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Nacht über den Wassern

KEN
FOLLETT

Nacht über den Wassern

Aus dem Englischen von
Gabriele Conrad und Lore Straßl

BASTEI ENTERTAINMENT

Im Sommer 1939 eröffnete Pan American die erste Passagierfluglinie zwischen den USA und Europa. Doch die neue Flugverbindung sollte nicht lange währen: Sie wurde eingestellt, als Hitler in Polen einrückte.

Dieser Roman ist die Geschichte eines der letzten Flüge des Pan-American-Clippers einige Tage nach der Kriegserklärung. Die Ereignisse dieses Fluges, die Passagiere und die Crew sind frei erfunden. Das Flugzeug selbst jedoch hat es wirklich gegeben.

ES WAR DAS romantischste Flugzeug, das man je gebaut hatte.

An dem Tag, als der Krieg erklärt wurde, stand Tom Luther um zwölf Uhr dreißig im Hafen von Southampton; er spähte zum Himmel und wartete ungeduldig und unruhig auf das Flugzeug. Immer wieder summte er ein paar Takte aus dem ersten Satz von Beethovens c-Moll-Konzert vor sich hin, eine mitreißende Melodie – so passend kriegerisch.

Eine Menge Schaulustiger hatte sich ringsum eingefunden: Flugzeugbegeisterte mit Feldstechern, kleine Jungen und viele, die einfach neugierig waren. Es war jetzt bereits das neunte Mal, dass der Pan-American-Clipper in der Bucht von Southampton landete, aber der Reiz des Neuen hielt immer noch an. Das Langstreckenflugzeug war so faszinierend, so aufregend, dass die Leute sogar an dem Tag herbeiströmten, an dem ihr Vaterland in den Krieg eintrat. Am Pier schaukelten zwei prächtige Ozeanriesen im Wasser, die hoch über der Menge aufragten, aber kaum einer beachtete die schwimmenden Hotels. Alle starrten gebannt zum Himmel.

Nichtsdestotrotz unterhielt man sich – mit diesem feinen britischen Akzent – über den Krieg. Die Kinder waren in ihrer Abenteuerlust begeistert davon; die Männer redeten mit gesenkter Stimme sachverständig über Panzer und Artillerie; die Frauen machten verbissene Gesichter. Luther war Amerikaner, und er hoffte, sein Land würde sich aus dem Krieg heraushalten: Amerika hatte nichts damit zu tun. Außerdem konnte man den Nazis immerhin zugute halten, dass sie den Kommunismus bekämpften.

Luther war Geschäftsmann; er stellte Wollstoffe her und hatte einmal in seiner Fabrik eine Menge Schwierigkeiten mit den Roten gehabt. Er war ihnen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert gewesen, und sie hatten ihn fast in den Ruin getrieben. Die Sache verbitterte ihn immer noch. Die jüdische Konkurrenz hatte das Herrenbekleidungsgeschäft seines Vaters unrentabel gemacht, und dann war Luthers Wollstoffbetrieb durch die Machenschaften der Kommunisten gefährdet gewesen – von denen die meisten wiederum Juden waren! Doch das änderte sich alles, als er Ray Patriarca kennen lernte. Patriarcas Leute wussten, was man mit Kommunisten machte. Es kam zu Unfällen. Die Hand eines Hitzkopfs verfing sich in einer Webmaschine. Ein Betriebsrat kam bei einem Unfall mit Fahrerflucht ums Leben. Zwei Arbeiter, die sich über Verstöße gegen Sicherheitsvorschriften beschwert hatten, gerieten in eine Prügelei in einer Kneipe und fanden sich im Krankenhaus wieder. Eine Quertreiberin gab ihren Prozess gegen die Firma auf, nachdem ihr Haus abgebrannt war. Das Ganze hatte nur ein paar Wochen gedauert, aber von da an kam es zu keinen Unruhen mehr. Patriarca war sich in einem mit Hitler einig: Kommunisten mussten wie Ungeziefer zertreten werden. Luther stampfte unwillkürlich mit dem Fuß auf und summte Beethovens c-Moll-Konzert weiter.

Ein Boot überquerte vom Imperial-Airways-Flugbootpier aus die trichterförmige Flussmündung bei Hythe und fuhr mehrmals die Wasserungsstelle ab, um sicherzugehen, dass kein Treibgut auf dem Wasser schwamm.

Aufgeregtes Gemurmel wurde unter den Schaulustigen laut: Das Flugzeug musste nun jeden Augenblick kommen.

Ein kleiner Junge, dessen dünne Beine in riesig anmutenden, neuen Stiefeln steckten, war der Erste, der es sah. Er hatte kein Fernglas, aber die Augen des Elfjährigen waren schärfer als jede Linse. »Es kommt!«, rief er mit schriller Stimme. »Der Clipper kommt!« Er deutete nach Südwesten. Alle spähten in diese Richtung. Zunächst konnte Luther nur ein unscharfes Gebilde erkennen – es hätte ein Vogel sein können, doch schon bald nahmen die Umrisse Kontur an, und eine Woge der Aufregung ging durch die Menge, als ersichtlich wurde, dass der Junge Recht hatte.

Alle nannten das Flugzeug nur den Clipper, aber genauer gesagt war es eine Boeing 314. Pan American hatte Boeing damit beauftragt, ein Flugzeug zu bauen, das Passagieren bei einem Flug über den Atlantik allen nur denkbaren Luxus bieten konnte. Das Ergebnis war sensationell: gewaltig, majestätisch, mit unglaublich starken Motoren – ein wahres Traumflugzeug. Die Fluggesellschaft hatte sechs dieser fliegenden Paläste abgenommen und sechs weitere in Auftrag gegeben. Was Komfort und Eleganz betraf, standen sie den Ozeandampfern, die in Southampton anlegten, in nichts nach, nur brauchten die Schiffe vier bis fünf Tage, um den Atlantik zu überqueren, der Clipper dagegen lediglich vierundzwanzig bis dreißig Stunden.

Luther fand, dass das näher kommende Flugzeug wie ein geflügelter Wal aussah. Wie ein Wal hatte es eine große stumpfe Schnauze, einen wuchtigen Körper, der sich nach hinten verjüngte und in steil aufsteigenden Schwanzflossen endete. Die gewaltigen Motoren waren in den Tragflächen untergebracht. Und unterhalb der Tragflächen befanden sich zwei weitere Tragflächen, die an ein Paar Flossenstummel erinnerten und dazu dienten, das Flugzeug bei der Landung im Wasser zu stabilisieren. Außerdem war die Unterseite des Rumpfes mit einer Art Kiel versehen.

Bald konnte Luther auch die zwei unregelmäßigen Reihen großer rechteckiger Fenster des oberen und unteren Decks sehen. Er war vor genau einer Woche mit dem Clipper nach England gekommen, deshalb wusste er, wie er innen aussah. Auf dem oberen Deck befanden sich das Cockpit, alle technischen Anlagen und der Frachtraum, während das untere Deck ausschließlich für die Passagiere bestimmt war. Statt Sitzreihen hatte das Passagierdeck mehrere Abteile, Lounges mit Schlafsesseln. Zu den Mahlzeiten wurde die Hauptlounge zum Speiseraum, und nachts verwandelte man die Schlafsessel in Betten.

Alles wurde getan, um die Fluggäste von der Welt und dem Wetter draußen abzuschirmen. Es gab dicke Teppiche, gedämpftes Licht, Samtvorhänge, geschmackvolle Farben und weiche Polsterung. Durch die ausgezeichnete Schalldämpfung war das Dröhnen der riesigen Motoren nur als ein fernes, sanftes Brummen zu hören. Der Flugkapitän strahlte Souveränität aus, die Besatzung war freundlich und adrett in ihrer Pan-American-Uniform, die Stewards zuvorkommend und aufmerksam; es gab stets zu essen und zu trinken, und jeder Wunsch wurde einem von den Augen abgelesen wie in einem Märchen: geschlossene Vorhänge zur Schlafenszeit, frische Erdbeeren zum Frühstück. Die Welt außerhalb des Flugzeugs erschien zunehmend unwirklich – wie ein Film, der auf die Fenster projiziert wurde –, während das Innere des Flugzeugs einem wie ein eigenes Universum vorkam.

Solcher Komfort war nicht billig. Der Hin- und Rückflug kostete 675 Dollar, für das Doppelte konnte man schon ein Häuschen kaufen. Doch für die Passagiere – meist Aristokraten, Filmstars, Vorsitzende großer Konzerne oder Präsidenten kleiner Länder – spielte Geld keine Rolle.

Tom Luther gehörte zu keiner dieser Kategorien. Er war reich, aber er hatte sich sein Geld sauer verdient und hätte es normalerweise nicht für solch eine Luxusreise verschwendet. Doch es war erforderlich, dass er sich ein genaues Bild des Flugzeugs machte. Er hatte einen gefährlichen Job übernommen – für einen mächtigen Mann. Einen sehr mächtigen Mann sogar. Bezahlt würde er für seine Arbeit nicht werden, aber bei einem solchen Mann einen Gefallen gutzuhaben war mehr wert als Geld.

Vielleicht wurde die Sache auch abgeblasen. Luther wartete noch immer auf eine Nachricht mit dem endgültigen Okay. Seine Gefühle waren gemischt. Einerseits wollte er die Sache so schnell wie möglich in Angriff nehmen; dann wiederum hoffte er, dass es nicht dazu käme.

Das Flugzeug neigte sich in einem schrägen Winkel, den Schwanz tiefer als die Nase. Inzwischen war es schon sehr nahe, und wieder war Luther beeindruckt von seiner enormen Größe. Er wusste, dass der Clipper dreiunddreißig Meter lang war und eine Spannweite von fünfundvierzig Metern hatte, doch das waren nur Zahlen – bis man das gottverdammte Ding dann in seinem ganzen Ausmaß vor sich in der Luft sah.

Plötzlich hatte es den Anschein, als würde das Flugzeug nicht mehr fliegen, sondern jeden Moment wie ein Stein vom Himmel fallen und auf den Meeresgrund sinken. Einen atemberaubenden Augenblick lang hing es unmittelbar über der See wie an einem unsichtbaren Strick. Schließlich berührte es das Wasser, hüpfte über die Oberfläche und platschte durch die Wellenkämme wie ein Stein, den man flach über das Wasser wirft. Einen Moment später stieß der Rumpf ins Wasser, und Gischt sprühte explosionsartig auf, dem Rauch einer Bombe gleich.

Der Clipper durchschnitt die Oberfläche wie ein Pfeil, pflügte eine weiße Furche in das Grün und schickte zu beiden Seiten Fontänen von Schaum in die Luft; Luther musste unwillkürlich an eine Wildente denken, die mit gespreizten Flügeln und angezogenen Füßen auf einem See aufsetzt. Der Flugzeugrumpf sank tiefer, und die segelförmigen Gischtschleier, die links und rechts hochschossen, wurden größer, dann begann er, sich nach vorn zu neigen. Gischt spritzte auf, während das Flugzeug sich gerade legte und der Rest seines gigantischen Walbauchrumpfes ins Wasser tauchte. Schließlich hatte es auch die Nase unten. Seine Geschwindigkeit verringerte sich plötzlich, die sprühenden Fontänen fielen zu schäumenden Wogen zusammen, und das Flugzeug fuhr durch das Meer wie ein Schiff, was es ja auch war, so ruhig und sicher, als hätte es nie gewagt, nach dem Himmel zu greifen.

Luther bemerkte, dass er unwillkürlich den Atem angehalten hatte, nun stieß er ihn in einem langen, erleichterten Seufzer aus und fing wieder zu summen an. Der Clipper schwamm auf den Anlegeplatz zu. Vor einer Woche war Luther hier von Bord gegangen. Der Anlegeplatz war ein Spezialfloß mit zwei Piers. In wenigen Minuten würden Taue an den Vorrichtungen am vorderen und hinteren Teil des Flugzeugs befestigt, um es mit einer Winde mit dem Heck voran zu seinem Anlegeplatz zwischen den Piers zu ziehen. Dann konnten die Fluggäste aussteigen – auf die breite Oberfläche des Flossenstummels, von dort auf das Floß und dann die Gangway hinauf, die an Land führte.

Luther drehte sich um und zuckte zusammen. Unmittelbar neben ihm stand jemand, den er zuvor nicht bemerkt hatte: ein Mann von etwa seiner Größe. Er trug einen dunkelgrauen Straßenanzug und einen Bowler und wirkte wie ein Angestellter auf dem Weg ins Büro. Luther wollte schon weitergehen, hielt dann jedoch inne, um den Mann eingehender zu mustern. Das Gesicht unter der »Melone« war nicht das eines Angestellten. Der Mann hatte eine hohe Stirn, tiefblaue Augen, ein ausgeprägtes Kinn und einen schmalen, brutalen Mund. Er war älter als Luther, etwa vierzig, aber breitschultrig und offenbar in bester Form. Er sah gut aus und wirkte gefährlich. Er starrte geradewegs in Luthers Augen.

Luther hörte auf zu summen.

»Ich bin Henry Faber«, sagte der Fremde.

»Tom Luther.«

»Ich habe eine Nachricht für Sie.«

Luthers Herz setzte einen Schlag aus. Er versuchte, seine Aufregung zu verbergen, und erwiderte ebenso kurz angebunden wie der andere: »Gut. Reden Sie.«

»Der Mann, an dem Sie interessiert sind, wird den Clipper nehmen, der am Mittwoch nach New York fliegt.«

»Sind Sie sicher?«

Der Mann antwortete lediglich mit einem durchdringenden Blick.

Luther nickte grimmig. Also doch. Zumindest war damit die quälende Ungewissheit zu Ende. »Danke«, sagte er.

»Das ist noch nicht alles.«

»Ich höre.«

»Der zweite Teil der Nachricht lautet: ›Enttäuschen Sie uns nicht.‹«

Luther holte tief Atem. »Richten Sie denen aus, dass sie sich keine Sorgen zu machen brauchen«, sagte er mit mehr Zuversicht, als er wirklich empfand. »Der Bursche verlässt Southampton vielleicht, aber er wird nie in New York ankommen.«

Imperial Airways hatte eine Flugbootwartungsanlage auf der anderen Seite der Flussmündung, dem Hafen gegenüber. Mechaniker der Imperial führten die Wartung unter der Aufsicht des jeweiligen Flugingenieurs von Pan American durch. Diesmal überwachte Eddie Deakin die Vorbereitungen für den nächsten Flug.

Es war eine sehr aufwendige Arbeit, aber die Männer hatten drei Tage Zeit. Nachdem die Passagiere am Anlegeplatz 108 ausgestiegen waren, glitt der Clipper hinüber nach Hythe. Dort wurde er im Wasser auf ein Gestell mit Rädern manövriert, mit einer Winde eine Helling hochbefördert und schließlich in den riesigen grünen Hangar geschleppt – ein Anblick, der an einen Wal auf einem Kinderwägelchen denken ließ.

