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Nachhilfe in Sachen Flirten

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1. KAPITEL

Eigentlich hatte Alice Ford in der Schublade des zusätzlichen Schreibtischs im Büro nur nach einem Stift gesucht, um die Telefonnotiz aufzunehmen, doch sie fand die sprichwörtliche Bombe.

Ihre Laune war ohnehin schon auf hundertachtzig, weil das ganze Team noch immer nicht vom Lunch zurück war. Somit war sie de facto zum Telefondienst abkommandiert, obwohl sie eigentlich genau jetzt ein Meeting leiten sollte, wie man den größten Kunden, den Innova Brand Management je gewonnen hatte, am besten betreute.

Im Gegensatz zu ihrem eigenen Platz, wo Ablagekorb, Stiftbecher, To-do-Liste und Terminkalender für minutiöse Ordnung im Arbeitstag sorgten, war dieser Schreibtisch hier das reinste Chaos. Er wurde von jedem mehr oder weniger als Müllhalde benutzt. Von einem Stift keine Spur … und jetzt hatte sie auch noch Krümel unter den Fingernägeln. Igitt!

Frust brodelte auf, als sie den Notizzettel überflog. Auf den ersten Blick eine harmlos wirkende Tabelle, die Namen der Kollegen, daneben Zahlen. Irritiert erkannte sie, was das sein sollte.

Schon wieder eine Bürowette.

Was war nötig, um in diesem Laden eine anständige Arbeitsmoral zu etablieren? Mit gutem Beispiel voranzugehen reichte offenbar nicht.

Sie überflog die Namen. Lange nicht das gesamte Büro war hier vertreten, aber die üblichen Verdächtigen. Ausschließlich männlich. Die Herren frönten also wieder ihrem Höhlenmenschenerbe.

Vielleicht ging es ja um Roger aus der Buchhaltung. Alice hatte gehört, dass er den nächsten Versuch startete, mit dem Rauchen aufzuhören …

Dann jedoch las sie die Überschrift auf dem Blatt, und das kalte Grausen packte sie. Gleichzeitig jagte das Gefühl von Erniedrigung ihr das Blut in die Wangen.

Wer landet als Erster bei Eiskönigin Ford? Beweis erforderlich. Bei einem Patt wird der Pott zu gleichen Teilen aufgeteilt.

Alice schluckte. Sie presste die Nägel in die Handballen, um die Wuttränen zurückzudrängen.

Zwei Dinge waren sonnenklar: Ihre männlichen Kollegen schlossen Wetten über den erbärmlichen Zustand ihres Liebeslebens ab. Und: Der Ruf, den sie geglaubt hatte zu haben, war pure Einbildung.

Statt dass man zu ihr als leuchtendem Beispiel aufsah, betrachtete man sie hier nur als vertrockneten Blaustrumpf – so sehr, dass man sogar bereit war, Geld auf sie zu setzen. Beweis erforderlich? Wie sollte der denn aussehen?

Sie hatte gedacht, dass sie die Erniedrigung hinter sich gelassen hatte. Nach drei Jahren selbst auferlegtem Singlestatus war sie überzeugt gewesen, dass sie jede Facette ihres Lebens neu arrangiert und unter Kontrolle hatte. Im Leben einer Karrierefrau tauchte ein Mann auf der Prioritätenliste nicht auf.

Doch es schien, dass ihr die Erniedrigung bis nach London gefolgt war.

Alice Ford war zum Gespött der Allgemeinheit geworden.

Mal wieder.

Harry Stephens sah sich in der Bar um. Soeben hatte er dem gesamten Team eine Runde spendiert. Falsch – fast dem gesamten Team. Trotz der Präsentation, die sie erstellt hatte, um den wirklich beachtlichen Auftrag einzufahren, glänzte Alice Ford wie üblich durch Abwesenheit.

Mit seinem Drink bahnte er sich den Weg durch die volle Bar, nickte dabei den Kollegen lächelnd zu. Dankbarerweise hatte Arabella einen Tisch gleich beim Ausgang gewählt. Perfekt. Denn er hatte vor, sich nach seiner kleinen Ansprache bei der erstbesten Gelegenheit zu verabschieden.

