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Nacht der Sünde

1. KAPITEL

Ein Kondom? Kate starrte in das Organzasäckchen, das ihr die beschwipste Sheri-Lee in Nonnentracht – alias die zukünftige Braut – eben in die Hand gedrückt hatte.

Unter dem süffisanten Grinsen der Umstehenden – lauter Freundinnen, die das offenbar lustig fanden – ballte sie verlegen die Hand zur Faust. Da hatte sie es wieder einmal: Junggesellinnenabschiede und die dazugehörigen sexuellen Anspielungen waren einfach nicht ihr Ding. Wie sollte die gewissenhafte, fleißige und wenig spielerisch veranlagte Kate Fielding den Abend überstehen, wenn ihr ein Kondom die Hand versengte? Egal, ob es als Lavendelsäckchen getarnt war oder nicht.

Sie spürte, wie ihr die Röte in die Wangen stieg. „Äh … ich … also …“

„Nimm’s einfach mit, wenn dir danach zumute ist, Kate. Man lebt schließlich nur einmal“, verkündete Sheri-Lee munter. Während Kate immer noch perplex dastand, nahm Sheri-Lee ihr den winzigen Organzabeutel aus der Hand und schob ihn ihr unter den perlenbestickten Rockbund.

Gekicher drang an ihr Ohr. Als wäre allein die Vorstellung, dass Kate einfach tun könnte, wonach ihr zumute war, völlig absurd. Gegen ihren Willen fühlte Kate sich ein bisschen verletzt. Und mächtig verunsichert.

„Danke … ich glaube …“ Ihr entschlüpfte ein gequältes Auflachen, während sie sehnsüchtig zur Tür schaute. Dabei sah sie, dass sich einige der Mädchen im Pub unter die Hotelgäste gemischt hatten, offenbar auf der Suche nach männlicher Gesellschaft. Flucht war ihre einzige Rettung. Bevor noch jemand auf die Idee kam, sich über den bejammernswerten Zustand ihres Lebens auszulassen.

„Ich bin nur mal kurz …“ Frische Luft schnappen. Die Münzen an ihrem Bauchtänzerinnenkostüm klimperten, als sie sich an einer Amazone, die gerade mit Cleopatra plauderte, und einer russischen Spionin im 60er-Jahre-Look vorbeischlängelte.

Als ihr endlich kühlere Luft entgegenschlug, atmete Kate erleichtert auf. Hier ging es gesitteter zu. Das Pub mit seiner altmodischen, aber hübschen Einrichtung aus dem späten neunzehten Jahrhundert war in weiches Licht getaucht. Das Hotel lag nur ein paar Schritte von Kates Arbeitsplatz, einem Reisebüro in Sydneys angesagter Vorstadt Paddington, entfernt.

Mit dem Champagnerglas in der Hand, an dem sie sich seit einer geschlagenen Stunde festhielt, schlenderte Kate zu einer Wand, die mit Fotos von mehr oder weniger prominenten Leuten gepflastert war. Ohne wirklich etwas zu sehen, starrte sie auf die Fotos.

Jeder Junggesellinnenabschied weckte in ihr dieselben bitteren Erinnerungen. Wenn alles nach Plan gegangen wäre, trüge sie längst einen Ehering und hätte vielleicht sogar schon Kinder. Stattdessen würde demnächst sogar ihre kleine Schwester Rosa vor ihr heiraten. Und das war allein Nicks Schuld.

Kate schüttelte den Kopf. Nein! Sie würde jetzt nicht an Nick denken. Oder daran, dass er sie betrogen und um drei wertvolle Jahre ihres Lebens gebracht hatte. Außerdem freute sie sich, dass Rosa ihre große Liebe gefunden hatte.

War es denn wirklich so schlimm, dass sie letzten Monat dreißig geworden war und – zumindest in den Augen ihres Vaters – auf dem besten Weg, als alte Junger zu enden? Seit Nicks schmählichem Verrat hatte sich Kate nicht ein einziges Abenteuer gestattet. Und das war gut so … oder?

Das Organzasäckchen in ihrem Rockbund schien sie an vergangene Zeiten zu erinnern.

Verfluchter Mist.

