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Nachhilfe in Leidenschaft

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1. KAPITEL

Samstagabends war im Silver Dollar Saloon stets der Teufel los. Aufmerksam ließ Dylan Kavanagh den Blick über die Gäste schweifen. Dort an Tisch sechs saß ein frisch verheiratetes Paar. Da hinten ein Gewohnheitstrinker, der sicher schon bald an die Luft befördert werden musste. Und dort vorne ein Jugendlicher, der so nervös wirkte, als hätte er beim Alter geschummelt, um sich Zutritt zum Saloon zu verschaffen.

Mit anderen Worten – die üblichen Verdächtigen, die in Dylans nostalgischer Westernbar Drinks bestellten und Erdnüsse knabberten.

Die unberührte Natur des westlichen North Carolina zog Menschen aus aller Welt an. Neben Erholungssuchenden schätzten übrigens auch namhafte Regisseure die beeindruckende Naturkulisse als Drehorte für ihre Filme.

Allerdings war Dylan ziemlich gleichgültig, ob sich Hollywoodstars in seiner kleinen Heimatstadt tummelten. Dafür waren seine Erfahrungen mit der Welt des Glamours viel zu schmerzvoll.

Plötzlich wurde seine Aufmerksamkeit von einer Dame mit einem pinkfarbenen Top angezogen, die ziemlich hastig einen Drink nach dem anderen hinunterkippte. Überrascht fragte er sich, warum sein Barkeeper noch nicht eingegriffen hatte.

Stirnrunzelnd bahnte er sich einen Weg durch das Gedränge und tippte Rick an die Schulter. „Keine Drinks mehr für die Lady in Pink“, ermahnte er ihn. „Die hat schon mehr als genug.“ Die Frau wirkte irgendwie verzweifelt, und aus Erfahrung wusste Dylan, dass sich so etwas selten gut mit Alkohol vertrug.

Beruhigend lächelte Rick seinem Chef zu, während er nebenbei weiter unablässig Cocktails mixte. „Keine Sorge, Boss. Sie hatte nur alkoholfreie Erdbeercocktails.“

„Ach so.“ Draußen war es ziemlich heiß und windstill, ein Abend also, an dem sich jeder gerne etwas Eisgekühltes gönnte.

„Gehen Sie doch nach Hause, Boss. Wir bekommen das schon hin“, sagte sein Barkeeper. Der große Mann mit Cowboyakzent war einfach die perfekte Besetzung für den Job hinter dem Tresen – und außerdem wie alle im Team ein echter Profi. Dylan wusste, dass er seinen Leuten voll und ganz vertrauen konnte.

Doch um die Wahrheit zu sagen – Dylan liebte das Silver Dollar. Als Zwanzigjähriger hatte er das historische Gebäude gekauft, es von Grund auf restauriert und einen der erfolgreichsten Läden in Silver Glen daraus gemacht.

Als er die Bar erworben hatte, war er bereits wohlhabend gewesen – und selbst wenn das Geschäft nicht mehr laufen sollte, würde er immer noch reich sein. Als Angehöriger der Familie Kavanagh, die Silver Glen in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts zu neuem Glanz verholfen hatte, hätte Dylan sich auch ganz bequem ein luxuriöses Leben leisten können, ohne auch nur einen Handschlag dafür zu tun. Doch seine Mutter Maeve hatte ihre sieben Jungs von Kindesbeinen an dazu angehalten, sich nie vor ehrlicher Arbeit zu drücken.

Allerdings hielt Dylan sich nicht aus diesem Grund an einem Samstagabend im Silver Dollar auf. Schließlich hatte er in dieser Woche bereits mehr als genügend Stunden in seiner Bar zugebracht. Der Grund für seine Anwesenheit war wesentlich komplizierter. Das Geschäft war sein einziger Beweis dafür, nicht auf ganzer Linie ein Versager zu sein. Trotz diverser Ausrutscher während seiner Jugend hatte er es schließlich doch noch zu etwas gebracht.

Er dachte nicht gern an diese Zeit zurück, die teilweise ein echter Albtraum gewesen war. Als ihm klar geworden war, dass er niemals auch nur annähernd solche intellektuellen Leistungen bringen würde wie sein älterer Bruder, hatte er schließlich das College geschmissen.

Ehrlich gesagt: Nirgendwo fühlte er sich heimischer als in seinem Saloon. Im Silver Dollar ging es manchmal entspannt, andere Male wieder turbulent zu – aber es war immer interessant. Niemand hier ahnte auch nur, was für ein Versager Dylan gewesen war.

Schon in der Schule war ihm das Lernen schwergefallen, aber er hatte es verstanden, seine Unsicherheit durch Unverschämtheit, verantwortungsloses Benehmen und wilde Partys zu überspielen.

Erst nachdem er dieses alte, reparaturbedürftige Gebäude entdeckt hatte, war es ihm gelungen, zur Ruhe zu kommen, und er hatte dieses Projekt mit großer Leidenschaft in Angriff genommen. Dieses Haus und Dylan ähnelten einander sehr – in beiden steckte mehr, als man auf den ersten Blick vermutete. Das Silver Dollar war schon bald mehr als nur eine Geschäftsidee für ihn gewesen, sondern vielmehr eine Art persönliche Unabhängigkeitserklärung.

Außerdem war er zurzeit ohne feste Freundin – ein weiterer Grund dafür, lieber im Saloon abzuhängen, als zu Hause langweilige Wiederholungen im Fernsehen anzuschauen. Er war ein geselliger Mensch, immer schlicht und geradeheraus – was ihn wiederum zum rätselhaften Verhalten der Frau in Pink zurückkommen ließ.

Vergiss sie, ermahnte er sich. Rick hatte recht. Er sollte besser nach Hause fahren. Trotzdem wollte er, bevor er den Saloon verließ, noch einen Blick auf diesen ungewöhnlichen und faszinierenden Gast werfen. Als der Stuhl neben der Frau mit den Erdbeercocktails frei wurde, deutete Dylan das als einen Wink des Schicksals.

Wortlos setzte er sich neben die traurig dreinblickende Frau und entdeckte erst jetzt den Säugling in ihren Armen – vermutlich ein Mädchen, wenn die rosafarbene Schleife in ihrem Haar ein sicherer Hinweis war. Das Kind schlief tief und fest.

Dylans erster Impuls bestand darin, die Flucht zu ergreifen. Hier war definitiv mehr als ein Drink nötig, um zu helfen.

Die Frau schien ihn nicht einmal wahrzunehmen, obwohl sie so dicht nebeneinandersaßen, dass sie sich berührten.

Geh schon, ermahnte Dylan sich im Stillen, doch dann stellte die schlanke Frau das Glas auf den Tresen und seufzte herzerweichend. Bestimmt wird sie gleich zu weinen beginnen, dachte Dylan entsetzt.

Nichts auf der Welt jagte ihm einen größeren Schrecken ein als die Tränen einer Frau – in dieser Hinsicht war er ein ganz normaler Vertreter seines Geschlechts. Er war ohne Schwestern aufgewachsen, und seine Mutter hatte er das letzte Mal bei der Beerdigung seines Dads weinen sehen. Das war schon viele Jahre her.

Doch irgendetwas hielt ihn davon ab, einfach aufzustehen und zu gehen – vermutlich irgend so ein lästiger ritterlicher Ehrenkodex. Oder vielleicht auch der verführerische zarte Duft nach wilden Rosen, der die Fremde einhüllte.

Verlegen sah er unauffällig zu ihr hinüber. Die Fremde war etwa mittelgroß, trug eine kakifarbene Hose, ein pinkfarbenes Top und darüber eine zartrosa Hemdbluse. Das dunkelbraune Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz hochgesteckt, was ihr hübsches Gesicht mit dem eigensinnig wirkenden Kinn reizend betonte.

Irgendwie kam sie ihm bekannt vor – sie sah ein wenig aus wie die Schauspielerin Zooey Deschanel. Allerdings wirkte sie völlig erschöpft und hatte die linke Hand auf dem Tresen zur Faust geballt. Kein Ehering. Das konnte allerdings alles Mögliche bedeuten.

Steh auf und geh.

Sein Unterbewusstsein versuchte wirklich, ihm zu helfen, keine Frage. Doch manchmal musste ein Mann eben tun, was ein Mann tun musste. Also beugte er sich ein Stück zu der Fremden hinüber und versuchte, die laute Musik und das Stimmengewirr zu übertönen. „Entschuldigen Sie, Ma’am. Ich bin Dylan Kavanagh, der Besitzer dieser Bar. Geht es Ihnen gut? Oder kann ich Ihnen irgendwie helfen?“

Beinahe hätte Mia die schlafende Cora fallen lassen, als sie nach all der Zeit so unvermittelt Dylans Stimme wiederhörte. Sie war in das Silver Dollar gegangen, weil sie wissen wollte, wie es Dylan in all den Jahren ergangen war, hatte aber keinesfalls damit gerechnet, ihn hier auch anzutreffen.

Verlegen sah sie ihn an. „Hi, Dylan. Ich bin’s. Mia. Mia Larin.“

Ihre Worte schienen ihn völlig aus der Bahn zu werfen, und selbst eine Blinde hätte bemerkt, wie wenig er sich über dieses Wiedersehen freute. „Liebe Güte, Mia Larin. Was hat dich denn nach Silver Glen verschlagen?“

Eine vernünftige Frage, denn als sie und Dylan die Highschool verlassen hatten, war sie aus Silver Glen fortgezogen. Dylan war achtzehn und voller Wut gewesen – sie sechzehn und voller Furcht, was das Leben für sie bereithalten mochte. Damals hatte sie als Außenseiterin gegolten, die allein durch ihren außergewöhnlich hohen Intelligenzquotienten von einhundertsiebzig aufgefallen war. Nach ihrem Schulabschluss hatte ihre Familie das Haus in Silver Glen verkauft und war an die Golfküste gezogen, weswegen Mia keinerlei Verbindung mehr zu ihrem ehemaligen Heimatstädtchen gehabt hatte.

„Ich weiß auch nicht“, erwiderte sie schulterzuckend. „Wahrscheinlich Sentimentalität. Wie geht es dir?“

Was für eine dumme Frage, denn sie sah ja, wie es ihm ging. Der ehemals hagere Junge war zu einem großen, dunkelhaarigen und umwerfend gut aussehenden Mann herangewachsen. Als sie in seine warm schimmernden braunen Augen sah, hatte sie auf einmal das Gefühl, dass Schmetterlinge in ihrem Bauch ihr Unwesen trieben.

Dylan hatte breite Schultern, kräftiges, volles Haar und einen muskulösen Körper, der vor Männlichkeit nur so zu strotzen schien. Unwillkürlich fragte sie sich, ob er immer noch der Bad Boy von damals war, dessen einziger Lebenssinn darin zu bestehen schien, Ärger anzuziehen.

Er war ihr erster und einziger Freund gewesen, der einzige Junge, den sie bis zu ihrem Universitätsabschluss geküsst hatte. Und jetzt saß er neben ihr und sah viel besser aus, als gut für ihn war.

Sein Lächeln wirkte wie ein Dolchstoß auf ihr bereits arg mitgenommenes Herz. Augenblicklich fühlte sie sich in die Schulzeit zurückversetzt. Damals war sie völlig hin und weg gewesen von Dylan Kavanagh und hatte gewusst, dass die Chancen, seine Freundin zu werden, vermutlich genauso günstig standen wie die, eine Misswahl zu gewinnen.

Auf ein Handzeichen hin brachte ein Kellner ihm ein Glas Mineralwasser. Grinsend schnippte Dylan mit einem Finger gegen ihren Pferdeschwanz. „Du bist ja erwachsen geworden“, sagte er und klang überrascht. Ihr entging nicht, dass ihm zu gefallen schien, was er sah.

Dummerweise begann ihr törichtes Herz, schneller zu schlagen. Offenbar scherte es sich nicht darum, dass sie über dreißig, im Besitz zweier Doktortitel und darüber hinaus seit zwölf Wochen Mutter war.

„Du aber auch“, erwiderte sie und versuchte erfolglos, seinem Blick standzuhalten. Zwar war sie schon längst nicht mehr das schüchterne Mädchen von einst, aber Dylan Kavanagh war nun einmal ein Mann mit überwältigender Ausstrahlung.