„Harry!“, rief sie erfreut, als er sich dem Tisch näherte – so laut, dass sich Köpfe drehten. Die drei Junior-Assistentinnen, die bei ihr saßen, sahen ihm interessiert entgegen. Der Rotschopf war ein Neuzugang und auf jeden Fall einen zweiten Blick wert. Aber nicht heute. Er würde sie sich jedoch merken, als zukünftige Option.

Arabella drehte eine lange blonde Strähne um ihren Finger und lächelte ihm zu. Dieses offenkundige Anhimmeln war nicht das Einzige, was ihn nervös machte. Sie hatte ihm heute auch schon ein halbes Dutzend Textnachrichten geschickt, die im Licht folgender Fakten zu verstehen waren:

1. Sie war erst um sieben heute Morgen aus seinem Bett gestiegen.

2. Jetzt war es Mittag.

Und 3. Sie arbeiteten im selben Gebäude.

Die immer drängender werdenden Nachrichten und dieses freudige Lächeln sagten ihm alles, was er zu wissen brauchte: Es war höchste Zeit, nach dieser einen Nacht den Schlussstrich zu ziehen.

Schnell und sauber, bevor sie sich noch einredete, es wäre mehr gewesen als Sex. Wenn er das weiterlaufen ließ, würde es nur zu allen möglichen Problemen führen, wie er aus Erfahrung wusste. Das konnte er wirklich nicht gebrauchen.

Am Tisch griff er in seine Jackentasche. „Die hattest du bei mir liegen lassen.“

Er hielt ihr ihre Ohrringe hin, doch sie nahm sie nicht, zog nur eine Augenbraue in die Höhe.

„Ich hab’s erst bemerkt, als ich schon im Büro war. Ich dachte, ich würde sie beim nächsten Mal, wenn ich bei dir bin, mitnehmen. Vielleicht heute Abend … Hast du meine Nachrichten bekommen?“

Sie blickte ihn erwartungsvoll an, und er konnte genau den Moment erkennen, wann es bei ihr klickte. Sie würde seine Wohnung nicht noch einmal von innen sehen.

Das Lächeln schwand, sie stand auf, zwängte sich an dem Rotschopf vorbei und stellte sich neben ihn, nahe bei der Tür. Er hielt ihr wieder die Ohrringe hin, und dieses Mal nahm sie sie ihm aus der Hand.

Sie versuchte sich an einem souveränen Lächeln, das ihr aber nicht richtig gelang. „Was ist los, Harry?“

„Nichts ist los. Die letzte Nacht war toll, aber ich hatte dir gesagt, dass ich kein Interesse an etwas Festem habe. Ich halte es für besser, wenn wir es dabei belassen. Wir sind Arbeitskollegen.“ Er machte eine Pause. „Lass uns Freunde bleiben.“

Mit dem „Freunde“ verlangte er wohl zu viel von ihr, das war deutlich an ihrer Miene abzulesen.

„Du gibst mir den Laufpass? Nach einer Nacht?“

Das Beben in ihrer Stimme war nicht zu überhören. Oh ja, er hatte genau richtig entschieden, besser gleich aus der Sache herauszukommen.

„Wir wussten doch beide, dass es nur ganz locker war.“ Nun, er hatte es gewusst, aber wenn er jetzt ihr Gesicht so sah …

Sie öffnete den Mund, schien diskutieren zu wollen, aber das war keine gute Idee, die Erfahrung hatte er bereits hinter sich. Freundschaftlich drückte er ihren Arm, achtete darauf, dass er ihr dabei nicht zu nahe kam.

„Ich muss wieder ins Büro. Danke für eine schöne Nacht.“

Er sah zu, dass er davonkam, auch wenn er sich nichts vorzuwerfen hatte. Schließlich war er von Anfang an ehrlich gewesen. Dass Arabella sich mehr erhofft hatte, dafür war er nicht verantwortlich.

Die Telefone klingelten sich heiß, aber Alice hörte den Lärm gar nicht. Ihr Blick glitt zum Ende der Seite. Seite 1. Da gab es also noch mehr?