Der Transatlantikflug verlangte den Motoren viel ab. Auf dem längsten Streckenabschnitt, von Neufundland bis Irland, befand das Flugzeug sich neun Stunden in der Luft (und auf dem Rückflug brauchte es – wegen des Gegenwinds – für die gleiche Strecke sechzehneinhalb Stunden). Stunde um Stunde floss unentwegt der Treibstoff, die Kerzen zündeten, die Kolben in den Vierzehnzylindermotoren stampften unermüdlich, und die Viereinhalbmeterpropeller schnitten durch Wolken, Regen und Sturm.

Für Eddie war das der Zauber der Technik. Es war wie ein Wunder und kaum zu glauben, dass der Mensch Maschinen herzustellen vermochte, die Stunden um Stunden präzise funktionierten. Es gab so vieles, was hätte versagen können, so viele bewegliche Teile, die mit größter Präzision hergestellt und exakt zusammengefügt werden mussten, damit sie nicht brachen, sich nicht lösten, blockierten oder ganz einfach nur abnutzten, während sie ein Flugzeug von einundvierzig Tonnen über Tausende von Kilometern trugen.

Am Mittwochmorgen würde der Clipper für einen neuen Transatlantikflug bereitstehen.

DER TAG, AN dem der Krieg ausbrach, war ein schöner Spätsommersonntag, mild und sonnig.

Ein paar Minuten, bevor die Nachricht im Radio gemeldet wurde, stand Margaret Oxenford vor dem herrschaftlichen Ziegelbau, dem Wohnsitz ihrer Familie. Mantel und Hut waren bei dem sommerlichen Wetter fast zu warm, und überdies kochte sie innerlich vor Wut, weil sie zur Messe gehen musste. Die einsame Glocke im Turm der Kirche auf der anderen Seite des Ortes erklang in monotonem Geläute.

Margaret hasste den Kirchgang, aber ihr Vater bestand darauf, dass sie am Gottesdienst teilnahm, obwohl sie bereits neunzehn war und alt genug, eine eigene Meinung über Religion zu haben. Vor einem Jahr hatte sie den Mut gefasst, ihm zu sagen, dass sie nicht mehr gehen wollte, aber er hatte sich geweigert, sie auch nur anzuhören. »Findest du nicht, dass es Heuchelei ist, wenn ich in die Kirche gehe, ohne an Gott zu glauben?«, hatte Margaret gefragt, und ihr Vater hatte geantwortet: »Mach dich nicht lächerlich.« Niedergeschlagen und zornig hatte sie ihrer Mutter erklärt, dass sie nie wieder in die Kirche gehen würde, wenn sie erst volljährig war. Mutters Erwiderung war gewesen: »Darüber wird dein zukünftiger Mann entscheiden, Liebes.« Soweit es ihre Eltern betraf, war der Streitpunkt damit erledigt; aber Margaret hatte seither jeden Sonntag vor Wut gekocht.

Ihre Schwester und ihr Bruder traten aus dem Haus. Elizabeth war einundzwanzig, ein großes, plumpes und nicht sonderlich hübsches Mädchen. Früher einmal waren die beiden Schwestern sehr vertraut miteinander gewesen. Als Kinder und Halbwüchsige waren sie ständig zusammen, denn sie besuchten nie eine Schule, sondern hatten eine ziemlich willkürliche Erziehung durch Gouvernanten und Hauslehrer genossen. Stets hatten sie sich gegenseitig ihre Geheimnisse anvertraut. Doch dann war eine Entfremdung eingetreten. In den letzten Jahren war Elizabeth ganz auf die starren traditionsgebundenen Ansichten ihrer Eltern eingeschwenkt. Sie war extrem konservativ, leidenschaftlich royalistisch, blind gegenüber neuen Ideen, und sie hasste jede Veränderung. Margaret hatte die entgegengesetzte Richtung eingeschlagen. Sie war Feministin und Sozialistin und interessierte sich für Jazz und Kubismus. Elizabeth warf Margaret vor, dass sie mit ihren radikalen Ideen Verrat an der eigenen Familie übe. Margaret ärgerte sich über die Borniertheit ihrer Schwester, aber es betrübte sie auch, dass sie keine Freundinnen mehr waren. Sie hatte nicht viele richtige Freundinnen.

Percy war vierzehn. Er war weder für noch gegen radikale Ideen, aber ein aufgeweckter Junge, und er sympathisierte mit Margarets rebellischem Wesen. Da sie beide unter der Tyrannei ihres Vaters litten, unterstützten sie einander voll Mitgefühl, und Margaret liebte ihren kleinen Bruder sehr.

Einen Augenblick später kamen die Eltern heraus. Vater trug eine grässliche orangegrüne Krawatte. Er war nahezu farbenblind, aber wahrscheinlich hatte Mutter sie ihm gekauft. Mutter hatte rotes Haar, seegrüne Augen und eine helle, durchscheinende Haut; Farben wie Orange und Grün standen ihr ausgezeichnet. Aber Vater hatte schwarzes, allmählich ergrauendes Haar und ein rötliches Gesicht, an ihm sah der Binder wie ein Warnschild aus.

Elizabeth war mit ihrem dunklen Haar und den unregelmäßigen Zügen dem Vater nachgeraten. Margaret dagegen hatte das Aussehen ihrer Mutter geerbt; sie hätte gern einen Schal aus dem Seidenstoff von Vaters Krawatte besessen. Percys Aussehen veränderte sich so rasch, dass niemand hätte sagen können, wem er schließlich ähnlicher sehen würde.

Sie schritten die lange Einfahrt bis zum Tor hinunter. Dahinter begann der kleine Ort. Die meisten Häuser gehörten Vater, ebenso das gesamte Ackerland ringsumher. Er hatte nichts zum Erwerb dieses Reichtums beigetragen: Mehrere Eheschließungen im frühen neunzehnten Jahrhundert hatten die drei bedeutendsten Grundbesitzer der Grafschaft vereint, und der gewaltige Besitz, der dadurch entstand, war unvermindert von Generation zu Generation weitergegeben worden.

Sie spazierten die Dorfstraße entlang und über den Anger zu der grauen Steinkirche. Wie bei einer Prozession schritten sie durch das Portal: Vater und Mutter voraus, Margaret und Elizabeth als Nächste, und Percy hinter den Schwestern. Die Dorfbewohner legten grüßend die Hand an die Stirn, als die Oxenfords den Mittelgang entlang zu ihrer angestammten Bank schritten. Die wohlhabenderen Farmer, die alle ihr Land von Vater gepachtet hatten, verneigten sich höflich; und die Angehörigen der mittleren Klasse, wie Dr. Rowan und Colonel Smythe und Sir Alfred, nickten ergeben. Margaret wand sich innerlich jedesmal vor Verlegenheit bei diesem lächerlichen, feudalen Ritual. Sollten vor Gott denn nicht alle gleich sein? Am liebsten hätte sie laut gerufen: »Mein Vater ist nicht besser als jeder von euch und schlimmer als die meisten!« Vielleicht würde sie eines Tages den Mut dazu aufbringen. Falls sie eine Szene in der Kirche machte, brauchte sie sie vielleicht nie wieder zu besuchen. Aber dazu hatte sie zu viel Angst vor ihrem Vater.

Als sie zu ihrer Bank kamen und aller Augen auf ihnen ruhten, murmelte Percy mit voller Absicht gerade laut genug, dass alle es hören konnten: »Hübsche Krawatte, Vater.« Margaret unterdrückte ein Kichern. Sie und Percy setzten sich rasch und verbargen scheinbar betend das Gesicht, bis der unbändige Drang zu lachen verging. Danach fühlte Margaret sich besser.

Der Vikar hielt seine Predigt über den verlorenen Sohn. Margaret dachte, dass der alte Trottel ruhig ein aktuelleres Thema hätte wählen können, das wohl allen im Kopf herumging: die Gefahr, dass der Krieg ausbrach. Der Premierminister hatte Hitler ein Ultimatum gestellt, der Führer hatte es einfach ignoriert, und so wurde jeden Augenblick mit der Kriegserklärung gerechnet.

Margaret fürchtete den Krieg. Ein Junge, den sie geliebt hatte, war im Spanischen Bürgerkrieg gefallen. Es war inzwischen über ein Jahr her, aber sie weinte manchmal nachts im Bett immer noch. Für sie bedeutete Krieg, dass es Tausenden von Mädchen ebenso ergehen würde wie ihr. Der Gedanke war unerträglich.

Und doch wollte ein anderer Teil ihres Ichs den Krieg. Jahrelang hatte sie Großbritanniens Feigheit während des Spanischen Bürgerkrieges gewurmt. Ihr Vaterland hatte untätig zugesehen, während eine von Hitler und Mussolini mit Waffen versorgte Bande von Machthungrigen die gewählte sozialistische Regierung stürzte. Hunderte von idealistischen jungen Männern aus ganz Europa waren nach Spanien geeilt, um für Demokratie zu kämpfen. Doch es fehlte ihnen an den nötigen Waffen, und die demokratischen Regierungen der Welt hatten sich geweigert, sie damit zu versorgen. Auf diese Weise hatten viele der jungen Männer ihr Leben verloren, und Menschen wie Margaret hatten Wut, Hilflosigkeit und Scham empfunden. Wenn Großbritannien sich nun entschlossen gegen die Faschisten stellte, könnte sie wieder stolz auf ihr Vaterland sein.

Es gab noch einen Grund, weshalb ihr Herz bei der Aussicht auf den Krieg höher schlug. Ganz gewiss würde er das Ende dieses eingeengten Lebens bei ihren Eltern bedeuten, das ihr die Luft abschnürte. Die immer gleichen Rituale der Familie, das sinnlose gesellschaftliche Leben langweilte, lähmte und frustrierte sie. Sie sehnte sich danach, fortzukommen, ihr eigenes Leben zu führen, aber das schien unmöglich: Sie war noch nicht volljährig, hatte kein eigenes Geld, und es gab offenbar keine Arbeit, für die sie geeignet war. Aber, dachte sie erregt, im Krieg würde ganz bestimmt alles anders werden.

Voll Faszination hatte sie gelesen, wie im letzten Krieg Frauen in Hosen geschlüpft waren und in Fabriken gearbeitet hatten. Und heutzutage hatten Armee, Marine und Luftstreitkräfte sogar eigene Abteilungen für Frauen. Margaret träumte davon, sich freiwillig zum Auxiliary Territorial Service zu melden, der »Frauenarmee«. Zu ihren paar praktischen Fähigkeiten gehörte das Autofahren. Vaters Chauffeur, Digby, hatte es ihr mit dem Rolls beigebracht, und Ian, der Junge, der im Krieg gefallen war, hatte sie mit seinem Motorrad fahren lassen. Sie kam sogar mit einem Motorboot gut zurecht, denn Vater hatte in Nizza eine kleine Jacht. Der A. T. S. brauchte Krankenwagenfahrerinnen und Meldegängerinnen, die Motorrad fahren konnten. Sie sah sich schon in Uniform und Helm, mit einem Bild von Ian in der Brusttasche ihres Khakihemds, auf einem Krad dringende Meldungen von einem Schlachtfeld zum nächsten bringen. Sie war überzeugt, dass sie den Mut hatte, wenn man ihr die Chance gab.

Tatsächlich wurde, noch während sie in der Kirche saßen, der Krieg erklärt, wie sie später erfuhren. Zwei Minuten vor halb zwölf – mitten im Gottesdienst – gab es sogar Fliegeralarm, aber das Dorf bekam davon nichts mit, außerdem war es ohnedies ein falscher Alarm. Jedenfalls schritt die Familie Oxenford von der Kirche nach Hause, ohne zu ahnen, dass sie sich bereits im Krieg mit Deutschland befanden.

Percy wollte eine Flinte holen und auf Hasenjagd gehen. Sie konnten alle schießen, das war ein Familienzeitvertreib, ja schon fast eine Besessenheit. Aber natürlich gestattete Vater es Percy nicht, denn an einem Sonntag durfte nicht herumgeballert werden. Percy war enttäuscht, aber er fügte sich. Obwohl er ständig Unfug im Sinn hatte, war er noch nicht Manns genug, sich seinem Vater offen zu widersetzen.

Margaret liebte Percys Unbekümmertheit. Er war der einzige Sonnenstrahl in der Düsternis ihres Lebens. Wie oft wünschte sie sich, sie könnte Vater verspotten, wie Percy es tat, und hinter seinem Rücken über ihn lachen, aber dazu ärgerte sie sich zu sehr.

Als sie heimkamen, trafen sie auf das neue Hausmädchen, das am Eingang Blumen goss. Seltsamerweise ging sie barfuß. Vater, der das Mädchen noch nicht kannte, runzelte die Stirn. »Wer sind Sie?«, fragte er scharf.

Mutter sagte mit ihrer sanften Stimme und ihrem amerikanischen Akzent: »Sie heißt Jenkins und hat erst diese Woche hier zu arbeiten angefangen.«

Das Mädchen machte einen Knicks.

»Wo zum Teufel sind ihre Schuhe?«, wandte Vater sich an Mutter.

Das Mädchen blickte verwirrt auf. Dann warf sie einen anklagenden Blick auf Percy. »Verzeihen Sie, Ihre Lordschaft, aber der junge Lord Isley sagte, dass Hausmädchen am Sonntag als Zeichen der Ehrerbietung barfuß laufen müssen.« Percys Titel war Earl von Isley.

Mutter seufzte, und Vater brummte verärgert. Diesmal konnte Margaret ein Kichern nicht unterdrücken. Percy hatte ein diebisches Vergnügen daran, neue Dienstboten mit erfundenen Hausregeln vertraut zu machen. Er konnte die verrücktesten Dinge mit glaubwürdiger Miene sagen, und da die Familie für ihre Exzentrizität bekannt war, trauten ihnen die Leute so gut wie alles zu.

Percy brachte Margaret oft zum Lachen, aber jetzt tat ihr das arme Hausmädchen Leid, das barfuß dastand und sich sichtlich sehr dumm vorkam.

»Ziehen Sie Ihre Schuhe an«, sagte Mutter.

»Und glauben Sie Lord Isley nichts mehr«, fügte Margaret hinzu.

Sie legten ihre Hüte ab und traten in den kleinen Salon. Margaret zog Percy an den Haaren und zischte: »Das war gemein von dir!« Ihr Bruder grinste nur, er war unverbesserlich. Einmal hatte er dem Vikar weisgemacht, dass Vater in der Nacht an einem Herzanfall gestorben war. Der ganze Ort trauerte, bis sich herausstellte, dass es gar nicht stimmte.

Vater schaltete den Rundfunkempfänger ein, und da hörten sie, dass Großbritannien Deutschland den Krieg erklärt hatte.