Nachdenklich spielte er mit dem Strohhalm in seinem Glas und betrachtete unverhohlen neugierig Cora, die glücklicherweise immer noch schlief.

„Du hast ein Kind“, stellte er fest.

„Wie bist du denn darauf gekommen, du Schlauberger?“, fragte sie, und er zuckte zusammen.

Augenblicklich wurde ihr bewusst, dass er ihre Bemerkung wahrscheinlich auf seine Vergangenheit bezogen hatte. Sie hatte ihm damals beim Lernen wegen seiner Rechtschreibschwäche geholfen. Als Zwölftklässler war es Dylan zutiefst zuwider gewesen, Hilfe von einer Klassenkameradin annehmen zu müssen – die darüber hinaus erst fünfzehn war und zwei Klassen übersprungen hatte.

„Das habe ich so nicht gemeint“, sagte sie rasch. „Es tut mir leid. Ist mir immer noch ziemlich unangenehm, ein Kind zu haben und nicht verheiratet zu sein. Meine Eltern haben sich zwar mittlerweile an die Vorstellung gewöhnt, aber es gefällt ihnen nicht besonders.“

„Und wer ist der Vater?“ Offenbar hatte Dylan ihr den unbedachten Kommentar verziehen.

„Darüber kann ich noch nicht sprechen.“

Der Mann neben ihr lachte laut und stieß dabei heftig gegen ihre Schulter. Vorsorglich schloss sie die Arme fester um ihre kleine Tochter und erkannte, dass eine Bar vermutlich nicht der beste Ort für ein kleines Kind war.

Dylan musste wohl zum selben Schluss gekommen sein, denn er umfasste ihren Arm und lächelte einladend. „Hier können wir nicht richtig reden. Lass uns doch nach oben gehen und es uns gemütlich machen. Das Apartment hat meiner Buchhalterin gehört, aber sie ist letzten Dienstag ausgezogen.“

Bereitwillig ließ Mia sich von ihm helfen und griff nach der Wickeltasche, die sie unter die Theke geschoben hatte. „Das wäre schön.“ Wahrscheinlich hätte ihr mit ihrem sagenhaften IQ eine geistreichere Bemerkung einfallen sollen, aber diese Begegnung kam ihr immer noch völlig unwirklich vor. Außerdem war sie im Umgang mit Menschen zurzeit etwas ungeübt, um es einmal vorsichtig auszudrücken. Allerdings hatte sie seit Coras Geburt keine Nacht richtig durchgeschlafen, weswegen sie nicht so streng mit sich selbst sein durfte.

„Komm mit.“ Dylan führte sie durch den Saloon durch einen Flur in den hinteren Teil des Gebäudes zu einem steilen, schwach beleuchteten Treppenaufgang. Er nahm ihr die Wickeltasche ab und bot an, auch Cora zu tragen, doch Mia widersprach.

„Das kann ich schon“, erklärte sie und versuchte kurz darauf, nicht unentwegt auf Dylans knackigen Po in der engen Jeans zu starren, als er vor ihr die Treppe hinaufging.

Sie wusste, dass der Mann vor ihr mehrfacher Millionär war. Trotzdem brachte er es fertig, wie ein ganz normaler Typ zu wirken – ein Talent, um das sie ihn auf der Highschool brennend beneidet hatte. Mia hatte nie zu einer Clique gehört. Ihre Klassenkameraden hatten das ernste und schüchterne Mädchen, das immer zwei Jahre weiter zu sein schien, nie in ihren Freundeskreis aufgenommen.