Sie drehte das Blatt um. Nichts, leer. Im nächsten Moment kramte sie hektisch in der Schublade, förderte verklebte Bonbonpapierchen zu Tage, mehrere Schokoriegelverpackungen und ein altes Sandwich. Angewidert ließ sie alles auf den Boden fallen. Wenn es eine zweite Seite gab, auf der noch mehr Teilnehmer standen, wollte sie es verdammt noch mal wissen!

Schweißperlen traten ihr auf Stirn und Oberlippe. Atemlos stemmte sie die Hände in die Hüften und trat von dem Schreibtisch zurück.

Nichts.

Aber das reichte auch.

Sie las die Namen auf der Liste noch einmal. Die Welle der Übelkeit, die sie bisher unter Kontrolle gehalten hatte, schwoll zu voller Größe an. Diese Namen … das waren alles Leute, mit denen sie tagtäglich zusammenarbeitete. Leute, die sie für vertrauenswürdige kollegiale Mitarbeiter gehalten hatte. Leute, von denen sie gedacht hatte, sie würden sie mögen und respektieren. Sie war den ganzen weiten Weg gegangen, hatte sich zusammengerauft und ein neues Leben für sich aufgebaut, nur damit man sich wieder über sie lustig machte.

Die bittere Galle, die ihr in den Mund stieg, schmeckte genauso wie damals. Damals waren es Fotos gewesen, die sogenannte Freunde ins Internet gestellt hatten. Heute war sie zum Objekt einer Wette geworden. Unterm Strich kam das Gleiche heraus: Die Leute amüsierten sich auf ihre Kosten. Jäh aufsteigende Tränen ließen ihre Sicht verschwimmen, ein erstickter Schluchzer arbeitete sich ihre Kehle hoch.

Am anderen Ende des Großraumbüros war plötzlich das Surren des Aufzugs zu hören.

Ruckartig hob sie den Kopf. Das Team kam zurück! Über dreißig Leute würden jetzt ins Büro strömen und Alice Ford als ein in Tränen aufgelöstes Nervenbündel vorfinden, mit laufender Nase und rot geränderten Augen.

Die Erniedrigung erreichte ungeahnte Höhen.

Sie musste hier raus. Nein, ihre Kollegen sollten nicht Zeuge ihres Zusammenbruchs werden. Sie brauchte eine ruhige Ecke, wo sie sich sammeln konnte …

In Panik sah sie sich um. Es gab nur eine Möglichkeit …

Welch Klischee! Alice Ford, ehrgeizige Karrierefrau, stand davor, auf ein Häufchen Elend in der Damentoilette reduziert zu werden.

Nichtsdestotrotz stolperte sie in ihren eleganten Pumps auf die Tür zu, wand sich zwischen den Schreibtischen hindurch, stieß sich schmerzhaft mehrmals an den scharfen Ecken und warf auf ihrer Flucht auch noch einen Papierkorb scheppernd um. Fast hätte sie die Tür erreicht, als das leise „Ping“ die Ankunft des Lifts ankündigte und die Türen aufglitten.

Wäre sie nur ein, zwei Sekunden schneller gewesen, hätte Harry Stephens nur noch die zufallende Tür der Damentoilette gesehen. So jedoch erhielt er den vollen Blick auf ihr Gesicht, als sie sich an ihm vorbeischob. Und der Spiegel im Waschraum zeigte ihr auch, was er gesehen hatte: rote Augen, Triefnase und einen Chignon, der, normalerweise makellos, jetzt aussah wie ein Rattennest.

Das Klopfen an der Tür ließ sie zusammenzucken.

„Alice?“

Sie ignorierte ihn.

„Alice! Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“

Wenn sie sich ganz still verhielt, würde er dann aufgeben? Sie stützte sich auf den Waschbeckenrand.

„Sandra ist noch unten, ich hole sie“, hörte sie ihn durch die Tür.

Sandra. Die zickige Marketing-Assistentin, die bei Alices Beförderung zum Account Manager übergangen worden war. Nein danke, die Frau würde sie lieber heute als morgen tot sehen. Sie konnte sich schon genau das falsche Lächeln und das geheuchelte Mitgefühl vorstellen, sollte sie Alice in diesem Zustand gegenüberstehen.

Die Vorstellung reichte, um sie zu einer Antwort zu bewegen.