Sheri-Lee hatte ihren Mr. Right gefunden. Sie würde heiraten und aufhören zu arbeiten … nächste Woche schon. Warum war die Heirat für eine Frau nur immer noch so oft gleichbedeutend mit dem Ende ihrer Karriere? Und das im einundzwanzigsten Jahrhundert! Warum konnte eine Frau nicht beides haben: einen Ehemann und finanzielle Unabhängigkeit?

Fast bedauerte Kate Sheri-Lee. Liebe schien immer Opfer zu fordern – von den Frauen. Obwohl Kate zugeben musste, dass Sheri-Lee momentan vor Glück nur so strahlte.

Vor vier Jahren wäre Kate um ein Haar in dieselbe Falle getappt. Freiwillig und in dem festen Glauben, dass Nick sie liebte. Heute war sie zum Glück klüger und wusste, dass er sie nie wirklich geliebt hatte.

Sollte sie sich vielleicht doch an Sheri-Lees Rat halten und sich von Zeit zu Zeit ein flüchtiges Abenteuer gönnen … nur für eine Nacht?

Vergiss es, Kate. Für Männergeschichten hatte sie keine Zeit. Außerdem war ihr schleierhaft, was an Wegwerfsex so prickelnd sein sollte. Obwohl … genau besehen musste sie zugeben, dass sich ihr Ego manchmal durchaus nach ein paar Streicheleinheiten sehnte.

Plötzlich schüttelte sie ein Schauer. Kate spürte, dass jemand sie beobachtete, und zwar ein Mann. Das wusste sie aus irgendeinem Grund ganz genau.

Als sie noch einmal erbebte, sah sie sich verstohlen um.

Alles klar. Kein Wunder, dass sie so reagierte. Der Typ war ein Traummann, trotz seines unpassenden Outfits. Er war sehr groß – eins neunzig reichte wahrscheinlich nicht – und trug eine olivgrüne Armeehose, ein hautenges schwarzes T-Shirt und abgewetzte, dreckige Stiefel. Braungebrannt, Dreitagebart und dunkle Haare. Die topasfarbenen Augen des Fremden taxierten sie eingehend.

Was bei ihr dieses Kribbeln auslöste.

Und Herzklopfen. Ihr Herz hämmerte plötzlich wie verrückt. Und ihre Handflächen wurden feucht. Seine Augen lösten all diese köstlichen Dinge in ihrem Körper aus. Tatsächlich hatte sie nichts, aber auch gar nichts gegen ein flüchtiges Abenteuer einzuwenden, und ihr Ego würde es begrüßen, die lang ersehnten Streicheleinheiten von ihm zu bekommen.

Immer noch mit dem Glas in der Hand, drehte sie sich langsam um und musterte ihn, vor Entdeckung durch ihren Schleier geschützt. Arbeitete er viel draußen im Freien? Sein knallenges T-Shirt betonte den breiten Oberkörper und die muskulösen, braungebrannten Arme. Er sah aus wie aus einem Abenteuerfilm.

Als ihr Blick weiter nach unten wanderte, sah sie, dass er von der Taille abwärts ebenso aufregend gebaut war, auch wenn seine bequem geschnittene Hose Einzelheiten der Fantasie überließ. Beim Aufsehen ertappte sie ihn, wie er ihren nackten Bauchnabel musterte. Gleich darauf schweifte sein Blick mit unübersehbarer Anerkennung über die durchsichtigen Stoffbahnen des langen Rocks. Kate kam es so vor, als ob seine Blicke ihre Haut versengten. Alarmiert schnappte sie nach Luft.

Noch nie hatte sie auf die Aufmerksamkeit eines Mannes so reagiert. Lüstern. Willig. Schwach. Als ob der Boden unter ihren Füßen schwankte. Er sah nicht nur gefährlich aus, er war es auch, daran zweifelte sie keine Sekunde. Schließlich spürte sie am eigenen Leib, wie gefährlich er war.

Und jetzt kam er zu allem Überfluss auch noch auf sie zu.