„Auf der linken Seite ist das Lager“, erklärte Dylan, nachdem sie oben angekommen waren. „Das Apartment hat, wie ich schon sagte, meiner Buchhalterin gehört. Aber sie hat sich verlobt und ist ans andere Ende des Landes gezogen. Du kannst dir bestimmt vorstellen, was für ein Chaos jetzt bei mir herrscht. Ich muss dringend jemand Neuen einstellen, oder ich habe das Finanzamt im Nacken, weil ich meine Umsatzsteuer nicht rechtzeitig bezahle.“

Er öffnete eine Tür, und nachdem Mia eingetreten war, sah sie sich neugierig in dem großzügig eingerichteten Wohnzimmer um. Helle Flecken an der Wand verrieten ihr, wo bis vor Kurzem noch Bilder gehangen hatten. „Wie lange hat sie für dich gearbeitet?“

Dylan stellte die Wickeltasche auf einem Polsterstuhl ab. „Beinahe von Anfang an. Ihr erster Mann starb und hatte sie völlig mittellos zurückgelassen. Für mich zu arbeiten war also für uns beide eine Win-win-Situation. Aber vor ein paar Monaten ist sie unten im Lokal einem Trucker begegnet, und der Rest ist Geschichte, wie man so schön sagt.“

Erleichtert setzte Mia sich auf das Sofa und legte Cora neben sich. Das Baby rührte sich nicht. „Tja, das Leben steckt voller Überraschungen.“

„Das kann man wohl sagen“, erwiderte er und setzte sich auf einen Stuhl neben sie. „Erinnerst du dich noch an meinen Bruder Liam?“

„Natürlich. Ich hatte sogar ein bisschen Angst vor ihm. Er war immer so ernst.“

„Seitdem er Zoe kennt, ist er viel lockerer geworden. Die beiden haben gerade erst geheiratet. Wahrscheinlich würdest du dich gut mit ihr verstehen.“

„Wirklich? Wieso denn?“

Offenbar war seine Bemerkung nur so dahingesagt gewesen, denn er schien nicht richtig zu wissen, was er auf ihre Frage antworten sollte. „Also, weißt du, ihr seid doch beide Frauen und so …“

Mia spürte, wie sie errötete. Das war schon immer ihr Problem gewesen – sie wusste einfach nicht, wie man ein belangloses Gespräch führte, ohne jemanden in Verlegenheit zu bringen. Hastig richtete sie Coras Decke und nutzte die Gelegenheit, Dylan dabei nicht ansehen zu müssen. Wahrscheinlich war es das Beste, wenn sie einfach ging. Doch ihr Leben war gerade so ein schreckliches Durcheinander, dass sie sich furchtbar gern einen Moment lang von dem Chaos ablenken ließ. Also sammelte sie sich, lehnte sich schließlich zurück und lächelte Dylan an. „Also, jetzt schieß mal los! Was ist in der Zwischenzeit noch so alles in Silver Glen passiert?“

Dylan verschränkte die Arme vor der Brust. „Hast du eigentlich schon was gegessen?“ Das war zwar keine Antwort auf Mias Frage, aber er hatte das Gefühl, jeden Moment verhungern zu müssen.

„Nein, noch nicht. Aber du musst dich nicht um mich kümmern.“

„Das geht aufs Haus – um der alten Zeiten willen.“ Er zog sein Handy hervor und schickte der Küche eine SMS. „Sie lassen so schnell wie möglich was raufbringen.“

„Klingt prima“, erwiderte Mia lächelnd.

Plötzlich fiel ihm wieder ein, wie sie immer leicht den Kopf gesenkt und bezaubernd gelächelt hatte, wenn ihr etwas gefallen hatte. Allerdings war es nicht unbedingt Dylans Stärke gewesen, dieses Gefühl in ihr wachzurufen. Damals hatte er die Vorstellung schrecklich gefunden, von einer Fünfzehnjährigen Hilfe annehmen zu müssen. Vermutlich hatte er Mia mehr als einmal das Leben schwer gemacht.

„Warum hast du es gemacht?“, fragte er, bevor er darüber nachdenken konnte.

Überrascht sah sie ihn an. „Was denn?“

„Mir damals Nachhilfeunterricht gegeben“, erklärte er ernst.

„Wow, Dylan, fragst du dich das jetzt wirklich zum ersten Mal?“

„Ich hatte eben eine Menge um die Ohren“, erwiderte er schulterzuckend.

