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Nacht für Nacht mit dir

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1. KAPITEL

Griffin Cain wusste, wie man eine Frau befriedigte.

Ja, das kann man nicht abstreiten, ging es Sydney Edwards erneut durch den Kopf. Sie dachte es sogar zum wiederholten Mal an diesem Tag. Was er mit ihrem Körper anstellte, war einfach unbeschreiblich – dekadent, unmoralisch, köstlich.

Und genau das beschrieb auch Griffin: dekadent, unmoralisch, köstlich.

Das genaue Gegenteil von ihr selbst. Seit vier Monaten führten sie nun eine heimliche Beziehung, und noch immer konnte Sydney kaum fassen, welche Wonnen er ihr bereitete. Was sie ihn mit sich machen ließ. Nein: worum sie ihn förmlich anbettelte.

Anbettelte! Sie, Sydney Edwards! Die konservative Sydney – Anstand, Würde und Verantwortung in Person – sie war Wachs in seinen Händen. Und eine dieser Hände zog gerade verführerische Kreise über ihre nackte Hüfte.

„Ich sollte gehen“, murmelte sie und versuchte, sich von ihm wegzurollen.

„Nein.“ Griffin zog sie wieder eng an sich. „Noch nicht.“

„Ich komme jetzt schon zu spät zur Arbeit.“ Sie wusste selbst, wie wenig überzeugend sie klang. Und jeder weitere Protest erstickte im Keim, als er seine Finger zwischen ihre Beine schob und immer weiter vordrang. Automatisch drückte sie den Rücken durch, um ihn tiefer in sich zu spüren.

„Dann muss die Arbeit eben warten“, flüsterte er und biss sie sanft in die Schulter.

Sie hatten bereits mehrfach Sex gehabt, aber wie immer waren sie unersättlich. Üblicherweise schlief Sydney nicht bei ihm. An einem normalen Tag wäre sie längst zu Hause, hätte geduscht und sich „ent-griffiniert“. Vor allem aber käme sie garantiert nicht zu spät zur Arbeit.

Doch Griffin war letzte Nacht von einem Überseetrip zurückgekommen, und auch davor war er häufig unterwegs gewesen. Kurzum, für ihren Geschmack hatte sie ihn in letzter Zeit viel zu selten gesehen.

Nicht, dass sie ihn bräuchte. Nicht, dass sie ihn vermisst hätte.

Es war nur … Sie sehnte sich nach seinen Berührungen, seinen Verführungskünsten. Aber das konnte man nun wirklich nicht mit Vermissen vergleichen!

Sydney wusste, dass ihre Beziehung zu Griffin merkwürdig war und in keinster Weise ihrem eigentlichen Charakter entsprach. Außerhalb des Bettes verbrachten sie nur wenig Zeit miteinander, doch die gemeinsamen Stunden im Bett waren lang und intensiv.

Fast fürchtete Sydney, von seinen Berührungen abhängig zu werden. Doch zum Glück war sie nicht der Typ Frau, der sich Abhängigkeiten erlaubte.

Und abgesehen davon war sie 27 Jahre alt, jung und gesund. Es wäre geradezu unnatürlich, wenn sie sich zu einem charmanten Playboy wie Griffin nicht hingezogen fühlen würde. Sie sorgte sich nicht im Geringsten, dass sie sich zu sehr auf ihn einlassen könnte. Er war ein Büroflirt, mehr nicht. Immerhin ging es hier um Griffin Cain, Erbe eines Drittels des Cain-Vermögens. Alles in allem ein sehr unwahrscheinlicher Partner für sie.

Also beunruhigte es sie auch ganz und gar nicht, dass sie sofort aufgestanden und zu ihm gefahren war, nachdem er ihr letzte Nacht eine SMS geschickt hatte, sobald er auf dem Houston Airport gelandet war. Und es war spät geworden.

Also war es nur logisch, dass sie ihre Regel, nicht bei ihm zu übernachten, gebrochen hatte. Wer wollte schon um drei Uhr morgens nach Hause fahren? Auch ihre mangelnde Besorgnis darüber, zu spät zur Arbeit zu kommen, fand sie nicht beunruhigend.