Instinktiv richtete Kate sich zu ihrer vollen Größe auf. Sein Outfit verriet, dass er sich um Konventionen nicht scherte. Auch wenn es im Pub keinen strengen Dresscode gab, erwartete man doch gepflegte Freizeitkleidung. Aber Kate war bereit, ein Auge zuzudrücken, weil eine ganze Reihe körperlicher Vorzüge seinen abgewetzten Aufzug mehr als wettmachten.

Nimm’s einfach mit, wenn dir danach zumute ist. Sheri-Lees Worte hallten in ihrem Kopf. Man lebt schließlich nur einmal.

Als er die Hand nach ihr ausstreckte, hatte sie sich wieder im Griff. Fast. Jetzt stand er so nah vor ihr, dass sie die grünen Einsprengsel in seinen Augen ebenso erkannte wie das Geflecht feiner Fältchen in den Augenwinkeln. Er roch aufregend nach Schweiß und Hitze und Mann.

„Kann ich irgendwas für Sie tun?“, fragte er mit einer tiefen heiseren Stimme, die umwerfend gut zu seiner sexy Erscheinung passte.

Irgendwas? Ihre so schmählich vernachlässigte Libido seufzte tief auf. Er konnte alles für sie tun. Überall, jederzeit.

„Möchten Sie einen Drink?“, präzisierte er, wobei er mit dem Kopf auf ihr halbleeres Glas deutete. „Sieht aus, als könnten Sie Nachschub vertragen.“

Wahnsinn, er sprach sie wirklich an, das war kein Tagtraum! Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch umfasste Kate ihr Glas fester. „Nein … danke, im Moment nicht.“

Sein Blick ruhte auf ihrem Mund – oder besser gesagt auf der Stelle, wo er unter dem Schleier den Mund vermutete. Dabei hob er ganz leicht die Augenbrauen. Sie sah ihm an, dass er erwog, den Schleier wegzuziehen. Darum versuchte sie schnell abzulenken. „Sie sehen aus, als kämen Sie gerade von einer Weltreise.“

Ihr vorwurfsvoller Ton entlockte ihm ein Tausend-Watt-Lächeln. Jetzt klopfte Kates Herz zum Zerspringen.

„Nicht ganz, aber fast. Ich komme direkt aus L.A. Vor genau zwei Stunden bin ich gelandet.“

Dann hatte er also noch keine Gelegenheit gehabt, sich frisch zu machen. „Sind Sie beruflich hier oder privat?“, fragte sie.

„Sowohl als auch.“ Er musterte sie lächelnd mit leicht schräg gelegtem Kopf. „Ich vermute, da drüben feiert eine geschlossene Gesellschaft, und Sie gehören dazu?“

Sie erwiderte sein Lächeln. „Ja. Ein Junggesellinnenabschied.“

Ganz leicht beugte er sich nach vorn. „Oh. Hoffentlich nicht Ihrer.“

„Nein.“ Sein Aftershave roch nach Hölzern und sehr exklusiv, ein lebhafter Kontrast zu seiner Kleidung.

„Das ist das Beste, was ich heute gehört habe.“ Bei diesen Worten legte er seine Hand auf ihre, die immer noch das Champagnerglas hielt. Über Kates Arm ging ein Funkenregen nieder. Ihre Blicke verfingen sich ineinander. Sie spürte die kräftigen Finger, als er ihre Hand mit dem Glas hob, nahm den warmen Atem wahr, während er ihre Hand quälend nah an seinen Mund zog. Gleich würde sie seine Bartstoppeln auf ihrer Haut fühlen.

Wenn es sich so ergab, würde sie die Chance ergreifen. Es könnte ihre letzte sein.

Damon Gillespie war auf einmal richtig froh, drei Tage früher als geplant in Sydney angekommen zu sein. Eigentlich hatte er sich im Pub nur noch schnell einen Absacker genehmigen wollen, aber dann hatte er sie gesehen.

Sie wirkte … nun, nicht wirklich einsam, aber allein. Definitiv allein. Genau wie er. Vielleicht hatte er sich darum auf Anhieb für sie interessiert. Sehr interessiert.

Während er sie festhielt, versuchte er, ein seltsam beunruhigendes Gefühl loszuwerden. Jetlag und Schlafmangel waren plötzlich nebensächlich. Jetzt zählte nur noch, ihre Fingerknöchel unter seiner Hand zu spüren und den orientalisch anmutenden Duft dieser Frau zu riechen.

Die Firma konnte warten.

Da sie einen Schleier aus dünnem Chiffon vor dem Gesicht trug, war er weitgehend auf seine Fantasie angewiesen. Ab und zu erhaschte er einen flüchtigen Blick auf einen schmalen geraden Nasenrücken, hohe Wangenknochen und volle Lippen.

Das knappe, mit klimpernden Münzen und glitzernden Perlen besetzte Oberteil ihres Kostüms umschloss üppige Brüste. Ihr aus vielen Chiffonlagen bestehender Rock in Safrangelb und Gold saß tief auf den Hüften und betonte die zierliche Taille, den flachen Bauch und die goldene Haut. Durch die Stofflagen konnte er die Umrisse ihrer perfekt geformten Beine erkennen. Am meisten jedoch faszinierte ihn der rubinrote Stein im Bauchnabel. Wie zum Teufel war er dort befestigt?

Als sich sein Blut mit Adrenalin anreicherte, wurde sein ganzer Körper hart. Dieses Gefühl kannte er sonst nur vom Fallschirmspringen und Drachenfliegen – auf jeden Fall hatte er es schon sehr lange bei keiner anderen Gelegenheit mehr verspürt.

Das änderte sich gerade.

Er hob das Glas – zusammen mit ihrer Hand – an seine Lippen und sah ihr tief in die Augen. So dick mit schwarzem Kajal umrahmt wirkten sie riesig – schwarze Seen, in denen unübersehbar Verlangen loderte. Spanische Augen, dachte er, während aus den Tiefen seiner Erinnerung ein anderes dunkles Augenpaar aufstieg. Er schob es entschlossen beiseite und trank einen Schluck von ihrem Champagner.

Am Rand des Glases haftete ihr Geschmack, zumindest bildete er sich das ein. Eine köstlich herbe Süße.

„Aber der Champagner perlt ja gar nicht mehr.“ Er verzog das Gesicht. „Außerdem ist er viel zu warm.“ Geschmeidig nahm er ihr das Glas ab, stellte es auf das Tablett eines vorbeikommenden Kellners und reichte Kate ein neues. Dabei streiften seine Fingerspitzen ihre Hand. „Hier.“

„Danke.“

„Was halten Sie davon, wenn wir uns ein ruhiges Eckchen suchen?“ Ohne ihre Antwort abzuwarten, ergriff er ihre freie Hand und zog Kate durch die Menschenmenge auf die andere Seite des Raums hinter eine hohe Pflanze. Dort wartete er darauf, dass sie den Schleier lüftete, um einen Schluck Champagner zu trinken. Aber sie hob das Glas unter dem Schleier an den Mund, und ihr Gesicht blieb weiterhin ein verlockendes Geheimnis.

„Wie heißen Sie?“

Sie trank noch einen Schluck, dann sagte sie leicht heiser: „Shakira.“

Mit dem verführerischen Tonfall goss sie noch Öl ins Feuer, sodass es sich ohne ernsthafte Anstrengungen nicht mehr löschen lassen würde.

„Okay, Shakira …“ Er machte einen Schritt auf sie zu, fuhr mit der Hand unter ihren Schleier und umfasste ihr Kinn. Dann neigte er ihren Kopf so, dass das Licht durch ihren Schleier fiel, wodurch ihr Gesicht zumindest ein paar Konturen mehr bekam. In der nächsten Sekunde legte sie ihm entschlossen eine weiche Hand auf den Unterarm und keuchte leise.

„Nein.“ Es klang alarmiert.

„Keine Angst. Dann spielen wir eben nach Ihren Spielregeln.“ Hauptsache, wir spielen. Sie lockerte den Griff und erlaubte ihm, mit dem Daumen über ihre volle Unterlippe zu fahren. Einmal, zweimal. Dann kam ihm ein Gedanke. „Es sei denn, da ist jemand, der sich hintergangen fühlen könnte.“

Augenblicklich versteifte sie sich. Wie ein gebranntes Kind, dachte er.

„Ich betrüge niemanden.“

„Gut.“ Wie sehr ihn das freute, ließ er sich nicht anmerken. „Ich auch nicht.“

Er zog sie ein Stück weiter, an eine Stelle, die für andere nicht einsehbar war, und beugte sich vor, um ihren Duft ein weiteres Mal zu genießen. Ihr Parfüm duftete nach Frangipani und Sommer. Es umschmeichelte seine Sinne wie die Chiffontücher ihre Beine.

Warum war so eine attraktive Frau ungebunden? Frag nicht lange, sondern genieß es einfach. Ohne weiter zu grübeln, liebkoste er ihren Hals und knabberte, ermuntert durch ihre Reaktion, an der duftenden Haut unter ihrem Ohr. Die Münzen, die ihren Rock schmückten, klimperten an seiner Hose, das perlen-besetzte Oberteil rieb sich an seinem Brustkorb, ihre weichen sinnlichen Kurven schmiegten sich an seinen Körper, der fast umgehend reagierte.

Damon fuhr mit einem Finger an ihrem Rockbund entlang, von einer Seite zur anderen, und streifte dabei Kates straffen Bauch. Sie bekam eine Gänsehaut und zitterte heftig.

In ihren Augen loderte dasselbe Verlangen, das in ihm brannte. Er begehrte sie so sehr, dass er höllisch aufpassen musste, um nicht alles zu verderben. Er wollte diese Haut an seiner spüren. Nackt. Wollte, dass sich ihr Körper erschauernd wand, während er sich in ihr bewegte. Und zwar sofort.

Nur unter Aufbietung aller Selbstdisziplin gelang es ihm, sich von ihr zu lösen und einen Schritt zurückzutreten. Was ihr offensichtlich genauso wenig gefiel wie ihm. Da er nicht eine Sekunde daran zweifelte, dass sie sein Verlangen teilte, nahm er sie an der Hand und sagte: „Komm mit, wir gehen.“

Kate fühlte sich wie im Traum und gleichzeitig hellwach. Geschickt lotste der Fremde sie einen Flur hinunter, wo sie einer Kellnerin begegneten, die, umweht von würzigen Düften, ein Tablett mit verlockenden Vorspeisen trug.

Nur mit Mühe konnte sie seinen langen Schritten folgen. In ihren Adern pochte die Gewissheit, dass sie gleich mit diesem Mann schlafen würde. Noch nie in ihrem ganzen Leben hatte ein Mann sie derart in seinen Bann gezogen. Genau, Sheri-Lee, du hast recht – man lebt nur einmal.

Nur einen Moment später blieb er vor einer Tür stehen, schloss auf und zog sie in das dunkle Zimmer, in dem es noch dunkler wurde, als er die Tür hinter sich zumachte.

„Wo bist du denn?“, flüsterte er.

Es dauerte nicht lange, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. „Ich bin hier.“ Kate legte ihre Hände flach auf seine Brust. Nein, falsch: Nicht sie, sondern Shakira legte ihre Hände auf seine Brust, weil Kate Fielding überhaupt nicht hier wäre. So etwas Tollkühnes hätte sie nie und nimmer gewagt. Shakira hingegen fuhr mit den Fingern langsam über sein T-Shirt und beugte sich vor, um seinen Duft ganz in sich aufzunehmen. Es war lange her, seit sie einem männlichen Körper so nah gekommen war.

Von der Straße fiel ein schwacher silberner Lichtschein ins Zimmer. Dennoch waren nicht mehr als Schemen erkennbar. Darum ließ Kate es auch zu, dass er ihr den Schleier abnahm.

Schweigend zeichnete er mit einem Finger die Konturen ihres Gesichts nach, Nasenrücken, Augenbrauen, Lippen. „Du bist so schön.“ Er hielt ihre Hände fest und zog sie an sich. „Sogar im Dunkeln bist du unwiderstehlich.“

Die Bewunderung, die in seinen sanften Worten mitschwang, wirkte wie ein Aphrodisiakum. Der harte Beweis seiner Männlichkeit drückte gegen ihren Bauch, sein Herz hämmerte unter ihren Fingerspitzen, während ihr eigenes wie Donner in ihren Ohren hallte.

Von irgendwo drang ein langes tiefes Aufstöhnen an Kates Ohr – ihr eigenes? –, dann als Antwort ein tiefes Rumpeln, das an ihren Handflächen vibrierte. Seine Lippen waren trocken und fest und sehr erfahren.

Bereitwillig öffneten sich Kates Lippen seiner Zunge, die in ihren Mund eindrang, sich jedoch sofort wieder zurückzog – ein Versprechen auf künftige Sinnenfreuden. Er schmeckte herrlich. Nach Kaffee und Pfefferminz und etwas Dunklerem … Leidenschaft. Als er den Kopf hob und sich von ihr löste, protestierte sie, indem sie ihn wieder zu sich herunterzog. Sie war noch längst nicht bereit, ihn loszulassen.

Allerdings lag ihm auch nichts ferner, als sich von ihr zu lösen. Seine Hände umfassten nun ihre nackte Taille. Sehr langsam wanderten sie von dort aus ihren nackten Oberkörper hinauf … bis der mit klimpernden Blechmünzen besetzte Rand ihres Oberteils sie stoppte.

Aber jetzt ließ Damon sich durch nichts mehr aufhalten. Seine Finger wölbten sich um Kates Brüste und schlüpften in den Ausschnitt auf ihrem Weg zu den Knospen, die sich hart gegen den Stoff drückten. Gleich darauf begann er, ihre Brustspitzen zwischen seinen Fingern zu reiben.

Von heißen Pfeilen des Verlangens durchbohrt, stöhnte Kate leise auf. Einladend beugte sie sich vor – ein Angebot, das er gern annahm. Als sie nach unten blickte, sah sie, was für einen aufregenden Kontrast die dunklen Hände zu ihren weißen Brüsten bildeten.

In seinen Augen loderte Verlangen, als seine Lippen mit ihren verschmolzen und er sie zurückdrängte, bis sie gegen die Wand stieß. Sein harter Körper prallte gegen ihren.

„Oohh!“

Er hob den Kopf. „Alles okay?“

„Jaa.“ Kam dieses sehnsüchtige Aufstöhnen tatsächlich von ihr?

Offenbar. Es entstieg ihrer Kehle als Zeichen von Erleichterung, von Ungeduld – während er sich wieder voller Verlangen an sie presste, sich an ihr rieb.

Fest umschlossen seine Hände ihre Taille und hoben sie wie ein Fliegengewicht hoch. Kates Rücken gegen die Wand gepresst, so hielt er sie fest. Ihre goldfarbenen Sandaletten fielen mit einem dumpfen Klappern zu Boden.

„Leg die Beine um meine Hüften.“

Schnell und umsichtig beseitigte er alle störenden Stoffbahnen zwischen seinen Händen und ihren Beinen. Und nur eine Sekunde später versengten zuerst seine heißen, leicht rauen Finger und dann seine harte, heiße Männlichkeit ihre samtigen Oberschenkel.

Aber noch zögerte er und fragte heiser an ihrem Ohr: „Willst du das wirklich?“

Einerseits fühlte Kate sich völlig wehrlos und gefangen. Und doch hatte sie sich noch nie lebendiger, freier und entschlossener gefühlt, die Chance des Augenblicks zu ergreifen, als in diesem Moment. „Ja.“

„Warte …“ Er kramte in seiner Tasche.

„Äh …“ Ihre zitternden Finger tasteten unter den Rockbund. „Ich habe zufällig …“ Sie zog das Organzasäckchen heraus und hielt es hoch.

Einen Moment lang musterte er sie verblüfft, bevor er ihr das Päckchen aus der Hand nahm und es aufriss.

Beinahe hätte sie ihm gesagt, dass es eigentlich nicht ihre Art war, bei jeder Gelegenheit Kondome mit sich herumzutragen, doch dann ließ sie es bleiben. Eine weltgewandte und erfahrene Frau wie Shakira war garantiert allzeit bereit. Außerdem war sie ihm keine Rechenschaft schuldig.

Er drang in sie ein. Er war groß – riesengroß – so groß, dass sie spürte, wie ihre Muskeln sich dehnten. Aber sie begrüßte ihn mit einem lüsternen Aufstöhnen.

Zur Musik der Blechmünzen an ihrem Kostüm bewegte er sich in ihr mit einer Intensität, die Kate atemlos machte. Sie umklammerte seine Schultern und krallte die Finger in sein weiches T-Shirt. Der perlenbestickte Träger ihres Oberteils zerkratzte ihren Rücken, als sich ihre rhythmischen Bewegungen beschleunigten.

Doch sie war blind und taub gegenüber ihrer Umgebung – fast. Das Einzige, was sie wahrnahm, waren seine Augen, die Umrisse seines Körpers in der grauen Dunkelheit, die keuchenden Atemzüge, die Geräusche ihrer Bewegungen. Und ihre eigenen atemberaubenden Empfindungen.

Sie kam gleichzeitig mit ihm. Großer Gott.

Nach dem Höhepunkt hielt er sie fest, bis sich ihre Atemzüge verlangsamten. Dann erst öffnete sie die Beine, die noch immer seine Hüften umschlungen. Er ließ sie an sich nach unten gleiten, bis ihre Füße den Boden berührten. Kate hatte ganz weiche Knie und fühlte sich so schwach, dass sie kaum stehen konnte.

Mit heiserer Stimme stieß Damon hervor: „Wo hast du …“ Sein Handy summte. „Entschuldige“, bat er widerstrebend und fahndete in seiner Gesäßtasche nach dem Telefon, während er mit der anderen Hand, ihre Brust streichelte. „Ja?“

Sie sah, wie sich sein Gesichtsausdruck veränderte und sein Blick sich verhärtete. Das Kinn wirkte wie aus Stein gemeißelt. „Und wo zum Teufel ist es dann?“ Abrupt ließ er von ihr ab und sagte: „Warte hier. Ich bin gleich wieder da.“ Mit schnellen Schritten durchquerte er das Zimmer und öffnete die Tür zum Bad. „Schön, dann setzen Sie sich mit ihm in Verbindung.“ Pause. „Ach, vergessen Sie’s, ich kümmere mich selbst darum.“ Im Bad flammte Licht auf, und Kate blinzelte geblendet, bis er die Tür hinter sich ins Schloss zog.

Schlagartig war alles anders. Mit Macht kehrte ihre Vernunft zurück. Kate lehnte sich gegen die Wand und befestigte mit zitternden Händen eilig ihren Schleier wieder, für den Fall, dass er bei seiner Rückkehr hier ebenfalls Licht machte. Dann bückte sie sich, tastete im Dunkeln nach ihren Sandaletten und schlüpfte hinein.

Oh, Gott, was war da eben passiert?

Nimm’s einfach mit, wenn dir danach zumute ist, Kate. Genau das war passiert. Sie hatte es mitgenommen. Und jetzt ließ es sich nicht mehr ändern. Was um Himmels Willen hatte sie getan? Mit einem Mann, den sie praktisch nicht kannte?

Sie wusste nicht einmal seinen Namen.

Vor Entsetzen schloss sie die Augen. Ihr gesunder Menschenverstand schien sie im Stich gelassen zu haben. Gib einfach Shakira die Schuld und denk nicht mehr dran – vorerst jedenfalls.

Als Erstes musste sie hier weg. Und zwar sofort.

An der Garderobe des Hotels ließ sie sich ihre Tasche geben und schlüpfte am Pförtner vorbei nach draußen in die frische Nachtluft.

Auf dem Weg zu ihrem Auto schickte sie Sheri-Lee eine SMS, dass sie wegen eines unerwarteten Zwischenfalls – nichts Schlimmes – leider wegmusste. Noch nie in ihrem Leben hatte sie etwas so Verrücktes, etwas so Verantwortungsloses getan. Ein eisiger Wind vertrieb alle verbliebene Hitze aus ihrem Körper. Noch nie hatte sie mit einem Mann einfach so Sex gehabt.

Ohne eine Beziehung, die auf gegenseitiger Achtung, Aufrichtigkeit und Zuneigung gründete.

Aber bei diesem Typen hatte sie nach einem einzigen Blick von ihm all ihre Grundsätze vergessen. Er hatte einen anderen Menschen aus ihr gemacht. Ein seltsames Gefühl stieg in ihr auf, sie fröstelte.

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