Margaret spürte, wie sich wilde Freude in ihr regte, die jener Erregung ähnlich war, die sie empfand, wenn sie mit hoher Geschwindigkeit fuhr oder bis zum Wipfel eines hohen Baumes hinaufkletterte. Es hatte nun keinen Sinn mehr, deshalb quälenden Überlegungen nachzuhängen. Natürlich würde es zu Tragödien kommen, zu Verlust und Trauer und Leid. Doch daran war jetzt nichts mehr zu ändern, die Würfel waren gefallen, und es musste gekämpft werden. Bei diesen Gedanken schlug ihr Herz schneller. Alles würde anders werden. Gesellschaftliche Konventionen würden aufgegeben werden müssen. Frauen würden zum Hilfsdienst aufgerufen werden, Klassenschranken würden fallen, alle würden zusammenarbeiten. Schon jetzt konnte sie einen Hauch von Freiheit spüren. Und sie würden im Krieg mit den Faschisten sein, die den armen Ian auf dem Gewissen hatten und Tausende andere junge Männer wie ihn. Margaret hielt sich nicht für besonders rachsüchtig, aber wenn sie an den Kampf gegen die Nazis dachte, verspürte sie doch den Wunsch nach Vergeltung. Und dieses Gefühl war neu für sie, erschreckend und aufregend zugleich.

Vater tobte vor Wut. Er war ohnehin dick und hatte ein rotes Gesicht, aber wenn er zornig wurde, sah er immer aus, als würde er platzen. »Verdammter Chamberlain!«, knirschte er. »Verfluchter Kerl!«

»Algernon, bitte!«, rügte ihn Mutter ob seiner Unbeherrschtheit.

Vater war einer der Gründer der B. U. F. – der Britischen Union der Faschisten. Damals war er ein anderer Mensch gewesen, nicht nur jünger, sondern auch schlanker, besser aussehend und weniger reizbar. Er hatte mit seinem Charme die Sympathie und Loyalität vieler gewonnen. Er hatte ein umstrittenes Buch geschrieben: Mischlinge – Die Gefahr durch Rassenvermischung. Es erläuterte, wie es mit der Kultur bergab ging, seit Weiße angefangen hatten, sich mit Juden, Asiaten, Orientalen, ja sogar Negern einzulassen. Er hatte mit Adolf Hitler korrespondiert und ihn für den größten Staatsmann seit Napoleon gehalten. Es hatte im Haus der Oxenfords jedes Wochenende große Gesellschaften mit wichtigen Politikern gegeben, manchmal auch mit ausländischen Staatsmännern und ein unvergessliches Mal sogar mit dem König. Die Diskussionen dauerten bis tief in die Nacht hinein, der Butler holte immer wieder eine neue Flasche Weinbrand aus dem Keller, während die Diener gähnend in der Halle herumstanden. Während der Wirtschaftskrise hatte Vater nur darauf gewartet, dass das Land ihn rufe, damit er es in der Stunde der Not rette, und ihn bitte, Premierminister in einer Regierung für den nationalen Wiederaufbau zu werden. Doch der Ruf war nie erfolgt. Die Wochenendpartys waren seltener und kleiner geworden; die bekannteren Gäste hatten Mittel und Wege gefunden, sich öffentlich von der Britischen Union der Faschisten zu distanzieren; und Vater war zu einem verbitterten, enttäuschten Menschen geworden. Mit seiner Zuversicht verlor er auch seinen Charme, und sein gutes Aussehen ruinierte er selbst durch Groll, Langeweile und Alkohol. Er war nie besonders intelligent gewesen. Margaret hatte sein Buch gelesen und mit Entsetzen erkannt, dass seine Ansichten nicht nur falsch, sondern auch dumm waren.

In den letzten Jahren war sein politisches Programm zu einer einzigen besessenen Idee geschrumpft: dass Großbritannien und Deutschland sich gegen die Sowjetunion verbünden sollten. Das hatte er in Artikeln in Zeitschriften propagiert und in Briefen an Zeitungen und bei den immer selteneren Gelegenheiten, da man ihn einlud, bei politischen Versammlungen und vor Hochschuldiskussionsgruppen zu reden. Er hielt auch noch starrsinnig an dieser Idee fest, als die Ereignisse in Europa seine politischen Vorstellungen zusehends unrealistischer werden ließen. Und nun, da der Krieg zwischen Großbritannien und Deutschland erklärt war, starb auch seine letzte Hoffnung. Inmitten all ihrer anderen aufgewühlten Gefühle empfand Margaret sogar ein wenig Mitleid mit ihm.

»Großbritannien und Deutschland werden sich gegenseitig zerfleischen, und Europa wird dadurch der Herrschaft des atheistischen Kommunismus anheim fallen«, prophezeite er.

Die Bemerkung über den Atheismus erinnerte Margaret wieder daran, dass man sie zwang, zur Kirche zu gehen. »Das ist mir egal«, sagte sie. »Ich bin Atheistin!«

»Das ist doch gar nicht möglich, Liebes, du gehörst der Church of England an«, meinte Mutter.

Unwillkürlich musste Margaret lachen. Elizabeth, die den Tränen nahe war, rief: »Wie kannst du nur lachen? Es ist eine Tragödie!«

Elizabeth war eine glühende Bewunderin der Nazis. Sie sprach Deutsch – aber das taten beide Schwestern, dank einer deutschen Gouvernante, die länger durchgehalten hatte als die meisten anderen –, war mehrmals in Berlin gewesen und hatte zweimal mit dem Führer höchstpersönlich gespeist. Margaret vermutete, dass die Nazis Snobs waren, denen es gefiel, sich von englischen Aristokraten beklatschen zu lassen. Sie wandte sich Elizabeth zu und sagte: »Es wird Zeit, dass wir es diesen Leuteschindern zeigen!«

»Sie sind keine Leuteschinder!«, protestierte Elizabeth empört. »Sie sind stolze, starke, reinrassige Arier, und es ist eine Tragödie, dass unser Vaterland sich nun im Krieg mit ihnen befindet. Vater hat Recht – die Weißen werden einander ausrotten, und dann wird die Welt den Mischlingen und Juden gehören.«

Margaret hatte nicht die Geduld, sich solches Geschwafel anzuhören. »An den Juden ist nichts auszusetzen!«, erklärte sie hitzig.

Vater hob belehrend den Finger. »An den Juden ist nichts auszusetzen – wenn sie dort bleiben, wo sie hingehören

»Unter den Stiefeln deines – deines faschistischen Systems vielleicht?« Margaret war nahe daran gewesen, »deines verdammten Systems« zu sagen, aber plötzlich bekam sie es mit der Angst und verkniff sich die Bemerkung. Es war gefährlich, Vater zu sehr zu reizen.

»Und in deinem bolschewistischen System haben die Juden das Sagen!«, entgegnete Elizabeth.

»Ich bin kein Bolschewist, ich bin Sozialist!«

»Das ist nicht möglich, Liebes«, meinte Percy, den Tonfall der Mutter imitierend, »du gehörst der Church of England an.«

Auch diesmal musste Margaret gegen ihren Willen lachen, was ihre Schwester nur noch mehr erboste. »Du willst nur alles zerstören, was edel und rein ist, und dich darüber lustig machen!«, erklärte sie verbittert.

Solche dummen Reden überhörte man am besten, aber Margaret wollte doch wenigstens ihren Standpunkt klarmachen. Sie wandte sich ihrem Vater zu und sagte: »Was Neville Chamberlain betrifft, bin ich jedenfalls deiner Meinung. Dadurch, dass er zugelassen hat, dass die Faschisten Spanien übernahmen, hat er unsere militärische Lage ungemein verschlechtert. Jetzt ist der Feind ebenso im Westen wie im Osten.«

»Chamberlain hat nichts damit zu tun, dass die Faschisten in Spanien an die Macht gekommen sind«, erklärte ihr Vater »Großbritannien hatte einen Nichteinmischungspakt mit Deutschland, Italien und Frankreich. Wir haben lediglich unser Wort gehalten.«

Das war absolute Heuchelei, und er wusste es. Margaret spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht stieg. »Wir haben unser Wort gehalten, während die Italiener und die Deutschen ihres brachen!«, rief sie entrüstet. »Also bekamen die Faschisten die Waffen, und die Demokraten nichts – außer Helden.«

Einen Augenblick herrschte verlegenes Schweigen.

Schließlich sagte die Mutter: »Es tut mir wirklich Leid, dass Ian gefallen ist, Liebes, aber er hatte einen sehr schlechten Einfluss auf dich.«

Plötzlich war Margaret den Tränen nahe.

Ian Rochdale war ihre große Liebe gewesen, und der Schmerz über seinen Tod überwältigte sie immer noch.

Jahrelang hatte sie bei den Jagdbällen mit hohlköpfigen jungen Männern des Landadels getanzt, die nichts anderes im Sinn hatten, als zu saufen und zu jagen. Sie hatte schon daran gezweifelt, dass sie je einen Mann ihres Alters kennen lernen würde, der sie interessierte. Ian war wie das Licht der Aufklärung in ihr Leben gekommen, und seit er tot war, lebte sie wieder in der Dunkelheit.

Als sie ihn kennen lernte, studierte er im letzten Semester in Oxford. Margaret wäre schrecklich gern auch auf eine Universität gegangen, aber sie hätte wohl kaum eine Chance gehabt, aufgenommen zu werden – sie hatte ja nie eine richtige Schule besucht. Doch sie war sehr belesen – was hätte sie außer Lesen auch tun können! –, und sie war begeistert, einen Wesensverwandten gefunden zu haben, jemanden, der leidenschaftlich gern diskutierte. Ian war der Einzige, der ihr etwas erklären konnte, ohne dabei herablassend zu wirken. Nie war sie jemandem begegnet, der so klar denken konnte; bei Diskussionen bewies er unendliche Geduld; und er war ohne jede intellektuelle Eitelkeit – nie gab er vor, etwas zu verstehen, wenn es nicht der Fall war. Sie bewunderte ihn vom ersten Augenblick an.

Lange Zeit dachte sie gar nicht daran, dass es Liebe sein könnte. Doch eines Tages gestand er ihr seine Gefühle; unbeholfen, voll Verlegenheit suchte er nach den richtigen Worten und hatte zum ersten Mal Schwierigkeiten, sich auszudrücken, bis er schließlich sagte: »Ich glaube, ich habe mich wohl in dich verliebt – wird das alles zwischen uns zerstören?« Und da wurde ihr voller Glück bewusst, dass auch sie ihn liebte.

Er veränderte ihr Leben. Ihr war, als wäre sie plötzlich in einem anderen Land. Sie sah alles mit anderen Augen: die Landschaft, das Wetter, die Leute, das Essen. Und sie genoss alles. Die Zwänge und der Ärger, die ein Leben mit ihren Eltern mit sich brachte, erschienen ihr unbedeutend.

Selbst nachdem Ian sich der Internationalen Brigade angeschlossen hatte und in Spanien für die gewählte sozialistische Regierung und gegen die faschistischen Aufrührer kämpfte, erhellte er ihr Leben. Sie war stolz auf ihn, weil er den Mut hatte, zu seiner Überzeugung zu stehen, und bereit war, sein Leben für die Sache einzusetzen, an die er glaubte. Manchmal erhielt sie einen Brief von ihm. Einmal schickte er ihr ein Gedicht. Und dann kam die Mitteilung, dass er gefallen war, dass eine Granate ihn getroffen hatte. Und Margaret hatte das Gefühl, mit ihm gestorben zu sein.

»Einen schlechten Einfluss«, wiederholte sie bitter. »Ja, er lehrte mich, Dogmen in Frage zu stellen, Lügen nicht zu glauben, Ignoranz zu hassen und Heuchelei zu verabscheuen. Infolgedessen passe ich kaum in diese zivilisierte Gesellschaft hier.«

Plötzlich redeten alle gleichzeitig, dann hörten sie ebenso abrupt auf, weil keiner verstanden werden konnte. Da sagte Percy in die Stille: »Weil wir von Juden reden: Ich habe ein komisches Bild im Keller gefunden, in einem dieser alten Koffer aus Stamford.« Stamford in Connecticut war Mutters Heimatstadt. Percy zog aus seiner Hemdtasche eine zerknitterte und verblasste bräunliche Fotografie. »Meine Urgroßmutter hieß doch Ruth Glencarry, nicht wahr, Mutter?«

»Ja – sie war die Mutter meiner Mutter. Warum, Liebes, was hast du gefunden?«

Wortlos reichte Percy seinem Vater die Fotografie, und die anderen drängten sich um ihn, um sie ebenfalls zu betrachten. Das Bild zeigte eine Straßenszene in einer amerikanischen Stadt, New York wahrscheinlich, vor etwa siebzig Jahren. Im Vordergrund stand ein Jude von ungefähr dreißig mit schwarzem Bart. Er trug die Kleidung eines Arbeiters und einen Hut. Hinter ihm befand sich ein Handkarren mit einem Schleifstein. »Reuben Fishbein – Scherenschleifer«, konnte man an der Karrenseite lesen. Neben dem Mann stand ein etwa zehnjähriges Mädchen in einem verschossenen Baumwollkleid und dicken Stiefeln.

»Was soll das, Percy? Wer ist dieses Lumpenpack?«, fragte der Vater.

»Dreh das Bild um«, riet ihm Percy.

Vater tat es. Auf der Rückseite stand: »Ruthie Glencarry, geb. Fishbein, mit zehn Jahren.«

Margaret blickte ihren Vater an. Er sah aus, als würde ihn der Schlag treffen.

»Interessant, dass Mutters Großvater die Tochter eines herumziehenden jüdischen Scherenschleifers heiratete«, meinte Percy, »aber das ist halt in Amerika so, wie man hört.«

»Das ist unmöglich!«, rief Vater, doch seine Stimme zitterte, und Margaret vermutete, dass er es für nur allzu möglich hielt.

Percy fuhr unbekümmert fort: »Jedenfalls wird das Judentum durch die Mutter vererbt, und da die Großmutter meiner Mutter eine Jüdin war, bin ich ein Jude.«

Vater war kreidebleich. Mutter blickte verwirrt und mit leicht gerunzelter Stirn drein.

»Ich kann nur hoffen, dass nicht die Deutschen diesen Krieg gewinnen, denn sonst darf ich nicht mehr ins Kino gehen, und Mutter wird gelbe Sterne auf ihre Ballkleider nähen müssen«, sagte Percy.

Das war einfach zu schön, um wahr zu sein. Margaret studierte eingehend die Worte auf der Rückseite des Bildes, dann dämmerte ihr die Wahrheit. »Percy«, sagte sie schmunzelnd, »das ist deine Schrift!«

»Nein, bestimmt nicht!«, protestierte Percy.

Aber inzwischen hatten auch die anderen seine Schrift erkannt. Margaret lachte schadenfroh. Percy hatte dieses alte Bild eines kleinen jüdischen Mädchens irgendwo aufgetrieben und den Text auf der Rückseite erfunden, um Vater hereinzulegen. Und Vater war prompt darauf hereingefallen. Kein Wunder! Es musste der absolute Albtraum für jeden Rassisten sein, festzustellen, dass nicht alle seine Vorfahren reinrassig waren. Geschah ihm ganz recht!

»Pah!«, meinte Vater und warf das Bild auf den Tisch. Mutter sagte vorwurfsvoll: »Percy, also wirklich!« Sicherlich hätten sie noch mehr zu sagen gehabt, doch in diesem Moment meldete Bates, der griesgrämige Butler: »Mylady, es ist angerichtet.«

Sie verließen den Salon und gingen durch die Eingangshalle zum kleinen Esszimmer. Es würde viel zu durchgeschmortes Roastbeef geben wie immer am Sonntag, und Mutter bekam ihren obligatorischen Salat: Sie aß nie etwas Gekochtes, weil sie überzeugt war, dass das Kochen Qualität und Geschmack zerstörte.