„Alles bestens.“ Selbst für ihre eigenen Ohren hörte sich das albern an, wenn sie den typischen nasalen Ton vom Weinen hatte. „Ich brauche Sandra nicht. Auch sonst niemanden. Mir geht es gut.“

Jetzt war er es, der nicht auf sie einging. „Nein, Ihnen geht es nicht gut. Was ist los? Kann ich Ihnen vielleicht helfen?“

Sich vorzustellen, dass sie sich ausgerechnet an der Schulter des Mannes über ihr Liebesleben – oder den Mangel desselben – ausheulen würde, der sich durch das gesamte Büro schlief, reizte sie zu einem hysterischen Lachen. „Lassen Sie mich in Ruhe, und gehen Sie.“

„Nicht eher, bis ich weiß, dass Sie okay sind.“

Die Sorge, die seine Stimme so tief und leise machte, war natürlich nur vorgespielt. Harry Stephens war nicht der Typ für Sorgen. Als Leiter der Grafikabteilung vollbrachte er kreative Glanzleistungen im Berufsleben und verursachte kleine Katastrophen im Privaten. Jedes weibliche Wesen in diesem Gebäude hatte wohl irgendwann in die dunkelblauen Augen gesehen und geglaubt, bei ihr würde alles anders sein. Bisher war das noch nie der Fall gewesen.

Alice suchte gerade verkrampft nach einer Erwiderung, die ihn ihr vom Hals schaffen würde, als sie die Außentür gehen hörte. Der Mann besaß doch tatsächlich die Unverschämtheit und Arroganz, ihr in die Damentoilette zu folgen.

„Sie können nicht einfach hier hereinkommen!“, kreischte sie.

„Das bin ich doch schon. Und da ich nicht eher gehe, bis ich mich überzeugt habe, können Sie auch sofort damit rausrücken.“

Sie hörte den Korbstuhl quietschen. Er machte es sich also gemütlich. Am liebsten wäre sie vor Scham im Boden versunken. Er hatte einen Blick auf die echte Alice Ford erhascht, die hinter der Fassade der nüchternen und beherrschten Karrierefrau. Und sie hatte doch so hart für dieses Image gearbeitet. Sie massierte sich die Schläfen. Da meldeten sich massive Kopfschmerzen an.

„Es ist nichts“, murmelte sie. „Hängt mit der Arbeit zusammen.“

Ein Kommentar, der wohl die meisten Leute davon abgehalten hätte, noch weiter zu drängen. Doch Harry gehörte eben nicht zu den meisten Leuten. „Na, wenn es mit der Arbeit zu tun hat, kann ich garantiert helfen. Einer Kollegin helfe ich immer gern.“

„Können Sie nicht einfach gehen?“

Dieser flehende Ton zerrte unerwarteterweise an ihm. Überrascht schüttelte er sich leicht. Allerdings hielt er nicht viel von weinenden Frauen, also war seine Reaktion wohl doch nicht so verwunderlich. Bei überfließenden Emotionen achtete er auf Abstand. Mied sie wie die Pest.

Nur … hier tat sich auch eine Chance auf.

Alice Ford war im Moment das Objekt einer Bürowette. Eigentlich ein harmloser Zeitvertreib, dennoch für alle Wettteilnehmer eine höchst ernste Angelegenheit. Und natürlich hatte er auch gesetzt, und zwar eine nicht unerhebliche Summe. Schließlich gedachte er die Wette zu gewinnen. Er hatte nur auf den richtigen Zeitpunkt gewartet. Der jetzt gekommen war.

„Nein“, weigerte er sich schlicht.

Er hörte das erstickte Schluchzen, und bevor es ihm überhaupt bewusst war, sprang er auf und stellte sich vor die Kabinentür. „Kommen Sie schon, sagen Sie mir, was passiert ist“, ermunterte er sie mit leiser Stimme. „Ärger mit der Familie? Ich weiß, wie schlimm das sein kann.“ Und zwar so genau, dass „Familie“ ganz oben auf seiner Prioritätenliste stand, wenn es um die Dinge ging, an die er nicht denken wollte.

„Nein“, murmelte sie hinter der Tür.

„Dann mit dem Freund?“

Eine perfide Frage, und er wusste es. Schließlich hieß es, dass sie seit Jahren keinen Freund mehr gehabt hatte. Deshalb ja auch die Wette. Aber es konnte nichts schaden, das aus ihrem Mund bestätigt zu bekommen.

„Sie haben nicht die geringste Ahnung!“, tönte es böse hinter der Tür. „Sie mit Ihrer ‚Das Leben ist eine Konfetti-Parade‘-Einstellung!“

„Na, dann klären Sie mich auf. Hat irgendein Typ Sie versetzt? Dann ist er ein Trottel.“ Schmeicheleien waren immer ein guter Ansatzpunkt.

Sie schnaubte verächtlich. „Machen Sie sich lustig über mich?“

„Nein. Ich nahm nur an, dass Frauen meistens wegen eines Typen heulen.“

„Bei Ihnen kann ich mir das lebhaft vorstellen. Sie müssen ja überzeugt sein, dass Ihretwegen ganze Meere von Tränen vergossen werden.“

Darauf ging er nicht ein. „Wenn Sie nicht wegen eines Mannes am Boden zerstört sind, weshalb dann?“

„Lassen Sie mich doch einfach in Ruhe!“

„Nein.“ Wenn er nur noch ein bisschen drängte … „Erst sagen Sie mir, was los ist.“

Als Antwort kam ein frustrierter Aufschrei, von innen wurde mit der Faust gegen die Tür geschlagen. Verblüfft wich er einen Schritt zurück.

„Also gut! Ja, es geht um Männer. Plural wohl bemerkt! Sie glauben, ich heule, weil ein Typ mich fallen gelassen hat? Seit drei Jahren war ich mit niemandem mehr zusammen. Machen Sie nur, amüsieren Sie sich darüber!“ Und immer wieder von Schluchzern unterbrochen, gab sie noch mehr Details preis: „Es ist nicht so, dass ich nicht mit einem Mann zusammen sein will, ich habe nur keine Lust auf den ganzen Albtraum. Da investiert man Zeit und Energie und auch Gefühle, nur um dann ein paar Monate später einen Tritt versetzt zu bekommen. Ich werde ewig allein bleiben und zu einer von diesen Frauen werden, die sich mit Katzen umgeben, und dann riecht das ganze Haus nach den Viechern. Und meine biologische Uhr tickt lauter und lauter.“

Er konnte sein Glück kaum fassen. Der pure Zufall hatte ihn mit unschätzbarem Insiderwissen ausgestattet. Er musste sich jetzt den nächsten Schritt genau überlegen. Alice war als Workaholic bekannt, aber jetzt wusste er, dass es nicht das war, was sie eigentlich wollte. Und das würde er zu seinem Vorteil nutzen – um die Wette zu gewinnen und den Ruhm einzuheimsen.

Sie brauchte nur ein wenig Ermunterung.

„Alice, hören Sie zu“, begann er leise, und in Alices Magen begann es plötzlich zu flattern. Trotz ihres Emotionsgaus war sie scheinbar genauso empfänglich für seinen Charme wie der Rest der weiblichen Belegschaft, der völlig hingerissen von der Dunkle-Haare-blaue-Augen-durchtrainierter-Körper-Kombination war.

Ihr blieb der Vorteil, dass sie denken konnte. Und diesen Typus Mann kannte sie zur Genüge.

„Sie müssen öfter ausgehen, das ist alles“, sagte er.

„Sie meinen, so wie Sie?“ Verärgert riss sie die halbe Toilettenpapierrolle ab und wischte sich unwirsch die Tränen vom Gesicht. „Ihr Gesellschaftsleben ist das Tagesgespräch in der Postzentrale. Den Gerüchten zufolge sind Sie nur unterwegs. Man wundert sich, wie die Bürostunden noch in Ihren Terminkalender hineinpassen. Haben Sie sich jemals die Frage gestellt, wozu das alles gut sein soll?“

Auf der anderen Seite der Tür herrschte einen Moment lang verdutztes Schweigen. Dann: „Es geht darum, Spaß zu haben. Hören Sie, ich will doch nur sagen, dass das Leben nicht ausschließlich aus Arbeit besteht. Wann sind Sie das letzte Mal ausgegangen? Zu einem Drink, einem Dinner?“

„Natürlich gehe ich aus“, verteidigte sie sich. Böse starrte sie auf die Tür, sah genau vor sich, wie er dahinterstand: sein wirres dunkles Haar, sein unbeschwertes Grinsen, das Lachfältchen in seine Augenwinkel grub und ihm eine endlose Folge von Freundinnen bescherte. Dann blitzte ein anderes Bild vor ihr auf: sie auf dem Sofa, Kater Kevin zu ihrer einen Seite, den Aktenstapel zur anderen, den Laptop auf den Knien und die Box mit allen Staffeln von CSI auf dem Fernseher. Ein Bild, das von jedem Tag dieser Woche stammen könnte. Verdammt, von jedem Tag des Jahres.

„Wann? Mit wem?“

„Wer sind Sie? Mein Vater? Natürlich treffe ich mich mit anderen.“

„Dann treffen Sie sich doch auch mit mir“, schlug er mit lockender Stimme vor, und prompt setzte dieses Flattern wieder bei ihr ein. Sie presste die Hand auf den Magen.

„Alice?“

Jetzt begann auch noch ihr Puls zu rasen. „Was?“

Seine Stimme war so nah, er musste wirklich direkt vor der Tür stehen. „Wenn Sie sich schon lange nicht mehr verabredet haben und mit dem Gedanken spielen, sich da draußen wieder umzusehen …“

„Das habe ich nicht gesagt!“ Oh Gott, was hatte sie sich nur dabei gedacht, vor ihm ihre geheimsten Ängste herauszuposaunen? Im besten Fall würde er sich jetzt mit den anderen königlich darüber amüsieren, dass die Eiskönigin sich die Augen aus dem Kopf heulte, weil sie Single war. Im schlimmsten Fall gab es tatsächlich eine Seite zwei bei der Wette, auf der sein Name mit einem Rieseneinsatz notiert war.

Er klang aber irgendwie ehrlich, so als würde er sie verstehen. Ihr wurde plötzlich ganz flau.

„Wenn Sie daran dächten …“

Oh bitte! Wurde sie etwa wirklich schwach, und das ausgerechnet bei Harry Stephens? Hatte sie denn überhaupt nichts gelernt? Spielte ihr Körper jetzt verrückt wegen Londons größtem Schürzenjäger? Das musste daran liegen, dass sie den Wettschein gefunden hatte. Der hatte ihren Schutzmechanismus völlig durcheinandergebracht.

„… könnten wir vielleicht zusammen auf einen Drink gehen.“

„Ich mit Ihnen?“ Die Frage explodierte regelrecht über ihren Lippen. Eine lachhafte Vorstellung.

„Wissen Sie, Ihre Heiterkeit könnte man auch als Beleidigung auffassen“, bemerkte er.

„Nein danke.“ Das war ihre Standardantwort. Erklärung unnötig.

Sie konnte an einer Hand abzählen, wie oft Mitarbeiter sich gewagt hatten, die professionelle Distanz zu brechen, die sie zwischen sich und ihren Kollegen hielt. Wenn sie darüber nachdachte … zwei Mal war sie im letzten Monat um ein Date gebeten worden. Ihre Wangen begannen zu brennen. Jetzt wusste sie auch, warum – weil da ein nettes Wettsümmchen auf denjenigen wartete, der bei ihr landete. Und erneut fragte sie sich, ob Harry ebenfalls dazugehörte.

„Natürlich können Sie. Ein Drink, mehr nicht. Eine Stunde. Sogar Sie können eine Stunde erübrigen.“

„Ich habe zu tun“, sagte sie. „Außerdem verabrede ich mich nicht.“

In Harry Stephens Welt war ein Nein gleichzusetzen mit einem Vielleicht. Man musste nur den richtigen Hebel finden. Klein anfangen, ihr die Idee einflößen, dass er Teil der Lösung war, nicht das Problem. „Hören Sie sich einfach meinen Vorschlag an.“

„Welchen Vorschlag?“

Ihre Stimme klang jetzt nicht mehr verzweifelt, sondern interessiert. Er konnte regelrecht die Rädchen in ihrem Kopf rattern hören, weil er den sachlichen Arbeitstonfall getroffen hatte.

„Ich bin genau der, den Sie brauchen. Ich kann Ihnen helfen, sich da draußen wieder zurechtzufinden.“

2. KAPITEL

Von innen wurde das Schloss gedreht, und dann stand Alice vor Harry. Die Tränen waren getrocknet, ihr Gesicht war nicht mehr rot, sondern sie sah blass und müde aus. Die Strähnen, die sich aus dem Chignon gelöst hatten, standen wirr in alle Richtungen. Mit einem großen Schritt trat sie um ihn herum und ging zum Waschbecken. Harry sah im Spiegel, wie sie ihrer Reflexion eine Grimasse schnitt.

Dann blickte sie wieder zu ihm, und ein Prickeln lief über seinen Rücken, als sie die Augen leicht zusammenkniff. Er wunderte sich über seine Reaktion, aber das war sicher nur deshalb, weil Verletzlichkeit so untypisch für Alice Ford war. Die Frau war immer absolut professionell. Es war Verwunderung, mehr nicht.

„Was meinen Sie damit – Sie sind der, den ich brauche?“

Die Arme hielt sie vor der Brust verschränkt, während sie ihn misstrauisch musterte. Es würde wohl schwerer werden als gedacht, sie zu überzeugen. Aber von „schwer“ hatte Harry sich noch nie einschüchtern lassen.

„Ich biete Ihnen meine Dienste an“, sagte er.

Sie sah ihn an, als hätte er den Verstand verloren. „Ihre Dienste? Und wie genau soll das aussehen?“

Mit einem Schulterzucken lehnte er sich lässig an die Wand. „Als jemand, der ausreichend Erfahrung da draußen mit Verabredungen hat.“ Er ignorierte ihr zynisches Lächeln. „Statt allein in eine Bar oder ein Restaurant zu gehen, begleite ich Sie. Sie haben doch angedeutet, dass Sie ein wenig eingerostet sind, was Dating angeht, und wieder bei null anzufangen kann manchmal einschüchternd sein. Ich kenne all die Lokale, wo man am besten neue Leute trifft. Welcher Trottel auch immer Sie so schlecht behandelt hat, dass Sie drei Jahre nicht mehr …“

„Wer sagt denn, dass das der Grund ist?“, unterbrach sie ihn fauchend, was ihn prompt aufhorchen ließ. „Ich habe mich auf meine Karriere konzentriert, das ist alles. Ich brauche keine Hilfe von Ihnen.“

„Schon gut, schon gut.“ Beschwichtigend hielt er die Hände vor sich hoch. „Nichtsdestotrotz waren Sie eine Weile aus dem Verkehr. Aus dem gesellschaftlichen Leben, wie man Leute kennenlernt.“

„Natürlich lerne ich Leute kennen!“

„Beruflich, sicher. Aber wie sieht es damit aus, jemanden für den Spaß kennenzulernen?“

Er verfolgte mit, wie ein Hauch Rot über ihre Wangen zog. Ja, er machte sie nervös. Das gefiel ihm. „Überlegen Sie doch mal. Ein paar unverbindliche Verabredungen mit mir, und Sie sind wieder auf dem Laufenden. Das Eis ist gebrochen, und Sie haben ein paar Leute kennengelernt, mit denen Sie über etwas anderes als die Arbeit reden können.“ Er blinzelte ihr zu. „Ihr Problem ist gelöst, und niemand braucht etwas von unserer Abmachung zu erfahren.“

Bei dem letzten Satz flackerte kurz Erleichterung in ihrem Blick auf. Dann zuckte ein skeptisches Lächeln um ihre Mundwinkel. „Mal angenommen, ich würde mich darauf einlassen … wie geht es weiter, wenn ich wieder ‚da draußen‘ bin?“

„Dann nimmt alles seinen natürlichen Verlauf. Wir trennen uns, und Sie machen allein weiter, unter eigener Regie und mit voller Kontrolle.“ Er spreizte die Finger vor sich, hoffte, dass es vertrauenerweckend wirkte. „Also überhaupt kein Risiko.“

Sie warf ihm einen amüsierten Blick unter langen dunklen Wimpern hervor zu, und erstaunlicherweise erhöhte sich sein Puls. Wenn man hinter die Fassade der steifen Kollegin blickte, war sie eigentlich richtig umwerfend.

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