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Nachtgötter (Drei Romane mit Patricia Vanhelsing)

Alfred Bekker

Nachtgötter (Drei Romane mit Patricia Vanhelsing)





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Alfred Bekker: Nachtgötter – Drei Romane

mit Patricia Vanhelsing

Ein CassiopeiaPress E-Book

© 1996 by Alfred Bekker

© 2013 der Digitalausgabe 2013 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

Alfred Bekker schreibt Fantasy, Science Fiction, Krimis, historische Romane sowie Kinder- und Jugendbücher. Seine Bücher um DAS REICH DER ELBEN, die DRACHENERDE-SAGA,die GORIAN-Trilogie und seine Romane um die HALBLINGE VON ATHRANOR machten ihn einem großen Publikum bekannt. Er war Mitautor von Spannungsserien wie Jerry Cotton, Kommissar X und Ren Dhark. Außerdem schrieb er Kriminalromane, in denen oft skurrile Typen im Mittelpunkt stehen - zuletzt den Titel DER TEUFEL VON MÜNSTER, wo er einen Helden seiner Fantasy-Romane zum Ermittler in einer sehr realen Serie von Verbrechen macht.

www.AlfredBekker.de

INHALT

Der Schlangentempel

Der Orden der Maske

Die Magie der Maske

Mein Name ist Patricia Vanhelsing und – ja, ich bin tatsächlich mit dem berühmten Vampirjäger gleichen Namens verwandt. Weshalb unser Zweig der Familie seine Schreibweise von „van Helsing“ in „Vanhelsing“ änderte, kann ich Ihnen allerdings auch nicht genau sagen. Es existieren da innerhalb meiner Verwandtschaft die unterschiedlichsten Theorien. Um ehrlich zu sein, besonders einleuchtend erscheint mir keine davon. Aber muss es nicht auch Geheimnisse geben, die sich letztlich nicht erklären lassen? Eins können Sie mir jedenfalls glauben: Das Übernatürliche spielte bei uns schon immer eine besondere Rolle.

In meinem Fall war es Fluch und Gabe zugleich.

DER SCHLANGENTEMPEL

Der Dschungel dampfte feucht und heiß, während am Himmel die Sterne funkelten. Das dünne Kleid, das ich trug, klebte mir am Körper und die schwere, von den vielfältigsten Düften durchdrungene Luft dieser wuchernden Pflanzenhölle betäubte meine Sinne.

Ich fühlte, wie mein Herz raste, als ich den düsteren Schatten der Ruine vor mir im Dschungel auftauchen sah. Das fahle Mondlicht fiel auf gigantische, quaderförmige Blöcke, die zum Teil von der wuchernden Pflanzenwelt des Urwalds bedeckt waren. Die Furcht hielt meine Seele wie in einem Schraubstock umklammert. Mir stockte der Atem. Vorsichtig ging ich weiter und bemerkte dabei, wie mir die Knie zitterten. Schließlich erreichte ich die unheimliche Ruine. Das zyklopenhafte Bauwerk wirkte massiv, der Stein war glatt und schien unversehrt. Dicht hing die Aura unvorstellbaren Alters über diesem Ort. Und dann hörte ich eine Stimme flüstern. Es war ein Name.

Ein Name, der mir das Blut in den Adern gefrieren ließ...

Rama'ymuh!

Ich hatte ihn nie gehört und auch keine Ahnung, was er bedeutete. Ich fühlte nur, wie mir ein eisiger Schauer über den Rücken lief.

Rama'ymuh!

Ein zischendes Geräusch drang an mein Ohr. Ich fuhr herum und den Bruchteil einer Sekunde sah ich ein schattenhaftes Etwas sich gegen das fahle Mondlicht abheben.

Doch schon einen Augenaufschlag später war der Schatten hinter einem der gigantischen Quaderblöcke verschwunden. Ich fühlte meinen Puls bis zum Hals schlagen und presste mich mit dem Rücken an die glatte Steinwand. Ich war nicht allein hier, soviel stand fest. Vorsichtig tastete ich mich die Wand entlang. Ein dunkler Gang eröffnete sich vor mir und ich hoffte, dass die Finsternis mich verschluckt hatte... Ich hörte Schritte. Dann wieder dieses Zischen, das mich an irgend etwas erinnerte. Ich zermarterte mir für ein paar schrecklich lange Sekunden das Hirn darüber, dann fiel es mir ein. Es war das Geräusch einer Schlange...

Ich hielt den Atem an.


Die Schritte näherten sich. Sie waren langsam und schleppend, so als würde die geheimnisvolle Gestalt etwas suchen... Mich!

Ich schluckte. Der Schatten schien mich bemerkt zu haben.

Ich sah einen schemenhaften Umriss auftauchen und größer werden. Das Zischen wurde lauter. Dann trat die Gestalt ins Mondlicht. Das erste, was ich sah, war ein Paar reptilienhafter Facettenaugen, deren Blick so kalt wie der Tod wirkte.

Dann war die Gestalt wieder im Dunkel und ich sah nichts weiter als einen namenlosen schwarzen Schatten auf mich zukommen. Wie angewurzelt stand ich da. Trotz der Hitze hatte eine Gänsehaut meinen Körper überzogen.

Rama'ymuh... Ich weiß nicht, woher die dunkle Stimme kam, die diesen gespenstischen Namen wisperte. Vielleicht kam sie aus meinem Kopf... Rama'ymuh!

Ich fühlte die furchtbare Nähe dieser Kreatur. Kalte Hände griffen nach mir mit einer unmenschlichen Kraft, der ich nicht das Geringste entgegenzusetzen hatte und ich spürte den Atem des Todes. Der gellende Todesschrei einer Frau durchschnitt die dicke Luft des Dschungels wie ein Messer und es dauerte einen Augenblick, bis ich begriff, dass ich es war, die da schrie...


*


Ich saß kerzengerade in meinem Bett. Kalter Schweiß stand mir auf der Stirn und ich atmete tief durch. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich begriff, wo ich mich befand. Ich blickte mich um. Dies war mein Zimmer in Tante Elizabeths Villa. Ich war zu Hause und die schrecklichen Bilder, die mir gerade noch vor Augen gestanden hatten, waren nichts weiter als ein Traum gewesen... Ein Name ging mir flüsternd über die Lippen.

"Rama'ymuh..." Ich war über mich selbst überrascht und für den Bruchteil eines Augenblicks kehrte eine Ahnung jenes Schreckens zurück, den ich gerade noch empfunden hatte. Die Tür meines Zimmer öffnete sich und meine Großtante Elizabeth Vanhelsing trat in den Raum.

"Patricia!", entfuhr es ihr. "Du hast geschrien! Was ist los?"

Ich strich mir die Haare aus den Augen und atmete tief durch.

"Ich weiß es nicht", murmelte ich, fast wie in Trance.

Tante Elizabeth setzte sich zu mir aufs Bett und sah mich ernst an. "Ein Traum?", fragte sie.

Ich nickte. "Ja, ein Traum." Elizabeth bedachte mich mit einem nachdenklichen Blick und ich wusste sofort, was in ihr vorging. Dazu kannte ich meine Großtante, bei der ich nach dem Tod meiner Eltern aufgewachsen war, einfach zu gut.

"Willst du mir den Traum erzählen?", fragte sie dann etwas zögernd.

"Hat das nicht bis morgen früh Zeit?", fragte ich zurück, denn ich hatte wenig Sinn dafür, mir die furchtbare Szene noch einmal zu vergegenwärtigen.

"Morgen früh hast du ihn vielleicht schon vergessen", gab sie zu bedenken und damit hatte sie natürlich recht.

"Du glaubst, dass einer dieser besonderen Träume war, nicht war, Tante Elizabeth?"

Sie nickte. "Es könnte doch sein, oder nicht?"

Ich sah sie an. Meine Tante Elizabeth hatte ein besonderes Interesse an allem Übersinnlichen. Ihre Villa war eine Art Privatmuseum zu den Bereichen Okkultismus, Parapsychologie und Archäologie. Das Haus war voll von Artefakten obskurer Kulte, archäologischen Ausgrabungsstücken und enthielt ein Archiv zu diesem Bereich, das sicher weit und breit seinesgleichen suchte. Frederik Vanhelsing, Elizabeths verschollener und vermutlich verstorbener Mann war ein bekannter Archäologe gewesen und Elizabeths Interesse an diesen Dingen rührte sicher daher. Jedenfalls glaubte sie, dass ich über leichte hellseherische Fähigkeiten verfügte, die sich vor allem in Träumen und Tagträumen äußerten. Seit ich als Kind einen Hausbrand im Traum vorhergesehen hatte, war sie von dieser Idee nicht abzubringen gewesen - und mittlerweile hatte sie mich immerhin so weit gebracht, dass ich zumindest die Möglichkeit einräumte, dass sie vielleicht recht hatte.

"Du hast mir versprochen, deine Träume ernst zu nehmen, mein Kind", sagte Elizabeth sehr ernst.

"Rama'ymuh", murmelte ich vor mich hin.

"Was?" Tante Elizabeth hob die Augenbrauen. Ihre Hände hatten meine Schultern umfasst und sie sah mich geradezu beschwörend an.

"Wovon sprichst du?"

"Lass mich schlafen, Tante Elizabeth!"

"Nein, erzähl mir erst den Traum! Bestimmt hatte er etwas zu bedeuten! Ich fühle es!"

Ich seufzte und rieb mir die Schläfen. Ein bleiernes Gefühl der Müdigkeit hatte sich auf einmal wie ein Schleier über mich gelegt. Ich unterdrückte ein Gähnen und fasste Tante Elizabeth den Traum dann in knappen Worte zusammen. "Rama'ymuh, das war der Name, den ich dann auf meinen Lippen hatte", endete ich schließlich. "Weißt du, was dieses Wort bedeutet, Tante Elizabeth?"

Elizabeth machte ein nachdenkliches Gesicht und schüttelte dann energisch den Kopf. "Nein", flüsterte sie. "Ich habe keine Ahnung, was dieses Wort bedeutet..."


*


Ich schlief den Rest der Nacht traumlos und wie ein Stein. Am Morgen erschien mir alles so unwirklich und die Erinnerung an den Alptraum war tatsächlich merklich verblasst. Ich war spät dran und noch ziemlich müde. Selbst Tante Elizabeths starker Kaffee schien mich heute nicht so recht munter machen zu können. Als ich dann wenig später meinen roten, etwas altmodischen Mercedes bestieg, wusste ich, dass ich das Gebäude der London Express News nicht mehr rechtzeitig erreichen würde.

Ich war Reporterin für dieses Boulevard-Blatt und hatte es gerade in mühevoller Kleinarbeit geschafft, meinen Chef Michael T. Swann davon zu überzeugen, dass ich mehr konnte, als dieser mir ursprünglich zugetraut hatte. Aber was Swann auf den Tod nicht ausstehen konnte war Unpünktlichkeit. In Gedanken bereitete ich mich bereits auf das zu erwartende Donnerwetter vor. Und dann war da noch dieser Traum der vergangenen Nacht und ein geheimnisvoller Name, der mir einfach nicht aus dem Sinn gegen wollte. Rama'ymuh... vielleicht hatte Tante Elizabeth recht und es war tatsächlich einer dieser besonderen Träume, die mir etwas über die Zukunft sagten. Mir fröstelte allein schon bei dem Gedanken und hoffte in diesem Moment nichts so sehr, als das meine Großtante sich diesmal irrte.

Sie sprach immer von einer Gabe. Aber ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich das richtige Wort dafür ist. Fluch - das könnte man ebenso gut dazu sagen.

Ich hatte einige Mühe, auf dem zum Verlagsgebäude gehörenden Parkplatz noch eine Lücke für meinen Mercedes zu finden. Als ich das Großraumbüro betrat, in dem die Redaktion des News arbeitete und in dem auch mein Schreibtisch stand, kam mir Jim Field, der Fotograf, schon entgegen.

Er trug zerschlissene Jeans und die zwei Kameras, die um seinen Hals hingen, brachten das abgetragene Jackett völlig außer Form. Dass man den Kragen vermutlich nicht mehr retten konnte, schien ihn kaum zu stören. Er schüttelte den Blondschopf aus dem Gesicht und lächelte mich an.

"Hallo, Patti!", rief er.

"Tag, Jim!"

"Swann lässt schon überall nach dir fahnden. Ich hab gesagt, dass du im Archiv bist, wegen einer Recherche."

"Du bist ein Schatz!"

Jim grinste. "So etwas hört man gerne. Aber jetzt sollten wir keine Zeit verlieren. Mister Swann erwartet uns in seinem Büro."

Ich atmete tief durch. "Hast du schon irgend eine Ahnung, worum es geht?" Jim grinste von einem Ohr zum anderen und das bedeutete, dass er ganz genau Bescheid wusste.

"Lass dich überraschen!", meinte er und dabei ließ er seine blauen Augen schelmisch blitzen.

"Nicht ein kleiner Tipp? Ich hoffe nicht, dass Mister Swann uns so etwas aufregendes wie einen Bestechungsskandal bei den Taubenzüchtern aufdrängen will...."

"Ein kleiner Tipp, also?"

"Ja!"

"Also gut, weil du es bist. Wusstest du schon, dass ich hellseherische Fähigkeiten habe?"

Ich musste unwillkürlich lächeln. "Du auch?", erwiderte ich und er schien das für einen Witz zu halten.

Jim Field kam etwas näher und flüsterte mir ins Ohr: "Ich sage dir voraus, dass du bald eine weite Reise machen wirst..."

"Wohin?"

"In den Dschungel..." Jim sah mir ins Gesicht und plötzlich verschwand die Heiterkeit aus seinen Zügen. "He, Patti! Was ist los? Du bist ja ganz blass geworden!"


*


"Ist Ihnen der Name Allan Porter ein Begriff, Patricia?", fragte Michael T. Swann, ohne dabei von seinen Unterlagen aufzublicken. Sein Schreibtisch war über und über mit Manuskripten bedeckt und ein großer Aktenstapel drohte jeden Moment umzukippen. Natürlich war Professor Dr. Allan Porter mir ein Begriff. Er hatte die größten populärwissenschaftlichen Bestseller der letzten Jahre geschrieben und wurde schon in einem Atemzug mit Erich von Däniken genannt. Jim Field meldete sich zu Wort, ehe ich etwas sagen konnte.

"Ist das nicht dieser Archäologe, der behauptet, dass es vor den Menschen bereits eine andere intelligente Rasse auf der Erde gegeben hat?"

Swann nickte.

"Sehr richtig. Und zwar eine Rasse intelligenter Reptilien. Reste ihrer Zivilisation sind Professor Porter zu Folge bis in historische Zeit hinein vorhanden gewesen... Jedenfalls glaubt Porter nun, im brasilianischen Urwald den endgültigen Beweis für seine Theorien gefunden zu haben..."

"Einen endgültigen Beweis?", fragte ich zögernd und mit deutlicher Skepsis im Tonfall.

Der Name Allan Porter war mir gut genug bekannt, um zu wissen, dass seine Theorien vom Rest der archäologischen Fachwelt rundweg abgelehnt wurde. Zum Teil hatte sicher die Tatsache dazu beigetragen, dass Porter seine Theorien äußerst geschickt in Büchern und Filmdokumentationen zu vermarkten wusste und schon von daher als unseriös galt.

Michael Swann sah mich an und nickte dann, nachdem er sich kurz die Nasenwurzel gerieben hatte. "Ja, im brasilianischen Regenwald ist ein geheimnisvolles und vermutlich uraltes Gebäude gefunden worden, das Porter mit seinen Theorien in Verbindung bringt..."

"...so wie ein paar Dutzend andere archäologische Fundstätten in aller Welt ebenfalls!", ergänzte Jim nicht ohne Sarkasmus.

"Diesmal scheint aber wirklich etwas dran zu sein. Selbst wenn sich Porters Theorien eines Tages als falsch erweisen sollten - dieses Gebäude im Dschungel ist eine Sensation. Kurz und gut, Sie, Patti und Jim, sollen Porter auf seine nächste Expedition nach Brasilien begleiten..."

Einen Moment musste ich an den Traum denken. An den dampfenden Dschungel und das aus großen Quadern errichtete Bauwerk, das ich gesehen hatte... Und die kalten Facettenaugen, in denen der Tod gelauert hatte... Ich schluckte. Du hattest recht, Tante Elizabeth!, musste ich zugeben. Es war einer jener besonderen Träume gewesen, in denen sich meine hellseherischem Fähigkeiten zeigten. Einen Zweifel konnte es für mich in dieser Frage nicht mehr geben.

"Was ist los, Patti?", fragte Michael T. Swann mit leicht besorgtem Unterton in der Stimme. "Ich dachte, dieses Thema liegt Ihnen! Schließlich haben Sie doch ein Interesse an solchen - wie soll ich sagen? - rätselhaften Dingen."

"Ja. Sie haben schon recht."

"Okay. Dann bringen Sie mir eine gute Reportage."

Ich blickte auf. "Wann geht es los?"

"Sie fliegen morgen nach Rio de Janeiro. Dort treffen Sie Porter, der Sie dann ins Amazonas-Gebiet bringen wird, wo er ein Flussschiff gechartert hat. Den Rest des Tages bekommen Sie beide frei, damit Sie sich auf die Sache vorbereiten können!" Jim und ich wechselten einen ziemlich überraschten Blick. Keiner von uns brauchte in diesem Moment auch nur ein Wort zu sagen, um die Gedanken des anderen lesen zu können und das hatte nun wirklich nichts mit übersinnlichen Kräften zu tun. Sieh an, ging es mir durch den Kopf. Selbst Michael T.Swann konnte hin und wieder großzügig sein. Wer hätte das gedacht...


*


"Nach Brasilien?", fragte mich Elizabeth, als ich wieder zu Hause war. "Und so plötzlich?"

"Ja", nickte ich.

"Du solltest an deinen Traum denken, Kind."

"Tante Elizabeth!"

Sie sah mich sehr ernst an. "Ja, das meine ich wirklich! Können die vom News nicht einen Kollegen nach Brasilien schicken? Mir wäre wohler dabei..."

"Tante Elizabeth! Bisher haben mir die Träume immer geholfen, den Gefahren zu entgehen. Warum sollte ich mich fürchten? Erinnerst du dich noch, als ich nach Südfrankreich fuhr, um wegen dieser ominösen Templer-Sekte zu recherchieren? Auch da hatte ich zuvor einen Alptraum, der sich dann sogar erfüllte, aber..."

"Du hattest einfach Glück, Patti!", unterbrach Elizabeth Vanhelsing mich hart. Und vielleicht hatte sie sogar recht und ich redete mir nur etwas ein, damit ich meiner Furcht Herr werden konnte.

Elizabeth sah mich an und ihr Blick hatte etwas Trauriges.

"Ich werde dich nicht aufhalten können, nicht wahr?" Es war keine Frage, sondern eher eine Feststellung.

Ich nickte.

"Ich glaube, du hast recht, Tante Elizabeth. Ich muss einfach dorthin. Es interessiert mich auch, ob etwas dran ist an den den Theorien von diesem Allan Porter. Er behauptet, es habe eine vormenschliche intelligente Rasse von schlangenartigen Reptilienwesen gegeben, die möglicherweise sogar im Stande gewesen ist, eine Hochzivilisation aufzubauen... Doch selbst wenn das alles nur Scharlatanerie ist und kein Wort aus Porters Büchern stimmt: Das Bauwerk, das jetzt im Dschungel gefunden wurde ist auf alle Fälle Realität - und eine Sensation."

"Wie willst du das beurteilen?", erkundigte sich Elizabeth schwach.

"Wir haben ein paar Foto bekommen. Etwas unscharf zwar, aber irgend etwas ist dort draußen..." Ich beobachtete Tante Elizabeth dabei, wie sie mit einer grazilen Handbewegung ihre Teetasse zum Mund führte. Sie wirkte sehr in sich gekehrt dabei und schien über irgend etwas intensiv nachzudenken.

Dann trafen sich unsere Blicke.

"Rama'ymuh", flüsterte ich. "Dieser Name geht mir einfach nicht aus dem Kopf..."

"Ich habe in meinem Archiv gestöbert, aber nichts darüber gefunden. Selbst in Frederiks Unterlagen nicht. Allerdings ist das auch nicht ganz einfach, wenn man nicht so recht weiß, in welchem Zusammenhang dieses Wort eine Rolle spielt. Du glaubst, dass es ein Name ist, Patti. Und wahrscheinlich hast du recht damit. Aber das reicht nicht, um etwas darüber herauszufinden..."

Ich versuchte ein Lächeln und erwiderte: "Ich danke dir trotzdem für deine rührenden Bemühungen."

Elizabeths Blick ruhte noch immer auf mir und ich begann mich unbehaglich zu fühlen. Sie schien mir noch etwas sagen zu wollen. Schließlich brachte sie heraus: "Ein anderer Name geht mir nicht aus dem Kopf, Patti..."

"Und der wäre?"

"Allan Porter. Er hat früher - bevor er mit seinen abenteuerlichen Theorien an die Öffentlichkeit trat und damit ein Vermögen verdiente - mit Frederik zusammengearbeitet.Auf Frederiks letzter Expedition begleitete Porter ihn..."

Ich wusste nicht viel darüber. Eigentlich nur, dass mein Großonkel Frederik Vanhelsing von seiner letzten Expedition nicht zurückgekehrt war und seitdem als verschollen galt.

"Die Expedition führte ebenfalls ins Amazonas-Gebiet", hörte ich Elizabeth sagen. Und das versetzte mir einen Stich.


*


Die Tatsache, dass Allan Porter irgendwie in einem Zusammenhang mit dem Verschwinden meines Großonkels zu tun hatte, bedeutete einen weiteren Grund für mich, auf jeden Fall an dieser Expedition teilzunehmen. Das Schicksal Onkel Frederiks war immer im Dunkeln geblieben und es war höchst unwahrscheinlich, dass ich auf dieser Reise etwas Licht in sein Schicksal bringen konnte. Und doch hatte ich das Gefühl, ihm auf irgendeine näher zu sein, wenn ich an dieser Expedition in den Regenwald teilnahm. Wir flogen mit einem Linienflug der British Airways nach Rio de Janeiro. Während des Fluges verbrachte ich den größten Teil der Zeit damit, die letzten Bücher von Allan Porter zu lesen. Schließlich wollte ich mitreden können und verstehen, worum es ging.

Jim Field vertrieb sich die Zeit mit einem Game Boy und bedachte mich mit seiner sanften Art des Spottes. "Ob Michael Swann weiß, dass du dich nicht eine einzige Sekunde von deiner Arbeit ablenken lässt?"

"Ha, ha!", machte ich und mein Lächeln hat sicher eine etwas gequälten Eindruck gemacht.

Jim grinste breit. "Jedenfalls wird er es dir kaum danken, Patti. Das tut er nie."

"Vielleicht bist du jetzt doch ein bisschen ungerecht gegenüber Swann."

"Meinst du?"

Ich zuckte die Achseln und erklärte dann: "Jedenfalls möchte ich meinen Job so gut wie möglich machen, Jim! Und das bedeutet, dass ich wissen muss, worüber ich schreibe. Vielleicht hast du es da mit deinen Bildern etwas leichter..."

Jim lachte schallend. "Du glaubst, dass man, um ein Bild zu machen nur einen Finger braucht, um auf den Auslöser zu drücken - aber keinen Verstand."

Ich zuckte die Achseln.

"Das hast du jetzt gesagt, Jim!", lachte ich.

Der Fotograf seufzte. "Ich hatte mir diese Reise als eine Art Urlaub vorgestellt. Wir zwei, unter der heißen Sonne Brasiliens..."

"Ach Jim", unterbrach ich ihn.

"Du weißt, dass ich mich hoffnungslos in dich verliebt habe", erklärte Jim.

"Ich weiß. Aber die Betonung liegt auf hoffnungslos, Jim! Vergiss das nicht!"

Jim seufzte. "Wie könnte ich!"

Wir lachten beide. Es war ein Spaß zwischen uns, der allerdings einen ernsten Kern enthielt. Jims Schwärmerei für mich war nämlich echt, auch wenn er wusste, dass keine Chance bestand, dass wir privat ein Paar werden würden. Beruflich waren wir ein hervorragendes Team, und sicherlich war Jim ein außerordentlich sympathischer junger Mann. Aber er war trotz allem nicht der Typ Mann, bei dem ich weiche Knie bekommen hätte. Und das wusste er und akzeptierte es auch.

Beim Anflug auf den Airport sahen wir unter der Wolkendecke den Zuckerhut. Jim machte natürlich ein paar Bilder, wobei mir fraglich schien, ob die durch die dicken Doppelglasscheiben des Flugzeug gemachten Fotos überhaupt etwas werden konnten.

Aber da wollte ich mich nicht einmischen. Schließlich war Jim auf diesem Gebiet der Fachmann. Am Flughafen holten wir unser Gepäck ab und dann gingen wir zum Schalter einer karibischen Airline. Das war unser Treffpunkt, an dem Allan Porter uns in Empfang nehmen wollte. Ich hatte Fotos von Porter gesehen. Auf den meisten Schutzumschlägen seiner archäologischen Bestseller war ein Bild von ihm. Ich reichte Jim eines der Bücher und meinte: "Hier, wenn du diesen Mann siehst, dann sag sofort Bescheid!" Aber von Allan Porter war nirgends etwas zu sehen. Langsam wurde ich ungeduldig.

"Bist du dir sicher, dass dies der richtige Treffpunkt ist?", fragte Jim etwas süffisant.

"Natürlich bin ich mir sicher."

Wir warteten noch etwas und ließen immer wieder den Blick über die zahllosen Menschen schweifen, die die Schalterhalle bevölkerten.

"Sind Sie die Leute von den London Express News?", fragte plötzlich hinter mir eine Stimme und ich drehte mich herum.

Die Stimme gehörte einer recht gutaussehenden, sehr gepflegten Frau, die auf Ende vierzig schätzte.

"Ja?", sagte ich.

Die Frau reichte mir die Hand. "Ich bin Deborah Porter. Mein Mann konnte leider nicht persönlich erscheinen, um Sie abzuholen. Er kümmert sich gerade darum, dass wir in Manaus ein vernünftiges Schiff bekommen. Sie sind Miss Patricia Vanhelsing?"

Ich nickte und deutete auf Jim. "Ja, die bin ich. Und dies ist mein Kollege Jim Field. Er wird für die Fotos verantwortlich sein."

"Ah, ja." Sie musterte Jim kritisch und gab ihm dann etwas zögernd die Hand. Anstatt diese Geste zu erwidern, machte Jim erst einmal ein Bild von Mrs. Porter, was dieser sichtlich missfiel.

"Angenehm, Sie kennenzulernen", sagte Jim dann. Aber Deborah Porters war ziemlich säuerlich.

"Sie haben Ärger mit dem Schiff?", fragte ich dann. "Ich dachte, es läge bereits im Manaus bereit!"

Deborah nickte und seufzte dabei. "Das hatten wir auch gedacht. Aber dann hat der Schiffseigentümer plötzlich Schwierigkeiten gemacht. Offensichtlich hatte er ein und dasselbe Schiff mehrfach chartern lassen... Wir haben das in die Hände unseres Anwalts gegeben."

"Aber jetzt haben Sie Ersatz?"

Deborah nickte.

"Ja. Wir werden mit der AMAZONAS QUEEN fahren. Sie gehört einem gewissen Mike Silva. Er ist halb Amerikaner." Sie sagte das, als ob das allein schon eine Garantie dafür war, dass es diesmal keinen Ärger gab, was natürlich purer Unsinn war.


*


Deborah Porter hatte für Jim und mich Zimmer in einem Vier-Sterne Hotel gebucht. Unser Weiterflug war erst 24 Stunden später.

Jim wollte die Gelegenheit nutzen und sich Rio ein bisschen ansehen. "Schließlich werde ich nicht so bald wieder die Gelegenheit dazu haben", meinte er.

Ich hatte keine Lust mitzukommen. Ich fühlte mich einfach zu zerschlagen. Außerdem machte mir die Zeitumstellung zu schaffen.

In der Nacht schlief ich schlecht. Immer wieder sah ich die großen Quaderblöcke im Dschungel vor mir und hatte diesen seltsamen Namen auf den Lippen: Rama'ymuh...

Schließlich blieb ich wach und sah mir das Fernsehprogramm an, bis ich in einen traumlosen Schlaf fiel, aus dem mich am Morgen ein heftiges Klopfen an der Tür weckte. Es war Jim.

"Aufstehen, Patti! Wir müssen los! Das Flugzeug wird nicht auf uns warten!"

"Ich komme gleich!", gähnte ich.

Den Großteil des Inlandflugs nach Manaus verschlief ich dann. Diese Großstadt inmitten des Dschungels liegt genau dort, wo der Amazonas und der Rio Negro sich teilen. Der Amazonas wird von hier ab flussaufwärts Solimoes genannt.

Die AMAZONAS QUEEN lag im Hafen, ein schon etwas in die Jahre gekommenes Flussschiff, das zwar mal einen neuen Anstrich hätte vertragen können, aber ansonsten sehr solide wirkte. Zumindest soweit ich das als Laie beurteilen konnte.

Allan Porter begrüßte uns, als wir die Pier erreichten, an der die AMAZONAS QUEEN festgemacht war. Er war ein Mann mit graumelierten Haaren und einem hageren Gesicht, in dessen Mitte zwei blaue Augen hell blitzten. Die hervorspringende Nase gab ihm einen stolzen, fast aristokratischen Zug.

"Ich freue mich sehr, dass Sie zu uns gefunden haben, Miss Vanhelsing!", begrüßte er mich. "Meine Frau hat Ihnen sicher von unseren Problemen erzählt..."

"Ja, das hat Sie."

Er deutete auf den Mann neben sich, den ich auf Anfang dreißig schätzte. Er hatte ein feingeschnittenes, sympathisch wirkendes Gesicht, dessen untere Hälfte allerdings von einem Drei-Tage-Bart bedeckt wurde.

Seine Haut war braungebrannt und bildete einen starken Kontrast zu den hellblonden Haaren.

Der Blick seiner meergrünen Augen musterte mich auf eine fast unverschämte Art und Weise. Um seine Lippen stand ein freundliches Lächeln.

"Das ist Mike Silva, der Kapitän und Eigner der AMAZONAS QUEEN", hörte ich Allan Porters Stimme sagen.

"Guten Tag", sagte ich.

"Nennen Sie mich Mike", sagte der Kapitän der AMAZONAS QUEEN und reichte mir die Hand. Er hielt sie einen Augenblick länger, als eigentlich notwendig gewesen wäre. "Das Schiff wird Ihnen gefallen", erklärte er dann. "Es ist zwar kein Luxusliner, aber die Kabinen sind in Ordnung und es ist für alle genug Platz - trotz der umfangreichen Ausrüstung, die Mister Porter mitnehmen will!"

"Wann brechen wir auf?", erkundigte sich Jim.

Mike Silva lachte. "Sobald Sie an Bord sind!" Und im nächsten Moment hatte Silva mir das Gepäck abgenommen.


*


Das Schiff verfügte über einen erstaunlich großen Innenraum, den man ihm von außen gar nicht ansah.

Mike Silva brachte meine Sachen in jene Kabine, die mir zugedacht war. Jims Kabine befand sich auf der anderen Seite des Schiffs.

"Wenn Sie etwas brauchen, dann sagen Sie mir einfach Bescheid", meinte Mike. Seine Stimme hatte dabei ein tiefes, wohltuendes Timbre.

Er sah genau so aus, wie man sich einen verwegenen Abenteurer vorstellte und irgendwie fühlte ich mich von ihm magisch angezogen.

"Ich habe gehört, Sie seien halb Amerikaner", sagte ich und und er nickte. Als er lächelte zeigte er zwei Reihen makelloser Zähne.

"Das stimmt", bestätigte er. "Ich bin der Sohn einer Amerikanerin und eines Brasilianers."

"Sie haben ein schönes Schiff!"

"Das finde ich auch. Allerdings sah es wesentlich schlechter aus, als ich die AMAZONAS QUEEN kaufte. Sie sollte schon verschrottet werden, aber ich habe sie wieder instand gesetzt und betreibe nun ein Charterunternehmen damit... Ich bin schon ganz schön herumgekommen in der Welt, aber nirgends gefällt es mir so gut, wie auf diesem Strom!"

Er sah mich an und schien meine Gedanken zu lesen und setzte hinzu: "Sie scheinen nicht gerade begeistert zu sein..."

"Ich habe nichts gegen den Amazonas", erklärte ich. "Aber klimatisch bevorzuge ich etwas kühlere Gegenden."

"Manaus ist noch nicht der Regenwald . Aber wenn wir erst einmal im Dschungel sind, dann werden Sie die Schönheit dieses Landes vielleicht auch empfinden. Es ist einzigartige Magie, die mit nichts zu vergleichen ist..."

Eine einzigartige Magie..., so wiederholte ich in Gedanken.

So etwas schien auch von diesem Mann auszugehen und ich spürte, dass ich mich diesen Empfindungen kaum entziehen konnte. Vielleicht wollte ich es auch gar nicht.

Warum auch? dachte ich.

Dann ertönte auf einmal ein dröhnendes Geräusch, das das ganze Schiff zu durchdringen schien und den Boden zum Vibrieren brachte.

"Was ist das?", fragte ich.

Mike Silva lächelte nachsichtig.

"Sergio, mein Maschinist, hat den Motor angeworfen. Wir fahren los, den Fluss hinauf!" Er legte zwei Finger an den Schirm seiner Mütze und meinte: "Sie entschuldigen mich jetzt bitte. Ich muss auf die Brücke."

"Natürlich."

"Wir werden sicher noch ausführlich Gelegenheit haben, uns zu unterhalten."

Für einen Augenblick sahen wir uns an und der Blick seiner meergrünen Augen war wie ein Versprechen.


*


Die AMAZONAS QUEEN verfügte über eine Art Salon und in den lud Allan Porter uns ein. Eduardo Gomes, einer der Besatzungsmitglieder der AMAZONAS QUEEN stand hinter der Bar und mixte ein paar erfrischende Drinks, während ein Blick durch die Bullaugen zeigte, dass der Hafen von Belem längst hinter uns verschwunden war.

Während Eduardo die Gläser füllte stellte Porter mir eine junge Frau vor, sicher kaum älter als ich. Sie war dunkelhaarig und schlank.

Ihr Gesicht war hübsch, aber in ihren Augen leuchtete eine kalte Entschlossenheit, die nicht zu ihrem Alter passen wollte.

Sie hieß Sandra McKinley und Allan Porter stellte sie mir als seine Assistentin und wichtigste Mitarbeiterin vor.

Sie schenkte mir ein Lächeln, dass in erster Linie Geringschätzung ausdrückte.

"Es freut mich, Sie kennenzulernen, Miss Vanhelsing", erklärte sie, aber der Blick ihrer Augen strafte sie Lügen.

Jemand drückte mir einen Drink in die Hand und einen Augenblick später wurden die Gläser gehoben.

"Auf die Entdeckung des Jahrhunderts!" erklärte Allan Porter. Er sagte das im Brustton der Überzeugung.

"...und darauf, dass sie in aller Welt bekannt wird!", ergänzte Deborah Porter und lächelte dabei mir und Jim zu.

Die ganze Sache war tatsächlich auf Gegenseitigkeit beruhend.

Der News bekam eine Bombenstory und Porter eine kostenlose Werbung für seinen neuen Bestseller. Alle profitierten davon.

"Wir hatten nicht sehr viel Zeit, uns mit der Angelegenheit auseinanderzusetzen", sagte ich, nachdem alle getrunken hatten. "Vielleicht erläutern Sie uns etwas genauer, was uns da draußen im Dschungel erwarten wird..."

Allan Porter lächelte dünn.

"Selbstverständlich. Also vor kurzem wurde irgendwo, an einem der unzähligen Nebenflüsse des Amazonas, mitten im Dschungel die Ruine eines sehr seltsamen Bauwerks entdeckt.

Die Indianer der Gegend nennen es das HAUS DER GÖTTER und glauben, dass es die Heimat ihres schlangenköpfigen Totengottes Rama'ymuh ist. Ein Tempel sozusagen. Ich war bereits einmal dort, obwohl die Indianer es als Tabu-Zone ansehen und ziemlich unangenehm werden können, wenn man das nicht respektiert... Beeindruckend, kann ich Ihnen sagen! Ich habe ein paar Bilder gemacht."

"Die hat man uns in der Redaktion gezeigt", mischte sich Jim ein. "Nicht gerade besonders gute Abzüge."

Porter zuckte die Achseln.

"Auf diesem Gebiet bin ich kein Experte. Außerdem hatte ich nicht viel Zeit. Ich war mit einem windigen Buschpiloten dorthin geflogen und hatte kein Team und kaum Ausrüstung dabei. Aber das hole ich ja jetzt nach!"

"Und wenn sich die Theorie von einem intelligenten Schlangenvolk nicht bestätigt?", hakte ich nach, ehe das Gespräch in irgendwelche Nebensächlichkeiten abgleiten konnte.

Porter sah mich an. Er nippte kurz an seinem Glas, dann schien der Blick seiner stechenden Augen mich geradezu zu durchbohren. Ein fanatisches Feuer brannte in diesen Augen.

Ein Feuer, das ihn vorwärts trieb und ihn nicht ruhen lassen würde, ehe er erreicht hatte, was er wollte. Die freie Hand ballte er unwillkürlich zur Faust. "Sie werden diesen Tempel in Kürze mit eigene Augen sehen und sich selbst überzeugen können! Das ist kein Bauwerk, das von oder für Menschen erschaffen wurde!"

"Könnte das Bauwerk nicht von einer frühen Indio-Kultur stammen?", fragte ich.

Jetzt mischte sich Sandra McKinley, Porters Assistentin ein. "Die mächtigen Steinquader sind bereits mindestens zehntausend Jahre vor dem ersten Indio dagewesen. Jedenfalls hat das die Analyse der Proben gegeben, die Professor Porter genommen hat."

Und dann setzte Allan Porter noch etwas hinzu, was mich wirklich stutzen ließ.

Er sagte: "Außerdem besteht die - wenn auch nicht sehr wahrscheinliche - Möglichkeit, dass sich einzelne, vielleicht degenerierte Exemplare dieser Schlangenwesen vielleicht bis in unsere Zeit erhalten haben... Jedenfalls gibt es in der Gegend immer weder rätselhafte Todesfälle unter den Indios und Legenden über den Schlangengott Rama'ymuh, der seinen Tempel verlässt, um nach Opfern zu suchen..."

Ich runzelte die Stirn. "Ich dachte, Sie hätten den Tempel bereits betreten..."

"Es ist ein riesiges Bauwerk, Miss Porter. Und wahrscheinlich verfügt es sogar über unterirdische Kammern. Ein riesiger großer Irrgarten, wie geschaffen für eine solche Kreatur, um sich zu verstecken..."

Ich wechselte einen Blick mit Jim, in dessen Gesicht ich Skepsis lesen konnte. Er zuckte leicht die Schultern.

Ich dachte an den Traum, den ich gehabt hatte und ein Schauder ging mir über den Rücken. Obwohl es schwülwarm war, fröstelte ich auf einmal und fühlte mich sehr unbehaglich.

"Noch ein Drink, Miss Porter?", hörte ich Eduardos Stimme, der in akzentschwerem Englisch sprach.

Ich schüttelte den Kopf.

"Nein, danke."

Small-talk löste dann das Gespräch über Porters Theorien ab. Jim unterhielt sich mit Eduardo Gomes über die Route, die die AMAZONAS QUEEN nehmen würde, aber so genau schien Eduardo sich auch nicht auszukennen. "Da fragen Sie besser den Kapitän, Senhor Silva!", wimmelte er den Fotografen ab.

Ich bekam mit, wie die Porters sich etwas zur Seite wandten und kurz miteinander sprachen. Sie machten beide einen sehr gereizten Eindruck. Sandra McKinley beobachtete das sehr interessiert. Als sie bemerkte, dass ich sie dabei ansah, zeigte sie mir ein flüchtiges Lächeln.

"Sind Sie das erste Mal in Südamerika?", erkundigte sich die junge Frau, aber ich hatte das Gefühl, dass sie das nur fragte, um überhaupt etwas zu sagen.

Ich nickte.

"Ja. Aber mein Großonkel war schon einmal hier. Frederik Vanhelsing. Er hat Professor Porter auf einer Expedition begleitet. Leider ist Onkel Frederik seitdem verschollen..."

Sandra sah mich an und hob die Augenbrauen. Dann schluckte sie. "Davon wusste ich nichts", sagte sie. "Ich meine, ich wusste nicht, dass der berühmte Frederik Vanhelsing Ihr Onkel ist."

"Großonkel", korrigierte ich.

Sandra warf dann noch einen Blick zu den Porters hinüber, die ihren kleinen Disput inzwischen beigelegt zu haben schienen. Sie versuchte entspannt zu wirken, was ihr gründlich misslang. Ein seltsames Dreieck, die Porters und Sandra, so ging es mir durch den Kopf.


*


An den nächsten Tagen geschah nicht viel. Die AMAZONAS QUEEN fuhr flussaufwärts. Ich hielt mich oft an Deck auf, vor allem in den frühen Abendstunden. Der Hitze konnte man nirgends entkommen, schon gar nicht in den Kabinen. Zwar war auf jeder Kabine ein Ventilator, aber der konnte gegen eine derart hohe Luftfeuchtigkeit auch nicht viel ausrichten. Jim hatte schon ein paar Filme verknipst. Alle fürs Privatalbum, wie er meinte. Ich hoffte nur, dass er Profi genug war, um noch genügend Bilder für die seltsame Ruine übrig zu haben.

Mike Silva wechselte sich mit einem hochgewachsenen Mulatten namens Sergio Cunhal auf der Brücke ab. Mit Sergio war die Unterhaltung ziemlich schwierig. Er sprach nur sehr schlechtes Englisch und ich leider überhaupt kein Portugiesisch.

Einmal winkte Mike mir aus der Brücke heraus zu und so ging ich zu ihm hinauf.

"Kommen Sie ruhig herein", hörte ich ich Mike sagen, als ich die Leiter hinaufgeklettert war und die Tür zur Brücke geöffnet hatte.

"Von hier oben hat man eine herrliche Aussicht", staunte ich.

Mike lachte. "Genießen Sie sie ruhig."

Er stand am Ruder und hielt es mit sicherem festen Griff, während irgendwo unter uns der Motor monoton vor sich hin brummte.

Ich stellte mich neben ihn. "Womit habe ich diese Ehre verdient, hier oben auf der Brücke sein zu dürfen?"

"Ehre?" Er zwinkerte mir zu. Dann meinte er: "Ich kann Sie einfach gut leiden, Patricia." Er sah mich an und lächelte.

"Überrascht Sie meine Offenheit?"

"Ein bisschen schon."

Er zuckte die Achseln.

"So bin ich eben. Ich rede nicht lange um den heißen Brei herum. Jedenfalls würde ich diesen Mister Porter nicht auf mein Schiff lassen, wenn er mich nicht sehr gut dafür bezahlen würde."

"Kennen Sie das Gebiet, in dem unser Ziel liegt?"

Mike nickte. "Den Fluss in der Gegend kenne ich. An Land bin ich nie gegangen. Indios leben dort und eine Handvoll Goldgräber, die eigentlich gar nicht dort sein dürften. Ansonsten ist da nur der Urwald. Aber ich muss zugeben, dass ich schon lange nicht mehr in jener Gegend war..."

Er zeigte mir eine Karte, auf der die unzähligen Windungen und Abzweigungen des riesigen Amazonas-Stroms zu sehen waren. Mike zeigte auf einen bestimmten Punkt. "Dort geht es hin", meinte er. "Aber diese Karte ist natürlich mit Vorsicht zu genießen..."

"Was meinen Sie damit, Mike?"

Er verzog das Gesicht. "Amazonien ist eines der wenigen Gebiete auf der Welt, in dem es wirklich noch weiße Flecken gibt - Orte, an denen noch kein Mensch gewesen ist. Zumindest kein Weißer. Ab und zu liest man mal in der Presse davon, dass irgendwo im Dschungel ein Steinzeitvolk entdeckt wurde, das zuvor noch keinen Kontakt zur sogenannten Zivilisation hatte."

"Professor Porter glaubt, dass sich auch Angehörige eines uralten Schlangenvolkes hier hätten verbergen können. Auch über Jahrzehntausende hinweg."

Mike grinste.

"Vorausgesetzt man geht davon aus, dass es solche Wesen je gegeben hat, dann wäre das natürlich möglich!"

"Sie glauben nicht daran?", hakte ich nach und der Blick seiner meergrünen Augen ließ mir einen wohligen Schauer über den Rücken laufen. Gesteh es dir doch endlich ein!, ging es mir durch den Kopf. Du hast dich verliebt!

Wir standen ziemlich nah beieinander und sahen uns an.

Dann ging ein Ruck durch das Schiff. Die Motoren machten ein merkwürdiges Geräusch, das nichts Gutes verhieß und ich stolperte einen Schritt nach vorn - genau in seine Arme.

Er hielt mich fest. Seine Arme waren stark und sanft.

"Was war das?", fragte ich, nachdem ich wieder fest auf den Beinen stand und mir das Haar aus dem Gesicht strich.

Mike machte eine wegwerfende Handbewegung. "Ich weiß nicht, aber das klingt so, als wäre irgend etwas in die Schraube gekommen... Ich hoffe nicht, dass wir festsitzen..." Er sah mein erschrockenes Gesicht und fügte dann noch hinzu: "Keine Sorge, selbst wenn es so wäre, wäre das kein Beinbruch. Mit so etwas muss man hier rechnen."

Die Tür zur Brücke ging auf. Ich wirbelte herum und sah in Jims erstauntes Gesicht.

Ich atmete tief durch, während Jims Blick zwischen mir und dem Kapitän der AMAZONAS QUEEN hin und her pendelte. Man konnte förmlich die Gedanken meines Kollegen lesen.

"Also... störe ich?", stotterte er herum.

Mike grinste und schüttelte den Kopf. "Ich muss sowieso runter", erklärte er. "Mich um die Schraube kümmern. Im Moment kommen wir ohnehin nicht weiter..."

"Glauben Sie, dass es etwas Ernstes ist?"

Mike schüttelte den Kopf und lachte.

"Das kann man jetzt noch nicht so genau sagen", antwortete er und warf mir dabei einen kurzen Blick zu. Dann stellte er die Maschinen mit einem blubbernden Geräusch ab und ging von der Brücke.


*


Je weiter wir flussaufwärts kamen, desto langsamer ging es vorwärts. Jim hatte sich zwischenzeitlich den Magen verdorben. Außerdem machte ihm die Hitze ziemlich zu schaffen. Zwei Tage lang wirkte er ziemlich apathisch.

"Irgendwie bin ich wohl doch eher für ein nördlicheres Klima geschaffen", meinte er dazu, als ich ihn in seiner Kabine besuchte.

Er sah elend aus und ich riet ihm, sich hinzulegen, was er auch tat.

"Noch passiert ja nichts, wovon sich ein Bild lohnen würde!", erklärte ich ihm, woraufhin Jim den Mund verzog.

"Du meinst, weil wir noch nicht bei dieser Ruine sind..."

"So ist es."

"Aber die Ehe der Porters hat es auch ganz schön in sich!"

Ich sah ihn an und fragte: "Wie meinst du das?"

"Na, das ist eine Dreiecksgeschichte. Sag bloß, dass hast du noch nicht gemerkt! Ich habe Porter und seine Assistentin, diese Sandra abends an Deck gesehen! Eng umschlungen erst und dann haben sie sich gestritten. Ich konnte leider nicht mitkriegen, worum es ging und als sie mich bemerkten, schwiegen sie sofort."

Ich zuckte die Achseln.

"So berühmt sind die Porters nun auch wieder nicht, als dass irgend jemand an ihren Eheproblemen interessiert wäre!", gab ich zu bedenken.

Jim Fields Lächeln war ziemlich matt, als er erwiderte: "Keine Sorge, Patti! Ich vergesse schon nicht, dass wir wegen dieser ominösen Ruine hier sind..."

"Na, dann bin ich ja beruhigt!"

Einen Tag später ging es Jim schon wieder viel besser und er konnte sogar an Deck gehen. Die AMMAZONAS QUEEN kam gut voran. Wenn Mike Silva oben auf der Brücke stand, dann suchte ich ihn oft auf und wir unterhielten uns. Die meiste Zeit über redete er über sein Schiff und den Amazonas und eigentlich interessierte mich das nicht sonderlich. Aber ich hörte ihm trotzdem wie gebannt zu.

Irgendwann durchschnitt dann ein ratterndes Geräusch die schwüle Dschungelluft und ich fragte: "Was ist das?"

"Ein Boot mit Außenborder!", stellte Mike fest.

Wir sahen ein Boot herankommen. Drei Mann waren an Bord.

Zwei davon schienen indianischer Abstammung zu sein. Der dritte war schwer bewaffnet, trug ein Gewehr und eine Revolvertasche am Gürtel. Ich sah seine harten, kantigen Gesichtszüge und erschauderte.

Dann hörte ich Schritte.

Es war Porter, der sich zur Brücke hinaufbemüht hatte.

"Stoppen Sie die Maschinen und lassen Sie die Leute vom Boot an Bord kommen", forderte er.

"Warum?", knurrte Mike, dem der Gedanke nicht zu gefallen schien. "Sehen Sie sich den Kerl doch mal an! Es würde mich nicht wundern, wenn er uns einfach nur ausrauben will!"

"Ich kenne ihn", erwiderte Porter kalt.

Mike war überrascht und zog die Augenbrauen in die Höhe.

"Ach, ja?", fragte er nicht ohne Ironie.

"Er heißt Balboa und ist Goldsucher. Ich traf ihn, als ich das erste Mal hier in der Gegend war. Man kann ihm vertrauen."

"Wenn Sie das sagen..."

"Vielleicht weiß er Neuigkeiten, die wichtig für uns sind!"

Mike bedachte Professor Porter mit einem skeptischen Blick, hielt sich aber zurück. "Sie bezahlen und deshalb sind Sie der Boss, Professor!", knurrte er.

Und Porter nickte mit einem breit verzogenen Gesicht.

"Richtig", murmelte der Wissenschaftler. "Und ich möchte Ihnen raten, das niemals zu vergessen!"

"Keine Sorge!"

Porter musterte erst Mike, dann mich mit einem nachdenklichen Blick, dann verließ er die Brücke. Ich folgte ihm. Diesen Balboa wollte ich mir nicht entgehen lassen.

Vielleicht konnte ich ihn irgendwie in meine Story einbauen.

Ein paar Minuten später kam Balboa zusammen mit einem seiner beiden indianischen Begleiter an Bord. Porter ging auf ihn zu und reichte ihm die Hand. Sie wechselten ein paar Worte auf Portugiesisch, dann wandte Balboa sich mit einem fragenden Blick an mich.

Sein hartes Gesicht verzog sich zur schwachen Ahnung eines Lächelns. Es war mehr eine Grimasse. "Mit wem habe ich das Vergnügen?", fragte er.

"Patricia Vanhelsing", stellte ich mich etwas widerwillig vor. "Ich bin von den London Express News..."

"Ah, dann wollen Sie wohl über diese Ruine berichten...", schloss Balboa messerscharf. Sein Englisch war akzentbeladen.

"So ist es."

Er grinste. "Strenggenommen habe ich sie entdeckt!", tönte er.

Ich lächelte dünn.

"Was Sie nicht sagen..."

Inzwischen kam auch Mike von der Brücke herunter. Einer seiner Leute hatte ihn dort offenbar abgelöst. Er blieb etwas abseits stehen und bedachte Balboa mit einem misstrauischen Blick. Dieser Goldsucher schien ihm nicht zu gefallen. Und mir ging es ebenso. Auf den ersten Blick hatte er auf mich unsympathisch gewirkt. Und das kalte Glitzern in seinen Augen jagte mir einen Schauder über den Rücken.

"Kommen Sie mit mir, Mister Balboa!", wandte sich jetzt Professor Porter an den Gast. Balboa nickte kurz und folgte Porter unter Deck. Ich hörte noch, wie der Goldsucher etwas von den Indio-Stämmen der Umgebung raunte. "Die sind ziemlich in Aufruhr. Sie sollten sich also in Acht nehmen, Mister Porter! Zumal diese Wilden es als Frevel betrachten werden, wenn Sie die Ruine betreten, die sie das HAUS DER GÖTTER nennen..."

Mike sah ihm nach und meinte: "Irgendwie gefallen mir die Bekannten des Professors nicht..."


*


Balboa blieb nicht länger als eine halbe Stunde an Bord. Ich hatte keine Ahnung, weshalb Porter sich mit ihm zurückzog.

Ich folgte den beiden unter Deck, in der Hoffnung, sie vielleicht im Salon anzutreffen. Unter irgendeinem Vorwand hätte ich mich dann zu ihnen gesellen können. Aber im Salon der AMAZONAS QUEEN waren sie nicht. Dann kam Balboa wieder an Deck. Allein. Porter war nicht bei ihm. Ein paar Augenblicke später fuhr der Goldsucher mit seinem Boot und den beiden Indios wieder davon. Ich wandte mich an Mike, der an der Reling stand.

"Was glauben Sie, hat das zu bedeuten?", fragte ich den Kapitän der AMAZONAS QUEEN.

Mike zuckte die Achseln und sah mich an. Seine meergrünen Augen wirkten ruhig und nachdenklich. "Keine Ahnung. Aber ich könnte mir vorstellen, dass Professor Porter an diesen Kerl irgend eine Art von Schutzgeld zahlt..." Er lächelte. "Schauen Sie nicht so erstaunt, Patricia! Ich habe mich übrigens ein bisschen mit den beiden Indios unterhalten..."

"Ach, ja?"

"Ich kann nicht sagen, dass mir gefällt, was ich da gehört habe! In der Gegend, in die wir kommen, hat es tatsächlich einige merkwürdige Todesfälle gegeben... Die Menschen starben an den Bisswunden einer Schlange, deren Kiefer größer ist als der aller bekannten Arten!"

Ich stand jetzt sehr dicht bei ihm und ertappte meine Hand dabei, wie sie leicht über Mikes Oberkörper strich. Er legte seinen Arm um mich und wir sahen uns an.

"Sie haben doch nicht etwa Angst, oder?", fragte ich ihn etwas neckisch.

Sein Gesicht blieb ernst.

"Nein",

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