Vater sprach das Tischgebet, und sie setzten sich. Bates bot Mutter Räucherlachs an. Geräucherte, marinierte oder auf andere Weise konservierte Nahrungsmittel waren nach ihrer Theorie in Ordnung.

»Es ist klar, was wir jetzt zu tun haben«, meinte Mutter, als sie sich von der Platte mit Lachs bediente. Sie redete so beiläufig, als würde sie nur das aussprechen, was alle schon wussten. »Wir müssen nach Amerika fahren und dortbleiben, bis dieser dumme Krieg zu Ende ist.«

Einen Augenblick herrschte bestürztes Schweigen.

Dann platzte Margaret entsetzt heraus: »Nein!«

»Ich meine, es hat heute bereits genug Streit für einen Tag gegeben«, erklärte Mutter ungerührt. »Wir wollen jetzt unser Mittagessen in Ruhe und Frieden zu uns nehmen!«

»Nein!«, protestierte Margaret noch einmal. Sie brachte vor Empörung kaum ein weiteres Wort hervor. »Ihr – ihr könnt das nicht tun! Es ist ...«, stammelte sie schließlich. Sie wollte sie anschreien, sie des Hochverrats und der Feigheit bezichtigen, ihre Verachtung hinausbrüllen; aber sie fand die Worte nicht und alles, was sie sagen konnte, war: »Das geht doch nicht!«

Selbst das war zu viel. »Wenn du deinen Mund nicht halten kannst, dann gehst du jetzt besser«, sagte Vater.

Margaret presste ihre Serviette gegen den Mund, um ein Schluchzen hinunterzuwürgen, stieß ihren Stuhl zurück, stand auf und floh aus dem Zimmer.

Die Eltern hatten die Sache offensichtlich seit Monaten geplant.

Percy kam nach dem Mittagessen in Margarets Zimmer und berichtete ihr die Einzelheiten. Das Haus sollte geschlossen, die Möbelstücke mit Tüchern gegen Staub geschützt und die Dienstboten entlassen werden. Vaters Geschäftsführer sollte die Verwaltung des gesamten Besitzes übernehmen. Mieten und Pachteinnahmen würden sich in der Bank ansammeln, denn aufgrund der kriegsbedingten Währungskontrollbestimmungen konnte das Geld nicht nach Amerika überwiesen werden. Die Pferde würden verkauft, die Wolldecken eingemottet und das Silber weggeschlossen werden.

Elizabeth, Margaret und Percy sollten je einen Koffer packen, ihre übrigen persönlichen Sachen würden durch eine Transportfirma nachgeschickt werden. Vater hatte bereits die Flüge gebucht – am Mittwoch würden sie alle mit dem Pan-American-Clipper abreisen.

Percy war schrecklich aufgeregt. Er war zwar schon zweimal geflogen, aber mit dem Clipper würde das etwas ganz anderes sein. Das Flugzeug war gewaltig und außerordentlich luxuriös. Die Zeitungen waren voll davon gewesen, als die Fluglinie vor ein paar Wochen eröffnet wurde. Der Flug nach New York dauerte neunundzwanzig Stunden, und nachts, über dem Atlantik, konnte man sich sogar ins Bett legen.

Das ist mal wieder typisch, dachte Margaret, dass sie in Pomp und Luxus abreisten und ihre Landsleute den Entbehrungen und Härten des Krieges überließen.

Percy ging, um seine Sachen zu packen, und Margaret legte sich auf ihr Bett und starrte verbittert und in ohnmächtiger Wut gegen die Zimmerdecke, bis ihr die Tränen in die Augen stiegen.

Sie blieb bis zur Schlafenszeit in ihrem Zimmer.

Am Montagmorgen, als sie noch im Bett lag, kam Mutter in ihr Zimmer. Margaret richtete sich auf und musterte sie mit feindseligem Blick. Mutter setzte sich an den Frisiertisch und blickte Margaret im Spiegel an. »Bitte, fang keinen Streit mit deinem Vater an«, sagte sie.

Margaret entging nicht, wie nervös ihre Mutter war. Unter anderen Umständen wäre sie vielleicht sanfter mit ihr umgegangen, aber im Moment war sie zu erregt, als dass sie hätte Mitgefühl empfinden können. »Es ist so feige!«, platzte sie heraus.

Mutter wurde blass. »Wir sind nicht feige!«

»Aber fortzulaufen, wenn ein Krieg beginnt!«

»Wir haben keine Wahl. Wir müssen weg.«

Margaret blinzelte verwirrt. »Wieso?«

Nun drehte Mutter sich vom Spiegel um und blickte sie fest an. »Weil man sonst deinen Vater verhaften wird.«

Margaret war vollkommen verblüfft. »Aber wieso? Wie können sie das tun? Es ist doch kein Verbrechen, ein Faschist zu sein.«

»Es gibt besondere Notstandsgesetze. Was spielt das schon für eine Rolle? Ein Bekannter aus dem Innenministerium hat uns gewarnt. Wenn Vater Ende der Woche noch hier ist, wird er verhaftet.«

Margaret fiel es schwer zu glauben, dass man ihren Vater wie einen gemeinen Dieb ins Gefängnis werfen wollte. Plötzlich kam sie sich sehr dumm vor, weil sie überhaupt nicht bedacht hatte, wie sehr der Krieg ihr Leben verändern würde.

»Aber sie gestatten uns nicht, Geld mitzunehmen«, fuhr Mutter bitter fort. »Soviel zum Fair Play der Briten!«

Geld war das Letzte, worüber Margaret sich jetzt Sorgen machte. Ihr gesamtes Leben hing in der Schwebe. Sie fasste sich ein Herz und beschloss, ihrer Mutter die Wahrheit zu sagen. Bevor sie der Mut wieder verließ, holte sie tief Luft und sagte: »Mutter, ich werde nicht mitkommen!«

Mutter zeigte kein Erstaunen. Vielleicht hatte sie so etwas sogar erwartet. In dem milden, gleichmütigen Ton, dessen sie sich immer bediente, wenn sie sich bemühte, eine Diskussion zu vermeiden, erklärte sie: »Du musst mitkommen, Liebes.«

»Mich werden sie nicht ins Gefängnis stecken. Ich kann bei Tante Martha wohnen oder bei Kusine Catherine. Bitte sprich mit Vater darüber, ja?«

Mit einem Mal wurde Mutter ungewohnt heftig. »Ich habe dich unter dem Herzen getragen und werde nicht zulassen, dass du dein Leben in Gefahr bringst, solange ich es verhindern kann!«

Einen Augenblick lang erschrak Margaret über Mutters Gefühlsausbruch, dann begehrte sie auf: »Ich sollte schließlich auch etwas dazu sagen dürfen – immerhin ist es mein Leben!«

Mutter seufzte. Auf ihre übliche ruhige, scheinbar gleichmütige Weise meinte sie: »Es spielt keine Rolle, was wir, du und ich, denken. Dein Vater wird dich nicht hierbleiben lassen, egal, was wir sagen.«

Die Passivität ihrer Mutter brachte Margaret nur noch mehr auf, und sie entschied sich, sofort etwas zu unternehmen. »Ich werde selbst mit ihm reden. Jetzt gleich.«

»Bitte, lass es bleiben.« Jetzt schwang ein flehender Ton in Mutters Stimme mit. »Es ist so schon furchtbar schwer für ihn. Er liebt England, das weißt du. Unter anderen Umständen würde er das Kriegsministerium anrufen und fragen, ob sie eine Arbeit für ihn haben. Es bricht ihm das Herz.«

»Was ist mit meinem Herzen?«

»Für dich ist es etwas anderes. Du bist jung, dein Leben liegt noch vor dir. Für ihn aber ist es das Ende aller Hoffnung.«

»Ich bin nicht daran schuld, dass er ein Faschist ist«, sagte Margaret barsch.

Mutter stand auf. »Ich hatte gehofft, du hättest mehr Herz«, sagte sie leise und verließ das Zimmer.

Jetzt quälte Margaret ein schlechtes Gewissen, aber gleichzeitig ärgerte sie sich auch. Es war so ungerecht! Seit sie denken konnte, hatte Vater ihre Meinung stets voll Verachtung abgetan, und nun, da die Ereignisse bewiesen, dass seine Ansichten falsch waren, sollte sie auch noch Mitleid mit ihm empfinden!

Sie seufzte. Ihre Mutter war schön, exzentrisch und vollkommen gleichmütig. Sie war reich geboren und wusste, was sie wollte. Ihre Exzentrik entsprang einem starken Willen, nur fehlte ihr die nötige Klarsicht. Sie hielt an törichten Ideen fest, weil sie zwischen Sinn und Unsinn nicht zu unterscheiden vermochte. Die Unbestimmtheit war das Mittel einer starken Frau, mit der Dominanz des Mannes fertig zu werden: Sie durfte ihrem Mann nicht widersprechen, und so war die einzige Möglichkeit, sich seinem Diktat zu entziehen, vorzutäuschen, dass sie ihn nicht verstand. Margaret liebte ihre Mutter und akzeptierte ihre Eigenarten mit einer gewissen Nachsicht; aber sie war entschlossen, nicht wie sie zu werden, so sehr sie sich auch äußerlich ähnelten. Wenn die anderen ihr eine Ausbildung verweigerten, würde sie das eben selbst in die Hand nehmen. Und sie wollte lieber eine alte Jungfer werden, als irgendein Mannsbild zu heiraten, das glaubte, ein Recht zu haben, sie wie ein dummes Hausmädchen herumzukommandieren.

Manchmal sehnte sie sich nach einem anderen Verhältnis zu ihrer Mutter. Sie wollte sich ihr anvertrauen, ihr Verständnis gewinnen, sie um Rat bitten. Sie könnten Verbündete sein, gemeinsam um ihren Platz in einer Welt kämpfen, in der Frauen nur ein schmückendes Beiwerk waren. Aber Mutter hatte diesen Kampf schon lange aufgegeben und wollte, dass Margaret das ebenfalls tat. Aber dazu war sie nicht bereit! Margaret würde sich nicht untreu werden. Ihr Entschluss stand fest. Aber wie konnte sie ihr Ziel erreichen?

Den ganzen Montag brachte sie keinen Bissen hinunter. Sie trank eine Tasse Tee nach der anderen, während die Dienstboten das Haus zum Verschließen fertig machten. Am Dienstag, als Mutter klar wurde, dass Margaret nicht vorhatte zu packen, wies sie Jenkins an, es für sie zu tun. Natürlich wusste das neue Hausmädchen nicht, was sie einpacken sollte, darum musste Margaret ihr helfen. So hatte Mutter ihren Willen schließlich wieder durchgesetzt, wie meistens.

»So ein Pech für Sie, dass wir das Haus schließen, kaum dass Sie eine Woche hier arbeiten«, meinte Margaret.

»Ich werd bestimmt schnell eine neue Stellung finden, M’lady«, entgegnete Jenkins. »Unser Dad sagt, dass es im Krieg so was wie Arbeitslosigkeit nicht gibt.«

»Was werden Sie tun? In einer Fabrik arbeiten?«

»Ich werd mich freiwillig melden. Im Radio hab ich gehört, dass gestern siebzehntausend Frauen zum A. T. S. gegangen sind. Vor allen Rathäusern im ganzen Land stehen Schlangen an – ich hab ein Bild in der Zeitung gesehen.«

»Sie haben es gut«, stellte Margaret bedrückt fest. »Das Einzige, wofür ich mich anstellen kann, ist ein Flugzeug nach Amerika.«

»Sie müssen tun, was der gnädige Herr will«, sagte Jenkins.

»Was sagt Ihr Dad dazu, dass Sie zum A. T. S. wollen?«

»Ich werd’s ihm gar nicht erzählen – ich tu’s einfach.«

»Aber was ist, wenn er Sie zurückholt?«

»Das kann er nicht. Jedenfalls nicht, sobald sie mich genommen haben. Ich bin achtzehn. Und wenn man alt genug ist, können die Eltern gar nichts mehr dagegen tun.«

Überrascht blickte Margaret sie an. »Sind Sie sicher?«

»Natürlich. Das weiß doch jeder.«

»Ich habe es nicht gewusst«, murmelte Margaret nachdenklich.

Jenkins trug Margarets Koffer hinunter in die Halle. Sie würden schon früh am Mittwochmorgen aufbrechen. Als Margaret die Koffer sah, wurde ihr bewusst, dass sie die Zeit des Krieges in Connecticut verbringen würde, wenn sie bloß schmollend herumsaß. Trotz Mutters Flehen, keinen Ärger zu machen, musste sie mit ihrem Vater sprechen.

Schon bei dem Gedanken wurden ihr die Knie weich. Sie kehrte auf ihr Zimmer zurück, um sich selbst Mut zu machen. Sie würde ganz ruhig sein. Tränen rührten ihn nicht, und Wut würde nur seinen Spott herausfordern. Sie musste vernünftig, verantwortungsbewusst und reif wirken. Sie durfte nicht groß herumargumentieren, weil ihn das bloß in Rage versetzen würde, und das wiederum würde sie so einschüchtern, dass sie nicht weiterreden könnte.

Wie sollte sie anfangen? »Ich finde, dass ich ein Recht habe, meine Zukunft selbst zu gestalten.«

Nein, das wäre nicht gut. Er würde entgegnen: »Ich bin für dich verantwortlich, deshalb habe ich zu entscheiden!«

Vielleicht sollte sie sagen: »Kann ich mit dir über die Reise nach Amerika reden?«

Er würde vermutlich antworten: »Darüber gibt es nichts zu reden.«

Ihre Eröffnung musste so unverfänglich sein, dass er sie nicht gleich abschmetterte. Sie beschloss zu sagen: »Darf ich dich etwas fragen?« Dazu musste er ja sagen.

Was dann? Wie konnte sie zum Thema kommen, ohne dass er es gleich mit einem seiner schrecklichen Wutanfälle unterband? Sie könnte sagen: »Du warst im letzten Krieg doch in der Armee, nicht wahr?« Sie wusste, dass er in Frankreich an der Front gewesen war. Dann würde sie fortfahren: »War Mutter auch im Einsatz?« Auch darauf kannte sie die Antwort. Mutter war freiwillige Krankenschwester in London gewesen und hatte verwundete amerikanische Offiziere gepflegt. Schließlich würde sie sagen: »Ihr habt beide euren Ländern gedient, deshalb bin ich überzeugt, dass du verstehen wirst, wenn ich das gleiche tun möchte.« Also dagegen konnte er doch wirklich nichts sagen.

Wenn er dagegen prinzipiell nichts zu sagen vermochte, würde sie mit seinen anderen Einwänden schon fertig werden, dachte sie. Sie könnte bei Verwandten wohnen, bis sie im A. T. S. aufgenommen wurde, und das würde bestimmt in wenigen Tagen der Fall sein. Sie war neunzehn: Viele Mädchen in diesem Alter arbeiteten bereits seit sechs Jahren. Sie war alt genug zu heiraten, einen Wagen zu fahren und ins Gefängnis gesteckt zu werden. Da konnte es doch keinen Grund geben, weshalb man ihr nicht erlauben sollte, in England zu bleiben.

