkerl schon einen Namen verpasst?“

Trevor verschränkte die Arme vor der Brust. „Die Presse hat die Morde bislang noch nicht miteinander in Zusammenhang gebracht. Wahrscheinlich wegen der weit auseinanderliegenden Tatorte. Bestimmte Details haben wir bewusst geheim gehalten. Wir nennen ihn den Vampir – wegen seiner Tötungsmethode und weil einige der Opfer auch Verbindungen zur Gothic-Szene ihres Wohnortes hatten.“

„Unser Opfer hier wurde in einem verlassenen Haus auf der Tchoupitoulas gefunden, weit entfernt von jeglichem Nachtleben“, sagte Thibodeaux. „Die bläulichen Hautverfärbungen deuten allerdings darauf hin, dass das Mädchen einige Stunden nach seinem Tod bewegt wurde. Außerdem passt die Blutmenge am Tatort nicht zu den schweren Verletzungen, die der Typ der Kleinen zugefügt hat.“

McGrath wandte sich dem Gerichtsmediziner zu. „Da wir gerade davon sprechen: Ist die Identität der Toten schon bekannt?“

„Nein, bislang noch nicht“, entgegnete Semer, der den Wink sofort verstand. Er ging zum Obduktionstisch, schaltete die Lampe ein und nahm sich ein Paar Latexhandschuhe. „Bereit für das volle Programm?“

Im harten Licht wirkte die aschfahle Haut des toten Mädchens beinahe durchsichtig. Um die Y-förmige Narbe herum war der Körper eingesunken, nachdem die inneren Organe entfernt worden waren.

McGrath wurde blass. „Gott, Semer. Was Sie mit dem Zeug machen, das Sie aus den Leichen rausholen, will ich gar nicht wissen.“

„Dann werde ich es Ihnen auch nicht sagen.“ Semer richtete seinen Blick auf Trevor. „Aber Agent Rivette hat recht – der Schnitt am Hals war die Todesursache. Sie ist im Grunde verblutet. Ungefähr vierzig Prozent Blutverlust.“ Mit seiner behandschuhten Rechten zeigte er auf die anderen Wunden am Körper der Toten. „All diese Schnitte, von denen die meisten oberflächlich sind, wurden der Kleinen vor dem Tod zugefügt.“ Er schob seine Brille ein Stück die Nase hinauf. „Wenn Sie meine Meinung hören wollen: Der Scheißkerl hatte seinen Spaß mit der Kleinen, bevor sie starb.“

Der Faubourg Marigny District war früher eine Arbeitergegend gewesen. Im Laufe der Jahre hatte sich einiges zum Besseren gewendet, doch die Häuser in dieser Ecke von New Orleans wirkten auf Trevor Rivette noch immer vertraut. Natürlich hatten die neuen Bewohner Veränderungen vorgenommen. Die Häuser passten nun besser zu den BMWs und Volvos, die entlang der von Bäumen gesäumten Straße parkten. Die Wagen gehörten den Familien der aufstrebenden Mittelschicht, die inzwischen diese Gegend bewohnten und den Wert der Anwesen nach oben trieben. Wie die Nachbarhäuser war auch das alte Cottage im Kolonialstil nicht länger in biederem Weiß gehalten. Es leuchtete in einem kräftigen Himbeerrot, die geschnitzten Zierleisten waren gepflegt und setzten einen Farbakzent in Pink. Ein schmiedeeiserner Zaun umgrenzte den Garten, und auf der überdachten vorderen Veranda standen Schaukelstühle aus Rattan neben Tontöpfen mit grünen Farnen. Von seinem Aussichtspunkt auf dem Bürgersteig aus hörte Trevor Kinderlachen, das von irgendwo die Straße herunter zu ihm drang. Ein Windspiel auf der Veranda klimperte in der milden Luft des frühen Abends.

Man hätte meinen können, dies wäre ein wunderbarer Ort, um aufzuwachsen. Aber er wusste es besser.

Trevor öffnete das Gartentor und spazierte den kurzen Weg zur Veranda hoch. Als er auf den weiß getünchten Holzdielen stand, zog er seine Hand aus der Tasche seiner Jeans und rieb sich kurz die Stirn. Dies war jetzt Annabelles Haus. Die Geister, die hier lebten, würden ihn nur dann verfolgen, wenn er es ihnen erlaubte.

Sie hatte anscheinend auf ihn gewartet, denn die Tür wurde geöffnet, bevor er klopfte. Annabelle Rivette lächelte und zog ihren Bruder in die Arme. Als sie ihn schließlich wieder freigab, blickte Trevor in ihr Gesicht. Annabelle hatte sich kaum verändert. Ihr welliges braunes Haar und die himmelblauen Augen waren ganz genau so, wie er sie in Erinnerung hatte.

„Es ist lange her, Trevor“, sagte sie.

„Viel zu lange“, gab er zu. Wie viel Zeit hatte er verstreichen lassen. Vor drei Jahren war er zum letzten Mal in New Orleans gewesen. Damals war ihre Mutter beerdigt worden. Er war kurz vor dem Gottesdienst eingetroffen und bald danach wieder abgereist. Er war nach Richmond beordert worden, wo es einen Doppelmord gegeben hatte. Doch sowohl er als auch Annabelle wussten, dass es ihm auch ohne seine beruflichen Verpflichtungen beim FBI schwergefallen wäre, zu bleiben.

Eine Kinderstimme drang leise aus dem Inneren des Hauses, und Annabelle ließ Trevor von der Veranda ins Wohnzimmer. Hier hatte sich so gut wie alles verändert. Der Raum mit den hohen Wänden war in Blau und Beige gestrichen, und ein großer Teppich bedeckte den Holzboden. Jalousien hatten die schweren Vorhänge vor den Fenstern ersetzt. Das steif wirkende alte Mobiliar war ebenso verschwunden, verbannt zugunsten einer dick gepolsterten Couch und eines dazu passenden Sessels mit Hocker. Selbst der Kaminsims, der noch aus der Entstehungszeit des Hauses stammte und aus Zypressenholz geschnitzt war, hatte seine dunkle Farbe verloren. Er war in Weiß übermalt und der uralte Spiegel, der früher über dem Sims hing, war durch ein heiteres Bild vom French Quarter ersetzt worden.

„Da bist du ja“, sagte Annabelle, als ein kleines Mädchen ins Zimmer kam. „Haley, das ist dein Onkel Trevor.“

Haley starrte ihn kindlich offen an. Ein Plüschtier – eine lilafarbene Angorakatze, die aussah, als hätte sie schon bessere Tage erlebt – baumelte in ihrer Hand. Ein paar Strähnen ihres lockigen Haars waren aus dem Pferdeschwanz gerutscht. Sie streifte sie leicht ungeduldig aus ihrem Gesicht.

„Ich habe dich nicht mehr gesehen, seit du ein Baby warst“, sagte Trevor.

„Ich bin aber kein Baby mehr. Ich bin fünf Jahre alt.“ Sie spreizte ihre kleine Hand und hielt sie hoch.

Er lächelte, als er sich hinkniete, um auf Augenhöhe mit seiner Nichte zu sein. „Ich meinte nur, dass deine Mom mir zwar Fotos von dir geschickt hat, aber dass ich gar nicht mitbekommen habe, wie groß du inzwischen geworden bist.“

Haley schwang die abgeliebte Katze hin und her und ließ Trevor dabei nicht aus den Augen. „Du siehst aus wie Onkel Brian.“

Ihm zog sich das Herz zusammen, als der Name seines Bruders fiel. Er dachte an Brians dunkles Haar und die blaugrauen Augen, die den seinen so sehr ähnelten. „Ja, ich glaube, das stimmt.“

„Mommy sagt, du hast eine Pistole, genau wie ein Polizist. Hast du sie mitgebracht?“

„Ich habe sie im Hotel gelassen.“ Seine private Zweitpistole, eine .380 Beretta Halbautomatik, erwähnte er nicht. Sie steckte gut verborgen im Holster an seinem Knöchel. „Es ist gefährlich so eine Waffe bei sich zu haben, weißt du?“

„Und warum hast du dann eine?“

Trevor blickte zu Annabelle. Das Grinsen auf ihrem Gesicht schien zu sagen: „Tja, so ist sie …“

„Das Abendessen ist bald fertig, mein Schatz“, sagte sie zu Haley. „Warum gehst du nicht eine Weile spielen? Onkel Trevor und ich wollen noch über Erwachsenenzeug reden.“

„Kann ich Zeichentrick schauen?“

„Tu, was du nicht lassen kannst“, antwortete Annabelle seufzend, und Haley verschwand im Flur. „Ich danke Gott für die Erfindung des Fernsehens.“ Sie sah zu Trevor, der schweigend neben ihr gestanden hatte und jetzt den Blick durchs Zimmer schweifen ließ. „Möchtest du etwas trinken?“

„Nur ein Mineralwasser, wenn du hast.“

Er folgte ihr in die kleine Küche. Trendige mexikanische Fliesen hatten das abgenutzte Linoleum ersetzt, und die neuen Küchenfronten erstrahlten in gedecktem Weiß. Ein Topf stand auf dem Herd, und der Duft von Tomaten und pikanten Peperoni erfüllte den Raum. Auf der Küchentheke stand anstelle der altertümlichen Kaffeemaschine, die Trevor noch aus Kindertagen kannte, eine neue moderne Maschine. Wie im Wohnzimmer war auch hier alles frisch und neu. So als hätte Annabelle geglaubt, das Karma des Hauses verändern zu können, wenn sie die Einbauten und Bodenbeläge herausriss und die Wände mit einer Schicht Farbe bedeckte. Das Bild eines grobschlächtigen Mannes, der mit erhobener Faust auf ihn zustürmte, ergriff ihn und raubte ihm den Atem, bevor es so rasch wieder verschwand, wie es gekommen war. Trevor berührte die Narbe an seinem Kinn.

Sein Beweis, dass die Vergangenheit wirklich existierte.