„Ja, das kann man wohl sagen“, entgegnete sie. „Football, Basketball, Dates mit heißen Mädchen.“

„Das hast du mitbekommen?“

„Ich habe alles mitbekommen“, gestand sie. „Ich war damals ziemlich übel in dich verknallt.“

Bestürzt dachte er an all die kleinen Gemeinheiten, die er ihr damals angetan hatte. Obwohl er ihr insgeheim für ihre Hilfe dankbar gewesen war, hatte er sich nicht davor gescheut, Mia in aller Öffentlichkeit lächerlich zu machen. Selbst als unreifer Jugendlicher hatte er gewusst, wie sehr er ihr wehgetan hatte.

Doch er hatte ja unbedingt den Bad Boy spielen müssen.

„Ich schulde dir bestimmt eine Million Entschuldigungen“, sagte er schließlich. „Du hast wirklich alles getan, um mir zu helfen.“

„Immerhin hast du ja auch den Oberstufenkurs in englischer Literatur geschafft.“

„Ja – und das sogar, ohne zu schummeln.“

„Du hast ein Essay darüber geschrieben, weshalb du die Geschichte von Romeo und Julia so unglaubwürdig findest.“

„Na, ist sie doch auch, oder?“, verteidigte er sich. „Welcher Typ schluckt schon freiwillig Gift, wenn er einfach mit seinem Mädchen nach Vegas durchbrennen kann?“

Mia lachte und wirkte mit einem Mal wieder so jung wie das Mädchen, das Dylan von der Highschool kannte. „Es war nicht deine Schuld, dass du solche Probleme mit der Sprache hattest, Dylan. Wenn man das schon in der Grundschule erkannt hätte, dann hättest du frühzeitig die entsprechende Förderung bekommen – und bestimmt eine erstklassige Schullaufbahn hingelegt.“

„Wahrscheinlich bin ich auch selbst ein bisschen schuld daran. Ich habe schließlich immer so getan, als würde Schule mich kein Stück interessieren.“

„Damit hast du vielleicht die anderen getäuscht – mich nicht.“

2. KAPITEL

Es tat Mia weh zu sehen, wie Dylan traurig lächelte. Legasthenie stellte schon längst kein unüberwindbares Problem mehr dar, wenn man frühzeitig mit der Förderung begann. Mia wusste, dass Dylan bei allen Intelligenztests überdurchschnittlich gut abgeschnitten hatte – und wesentlich kreativer und einfühlsamer im Umgang mit anderen Menschen war als sie selbst. Er war intelligent und talentiert, doch unglücklicherweise war dies im traditionellen Schulsystem niemals erkannt worden.

„Du willst also wissen, warum ich dir geholfen habe?“, fragte sie schließlich.

„Ja.“

„Ich schätze, dafür hat es eine Menge Gründe gegeben. Zum einen haben die Lehrer mich darum gebeten. Und zum anderen habe ich mich nicht so sehr von den anderen Mädchen der Silver Glen High unterschieden. Ich wollte Zeit mit dir verbringen.“

Nachdenklich strich er sich über das Kinn. „Und das ist alles?“

„Nein.“ Es war Zeit, endlich mit der Wahrheit herauszurücken. „Ich wollte, dass du Erfolg hast. Denn ich habe die ganze Zeit über gewusst, wie sehr du es gehasst hast, dich so …“

„… dumm zu fühlen?“, schlug er verärgert vor.

Überrascht darüber, dass er anscheinend immer noch an seiner Intelligenz zweifelte, sah sie ihn an. „Liebe Güte, Dylan. Du bist ein erfolgreicher und respektierter Geschäftsmann. Du arbeitest, obwohl du es eigentlich gar nicht nötig hättest. Du hast aus dem Silver Dollar etwas ganz Besonderes gemacht. Wen kümmert es schon, dass du in der Schule Probleme gehabt hast? Wir sind doch keine Kinder mehr. Du hast mehr als genug bewiesen, was du alles kannst.“

Aufgewühlt sah er sie an. „Und was ist mit dir, Mia?“

„Ich arbeite in der medizinischen Forschung, in der Nähe von Raleigh und Durham. Mein Team und ich haben Impfstoffe für Kinder verbessert.“

„Siehst du. Und ich verkaufe Bier.“

„Jetzt sei bitte nicht albern“, erwiderte sie verärgert. „Das ist doch kein Wettbewerb.“

„Natürlich nicht. Für dich bin ich ganz bestimmt nie eine Herausforderung gewesen. Wie viele Sprachen sprichst du eigentlich?“

Sein Sarkasmus tat weh. Schließlich hatte sie nicht darum gebeten, intelligent zu sein. Um ehrlich zu sein, hatte sie sich mehr als einmal gewünscht, nicht mehr als die sprichwörtliche hübsche, etwas beschränkte Blondine sein zu dürfen. Sie sah zu der friedlich schlafenden Cora hinüber.

„Ich gehe jetzt besser“, sagte sie leise. „Glaub mir, ich hatte nicht vor, in der Vergangenheit rumzuwühlen. Es war schön, dich wiederzusehen.“

Dylan stand im selben Moment auf wie sie. „Bitte geh nicht“, sagte er beschämt. „Ich bin ein Mistkerl. Es ist ja nicht deine Schuld, dass du so ein Genie bist.“

„Ich bin eine Frau“, erklärte sie. „Und vielleicht geht es dir ja besser, wenn du erfährst, dass mein Leben ein totales Chaos ist.“ Ihre Stimme versagte, und unfreiwillig musste sie schluchzen. Jetzt konnte sie nicht mehr zurückhalten, was sich seit so vielen Stunden in ihr angestaut hatte.

Sie fühlte sich so allein und verunsichert, dass ihr kaum Luft zum Atmen blieb – und sie kam sich kein Stück intelligent vor. Im Grunde empfand sie nichts außer Panik und Verzweiflung. Beschämt schlug sie die Hände vor das Gesicht. Von allen Menschen auf der Welt musste ausgerechnet Dylan Zeuge ihres unvermeidlichen Zusammenbruchs werden!

Plötzlich spürte sie seine Hand auf ihrer Schulter. „Setz dich, Mia. Alles wird wieder gut.“

„Das kannst du doch gar nicht wissen“, widersprach sie schluchzend.

„Hier, nimm das.“ Er zog ein weißes Baumwolltaschentuch aus der Jeans hervor, das eine tröstliche Wärme verströmte, als Mia sich die Tränen damit trocknete. Immer noch fühlte sie sich ganz leer und schwach.

Behutsam zog Dylan sie aufs Sofa, und zeitgleich sahen sie zu Cora hinüber, um sich zu vergewissern, dass das Mädchen noch schlief.

„Keine Sorge“, sagte Mia und versuchte zu lachen. „Ich bekomme schon keinen Nervenzusammenbruch.“

Als er lächelte, bemerkte sie ein sexy Grübchen auf seiner Wange. „Warum erzählst du nicht einfach, was los ist?“

„Das ist eine lange Geschichte.“

„Ich habe die ganze Nacht Zeit“, entgegnete er ernst.

Er schien tatsächlich besorgt um sie zu sein, was Mia schließlich nachgeben ließ. Es konnte ja nicht schaden, die Meinung eines Unbeteiligten zu hören. Sie stand vor einer entscheidenden Weggabelung ihres Lebens und sah möglicherweise den Wald vor lauter Bäumen nicht, weil sie viel zu tief in der Sache drinsteckte.

„Okay“, sagte sie. „Du hast es ja nicht anders gewollt.“

„Fang ganz von vorne an“, schlug er vor und streckte einen seiner muskulösen Arme über die Sofalehne, sodass Mia sich seiner Nähe und seines erregenden Duftes deutlich bewusst wurde. Die Khakihose und das dunkelblaue Poloshirt, auf das der Name der Bar gestickt war, unterstrichen Dylans männliche Ausstrahlung.

Da ihre Hände zitterten, verschränkte Mia sie auf dem Schoß. „Als ich neunundzwanzig geworden bin, wurde mir klar, dass ich ein Baby will. Ich weiß, das ist voll klischeehaft, aber ich habe meine biologische Uhr wirklich ticken gehört.“

„Hat der Mann in deinem Leben genauso gedacht?“

„Zu der Zeit gab es keinen Mann in meinem Leben.“

„Und wer sollte dann der Vater werden?“

„Niemand“, erwiderte sie schlicht.

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