Das klang logisch. Nun brauchte sie nur noch den nötigen Mut.

Vater war jetzt vermutlich mit seinem Geschäftsführer im Arbeitszimmer. Margaret verließ ihr Zimmer, doch auf dem Gang begann sie vor Angst zu zittern. Vater wurde immer so wütend, wenn man sich ihm widersetzte. Sein Zorn war entsetzlich und seine Strafen grausam. Mit elf hatte sie einmal einen ganzen Tag in einer Ecke seines Arbeitszimmers stehen müssen, mit dem Gesicht zur Wand, weil sie unhöflich zu einem Gast gewesen war; mit sieben hatte er ihr den geliebten Teddybären weggenommen, weil sie ins Bett gemacht hatte; und einmal hatte er in seiner Wut eine Katze aus einem Fenster im ersten Stock geworfen. Was würde er jetzt tun, wenn sie ihm erklärte, dass sie in England bleiben und gegen die Nazis kämpfen wollte?

Sie zwang sich, die Treppe hinunterzugehen, doch ihre Furcht wuchs, je mehr sie sich dem Arbeitszimmer näherte. Sie stellte sich vor, wie er zornig wurde, wie sein Gesicht sich rötete, wie seine Augen hervorquollen, da lähmte ihre Angst sie fast. Sie versuchte sich zu beruhigen, indem sie sich fragte, was sie zu befürchten hatte. Sie war kein kleines Mädchen mehr, dem man das Herz brechen konnte, indem man ihm den Teddy wegnahm. Doch tief im Innern wusste sie, dass ihm sicher eine neue Herzlosigkeit einfiel, die sie wünschen lassen würde, tot zu sein.

Während sie zitternd vor der Tür zum Arbeitszimmer stand, kam die Haushälterin in einem raschelnden schwarzen Seidenkleid durch die Halle. Mrs Allen herrschte mit strenger Hand über das weibliche Hauspersonal, aber den Kindern gegenüber war sie immer nachsichtig. Sie mochte die Familie und war traurig darüber, dass sie wegging; für sie war es das Ende eines Lebensabschnitts. Sie lächelte Margaret unter Tränen an.

Als Margaret sie anblickte, kam ihr eine Idee, die so kühn war, dass ihr Herz aussetzte.

Sie sah alles genau vor sich. Sie würde sich Geld von Mrs Allen leihen, das Haus jetzt sofort verlassen, mit dem 16-Uhr-55-Zug nach London fahren, bei ihrer Kusine Catherine übernachten und gleich in der Frühe im A. T. S. eintreten. Bis Vater sie fand, würde es bereits zu spät sein.

Der Plan war so einfach und wagemutig, dass sie kaum glauben konnte, er sei wirklich durchführbar. Doch ehe sie es sich überlegte, hörte sie sich bereits sagen: »Oh, Mrs Allen, könnten Sie mir bitte etwas Geld leihen, ich will mir schnell noch etwas besorgen, möchte jedoch Vater nicht stören, er ist so beschäftigt.«

Mrs Allen zögerte nicht einen Moment. »Selbstverständlich, Mylady. Wieviel brauchen Sie?«

Margaret hatte keine Ahnung, wieviel eine Fahrkarte nach London kostete, sie hatte noch nie selbst eine gekauft. Aufs Geratewohl antwortete sie: »Oh, ein Pfund müsste genügen.« Dabei dachte sie: Träume ich das nicht vielleicht nur?

Mrs Allen nahm zwei Zehnshillingscheine aus der Geldbörse. Sie hätte ihr wahrscheinlich sogar ihre gesamten Ersparnisse überlassen, wenn sie darum gebeten hätte.

Margaret nahm das Geld mit zitternder Hand. Das kann meine Fahrkarte in die Freiheit sein, dachte sie, und trotz ihrer Angst flackerte eine kleine Hoffnungsflamme freudig in ihrer Brust.

Mrs Allen, die annahm, dass sie der bevorstehenden Abreise wegen so erregt war, drückte ihr die Hand. »Es ist ein trauriger Tag, Lady Margaret«, sagte sie. »Ein trauriger Tag für uns alle.« Bedrückt schüttelte sie ihr grauhaariges Haupt und verschwand in den hinteren Teil des Hauses.

Margaret schaute wild um sich. Es war niemand zu sehen. Ihr Herz flatterte wie ein gefangener Vogel, und ihr Atem kam als flaches Keuchen. Sie wusste, dass sie den Mut verlieren würde, wenn sie zögerte. Sie wagte es nicht einmal mehr, sich einen Mantel zu holen. Mit den Geldscheinen in der Hand verließ sie das Haus.

Der Bahnhof befand sich gute drei Kilometer entfernt in der nächsten Ortschaft. Bei jedem Schritt auf der Straße befürchtete Margaret, Vaters Rolls Royce hinter sich brummen zu hören. Aber woher sollte er wissen, was sie getan hatte? Es war unwahrscheinlich, dass irgendjemand sie vor dem Abendessen vermisste, und selbst wenn, würden sie annehmen, dass sie noch etwas einkaufte, wie sie Mrs Allen gesagt hatte. Trotzdem zitterte sie vor Angst.

Sie hatte noch viel Zeit, als sie den Bahnhof erreicht und ihre Fahrkarte gekauft hatte – es war sogar mehr als genug Geld übrig geblieben –, so setzte sie sich in den Wartesaal für Damen und beobachtete die Zeiger der großen Wanduhr.

Der Zug hatte Verspätung.

Sechzehn Uhr fünfundfünfzig verging, dann siebzehn Uhr, siebzehn Uhr fünf. Inzwischen war Margarets Angst so gewachsen, dass sie nahe daran war, aufzugeben und nach Haus zurückzukehren, nur um die Anspannung nicht mehr ertragen zu müssen.

Um siebzehn Uhr vierzehn schließlich lief der Zug im Bahnhof ein, und Vater war noch immer nicht da. Margaret schlug das Herz bis zum Hals, als sie einstieg.

Sie schaute aus dem Fenster auf den Bahnbeamten, der am Eingang die Karten lochte, und erwartete, dass ihr Vater im letzten Augenblick noch dort erscheinen und sie aus dem Zug holen würde.

Endlich setzte sich der Zug in Bewegung.

Sie konnte es kaum glauben, aber ihre Flucht schien zu glücken.

Der Zug wurde schneller. Die erste zaghafte Begeisterung rührte sich. Wenige Sekunden später hatte der Zug den Bahnhof verlassen. Margaret sah zu, wie das Städtchen kleiner wurde, und ein Gefühl des Triumphs erfüllte sie. Sie hatte es geschafft – sie war entkommen!

Plötzlich spürte sie, wie ihre Knie nachzugeben drohten. Sie schaute sich nach einem Sitzplatz um und bemerkte erst jetzt, wie überfüllt der Zug war. Jeder Platz war besetzt, sogar in der ersten Klasse, und auf dem Boden saßen Soldaten. Sie musste sich mit einem Stehplatz zufrieden geben.

Ihre Euphorie ließ nicht nach, obwohl die Fahrt objektiv betrachtet ein Albtraum war. Jedesmal, wenn der Zug anhielt, drängten sich weitere Fahrgäste in die Wagen. Dicht vor Reading musste der Zug drei Stunden warten. Alle Glühbirnen waren wegen der Verdunkelung herausgeschraubt worden, sodass nach Einbruch der Dunkelheit völlige Finsternis im Zug herrschte, die nur hin und wieder von der Taschenlampe eines Schaffners durchbrochen wurde, der seinen Kontrollgang machte und über die Fahrgäste steigen musste, die auf dem Boden saßen oder lagen. Als Margaret nicht mehr stehen konnte, setzte auch sie sich auf den Boden. Das spielt jetzt auch keine Rolle mehr, sagte sie sich. Ihr Kleid würde zwar entsetzlich schmutzig werden, aber morgen würde sie ohnehin schon Uniform tragen. Alles war anders: Es herrschte Krieg.

Margaret fragte sich, ob Vater inzwischen bereits von ihrer Flucht wusste, die richtigen Schlüsse gezogen hatte und sofort nach London gebraust war, um sie am Bahnhof Paddington abzufangen. Es war unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich, jedenfalls hämmerte ihr Herz, als der Zug in London einfuhr.

Doch als sie schließlich ausstieg, war Vater nirgendwo zu sehen, und wieder erfüllte sie ein wildes Triumphgefühl. Er war eben doch nicht allwissend! Im Bahnhof war es düster wie in einer Höhle, trotzdem gelang es ihr, ein Taxi zu finden. Es fuhr sie nur mit Standlicht nach Bayswater. Der Fahrer benutzte eine Taschenlampe, um sie zu dem Gebäude zu bringen, in dem ihre Kusine Catherine eine Wohnung hatte.

Alle Fenster des Hauses waren verdunkelt, doch die Eingangshalle war hell beleuchtet. Der Portier hatte seinen Dienst längst beendet – inzwischen war es fast Mitternacht –, doch Margaret fand auch ohne seine Hilfe zu Catherines Wohnung. Sie stieg die Treppe hinauf und läutete.

Nichts rührte sich in der Wohnung.

Sie erschrak.

Wieder läutete sie, obwohl sie wusste, dass es sinnlos war: Die Wohnung war klein und die Glocke laut. Catherine war nicht da!

Es war eigentlich nicht verwunderlich, sie hätte damit rechnen müssen: Catherine lebte bei ihren Eltern in Kent und benutzte die Wohnung lediglich als zeitweilige Unterkunft. Mit Londons Gesellschaftsleben war es im Moment natürlich vorbei, und so hatte es für Catherine auch keinen Grund gegeben, hier zu bleiben.

Margaret war nicht niedergeschmettert, aber enttäuscht. Sie hatte sich schon darauf gefreut, Catherine bei einer Tasse heißer Schokolade alles über ihr großes Abenteuer zu erzählen. Das würde nun warten müssen. Sie überlegte, was sie jetzt tun könnte. Sie hatte mehrere Verwandte in London, aber die meisten von ihnen würden wohl gleich Vater anrufen. Catherine wäre eine großartige Verschwörerin gewesen, den anderen Verwandten dagegen konnte sie nicht trauen.

Da erinnerte sie sich, dass Tante Martha glücklicherweise gar kein Telefon hatte.

Eigentlich war sie eine Großtante, eine mürrische, richtige alte Jungfer von etwa siebzig Jahren. Sie wohnte einen guten Kilometer von hier entfernt und würde sicherlich ungehalten sein, mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen zu werden, aber das ließ sich jetzt nicht ändern. Wichtig war, dass sie keine Möglichkeit hatte, Vater darüber zu informieren, wo Margaret sich aufhielt.

Margaret stieg die Treppe wieder hinunter und trat hinaus auf die Straße – in totale Finsternis.

Die Dunkelheit war furchteinflößend. Margaret blieb vor der Haustür stehen und starrte mit weit aufgerissenen Augen um sich, konnte jedoch absolut nichts erkennen. Ein Gefühl der Übelkeit stieg in ihr auf, und ihr wurde leicht schwindelig.

Sie schloss die Augen und versuchte sich die vertraute Straßenszene vorzustellen. Hinter ihr befand sich Ovington House mit Catherines Wohnung; normalerweise fiel Licht aus verschiedenen Fenstern, und über dem Eingang brannte eine helle Lampe. An der Ecke zu ihrer Linken war die kleine Kirche der Marinehelferinnen, deren Portikus die ganze Nacht hindurch von Flutlicht angestrahlt wurde. Entlang dem Bürgersteig standen Straßenlaternen in regelmäßigen Abständen, und jede warf einen kleinen Lichtkreis; und normalerweise gab es natürlich auch noch die Scheinwerfer von Omnibussen, Taxis und Autos.

Margaret öffnete die Augen wieder – alles blieb dunkel.

Es war entmutigend. Einen Moment lang bildete sie sich ein, dass es ringsum überhaupt nichts gäbe: keine Straße, keine Stadt – sie befand sich im Nichts und fiel durch beängstigende Leere. Sie schwankte wie eine Seekranke. Dann nahm sie sich zusammen und versuchte, sich den Weg zu Tante Marthas Haus in Erinnerung zu rufen.

Ich muss mich von hier aus ostwärts halten, überlegte sie, und an der zweiten Abzweigung nach links abbiegen. Tante Marthas Haus liegt am Ende dieses Blocks. Das dürfte selbst in dieser Dunkelheit leicht zu finden sein.

Sie sehnte sich nach irgendetwas, das diese schreckliche Dunkelheit unterbrach: ein beleuchtetes Taxi, den Vollmond oder einen hilfreichen Schutzmann. Einen Augenblick später erfüllte sich ihr Wunsch: Ein Wagen kroch herbei, dessen Standlicht sie in dieser Finsternis an die Augen einer Katze erinnerte, und plötzlich konnte sie den Bürgersteig bis zur Straßenecke sehen.

Sie marschierte los.

Der Wagen fuhr vorüber, seine roten Rücklichter verloren sich in der Dunkelheit. Margaret glaubte sich noch drei oder vier Schritte von der Ecke entfernt, als sie den Bordstein hinunterstolperte. Sie überquerte die Straße und fand den gegenüberliegenden Bürgersteig, ohne dort über den Randstein zu fallen. Das ermutigte sie, und sie ging mit mehr Selbstvertrauen weiter.

Plötzlich schlug ihr etwas Hartes mit voller Wucht ins Gesicht.

Sie schrie vor Schmerz und plötzlicher Angst auf. Einen Augenblick erlag sie blinder Panik und wollte umkehren und weglaufen. Mit aller Willenskraft beruhigte sie sich. Sie rieb die brennende Wange. Was in aller Welt war passiert? Wogegen konnte sie mitten auf dem Bürgersteig geprallt sein? Sie streckte beide Arme aus, berührte etwas und riss die Hände erschrocken zurück. Dann biss sie die Zähne zusammen und versuchte es noch einmal. Sie ertastete etwas Kaltes, Hartes, Rundes – wie eine übergroße Kuchenform, die mitten in der Luft schwebte. Ihre Hände glitten weiter und erfühlten eine runde Säule mit einer rechteckigen Öffnung. Als ihr bewusst wurde, was es war, lachte sie unwillkürlich trotz ihres schmerzenden Gesichts – ein Briefkasten hatte sie angegriffen!

Sie tastete sich um ihn herum und tappte mit ausgestreckten Armen weiter.

Nach einer Weile stolperte sie erneut über einen Bordstein. Nachdem sie wieder ins Gleichgewicht gekommen war, atmete sie erleichtert auf. Sie hatte Tante Marthas Straße erreicht. Nun bog sie nach links ab.

Da erst kam ihr der Gedanke, dass Tante Martha die Klingel möglicherweise gar nicht hören würde. Sie lebte allein, es gab also niemanden sonst, der die Tür öffnen würde. Wenn Tante Martha sie tatsächlich nicht hörte, würde Margaret zu Catherines Gebäude zurückkehren und im Hausflur schlafen müssen. Es würde ihr nicht allzu viel ausmachen, auf dem Boden zu liegen, aber ihr graute davor, noch einmal durch die Finsternis tappen zu müssen. Vielleicht kauerte sie sich auch nur auf Tante Marthas Eingangsstufe zusammen und wartete den Tagesanbruch ab.

Tante Marthas Häuschen befand sich am Ende eines langen Blocks. Schritt für Schritt bewegte Margaret sich vorsichtig weiter. Die Stadt war zwar dunkel, doch nicht still. Dann und wann war ein Wagen in der Ferne zu hören; Hunde bellten hinter Türen, an denen sie vorüberkam; Katzen sangen ihre misstönende Liebeswerbung, ohne sie zu beachten; einmal hörte sie die beschwingten Klänge einer Party; und ein Stück weiter hatte ein Paar eine laute Auseinandersetzung hinter einem verdunkelten Fenster. Margaret sehnte sich danach, in einem hellen Zimmer mit einer Tasse Tee vor dem Kamin zu sitzen.

Der Häuserblock kam ihr länger vor als in der Erinnerung. Aber sie konnte sich doch nicht verlaufen haben: Sie war an der zweiten Kreuzung nach links abgebogen. Trotzdem wuchs die Angst, dass sie sich verirrt hatte. Sie verlor das Zeitgefühl. Wie lange ging sie diesen Block schon entlang? Fünf Minuten? Zwanzig Minuten? Zwei Stunden oder bereits die ganze Nacht? Plötzlich war sie sich nicht einmal mehr sicher, ob sich überhaupt Häuser in der Nähe befanden. Sie konnte ebenso gut mitten im Hyde Park sein. Das gruselige Gefühl beschlich sie, dass ringsumher Monster lauerten, die nur auf ihr Stolpern warteten, um über sie herzufallen. Ein Schrei stieg in ihrer Kehle auf, sie vermochte ihn nur mühsam zurückzudrängen.

Sie zwang sich, zu überlegen. Wo könnte sie falsch abgebogen sein? Sie wusste, dass es eine Kreuzung gewesen war, wo sie über den Randstein gestolpert war. Aber wie sie sich jetzt erinnerte, gab es außer den sich kreuzenden größeren Straßen auch Gassen, die die Straße durchzogen. Vielleicht war sie in eine davon eingebogen. Und inzwischen stapfte sie vielleicht bereits einen Kilometer oder mehr in die verkehrte Richtung.

Vergeblich versuchte sie sich an das herrliche Gefühl von Aufregung und Triumph zu erinnern, das sie im Zug so berauscht hatte. Im Moment fürchtete sie sich nur, so ganz allein im Dunkeln.

Sie blieb eine Weile stehen, bis sie jedes Zeitgefühl verloren hatte. Sie hatte Angst, sich überhaupt von der Stelle zu bewegen. Furcht lähmte sie. Sie würde hier einfach stehen bleiben, bis sie vor Erschöpfung in Ohnmacht fiel oder bis es hell wurde.

Da näherte sich ein Wagen.

Sein trübes Standlicht vermittelte nicht viel Helligkeit, aber im Vergleich zu der Finsternis zuvor erschien es ihr wie Tageslicht. Sie stellte fest, dass sie tatsächlich mitten auf der Straße stand, und hastete auf den Bürgersteig, um nicht angefahren zu werden. Sie befand sich auf einem Platz, der ihr vertraut vorkam. Der Wagen fuhr an ihr vorbei und bog um eine Ecke. Sie eilte ihm nach in der Hoffnung, irgendetwas Bekanntes zu sehen, an dem sie sich orientieren konnte. Als sie die Ecke erreichte, hatte der Wagen fast das Ende einer kurzen, schmalen Geschäftsstraße erreicht, in der sie einen Laden erkannte: die Modistin, bei der Mutter Kundin war. Margaret wurde bewusst, dass sie sich nur noch wenige Meter von Marble Arch entfernt befand.

Vor Erleichterung hätte sie fast geheult.

An der nächsten Ecke wartete sie wieder auf ein Auto, das ihr den Weg beleuchten würde, dann bog sie nach Mayfair ein.

Wenige Minuten später stand sie vor dem Hotel Claridge. Natürlich war es ebenfalls verdunkelt, aber sie fand den Eingang und überlegte, ob sie hineingehen sollte.

Wahrscheinlich hatte sie nicht genügend Geld für ein Zimmer dabei, aber sie erinnerte sich, dass man die Rechnung erst bezahlte, wenn man das Hotel verließ. Sie könnte ein Zimmer für zwei Nächte nehmen, am Morgen weggehen, als würde sie wieder zurückkommen, sich gleich beim A. T. S. aufnehmen lassen, dann das Hotel anrufen und bitten, die Rechnung an Vaters Anwalt zu senden.

Sie holte tief Atem und schob die Tür auf.

Wie die meisten öffentlichen Gebäude, die nachts geöffnet waren, hatte das Hotel eine zweite Tür anbringen lassen, wie bei einer Luftschleuse, damit man eintreten konnte, ohne dass das Licht nach draußen fiel. Margaret wartete, bis sich die äußere Tür hinter ihr geschlossen hatte, dann drückte sie die zweite auf und trat dankbar in das erleuchtete Foyer. Eine ungeheure Erleichterung erfüllte sie. Hier herrschte Normalität, der Albtraum war zu Ende.

Ein junger Nachtportier döste hinter dem Empfang. Margaret hüstelte, woraufhin er zusammenzuckte und benommen aufblickte. »Ich brauche ein Zimmer«, sagte Margaret.

»Mitten in der Nacht?«

»Ich habe mich wegen der Verdunkelung verlaufen«, erklärte sie, »jetzt komme ich nicht mehr nach Hause.«

Der Portier begann aufzuhorchen. »Kein Gepäck?«

»Nein«, entgegnete Margaret schuldbewusst; da kam ihr ein Gedanke, und sie fügte hinzu: »Natürlich nicht – ich hatte schließlich nicht vor, mich zu verlaufen!«

Er musterte sie mit merkwürdigem Blick. Er würde sie doch wohl nicht abweisen? Schließlich schluckte er, rieb sich das Gesicht und tat, als schaute er in dem Buch vor sich nach. Was war los mit diesem Kerl? Er überlegte kurz, dann klappte er das Buch zu und behauptete: »Es ist kein Zimmer mehr frei.«

»Ah, kommen Sie, Sie müssen doch noch irgendein ...«

Er unterbrach sie und meinte augenzwinkernd: »Sie hatten wohl Streit mit Ihrem Alten?«

Margaret glaubte sich in einem Albtraum. »Ich kann heute Nacht nicht mehr nach Hause«, wiederholte sie eindringlich, da der Bursche sie anscheinend beim ersten Mal nicht verstanden hatte.

»Das ist nicht meine Schuld«, sagte er. Offenbar hielt er sich für geistreich, als er hinzufügte: »Beschweren Sie sich bei Hitler.«

Er war ziemlich jung. »Wo ist Ihr Vorgesetzter?«, fragte sie.

Jetzt wirkte er beleidigt. »Bis sechs Uhr bin ich hier verantwortlich!«

Margaret schaute sich um. »Dann werde ich wohl bis zum Morgen im Foyer sitzen müssen«, erklärte sie müde.

»Das geht nicht!«, rief der Portier erschrocken. »Ein junges Mädchen ohne Begleitung und ohne Gepäck nachts im Foyer? Das kann mich die Stellung kosten!«

»Ich bin kein junges Mädchen!«, sagte sie verärgert. »Ich bin Lady Margaret Oxenford.« In der Verzweiflung bediente sie sich ihres Titels, was sie sonst nur ungern tat.

Aber das nutzte ihr nichts. Der Portier grinste unverschämt. »Was Sie nicht sagen.«

Margaret wollte ihn schon anschreien, da fiel ihr Blick auf ihr Spiegelbild in der Glastür, und sie sah, dass sie ein blaues Auge hatte. Obendrein waren ihre Hände schmutzig, und ihr Kleid war zerrissen. Kein Wunder, sie war gegen einen Briefkasten geprallt und hatte im Zug auf dem Boden gesessen. Sie verstand jetzt, warum der Portier ihr kein Zimmer geben wollte. »Aber Sie können mich doch nicht in die Nacht hinausjagen!«, protestierte sie verzweifelt.

»Es bleibt mir wohl nichts anderes übrig«, entgegnete der junge Mann.

Margaret fragte sich, was er tun würde, wenn sie sich einfach hinsetzte und sich weigerte zu gehen. Sie fühlte sich hundemüde und schwach von der Nervenanspannung. Aber sie hatte so viel durchgemacht, dass sie keine Kraft mehr fand, sich zu widersetzen. Außerdem war es spät, und sie war allein mit diesem Kerl, da konnte man nie wissen, was er tun würde, wenn sie ihm einen Vorwand gab, Hand an sie zu legen.

Müde drehte sie ihm den Rücken zu und kehrte bitter enttäuscht in die Finsternis zurück.

Schon während sie vom Hotel wegstapfte, wünschte sie sich, sie hätte mehr Widerstandsgeist bewiesen. Wie kam es nur, dass sie nicht so energisch handeln wie denken konnte? Nun, da sie nachgegeben hatte, war sie zornig genug, es dem Portier zu zeigen. Fast hätte sie kehrtgemacht. Doch dann ging sie weiter: Es erschien ihr einfacher.

Sie wusste nicht, wohin. Catherines Haus würde sie bestimmt nicht mehr finden; Tante Marthas Haus hatte sie nicht gefunden; anderen Verwandten konnte sie nicht trauen, und sie war zu abgerissen, um ein Hotelzimmer zu bekommen.

Es blieb ihr deshalb nichts anderes übrig, als umherzuirren, bis es hell wurde. Glücklicherweise war das Wetter angenehm, es regnete nicht, und die Nachtluft war zwar kühl, aber erträglich. Wenn sie in Bewegung blieb, würde sie nicht frieren. Jetzt konnte sie wenigstens einigermaßen erkennen, wo sie war: Im West End herrschte etwas mehr Verkehr. Aus Nachtlokalen ertönte Musik und Stimmengewirr, und hin und wieder sah sie Leute ihrer Gesellschaftsschicht: Damen in eleganter Abendtoilette und Herren im Smoking mit weißer Fliege, die von einer Party kommend von ihrem Chauffeur bis direkt vor den Eingang ihres Hauses gefahren wurden. In einer Straße bemerkte sie drei aufgedonnerte Frauen, die seltsamerweise ohne Begleitung waren: Eine stand vor einer Tür, eine lehnte sich an eine Laterne, und eine saß in einem Wagen. Alle drei rauchten und warteten offensichtlich auf jemanden. Ob das wohl »gefallene Mädchen« waren, wie Mutter es immer nannte?

Margaret war ziemlich erschöpft. Immer noch trug sie die leichten Schuhe, die sie im Haus angehabt hatte, als sie weggelaufen war. Ohne zu überlegen, setzte sie sich auf eine Eingangsstufe und rieb die schmerzenden Füße.

Als sie aufblickte, stellte sie fest, dass sie die Umrisse der Häuser auf der anderen Straßenseite erkennen konnte. Wurde es endlich hell? Vielleicht konnte sie eine Imbissstube finden, die schon aufhatte. Sie würde sich Frühstück bestellen und dort warten, bis die Rekrutierungsstellen öffneten. Sie hatte seit zwei Tagen kaum etwas gegessen, und der Gedanke an Eier mit Speck machte ihr den Mund wässerig.

Plötzlich tauchte ein weißes Gesicht vor ihr auf. Erschrocken schrie sie auf. Das Gesicht kam näher, und sie sah einen jungen Mann im Abendanzug. »Hallo, Süße«, lallte er.

Hastig stand sie auf. Sie konnte Betrunkene nicht ausstehen, sie waren so – würdelos. »Bitte gehen Sie weg!« Sie bemühte sich, entschieden zu klingen, aber ihre Stimme zitterte.

Er torkelte näher heran. »Küss mich wenigstens.«

»Was bilden Sie sich ein!«, rief sie entrüstet. Sie wich einen Schritt zurück, stolperte und ließ die Schuhe fallen. Ohne Schuhe fühlte sie sich hilflos und verwundbar. Sie drehte sich um und bückte sich, um nach ihnen zu tasten. Er lachte lüstern, und zu ihrem Entsetzen spürte sie plötzlich seine Hand mit schmerzhafter Plumpheit zwischen ihren Schenkeln. Sofort richtete sie sich ohne ihre Schuhe auf und machte hastig einen Schritt zur Seite. Dann drehte sie sich zu ihm um und schrie: »Lassen Sie mich in Ruhe!«

Er lachte. »So ist’s recht, mach nur so weiter, ich hab’s gern ein bisschen kratzbürstig.« Mit überraschender Wendigkeit fasste er sie bei den Schultern und zog sie an sich. Sein Alkoholatem war wie eine betäubende Nebelschwade, und plötzlich küsste er ihren Mund.

Es war unbeschreiblich ekelhaft, und ihr wurde regelrecht übel, aber er drückte sie so heftig an sich, dass sie kaum atmen, geschweige denn protestieren konnte. Sie wand sich verzweifelt, aber er hörte nicht auf, sie zu küssen. Dann nahm er eine Hand von ihrer Schulter und legte sie auf ihre Brust. So hart quetschte er sie, dass Margaret vor Schmerz keuchte. Doch da er ihre Schulter losgelassen hatte, konnte sie sich ein bisschen von ihm wegkrümmen. Sie schrie, so laut sie konnte.

Wie von weit her hörte sie ihn besorgt sagen: »Schon gut, schon gut, führ dich nicht so auf, ich habe es ja nicht bös gemeint.« Aber ihre Angst war zu groß, als dass sie vernünftig hätte denken können, und so schrie sie einfach weiter. Gesichter tauchten aus der Dunkelheit auf, ein Passant in Arbeitskleidung, ein Straßenmädchen mit Zigarette und Handtasche, ein Kopf erschien an einem Fenster des Hauses hinter ihnen. Der Betrunkene verschwand in die Nacht. Margaret hörte auf zu schreien und begann zu weinen. Dann hörte sie die eiligen Schritte schwerer Stiefel, sah das abgeblendete Licht einer Taschenlampe und den Helm eines Bobbys.

Der Polizist richtete seine Lampe auf Margarets Gesicht.

Das Straßenmädchen murmelte: »Sie ist keine von uns, Steve.«

Der mit Steve angesprochene Schutzmann fragte: »Wie heißen Sie, junge Frau?«

»Margaret Oxenford.«

Der Arbeiter mischte sich ein: »Ein Besoffener hat sie für ein Flittchen gehalten, so war’s.« Zufrieden stapfte er weiter.

»Etwa Lady Margaret Oxenford?«, fragte der Polizist.

Margaret schniefte und nickte.

Die Frau warf ein: »Ich hab dir doch gesagt, dass sie keine von uns ist.« Sie nahm einen tiefen Zug an ihrer Zigarette, ließ den Stummel fallen, zertrat ihn und verschwand.

»Kommen Sie mit mir, Mylady. Jetzt ist alles in Ordnung.«

Margaret wischte sich mit dem Ärmel übers Gesicht. Der Polizist bot ihr den Arm und leuchtete auf das Pflaster unmittelbar vor ihr, und sie setzten sich in Bewegung.

Nach einem Augenblick schüttelte Margaret sich. »Dieser schreckliche Mann«, murmelte sie.

Freundlich, aber nicht gerade mitfühlend, entgegnete der Schutzmann: »Man kann es ihm nicht wirklich ankreiden, immerhin ist dies die berüchtigtste Straße von ganz London. Wenn man zu dieser Stunde hier auf ein Mädchen ohne Begleitung stößt, muss man ja annehmen, dass es eine Straßendirne ist.«

Er hatte wahrscheinlich Recht, trotzdem fand Margaret seine Bemerkung unpassend.

Das gedämpfte Licht eines Polizeireviers schimmerte bläulich in der Morgendämmerung. »Wenn Sie erst eine schöne Tasse Tee trinken, fühlen Sie sich gleich besser«, meinte der Polizist.

Sie traten ein. Gegenüber der Tür befand sich ein Tisch, der gleichzeitig als Schranke diente, dahinter saßen zwei Uniformierte, einer untersetzt und mittleren Alters, der andere jung und schmächtig. An beiden Seitenwänden standen hölzerne Bänke. Auf einer wartete eine bleiche Frau mit Kopftuch und in Hausschuhen mit müder Geduld.

Margarets Retter bat sie, auf der gegenüberliegenden Bank Platz zu nehmen, dann trat er zu dem Wachhabenden hinter der Schranke. »Sergeant«, meldete er, »das ist Lady Margaret Oxenford. Sie wurde von einem Betrunkenen in der Bolting Lane belästigt.«

»Er nahm wohl an, dass sie auf Freiersuche war.«

Margaret staunte über die Vielfalt von Euphemismen für Prostitution. Offenbar scheute man allgemein davor zurück, sie beim Namen zu nennen, und umschrieb sie. Bisher hatte sie nur auf sehr vage Weise davon gehört und bis heute nicht wirklich geglaubt, dass sie tatsächlich ausgeübt wurde. Aber an den Absichten des jungen Mannes im Abendanzug war durchaus nichts vage gewesen.

Der Sergeant schaute interessiert zu ihr herüber, dann sagte er etwas so leise, dass sie es nicht hören konnte.

Jetzt fiel Margaret wieder ein, dass sie ihre Schuhe auf der Eingangsstufe hatte stehen lassen, und sie bemerkte, dass sie Löcher in den Strümpfen hatte. Sie machte sich Sorgen: In diesem Zustand konnte sie sich nicht in der Rekrutierungsstelle sehen lassen. Vielleicht sollte sie, sobald es hell war, in jene Straße zurückkehren und sich die Schuhe holen. Aber vielleicht standen sie gar nicht mehr dort. Außerdem müsste sie sich dringend waschen, und ein sauberes Kleid brauchte sie ebenfalls. Es wäre schrecklich, wenn sie, nach allem, was sie durchgemacht hatte, vom A. T. S. abgelehnt würde. Aber wo konnte sie sich frisch machen? Am Morgen wäre sie auch in Tante Marthas Haus nicht mehr sicher. Vater würde sie bestimmt dort suchen. Aber ihr schöner Plan durfte doch eines Paares Schuhe wegen nicht ins Wasser fallen!

Der Polizist kam mit einer dicken Steinguttasse voll Tee zurück. Er war schwach und zu stark gesüßt, aber Margaret nippte ihn dankbar. Der Tee weckte ihre Lebensgeister wieder. Sie würde es schon irgendwie schaffen. Sobald sie den Tee getrunken hatte, würde sie das Revier verlassen und sich in einem weniger vornehmen Viertel nach einem Laden umsehen, wo es billige Kleidung gab, sie hatte ja noch ein paar Shillinge. Sie würde sich ein Kleid, ein Paar Sandalen und Unterwäsche kaufen, zur nächsten öffentlichen Toilette gehen und sich dort waschen und umziehen. Dann war sie bereit für die Armee.

Während sie sich ihren Plan durch den Kopf gehen ließ, erklang Tumult vor der Tür, und gleich darauf stürmte eine Schar junger Männer herein. Sie waren gut gekleidet, einige in Abend –, andere in Straßenanzügen. Einen Augenblick später wurde Margaret klar, dass sie einen unfreiwilligen Begleiter mit sich zerrten. Einer der jungen Herren fing an, auf den Sergeanten hinter der Schranke einzubrüllen.

Der Wachhabende unterbrach ihn. »Schon gut, schon gut, beruhigen Sie sich!«, sagte er mit befehlsgewohnter Stimme. »Sie sind hier nicht auf einem Rugbyplatz, sondern auf einem Polizeirevier.« Der Tumult legte sich etwas, aber es war immer noch laut. »Wenn Sie sich nicht anständig aufführen, sperr ich Sie alle in die verdammten Arrestzellen!«, brüllte der Sergeant. »Und jetzt, verflucht noch mal, RUHE!«

Die Männer benahmen sich nun etwas gesitteter und ließen ihren Gefangenen los, der sich aufrichtete und mürrisch vor sich hinstarrte. Der Sergeant deutete auf einen der jungen Herren, einen dunkelhaarigen Burschen von etwa Margarets Alter. »Also gut – Sie! Worum geht es?«

Der junge Mann deutete auf den Mitgeschleiften und sagte empört: »Dieser Kerl hat meine Schwester in ein Restaurant eingeladen und sich dann aus dem Staub gemacht, ohne zu bezahlen!« Er sprach mit dem Akzent der Oberschicht. Sein Gesicht kam Margaret irgendwie bekannt vor. Sie hoffte, er würde sie nicht erkennen; es wäre zu demütigend, wenn es sich herumspräche, dass ihr die Polizei zu Hilfe hatte kommen müssen, nachdem sie von zu Hause fortgelaufen war.

Ein jüngerer Herr in gestreiftem Anzug fügte hinzu: »Er heißt Harry Marks und gehört eingesperrt!«

Margaret betrachtete Harry Marks interessiert. Er war ein auffallend gut aussehender Mann von zwei- oder dreiundzwanzig Jahren mit blondem Haar und ebenmäßigen Zügen. Obwohl er etwas mitgenommen wirkte, trug er seine doppelreihige Smokingjacke mit lässiger Eleganz. Er sah sich abfällig um und sagte: »Diese Burschen sind betrunken.«

Der Jüngling im gestreiften Anzug platzte heraus: »Vielleicht sind wir betrunken, aber er ist ein Schuft – und ein Dieb. Sehen Sie, was wir in seiner Tasche gefunden haben!« Er warf etwas auf den Tisch. »Diese Manschettenknöpfe wurden etwas früher am Abend Sir Simon Monkford gestohlen.«

»Also gut«, meinte der Sergeant. »Sie beschuldigen diesen Mann demnach, sich einen materiellen Vorteil durch Täuschung verschafft zu haben – damit ist die nicht bezahlte Restaurantrechnung gemeint – und des Diebstahls. Sonst noch etwas?«

Der Jüngling im gestreiften Anzug lachte höhnisch und sagte: »Genügt Ihnen das nicht?«

Der Wachhabende deutete mit seinem Bleistift auf den Burschen. »Vergessen Sie nicht, wo Sie sind, Jungchen. Sie befinden sich hier auf einem Polizeirevier! Auch wenn Sie reiche Eltern haben, gibt Ihnen das kein Recht zu Unverschämtheiten, außer Sie legen es darauf an, sich den Rest der Nacht eine Zelle von innen anzusehen.«

Der Jüngling machte ein betroffenes Gesicht und schwieg.

Der Sergeant wandte sich dem anderen Ankläger zu. »Können Sie mir nähere Einzelheiten angeben? Ich brauche den Namen und die Adresse des Restaurants, Name und Adresse Ihrer Schwester sowie Name und Adresse des rechtmäßigen Besitzers dieser Manschettenknöpfe.«

»Das kann ich Ihnen alles sagen. Das Restaurant ...«

»Gut. Sie bleiben hier!« Er deutete auf den Beschuldigten. »Sie setzen sich!« Er machte eine Geste, die alle anderen jungen Herren einschloss. »Sie können heimgehen.«

Das brachte ihm verdutzte Blicke ein. Mit einem solchen Ende ihres großen Abenteuers hatten sie nicht gerechnet. Einen Moment lang rührte sich keiner.

»Los, los! Weg mit euch. Wird’s bald?«, meinte der Sergeant.

So viel Gefluche wie an diesem einen Tag hatte Margaret noch nie zuvor gehört.

Die jungen Herren setzten sich brummelnd in Bewegung. Der Jüngling im gestreiften Anzug sagte: »Da führt man einen Dieb der Gerechtigkeit zu und wird behandelt, als wäre man selbst ein Verbrecher!« Aber er war halb aus der Tür, als er den Satz beendete.

Der Sergeant befragte den dunkelhaarigen jungen Mann und machte sich Notizen. Harry Marks blieb noch einen Augenblick neben ihm stehen, dann drehte er sich ungeduldig um. Er entdeckte Margaret, schenkte ihr ein sonniges Lächeln und setzte sich neben sie. »Alles in Ordnung, Mädchen? Was machst du hier zu dieser nachtschlafenden Zeit?«

Margaret blinzelte verwirrt. Er war wie ausgewechselt. Seine hochmütige Art und der vornehme Ton waren verschwunden, und er sprach jetzt in der gleichen Mundart wie der Sergeant. Einen Moment lang war sie zu verblüfft, um zu antworten.

Harry warf einen abschätzenden Blick auf den Ausgang, als überlege er, ob ihm eine Flucht gelingen könnte, dann blickte er zum Tisch zurück und sah, dass der jüngere Polizist ihn nicht aus den Augen ließ. Offenbar gab er den Gedanken zu fliehen auf und wandte sich wieder Margaret zu. »Wer hat dir dieses Veilchen verpasst? Dein Alter?«

Margaret fand die Stimme wieder und sagte: »Ich habe mich in der Dunkelheit verirrt und bin gegen einen Briefkasten geprallt.«

Jetzt war er verblüfft. Er hatte sie für ein Mädchen der Arbeiterklasse gehalten. Nun, da er ihren Akzent hörte, erkannte er seinen Irrtum. Ohne mit der Wimper zu zucken, wechselte er zu seiner vorherigen Rolle zurück. »Ich muss schon sagen, ein schlimmes Missgeschick.«

Margaret war fasziniert. Welches war sein wirkliches Ich? Er roch nach Kölnischwasser. Sein Haar war zwar eine Spur zu lang, hatte jedoch einen guten Schnitt. Er trug einen nachtblauen Abendanzug, dazu Seidensocken und Lackschuhe. Sein Schmuck war gediegen: brillantenbesetzte Krawattennadel, dazu passende Manschettenknöpfe, eine goldene Uhr mit schwarzem Krokodillederarmband und am kleinen Finger seiner Linken ein schwerer Siegelring. Seine Hände waren groß und kräftig, die Fingernägel makellos sauber.

Leise fragte sie ihn: »Haben Sie das Restaurant wirklich verlassen, ohne zu bezahlen?«

Er blickte sie nachdenklich an, ehe er mit verschwörerischer Miene nickte.

»Aber warum?«

»Wenn ich Rebecca Maugham-Flint noch eine Minute länger hätte zuhören müssen, wie sie von ihren verflixten Pferden sprach, hätte ich mich wahrscheinlich nicht mehr beherrschen können und sie erwürgt.«

Margaret kicherte. Sie kannte Rebecca Maugham-Flint. Sie war ein kräftiges, nicht gerade mit Schönheit gesegnetes Mädchen, die Tochter eines Generals – mit dem energischen Wesen und der lauten Kommandostimme ihres Vaters. »Das kann ich mir vorstellen«, entgegnete sie. Sie konnte sich kaum eine unpassendere Dinnerbegleiterin für den anziehenden Mr Marks vorstellen.

Steve, der Polizist, kam zurück und nahm Margarets leere Tasse. »Fühlen Sie sich jetzt besser, Lady Margaret?«

Aus den Augenwinkeln sah sie Harry Marks’ Reaktion auf ihren Titel. »Viel besser, danke. Sie waren sehr freundlich.« Einen Moment lang hatte sie im Gespräch mit Harry ihre eigenen Schwierigkeiten vergessen, nun erinnerte sie sich an alles, was sie noch vorhatte. »Dann werde ich Sie jetzt verlassen, damit Sie sich wieder Wichtigerem zuwenden können.«

»Lassen Sie sich Zeit«, entgegnete der Schutzmann. »Ihr Vater ist bereits unterwegs, um Sie abzuholen.«

Margarets Herzschlag stockte. Wie konnte das sein? Sie war so überzeugt, dass sie sich in Sicherheit befand – sie hatte ihren Vater unterschätzt! Jetzt quälte sie wieder die gleiche Angst wie auf dem Weg zum Bahnhof. Er war auf dem Weg hierher, jetzt, in dieser Minute! Sie zitterte. »Woher weiß er, wo ich bin?«, fragte sie mit hoher, angespannter Stimme.

Der junge Polizist blickte sie voll Stolz an. »Ihre Beschreibung wurde gestern Nacht durchgegeben, und ich las sie bei Dienstbeginn. Ich habe Sie in der Dunkelheit natürlich nicht erkannt, aber mich an Ihren Namen erinnert. Die Anweisung lautete, Seine Lordschaft sofort zu benachrichtigen. Sobald ich Sie hierher gebracht hatte, rief ich ihn an.«

Margaret stand auf, ihr Herz hämmerte. »Ich werde nicht auf ihn warten«, erklärte sie. »Es ist inzwischen hell.«

Der Polizist wirkte besorgt. »Einen Augenblick«, meinte er nervös. Er wandte sich dem Wachhabenden zu. »Sergeant, die Lady möchte nicht auf ihren Vater warten.«

Harry Marks zwinkerte Margaret zu: »Keiner kann Sie zwingen, hier zu warten – von zu Hause fortzulaufen ist in Ihrem Alter kein Verbrechen. Wenn Sie wollen, brauchen Sie bloß hinauszuspazieren.«

Margaret hatte entsetzliche Angst, dass man versuchen würde, sie hier festzuhalten.

Der Sergeant stand auf und kam um die Schranke herum. »Er hat Recht«, sagte er, »Sie können jederzeit gehen.«

»Oh, danke«, seufzte Margaret erleichtert.

Der Sergeant lächelte. »Aber Sie haben keine Schuhe und Löcher in den Strümpfen. Wenn Sie unbedingt wegmüssen, ehe Ihr Vater kommt, sollten Sie ein Taxi nehmen. Wir rufen eines für Sie.«

Sie überlegte kurz. Der Polizist hatte Vater gleich angerufen, als sie hier im Revier angekommen waren, doch das war noch keine Stunde her. Vater konnte frühestens in einer Stunde hier sein. »Gut«, sagte sie zu dem freundlichen Sergeanten. »Danke.«

Er öffnete die Tür zum Gang. »Sie haben es hier bequemer, während Sie auf das Taxi warten.« Er schaltete das Licht ein.