Trotzdem versuchte sie, ihn zu täuschen, auch wenn sie sich selbst nicht täuschen konnte. „Für dich mag es ja kein Problem sein, zu spät zu kommen. Du bist Griffin Cain. Deiner Familie gehört das Unternehmen, dir verzeiht man alles.“

„Und außerdem bin ich gerade erst aus Norwegen zurückgekommen.“

„Ich dachte, es war Schweden.“ Als ob das einen Unterschied machte. Er kam immer gerade von irgendeinem exotischen Ort zurück oder brach zu einem auf.

„Dein Boss kommt heute nicht mal ins Büro“, murmelte ­Griffin.

Er fand ihre empfindsamste Stelle und streichelte sie, bis Sydney aufseufzte und zitternd nach mehr verlangte.

Ihre innere Stimme der Vernunft legte einen vagen Protest ein. Sie sollte stärker sein. Sie sollte wenigstens einen letzten Rest Willensstärke beweisen, wenn es um Griffin ging. Aber sie war nicht stärker, und sie besaß nicht genug Willensstärke.

Außerdem würde ein Mal mehr jetzt auch nicht schaden.

Heiß spürte sie seine Erektion. Er war ihr so nah. Sie musste nur die Hüfte ein wenig bewegen, um ihn von hinten in sich eindringen zu lassen. Er würde sie schnell und hart nehmen. Ein paar Bewegungen, und sie würden beide bekommen, was sie brauchten.

Sie streckte ihm den Po entgegen, bereit, sich ihm hinzugeben, doch stattdessen rollte er sie auf den Rücken. Er hielt ihre Hände über dem Kopf fest und streichelte sie mit seiner anderen Hand, brachte sie zum Stöhnen.

„Mach deine Augen auf.“ Er sprach sanft, aber trotzdem war es ein Befehl.

Sie hielt die Augen weiter geschlossen, wünschte sich, er würde die Finger schneller bewegen, zustoßen, sie zum Höhepunkt ­bringen.

Aber er hielt still. Sie wusste, dass er sie immer weiter necken und reizen würde. Sie bewegte die Hüfte vor und zurück, stieß gegen seine Hand und seine Erektion. Sie bohrte die Fersen in die Matratze und hob ihre Hüfte, reckte sich ihm entgegen, als wolle sie ihn in sich zwingen.

„Mach die Augen auf.“ Er berührte sie, reizte sie und blieb doch außer Reichweite.

Sie biss die Zähne zusammen und öffnete die Augen. Sie wollte ihn wütend anfunkeln, weil er sie zu etwas zwang, aber das Verlangen machte sie schwach. Ihr Protest kam als befriedigtes Stöhnen heraus.

Griffin lehnte sich über sie, und sein sonst so entspanntes Lächeln wirkte wie eine Grimasse der Zurückhaltung. Er hatte sie gereizt und geneckt, aber es war auch für ihn ein Akt großer Selbstdisziplin gewesen. Er litt unter den gleichen Qualen wie sie. Sein grimmiger Ausdruck ließ Sydney schmunzeln.

Er fluchte leise und drang in sie ein. Sie erwiderte jeden Stoß und blickte ihm die ganze Zeit über direkt in die Augen. Erst als sie spürte, dass er seine Kontrolle aufgab und die Augen schloss, ließ auch sie sich gehen.

Nach einem berauschenden Höhepunkt fühlte Sydney sich rundum zufrieden, nicht nur körperlich, auch ihr Stolz war befriedigt. Sie mochte Griffin ja brauchen, aber er brauchte sie ebenso sehr, und diese Erkenntnis gab ihr eine Art inneren Frieden. Sie lächelte.

Als Griffin von ihr herunterrollte und sie an sich zog, widerstand sie dieses Mal nicht. Er hatte recht. Ihr Boss, Dalton Cain, würde heute nicht ins Büro kommen. Es stand nichts im Kalender, keine Besprechungen, die verschoben werden mussten, keine dringenden Termine. Niemand würde sie vermissen.

Auch wenn sie viel zu spät käme, auch wenn sie noch duschen und etwas essen musste, bevor sie ins Büro fuhr, erlaubte sie sich einzuschlafen. Sie war so erschöpft und zufrieden wie selten zuvor.

Griffin hätte erschöpft sein sollen, aber das war er nicht. Ebenso hätte er längst nicht mehr die Energie haben sollen, Sydney zu begehren, aber er war immer noch heiß auf sie.