„Geht es dir gut?“

„Ja.“ Er nickte. Trotz der langen Trennung hatte seine Schwester immer noch die Fähigkeit, in seinem Gesicht zu lesen.

Annabelle hatte sich ebenfalls ein Mineralwasser aus dem Kühlschrank geholt und setzte sich nun zusammen mit Trevor an den Tisch. Er nahm einen Schluck aus der Dose, von der das Kondenswasser tropfte, und starrte aus dem Fenster in den kleinen, von einer alten Ziegelmauer umgebenen Hinterhof. Die Blätter einer massiven, mit Moos behangenen Virginia-Eiche überdachten fast den gesamten Hof. Auch eine Kinderschaukel, die etwas weiter entfernt stand, lag im Schatten des mächtigen Baumes. Durch die Äste hindurch konnte er den Himmel erkennen und bemerkte, wie das Licht des Tages allmählich der Dämmerung wich.

„Sawyer Compton lässt dich grüßen“, sagte Annabelle. Sawyer war ein alter Freund, der ein paar Straßen weiter aufgewachsen war. Er hatte an der Louisiana State University Football gespielt und danach Jura studiert. Trevor wusste, dass er mittlerweile als stellvertretender Bezirksstaatsanwalt für die Stadt New Orleans arbeitete.

„Wie geht es ihm?“

Sie lächelte, während sie die Dose Mineralwasser an ihre Lippen hob. „Vielleicht solltest du dableiben und es selbst herausfinden. In ein paar Wochen veranstaltet er sein jährliches Flusskrebskochen – die Party des Jahres.“

„Du weißt, warum ich hier bin, Anna.“

Ihre Miene wurde ernst. „Dein Job. Das ist das Einzige, das dich dazu bringen kann, nach Hause zu kommen – abgesehen von einer Familienkrise. Wie lange bleibst du?“

„Ich weiß es noch nicht.“

„Aber nicht länger als unbedingt nötig?“ Als er nicht antwortete, wurde Annabelle weicher. „Du siehst müde aus, Trevor …“

Ihre Stimme erstarb, als er sich vorbeugte und ihre Hand ergriff. Der Ärmel ihrer Baumwollbluse rutschte hoch, und sein Blick fiel auf ihr Handgelenk. Annabelle flüsterte seinen Namen, doch er hielt sie fest. Mit den Fingern strich er behutsam über die Narbe. Er wusste, dass es am anderen Handgelenk, das sie unter dem Tisch vor seinen Augen verbarg, eine weitere gab. Trevor runzelte die Stirn.

„Triffst du ihn manchmal, Anna?“

„Dad?“ Sie schüttelte den Kopf. „Nein.“

„Trifft Brian sich mit ihm?“

„Das bezweifle ich.“

Trevor nickte, sagte jedoch kein Wort. Annabelle zog langsam ihre Hand zurück, ging zum Herd und rührte das Essen mit einem Holzlöffel um. Sie öffnete die Ofenklappe, warf einen prüfenden Blick auf das Brot und stellte den Grill an, damit die Kruste braun wurde.

„Pass auf, dass ich nicht vergesse, es rechtzeitig rauszuholen.“ Sie schloss die Ofentür, drehte sich um und holte Teller aus einem Wandschrank. In diesem Moment erinnerte sie Trevor an ihre Mutter. Wehmütig dachte er an die besseren Zeiten, als ihre Mom noch nicht getrunken hatte.

Annabelle lehnte sich an die Küchentheke, als sie wieder sprach. „Du bist überrascht, dass ich immer noch hier wohne, nicht wahr?“

„Ja, ich glaube schon.“

„Es gibt hier auch ein paar schöne Erinnerungen. Es hat mich viel Zeit gekostet, mir das klarzumachen. Aber du, Brian und ich sind schließlich immer noch eine Familie.“ Annabelle ging mit den Tellern und einem Stapel Papierservietten zum Tisch. Trevor stand auf, nahm ihr die Teller ab und deckte ein, während sie das Besteck aus einer Schublade neben der Spüle holte. Als sie zurückkam, sagte sie: „Als Scott und ich uns trennten, gab es, um ehrlich zu sein, keinen anderen Ort, wo ich hätte hingehen können. Haley und ich brauchten ein Zuhause, und Mom hat dieses Haus uns allen vererbt.“

„Du hast ein richtiges Schmuckstück daraus gemacht.“

„Brian und Alex waren mir eine große Hilfe. Sie haben das Haus gestrichen, den neuen Küchenboden verlegt und die Veranda repariert.“

„Anna, das Brot.“

Mit einem Geschirrtuch als Topflappenersatz nahm sie das Brot aus dem Ofen und legte es auf die Herdplatte. „Ein Drittel des Hauses gehört dir, das weißt du. Bei den Preisen, die sie heutzutage hier in Marigny erzielen …“

„Ich möchte nichts. Es reicht mir, wenn du und Haley hier glücklich seid. Ich werde dir meinen Anteil am Haus überschreiben, wenn du willst.“

„Brian hat dasselbe gesagt, doch ich finde es schöner, wenn wir alle weiterhin ein Stück vom Haus besitzen.“ Sie schwieg und fuhr mit den Händen über ihre Jeans. „Du musst mir übrigens keine Schecks mehr schicken, Trevor. Ich stehe wieder auf eigenen Füßen und arbeite jetzt vier Tage die Woche in Alex’ Galerie. Ich mache die Buchführung. Sobald ich kann, zahle ich dir das Geld zurück.“

Er zuckte mit den Schultern. Es waren bloß ein paar Hundert Dollar im Monat gewesen, aber er dachte, seine Schwester könnte das Geld für Haley gebrauchen. Die Unterhaltszahlungen von Scott kamen eher unregelmäßig. „Du musst mir das Geld nicht zurückgeben. Zahl es einfach in Haleys Ausbildungsfonds, okay?“

Annabelle sah Trevor tief bewegt an. Dann ging sie zu ihm und umarmte ihn.

„Es ist schön, dass du da bist“, flüsterte sie. Für einen Moment hielt er seine Schwester in den Armen. Als sie sich voneinander lösten, bemühte sie sich, die Tränen zu verbergen, die in ihren Augen schimmerten. „Das Essen ist fertig. Ich hole Haley. Sie wäscht sich nicht die Hände, wenn man nicht neben ihr steht.“

Trevor betrachtete den Tisch. Ihm war schon aufgefallen, dass nur für drei gedeckt worden war.

„Brian fliegt mit Alex’ Cessna runter nach Naples“, erklärte sie. „Irgendein nerviger Kunde ändert ständig seine Meinung über die Kunstwerke für sein Strandhaus, und darum konnte Alex nicht selbst fliegen. Ich soll dir ausrichten, es täte ihm leid und er würde dich morgen anrufen.“

„Hoffentlich führen sie heutzutage auch bei Privatpiloten Drogentests durch.“

Annabelle sah ihn an. „Er ist seit fast zwei Jahren clean. Und er möchte dich wirklich gern wiedersehen.“

Trevor nickte stumm und blickte seiner Schwester hinterher, als sie die Küche verließ. Er dachte an das letzte Treffen mit Brian und die schmerzlichen Dinge, die sie einander an den Kopf geworfen hatten. Trevor hatte nicht ein Wort davon ernst gemeint, doch er war unglaublich enttäuscht und wütend gewesen. Außerdem hatte er gefürchtet, der Grund für Brians Probleme zu sein.

Er ist seit fast zwei Jahren clean.

In diesem Augenblick wurde Trevor klar, dass er sich nichts mehr wünschte, als dass Annabelles Worte wahr wären.

2. KAPITEL

Trotz Annabelles Drängen blieb Trevor nicht. Er wollte an einem Ort schlafen, an dem seine Vergangenheit ihn nicht verfolgte. Auf der Esplanade Avenue, an der Ecke, wo das Marigny-Viertel ins French Quarter überging, gab es ein Hotel. Dort nahm er sich ein Zimmer.

Annabelle hat recht, gestand er sich ein, als er seine Sachen aus der Reisetasche packte. Wenn er nicht wegen seines Jobs hätte heimreisen müssen, wäre er nicht hier. Trevor dachte an das Haus, in dem seine Schwester wohnte. Wie schaffte sie es bloß, anscheinend ganz problemlos mit den Geistern der Vergangenheit umzugehen? Nur die Narben an ihren Handgelenken bewiesen, dass seiner Schwester das offenbar nicht immer so mühelos gelungen war.

Er sah sich im Hotelzimmer um. Es war sauber und auch preisgünstig genug, um auf der vom FBI genehmigten Liste für Reiseaufwendungen zu stehen. Der dunkle Teppich war verschlissen, auf der Kommode gegenüber vom Doppelbett stand ein Fernseher. Eine Glastür führte auf einen Balkon, von dem aus man den Innenhof des Hotels und den Swimmingpool überblicken konnte. Trevor trat hinaus, lehnte sich an die Brüstung und starrte auf das sacht plätschernde Wasser im Pool.

Fünf Frauen, gefesselt und gefoltert, die Kehle mit gezieltem Schnitt durchtrennt. Er rieb sich mit den Händen übers Gesicht. Seine Unfähigkeit, diesen Psychopathen zu fangen, hatte zu einem weiteren Todesfall geführt. Sein Chef bei der Violent Crimes Unit, Special Agent in Charge Johnston, hatte Trevor die Untersuchung der sogenannten Vampir-Morde, die sich seit einiger Zeit in verschiedenen Bundesstaaten ereigneten, als Sonderauftrag übergeben. Der Ablauf war beinahe zur Routine geworden: Manchmal mit, manchmal ohne Partner reiste Trevor in die Stadt, in der ein Mord, der ins Schema passte, stattgefunden hatte. Er sammelte Informationen und bearbeitete den Fall. Sobald sich die Spuren verloren, reichte er das Material an die örtliche Außendienststelle des FBI weiter.