Margaret wäre lieber auf der Bank sitzen geblieben und hätte sich mit dem faszinierenden Harry Marks unterhalten, aber sie wollte den Sergeanten nicht mit einer Ablehnung kränken, schon gar nicht, nachdem er ihrem Wunsch nachgegeben hatte. »Danke«, sagte sie erneut.

Während sie zur Tür ging, hörte sie Harry sagen: »Das sollten Sie lieber nicht tun!«

Sie trat in das kleine Zimmer. Es war mit ein paar billigen Stühlen und einer Bank ausgestattet, eine Glühbirne ohne Schirm hing von der Decke, und das Fenster war vergittert. Sie verstand nicht, wieso der Sergeant diesen Raum für bequemer halten konnte. Sie drehte sich um, um es ihm zu sagen.

Die Tür schloss sich vor ihrer Nase. Eine schreckliche Ahnung befiel sie. Sie sprang zur Tür und griff nach der Klinke. In diesem Moment wurde ihre Befürchtung bestätigt, und sie hörte, wie der Schlüssel sich im Schloss drehte. Sie rüttelte heftig an der Klinke. Die Tür öffnete sich nicht.

Von draußen hörte sie ein leises Lachen, dann Harrys Stimme gedämpft, aber verständlich: »Sie Dreckskerl!«

Die Stimme des Sergeanten klang nun alles andere als freundlich. »Maul halten!«, knurrte er.

»Sie haben kein Recht dazu, das wissen Sie ganz genau!«

»Ihr Vater ist ein verdammter Lord, und das gibt mir das Recht.«

Mehr wurde nicht gesagt.

Verbittert erkannte Margaret, dass sie verloren hatte. Ihre so vielversprechende Flucht war gescheitert. Ausgerechnet die Leute hatten sie verraten, von denen sie dachte, sie würden ihr helfen. Eine Zeit lang war sie frei gewesen, damit war nun Schluss. Sie würde sich heute nicht zum A. T. S. melden können, dachte sie niedergeschlagen; stattdessen würde sie an Bord eines Pan-Am-Clippers gehen und nach New York fliegen, vor dem Krieg davonlaufen. Trotz allem, was sie durchgemacht hatte, änderte sich nichts an ihrem Schicksal. Es war alles so furchtbar ungerecht.

Sie drehte sich um und ging mit hängenden Schultern die paar Schritte zum Fenster. Durch das Gitter konnte sie einen leeren Hof sehen und eine Ziegelmauer. Niedergeschlagen und hilflos blickte sie ins heller werdende Tageslicht und wartete auf ihren Vater.

Eddie Deakin checkte den Pan-American-Clipper ein letztes Mal durch. Die vier Wright Cyclone 1500-PS-Motoren glänzten vor Öl. Jede Maschine war so groß wie ein Mann. Alle sechsundfünfzig Zündkerzen waren gegen neue ausgetauscht worden. Einer Eingebung folgend, holte Eddie eine Fühlerlehre aus seiner Overalltasche und schob sie in eine Motorbefestigung zwischen Gummi und Metall. Die Vibration während des langen Fluges beanspruchte das Material außerordentlich. Aber Eddies Fühlerlehre drang nicht einmal sechs Millimeter ein. Die Verbindungen hielten.

Er schloss die Klappe und stieg die Leiter hinunter. Während das Flugzeug vorsichtig ins Wasser gelassen wurde, schlüpfte er aus seinem Overall, machte sich frisch und zog seine schwarze Pan-American-Fluguniform an.

Die Sonne schien, als er den Hafen verließ und den Hügel hinauf zu dem Hotel schritt, in dem die Besatzung während des hiesigen Aufenthalts untergebracht war. Er war stolz auf das Flugzeug und seine Arbeit. Die Clipper-Crew war eine gesonderte Elitetruppe, die Besten der Fluggesellschaft, denn die neue Transatlantiklinie war die Renommierroute von Pan Am. Sein Leben lang würde er damit angeben können, dass er als einer der Ersten bei den Transatlantiklinienflügen dabei gewesen war.

Aber er beabsichtigte, seine Stellung bald zu wechseln. Er war jetzt dreißig, seit einem Jahr verheiratet, und Carol-Ann war schwanger. Für einen Alleinstehenden war an seinem Job nichts auszusetzen, aber er hatte nicht vor, sein Leben fern von Frau und Kindern zu verbringen. Er hatte gespart und schon fast genug beisammen, um sich selbstständig zu machen. Er hatte ein Grundstück in der Nähe von Bangor in Maine in Aussicht, das einen großartigen kleinen Flugplatz abgeben würde. Dort wollte er die Wartung von Flugzeugen übernehmen und Treibstoff verkaufen, und er hoffte, sich irgendwann auch eine eigene Maschine für Charterflüge leisten zu können. Sein heimlicher Traum war, einmal eine eigene Fluglinie aufbauen zu können, wie Juan Trippe, der Gründer von Pan American und Pionier in diesem Geschäft.

Er betrat die Grünanlage des Hotels Langdown Lawn. Die Pan Am Crews hatten Glück, dass es ein so schönes Hotel so verhältnismäßig nahe beim Imperial-Airways-Komplex gab. Es war ein typisch englisches Landhaus, von einem sehr netten und zuvorkommenden Ehepaar geführt, das an sonnigen Nachmittagen den Tee sogar draußen servierte. Eddie Deakin ging ins Haus und sah in der kleinen Empfangshalle als Erstes seinen zweiten Ingenieur, Desmond Finn, der für alle nur Mickey hieß. Mickey war ein fröhlicher, unbekümmerter Bursche mit strahlendem Grinsen und einem Hang zur Heldenverehrung, soweit es Eddie betraf, den diese Anbetung äußerst verlegen machte. Mickey telefonierte gerade, und als er Eddie jetzt sah, sagte er: »Oh, warten Sie! Sie haben Glück, er kommt gerade herein.« Er reichte Eddie den Hörer. »Ein Anruf für dich.« Diskret ließ er Eddie allein und stieg die Treppe hinauf.

»Hallo?«, sagte Eddie in die Sprechmuschel.

»Ist dort Edward Deakin?«

Eddie runzelte die Stirn. Die Stimme war ihm nicht bekannt, und niemand nannte ihn Edward. »Ja, ich bin Eddie Deakin. Wer sind Sie?«

»Warten Sie. Ich gebe Ihnen Ihre Frau.«

Eddie erschrak. Weshalb rief Carol-Ann aus den Staaten an? Irgendetwas musste passiert sein.

Einen Augenblick später hörte er ihre Stimme. »Eddie?«

»Hallo, Schatz, was ist los?«

Er hörte, wie sie in Tränen ausbrach.

Die grässlichsten Vorstellungen kamen ihm in den Sinn: Das Haus war abgebrannt; jemand war gestorben; sie hatte irgendeinen Unfall gehabt oder eine Fehlgeburt ...

»Carol-Ann, beruhige dich. Fehlt dir etwas?«

Zwischen Schluchzern sagte sie: »Mir – geht’s – gut ...«

»Was ist es denn?«, fragte er besorgt. »Was ist passiert? Versuch, es mir zu erklären, Baby.«

»Diese Männer – kamen ins Haus.«

Eine eisige Hand legte sich um Eddies Herz. »Welche Männer? Was haben sie getan?«

»Mich in einen Wagen geschleppt.«

»Großer Gott, wer sind sie?« Seine hilflose Wut war wie ein Druck auf die Brust, und er musste um Atem ringen. »Haben sie dir etwas getan?«

»Mir fehlt nichts – aber, Eddie, ich habe solche Angst.«

Er wusste nicht, was er sagen sollte. Zu viele Fragen drängten sich ihm auf. Irgendwelche Männer waren in ihr Haus gekommen und hatten Carol-Ann zu einem Wagen geschleppt! Was ging da vor? Schließlich fragte er nur: »Aber warum?«

»Sie sagen es mir nicht.«

»Was sagen sie denn?«

»Eddie, du musst tun, was sie verlangen. Mehr weiß ich nicht.«

Trotz seiner Angst spürte Eddie, wie ein Widerwillen in ihm aufstieg. Was sollte dieses Katz-und-Maus-Spiel? Doch er zögerte keine Sekunde. »Ich werde alles tun, aber was ...«

»Versprich es!«

»Ich verspreche es!«

»Gott sei Dank!«

»Wann ist es passiert?«

»Vor zwei Stunden.«

»Wo bist du jetzt?«

»In einem Haus, nicht weit von ...« Er hörte einen schrillen Schrei.

»Carol-Ann, was ist passiert? Bist du in Ordnung?«

Er erhielt keine Antwort. Wütend, verängstigt und hilflos umklammerte Eddie den Hörer, bis sich seine Fingerknöchel weiß unter der Haut abhoben.

Dann ertönte die Stimme des vorherigen Sprechers. »Hören Sie mir genau zu, Edward.«

»Sie hören mir zu, Scheißkerl!«, tobte Eddie. »Wenn Sie ihr auch nur ein Haar krümmen, bringe ich Sie um! Das schwöre ich bei Gott! Ich werde Sie aufspüren, und wenn ich den Rest meines Lebens dazu brauche, und wenn ich Sie gefunden habe, Sie Mistkerl, drehe ich Ihnen eigenhändig den Hals um! Haben Sie mich verstanden?«

Einen Moment herrschte Schweigen, als hätte der Mann am anderen Ende nicht mit einem solchen Wortschwall gerechnet. Schließlich sagte er: »Führen Sie sich nicht auf wie ein Wilder, so einen langen Arm haben selbst Sie nicht.« Er hörte sich ein wenig erschrocken an, aber er hatte Recht: Eddie konnte im Moment gar nichts tun. Der Mann fuhr fort: »Hören Sie jetzt mal gut zu!«

Nur mühsam hielt Eddie die Zunge im Zaum.

»Sie bekommen Ihre Anweisungen im Flugzeug, und zwar von einem gewissen Tom Luther.«

Im Flugzeug! Was hatte das zu bedeuten? War dieser Tom Luther ein Passagier? »Was wollen Sie von mir?«, fragte Eddie.

»Maul halten! Luther wird es Ihnen sagen. Und gehorchen Sie seinen Befehlen bis aufs i-Tüpfelchen, wenn Sie Ihre Frau wiedersehen wollen!«

»Wie soll ich wissen ...«

»Noch was. Verständigen Sie nicht die Polizei. Es würde Ihnen absolut nichts nützen. Aber wenn Sie es tun, fick ich Ihre Frau, bloß um Ihnen eins auszuwischen.«

»Sie Mistkerl, ich werde ...«

Der andere legte auf.

HARRY MARKS WAR ein Glückspilz.

Seine Mutter hatte ihm immer versichert, dass er ein Glückskind sei. Zwar war sein Vater im Krieg gefallen, aber zu seinem Glück hatte er eine starke und fähige Mutter, die ihn großzog. Sie putzte Büros für ihren Lebensunterhalt, und selbst während der Weltwirtschaftskrise war sie keinen Tag arbeitslos gewesen. Sie wohnten in einer Mietskaserne in Battersea, wo es nur auf den Fluren jedes Stockwerks Wasserhähne gab und die Aborte sich im Freien befanden, aber sie hatten nette Nachbarn, die einander in schwierigen Zeiten aushalfen. Und was auch passierte, Harry hatte stets Glück. Wenn der Lehrer in der Klasse Schläge verteilte, brach sein Rohrstock gewöhnlich, kurz bevor Harry an der Reihe gewesen wäre. Harry hätte vor ein Fuhrwerk fallen können, und die Räder wären an ihm vorbeigerollt, ohne ihm auch nur ein Haar zu krümmen.

Seine Vorliebe für Schmuck hatte ihn zum Dieb gemacht.

Als Halbwüchsiger war er gern durch die prächtigen Geschäftsstraßen des West Ends geschlendert und hatte die Schaufenster von Juwelierläden bestaunt. Er war hingerissen von den Brillanten und Edelsteinen, die auf dunklem Samt in hell beleuchteten Auslagen prangten. Er liebte sie um ihrer Schönheit willen, aber auch, weil sie Symbol einer Lebensart waren, über die er in Büchern gelesen hatte, ein Leben in großen Herrenhäusern mit Grünanlagen ringsum, wo hübsche Mädchen mit Namen wie Lady Penelope und Jessica Chumley den ganzen Nachmittag Tennis spielten und dann erschöpft ins Haus gingen, um Tee zu trinken.

Er hatte eine Lehrstelle bei einem Goldschmied bekommen, aber er war zu gelangweilt und unruhig gewesen und hatte sie nach sechs Monaten aufgegeben. Gerissene Bänder von Armbanduhren zusammenzuflicken und für übergewichtige Gattinnen Eheringe zu weiten entbehrte jeglichen Reizes für ihn. Aber er hatte in dieser Zeit gelernt, einen Rubin von einem Granat zu unterscheiden, eine Zuchtperle von einer natürlich gewachsenen und einen modernen Brillantschliff von einem aus dem neunzehnten Jahrhundert. Er hatte auch den Unterschied zwischen einer gefälligen Fassung und einer plumpen, einem eleganten Design und einem geschmacklos protzigen kennen gelernt. Und diese Fähigkeit, zu unterscheiden, hatte seine Schwäche für edlen Schmuck ebenso verstärkt wie sein Verlangen nach dem dazugehörenden Lebensstil.

Er fand schließlich eine Möglichkeit, beide Neigungen zu befriedigen, indem er sich Mädchen wie Rebecca Maugham-Flint zu Nutze machte.

Rebecca hatte er in Ascot kennen gelernt. Er lernte häufig reiche Mädchen bei Rennen kennen. Die Veranstaltung im Freien und die Menschenmenge ermöglichten es ihm, sich so zwischen zwei Gruppen von jungen Besuchern zu halten, dass jeder dachte, er gehöre zur anderen Gruppe. Rebecca war ein kräftiges Mädchen mit großer Nase. Ihr grässliches gerüschtes Jerseykleid und ihre Robin-Hood-Kopfbedeckung verrieten, dass sie sich nicht zu kleiden verstand. Keiner kümmerte sich um sie, und so war sie auf geradezu überschwängliche Weise dankbar, dass Harry mit ihr plauderte.

Er hatte die Bekanntschaft nicht sogleich vertieft, denn es war besser, nicht aufdringlich zu wirken. Aber als er ihr einen Monat später zufällig in einer Kunstgalerie begegnet war, hatte sie ihn wie einen alten Freund begrüßt und ihn ihrer Mutter vorgestellt.

Mädchen wie Rebecca besuchten natürlich Lokale und Lichtspieltheater mit jungen Männern nicht ohne Anstandsdame, so etwas kam nur für Verkäuferinnen und Fabrikarbeiterinnen in Frage. Aus diesem Grund erzählten sie ihren Eltern, dass sie mit einer ganzen Gruppe ausgingen; und damit es den richtigen Eindruck erweckte, begannen sie den Abend gewöhnlich auf einer Cocktailparty. Danach konnten sie sich diskret paarweise absetzen. Das passte Harry gut.

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