Trotz Müdigkeit konnte er nicht schlafen. Er war noch auf norwegische Zeit eingestellt. Oder schwedische? In letzter Zeit war er so viel unterwegs gewesen, dass er kaum noch wusste, wo er sich gerade aufhielt.

Also tat er, was er immer tat, wenn er nicht schlafen konnte. Er schaltete den Fernseher ein und füllte sich eine Schale mit Müsli. Als die Marshmallows darin gerade weich wurden, klingelte es an der Tür. Wer um alles in der Welt kam um diese Uhrzeit vorbei?

Vor der Tür stand sein Bruder Dalton. Dalton, der sonst immer wie aus dem Ei gepellt aussah, trug ein leicht zerknittertes Hemd und Jeans. Jeans! Griffin hätte nicht mal mit Sicherheit sagen können, ob Dalton so etwas überhaupt besaß. Aber da stand er. Und der arme Kerl sah völlig fertig aus. Als hätten die letzten Tage ihm alle Kraft aus dem Leib geprügelt und die Reste irgendwo in einer dunklen Seitenstraße zurückgelassen.

„Hey, du bist ja früh auf“, grüßte Griffin ihn leicht verunsichert.

Daltons Blick glitt von den nackten Füßen seines Bruders zu der Pyjamahose, die er seit gerade mal fünf Minuten trug.

„Ich bin nicht früh auf“, sagte Dalton trocken. „Es ist fast Mittag.“

Fast Mittag. Mist, er hatte Sydney wirklich länger aufgehalten, als er sollte.

Beim Gedanken an Sydney schrak er zusammen. Sie war noch hier! Und Dalton war Sydneys Boss.

Dalton hatte keine Ahnung, dass sein Bruder und seine Assistentin eine heiße Affäre unterhielten. Zumindest ging Griffin fest davon aus, und er war sich auch relativ sicher, dass es Dalton nichts ausmachen würde, aber wer wusste das schon?

Mit gespielter Gelassenheit lehnte Griffin sich zurück und warf einen Blick auf die Uhr am Fernseher. „Gerade mal fünf nach elf“, protestierte er spöttisch. „Keineswegs mittags. Und ich bin erst letzte Nacht aus dem Nahen Osten zurückgekommen.“ Oder war es Norwegen gewesen? Schweden? Mist.

Er konnte nur darauf hoffen, das Dalton sich nicht besser erinnerte als er. Schweden – oder Norwegen – zu einem Treffen mit Bergen Petro und dann weiter in den Jemen zum nächsten Treffen. Jeweils nur für einen Tag. Und dann war er für ein langes Wochenende privat nach Ruanda gereist. Davon wusste bei Cain Enterprises niemand etwas, aber für ihn war das der wichtigste Teil der ganzen Reise gewesen.

Griffin arbeitete mit einer internationalen Hilfsorganisation namens Hope2O zusammen. In deren Auftrag war er in Ruanda gewesen, um dort an einem Projekt zur Wasserversorgung zu arbeiten.

Niemand in seiner Familie wusste von seinem Engagement für Hope2O, denn die Cains spendeten zwar für wohltätige Zwecke, fänden es aber weit unter ihrer Würde, wirklich mit den Menschen vor Ort zu arbeiten. Mitgefühl war gleichbedeutend mit Schwäche. Niemand in der Familie, auch Dalton nicht, sollte erfahren, dass Griffin ein mitfühlender Schwächling war.

Er ging zum Sofa zurück. „Willst du was essen?“

„Nein danke.“ Dalton schloss die Tür und folgte ihm.

„Kaffee?“

„Bitte.“

Griffin ging hinüber in seine Luxusküche, die er kaum nutzte und die seine Haushälterin stets mit dem Nötigsten bestückt hielt. Kaffee, Müsli, Milch, Aufschnitt und Brot. Er drückte ein paar Knöpfe an der stylishen Espressomaschine. Sie produzierte perfekten Kaffee, brauchte aber ewig lang für jede Tasse.

Er spähte hinüber ins Wohnzimmer. Dalton hockte auf dem Sofa, den Kopf in die Hände gestützt. Der Kerl sah völlig fertig aus – nie hätte Griffin gedacht, ihn eines Tages so zu erleben. Dalton hatte sein ganzes Leben lang nach der Pfeife ihres Vaters getanzt, und bis heute hätte Griffin schwören können, dass es ihm damit gut ging.

Ganz im Gegensatz zu Cooper, dem unehelichen Sohn ihres Vaters, der das genaue Gegenteil von Dalton war und sich nach Möglichkeit von der Familie fernhielt.

Griffin hatte sich nur ein einziges Mal Hollisters Willen gebeugt, und zwar als er den Job bei Cain Enterprises angenommen hatte. Cain Enterprises – ein Großkonzern, der mit einer Mischung aus Ölhandel, Grundstücksverkauf und Bankgeschäften sein Geld machte – war größtenteils in den USA tätig, also gab es im internationalen Marketing im Prinzip wenig zu tun.

Es war ein entspannter Job. Einer, den Hollister nur geschaffen hatte, um Griffin in das Unternehmen zu zwingen. Hollister hatte seine Söhne gern unter Kontrolle. Griffin wiederum gefielen das großzügige Gehalt und die Reisen, also hatte er die Stelle angenommen. Dalton als Erben des Unternehmens beneidete er nicht im Geringsten.

Die Rollen zwischen den drei Brüdern waren klar verteilt: Dalton der Unternehmensleiter, Cooper der Außenseiter der Familie und Griffin der Kerl, der auf ganz niedriger Ebene spielte, aber immerhin die Erwartungen erfüllte, die man an ihn stellte. Bis vor Kurzem hatten sich mit diesem Arrangement auch alle zufriedengegeben.

Vor knapp einer Woche hatte Hollister sie zusammengerufen. Er war todkrank, und wie es schien, war diese Neuigkeit gegen seinen Willen an die Öffentlichkeit gedrungen. Eine Geliebte, die er vor langer Zeit gegen sich aufgebracht haben musste, hatte ihm einen Brief geschickt, in dem sie ihn darüber informierte, dass er eine Tochter habe. Sie kündigte ihm an, dass er in dem Wissen sterben werde, diese Tochter nie kennengelernt zu haben.

Natürlich nahm Hollister das nicht einfach hin, und so hatte er seine Söhnen vor eine Herausforderung gestellt: Derjenige, der die unbekannte Tochter fände, wäre der Alleinerbe von Hollisters Reichtümern. Wenn keiner sie fände, würde Hollister sein gesamtes Vermögen und all seine Anteile an Cain Enterprises dem Staat vermachen.

Klar, Griffin war wahnsinnig wütend, dass sein Vater sie so manipulieren wollte, doch er machte sich keine großen Sorgen. Dalton schien hoch motiviert, diese Frau zu finden. Schließlich hatte er am meisten zu verlieren.

Falls Dalton so fertig aussah, weil er mit der Suche nach der verschollenen Erbin nicht vorankam, war das allerdings kein gutes Zeichen. Soweit Griffin wusste, hatte sein Bruder die ganze letzte Woche auf die Suche verwandt. Das war auch der Grund, warum er heute nicht ins Büro ging, wie er Sydney per SMS mitgeteilt hatte.

Oh Mist. Griffin wurde ganz heiß. Wie würde Sydney wohl darauf reagieren, dass ihr Boss hier aufgetaucht war? Seit vier Monaten war Griffin jetzt mit ihr zusammen, aber sie hatte immer darauf bestanden, die Beziehung geheim zu halten, insbesondere vor Dalton.

Nun saß er also hier und servierte Dalton Kaffee. Er stellte den Becher vor seinem Bruder auf den Tisch. „Also.“ Griffin schlug die Hände zusammen, um seine Nervosität zu verbergen. „Was führt meinen großen Bruder D mitten am Tag in meine bescheidene Hütte?“

Himmel. Großer Bruder D? Warum hatte er das gesagt? Es klang total idiotisch. Zum Glück schien es Dalton nicht weiter aufzufallen.

„Die eigentliche Frage ist doch, warum du mitten am Tag nicht im Büro bist.“ Dalton griff nach dem Kaffeebecher.

„Hey, Jetlag ist eine üble Sache.“ Griffin wurde klar, dass er keinen Grund hatte, nervös zu sein, solange Sydney im Schlafzimmer blieb. Schließlich würde Dalton da nicht einfach reinspazieren. Um dem Gedanken Nachdruck zu verleihen, lächelte Griffin breit und anzüglich.

Wie aufs Stichwort wurde die Dusche angestellt.

„Aha“, sagte Dalton und zog offenbar die richtige Schlussfolgerung.

Griffin warf einen Blick zur Schlafzimmertür. Das war der Moment der Wahrheit.

Sydney duschte immer kurz und effizient. Sie war bei allem effizient, außer beim Sex. Griffin dachte fieberhaft nach. Ihm blieben fünf Minuten. Vielleicht noch zwei zusätzlich, während sie sich anzog. Doch in spätestens sieben Minuten würde sie aus seinem Schlafzimmer spazieren, das Haar noch feucht, die Kleidung zerknittert, weil ihnen in der nächtlichen Leidenschaft keine Zeit geblieben war, die Sachen ordentlich wegzulegen.

Dann konnten zwei Dinge passieren. Entweder würde Dalton das Ganze völlig gelassen nehmen, und Sydney würde realisieren, dass ihre Affäre keine große Sache war. Oder sie würde aus­flippen.

Und das wäre das Ende ihrer Beziehung. Kein enthusiastisches Willkommen mehr, wenn er nach Hause zurückkam. Kein warmer Körper neben ihm im Bett. Kein überwältigender Sex. Er musste sich eingestehen, dass er nichts davon aufgeben wollte.

„Gib mir einen Moment, ja?“ Griffin lächelte seinem Bruder zu.

„Lass dir Zeit.“

Im Schlafzimmer zog er sich schnell an und griff nach seinem Schlüssel, bevor er ins Bad ging. Sydney hatte das warme Wasser voll aufgedreht, und Dampf drang aus den Glastüren der Dusche. Das gewellte Glas verzerrte ihre unglaublich heißen Kurven, die sie sonst unter sehr klassischer Kleidung verbarg. Sie stellte ihre gute Figur nicht zur Schau, aber sie fühlte sich auch nackt in ihrem Körper wohl. Griffin liebte es, ihr beim Duschen zuzusehen. Leider würde es dieses Mal nicht wieder im Bett enden.

Doch er konnte nicht widerstehen, sich an die Tür der Dusche zu lehnen und Sydneys sinnliche Bewegungen zu genießen, während sie sich den Conditioner aus den langen goldbraunen Haaren spülte. Dann stellte sie das Wasser ab und griff nach einem Handtuch.

Erst als sie sich das Gesicht abtrocknete, bemerkte sie ihn und lächelte. „Hör auf. Du weißt, dass ich ins Büro muss.“

„Ja, das weiß ich.“

Sie schlang sich das Handtuch um und schnappte sich ein zweites, bevor sie aus der Dusche kam.

Auch wenn sie entspannt lächelte und ihn neckte, lag doch etwas Zurückhaltendes in ihrem Blick. Aber vielleicht hätte er nichts anderes erwarten sollen. Sie hatte von Anfang an klargemacht, dass es in ihrer Beziehung nur um Sex ging und um nichts sonst.

Damit lag sie perfekt auf seiner Linie, aber trotzdem wäre es selbst für ihn etwas krass gewesen zu verschwinden, bevor sie mit dem Duschen fertig war.

Sie beugte sich vornüber und wickelte ihre Haare in diese Art Turban, den nur Frauen zustande brachten, dann richtete sie sich wieder auf. „Was ist?“

Er fischte einen Wohnungsschlüssel aus der Hosentasche und legte ihn neben den kleinen Kulturbeutel, den Sydney immer dabeihatte. „Ich muss weg. Schließt du ab, wenn du gehst?“

Sie runzelte die Stirn. „Warte mal. Ich will nicht … ich meine, warum …?“

Er ließ ihr keine Zeit für weitere Proteste und drückte ihr einen Kuss auf die Lippen. „Keine Sorge. Du kannst ihn mir bei unserem nächsten Treffen zurückgeben. Bleib so lange, wie du willst. Ich habe Muffins da, oder du nimmst dir was aus dem Kühlschrank.“

„Aber …“

„Schick mir einfach später eine SMS und lass mich wissen, wie deine Pläne aussehen.“ Er interpretierte ihre Proteste absichtlich falsch. Warum auch sollte sie sich aufregen, bevor er überhaupt wusste, was Dalton wollte?

Aber Sydney erwischte ihn kurz vor der Schlafzimmertür und hielt ihn mit einer Hand fest. Durchdringend sah sie ihn an. „Was geht hier vor?“

Ihr Blick machte ihn fertig. Irgendetwas an diesen wunderschönen haselnussbraunen Augen machte es ihm unmöglich zu lügen. „Dalton ist vorbeigekommen. Wir gehen essen.“

„Dalton? Mein Boss Dalton?“

Griffin schmunzelte. Zum einen, weil er hoffte, sie damit abzulenken, zum anderen, weil er ihre schockierte Reaktion tatsächlich amüsant fand. „Kennst du noch andere Daltons?“

„Meinst du, er ist hier, weil er über uns Bescheid weiß?“, fragte sie atemlos.

„Nein“, erwiderte Griffin ganz ehrlich. „Ich glaube, er ist hier, weil ihm der ganze Mist mit unserem Vater über den Kopf wächst. Er mag ja dein Boss sein, aber er ist auch mein Bruder.“ Er küsste sie noch einmal auf den Mund. „Keine Sorge, er wird nie erfahren, dass du hier warst. Ich kümmere mich darum.“

Und da er einfach nicht widerstehen konnte, liebkoste er ihren Hintern unter dem Handtuch, bevor er hinausging. Sie hatte einen tollen Hintern. Er hoffte nur, dass Daltons plötzliches Auftauchen hier und heute nicht zur Folge hatte, dass er diesen Hintern nie wieder zu Gesicht bekam.

Sie hätte ihn umbringen können. Was zum Teufel meinte er mit: „ich kümmere mich darum“? Wollte er sich um diese Situation kümmern wie um die Pflanze, die in seinem Wohnzimmer langsam dahinvegetierte?

Oder so, wie er sich um …? So ein Mist! Es gelang ihr nicht einmal, sich anständig über seine lockere Einstellung zu entrüsten, denn soweit sie wusste, hatte er keinerlei Verantwortung in seinem Leben – abgesehen vielleicht von der, diese verdammte Zimmerpflanze am Leben zu halten. Und dabei schien er jämmerlich zu versagen.

Starr stand sie an der Schlafzimmertür und hörte den leisen Stimmen auf der anderen Seite zu. Was gesprochen wurde, konnte sie kaum verstehen. Aber sie versuchte es trotzdem, denn es schien ihr unglaublich wichtig zu erfahren, was dort vor sich ging.

Lächerlich im Grunde, denn sehr wahrscheinlich hatte es nichts mit ihr zu tun. Sie wusste am besten von allen, wie viel Dalton gerade um die Ohren hatte. Immerhin war sie eine der wenigen, mit denen er über die verschollene Erbin reden konnte. Und er hatte sie gebeten, ihre gesamtes Arbeitspensum der letzten Woche an Kollegen zu delegieren, damit sie ihn bei der Suche unterstützen konnte.

Griffin hingegen hatte mit ihr nie über die Angelegenheit gesprochen. Dabei wäre es nur verständlich, wenn er sich darüber sorgte, schließlich stand auch sein Lebensunterhalt auf dem Spiel. Das gesamte Unternehmen stand auf dem Spiel. Auch ihr eigener Job, wenn sie genauer darüber nachdachte.

Also ergab es natürlich Sinn, dass Dalton mit Griffin reden wollte. Es war nur logisch. Und doch stand Sydney da und presste ein Ohr gegen die Tür, bis sie hörte, wie Dalton und Griffin die Wohnung verließen. Schnell zog sie sich an, rubbelte ihre Haare mehr oder weniger trocken, legte nur das Nötigste an Make-up auf und schnappte sich auf dem Weg nach draußen ihre Handtasche. Erst als sie nach der Türklinke griff, fiel ihr der Schlüssel wieder ein.

Mist.

Langsam ging sie zurück ins Bad und starrte den Schlüssel auf dem schwarz-weißen Marmorbord an. Komm schon, sei nicht so ein Feigling. Es ist nur ein Schlüssel.

Sie griff danach und marschierte zur Wohnungstür, die sie sorgfältig abschloss. Den Schlüssel verstaute sie sicher im Kleingeldfach ihres Portemonnaies und ging zum Fahrstuhl.

Dieser Schlüssel gehörte nicht an ihren Schlüsselbund! So eine Beziehung hatten Griffin und sie nicht. Nein, das zwischen ihnen war sehr beiläufig und basierte nur auf Sex. Es war nicht die Art von Beziehung, in der man dem anderen seinen Wohnungsschlüssel gab.

Sydney drückte heftiger als nötig auf den Knopf fürs Erdgeschoss. Sie handelte nur verantwortungsbewusst. Ganz wie Griffin, als er ihr zu Beginn der Affäre die Ergebnisse seiner letzten Blutuntersuchung zeigte, die bewiesen, dass er gesund war und keine Drogen nahm.

Zuerst hatte sich das merkwürdig angefühlt. Es war ihr zu privat, zu persönlich vorgekommen. Schließlich kannte sie Griffin kaum, auch wenn sie mit ihm ins Bett ging. Und sicher, in erster Linie ging es um Safer Sex, aber sie kannte jetzt auch seinen Cholesterinwert und wusste, dass er vor einiger Zeit gegen Tetanus geimpft worden war – als er sich an einem Haken beim Tiefseeangeln verletzt hatte, wie sie später erfuhr.

Doch sie hatte weder über die Impfung noch über die Ursache für seine kleine Narbe am Hals etwas wissen wollen. Genauso wenig wie sie den Schlüssel zu seiner Wohnung haben wollte, verdammt. Und deswegen saß sie nun im Auto und atmete tief durch, um ihre Panik niederzukämpfen.

Was trieb sie hier eigentlich?

Wann würde sie aufhören, sich etwas vorzumachen?

Sex mit Griffin war keine gute Idee. Überhaupt nicht.

Als sie damit anfingen, schien es okay zu sein. Es war Sydney ohnehin mehr wie … ein Unfall vorgekommen.

So wie sie zu ihrem Kater gekommen war, Grommet. Er saß einfach eines Tages auf ihrer Türschwelle, ein kleines, unterernährtes Kätzchen, das Schutz vor dem Regen suchte. Sie konnte das erbärmliche Wesen nicht einfach wegschicken, also nahm sie ihn mit ins Haus. Grommet hatte mehrere Krankheiten, und der Tierarzt meinte, dass es gnädiger wäre, ihn einzuschläfern. Doch das konnte sie nicht.

1 000 Dollar und unzählige Allergiespritzen später war sie die stolze Besitzerin des hässlichsten Katers der Welt. Mit Griffin zu schlafen war irgendwie ähnlich.

Na ja, ehrlich gesagt war es ganz und gar nicht so. Denn Griffin war überhaupt nicht erbärmlich, er war nicht zahm, und sie war ganz bestimmt nicht allergisch gegen ihn.

Aber bevor sie Grommet sozusagen adoptiert hatte, wollte sie ihn eigentlich nicht behalten. Es sollte nur für eine Nacht sein. Und dasselbe hatte sie sich bei Griffin gesagt.

Es war im letzten Sommer passiert, kurz nachdem ihr Verlobter sie wegen einer alten Flamme hatte sitzen lassen. Ihre Hochzeit mit Brady war also geplatzt, und sie hatte sich eingeredet, es gehe ihr gut. Für eine Weile war das auch tatsächlich der Fall – bis sie über die Facebookseite einer gemeinsamen Bekannten von Bradys Hochzeit erfuhr. Da ging es ihr plötzlich ganz und gar nicht mehr gut. Und 36 Stunden, nachdem Brady eine andere Frau geheiratet hatte, tat sie das Undenkbare …

Sie hatte Griffin damals zufällig im Coffeeshop um die Ecke von Cain Enterprises getroffen und ihm dort ihre Handynummer gegeben. Ja, er flirtete seit ihrem ersten Arbeitstag mit ihr. Aber er flirtete mit allen. Nie hätte sie es für möglich gehalten, zu einer seiner Eroberungen zu werden.

Griffin war attraktiv und charmant. Mit dem zotteligen dunkelblonden Haarschopf und den meerblauen Augen wirkte er eher wie ein Berufssportler, ein Surfer, und nicht wie ein Mann, der internationale Geschäfte ...

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