Und bisher war das so ziemlich alles, was er hatte – kalte Spuren. Es gab keine Zeugen, keine DNA-Übereinstimmungen in der ViCAP-Datenbank und die weit auseinanderliegenden Tatorte führten dazu, dass die Behörden vor Ort die Morde als Einzelfälle behandelten. Nur die Abteilung für Gewaltverbrechen, die VCU, hatte Übereinstimmungen festgestellt, was der Grund dafür war, dass sich die Abteilung in die Aufklärung der Mordfälle eingeschaltet hatte.

Während Trevor noch immer nichts über den Gesuchten in Erfahrung gebracht hatte, war der Täter in der Zwischenzeit aktiv geworden und hatte Trevor seinerseits unter die Lupe genommen. Der Unbekannte hatte den Kontakt gesucht – handgeschriebene Nachrichten, Souvenirs von seinen Taten, die er mit der Post zustellen ließ –, doch bislang war das alles nicht zurückzuverfolgen. Es sollte offenbar nur beweisen, dass der Vampir seinem Jäger haushoch überlegen war.

Unfähig, seinen Frust abzuschütteln, ging Trevor zurück in sein Zimmer und zog sich seine Laufshorts, ein graues T-Shirt und Tennisschuhe an. Sein iPod hatte den Geist aufgegeben, also hatte er ein kleines Transistorradio mit Ohrstöpseln mitgenommen, das ihn auf seinem üblichen Acht-Kilometer-Lauf begleiten sollte. Trevor nahm es von der Kommode. Er hoffte, dass er mit der Musik die Stimme in seinem Kopf zum Schweigen bringen konnte, die ihm unentwegt Zweifel und Selbstbeschuldigungen einflüsterte. Nachdem er die Zimmertür hinter sich geschlossen hatte, ging er die Treppe hinunter. Im schwachen Schimmer des Pools machte er einige Dehnübungen und lief dann in Richtung French Quarter. Trotz der hohen Luftfeuchtigkeit, die auch lange nach Einbruch der Dunkelheit noch in den Straßen hing, achtete er darauf, in einem gleichmäßigen Tempo zu joggen. Das Radio hatte er an seinem Oberarm befestigt. Die Musik war das einzige Geräusch, das er hörte.

Im French Quarter wurden die Touristenströme, die während des Tages durch die Straßen drängten, langsam weniger. Aber noch immer bevölkerten Leute die engen Gassen. Viele von ihnen hatten Pappbecher in der Hand und schlenderten an den Bars und Stripclubs in den heruntergekommenen Häusern vorbei. Als er von der Chartres auf die Dumaine bog, schaltete Trevor auf einen anderen Sender, ohne das Tempo zu verlangsamen. Der Empfang des Classic-Rock-Senders, den er im Hotel eingestellt hatte, wurde schlechter. Immer wieder wurde Sympathy for the Devil von den Rolling Stones von Rauschen unterbrochen. Während er weiterjoggte, suchte er einen anderen Sender. Doch auch der Jazz-, der Blues- oder der Cajun-Zydeco-Sender waren nicht besser zu hören. Plötzlich drang die Stimme eines jungen Mädchens über den Äther.

„Wer ist er, dass er glaubt, mir vorschreiben zu können, was ich mit meinem Körper machen darf und was nicht? Er ist ja nicht mal mein richtiger Dad.“

„Wie alt bist du, Shayla?“

„Ich bin vierzehn, fast fünfzehn.“

„Ich verstehe.“ Die andere Stimme gehörte einer Frau. Sie hatte einen weichen Südstaatenakzent. „An was für eine Art Tattoo hast du denn gedacht?“

„Ich möchte ein Anch-Kreuz – nicht zu groß, auf die Schulter.“ Trevor kannte dieses Zeichen. Es war eine ovale Schlaufe auf einem Kreuz, ein ägyptisches Symbol für das ewige Leben, das innerhalb der Gothic-Szene äußerst beliebt war.

„Tja, das klingt doch ziemlich bescheiden. Was hält deine Mutter davon?“

„Ihr ist es egal, was mit mir ist oder was ich tue.“

Es herrschte ein kurzes Schweigen, als ob die Frau gerade tatsächlich die Lage der Anruferin überdenken würde. Selbstverständlich ist sie viel zu jung, um sich ein Tattoo stechen zu lassen, fand Trevor und ignorierte den Schweiß, der ihm in den Augen brannte. Warum erklärt die Frau ihr das nicht einfach? Die Leute auf der Straße waren für ihn nur noch verschwommen wahrzunehmen, als er an ihnen vorbeirannte.

„Hör zu. Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Du könntest dir trotzdem eines stechen lassen – ohne die Erlaubnis deines Stiefvaters.“

Super Idee. Trevor schüttelte den Kopf und sprintete vor einer Pferdekutsche entlang, in der eine Gruppe von Nachtschwärmern johlend miteinander anstieß.

„Aber wenn du das machst“, setzte die Frau hinzu, „bekommst du richtig viel Ärger, wenn er es herausfindet.“

„Wem sagen Sie das.“ Er konnte beinahe hören, wie der Teenager die Augen verdrehte.

„Eines möchte ich dir noch sagen. Du meintest, deine Mom würde sich nicht um dich kümmern. Ich kann natürlich nicht beurteilen, ob es so ist. Aber vielleicht verbietet dein Stiefvater dir das Tattoo, weil er nicht will, dass du etwas tust, was du später im Leben bereust. Tattoos sind von Dauer, und er möchte sicher sein, dass du diese Entscheidung bewusst triffst. Unangebracht oder nicht – es klingt, als würde er sich um dich sorgen.“

Das Mädchen war einen Moment lang still. „Vielleicht.“

„Hör auf meinen Rat, Shayla. Nimm das Geld, das du für das Tattoo ausgeben wolltest, und kauf dir davon einen richtig tollen Anch-Anhänger. Betrachte ihn als Investition in dein Outfit. Trage ihn, und wenn du achtzehn bist und immer noch ein Tattoo willst, dann los.“

Die Anruferin legte auf, und die Frau sagte: „Sie hören Midnight Confessions mit Dr. Rain Sommers auf WNOR, dem alternativen Radio von New Orleans.“

Der Sender wechselte zu einer Werbung für kalorienarmes Bier. Mit einem Schlag wurde Trevor klar, wohin sein Unterbewusstsein ihn geführt hatte. Dauphine Street. Das Mallory’s war ganz in der Nähe. Sein Vater stand wahrscheinlich hinter der Bar und schenkte Alkoholisches aus. Oder er hockte auf der anderen Seite der Theke und versoff seinen Gehaltsscheck. Trevor blieb stehen, beugte sich vor und stützte sich mit den Händen auf den Oberschenkeln ab, um Luft zu holen. Dann schloss er die Augen. Seine Unentschlossenheit nervte ihn, doch die magnetische Anziehungskraft der Bar gewann schließlich die Oberhand.

Ich werde auf keinen Fall hineingehen, schwor er sich. Ihm reichte ein Blick durchs Fenster auf den Mistkerl – die Bestätigung für sich selbst, dass Gott es in all seiner Ungerechtigkeit nicht für angebracht gehalten hatte, den Mann für seine Taten zu bestrafen. Die Radiomoderatorin kehrte ans Mikrofon zurück, während Trevor sich das Gesicht mit einem Zipfel des T-Shirts abwischte und sich wieder in Bewegung setzte.

„Unser nächster Anrufer ist Daniel aus dem French Quarter. Über was möchten Sie heute Abend sprechen, Daniel?“

„Ich möchte über dich sprechen, Rain. Über dein Erbe.“

Für einen Augenblick herrschte Totenstille. „Es tut mir leid. Wir sprechen nicht über mich, das ist eine der Regeln. Haben Sie irgendein Problem, bei dem ich Ihnen heute Abend helfen kann?“

„Du bist mein Problem, Rain. Ich muss einfach ständig an dich denken.“

„Das klingt nach einem ziemlich billigen Anmachspruch.“

Während die Stimme der Frau sinnlich klang, war die des Anrufers tief, beinahe hypnotisch. Trevor zwang sich, schneller zu laufen. Die Luft flirrte über der Straße, es war stickig und schwül, und es ging keine Brise.

„Es ist wahr, Rain. Ich mag dich. Sehr sogar.“

„Mein Marktwert scheint offenbar zu steigen. Ich habe meinen ersten echten Stalker.“ Ihr Ton war scharf und voller Sarkasmus. „Hören Sie, Daniel. Wir sind hier alle ziemlich beschäftigt, also verschonen Sie uns bitte mit Ihren Schwärmereien. Haben Sie etwas zu erzählen oder nicht?“ Als der Anrufer bloß lachte, fügte sie hinzu: „Wie alt sind Sie, Dan? Sie klingen ein wenig reifer als unsere normalen Anrufer.“

„Man könnte durchaus sagen, dass ich etwas älter bin.“

„Und wie alt?“

„Älter, als du es dir wahrscheinlich vorstellen kannst.“

Trevor war so vertieft in das Gespräch, dass er gar nicht bemerkte, wie schnell er rannte. Die Bar, in der James Rivette arbeitete, lag auf der anderen Seite der Straße. Es war eine schäbige Absteige. Ein Werbeschild für Budweiser blinkte in einem der abgedunkelten Fenster.

„Und, Rain? Mein Name ist nicht Daniel. Ich heiße Dante.“

Trevor lief auf die Straße, als der viel zu schnelle Cadillac gerade um die Ecke bog und die rote Ampel einfach überfuhr. Die Bremsen kreischten, als der Fahrer versuchte, den Wagen zu halten. Trevor wurde vom Kotflügel erfasst, drehte sich einmal und schlug auf der Motorhaube auf. Mit einem dumpfen Aufprall fiel er auf die ölverschmierte Straße. Schmerz schoss durch seinen Schädel, dann schloss sich Dunkelheit um ihn.

3. KAPITEL

„Warum, verdammt noch mal, hast du aufgelegt?“

Rain blickte kurz auf, als David D’Albas Stimme durch die Gegensprechanlage schnarrte. Sie konnte ihn durch das Fenster sehen, das den Produktionsraum vom Studio trennte, in dem sie saß. Er starrte zu ihr herüber. Die Kopfhörer hingen um seinen Nacken, die Hände hatte er auf die schmalen Hüften gelegt. Als sie nicht antwortete, warf er die Kopfhörer auf das Bedienungspult und kam mit großen Schritten zu ihr herüber.

„Der Typ war zum Gruseln, David.“

„Und genau darum hättest du ihn in der Leitung halten müssen.“ Er ging zum Monitor, um nachzusehen, wie lange der Song, den sie in den Pausen abspielten, noch lief. Dann schob er ihr Mikrofon beiseite und ließ sich auf der Tischkante nieder. Seine langen Beine streckte er zu beiden Seiten ihres Stuhls aus.

„Seine Fragen sind vielleicht etwas aus dem Rahmen gefallen“, bemerkte er. „Aber es war genau das Richtige für eine gute Show.“

„Er hat mich nach Desiree gefragt.“

David zuckte mit den Schultern. „Jeder fragt dich nach Desiree.“

„Neben einigen anderen perversen Sachen, die ich lieber nicht wiederhole, wollte er wissen, ob ich harten Sex mag.“

„Was soll ich sagen? Da draußen laufen offenbar ein paar wirklich perverse Leute herum.“

„Ich bin Psychologin, David. Ich bin an jedes erdenkliche Gesprächsthema gewöhnt, doch die Regel lautet, dass wir die Probleme des Anrufers diskutieren. Ich spreche in der Sendung nicht über mein Privatleben und schon gar nicht über mein Sexleben.“

„Vielleicht solltest du das aber.“ Er streckte die Hand aus, um mit einer ihrer rotgoldenen Locken zu spielen. „Es würde unsere Einschaltquoten in die Höhe treiben.“

Rain rückte vom Tisch ab, stand auf und lief in dem kleinen Studio auf und ab. „Es war nicht so sehr, was der Typ gesagt hat. Es war …“

„… wie er es gesagt hat?“

Sie ignorierte das breite Grinsen auf Davids hübschem Gesicht.

„Okay, der Typ war ein Idiot. Halten wir das mal so fest.“ Er wurde ernst. Dann verlagerte er sein Gewicht und verschränkte die Arme vor der Brust.

Rain blieb stehen und lehnte sich an die schalldichte Wand. Im Produktionsraum war Davids Assistentin Ella LaRue gerade dabei, aufzuräumen. Sie trug ein enges, bauchfreies T-Shirt mit dem Logo von D’Alba Enterprises und dazu fast noch engere Jeansshorts. Als sie Rains Blick bemerkte, lächelte sie zuckersüß, doch ihre dunkelbraunen Augen blieben kalt. Sie beugte sich vor, wobei ihr rabenschwarzes Haar über eine Schulter fiel, und drückte den Knopf der Sprechanlage.

Ellas honigsüße Stimme erfüllte den Raum. „Noch dreißig Sekunden, David. Die Uhr läuft.“

„Schieb eine Werbung ein. Wir sind hier noch nicht fertig.“ Er blickte Rain an.

„Meine Hörer sind vornehmlich Teenager und junge Erwachsene“, sagte Rain. „Und ja, manchmal sagen sie Dinge nur so, für den Schock-Effekt. Aber dieser Mann klang viel älter.“

„Bist du jetzt etwa seniorenfeindlich geworden?“

„Das meine ich nicht, und das weißt du auch.“ Sie schüttelte den Kopf, unsicher, wie sie die Gefühle, die der Anrufer ausgelöst hatte, beschreiben sollte. Für gewöhnlich war sie in der Lage, die Freaks, die gelegentlich in der Leitung waren, zu verscheuchen. Doch dieser Daniel oder Dante oder wie auch immer er sich nannte, hatte sie aus dem Konzept gebracht. „Er hatte etwas Heimtückisches an sich“, sagte sie leise.

„Ich habe von dir immer noch keinen Grund gehört, warum du mitten in einer Livesendung einen Anrufer weggedrückt hast.“ David rieb mit einer Hand über die Stoppeln an seinem Kinn. Das war ein Anzeichen für seine wachsende Ungeduld.

„Du hast mich mit einer Funkstille hängen gelassen. Das ist inakzeptabel.“

„Dann musst du dir mehr Mühe bei der Auswahl der Anrufer geben.“

„Warte mal kurz.“ David erhob sich vom Tisch und trat zu Rain. „Ich bin der Producer, und du bist das Talent, verstanden? Wer zu dir durchgestellt wird, bestimme ich.“

Rain wählte ihre Worte sorgfältig. „Diese Sendung soll Ratschläge geben und sich in Sachen Geschmack nicht dem kleinsten gemeinsamen Nenner fügen. Ich habe mir das alles anders vorgestellt, David. Vor neun Monaten hast du mich damit überredet, dass ich mit dieser Sendung viel mehr Jugendliche erreichen kann als mit Therapiesitzungen. Und ich habe dir geglaubt.“

Sie schloss die Augen. Und ich habe es für dich getan.

Sie wollte hinzufügen, dass sie der Sendung auch deshalb zugestimmt hatte, um die Karriere des Mannes zu unterstützen, den zu lieben sie geglaubt hatte. Bevor sie Midnight Confessions begonnen hatte, hatte Rain ihr Leben in relativer Anonymität verbracht. Sie hatte nie das Scheinwerferlicht gesucht, in das sie als Tochter der berühmten Desiree Sommers praktisch hineingeboren worden war. Aber sie konnte niemandem außer sich selbst die Schuld geben. Sie hatte ihre Prinzipien verleugnet, weil sie zu vernarrt in David gewesen war, um ihn abzuweisen. Sie hatte über das, was er von ihr wollte, nicht mit klarem Verstand nachgedacht.

„Du erreichst sie doch, Rain.“ David legte einen Finger unter ihr Kinn und zwang sie dazu, ihn anzusehen. „Sie hören dir zu.“

Bevor sie etwas antworten konnte, strich er mit dem Daumen über ihre Unterlippe. David neigte den Kopf. Seine Absicht war klar. Rain versteifte sich und legte ihre Hand auf seine Brust.

„Nicht“, flüsterte sie. Aus den Augenwinkeln sah sie Ella, die aus dem Produktionsraum stürmte. David trat einen Schritt zurück und erwiderte ihre Abfuhr mit einem knappen Nicken.

„Ich weiß, ich habe das mit uns vermasselt“, gab er zu. „Aber ich werde nicht zulassen, dass du dieser Sendung schadest.“

„Was heißt das?“

„Das heißt, du solltest dich nicht so anstellen und mal wieder auf den Teppich kommen, Dr. Sommers. Okay, dieser Typ war keiner von diesen verwöhnten Teenagern, die einem was vorheulen, weil Mommy sie nicht lieb genug hat, um ihnen einen Sportwagen zu kaufen. Das ist gut. Es bedeutet, dass wir unsere Zielgruppe erweitern. Und wenn ein bisschen Talk über ungewöhnliche Sexpraktiken nötig ist, um die Hörer anzulocken, dann ist es so.“ David fuhr sich mit einer Hand durchs Haar, das in dem gedämpften Licht des Studios fast blauschwarz schimmerte. „War dieser Kerl verrückt? Absolut. Doch bei dieser Sendung geht es um Einschaltquoten, und es ist dein Job, Typen wie diesen in der Leitung zu halten. Für mich hängt eine Menge davon ab, Rain.“ Er blickte auf, als das On-Air-Zeichen über ihnen zu blinken begann. „In dreißig Sekunden sind wir wieder drauf.“

„David …“

In der Tür drehte er sich noch einmal um. „Da ist ein weiterer Anruf in der Leitung. Eine süße Fünfzehnjährige. Ihr Freund will ungeschützten Sex mit ihr haben.“ Noch immer flackerte Wut in seinen dunklen Augen. „Sieh zu, dass du diesen Anruf erledigst, ohne einen Nervenzusammenbruch zu bekommen.“

Sobald die Sendung vorbei war, fuhr David Rain nach Hause. Sein Jaguar hielt vor dem Haus im Lower Garden District. Es war eine prunkvolle Villa im Greek-Revival-Stil. Der starke Motor lief im Leerlauf, während Rain auf dem Boden nach ihrer Handtasche suchte.

„Ich kann auf einen Sprung mit reinkommen“, schlug er vor. Der Rest der Sendung war reibungslos abgelaufen, und Davids schlechte Laune war seinem üblichen Charme gewichen. „Um zu reden?“

Rain schüttelte den Kopf und streckte die Hand nach dem Türgriff aus. „Es ist schon spät, und ich habe morgen in aller Frühe einen Patienten.“

„Es tut mir leid wegen heute Abend. Der Typ hat dir einen Schrecken eingejagt. Ich hätte verständnisvoller sein sollen.“ Er starrte durch die Windschutzscheibe, bevor er weitersprach. „Ich stand in letzter Zeit unter enormem Druck.“

„Schon okay.“ Sie schenkte ihm ein schwaches Lächeln. „Gute Nacht, David.“

Er legte die Hand wieder auf das mit Leder bespannte Steuer. „Ich will dich zurück, Rain. Ich gebe nicht auf.“

Ihre Blicke trafen sich, ehe sie die Wagentür hinter sich schloss und das kurze Stück vom Bürgersteig zur Veranda zurücklegte. David wartete vor dem Haus in seinem Wagen, bis sie hineingegangen war. Von der Diele aus beobachtete sie, wie er den Jaguar auf der Straße scharf wendete und die Scheinwerfer des Autos dabei kurz das Baugerüst an einem Nachbarhaus beleuchteten, das gerade renoviert wurde.

Während David davonfuhr, fragte sich Rain, ob er sein Apartment im French Quarter ansteuern oder erst nach weiblicher Begleitung Ausschau halten würde. David war sexuell unersättlich, das war ihr schon immer klar gewesen. Das machte ihn auch so anziehend. Trotzdem hätte sie nicht damit gerechnet, dass er sie betrügen würde.

Sie waren damals erst seit ein paar Monaten zusammen gewesen. Eines Abends war Rain zu einer Zeit, zu der sie eigentlich gar nicht im Sender hätte sein sollen, in Davids Büro gekommen. Er hatte reuevoll ausgesehen, als er sich hastig seine Kleidung übergestreift hatte. Ella hingegen hatte es überhaupt nicht eilig gehabt, sich wieder anzuziehen. Sie war lang ausgestreckt auf Davids Tisch liegen geblieben, den Rock bis zu den Hüften hochgeschoben, die Bluse achtlos zu Boden geworfen.

Er hatte es einen Ausrutscher genannt. Einen Moment der Schwäche, der ihm nicht wieder unterlaufen würde. Trotz Davids Flehen hatte Rain die Beziehung beendet. Nur ihre vertraglichen Verpflichtungen bei Midnight Confessions hatte sie aufrechterhalten. Seitdem war einige Zeit verstrichen, und sie hatten es geschafft, um der Sendung willen eine lockere Freundschaft beizubehalten. Seine Versöhnungsbemühungen wehrte sie jedoch weiterhin ab.

Als sie ihre Handtasche auf den antiken Tisch legte, der gleich neben der Eingangstür stand, wurde ihr klar, dass es für sie wirklich vorbei war. Ich liebe David nicht mehr. Vielleicht habe ich ihn auch nie richtig geliebt.

Vor David hatte es eine ganze Zeit lang niemanden in Rains Leben gegeben. Sie war damit beschäftigt gewesen, an der Tulane University ihren Doktor in Psychologie zu machen. Später dann hatte sie ihre Privatpraxis aufgebaut. Währenddessen hatte sie ihre geliebte, aber kränkliche Tante Celeste gepflegt. David hatte die Lücke in ihrem Leben gefüllt, die nach Celestes Tod nur noch größer geworden war. Er hatte sie überredet, bei Midnight Confessions mitzumachen, und hatte dabei nicht zuletzt auf ihr öffentliches Image als Desiree Sommers’ Tochter gesetzt.

Die Radioshow war ein Fehler gewesen. Sobald ihr Vertrag in drei Monaten auslief, würde sie ihn nicht verlängern. Rain hatte es vor sich hergeschoben, David ihren Entschluss mitzuteilen, doch nach dem heutigen Abend war ihr klar, dass sie es bald würde tun müssen.

Sie ging weiter ins Haus hinein. Die Villa auf der Prytania Street hatte eine Bedeutung für sie, die weit über den Umstand hinausreichte, dass sie im Register der Historischen Gesellschaft von New Orleans verzeichnet war. Rain hatte ihr ganzes Leben in diesem Haus verbracht – die ersten zwei Jahre mit ihrer Mutter und anschließend mit Celeste. Sie lächelte leicht. Die dunkle Geschichte dieses Hauses war kaum dazu geeignet, sie für das unheimliche Erbe ihrer Familie zu entschädigen. Aber dies war nun mal der Ort, wo sie hingehörte. Rain ging vom Wohnzimmer in die umgestaltete Küche und schenkte sich ein Glas Rotwein ein. Sie fühlte sich hier wohl. Der Treuhandfonds, der sich aus dem Vermögen ihrer Mutter speiste, stellte außerdem sicher, dass sie das Anwesen instand halten konnte.

Rain trank einen Schluck und überlegte, ob sie so hungrig war, um sich etwas zu essen zu machen. Eine schwarze Katze sprang unversehens auf die Küchentheke. Rain zuckte zusammen, als sie die rasche Bewegung des Tieres aus dem Augenwinkel wahrnahm, und verschüttete den Wein über ihre Seidenbluse.

„Dahlia“, schimpfte sie und tupfte den empfindlichen Stoff mit einer Serviette ab. Dahlia war eine Streunerin gewesen und Rain eines Tages zugelaufen. Schnurrend tappte sie nun über die Theke und hielt ihrem Frauchen den Kopf zum Streicheln hin. Während Rain Dahlias Wunsch nachkam, prallte eine Motte gegen das Küchenfenster. Das Licht im Haus hatte sie angezogen.

Es ist wahr, Rain. Ich mag dich. Sehr sogar.

Ihre Gedanken wanderten zu dem Anrufer in der Sendung und zu den zudringlichen Fragen, die er gestellt hatte. Obwohl sie nur am Telefon mit ihm gesprochen hatte, hatte er ihr Angst gemacht.

Sie stellte einen Teller mit Katzenfutter für Dahlia auf den Boden und strich der Katze ein letztes Mal über den Kopf. Dann nahm sie ihr Glas Wein, schaltete die Alarmanlage ein und ging nach oben.

Als sie am Schalter drehte, erfüllte sanftes Licht das Schlafzimmer. Wie der Rest des Hauses hatte der Raum eine hohe Decke und einen Parkettboden. Ein Kamin aus Marmor schmückte die Wand am Fußende des Himmelbettes. Über dem Kaminsims hing ein Bild von Desiree. Darauf trug ihre Mutter ein schwarzes Kleid mit tiefem Ausschnitt, der den Blick auf ihre zarte, weiße Haut freigab. Desirees mandelförmige, haselnussbraune Augen, die Rains so sehr glichen, blickten von der Leinwand auf sie hinunter.

Dante hatte wissen wollen, wie es sich anfühlte, dass durch ihre Adern dasselbe Blut wie das von Desiree Sommers strömte. Obwohl Rain daran gewöhnt war, nach ihrer berühmten Mutter gefragt zu werden, erschien ihr seine Wortwahl doch sonderbar und irgendwie beängstigend.

Sie ging ins Bad, um sich fürs Bett fertig zu machen, und kehrte kurz darauf in einer Pyjamahose und einem Top zurück.

In der Aufsatzkommode verbarg sich der Fernseher. Sie stellte ihn an und zog die gesteppte Tagesdecke vom Bett. Rote Laken kamen zum Vorschein. Rain kuschelte sich in die dicken Kissen, die sich am Kopfende auftürmten. Ein Bein zog sie unter sich. Als sie einen weiteren Schluck Wein trank, fiel ihr Blick auf ein Foto in einem Silberrahmen auf dem Nachttisch. Sie setzte das Glas ab und nahm das Foto zur Hand. Mit dem Finger zeichnete sie behutsam die Konturen nach.

Desiree und Gavin Firth wirkten glücklich. Der Schnappschuss war vor dreißig Jahren aufgenommen worden – 1981, in demselben Jahr, als die beiden gestorben waren. Gavin lächelte breit und hielt die zierliche rothaarige Frau, die neben ihm stand, fest umschlungen. Rain geriet ins Grübeln.

Sie war gerade mal zwei Jahre alt gewesen, als die beiden ums Leben gekommen waren. Alles, was sie über ihre Eltern wusste, stammte aus den Erinnerungen ihrer Tante Celeste, Desirees älterer Schwester, und aus den Zeitungsberichten über die leidenschaftliche, aber tragische Liebe ihrer Eltern. Ihr Blick blieb an Gavin hängen, ihrem Vater, der ihr das genommen hatte, was für ein Kind das Wichtigste auf der Welt war.

Er hatte ihre Mutter kaltblütig ermordet und sich anschließend selbst getötet.

Allmählich fielen Rain die Augen zu. Sie dachte an ihre Mutter und wünschte sich, sie hätte etwas mehr Zeit mit ihr verbringen dürfen, um sie kennenzulernen. Ein paar Stunden später riss das Klingeln des Telefons sie aus dem Schlaf. Doch als sie sich schlaftrunken meldete, war niemand am anderen Ende der Leitung …

4. KAPITEL

„Dr. Patel, er wacht auf.“

Trevor spürte, wie jemand seine Hand drückte. Langsam öffnete er die Augen und blinzelte. Es war so hell, dass er Schwierigkeiten hatte, etwas zu erkennen.

Seine Schwester beugte sich über ihn. Annabelle stand neben einem Mann indischer Herkunft, der einen weißen Kittel trug. Trevor zuckte zusammen, als der Mann mit einer Stiftlampe in seine Augen leuchtete. Erst hielt er das eine Augenlid geöffnet und schwenkte mit der kleinen Lampe vor und zurück, dann wiederholte er das unangenehme Spielchen mit dem anderen Auge.

„Die Pupillen reagieren immer noch etwas träge.“ Der Arzt klickte das Licht aus. „Können Sie mir Ihren Namen sagen, Sir?“

Trevor stieß seinen Namen hervor. Sein Hals fühlte sich an, als hätte er mit Reißzwecken gegurgelt.

„Und welches Datum haben wir heute?“

Er schluckte mühsam, bevor er wieder sprach. „Den achtzehnten Mai.“

Der Arzt lächelte. „Wir lassen das mal durchgehen. Aber es ist bereits nach Mitternacht, Sie sind also einen Tag in Verzug. Übrigens sind Sie, wie man so schön sagt, zu Boden gegangen.“

Trevor versuchte, sich aufzusetzen, doch eine Hand auf seiner Schulter hielt ihn zurück.

„Nicht so schnell. Sie haben eine Platzwunde am Kopf, und es besteht der Verdacht auf eine Gehirnerschütterung, auch wenn die Computertomografie Blutungen im Hirn ausschließt. Sie haben Glück, dass Sie sich keine Knochen gebrochen haben. Trotzdem bleiben Sie für die nächsten vierundzwanzig Stunden unser Gast.“ Der Arzt machte auf einem Klemmbrett Notizen, dann steckte er es in ein Fach am Fußende der Liege. Zu Annabelle sagte er: „Wir bringen ihn gleich in ein Einzelzimmer.“ Beim Weggehen schob er den Vorhang zurück und fügte hinzu: „In Zukunft, Agent Rivette, empfehle ich Ihnen, in beide Richtungen zu schauen, bevor Sie die Straße überqueren.“

Sobald sie allein waren, goss Annabelle aus einem Plastikkrug Wasser in einen Becher, steckte einen Strohhalm hinein und half ihrem Bruder beim Trinken. Das Wasser rann erfrischend kühl durch seine trockene Kehle.

„Du bist übrigens im All Saints Hospital – für den Fall, dass du dir irgendwie Gedanken gemacht hast.“

Trevor berührte das schmale Pflaster am Haaransatz. Er fühlte sich schwach, der ganze Körper schmerzte. „Wie lange bin ich schon hier?“

„Eine Stunde vielleicht. Du warst mal wach, dann wieder bewusstlos. Außerdem warst du dehydriert.“ Stirnrunzelnd blickte sie zu dem Infusionsschlauch, der in seinem Arm steckte. „Erinnerst du dich überhaupt daran, was passiert ist?“

Trevor wurde still. Er war durch das dunkle French Quarter gelaufen. Aber der Rest der Erinnerung schien wie in dichtem Nebel zu liegen.

„Du bist vor ein Auto gelaufen“, half Annabelle ihm auf die Sprünge. Ihre Stimme zitterte leicht. „Du warst direkt vor Dads Bar, beim Mallory’s. Trevor, was wolltest du dort?“

Die hämmernden Schmerzen in seinem Kopf wurden stärker. Er schloss die Augen und versuchte, an nichts mehr zu denken.

Die Nachtschwester unterbrach seinen Schlaf mehrmals, um seine Pupillen zu kontrollieren und um festzustellen, wie leicht er aufwachte. Das war ein Routineverfahren bei Kopfverletzungen. Jedes Mal, wenn Trevor die Augen öffnen sollte, sah er Annabelle in dem Sessel neben dem Bett sitzen. Als er ein weiteres Mal aufwachte und sah, wie sie nach einer bequemeren Sitzhaltung suchte, murmelte er, dass sie nach Hause gehen solle, da Haley sie brauchte. Als er einige Zeit später wieder aufwachte und das Licht des frühen Morgens durch das Zimmerfenster fiel, war sie gegangen.

Die Medikamente hatten seine Kopfschmerzen nur wenig gelindert, doch zumindest hatten sich die Sehstörungen gegeben. Er fand den Knopf, mit dem sich das Kopfteil des Bettes anheben ließ. Als er sich aufsetzte, bemerkte Trevor, dass ihn jemand von der Tür aus beobachtete. Wie Annabelle gesagt hatte, wirkte Brian clean und nüchtern. Er war noch immer sehr schlank, sah allerdings nicht mehr so ausgezehrt aus wie früher.

„Wie geht’s dem Patienten?“, fragte er unsicher.

„Der Patient möchte nichts wie raus hier.“ Trevor konnte den Blick nicht von seinem jüngeren Bruder abwenden. Brian trat in den Raum und setzte sich mit ernster Miene in den Sessel, den Annabelle in der Nacht verlassen hatte.

„Du hattest keine Papiere dabei. Wenn der Unfall nicht direkt vor der Tür des Mallory’s passiert wäre, hätte niemand gewusst, wer du bist.“

Bruchstücke aus Trevors Erinnerung fügten sich mit einem Mal zusammen. Ihm fiel das Neonschild mit der Bierreklame wieder ein, das in dem Fenster der Bar geblinkt hatte. Der orangefarbene Schein hatte den Bürgersteig darunter erleuchtet. Dann, Sekunden später, als er die Straße hatte überqueren wollen, wurde er durch ein Paar Scheinwerfer geblendet.

„Dad war letzte Nacht in der Bar“, fuhr Brian fort. „Die Leute hatten sich um den Unfallort versammelt, und er ist rausgekommen, um nachzusehen, was los ist. Er hat dich wiedererkannt.“

Trevor schwieg. Die Vorstellung, dass James Rivette auf dieser dreckigen Straße im French Quarter über ihn gebeugt gestanden hatte, behagte ihm nicht.

„Er hat im Loft angerufen. Ich war nicht zu Hause, deshalb hat Alex mit ihm gesprochen. Alex ist dann rübergegangen, um auf Haley aufzupassen, damit Annabelle in die Notaufnahme kommen konnte.“ Brian presste die Lippen aufeinander. Eine Weile betrachtete er seine Hände, bevor er weiterredete. „Er hat Alex eine Schwuchtel genannt. War ja klar. Außerdem wollte er hundert Dollar Belohnung dafür, den Notruf gewählt zu haben, um deinen Unfall zu melden.“

Bei Brians Bericht hätte Trevor beinahe gelacht. Wenn er seinen Vater nicht gekannt hätte, wäre ihm das Ganze vollkommen unglaubwürdig vorgekommen. Unwillkürlich ballte er die Hände zu Fäusten.

„Wolltest du in die Bar, um ihn zu treffen?“, fragte Brian.

„Nein“, log Trevor. Die Wahrheit ergab auch nicht viel Sinn.

„Trevor …“

„Du würdest es nicht verstehen.“

„Ich würde es nicht verstehen“, wiederholte Brian leise. Seine Stimme klang fassungslos.

Brian war damals nicht einmal bei der Beerdigung ihrer Mutter dabei gewesen, weil er zu high gewesen war. Das letzte Mal, dass sie einander gesehen hatten, war ein paar Monate vor Sarah Rivettes Tod. Seitdem war die liebevolle, versöhnliche Annabelle die einzige Verbindung zwischen ihnen.

„Es tut mir leid wegen der Entzugsklinik“, sagte Brian, als ob er spürte, welche Richtung Trevors Gedanken nahmen. „Ich weiß, dass der Platz dich ein Vermögen gekostet hat. Ich glaube, ich war einfach noch nicht so weit.“

Trevor antwortete nicht. Ein Krankenpfleger in grüner Krankenhauskleidung und Air-Jordan-Schuhen kam herein. Er brachte ein Tablett mit Essen, das er auf einem Rolltisch abstellte, bevor er wieder verschwand.

„Möchtest du Frühstück?“ Brian stand auf und schob den Tisch näher ans Bett.

„Annabelle sagt, du wärst clean.“

Sein Bruder wich nicht aus. „Seit fast zwei Jahren.“

„Arbeitest du wieder?“

Brian nickte. Die beiden verfielen in Schweigen.

Nach einer Weile sagte Trevor: „Ich bin froh, dass du vorbeigekommen bist, Brian.“

Brian ging ein paar Schritte vom Bett weg. Er sah aus dem Fenster und bog die Metalljalousien mit den Fingern auseinander. „Ich bin nicht nur vorbeigekommen. Ich war fast die ganze Nacht hier. Genau wie Annabelle. Ich bin direkt vom Flughafen hierhergefahren.“

Hatte er etwa so neben sich gestanden, dass er Brians Anwesenheit nicht bemerkt hatte? Trevor erinnerte sich deutlich an Annabelle und die Nachtschwester. Aber hin und wieder hatte er auch verschwommen andere im Zimmer wahrgenommen – körperlose Stimmen, graue Schatten, die über einfarbige Wände huschten.

„Du bist hier gewesen?“

„Überrascht dich das so sehr?“ Brian schüttelte den Kopf. „Du wurdest letzte Nacht von einem Auto angefahren, Trev. Du warst bewusstlos. Du hättest tot sein können.“

„Na ja, das bin ich nicht.“

„Dein Radio hatte nicht so viel Glück. Die Sanitäter baten mich, dir zu sagen, dass es total hinüber wäre. Sie haben sich nicht mal bemüht, es mit abzuliefern.“

Ein weiteres Puzzleteil, das seinen Platz fand. Das kleine, silberne Radio an seinem Oberarm. Trevor hatte es mit Klettband befestigt. Er hatte gerade eine Talkshow gehört, und einer der Anrufer hatte ihn in Alarmbereitschaft versetzt.

„Man könnte durchaus sagen, dass ich etwas älter bin.“

„Und wie alt?“

„Älter, als du es dir wahrscheinlich vorstellen kannst.“

Der Mann hatte sich Dante genannt. Der Name passte zu diesen Gothic-Anklängen, die die Morde hatten. Und was vielleicht noch wichtiger war: Die beleidigenden Briefe, die Trevor in den letzten Monaten erhalten hatte, waren mit dem Buchstaben D unterschrieben. Natürlich war es möglich, dass er gerade nach dem sprichwörtlichen Strohhalm griff, doch er musste unbedingt herausfinden, was der Anrufer noch gesagt hatte. Und zwar sofort. Er schlug die Decke zurück und schwang die Beine über die Bettkante.

„Was machst du da?“

„Ich muss mit jemandem sprechen.“ Als er die Infusionsnadel aus seinem Arm zog, zuckte er vor Schmerz kurz zusammen. Ein Tropfen Blut fiel auf den Fliesenboden. Schließlich stand er, noch etwas wackelig, auf den Beinen. Aber Brian stellte sich ihm in den Weg.

„Du bist noch nicht entlassen. Du wirst nirgendwo hingehen.“

„Ich muss. Es ist wichtig.“ Trevor wich seinem Bruder aus und fand seine Laufsachen und die Sportschuhe, die er am Abend zuvor getragen hatte, in einem Schrank neben dem Waschbecken. „Hilfst du mir jetzt oder nicht?“

„Wenn ich das tue, bringt Annabelle mich um. Was ist denn so wichtig?“

Trevor zerrte sich ungeduldig den Krankenhauskittel vom Körper und begann, sich anzuziehen. „Nicht was. Wer. Eine Radiomoderatorin. Ich habe gestern Abend ihre Sendung gehört, als ich in das Auto rannte.“

Er suchte in seiner langsam wiederkehrenden Erinnerung. „Ihr Name war seltsam … irgendwas wie Storm Showers.“

Brian unterdrückte ein Lächeln. „Du meinst Rain Sommers.“

„Du weißt, wer sie ist?“

„Ja, ich kenne sie. Warum kann das nicht warten?“

„Weil ich glaube, dass sie sich mit meinem Täter unterhalten hat.“

5. KAPITEL

Sonnenlicht ergoss sich über das Himmelbett. Rain stöhnte und vergrub das Gesicht in den Kissen. Schließlich hob sie den Kopf und blickte durch einen Schleier rotgoldener Haare auf den Wecker. Viertel vor acht.

Mist.

Sie schlug die Bettdecke zurück, und Dahlia trollte sich von der Matratze. Oliver Carteris hatte jeden Freitagmorgen einen Termin bei ihr, und Rain wollte angezogen sein und ihren Kaffee ausgetrunken haben, wenn der Teenager vor der Tür stand. Bei Oliver, hatte sie gelernt, musste man immer auf alles gefasst sein.

Ein leeres Weinglas stand auf dem Nachttisch. Nachdem das Telefon mitten in der Nacht geklingelt hatte, war es Rain unmöglich gewesen, wieder einzuschlafen. Beunruhigt durch das Schweigen am anderen Ende der Leitung, war sie in die Küche gegangen und hatte sich ein weiteres Glas eingeschenkt. Dann hatte sie bis spät in die Nacht ferngesehen. Was für eine Psychologin! dachte sie. Versucht, ihre Angst mit einem teuren Pinot Noir zu besiegen.

Sie war gerade aus der Dusche getreten, als sie glaubte, einen Laut gehört zu haben. Irgendwo knarrte das Parkett.

„Ist da jemand?“ Rain kannte die Geräusche, die in alten Häusern manchmal auftraten. Sie kam sich albern vor. Entschlossen wickelte sie sich ein Handtuch um, öffnete die Badezimmertür und spähte ins Schlafzimmer. Außer Dahlia, die auf die zerwühlte Bettdecke zurückgekehrt war und sich im strahlenden Morgenlicht sonnte, konnte sie niemanden entdecken. Die Tür zum Schlafzimmer, die auf den Flur hinausführte, stand halb offen, doch Rain konnte sich nicht erinnern, ob sie sie aufgelassen hatte. Eine Schublade ihrer Kommode war ebenfalls weit geöffnet, und Seidenwäsche in verschiedenen Farbtönen hing über den Rand der Lade. Der Farbverlauf erinnerte Rain an die bunten Perlenketten, die man im Karneval, zu Mardi Gras, trug.

Reiß dich zusammen, sagte sie zu sich selbst und ging zurück ins Bad, um sich anzuziehen.

Als sie zwanzig Minuten später auf der Treppe stand, stellte sie fest, dass sie sich das Geräusch nicht eingebildet hatte. Oliver Carteris hatte es sich auf dem Chintz-Sofa in ihrem Wohnzimmer gemütlich gemacht und trank einen Schluck aus einer ihrer teuren Wedgwood-Tassen.

„Ich habe Kaffee gekocht.“ Seine Stimme hatte einen leichten britischen Akzent. Die dunklen Augen des Jungen verrieten seine Intelligenz. „Ich brauchte dringend Koffein.“

„Du bist früh dran“, entgegnete Rain. Eine halbe Stunde zu früh. Es verunsicherte sie, dass Oliver es nicht nur geschafft hatte, durch eine verschlossene Tür zu gelangen, sondern dass es ihm offenbar auch gelungen war, ihre Alarmanlage zu überbrücken. Sie warf ihm einen strengen Blick zu und stieg die restlichen Stufen hinab. An der Anrichte im Essbereich goss sie sich aus der Thermoskanne eine Tasse Kaffee ein.

„Du wartest nicht, bis man dich reinlässt?“ Sie klang angespannt, als sie zurück ins Wohnzimmer kam.

Oliver zuckte mit den Achseln. Sein Haar, das er etwas länger trug, war glänzend schwarz und heute mit roten Strähnen durchsetzt. Trotz der Hitze in New Orleans trug er eine dunkle Jeans und ein langärmeliges T-Shirt mit dem Logo einer Industrial-Metal-Band auf der Vorderseite. Seine Füße steckten in abgewetzten Lederstiefeln. Da er keine Anstalten machte, sich vom Sofa herunterzubewegen, setzte Rain sich ihm gegenüber in den Sessel.

„Willst du mir nicht erzählen, wie du hier hereingekommen bist?“

„Alte Häuser.“ Er nickte zur Glastür hinüber. „Total einfach, die Schlösser zu knacken.“

Rain war Olivers Karriere als Einbrecher bekannt. Seine Jugendstrafakte war mittlerweile abgeschlossen, und die Straftaten darin würden in einem polizeilichen Führungszeugnis nicht mehr auftauchen. Da er inzwischen jedoch achtzehn war, bereiteten Olivers Neigungen seinem Vater, einem anerkannten Herzchirurgen, beträchtliche Sorgen.

„Und meine Alarmanlage?“, fragte sie.

„Sie haben Ihren Zugangscode innen auf eine Küchenschranktür geklebt.“

„Du hast also auch in meinen Schränken herumgeschnüffelt?“

„Habe mich nur ein bisschen umgesehen.“

Trotz der Zwanglosigkeit, mit der sie sich unterhielten, war sie wütend. Oliver hatte sich in ihr Haus geschlichen und herumspioniert. Doch sie hatte Monate gebraucht, um mit ihm eine engere Beziehung aufzubauen. Wenn sie ihm jetzt mit Vorhaltungen kam, waren alle Fortschritte möglicherweise umsonst.

„Wir müssen uns über Grenzen unterhalten – insbesondere was mein Haus betrifft, Oliver. Hast du irgendwas aus meinem Schlafzimmer genommen?“

„Ich war nicht in Ihrem Schlafzimmer.“ Er wich ihrem Blick aus und kratzte an dem schwarzen Nagellack an seinen Fingernägeln.

„Wenn du dort warst, sag es ruhig …“

„Ich sagte, ich war nicht da.“ Er starrte finster auf den Kronleuchter, der von der hohen Decke des Wohnzimmers herabhing. „Das ist doch Scheiße.“

„Was?“

„Diese lahmen Therapiesitzungen.“

„Es tut mir leid, dass du das so empfindest.“ Rain stellte ihre Tasse auf den Beistelltisch. „Ich hatte den Eindruck, unsere Sitzungen wären hilfreich. Aber abgesehen davon ist deine Anwesenheit vom Gericht angeordnet worden …“

„Wer ist David?“

Die Frage kam aus heiterem Himmel. „Warum?“

„Gehen Sie doch und sehen Sie selbst.“ Oliver wies zur Küche.

Rain stand auf und lief durch die Bogentür. Auf der Theke, unter dem Eisengestell, auf dem sie Celestes heiß geliebtes Kochgeschirr aus Kupfer aufbewahrte, lag ein Bouquet lavendelfarbener Rosen. Es war in Papier eingewickelt und mit einer großen Schleife zusammengebunden.

„Die lagen vor der Tür.“ Oliver stand dicht hinter ihr und beobachtete, wie sie eine Kristallvase von einem Regal nahm und sie über der Spüle mit Wasser füllte. „Wollen Sie den Brief nicht lesen?“

Rain drehte sich um und bemerkte den offenen Briefumschlag in Olivers Hand.

„Er will, dass Sie ihm verzeihen. Was hat der Kerl denn angestellt?“ Oliver wedelte mit dem Brief hin und her.

Sie spürte, wie ihr Zorn erneut aufflammte, als sie nach dem Papier griff. „Das ist ein persönlicher Brief.“

„Und?“

Rain seufzte schwer. „Das ist ein Eingriff in meine Privatsphäre. Genauso, wie ohne mein Wissen oder meine Erlaubnis in mein Haus zu kommen. Und das muss aufhören.“

„Ich finde, das ist ein fairer Tausch. Ihr Job ist es, in meine Privatsphäre einzudringen. Sie stellen mir Fragen, damit Sie meinem Vater Bericht erstatten können.“

„Das alles haben wir doch schon mal besprochen, Oliver.“ Sie löste die Schleife, nahm die Blumen aus dem Papier und steckte sie in die Vase, die sie auf die Küchentheke gestellt hatte. „Alles, was du hier sagst, ist vertraulich. Es bleibt unter uns.“

„Ist alles andere, was hier passiert, auch vertraulich?“, fragte er mit leiser Stimme, die anscheinend verführerisch klingen sollte. Er baute sich vor ihr auf. Rain hatte bereits bemerkt, dass seine Augen rot und glasig wirkten. „Ich könnte auch Blumen schicken, wenn Sie das gern wollen.“

„Im Moment will ich, dass wir mit unserer Sitzung beginnen“, erwiderte sie ruhig. „Außerdem wüsste ich gern, ob du high bist.“ Sein Lächeln erstarb. Er murmelte etwas vor sich hin und wollte gehen. Aber Rain legte eine Hand auf seinen Arm. Olivers Verhalten heute Morgen war selbst für seine Verhältnisse mehr als ungewöhnlich. „Irgendetwas beschäftigt dich doch. Warum gehen wir nicht in mein Büro …“

„Und reden?“ Er lachte bitter auf. „Glauben Sie wirklich, ich würde Ihnen irgendetwas erzählen, das wichtig ist?“

Sie sah ihm direkt in die Augen. „Ich hoffe, dass du das tust, ja.“

„Dann sind Sie offensichtlich high.“

„Oliver …“

Er riss seinen Arm so heftig zurück, dass dabei die Vase mit den Blumen zu Boden ging. Sie zerbrach in tausend Stücke. Oliver stand da, die Hände zu Fäusten geballt, und starrte auf das Durcheinander. Rains Magen zog sich zusammen, aber sie wich nicht zurück.

„Ist schon okay. Das war bloß ein Unfall.“ Sie machte einen Schritt auf ihn zu. „Was auch immer los ist, lass mich dir helfen.“

Das zerbrochene Glas verwandelte den Fußboden in ein Minenfeld. Es knirschte unter Olivers Stiefeln, als er die Küche verließ. Einen Moment später hörte sie, wie die Eingangstür ins Schloss fiel.

Es klingelte an der Tür, als sie die Scherben gerade beseitigt hatte. Rain nahm an, dass Oliver zurückkam, um sich zu entschuldigen. Doch als sie die Tür öffnete, standen zwei Männer auf ihrer Veranda. Einen von ihnen kannte sie – es war Alex’ Freund, Brian Rivette. Aber dem anderen, ein dunkelhaariger Mann mit einem Pflaster an der Schläfe, war sie noch nie zuvor begegnet.

„Brian, wie schön, dich zu sehen.“ Rain begrüßte ihn mit einer herzlichen Umarmung. „Was führt dich an einem Freitagmorgen hierher?“

„Ich glaube, das soll er lieber erklären.“ Brian zeigte auf den anderen Mann. Er trug eine Stoffhose, ein Hemd und eine Krawatte. Sein Jackett hatte er offenbar mit Rücksicht auf die Hitze abgelegt. An seinem Gürtel hing ein Holster. „Das ist mein Bruder Trevor. Er arbeitet fürs FBI.“

Rain wusste von Brians Schwester, doch sie hatte ihn nie von einem Bruder sprechen hören. Schon gar nicht von einem, der FBI-Agent war.

Die Miene von Agent Rivette war ernst. „Dr. Sommers, ich würde mich gern mit Ihnen über Ihre Radiosendung unterhalten.“

Sie machte die Tür weiter auf. „Bitte, kommen Sie herein.“ Als die Männer ihr ins Haus folgten, warf sie einen Blick auf ihre Armbanduhr. „Ich habe um zehn eine Therapiesitzung mit einem Patienten.“

„Dann werde ich mich kurzfassen.“

Rain schätzte, dass Trevor Rivette ungefähr drei oder vier Jahre älter war als sein Bruder. Sie hatte bemerkt, dass er im Gegensatz zu Brian nicht so bedächtig und gedehnt sprach wie der typische Südstaatler. Die markanten Wangenknochen und die kantige Kieferpartie wiesen jedoch Ähnlichkeit auf.

„Kann ich Ihnen einen Kaffee anbieten?“, fragte sie.

„Nein danke.“

„Ich hätte schon gern einen“, meldete sich Brian zu Wort. „Aber ich hole ihn mir selbst, damit ihr in Ruhe sprechen könnt.“ Er machte sich auf den Weg in die Küche.

„Warum gehen wir nicht in mein Büro.“ Rain führte Agent Rivette durch eine Glastür, die ihren Arbeitsplatz vom Rest des Erdgeschosses abgrenzte. Neben einem Schreibtisch gab es in dem Raum einen Bücherschrank und zwei passende Ohrensessel mit einem kleinen Tisch dazwischen. Über dem Schreibtisch hing eine Schwarz-Weiß-Fotografie, die das kunstvoll geschmiedete Eingangstor eines Friedhofs zeigte. Ein fantastisches Bild von einer der berühmten „Cities of the Dead“ von New Orleans.

„Mir war nicht bewusst, dass mein Bruder Sie so gut kennt“, sagte er, nachdem Rain die Tür hinter ihnen geschlossen hatte.

„Alex Santos, Brians Lebensgefährte, ist einer meiner ältesten Freunde“, erklärte sie. „Das Foto da an der Wand ist von ihm. Es ist ein recht bekannter Druck.“

Trevor betrachtete es kurz, ehe er sich ihr wieder zuwandte und ihr einen Blick aus seinen blaugrauen Augen zuwarf. So neugierig sie auch war, was Trevor Rivette betraf, verwirrte der Grund seines Besuchs sie noch viel mehr. Sie überlegte kurz, ob Midnight Confessions vielleicht gegen irgendeine Rundfunk-Richtlinie verstoßen hatte und zu anstößig gewesen war.

„Wenn es hier um Angelegenheiten der Sendung geht, sollten Sie das wirklich mit David D’Alba besprechen. Er ist mein Producer. Ich weiß, wir bewegen uns auf einem schmalen Grat, was die Mediengesetze betrifft.“

„Ich bin vom FBI, Dr. Sommers, nicht von der Rundfunkaufsicht.“

Rain ließ sich in einem der Sessel nieder und beobachtete Trevor, der am Fenster stand. Er lockerte seine Krawatte, und sie kam nicht umhin, festzustellen, wie der weiche Baumwollstoff des Hemdes sich an seine breite Brust schmiegte. Er schien sehr gut trainiert zu sein. Doch sein Gesicht war blass, und seine rechte Schläfe sah unter dem Pflaster aufgeschürft und verletzt aus. Sie fragte sich, was passiert sein mochte.

„Sie hatten während der Sendung gestern Abend einen Anrufer“, sagte er. „Es war ein Mann. Er nannte sich Dante.“

Der Name ließ Rains Herz schneller schlagen. „Ja?“

„Ich untersuche den Mord an einem jungen Mädchen hier in New Orleans. Die Tat weist Ähnlichkeiten mit Mordfällen auf, die in den letzten achtzehn Monaten in anderen Städten des Landes verübt worden sind.“

„Und Sie denken, dieser Dante hat etwas damit zu tun?“

„Ich habe keine Beweise, sondern nur mein Bauchgefühl und meine Erfahrung. Aber ja, ich glaube, es besteht die Möglichkeit, dass es einen Zusammenhang gibt. Würde es Ihnen etwas ausmachen, einen Blick auf ein paar Aufnahmen aus der Gerichtsmedizin zu werfen?“, fragte er. „Das Opfer ist noch nicht identifiziert. Brian sagt, Sie wären auf die Behandlung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen spezialisiert …“

„Also erkenne ich das Mädchen möglicherweise wieder?“

„Vielleicht.“ Als sie zustimmend nickte, griff er in seine Tasche und zog ein Foto heraus. Rain betrachtete das grausige Bild, eine Nahaufnahme vom Gesicht des toten Mädchens. Die junge Frau lag offenbar auf einem Obduktionstisch. Die Haut wirkte wächsern, die Augen waren geschlossen. Ein Laken bedeckte die Schultern und den Hals der Toten, sodass sie beinahe bis zum Kinn verhüllt war.

Rain schüttelte leicht den Kopf. „Ich kenne sie nicht.“

Trevor Rivette nahm das Foto wieder an sich und ging zu ihrem Schreibtisch. Er deutete auf das gerahmte Bild des Friedhofs, auf das sie ihn vorhin aufmerksam gemacht hatte. „Das wirkt ziemlich gothic, finden Sie nicht?“

Rain sah ihn an. „Ich denke, das liegt im Auge des Betrachters.“

„Eine Anruferin gestern Abend sprach über ein Anch-Tattoo. Würden Sie sagen, Ihre Sendung übt eine besondere Anziehung auf die Gothic-Szene aus?“

„Darf ich fragen, wohin das alles hier führen soll?“

Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Einige der Opfer hatten Verbindungen zur Gothic-Szene oder waren dafür bekannt, häufig Gothic-Clubs in ihrer Umgebung besucht zu haben.“

„Und das Mädchen hier in New Orleans?“

„Wir sind noch nicht sicher.“

Rain erhob sich aus dem Sessel. Sie spürte, dass er sie genau beobachtete.

„Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet, Dr. Sommers.“

Brian hat es offenbar vermieden, mit seinem Bruder über mich zu sprechen, dachte sie plötzlich. „Einige meiner Hörer verstehen sich als Anhänger der Gothic-Szene. Da wir gerade darüber reden: Wieso haben Sie meine Sendung gestern Abend gehört, Agent Rivette? Sie entsprechen nicht gerade unserer Zielgruppe.“

„Ich war beim Joggen und wollte mir irgendetwas im Radio anhören.“

„Und Sie haben ausgerechnet eine Radiosendung gewählt, die auf Teenager und junge Erwachsene ausgerichtet ist und in der nur alternative Musik gespielt wird?“

Er zuckte mit den Schultern. „Wenn Sie wissen möchten, ob ich lieber klassischen Rock gehört hätte, dann ist die Antwort: Ja. Ihr Sender war der einzige, den ich im Quarter empfangen konnte.“

Rain würdigte seine Ehrlichkeit mit einem kleinen Lächeln. Er schloss die Augen und rieb sich mit der rechten Hand übers Gesicht.

„Ist alles in Ordnung?“

Trevor Rivette ging nicht auf ihre Frage ein, obwohl ihm die Erschöpfung ins Gesicht geschrieben stand. „Ich muss genau wissen, was der Anrufer gestern Abend zu Ihnen gesagt hat.“

„Ich dachte, Sie hätten zugehört.“

„Ich habe nicht die ganze Sendung verfolgt.“

Sie griff nach dem Telefon auf ihrem Schreibtisch. „Unsere Sendungen werden digital aufgezeichnet. Ich rufe im Studio an, damit sie Ihnen eine Kopie machen …“

Rain verstummte, als er seine Hand auf ihre legte und sie davon abhielt, den Hörer zu nehmen. Jetzt, aus der Nähe, konnte sie die Narbe erkennen, die über sein Kinn lief. Der einzige Makel in einem sonst fast perfekten Männergesicht.

Auch wenn er freundlich klang, schwang in seiner Stimme eine unmissverständliche Bestimmtheit mit. „Ich werde diese Aufnahme gut gebrauchen können. Aber für den Moment erzählen Sie mir bitte erst mal, was er zu Ihnen gesagt hat.“

Rain zögerte.

„Er hat mich gefragt, ob ich es mögen würde, beim Sex gefesselt zu sein.“ Das kaum merkliche Beben in ihrer Stimme strafte ihre Direktheit Lügen, doch sie wandte den Blick nicht ab. „Er sagte, er wolle mich bluten sehen. Ich habe ihn dann aus der Leitung geworfen.“

Seine Augen verdunkelten sich. „Sind Sie heute Abend wieder auf Sendung?“

„Dienstags bis freitags. Heute Abend ist die letzte Sendung für diese Woche.“

„Ich würde gern im Radiosender dabei sein. Besser noch bei Ihnen im Studio. Wenn er sich wieder meldet, lasse ich den Anruf zurückverfolgen.“

Irgendwo in der Nähe heulte die Alarmanlage eines Autos auf. Erschrocken drehte Rain den Kopf zum Fenster. Dann sah sie wieder zu ihm und stimmte mit einem bedächtigen Nicken zu. „Ich werde mit meinem Producer sprechen und ihm Bescheid sagen.“

„Ich danke Ihnen.“

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Nachtruf" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen