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Danksagung

|7|April 1980

Auf einem Regal über unserem Küchentisch standen zwei Gläser. Eines für meine kleine Schwester Ingrid, das andere für mich. Auf meinem war ein Bild vom Krümelmonster und auf Ingrids Kermit, der Frosch, dem beim Abwaschen ein Auge abhandengekommen war. Immer wenn Mutter der Meinung war, dass wir Mist gebaut hatten, legte sie zwei, drei oder mehr schwarze Murmeln in das jeweilige Glas, und wenn es schließlich voll war, war es an der Zeit für eine Tracht Prügel. An manchen Tagen füllte sich mein Glas, weil ich zu spät vom Spielen heimkam, an anderen konnte ich anstellen, was ich wollte, ohne dass Mutter eine Murmel hineinwarf. Die Gläser sagten eher wenig über unser Verhalten aus, sondern waren mehr ein Barometer für Mutters Launen.

Sobald keine Murmel mehr hineinpasste, rief Mutter uns in die Küche, stellte das Glas auf den Tisch und legte mit erwartungsvollem Gesichtsausdruck, als sei es ein Experiment, eine letzte Murmel auf den Stapel. Wenn diese dann sofort herunterkullerte, sah Mutter uns merkwürdig mitfühlend an, als wolle sie sagen: »Tut mir leid, aber ihr seht es ja: Das Glas ist voll. Was soll ich machen?«

Backpfeifen waren an der Tagesordnung. So sorgte Mutter für Ruhe, wenn ihr Situationen zu hektisch wurden. Mir war das egal, aber Ingrid weinte viel. Die Ohrfeigen, die sie verpasst bekam, brannten oft schlimmer auf meiner Haut oder darunter als die, die ich selbst kassierte.

 

Wir lebten in einer Bruchbude. Die Tür zu unserer Wohnung musste man erst mit einem Ruck zu sich heranziehen, bevor |8|man sie öffnen konnte; ließ man die Klinke dann aber los, fiel sie von selbst auf. Einen Flur gab es nicht, sondern man stand sofort in der Küche, deren Dielenboden bei jedem Schritt knarrte wie die Planken eines alten Kahns. Zwischen den verzogenen Brettern hatten sich Staub und Schmutz angesammelt, und als einmal Besuch vom Jugendamt bevorstand, hatte Mutter Ingrid und mir Zahnbürsten in die Hand gedrückt, mit denen wir den Dreck aus den Ritzen kratzen sollten. Vom Rahmen des Fensters platzte die Farbe ab, und die Vorhänge waren eher Stofffetzen, mit ausgefranstem Saum. Mutter sprach regelmäßig davon, die roh verputzten und in einem hellen Grün angepinselten Wände neu zu streichen, kümmerte sich aber letzten Endes doch nie darum. Eine Stelle, an der der Putz abgebröselt und das nackte Mauerwerk zum Vorschein gekommen war, hatte sie mit einem Casablanca-Filmplakat überklebt, das sie beim Rauchen oft ansah. Mit übereinandergeschlagenen Beinen saß sie dann da, hatte den Ellenbogen aufs Knie gestützt, die Zigarette in der einen, den Aschenbecher in der anderen Hand, und starrte in die Ferne, irgendwo hinter das Plakat. In solchen Momenten hielt sie die Kippe weniger schluffig als sonst, mehr wie eine Dame. Bevor sie die Zigarette ausdrückte, schien es manchmal, als zwinkere sie dem Kerl auf dem Plakat wie zum Abschied zu. Einmal habe ich sie ihre Lippen bewegen sehen, als würde sie mit ihm reden, doch er schaute unverändert an ihr vorbei. Seinen Blick bekam man nie ganz zu fassen. Das eine oder andere Mal habe ich mir den Hals bei dem Versuch verrenkt, den richtigen Winkel zu finden, um seinen Blick einzufangen.

 

Ein Perlenvorhang trennte die Küche vom fensterlosen Wohnzimmer, in dem es immer ein wenig muffig roch, weil es gleichzeitig Mutters Schlafzimmer war. An der Längsseite stand ein Klappsofa, bei dem, genau wie an den dazugehörenden Sesseln, hier und da der Schaumstoff herausguckte. Der geflieste Tisch war ständig mit Glasabdrücken und Tabakbröseln |9|übersät, und den Wohnzimmerschrank, auf dessen Ablagen planlos verteilt Vasen, Porzellanfigürchen und andere Staubfänger standen, hatte Mutter zum Kleiderschrank umfunktioniert. An den ansonsten leeren Wänden hingen zwei Fotos von Ingrid und mir. Mein Bild habe ich immer zu ignorieren versucht.

An dem Tag, als der Fotograf bei uns in der Schule war, wollte ich nicht fotografiert werden, aber schließlich schob mich die Lehrerin meinem Gemaule zum Trotz vor die Kamera. Als der Fotograf dann nicht von mir verlangte, zu lächeln, sondern wollte, dass ich meinen Namen sagte, nölte ich »Rick«, war ihm dabei aber zu schnell und sollte es wiederholen. Meine Lehrerin bestand darauf, dass ich nicht »Rick«, sondern »Richard« sagte, also schnappte ich nach Luft und sagte patzig »Riiichaaahaaard«. Der Fotograf knipste während des zweiten A, sodass ich mit aufgerissenem Mund auf dem Foto zu sehen war. Wenn Mutter mich ärgern wollte, nannte sie es »das Zahnarztfoto«.

Es hing neben der Tür zu unserem Kinderzimmer, das mit zwei Betten, einem Kleiderschrank und einem Schreibtisch genauso übersichtlich eingerichtet war wie der Rest der Wohnung. Der Teppich war voller Krümel, und vor Ingrids Bett befand sich ein Kotzfleck, der aussah wie Snoopy im Profil. An den Wänden klebten Tierposter und Wachsmalbilder, und über mein Bett hatte ich eine Collage aus Cowboybildern gehängt, die ich aus Fernsehzeitungen und Comics zusammengeschnipselt hatte.

Von unserem Fenster aus blickte man auf eine vielbefahrene Kreuzung mit Geschäften und Bahnhaltestelle, wobei ein Teil der Scheibe ganzjährig mit Weihnachtssternen aus Transparentpapier und ähnlichem Kram zugekleistert war. Ingrid und ich saßen oft auf dem Fensterbrett, drückten die Stirn gegen die Scheibe, schauten uns die Menschen auf der Straße an und fragten uns gegenseitig: »Wer bist du?«

Dann pickten wir uns Leute heraus, die auf die Bahn warteten |10|oder an der Imbissbude ihre Pommes futterten, und dachten uns Geschichten zu ihnen aus. Wir überlegten uns, wie sie hießen, was sie in ihren Tüten hatten, woher sie kamen oder wohin sie fahren würden. Wenn sie sich miteinander unterhielten, verstellten wir unsere Stimmen, vertonten die Leute, ließen sie miteinander tratschen oder fluchen. So hat Ingrid wohl ihre ersten Schimpfwörter gelernt, und es hat mir Spaß gemacht, sie zum Lachen zu bringen und mir immer neue Albernheiten auszudenken.

 

Eines Abends spielten Ingrid und ich in einer Höhle, die wir uns aus einer Decke und dem Schreibtisch gebaut hatten. Draußen dämmerte es, und wir hatten das Licht im Zimmer nicht angeschaltet. In der Dunkelheit der Höhle funzelten wir mit einer Taschenlampe herum, die ich dem Hausmeister meiner Schule aus der Werkzeugkiste geklaut hatte. Ich drückte mir die Lampe gegen das Kinn und schnitt Grimassen. Ingrid kicherte.

Irgendwann klingelte es an der Tür, und wenig später hörten wir Franz’ Stimme aus dem Wohnzimmer. In unseren Augen war Franz ein Riese. Wie man Wasser verdrängt, wenn man in eine Wanne steigt, schien Franz Raum zu verdrängen, wenn er in ein Zimmer kam, und alle Gegenstände um ihn herum schrumpften. Franz war immer laut. Ingrid duckte sich schon, wenn er nur in ihre Nähe kam, bevor er überhaupt den Mund aufgemacht hatte. Er war laut, wenn er redete, wenn er lachte, wenn er sich mit Mutter stritt, und wenn sie miteinander vögelten. In solchen Momenten kuschelten Ingrid und ich uns in ihrem Bett aneinander, zogen uns die Decke über den Kopf, und ich erzählte ihr Geschichten, um sie abzulenken. Es war, als schlüpften wir dabei wie Alice im Wunderland durch ein Erdloch in eine Welt, die für niemanden außer uns zugänglich war.

 

|11|»Hab dir was mitgebracht.«

Ohne anzuklopfen, war Franz in unser Zimmer gekommen und hockte nun vor der Höhle. Ich streckte meinen Kopf heraus. Franz hielt mir einen flauschigen Hundewelpen entgegen, und Mutter lehnte lächelnd im Türrahmen und zwinkerte mir zu.

»Hat noch keinen Namen«, sagte Franz und setzte den Welpen ab, der auf wackeligen Beinen auf mich zutapste. »Nachträglich zum Geburtstag. So was wollteste doch, oder?« Bevor Franz sich erhob, streichelte er dem Hund über den Rücken, doch es war mehr ein Zupacken und Durchschütteln. Als er an Mutter vorbei aus dem Raum verschwand, sagte er, an sie gerichtet: »Zufrieden?« Sie machte einen Schritt in unser Zimmer, aber Franz griff sie am Arm. »Jetzt nicht mit den Lütten spielen. Lass mal den Sekt aufmachen.« Damit zog er unsere Zimmertür von außen zu.

Schon zu meinem Geburtstag im Jahr zuvor hatte ich mir einen Hund gewünscht und seitdem immer wieder erfolglos herumgebettelt. Mutter hatte sich auf keine Diskussion eingelassen. Anfangs hatte sie mir noch erklärt, wie viel Arbeit ein Hund mache, aber irgendwann zischte sie nur noch genervt, dass ich meine Klappe halten solle, und schließlich reagierte sie einfach nicht mehr auf mein Quengeln. Im Laufe der Zeit hatte sie mich längst davon überzeugt, dass es lästig war, jeden Tag mehrmals mit einem Hund Gassi gehen zu müssen, aber ich bettelte aus Gewohnheit weiter.

Als der Hund nun vor mir hockte und an meinen Füßen schnüffelte, gaffte ich ihn ratlos an. Erst als Ingrid unter dem Schreibtisch hervorgekrochen kam, sich vor den Hund auf den Boden legte und kichernd ihre Nase gegen seine Schnauze drückte, musste ich lächeln. Ich griff ihn vorsichtig unter dem Bauch und hob ihn in die Höhle. Wir nannten ihn »Fred«, nach einem Hund aus einem Film, den ich einige Wochen zuvor im Fernsehen gesehen hatte.

 

|12|Wir spielten mit Fred, und es wurde später und später, ohne dass Mutter uns ins Bett schickte. Schließlich kuschelte Ingrid sich gähnend an mich, schob ihre Hand unter meine und klopfte gegen meine Handfläche: Ich sollte ihre Finger massieren. Irgendwie beruhigte sie das immer.

»Holst du ein Halsband für Fred?«, fragte sie. »Aus der Schatzkiste?«

Unsere Schatzkiste war eine Zigarrenkiste, in der wir Schlüsselanhänger und Plastikschmuck, Gummispinnen und Flummis versteckten. Lauter Zeug, das ich mir unter den Nagel gerissen hatte, als ich mit ein paar größeren Jungs einen Kaugummi-Automaten geknackt hatte. Nachdem die anderen die Totenköpfe und Spielzeugtaschenmesser unter sich aufgeteilt hatten, hatte ich das restliche Zeug für Ingrid mitgenommen. Damit Mutter die Sachen nicht zu sehen bekam, versteckten wir die Schatzkiste auf unserem Etagenklo, hinter einer lockeren Kachel der Badewanne.

»Bitte«, sagte Ingrid. Um zum Klo zu kommen, musste ich durchs Wohnzimmer, wo Mutter mit Franz am Trinken war. Obwohl ich befürchtete, dass die beiden genervt sein würden, setzte ich mich in Bewegung, als Ingrid mich anblinzelte und an ihrer Unterlippe knabberte.

Ich öffnete die Tür zum Wohnzimmer und lugte vorsichtig hinein. Mutter lächelte, und ihre Augen glänzten wie feuchte Steinchen. »Na, Süßer? Spielt ihr noch?«, fragte sie und zog angestrengt die Nase hoch.

»Nenn den doch nicht Süßer«, maulte Franz. »Was soll denn aus dem für einer werden?«

Mutter zwinkerte mir zu und sagte: »Ach, klar ist der süß.«

Zigarettenqualm stand in der Luft, und auf dem Tisch lagen mehrere Geldbündel.

»Was hast du vor?«, wollte Mutter wissen.

»Auf Toilette gehen.«

Sie warf Franz einen fragenden Blick zu. »Wollen wir es ihm sagen?«

|13|»Mach doch.«

»Süßer, wir ziehen vielleicht bald um. In eine richtig schöne große Wohnung.«

»Quatsch«, sagte Franz. »In ein Haus. Wenn schon, denn schon.«

»Dann hast du dein eigenes Zimmer. Wir bauen ein Haus!«

Ich musste daran denken, wie lange sie schon davon sprach, die Küche zu streichen.

»Da bist du platt, was?«, fragte Franz, aber ich verschwand wortlos ins Treppenhaus.

Einen Moment lang blieb ich auf dem Toilettendeckel sitzen und hörte dem tropfenden Wasserhahn zu, an dem sich im Laufe der Zeit ein kleiner Kalkstalaktit gebildet hatte. Im Hinterhof wurde klappernd ein Fahrrad abgestellt, und durch das geöffnete Milchglasfenster war das Rascheln des Efeus im Wind zu hören, der kühl hereinwehte. An der unbeschirmten Glühbirne klebte ein Langbein. Dann hockte ich mich auf den Boden, löste mit einem leisen Knirschen die Kachel von der Verkleidung der Wanne und langte in den Hohlraum nach der Schatzkiste. Ich fischte ein Armband aus rosa Plastikperlen heraus und steckte es in meine Hosentasche.

Im Treppenhaus lief ich Frau Marquard über den Weg, die mit ihrem Mann im Erdgeschoss unter uns lebte. Frau Marquard hatte einen Schlüssel zu unserer Wohnung, um nach dem Rechten schauen zu können, wenn Mutter nachts arbeitete oder unterwegs war. Dass sie sich in Mutters Angelegenheiten eingemischt hätte, habe ich nicht mitbekommen, aber wenn sie bei uns war, war alles an ihr ein einziges besorgtes Kopfschütteln.

»Alles gut bei euch, Richard? Hat deine Mutter Besuch?«, wollte sie wissen, lauschte, und prompt war Franz’ Lachen zu hören. »Grüß sie mal. Und sag ihr, dass sie heute nicht wieder so lange machen sollen, ja?«

Ich nickte.

Als ich zurück in der Wohnung war, sah ich durch den |14|Perlenvorhang, wie Mutter mit verschränkten Armen auf dem Sofa saß. Franz hatte seinen Arm um sie gelegt und zog sie zu sich heran, aber sie wandte sich ab. Licht fiel aus dem Wohnzimmer in die unbeleuchtete Küche, und ich trippelte über den Schatten des Vorhangs, als könne ich ihn dabei versehentlich zum Klimpern bringen.

»Das kann nicht schiefgehen«, hörte ich Franz murmeln.

»Das Geld reicht doch erst mal«, sagte Mutter.

»Der Typ, den ich kennengelernt habe, ist eine richtig große Nummer, wenn ich mit dem …« Franz hatte mich hinter dem Vorhang bemerkt und unterbrach sich. »Der Kleine«, sagte er.

»Ab ins Bett jetzt, Richard. Hier«, damit warf mir Mutter eine Decke zu. »Darauf kann der Hund schlafen. Und ich habe keine Lust, dass der mir die Wohnung vollpinkelt. Du wolltest den haben.«

Ich nickte.

Nachdem ich Fred noch das Armband um den Hals gelegt hatte, baute ich mit der Decke ein Nest für ihn zwischen unseren Betten, sagte Ingrid gute Nacht und löschte das Licht.

 

Irgendwann schreckte ich aus dem Schlaf hoch. Als ich die Augen öffnete, brannte das Licht in unserem Zimmer, und aus dem Fernseher plärrten Stimmen. Im Türrahmen lehnte Franz mit einer Flasche Bier in der Hand, beschimpfte Mutter und brüllte, es gebe keine neue Wohnung und schon gar kein Haus. Aus dem Wohnzimmer keifte Mutter. Franz bölkte zurück, worauf ein voller Aschenbecher neben ihm gegen die Wand donnerte. Für eine Schrecksekunde erstarrte Franz in der Aschewolke, schmiss schließlich seine Bierflasche auf den Boden und kam schnaufend in unser Zimmer gestampft. Mutter schrie, und Ingrid machte sich klein in der Ecke ihres Bettes. Ich setzte mich auf. Mit wutverzerrtem Gesicht blieb Franz vor Freds Nest stehen und sah mich an. Dann trat er fünf, sechs Mal mit dem Hacken seiner klobigen Schuhe |15|auf den Hund ein. Das Knacken und Splittern der Knochen machte mir eine Gänsehaut.

Ingrid kreischte. Für einen Augenblick schien es, als sei kein Mensch mehr in ihrem Gesicht. Mutter stürzte ins Zimmer, und innerhalb von Sekundenbruchteilen wechselte ihre Mimik. Erst der Schreck in ihren Augen, als sie in den Raum kam, die Erleichterung, als sie sah, dass Franz uns nicht angefasst hatte, und schließlich das Entsetzen, als er beiseitetrat und ihr Blick auf den Hund fiel. Fred lag mit verdrehten Gliedmaßen und eingetretenem Schädel da, die Augen waren herausgequollen.

Ingrids Schreien wurde zu einem atemlosen Weinen, als Mutter weiter Franz ankeifte. Im Wohnzimmer rumorte der Fernseher. Ich saß in meinem Bett und sah Franz an. Der brüllte, wir sollten alle Ruhe geben, schrie Mutter an, schrie Ingrid an, die nicht aufhören konnte zu heulen, warf einen Blick auf das tote Tier, wischte sich durchs Gesicht und zog die Nase hoch. Schließlich bemerkte er mich, wie ich regungslos in meinem Bett saß und ihn anstarrte.

»Was?!«, blaffte er mich an. Im nächsten Moment raste seine stinkende Hand auf mich zu, traf mich an der Schläfe, und ich donnerte mit dem Kopf gegen die Wand.

 

Als ich wieder ganz bei mir war, dröhnte mein Schädel, und Franz war verschwunden. Mutter hatte die Decke um den Hund geschlagen, so dass man den Kadaver nicht sehen konnte, und Ingrid lag zitternd in ihren Armen.

»Schon okay«, flüsterte Mutter, »ist schon okay, Kleine.«

Nachdem wir uns beruhigt hatten, schickte sie mich im Schlafanzug runter in den Hof, um den Hund in die Mülltonne zu werfen. Ein paar Tage später bemerkte Mutter, dass ich auch die Decke weggeworfen hatte, und ich bekam sechs Murmeln in mein Glas.

|16|Mai 2000

»Nimm mal«, sagte ich und reichte Flavio die Verteilersteckdose raus. Ich stieg auf den Spülkasten meiner Toilette, zwängte mich durch das kleine Fenster und kletterte zu ihm auf den abgeflachten Teil des Dachs. Es waren nur wenige Quadratmeter, aber an guten Tagen fühlte es sich an wie das Sonnendeck eines Luxusliners. Der Ausblick auf hoher See änderte sich genauso wenig wie hier, und man hatte Horizont, so weit das Auge reichte.

Es war ein Vormittag im Mai, aber die Sonne brannte vom Himmel, als sei bereits Hochsommer. Ich schloss einen Ventilator und einen Tischgrill, den Flavio mitgebracht hatte, an.

»Steak oder Wurst?«, fragte Flavio.

»Steak.«

Obwohl ich noch einen Kater vom vorherigen Abend hatte, war ich nicht in der Lage gewesen, Flavio wegzuschicken, als er mich wachgeklingelt hatte. Während er sich am Grill zu schaffen machte, fläzte ich mich auf eine Bastmatte, öffnete ein Bier und blickte über die Dächer.

In der Ferne drehten sich zwei leuchtend gelbe Kräne, und die Satellitenschüsseln an den Häuserwänden waren reife Pickel auf dem Gesicht des Viertels. Der Lärm der Straße drang zu uns herauf, hupende Autos, ratternde Presslufthämmer und das übliche Rumgebölke auf dem Kiez. Um uns herum, auf den Ziegeln und Antennen, gurrte ein Taubenschwarm wie eine unruhige Schulklasse, und ab und an knarrte eine Krähe, die sich dazugemogelt hatte, wie ein schimpfender Pauker dazwischen.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite blieb mein Blick |17|an einer Frau Mitte zwanzig hängen, die in einem giftgrünen T-Shirt, das ihr bis über die Oberschenkel hing, auf einem Balkon stand und an einem Kaffee nippte. Ich strich mir mit den Fingerspitzen über den Nacken und sah sie an. Als sie mich bemerkte, prostete sie mir mit ihrer Tasse zu. Im Gegenzug hob ich mein Bier, woraufhin Flavio, der mit freiem Oberkörper am Grill hockte wie ein Orang-Utan, auf sie aufmerksam wurde, grinsend seine Oberarme anspannte und sich den Bizeps küsste. Weil es auf den Sommer zuging, hatten wir in den letzten Monaten regelmäßig trainiert. Die Frau nickte anerkennend zurück, hob dann aber eine Hand und zeigte mit Daumen und Zeigefinger die Maße eines Streichholzes.

»Originalgröße!«, rief sie zu uns herüber.

Wir lachten, und sie verschwand tänzelnd in ihrer Wohnung.

»Die Alte is’ jetzt aber mal ganz weit oben auf der Liste«, sagte Flavio und drehte die brutzelnden Nackensteaks um. Sein Handy klingelte.

»Janina«, sagte er, aber ich sah ihn nur fragend an. »Die kleine Schwarzhaarige mit den Locken, die neulich in letzter Sekunde doch nur kuscheln wollte.«

»Die die ganze Nacht von der Uni gelabert hat?«

Flavio nickte.

»Und wieso hat die deine Handynummer?«, wollte ich wissen, weil es goldene Regel war, nach einem One-Night-Stand auf keinen Fall die richtige Telefonnummer rauszurücken, schon gar nicht nach einem missglückten.

»Die hat so lieb gefragt.«

Ich schmunzelte.

Flavio ging ans Handy. »Moin.«

Ich hörte nicht weiter zu, sondern betrachtete die Tätowierung auf meinem rechten Handgelenk, die einzige, die ich bereute. Ein Herzchen, in dem in verschnörkelter Schrift Flavios Name stand. Vor einigen Monaten waren wir besoffen in ein Studio gestolpert und hatten uns unsere Namen |18|stechen lassen. Am folgenden Morgen war es nicht mal mehr halb so witzig gewesen.

Flavio stieß mich mit dem Fuß an. »Manhattan-Bar?«, fragte er, aber ich wusste nicht, worum es ging. »Warte mal«, sagte er zu Janina, hielt das Handy beiseite und sagte leiser: »Kommst du heute Abend mit in die Manhattan-Bar, einen Cocktail trinken? Die will sich noch mal mit mir treffen und eine Freundin mitbringen. Das ist die Chance!«

Ich rieb mir die Schläfe und schüttelte den Kopf. Aber Flavio riss die Augen auf und rührte mit der Grillzange in der Luft herum.

»Ich bin noch total durch von gestern«, sagte ich, »außerdem bin ich pleite.«

»Los«, protestierte er gepresst. »Doppel-Date mit Charme-Offensive.«

Als ich nicht reagierte, verzog er das Gesicht und wackelte mit dem Oberkörper hin und her. »Mir zuliebe«, sagte er. »Ich lad dich ein, Alter.«

»Du zahlst?«

»Komplett.«

»Sieht die Freundin halbwegs gut aus?«

»Nee, das ist so ’ne Bucklige«, antwortete er und rollte mit den Augen.

Ich lächelte.

»Janina? Ja, klappt. Neun Uhr in der Manhattan-Bar.«

Nachdem Flavio sich von ihr verabschiedet hatte, kniete er sich neben den Grill und murmelte: »Jetzt gibt’s Fleisch.«

Ich reichte ihm die Teller.

»Lass uns nachher noch was zu kiffen besorgen, Rick, ja?«

 

Keine zwei Stunden später standen wir mit vollgeschlagenen Bäuchen vor einer Schule und musterten von der gegenüberliegenden Straßenseite aus die Schüler, die herausströmten. Einige verschwanden in Richtung Bus- oder Bahnhaltestelle, andere sammelten sich in kleinen Gruppen vor dem Eingang.

|19|»Ich bin so froh, dass ich keine siebzehn mehr bin, sondern auf die dreißig zugehe. Guck dir mal an, was die mit ihren Haaren machen. Und die Hosen erst«, sagte Flavio, während er sich eine Bomberjacke überzog.

»Die ist doch viel zu warm«, sagte ich.

»Sieht aber cooler aus.«

Damit setzte er sich eine verspiegelte Sonnenbrille auf. Anschließend kontrollierte er, ob das Funkgerät in seiner Jackentasche ausgeschaltet war, das er, genau wie ein Headset, bei einer Security-Firma hatte mitgehen lassen, für die wir eine Weile Türsteherjobs gemacht hatten. Ich warf einen Blick über die Straße und fragte: »Welchen nehmen wir denn jetzt?«

»Gibt’s schon einen mit Dreadlocks?«

»Nee.«

»Hat der eine da nicht ein Bob-Marley-T-Shirt an?«

»Das ist Che Guevara«, sagte ich.

»Bedeutet doch beides Kiffen, oder nicht? Irgendwas Zeckenmäßiges halt.«

Ich sagte nichts.

»Oh, hier!« Flavio deutete auf den Eingang, aus dem ein Kerl mit verfilzten Haaren geschlurft kam, der den Temperaturen zum Trotz einen Parka mit Cannabisblatt-Aufnäher trug. Auf seinen Schultern hatte er einen vollgekritzelten Militärrucksack.

»Das ist schon fast zu einfach«, sagte ich.

»Herr Kollege«, Flavio rückte sich die Sonnenbrille zurecht, »Zielperson erfasst.«

Mit zügigen Schritten überquerten wir die Straße und gingen auf den Kerl zu. Flavio schob sich das Headset ins Ohr und steckte das lose Kabelende in die Jacke. Als der Junge uns bemerkte, sah er sich hektisch um.

»Kriminalpolizei, kommen Sie bitte mal mit, junger Mann«, sagte ich freundlich, aber bestimmt, und schob ihn in eine Ecke zwischen Bushaltestelle und Altkleidercontainer. Flavio und ich schnupperten. Der Bengel dünstete den Grasgeruch |20|regelrecht aus. Sein Blick wanderte unruhig zwischen uns hin und her.

»Hauptkommissar Bauernfeind«, sagte ich. »Wir haben Grund zu der Annahme, dass Sie Drogen mit sich führen. Öffnen Sie bitte den Rucksack.«

Die anderen Leute, die wir auf diese Weise abgezogen hatten, waren auch kleinlaut gewesen, aber derartig gezittert wie dieser Kerl hatte keiner von ihnen. Anstatt nach unseren Dienstmarken zu fragen, stotterte er: »Ich schreibe gleich eine Klassenarbeit.«

Obwohl Flavio mit seinen lockigen Haaren, dem Dreitagebart und der Brille aussah, als sei er einem Siebzigerjahre-Gangsterfilm entstiegen, und ich meine abgewetzten Cowboystiefel trug, schien der Kerl nicht zu bezweifeln, dass wir Bullen waren.

»Unser Einsatz ist mit der Schulleitung abgesprochen. Wenn Sie kooperativ sind, wird es keine Verzögerungen in Ihrem Tagesablauf geben. Ihren Ausweis bitte«, sagte ich, worauf er schwer atmend seinen Ausweis aus dem Portemonnaie fingerte. Flavio drückte sich mit Zeige- und Mittelfinger das Headset ans Ohr und holte das Funkgerät aus der Jacke.

»Zentrale?«, sagte er, »Zielperson trägt einen schmutzigen Parka mit verdächtigen Aufnähern und schulterlange Dreadlocks. Wiederhole: Dreadlocks.«

Dann zupfte er dem Jungen den Ausweis aus der Hand, als sei es die alles entscheidende Karte bei einem Quartett-Spiel, und tat anschließend so, als gebe er die Personalien durch, ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen.

»Die Drogen, bitte«, sagte ich.

»Ich habe keine Drogen«, antwortete der Bengel und schielte hilfesuchend in Richtung Haltestelle zu seinen Freunden, die das Geschehen nur auf einige Meter Entfernung zu beobachten wagten. Flavio schüttelte demonstrativ gelangweilt den Kopf und sah beiseite.

»Dann lassen Sie mich bitte kurz in den Rucksack schauen«, |21|forderte ich den Jungen auf. Aber er reagierte nicht, sondern starrte nur auf seine ausgelatschten Sneakers und knibbelte am Saum seines Parkas herum wie am Ohr eines Lieblingsteddys.

»Bitte«, wiederholte ich.

Schließlich nahm Flavio die Sonnenbrille ab, stemmte eine Hand in die Hüfte und deutete mit dem Zeigefinger der anderen, die Brille zwischen Daumen und Mittelfinger baumelnd, aus kurzer Distanz auf den Kerl.

»Jetzt pass mal auf«, sagte er und trat einen Schritt auf ihn zu. »Ich werde nicht dafür bezahlt, meine Zeit mit Verlierern wie dir zu verschwenden.«

Der Junge blinzelte, als habe er Schlaf in den Augen. Flavio sah an ihm herunter. »Wir haben aus sicherer Quelle erfahren, dass du Drogen bei dir hast. Du solltest jetzt nicht den Fehler machen, dich mit uns anzulegen. Weißt du, was wir alles mit dir anstellen könnten? Wem würde man wohl glauben? Dem kleinen dreckigen Kiffer oder zwei hochdekorierten Beamten?«

Ich hatte keine Ahnung, aus welchem Film das Gerede stammte, doch als Flavio hochdekoriert sagte, war ich sicher, dass der Bengel das Ganze durchschauen und einfach abhauen würde. Stattdessen flennte er los und nahm umständlich den Rucksack von seinen Schultern. Eine süßlich-harzige Wolke schlug uns entgegen, als er ihn öffnete.

»Sie dürfen bitte meinen Eltern nichts davon sagen«, brabbelte er. »Ich mache das nur, um schneller das Geld für den Führerschein zusammenzubekommen. Das ist das erste Mal. Ich mache das auch nie wieder.«

Nachdem er sich hingekniet hatte, zauberte er erst zwei Einkaufstüten voller Gras aus dem Rucksack und, als wäre das nicht genug, noch vier Tütchen mit Pillen. Als der Bengel uns einige Sekunden lang nicht beachtete, ballte Flavio eine Hand zur Faust, starrte mich an und riss stumm den Mund auf, als gebe er Kriegsgeheul von sich.

|22|»Das ist konfisziert«, sagte ich, nahm dem Jungen das Zeug aus der Hand und packte alles wieder zusammen. Flavio drückte sich das Headset gegens Ohr und sabbelte ins Funkgerät: »Der Adler ist gelandet.«

Ich spürte, dass es an der Zeit war abzuhauen, bevor er es wie üblich überreizen würde, setzte mir den Rucksack des Bengels auf und wollte nur noch möglichst schnell weg.

»Mein Kollege und ich werden jetzt das Beweismaterial sicherstellen und dich nach der Schule hier abholen«, sagte Flavio in väterlichem Tonfall. »Schreib deine Arbeit. Mach was aus deinem Leben. Und denk dran«, er setzte sich die Sonnenbrille wieder auf, »du kannst wegrennen, aber du kannst dich nicht verstecken.«

Der Bengel guckte dumm aus der Wäsche. Bevor wir uns davonmachten, klopfte ich ihm aufmunternd auf die Schulter.

 

Im Rucksack befanden sich Gras und Pillen im Verkaufswert von weit über zweitausend Mark. Weil Flavio und ich das Zeug nicht selbst verscherbeln wollten, rief ich Pascal an, bei dem ich für gewöhnlich einkaufte, in der Hoffnung, er würde uns einen anständigen Preis machen. Am Telefon deutete ich nur vage an, worum es ging, und wenig später standen wir vor seiner Wohnungstür im frisch geschrubbten Treppenhaus.

Ich klopfte.

Flavio trug noch immer seine Bomberjacke.

»Willst du die nicht mal ausziehen?«

»Solche Geschäfte macht man nicht in T-Shirt und kurzen Hosen, Rick«, sagte Flavio. Gerade wollte ich die Augen verdrehen, da hörte ich Pascals Stimme durch die Tür.

»Ja?«, fragte er tonlos.

»Wir sind’s.«

»Wer?«

Die Haustür hatte offen gestanden, und wir waren reingekommen, ohne zu klingeln, sodass ich mir nichts bei der Frage dachte.

|23|»Rick. Und Flavio ist dabei.«

Stille. Dann: »Das ist heute doch nicht so gut.«

Flavio kratzte sich knirschend über seine Bartstoppeln am Hals, und ich ging dichter an die Tür. »Pascal, lass uns mal kurz rein, und guck dir an, was wir mitgebracht haben, ja?«

»Ich rufe dich morgen an.«

»Mach mal bitte kurz die Tür auf. Flavio muss auch nicht mit reinkommen, wenn du keinen Bock auf ihn hast«, sagte ich drängender und nahm den Rucksack von den Schultern. Schließlich öffnete sich die Tür einen Spalt, und Pascal linste über die vorgehängte Kette aus der Wohnung.

»Jungs, ihr solltet echt abhauen«, sagte er.

»Dauert nicht lange.«

»Was denn?«, fragte er genervt und zog die Augenbrauen zusammen.

»Wir haben ein Eins-A-Geschäft für dich, da kannste richtig Geld mit machen«, flüsterte Flavio. In dem Moment wurde die Tür zugeknallt, es polterte, und nach einem Klickern der Kette wurde sie wieder aufgerissen.

Ein breitschultriger Glatzkopf mit fliehender Stirn und tiefliegenden Augen stand vor uns. Perplex, wie ich war, konnte er mir den Rucksack aus den Händen nehmen, ohne dass ich reagierte. Sofort wollte Flavio auf den Kerl losgehen, aber ich packte ihn am Arm und hielt ihn zurück. Im Augenwinkel hatte ich noch zwei ähnliche Gestalten bemerkt, die in einem der Zimmer hockten.

»Warte mal«, sagte ich.

»Was denn?!«

Pascal stand im Flur hinter dem Kerl und machte eine hilflose Handbewegung.

»Das habt ihr euch echt selbst eingebrockt, Jungs«, sagte er.

Der Glatzkopf deutete in das Zimmer zu den beiden Männern, die in zwei Sesseln hingen und ausdruckslos zu uns herübersahen. Nach kurzem Zögern traten wir in die Wohnung, nickten ihnen zu und setzten uns ihnen gegenüber auf |24|ein Sofa, in das wir tief einsanken und jegliche Souveränität mit uns.

Nachdem er unseren Rucksack auf dem Wohnzimmertisch abgestellt hatte, postierte sich der Glatzkopf mit verschränkten Armen im Türrahmen, als würde sich ein Tetris-Stein in eine passende Lücke schieben.

Pascals Wohnung war wie geleckt. Auf dem Teppich war kein Fussel zu entdecken, und selbst die Gläser der gerahmten Filmplakate waren streifenfrei gewienert. Mehrere Fernbedienungen lagen auf dem Tisch in Reih und Glied nebeneinander. Das Einzige, was den Gesamteindruck störte, war ein randvoller Aschenbecher, um den herum sich ein Kreis Asche wie ein Asteroidengürtel zog.

Die Kerle sahen uns an. Sie waren um die vierzig. Unter ihren Anzügen trugen sie bunt gemusterte Hemden wie aus der Altkleidersammlung. Bei einem der beiden uns gegenüber ragte eine Tätowierung am Hals bläulich verschwommen aus dem Kragen, und der andere trug einen Brillie im Ohr. Leute, die nichts zu verlieren hatten und genau das auch ausstrahlten. Mit Typen wie ihnen gab es am Wochenende regelmäßig Reibereien in den Clubs, wenn sie frühmorgens den Frauen zu aufdringlich wurden, weswegen Flavio und ich sie dann möglichst stressfrei hinausbefördern mussten.

Wir starrten uns an. In der Ecke des Zimmers plätscherte Wasser in einem Aquarium, und auf dem Fernseher blinkte die Grafik eines Autorennspiels.

»Pffff«, machte Flavio und knackte mit dem Nacken. Der Tätowierte verzog sein Gesicht zu einer Fratze und riss den Mund auf. Es dauerte einen Augenblick, bis ich begriff, dass er tonlos gähnte. Er hatte Zähne wie Kieselsteine in seinem Maul. Einige Sekunden erstarrte er in dieser Haltung, bis er schnaufend ausatmete und in die gleiche mimiklose Pose zurückfiel, die er vorher innegehabt hatte. Schließlich fragte der mit dem Brillie mit osteuropäischem Akzent: »Was soll das für ein Eins-A-Geschäft sein?«

|25|Erst zögerte ich. »Eine private Angelegenheit.«

Pascal verzog wie vor Schmerzen das Gesicht, während der Tätowierte ein Lächeln andeutete. »Wir werden es nicht weitersagen. Besprecht es.« Er wedelte mit den Händen zwischen mir und Pascal herum, der mitten im Raum stehen geblieben war.

»Na, was wollt ihr denn?«, fragte Pascal. Nachdem ich auf den Rucksack gedeutet hatte, öffnete er ihn und inspizierte den Inhalt. Die Kerle schauten ihm nur kurz dabei zu, bevor ihm der Tätowierte die Tüten aus der Hand nahm, sie zurückstopfte und einige Worte in seiner Muttersprache mit seinem Partner wechselte.

»Wir nehmen das als Anzahlung«, sagte der mit dem Brillie schließlich zu Pascal, ohne Flavio und mich zu beachten.

»Moment mal«, protestierte Flavio.

»Wir klären das gleich, Jungs«, sagte Pascal und bedeutete Flavio, ruhig zu bleiben, aber der erhob sich.

»Nee, wir klären das jetzt. Pass mal auf: Wir bezahlen nicht deine Schulden. Und ihr«, Flavio sah den beiden Kerlen fest in die Augen, »ihr müsst nicht glauben, dass wir das einfach so mit uns machen lassen.«

»Flavio, das ist gerade total überflüssig«, sagte ich. Die Männer sahen ihn interessiert an, blieben aber sitzen.

»Ey, du kannst denen doch nicht einfach unser Zeug überlassen«, fluchte Flavio, und der Glatzkopf trat einen Schritt in den Raum.

»Ganz ruhig, Leute«, sagte Pascal, und es war nicht zu übersehen, wie aufgeregt er war.

»Ey, ich lasse mich doch nicht von diesen Polacken-Fratzen abzocken«, ätzte Flavio weiter.

»Das ist genau das, was ich neulich meinte, Flavio«, murmelte ich, »nicht immer gleich durchdrehen.«

»Was wollen die Idioten denn schon machen?«

Der Glatzkopf beantwortete die Frage, indem er in sein Jackett griff, als würde er eine Waffe aus dem Holster nehmen.

|26|»Na, jetzt bin ich ja mal gespannt«, stachelte Flavio ihn weiter an.

Als ich mich erhob, um gegebenenfalls dazwischengehen zu können, kam ich nur langsam aus dem Sofa hoch, und als ich schließlich stand, waren auch der Tätowierte und der mit dem Brillie auf den Beinen. Wir sahen uns abwartend an.

»Vor den hässlichen Idioten habe ich doch keine Angst«, bollerte Flavio.

»Halt doch einfach mal die Fresse«, zischte ich, aber da war Flavio schon dabei, sich die Jacke auszuziehen. Während der Glatzkopf auf den Fußballen wippte, pumpten die beiden anderen ihre Oberkörper auf. Gerade wollte ich zu einem Versuch ansetzen, die Sache in Ruhe zu klären, da warf Flavio seine Jacke wie einen Fehdehandschuh auf den Boden.

Funkgerät und Headset rutschten aus der Innentasche.

Die drei Kerle sahen sich fragend an, dann brabbelte der Tätowierte etwas vor sich hin, und seine Kollegen bekamen große Augen.

»Polizei?«, fragte schließlich der mit dem Brillie, auf das Funkgerät deutend.

»Nein! Nein, nein!«, rief Pascal und wollte die Situation entschärfen, aber Flavio sagte betont locker: »In Ordnung, Pascal. Danke für Ihre Mitarbeit, wir haben alles, was wir brauchen. Die Kollegen werden jetzt jede Minute bei uns sein.«

»Ahhh«, machte Pascal, als habe er sich verbrannt, und rief: »Nein! Nein! Nein! Keine Polizei!«

Mit skeptischem Blick sah uns der Tätowierte an, während der mit dem Brillie auf Pascal zustürmte und ihn am Nacken packte wie einen ungezogenen Köter.

»Hast du uns an die Bullen verraten, um aus der Sache rauszukommen?«, brüllte er mit anschwellender Halsschlagader in Pascals Ohr, aber der duckte sich weg und brachte außer Nein nichts heraus. Der Tätowierte stapfte zum Fenster und lugte durch die Gardinen hinaus, während der Glatzkopf |27|wieder seinen Platz im Türrahmen einnahm. Die Hand noch immer im Jackett, sah er aus wie eine Testosteron-Variante von Napoleon. Für einen Moment glaubte ich tatsächlich, dass die Kerle auf den Schwindel hereinfallen und einfach abhauen würden, aber anstatt abzuwarten und das Ganze laufen zu lassen, schnappte sich Flavio das Funkgerät vom Boden und sagte: »Zentrale? Der Adler ist gelandet. Wir brauchen dringend Back-Up.«

Sofort hielt der Kerl mit dem Brillie inne, ließ von Pascal ab, und auch der Tätowierte am Fenster wandte sich wieder uns zu.

Ich stöhnte.

»Back-Up?«, kicherte der Tätowierte. Flavio schielte zu mir herüber und begriff schlagartig, dass er zu weit gegangen war. Lässig nahm ihm der Tätowierte das Funkgerät aus der Hand. »Ausgeschaltet«, sagte er.

Nach einem Moment der Stille sagte Flavio: »In Ordnung. Warum machen wir nicht ein Geschäft: Ihr nehmt den Rucksack, und wir hauen einfach ab.«

»Den Rucksack nehmen wir mit. Kein Problem«, sagte der mit dem Brillie, während er sich sein Jackett auszog. Mir war klar, dass wir jetzt ordentlich Prügel beziehen würden.

 

Weitestgehend widerstandslos ließen wir das Ganze über uns ergehen und kamen mit Platzwunden und ein paar blauen Flecken davon. Wahrscheinlich wollten sie uns nicht bestrafen, sondern nur eine Lehre erteilen, ansonsten hätten sie uns übler zugerichtet. Pascal ließen sie gleich ganz in Ruhe. Irgendwie hatte die Sache wohl sogar ihren Humor getroffen, denn als wir schließlich keuchend auf dem Teppich lagen und die drei im Begriff waren, zu verschwinden, sagte der Glatzkopf, der zuvor keinen Ton von sich gegeben hatte, mit breitestem Akzent zu Flavio: »Errfoolgreich’n Dienst nooch, Herr Waachtmeist’r.«

Nachdem sie abgehauen waren, rappelten wir uns auf und |28|schwiegen. An einen Sessel gelehnt, hockte ich auf dem Boden, wischte mir Blut aus dem Mundwinkel und zerrieb es zwischen Daumen und Mittelfinger. Flavio hatte sich auf dem Wohnzimmertisch abgesetzt. Schließlich sahen wir uns an und mussten lachen.

»Tut mir leid«, sagte Flavio tonlos.

»Ich weiß«, antwortete ich. »Schon okay.«

Flavio zog hoch und rotzte Blut auf den Teppich.

»Ey«, sagte Pascal, der, an die Wand gelehnt, neben der Zimmertür hockte.

»Was?«, erwiderte Flavio. »Was?!«

»Nicht auf den Boden spucken.«

Flavio warf mir einen fassungslosen Blick zu. »Spinnst du?«, fuhr er Pascal an. »Du ziehst uns hier in irgendwelche Scheiße mit der Russenmafia rein und …«

»Ach, das war doch nicht die Russenmafia«, unterbrach ihn Pascal. »Und das wäre alles gar nicht nötig gewesen. Du hättest denen einfach euer Zeug geben können, und wir hätten das anschließend unter uns geklärt.«

»Ich gebe denen das doch nicht, ohne mich zu wehren.«

»Na, das hat ja richtig was gebracht«, sagte Pascal.

Sofort sprang Flavio auf, packte ihn am Kragen und zerrte ihn auf die Beine. »Natürlich hat das was gebracht«, sagte er und spuckte einen zweiten blutigen Hunken auf den Teppich. »Wenn die mich das nächste Mal auf der Straße sehen, erinnern sie sich daran, dass ich nicht irgendeine feige Sau bin, sondern mein Maul aufmache, wenn mir was nicht passt. Und sie wissen, dass ich was einstecken kann.« Pascal blieb stumm. »Dich werden die in zwanzig Jahren noch schikanieren.«

Kopfschüttelnd ließ Flavio von ihm ab.

»Und jetzt?«, fragte Pascal schließlich.

»Hast du Geld im Haus?«, wollte Flavio von ihm wissen.

»Nee. Deswegen waren die hier. Die kriegen noch Kohle von mir, und mein Konto ist zur Zeit dicht. Mich haben letzten Monat zwei Typen ganz übel abgezogen.«

|29|Flavio starrte ins Aquarium und klopfte mit den Knöcheln gegen das Glas. »Ich gehe hier nicht ohne Kohle weg«, sagte er.

»Wieso glaubst du eigentlich, dass ich dir Geld geben müsste?«, fragte Pascal. Obwohl es keine plausible Antwort auf die Frage gab, verstand ich Flavio, der sofort wieder auf Pascal losgehen wollte.

»Halt den mal zurück, Rick!«, rief der ängstlich, aber ich zuckte mit den Schultern.

»Pascal, du bist der Typ, über den ich meine Drogen besorge, nicht mein Freund.«

 

Wir nahmen Pascals Fernseher und seinen DVD-Player, eine Spielkonsole, einige Spiele und die Mikrowelle mit. Das war zwar kein Bargeld, aber es entschädigte für die Kohle, die uns durch die Lappen gegangen war. Pascal sah nur dabei zu, wie wir das Zeug herausschleppten, er hielt uns sogar noch die Tür auf.

 

Gegen neun Uhr abends saßen wir mit Janina und ihrer Freundin in der Manhattan-Bar. Im Laufe des Tages waren unsere Gesichter angeschwollen, und Flavio behauptete, wir hätten eine türkische Familie vor Nazi-Skinheads beschützen wollen. Die Frauen glaubten ihm kein Wort. Es war ein kurzer Abend, und sie haben sich anschließend nie wieder gemeldet.

Weil wir zu übel aussahen, um neue Frauen klarzumachen, holten Flavio und ich uns Mikrowellenfraß und Bier von der Tankstelle und zockten die Nacht hindurch Autorennspiele.

|30|August 1980

Es war noch vor sechs Uhr am Morgen, aber die warme Luft kräuselte sich schon in unsichtbaren Strudeln über dem Boden. Ich schlurfte hinter Christian Baader, den alle nur mit seinem Nachnamen ansprachen, seinem Schatten Jens und drei anderen Heimbewohnern zum Supermarkt. Baader war aus meiner Wohngruppe und einer der Rädelsführer im Kinderheim. Für seine fünfzehn Jahre war er recht groß geraten, hatte kurze, stoppelige Haare und einen Flaum über der Oberlippe, mit dem er uns Jüngere mächtig beeindruckte. Wie immer trug er auch jetzt einen Trainingsanzug mit grünroten Streifen an der Naht und Hochwasser-Hose, sodass man die Tennissocken sehen konnte, die in seinen Klettverschluss-Turnschuhen verschwanden. Am linken Handgelenk klebte ihm ein verpektes Schweißband wie ein Geschwür, am rechten trug er eine Digitaluhr, die zu jeder vollen Stunde zwei beißende Fiepser von sich gab. Eines von Baaders Spielchen bestand darin, andere Kinder herauszufordern, die eingebaute Stoppuhr schneller zu starten und zu stoppen, als er es konnte. Gelang es jemandem, was selten der Fall war, erntete man ein anerkennendes Nicken, schaffte man es nicht, bekam man drei Schläge auf den Oberarm verpasst. Wenn man dabei zuckte, gleich noch drei und ein hämisches Lachen hinterher.

Baaders Bande bestand aus fünfzehn Jungs, die ihn im gleichen Maße bewunderten, wie sie Schiss vor ihm hatten. Dazugehören wollte man nicht, weil man mit ihm befreundet sein wollte, sondern weil man ansonsten Prügel und Schikane riskierte. Er schickte seine Leute in Supermärkte oder andere Läden, wo sie Zigaretten, Süßigkeiten oder was auch immer |31|klauten, um die Sachen anschließend in der Schule oder im Heim zu verscheuern. Die Hälfte der Kohle sackte Baader ein, den Rest teilte er unter den anderen auf.

»Pass auf«, sagte Jens, der für gewöhnlich das Reden für Baader übernahm, seitdem der mit dem Stimmbruch zu kämpfen hatte, als wir am Supermarkt angekommen waren. »Du versteckst dich hinter den Altglascontainern da drüben und wartest. Kurz vor sechs kommt der Laster mit Lebensmitteln und dem ganzen Zeug. Das dauert vielleicht zehn Minuten, bis der Kram abgeladen ist, und bis der Chef vom Supermarkt kommt, dauert’s auch immer noch eine Weile. Bis dahin steht das alles einfach unbewacht rum. Zeit hast du genug. Das Problem sind die Leute mit den Hunden.« Damit deutete er auf einen Schotterweg, der am Supermarkt vorbei in einen Park führte. »Wir brauchen heute Himbeerjoghurt«, fuhr er fort. »Das sind normalerweise wenigstens vier Paletten aus Pappe mit jeweils sechzehn Bechern drauf. Die Paletten schnappst du dir und bringst sie zu uns. Wir verstecken uns drüben im Gebüsch. Aber nimm nicht alle vier auf einmal. Die sind zwar nicht schwer, aber die sind nicht sehr stabil.« Jens machte eine Pause und sah mich an, als habe er mir eine Rechenaufgabe erklärt. »Verstanden?«, wollte er wissen, aber ich rückte mir nur den schwarzen Cowboyhut zurecht, den ich trug.

Seit einigen Wochen setzte ich ihn nur zum Schlafen oder wenn die Lehrer darauf bestanden ab. Er war wie eine Mischung aus Sturzhelm und Tarnkappe, unter der ich beim Aufsetzen verschwand, um anschließend ein Stück selbstsicherer wieder aufzutauchen. Gleichzeitig war er eine Art Anker. Jeder der Jungen im Heim besaß einen Gegenstand, der ihn an die Zeit davor erinnerte und den er hütete wie seinen Augapfel. Beim einen war es ein Kuscheltier, beim anderen etwas Belangloses wie ein Schlüsselanhänger, und wieder andere hatten Fotos. Meine Erinnerungsstütze war der Cowboyhut.

»Der hat die Hose jetzt schon voll«, lachte Baader. Erst |32|als er einen Blick in die Runde warf und den anderen zu verstehen gab, dass sie ihren Einsatz verpasst hatten, stimmten sie mit ein. Weil ich nichts zu sagen wusste, sah ich ihn nur abfällig an. Sofort verzog sich sein Grinsen zu einer ärgerlichen Fratze, und er stieß mir gegen die Schulter, sodass ich einen Schritt zurückstolperte.

»Entschuldige dich«, sagte er. Baader war zwei Köpfe größer als ich, aber sein Schubsen beeindruckte mich nicht. Ich war es gewohnt, den Hintern mit einem Kochlöffel versohlt zu bekommen oder Franz’ Schläge einzustecken.

»Ich habe gesagt, du sollst dich entschuldigen«, wiederholte Baader im Befehlston.

Ich hob das Kinn. »Wofür denn?«, fragte ich.

»Dafür, dass du dumm und hässlich bist.«

Baader machte einen Schritt auf mich zu. So dicht gegenübergestanden hatte ich ihm noch nie. Unter der Krempe meines Hutes hervorlugend, gaffte ich an ihm hoch und bemerkte kleine rötliche Pickel um seine Nasenlöcher herum. In seinen Barthärchen hingen Krümel.

»Sag: Entschuldige, dass ich dumm und hässlich bin«, drohte er lauter und schubste mich ein zweites Mal. Dieses Mal schwankte ich nicht, sondern schaute ihm fest in die Augen, aber gerade als Baader mich packen wollte, rief Jens: »Der Laster!«, und als der LKW um die Ecke bog und vor den Supermarkt fuhr, huschten die anderen wie Wiesel in die Hagebuttensträucher.

 

Hinter dem Altglascontainer zwischen Scherben hockend, spähte ich in Richtung des Supermarktes, vor dem zwei Männer in grauen Latzhosen Paletten und Kartons aus dem Laderaum schafften. Es roch nach Fruchtsaft, Bier und Hundepisse, und die ersten Wespen des Tages summten um mich herum.

Ich musste an Baader denken. Wenn Franz mich geschlagen hatte, hatte ich mich nie gewehrt, weil ich mir dadurch nur |33|noch mehr Prügel eingefangen hätte. Auch Mutters Backpfeifen hatte ich ohne Widerspruch geschluckt. Baader schien aber ein Gegner zu sein, dem gegenüber ich nicht von vornherein chancenlos war. Vielleicht konnte ich nicht gewinnen, aber zumindest ein paar anständige Schläge konnte ich ihm verpassen.

Irgendwann hörte ich ein Wispern aus dem Gebüsch. »Ksss«, zischte Jens.

Weil ich noch immer in Gedanken war, dauerte es einen Moment, bis ich begriff, dass er mich darauf aufmerksam machen wollte, dass der Laster verschwunden war.

Ich sah mich um. Eine Krähe stakste über den Parkplatz wie ein Kerl von der Wach-und-Schließ kurz vor Ende der Nachtschicht. Spaziergänger waren weit und breit nicht zu sehen. Ich atmete durch und lief mit klappernden Sandalen zu den Lebensmitteln, schnappte mir eine Palette und hastete zum Gebüsch. Erst über den Asphalt des Parkplatzes, dann zog die Feuchtigkeit des Grases in meine Socken, und schließlich knirschte der Schotterweg unter meinen Sohlen. Hinter den Zweigen und Blättern waren die anderen kaum zu erkennen, als sich mir unter dem Knacken des Geästs zwei Arme entgegenstreckten. Der Joghurt verschwand im Gebüsch. Ich holte die zweite Palette, verschwendete keinen Gedanken an den Filialleiter des Supermarktes oder Passanten, sondern konnte nicht aufhören mir vorzustellen, wie es wäre, mich mit Baader zu prügeln. Zwar war er größer als ich, aber er war es auch gewohnt, dass man Angst vor ihm hatte und den Schwanz einzog, sobald es ernst wurde. Ich lieferte keuchend die zweite Palette ab, dann die dritte, und schließlich holte ich die letzte. Wenn ich mich auf eine Rangelei mit Baader einließ, würden wir irgendwann am Boden liegen, und er würde durch seine pure Masse gewinnen, wenn er sich zum Muskelreiten auf meine Arme setzte. Gegebenenfalls müsste ich ihm also gleich zum Einstieg eine reinsemmeln und zusehen, dass er nicht die Oberhand gewann.

|34|»Hey, Bengel!«

Ich blieb abrupt stehen.

Auf dem Weg wenige Meter neben mir stand ein bleicher, alter Mann in Lodenmantel und Hut wie ein umgedrehtes Ausrufezeichen. Über seine Wangenknochen zog sich rissige Haut, und seine Lippen unterschieden sich nicht vom Rest seines fahlen Gesichts. Mit der einen Hand klammerte er sich an einen Spazierstock, an der anderen hielt er angeleint einen Jagdhund. Erst sah er mich an, betrachtete dann die Palette und schaute anschließend zum Supermarkt. Er wusste sofort, wie er mich einzuordnen hatte. Das Heim und wir Bewohner waren, das hatte ich schon mitbekommen, in dem kleinen Ort bekannt, sodass bei einem Fall von Ruhestörung oder Sachbeschädigung zuerst bei der Heimleitung nachgefragt wurde.

Der Alte hustete. Mein Blut pulsierte in den Fingerspitzen, bis unter die Nägel, und die Luft zitterte vor meinen Augen.

»Stell die Palette zurück, oder ich rufe die Polizei«, sagte der Mann. Unter dem Knirschen des Schotters kam er auf mich zu. Dabei setzte er den Stock ruckartig vor sich auf, als müsse er sich auf jeden einzelnen Schritt konzentrieren. Neben seinem kräftigen Hund wirkte er noch gebrechlicher, als er ohnehin war.

»Vom Erziehungsheim, was?«, fragte er. Ich nahm den Geruch von kaltem Zigarrenqualm wahr, der ihn umwehte. »Ihr Bengel seid alle Gauner und Verbrecher. Ihr habt neulich auch Frau Krumbholz ausgeraubt.« Der Hund sah mit hängenden Lidern zu ihm auf und leckte sich die Lefzen. »Ich merk mir dein Gesicht, und heute Nachmittag komme ich im Heim vorbei. Dann bekommst du dein Fett weg. Euch Jungs muss man die Disziplin mit dem Rohrstock einprügeln.« Sein Gerede verlor sich in einem Hustenanfall. Während er sich auskeuchte, schielte ich zum Gebüsch und stellte mir vor, wie die anderen mich beobachteten, um anschließend herumzuerzählen, dass ich wegen eines Opas Schiss bekommen |35|hatte. Mit einem Mal hatte ich Baaders großkotziges Lachen im Ohr. Der Alte röchelte noch immer. Er war schwach. Ich dachte an Baader. Dann hörte ich mich reden.

»Wenn Sie mich verraten, töte ich Ihren Hund.«

Augenblicklich erstarrte der Alte, und nach einem Moment der Irritation fragte er: »Was hast du gesagt, Junge?«

»Wenn Sie zum Heim kommen, töte ich Ihren Hund. Ich habe ein Messer, und ich habe schon viele Tiere getötet.«

Er kniff seine Augen zusammen, griff die Leine ein wenig fester und musterte mich.

»Verbrecher«, murmelte er.

Als ich bemerkte, dass er mir tatsächlich zutraute, seine Töle abzustechen, konnte ich nicht aufhören. Außerdem wollte ich, dass die Jungs im Gebüsch mir die Geschichte abnahmen, und dafür musste der Alte sie schlucken.

»Ich locke den Hund an, wenn Sie ihn irgendwann von der Leine lassen, streichle ihn ein bisschen und steche ihm dann die Klinge in den Hals.«

Der Mann räusperte sich. Mit der Spitze seines Stocks deutete er auf mich wie mit einem Degen, bevor er sich abwandte und in die Richtung davonschlurfte, aus der er gekommen war.

Einen Moment wartete ich ab, und als ich den anderen schließlich die Palette brachte, flüsterte Jens: »Gut, aber die Mutprobe ist noch nicht vorbei. Wenn der Chef vom Supermarkt kommt, musst du den Stern von seinem Benz klauen.«

»Das war nicht abgemacht«, sagte ich.

»Du holst den Stern, oder wir erzählen, dass du Joghurt geklaut hast«, drang es aus dem Gebüsch.

»Los, da kommt er«, hörte ich Baader. Ein metallic-grüner Mercedes rollte auf den Parkplatz, und ich huschte wieder hinter die Container.

Der Filialleiter mit Schmerbauch, Anzug und Krawatte stieg aus seinem Wagen, verriegelte ihn und überflog im Vorbeigehen die Waren, bemerkte aber das Fehlen des Joghurts |36|nicht, sondern verschwand durch den Seiteneingang im Laden. Ohne zu wissen, wie ich den Stern vom Auto bekommen sollte, sprintete ich los. Vor dem Kühlergrill blieb ich stehen. Mit einer Hand stützte ich mich auf der warmen Motorhaube ab und zerrte mit der anderen am Stern, drehte ihn in seinem Kugellager, doch es tat sich nichts. Ich stemmte einen Fuß auf die Stoßstange und ruckelte weiter am Stern herum. Die Innenbeleuchtung des Supermarktes ging flackernd an. Vor die Wahl gestellt, beim Klauen erwischt oder von den anderen fürs Weglaufen ausgelacht zu werden, entschied ich mich fürs Erwischtwerden. So sehr ich auch an dem Stern zergelte, er wollte sich nicht lösen. Einen Moment lang starrte ich ihn an und hörte den Motor beim Abkühlen knistern und knacken. Aus Ratlosigkeit schnipste ich schließlich mit dem Zeigefinger gegen den Stern, wie man Radiergummireste vom Tisch schnipst. Wahrscheinlich hatte ich den Stern vorher derart weichgekurbelt, dass er ausgerechnet dabei nach hinten wegknickte und klickernd zu Boden fiel. Mit einer Mischung aus Schreck und Freude gaffte ich ihn einige Sekunden an, hob ihn dann auf, lief zu den anderen und kroch zu ihnen zwischen die Hagebutten.

Es waren vier oder fünf Sträucher, die so verwuchert waren, dass sie von außen wirkten wie ein einziger riesiger Busch, aber wenn man sich hineinzwängte, bildeten sie eine Höhle. Die anderen Jungs trafen sich regelmäßig dort. Kippenstummel und Streichhölzer, Flaschen und anderer Kram lagen herum. Baader nahm mir den Stern aus der Hand und betrachtete ihn. Jens und die anderen sahen mich wortlos an, wichen meinen Blicken aber aus.

»Brauche ich doch nicht«, sagte Baader und warf den Stern weg. »Und das da«, er deutete auf eine der Paletten, »ist Erdbeerjoghurt und kein Himbeerjoghurt. Der kann nicht mal Himbeeren von Erdbeeren unterscheiden, der Versager.«

Dann lachte er übertrieben laut, aber die anderen blieben stumm und reagierten nicht, nicht einmal Jens.

|37|Wir hockten im Kreis, und ich roch den Erdboden, spürte die Kühle durch die Sohlen der Sandalen in meine Füße einziehen, hörte Möwen und entfernte Autos. Ohne dass ich wusste, was genau es war, bemerkte ich, dass sich in dem Moment etwas veränderte. Es fühlte sich gut an.

»Los, nehmt die ...

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