Logo weiterlesen.de
Nacht der Verführung

1. KAPITEL

John Daniels war ganz offensichtlich ein Alpha-Mann vom Scheitel seiner pechschwarzen glänzenden Haare bis zu den Sohlen seiner gut eingelaufenen Reeboks.

Und er wusste das auch, war ihm doch das Verhalten von Leitwölfen aus Tierfilmen im Fernsehen bestens vertraut. Ob Tier oder Mensch, Alpha-Männchen waren leicht zu erkennen. Sie waren äußerst durchsetzungsfähig, konnten in fast aussichtslosen Situationen überleben und waren immer bereit, die Ordnung des Rudels wiederherzustellen, notfalls auch gewaltsam.

Auch John hatte nichts gegen eine gelegentliche Prügelei, ja, im Moment fieberte er sogar danach. Er musste sich irgendwie abreagieren.

Er war zweifellos der frustrierteste Mensch in ganz Kalifornien, und wenn er mit seinem silberfarbenen 2001 Lotus Esprit über die Grenze nach Oregon fuhr, dann würde er bestimmt auch der frustrierteste Mann in Oregon sein. Und warum?

Weil er Urlaub hatte.

John konnte sich zwar vorstellen, dass sich Buchhalter, Anwälte oder Bankangestellte auf ihren Urlaub freuten. Diese armen Kerle mussten schließlich tagein, tagaus derselben Routine folgen und waren dabei noch meistens an ihre Schreibtische gefesselt. Und was hatten sie am Ende eines Arbeitstages vorzuweisen? Konnten sie etwa zufrieden einem gefährlichen Verbrecher hinterhersehen, der in Handschellen abgeführt wurde? Natürlich nicht. Und liefen ihnen bei ihrer Arbeit junge Frauen über den Weg, die gerettet werden mussten? Bestimmt nicht. Verständlich, dass sie sich auf ihren Urlaub freuten, der eine Unterbrechung ihres armseligen, monotonen Lebens versprach.

Er, John, befand sich da in einer ganz anderen Lage, denn er gehörte zu den Glücklichen, die einen Traumjob hatten. Er war Polizist, und Gefahr und Überraschungen gehörten zu seinem Tagesablauf. Er nahm sie gern auf sich, um einen positiven Beitrag zur Verbesserung der Welt leisten zu können. Dafür setzte er sich mit seiner ganzen Energie ein. Halbe Sachen gab es bei ihm nicht. Natürlich geriet er oft in gefährliche Situationen, aber im Großen und Ganzen wurde dies durch das Bewusstsein aufgewogen, ein Vertreter des Gesetzes in einer Welt voller Verbrecher zu sein. Selbst Schlafen empfand er nur als verpasste Gelegenheit, die Bürger zu schützen und zu verteidigen, Bösewichte zu fassen und Ordnung zu schaffen. Auch ein Essen in einem guten Restaurant war für ihn Zeitverschwendung, weil er dazu zwei ganze Stunden seinen Pieper abstellen musste und womöglich etwas versäumte. Als absolut sinnlos aber betrachtete er Urlaub von einem Leben, das ihm wie auf den Leib geschneidert war. Das bedeutete nur entsetzliche Langweile.

Vier Jahre lang war es ihm gelungen, beim Urlaub übergangen zu werden. Leider aber waren sein Partner und er vor kurzer Zeit bei einer Drogenrazzia in einen Hinterhalt geraten. Merkley war ein kräftiger Schwarzer, der eher wie ein Footballspieler aussah als wie ein Polizist. John hatte immer geglaubt, dass seinem Freund und Mentor nie etwas zustoßen könnte, aber dieses Mal war Merkley zwei Mal in die Brust getroffen worden. Ein paar Tage lang hatte sein Leben auf Messers Schneide gestanden, aber der fünfzigjährige Veteran hatte nicht aufgegeben. Es wäre auch unvorstellbar gewesen, wenn Merkley sein Leben wegen eines miesen Drogenhändlers verloren hätte. Sobald Merkley außer Lebensgefahr war, dachte John darüber nach, wie er sich an dem Verantwortlichen rächen könnte.

John hatte viele Freunde, die ihn gut kannten. Sie alle wussten, dass man ihm möglichst aus dem Weg ging, wenn er ein Unrecht sah und in Wut geriet. Sein Vorgesetzter, Captain Benjamin Todd, wusste sehr wohl, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis John denjenigen erwischte, der seinen Partner niedergeschossen hatte. Unweigerlich würde John den Freund rächen wollen und sich damit in Schwierigkeiten bringen. Also hatte Todd ihm “bis auf Weiteres” Urlaub verordnet, “irgendwo außerhalb Kaliforniens”.

Alpha-Männchen haben oft Schwierigkeiten, sich anderen unterzuordnen, und John bildete da keine Ausnahme. Er konnte es nicht ausstehen, wenn man ihn seinen Job nicht machen ließ – das war beinahe so frustrierend wie Urlaub.

Jetzt hatte er schon neun Stunden Urlaub und meinte zu platzen, wenn er auch nur eine Minute länger ziellos herumfahren musste. Seit er Los Angeles verlassen hatte, schüttete es. Außerdem hatte er Kopfschmerzen und ein ungutes Kratzen im Hals. Wahrscheinlich bekam er eine Erkältung. Kein Wunder. Seine Gesundheit schien direkt von seinem Kampf gegen Verbrechen abzuhängen. Je mehr er beansprucht wurde und je häufiger er Verbrecher ihrem gerechten Schicksal zuführen konnte, desto gesunder fühlte er sich. Langeweile und Frustration aber riefen Schnupfen und Husten geradezu hervor. John sehnte sich nach einem sauberen Bett und weichen Taschentüchern. Als er schließlich niesend den kleinen Ort Providence erreicht hatte, beschloss er, sich ein Motel zu suchen.

Die Sonne war fast untergegangen. Ihre letzten Strahlen spiegelten sich auf dem silbrigen Lack des Lotus wider, als John die Mainstreet entlangfuhr. Seine Kollegen würden ihn nicht erkennen, denn er hielt den Wagen normalerweise in seiner Garage verborgen. Zur Arbeit fuhr er mit einem alten Mittelklasseauto, das schon viele Meilen auf dem Tacho hatte und schlechte Reifen hatte wie die Wagen der anderen Polizisten auch. In diesem Beruf konnte man nicht reich werden.

John sah aus wie ein Polizist, bewegte sich wie ein Polizist und sprach wie ein Polizist, obwohl es ein paar Dinge in seinem Leben gab, die er streng geheim hielt. Seine Kollegen durften nicht wissen, dass er überdurchschnittlich intelligent war. Er hatte ein fotografisches Gedächtnis, was ihm bei seiner Arbeit außerordentlich half. Aber er versuchte, möglichst wenig Aufhebens davon zu machen. Er war schließlich mit diesen intellektuellen Gaben geboren worden. Sie waren nicht sein Verdienst. In der Highschool wäre er als Hochbegabter bei den Mitschülern sofort untendurch gewesen, wenn er es nicht geschafft hätte, Quarterback des Footballteams zu werden. Er hatte seine Mannschaft sogar bis zum Landessieg geführt.

Mit seinen dreiunddreißig Jahren war John jetzt älter und weiser und hatte gelernt, seinen erstaunlichen Intellekt vor anderen zu verbergen. Während seines letzten Studienjahres hatte ein Wirtschaftsprofessor die Chancen, erfolgreich mit Aktien zu spekulieren, mit der Wahrscheinlichkeit verglichen, in Las Vegas den Jackpot zu gewinnen. Das hatte John gereizt, und er hatte sich sofort darangemacht, alles über die Börse zu lernen. Dann hatte er das kleine Erbe, das sein Vater ihm hinterlassen hatte, in Aktien angelegt und hatte in den nächsten Jahren so geschickt spekuliert, dass er jetzt ein ziemliches Vermögen besaß. Aber außer seinem Anwalt und seinem Banker wusste niemand von seinem Reichtum. John hatte Angst, dass seine Kollegen ihn nicht mehr als einen der Ihren ansehen würden, wenn sie seine finanzielle Situation kannten. Hin und wieder allerdings leistete er sich etwas Besonderes, wie zum Beispiel diesen teuren Wagen. Und er genoss es, ihn auf dem Highway richtig auszufahren. Kein Zweifel, Alpha-Männchen liebten Geschwindigkeit.

Als John den Lotus vor einer roten Ampel zum Stehen gebracht hatte, fiel ihm ein Schild im Schaufenster von Appletons General Store auf. “Wir haben alles, was Sie in der Grippe-Saison brauchen.” John bog in den Parkplatz ein. Ganz in der Nähe war auch ein Motel. Er würde sich mit Grippemitteln versorgen und dann ins Bett legen. Auf diese Weise hätte er wieder acht Stunden dieses unerträglichen Urlaubs hinter sich gebracht.

John stieg aus dem Wagen und streckte die steifen Glieder. Er ging durch den Regen auf die Ladentür zu und schüttelte das nasse Haar wie ein junger Labrador nach dem Schwimmen. Seine Jeans war an den Knien abgescheuert, über dem grauen T-Shirt trug er eine alte braune Lederjacke, die vom vielen Tragen weich und bequem war. Dies war seine Arbeitskleidung, die er nur auszog, wenn er vor Gericht aussagen musste. Er war froh gewesen, als er nach der Beförderung zum Detective seine langweilige Polizistenuniform ablegen konnte. Ja, er konnte sich kein besseres Leben vorstellen, als für Ordnung in Los Angeles zu sorgen.

Der Laden war kurz davor zu schließen, wie John auf dem Schild an der Eingangstür lesen konnte. Er eilte durch die Gänge, bis er die Abteilung mit den Grippemitteln fand. Während er Verschiedenes auswählte, war ein junger Angestellter schon dabei, den Boden zu wischen. Er sah John mürrisch an, als mache er ihn persönlich dafür verantwortlich, dass seine Schicht dreißig Sekunden länger dauern würde.

“Nun mal langsam”, sagte John. Er hatte wirklich keine Lust, sich von einem pickeligen Teenager hetzen zu lassen. “Sag mir lieber, wo die Papiertaschentücher sind.”

“Direkt hinter Ihnen.” Der Angestellte deutete mit dem Moppstiel auf ein Regal. “Können Sie sich ein bisschen beeilen? Ich kann schließlich nicht den Boden wischen, wenn Sie daraufstehen.”

“Ich liebe Kleinstädte.” John lächelte sarkastisch. “Die Menschen sind so freundlich. Wenn ich pensioniert bin, werde ich mich hier niederlassen und meine goldenen Jahre in eurer netten, freundlichen Stadt verbringen.”

Der junge Mann war nicht beeindruckt. “Es ist schon fünf nach zehn. Wir haben offiziell geschlossen. Sie sollten sich beeilen, sonst machen die Kassen zu.”

John wurde wütend, und er musste sich beherrschen, um nicht grob zu werden. “Ich will dir mal was sagen, mein Junge. Heute werdet ihr nicht pünktlich zumachen. Weißt du, warum? Weil ich mir nämlich noch in Ruhe alles ansehen möchte, um sicher zu sein, dass ich nichts vergessen habe.”

“Sagen Sie mir doch, was Sie brauchen, dann kann ich Ihnen helfen.”

“Aber das ist ja gerade das Problem. Ich weiß nicht genau, was ich brauche. Es ist besser, wenn ich langsam durch die Gänge gehe und selbst …” John verstummte abrupt.

Eine Frau war eilig um die Ecke gebogen. Sie war schlank und sah irgendwie exotisch aus. Das Haar hing ihr bis in die Taille und glänzte in allen Blondschattierungen. Ihr langer Ledermantel stand offen, darunter trug sie einen hellen Pulli zu einer engen schwarzen Jeans. Die Füße steckten in weichen dunkelroten Lederstiefeln. Leider waren die Sohlen dieser sexy Stiefel etwas zu glatt. Die Frau rutschte auf dem frisch gewischten Boden aus und sah John überrascht an. Sie hatte kristallblaue Augen und lange dunkle Wimpern, ein interessanter Kontrast zu ihrem leicht gebräunten Teint. John ließ schnell die Schachteln fallen, die er aus dem Regal genommen hatte, und streckte die Arme aus, um die Frau aufzufangen.

Sie war klein, wenn auch etwas schwerer, als er erwartet hatte. Er hob sie hoch.

“Ein wirklich toller Laden.” Er grinste, zwinkerte dem Angestellten zu und hielt die Frau noch ein wenig fester.

Sie verdrehte die Augen und stieß ihn mit dem Absatz gegen das Schienbein. “Oh, Verzeihung”, sagte sie unschuldig, als er bei dem plötzlichen Schmerz aufstöhnte. “Sie sollten mich wohl lieber wieder runterlassen, bevor ich Sie noch einmal aus Versehen trete.”

“Ungern.” John seufzte. “Aber ich werde gehorchen, weil Sie so höflich gefragt haben und weil Ihre Absätze unangenehm kantig sind. Sie lassen sich wohl nichts gefallen, was?” Er stellte sie auf den Boden.

Die Frau wandte sich wortlos um und ging.

“Das war alles?” John sah ihr verblüfft hinterher. “Kein Dank? Kein Bekanntmachen? Keine Liebe auf den ersten Blick?”

Sie warf ihm einen Blick über die Schulter zu und lächelte. “Sie sehen zwar nicht schlecht aus, aber ich fürchte, Sie sind ein wenig zu eingebildet für mich. Danke und adieu.”

“Pech gehabt”, sagte der Angestellte.

John nickte. “Das kann man sagen.”

“Ich habe sie hier noch nie gesehen.” Der junge Mann stützte sich auf seinen Mopp auf und sah ihr verträumt hinterher. “An die würde ich mich bestimmt erinnern. Tolle Frau.”

“Mach dich lieber wieder an die Arbeit, mein Junge.” John klopfte ihm gönnerhaft auf die Schulter.

Der Junge blickte ihn an und zog dann die Augenbrauen hoch. “Was haben Sie denn da an Ihrem Hemd? Irgendwas ist da festgehakt.”

John blickte an sich herunter. Eine zarte Silberkette hing an einem seiner Hemdknöpfe. Er nahm sie vorsichtig ab. “Es ist ein Armband mit Initialen auf dem Verschluss. H.S. Was mag das heißen?”

“Heather”, sagte der junge Mann, ohne zu überlegen. “Sie sieht aus, als könnte sie Heather heißen. Soll ich das Armband zum Manager bringen? Er kann sie ausrufen lassen.”

“Nicht nötig.” John hielt das hübsche Armband gegen das Licht und lächelte. Plötzlich merkte er nichts mehr von seiner Erkältung, und die Tatsache, dass er offiziell Urlaub hatte, störte ihn momentan auch nicht. Er lachte kurz und machte sich dann auf die Suche.

Aber die Unbekannte war nirgends zu sehen. Er suchte jeden Gang ab und stand schließlich vor der Kasse. Ein junges Mädchen mit toupiertem Haar und weiß geschminkten Lippen sah ihm ernst entgegen.

John setzte sein schönstes Herzensbrecher-Lächeln auf. “Guten Abend. Ich weiß, dass Sie jetzt schließen. Aber könnten Sie mir vielleicht vorher noch einen kleinen Gefallen tun?”

Sie blieb ungerührt. “Es ist nach zehn. Meine Kasse ist geschlossen.”

John starrte sie an. Offenbar hatte seine Wunderwaffe nichts bewirkt. “Sehen Sie”, versuchte er es wieder, “ich muss mit einer Ihrer Kundinnen sprechen. Eine junge Frau in einem langen schwarzen Ledermantel. Haben Sie sie zufällig gesehen?”

Die Kassiererin nickte und machte eine Blase mit ihrem Kaugummi und ließ sie zerplatzen. “Ja. Sie fragte, wo die Toiletten sind.”

“Und haben Sie es ihr gesagt?”

“Was glauben Sie denn? Natürlich.”

John legte seinen Charme ab und wurde wieder ganz Polizist. “Hören Sie mal. Je schneller Sie kooperieren, desto schneller sind Sie hier raus. Wo sind denn nun die verdammten Toiletten?”

Sie zuckte mit den Schultern. “Okay, okay. Gehen Sie hinten durch die Schwingtür, dann die erste Tür links und die Treppe hinunter. Da sind dann Schilder. Aber beeilen Sie sich. Ich habe heute Abend eine Verabredung.”

Der arme Mann, dachte John und tippte sich an den imaginären Hut. Er war selbst überrascht, wie viel ihm daran lag, eine Frau finden, die offensichtlich nicht gefunden werden wollte. Er war es nicht gewöhnt, dass eine attraktive Frau ihn einfach stehen ließ.

Natürlich würde er ihr nicht in die Damentoilette folgen. Das sah nicht nur übertrieben eifrig aus, sondern war auch ungehörig. Aber er würde auf sie warten. Er wollte ihr schließlich einen Gefallen tun und ihr das Armband zurückgeben.

Er lächelte und tat, wie ihm die Kassiererin gesagt hatte. Die Tür zum Treppenhaus war aus grauem Stahl. Auf einem Schild stand “Nur für Personal”. Darunter auf einem zweiten: “Kein Ausgang”. John riss die Tür auf und ging die Treppe hinunter. Nur eine einzige gelbliche Glühbirne beleuchtete den Gang, aber unter der Eingangstür zur Damentoilette drang Licht hervor.

John lächelte zufrieden. Er würde oben bei der Stahltür auf die Frau warten, ihr das Armband zurückgeben, und sie würde sich vorstellen müssen. Er wusste selbst nicht, warum er unbedingt ihren Namen wissen wollte. Dank seiner langen Erfahrung als Detective war ihm allerlei an ihr aufgefallen, zum Beispiel, dass sie große glitzernde Ohrringe trug, offensichtlich Modeschmuck, dann, dass ihr schwarzer Mantel nicht aus Leder war, sondern aus einem Imitat. Am Handgelenk trug sie eine klotzige, billige Männeruhr, und, das Allerwichtigste, sie trug keinen Ehering, obwohl sonst an jedem Finger ein Ring steckte. Nur am linken Ringfinger nicht.

Er hörte ein Geräusch und sprang schnell und lautlos die Treppe hinauf. Er würde in der erleuchteten Lagerhalle auf sie warten und nicht in dem trüben Licht des Treppenhauses. Er drückte die Klinke hinunter. Nichts rührte sich.

Er drückte wieder gegen die schwere Tür, diesmal mit aller Gewalt. Sie blieb verschlossen.

John zuckte zusammen, als er ihre Schritte hörte. Er saß wie ein Fuchs in der Falle. Das Blut stieg ihm ins Gesicht. Dann hörte er ihre Stimme.

“He, Sie, was machen Sie denn da?”

Er stand mit dem Rücken zu ihr und drehte sich jetzt langsam um. “Ach, Sie sind es.”

“Was soll das denn?” Sie zog die Augenbrauen zusammen. “Folgen Sie mir etwa?”

“Ganz schön eingebildet, was?” John zog das Armband aus der Tasche. “Das hier hat sich in meinen Hemdknöpfen verhakt, als Sie mir in die Arme fielen. Ich wollte es Ihnen nur zurückgeben. Das war alles. Sie sehen zwar nicht schlecht aus, aber ich fürchte, Sie sind ein wenig zu arrogant für mich.”

Sie wurde rot. “Da war ich wohl etwas voreilig.”

John biss sich auf die Lippen, um nicht zu lächeln. Er warf ihr das Armband zu, das sie geschickt auffing.

“Vielen Dank. Dieses Armband bedeutet mir sehr viel. Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn es verloren gegangen wäre.”

John grinste, wurde dann aber wieder ernst. “Ich weiß nicht recht, was wir jetzt tun können.” Wieder stemmte er sich gegen die Tür. “Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass wir hier eingesperrt sind.”

“Was?” Sie trat direkt hinter ihn. “Eingeschlossen? Wir können nicht raus?”

John zuckte zusammen. Er wandte den Kopf zu ihr um und sah ihr direkt in die blauen Augen, die selbst in diesem schwachen Licht noch leuchteten. Sie hatte einen goldbraunen Teint, und die vollen Lippen glänzten.

Er räusperte sich und versuchte vergebens, den Blick von diesem verführerischen Mund abzuwenden. “Wir können nicht heraus, wir müssen darauf warten, dass uns jemand findet.”

“Machen Sie keine Witze!” Ihre Stimme klang schrill. “Wir sind gefangen?”

“Man kann das auch positiv sehen”, versuchte er sie zu beruhigen. “Wir sind nicht gefangen, wir sind hier sicher aufgehoben.”

“Ich leide unter Platzangst!”, wimmerte sie und schob ihn zur Seite. Mit beiden Händen riss sie an der Türklinke. “Ich kann das nicht aushalten. Ich muss immer wissen, dass ich auch wieder raus kann! Wenn ich mich eingesperrt fühle, dann bekomme ich Panik und dann … dann …”

“Was dann?” John sah sie aufmerksam an. Ihre Pupillen waren unnatürlich groß. “Ist Ihnen nicht gut?”

Sie schüttelte nur schwach den Kopf und fiel ihm in die Arme.

2. KAPITEL

Anna Smith verlor nicht leicht die Nerven, vor allen Dingen nicht vor Fremden. So etwas durfte ihr einfach nicht passieren. Mit aller Macht kämpfte sie gegen die Ohnmacht an. Sie war wütend auf sich selbst. Wie peinlich für eine Frau von sechsundzwanzig Jahren.

Glücklicherweise konnte sie sich noch auf den Beinen halten, allerdings gehalten von zwei starken Armen und immer wieder ermutigt durch eine tiefe, ruhige Stimme: “Sie können es. Ja, so ist es gut. Immer mit der Ruhe. Jetzt noch eine Stufe, sehr gut …”

Eine angenehme Stimme, dachte Anna. Und er wirkte so gefasst, als sei er an solche Situationen gewöhnt. Er fand eine unverschlossene Tür in der Nähe der Treppe, trat ein und platzierte Anna auf einem harten Klappstuhl.

“Alles in Ordnung?”, fragte John und schnippte direkt vor ihren halb geschlossenen Augen mit den Fingern. “Öffnen Sie die Augen. Sie sitzen in einem großen Raum mit einer Tür, durch die Sie rein- und rausgehen können. Zwar gibt es keine Fenster, und aus dem Keller kommen wir vorläufig nicht heraus, aber darüber wollen wir jetzt nicht nachdenken. Sagen Sie doch endlich was, sonst rede ich die ganze Zeit und brauche den ganzen Sauerstoff auf. Dann muss ich bei Ihnen Mund-zu-Mund-Beatmung machen.”

“Unterstehen Sie sich”, stieß Anna schnell hervor, hatte aber Schwierigkeiten, die Augen offen zu halten. “Sie wissen genau, dass ich atme! So was Albernes, hier fast ohnmächtig zu werden.” Sie stützte den Kopf in die Hände.

John konnte sich gut vorstellen, wie sie sich fühlte. Wenn er mit den Jungs abends loszog und zu viel trank, war ihm auch manchmal am nächsten Morgen schwindelig. “So ist es richtig, atmen Sie tief und langsam. Dann wird Ihnen schnell besser.” Er grinste. “Wenn es Sie tröstet, ich habe immer solch eine Wirkung auf Frauen. Sie fallen reihenweise in Ohnmacht, wenn sie mir begegnen.”

Mit großer Anstrengung hob Anna den Kopf und sah sich um. Glücklicherweise befanden sie sich in einem großen Lagerraum, und solange sie nicht daran dachte, dass sie eingeschlossen waren, würde sie sich im Griff haben. “Das ist mir so peinlich. Wahrscheinlich sollte ich Ihnen danken, dass Sie mich aufgefangen haben.”

“Nicht, wenn Sie Probleme damit haben”, sagte John, der gemerkt hatte, wie sie zögerte. “Sie scheinen zu den Frauen zu gehören, die selten Hilfe brauchen.”

“Und Sie gehören offenbar zu den Männern, die an Hilfe suchende Frauen gewöhnt sind. Mir geht es jetzt schon viel besser. Der Stuhl scheint noch ein bisschen zu schwanken, aber das ist auch das Einzige. Entschuldigen Sie, so was passiert mir ausgesprochen selten.”

“Kein Wunder, dass Sie in dieser Situation die Nerven verloren haben”, meinte John. “Wir sind doch alle Menschen. Mit Ausnahme von Captain Todd vielleicht, meiner persönlichen Heimsuchung.”

“Wer ist denn Captain Todd?”

John grinste und schüttelte den Kopf. “Egal. Da Sie das Glück haben, ihn nicht zu kennen, wollen wir es auch dabei belassen.”

Beide schwiegen, während Anna John vorsichtig musterte. Sein Lächeln war sinnlich, die grauen Augen blickten beinahe zärtlich, was auf Frauen sicher normalerweise nicht ohne Wirkung blieb. Er hatte dichtes schwarzes Haar, das lange keinen Kamm gesehen hatte, und war nicht sehr groß, wahrscheinlich knapp eins achtzig. Aber er war ausgesprochen athletisch gebaut, und auch die weite Lederjacke und das graue T-Shirt konnten die ausgeprägten Muskeln nicht verbergen. Die ausgeblichene Jeans betonte seine schmalen Hüften, und Anna musste über sich selbst den Kopf schütteln. Sonst starrte sie Männer doch nicht so eingehend an.

John räusperte sich. Diese Frau musterte ihn auf genau die gleiche Art und Weise, in der er normalerweise hübsche Frauen ansah. Nicht unhöflich oder frech, sondern einfach sehr aufmerksam. Nach seiner Erfahrung wurden die Frauen unter seinen Blicken immer ein bisschen nervös, und nun konnte er sehr genau nachfühlen, was sie empfanden. Das gefiel ihm nicht. “Sie sind plötzlich so ruhig. Geht es Ihnen wirklich wieder gut?”

“Ja.” Anna stand langsam auf.

“Wenn Sie mir sagen, wie Sie heißen, könnte ich unsere Anfangsbuchstaben in die Metalltür ritzen, zur ewigen Erinnerung.”

Sie musste lächeln. “Ich heiße Anna Smith. Wir sind hier wohl in einer gewissen Zwangslage.”

Glücklicherweise, dachte John und machte eine kleine Verbeugung. “Ich bin John Daniels, der hin und wieder ohnmächtige Frauen auffängt. Mit Ihnen als Partnerin in einer Zwangslage zu sein, finde ich sehr aufregend. Mit Zwangslagen und mit Partnern kenne ich mich gut aus.”

Anna hatte den Eindruck, dass er trotz seiner Flirterei harmlos war. “Na, dann wollen wir mal hoffen, dass wir nicht zu lange Partner sein müssen. Das hier ist nicht gerade die Umgebung, von der ich träume. He!”

John fuhr hoch. “Was ist los?”

“Dahinten ist ein Telefon!” Sie ging an hohen Stapeln von Pappkartons vorbei und hob schließlich ein rosa Telefon hoch, das mit einem durchsichtigen Stück Plastik abgedeckt war. “Natürlich haben sie hier unten auch Telefon. Das hätten wir uns doch gleich …”

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Nacht der Verführung" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen