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Nachhaltigkeit interdisziplinär: Konzepte, Diskurse, Praktiken

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Ursula Kluwick / Evi Zemanek (Hg.)

Nachhaltigkeit
interdisziplinär

Konzepte, Diskurse, Praktiken

Ein Kompendium

BÖHLAU VERLAG WIEN KÖLN WEIMAR

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Ursula Kluwick/Evi Zemanek

1.Ideen- und Wissensgeschichte

Tobias Schlechtriemen

1.1Konzepte und Wissensformationen von Nachhaltigkeit

1.2Fallbeispiele: Analysen dreier Meilensteine der Nachhaltigkeits-debatte

1.3Fazit und Ausblick

1.4Forschungsliteratur

2.Nachhaltigkeitskommunikation

Daniel Fischer

2.1Arenen, Modi und Topoi der Nachhaltigkeitskommunikation

2.2Fallstudie: Die Bedeutung von „Nachhaltigkeit“ in deutschen Printmedien

2.3Fazit: Nachhaltigkeitskommunikation als gesellschaftliche Willensbildung

2.4Forschungsliteratur

3.Waldwirtschaft/Forstplanung

Roderich von Detten

3.1Konzepte und Diskurse der Nachhaltigkeit in der Waldwirtschaft

3.2Fallbeispiele und Praktiken: Von Hiebsätzen bis zur Klimaanpassung

3.3Fazit: Nachhaltigkeit als Praxis

3.4Forschungsliteratur

4.Nachhaltigkeitswissenschaft/Nachhaltigkeitsgouvernanz

Cordula Ott

4.1Konzepte und Genese einer Nachhaltigkeitswissenschaft

4.2Transdisziplinäre Praxis

4.3Fallbeispiele: Transformative Forschung und Transformationsforschung

4.4Fazit

4.5Forschungsliteratur

5.Landwirtschaft

Hanns-Heinz Kassemeyer

5.1Konzepte und Praktiken von Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft

5.2Fallbeispiel: Nachhaltiger Weinbau am Oberrhein

5.3Fazit und Ausblick: Probleme und Potenziale

5.4Forschungsliteratur

6.Stadt- und Raumplanung

Christian Lamker

6.1Konzepte und Diskurse nachhaltiger räumlicher Entwicklung

6.2Fallbeispiel: Flächenverbrauch und nachhaltige Entwicklung

6.3Fazit: Nachhaltigkeit war gestern – und heute?

6.4Forschungsliteratur

7.Humangeographie

Hartmut Fünfgeld/Samuel Mössner

7.1Konzepte und Diskurse der Nachhaltigkeit in der Humangeographie

7.2Fallstudien: Nachhaltigkeit und Resilienz in Münster und Melbourne

7.3Fazit und Ausblick

7.4Forschungsliteratur

8.Soziologie

Philippe Hamman

8.1Konzepte und Diskurse der Nachhaltigkeit in der Soziologie

8.2Fallbeispiele aus der Stadtsoziologie: Ökomobilität und Ökoviertel-Projekte

8.3Fazit und Ausblick

8.4Forschungsliteratur

9.Betriebswirtschaft/Nachhaltigkeitsmanagement

Rebekka Volk

9.1Konzepte und Definitionen der betriebswirtschaftlichen Nachhaltigkeit

9.2Fallstudien: Automobilindustrie und Bauprodukte

9.3Fazit

9.4Forschungsliteratur

10.Konsum- und Produktforschung

Rainer Grießhammer, Corinna Fischer, Dietlinde Quack, Franziska Wolff

10.1Konzepte von nachhaltigem Konsum und nachhaltigen Produkten

10.2Fallstudie: Die Transformationsmatrix und der Fahrradverkehr

10.3Fazit

10.4Forschungsliteratur

11.Ernährungsgeographie

Isabel Jaisli/Emilia Schmitt

11.1Konzepte von Nachhaltigkeit im Ernährungssystem

11.2Fallstudien: Lokale, regionale und globale Lebensmittelherstellung

11.3Fazit und Ausblick

11.4Forschungsliteratur

12.Tourismusforschung

Melanie Ströbel

12.1Konzepte von Nachhaltigkeit im Tourismus

12.2Fallstudie: Tourismus und Nachhaltigkeit auf Island

12.3Fazit und Ausblick

12.4Forschungsliteratur

13.Sozialanthropologie

Tobias Haller

13.1Konzepte und Diskurse der Nachhaltigkeit in der Sozialanthropologie

13.2Fallbeispiele: Fischerei in Flussfeuchtgebieten und Land-grabbing-Prozesse in Afrika

13.3Fazit und Ausblick

13.4Forschungsliteratur

14.Ethik

Torsten Meireis

14.1Konzepte und Praktiken einer Ethik der Nachhaltigkeit

14.2Fallbeispiele: Probleme bei der ethischen Beurteilung von Nachhaltigkeit

14.3Fazit und Ausblick

14.4Forschungsliteratur

15.Bildungspolitik/Didaktik

Berbeli Wanning

15.1Konzepte und Geschichte von Nachhaltigkeit in der Bildungspolitik

15.2Fallstudie: Globales Lernen als neue Praxis der Nachhaltigkeit

15.3Fazit: Probleme und Potenziale der Nachhaltigkeitsbildung

15.4Forschungsliteratur

16.Kulturwissenschaft

Gabriele Rippl

16.1Konzepte kultureller Nachhaltigkeit

16.2Fallbeispiele: Materielles und immaterielles Kulturerbe

16.3Fazit und Ausblick

16.4Forschungsliteratur

17.Popmusikforschung

Thorsten Philipp

17.1Diskurse über Nachhaltigkeit in der Popmusik

17.2Fallbeispiele: Genrespezifische Entwicklungen

17.3Fazit: Popmusik als Brennglas der Nachhaltigkeitsdebatte – Bilanz eines Aneignungsprozesses

17.4Forschungsliteratur und Auswahldiskographie

18.Kulturwissenschaftliche Pflanzenstudien (Plant Studies)

Urte Stobbe

18.1Konzepte und Diskurse der Nachhaltigkeit aus Sicht der Pflanzenstudien

18.2Fallstudien: Exemplarische Analysen

18.3Fazit und Ausblick

18.4Forschungsliteratur

19.Literaturwissenschaft

Hubert Zapf

19.1Konzepte und Diskurse der literarischen Nachhaltigkeit

19.2Fallstudien: Exemplarische Textanalysen

19.3Fazit und Ausblick

19.4Forschungsliteratur

20.Journalismus

Torsten Schäfer

20.1Konzepte journalistischer Nachhaltigkeit

20.2Fallstudien: Storytelling im Klimajournalismus

20.3Fazit und Diskussion

20.4Forschungsliteratur

21.Medienwissenschaft

Evi Zemanek

21.1Konzepte von Nachhaltigkeit in der Perspektive der Medienwissenschaft

21.2Fallstudien: Lesen auf Papier vs. Lesen am Bildschirm

21.3Fazit und Ausblick: Green Reading – nachhaltige Medienkultur?

21.4Forschungsliteratur

Beiträgerinnen und Beiträger

Register

Personenregister

Sachregister

Einleitung

Ursula Kluwick/Evi Zemanek

‚Nachhaltigkeit‘ hat sich zu einem höchst beliebten gesellschaftlichen Leitkonzept entwickelt. Forderungen nach mehr Nachhaltigkeit sind omnipräsent: in Politik und Wirtschaft, Raum- und Stadtplanung, Landwirtschaft und Tourismus, bei Fragen der Ernährung und des Konsums – in all diesen und vielen weiteren Kernbereichen ist Nachhaltigkeit zu einem der zentralsten Desiderate des 21. Jahrhunderts avanciert. Verschiedenste Akteure, politische Organisationen, Unternehmen und Universitäten haben Positionspapiere zur Nachhaltigkeit vorgelegt, deren Vergleich jedoch ein breites Spektrum an teilweise widersprüchlichen Begriffsdeutungen offenbart, das auch in der massenmedialen Popularisierung von Nachhaltigkeitsdebatten zutage tritt. Die Klage über den inflationären Gebrauch des Nachhaltigkeitsbegriffs ist selbst schon inflationär. Oft scheitert die dringend notwendige Verständigung über soziale, ökonomische, ökologische und kulturelle Nachhaltigkeit in öffentlich-politischen ebenso wie wissenschaftlichen Kontexten an einer mangelnden wechselseitigen Kenntnis der unterschiedlichen Konzepte von Nachhaltigkeit. Diese wurzeln, so zeigt dieses Kompendium, in heterogenen, disziplinär geprägten Begriffs- und Konzeptgeschichten und resultieren in divergenten Praktiken von Nachhaltigkeit.

Das vorliegende Kompendium soll eine disziplinenübergreifende Verständigungsgrundlage schaffen, deren Bedarf in der zunehmend multidisziplinären Nachhaltig-keitsforschung stets bekräftigt wird. Es bündelt erstmals Beiträge aus diversen geistes-, sozial- und naturwissenschaftlichen Disziplinen jenseits der auf akademischer Ebene diskursdominanten wirtschaftswissenschaftlichen Publikationen zu ‚nachhaltiger Entwicklung‘ und jenseits der zahlreichen populärwissenschaftlichen Anleitungen zu nachhaltigem Konsumverhalten. Stattdessen verschafft es insbesondere auch Ansätzen Aufmerksamkeit, welche die kulturelle Dimension von Nachhaltigkeit betonen. Es positioniert sich damit im neuen florierenden Feld der Environmental Humanities und verfolgt das Ziel, den darin vernetzten Disziplinen zu zeigen, mit welcher Methodik und in welchen Kernfragen eine interdisziplinäre Zusammenarbeit möglich und fruchtbar sein kann.

Das Kompendium richtet sich an ein breites Publikum: an Studierende und Lehrende sämtlicher beteiligter Disziplinen, aber auch an Fachfremde und Akteure aus den Feldern nachhaltiger Praktiken. Ganz im Sinne eines übersichtlichen Kompendiums sind alle Kapitel nur mit der Disziplin überschrieben, aus deren Perspektive ‚Nachhaltigkeit‘ diskutiert wird. Die Kapitel folgen einer einheitlichen Struktur: Nach Ausführungen zur Entwicklung des jeweiligen Nachhaltigkeitskonzepts und zum disziplinären Forschungsstand skizzieren sie fachspezifische Praktiken, schildern Projekte und Fallbeispiele und diskutieren Probleme und Potenziale, bevor sie mit weiterführenden Literaturempfehlungen enden.

Da die hier versammelte Vielfalt an Perspektiven aus unterschiedlichsten disziplinären Forschungskontexten insgesamt ein differenziertes Panorama ergibt, das gerade nicht auf disziplinübergreifende Gemeinplätze reduziert werden will, verzichtet diese Einleitung bewusst auf eine letztlich immer unvollständig bleibende Zusammenschau des Forschungsstands zur derzeit in alle Richtungen wuchernden Nachhaltigkeitsdebatte. Stattdessen lassen wir die Disziplinen selbst zu Wort kommen mit der ihnen entsprechenden Gewichtung der historisch und aktuell signifikantesten Denkansätze zum Thema. Jedes Kapitel verweist eigenständig auf die für die jeweilige disziplinäre Perspektive relevante Forschung. Dennoch gibt es natürlich gemeinsame Bezugspunkte, die den Dialog und die Zusammenarbeit der Disziplinen erleichtern: die wirkmächtigsten, meistdiskutierten Berichte und Resolutionen, die Nachhaltigkeit einfordern und definieren. Um unnötige Redundanzen innerhalb des Kompendiums zu vermeiden, sind drei Kapitel vorangestellt, die disziplinübergreifendes Basiswissen über die Nachhaltigkeitsdebatte vermitteln: Sowohl das Kapitel zur Wissensgeschichte (Tobias Schlechtriemen) als auch dasjenige zur Nachhaltigkeitskommunikation (Daniel Fischer) diskutieren die kanonischen Modelle und Metaphern für Nachhaltigkeit, ergänzt durch das Kapitel aus der Forstwirtschaft (Roderich von Detten), das auf die Wurzeln und die Weiterentwicklung des Konzepts in forstlichen Kontexten eingeht und dabei gerade auch Kritik am Begriff und der diesbezüglichen Debatte bedenkt.

Um den Nachhaltigkeitsdiskurs wissens- und ideengeschichtlich zu erfassen, entwickelt Tobias Schlechtriemen ein Analysewerkzeug mit fünf Kriterien, die es erlauben, verschiedene Verständnisse von Nachhaltigkeit klarer zu konturieren und miteinander zu vergleichen. Er betrachtet (1) den Anlass oder die Motivation für die Entstehung des Textes, (2) die zu erhaltende Ressource, (3) die Bezugseinheit, auf die sich die Berechnung des zu Erhaltenden bezieht, (4) das nötige Wissen für entsprechende Berechnungen und (5) die Akteure und das institutionelle Setting. Mithilfe dieser Heuristik werden drei zentrale Schriften untersucht, auf die in der Nachhaltigkeitsdebatte immer wieder Bezug genommen wird: Hans Carl von Carlowitz’ Sylvicultura oeconomica, die als Bericht des Club of Rome bekannt gewordene, von Meadows et al. publizierte Schrift The Limits to Growth (dt.: Die Grenzen des Wachstums) und schließlich der sogenannte Brundtland-Report, den eine unabhängige UNO-Kommission unter dem Titel Our Common Future (dt.: Unsere gemeinsame Zukunft) vorgestellt hat. Der einheitliche Kriterienkatalog erlaubt dabei konkrete Rückschlüsse auf die (gesellschaftlichen, politischen, kulturellen etc.) Kontexte, in denen spezifische Verständnisse von Nachhaltigkeit geprägt wurden. Für Schlechtriemen bildet die Kenntnis derselben eine Grundvoraussetzung für die Diskussion über Nachhaltigkeit jenseits enger wirtschaftlicher Vorstellungen. Sein Beitrag zeigt damit eine Möglichkeit auf, den Weg für die Integration verschiedenster Ansätze zur Nachhaltigkeit zu ebnen, und er stellt einen konkreten Ansatz vor, um das Hauptanliegen dieses Kompendiums zu verwirklichen: die Erleichterung der Kommunikation über Nachhaltigkeit unter den verschiedensten disziplinären und gesellschaftsrelevanten Blickwinkeln.

Wie aber werden Ideen von Nachhaltigkeit an ein größeres Publikum kommuniziert und popularisiert? Nachhaltigkeitskommunikation – verstanden als Teilgebiet der Nachhaltigkeitswissenschaft – spielt eine entscheidende Rolle für die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeit. Daniel Fischer stellt zunächst am Beispiel verschiedener Nachhaltigkeitsmodelle dar, auf welche verschiedenen Weisen die Idee der Nachhaltigkeit konkretisiert wurde, welche Kontroversen mit diesen Konkretisierungen verbunden sind und warum es der Kommunikation bedarf, um gesellschaftliche Meinungs- und Willensbildung zu bewirken. Um die Frage zu beantworten, wo, wie und was als Nachhaltigkeit kommuniziert wird, unterscheidet er verschiedene gesellschaftliche Bereiche (z. B. Politik, Bildung, Wirtschaft), verschiedene Intentionen (Kommunikation von, über und für Nachhaltigkeit) sowie inhaltliche Varianten (Nachhaltigkeit als Umweltschutz oder als humanitäre Aufgabe zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse). Eine exemplarische Medienanalyse, in der sowohl Umfang als auch die Art der Verwendung des Nachhaltigkeitsbegriffs in deutschen Printmedien untersucht wurde, zeigt Veränderungen in der Nachhaltigkeitskommunikation zwischen 2001 und 2013. Der Beitrag schließt mit dem Plädoyer, die Idee der Nachhaltigkeit wieder stärker mit Diskussionen in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen zu verknüpfen, um die Verständigung über Werte und Zukunftsfragen zu beflügeln.

Zu erinnern ist an die Grundannahme dieses Kompendiums, dass konkurrierende Verständnisse von Nachhaltigkeit nicht nur disziplinär, sondern auch kulturell geprägt sind. Da im deutschsprachigen Raum dank Hans Carl von Carlowitz die ‚Erfindung‘ der Nachhaltigkeit als Konzept und Praxis der Forstwirtschaft zugeschrieben wird, darf ihre Perspektive auf die Diskursentwicklung nicht fehlen, zumal hier eine besonders intensive und kritische Auseinandersetzung mit Begriff und Konzept stattgefunden hat. Roderich von Dettens Bestandsaufnahme in der forstlichen Praxis und in den Forstwissenschaften zeigt, dass das Konzept vor allem im Kontext der charakteristischen Anforderungen von Langfristentscheidungen unter den Bedingungen von Komplexität, Risiko und Unsicherheit wirksam werden konnte. Hier entlastet der Gebrauch des Nachhaltigkeitsbegriffs und verschiebt die Problematik des Entscheidens unter Unsicherheit auf die Ebene eines ethischen Anspruchs und wirkt auf rhetorischer Ebene kompensierend. Die Vielfalt der Nachhaltigkeitsverständnisse ist kennzeichnend für die Geschichte der Waldbewirtschaftung: Über die vergangenen drei Jahrhunderte hat sich der semantische Umfang des Nachhaltigkeitsbegriffs – auch durch Einflüsse der globalen Debatte um eine ‚nachhaltige Entwicklung‘ – sehr stark ausgeweitet. Dass es der Begriff nicht erlaubt, die praktische Bewirtschaftung von Wäldern konkret und eindeutig anzuleiten, zeigen zahlreiche Beispiele ‚nachhaltiger Planungen‘, deren tatsächliche ‚Nachhaltigkeit‘ oft erst über 100 Jahre später beurteilt werden kann. Nachhaltigkeit im Sinne des fortwährenden Erhalts eines Naturgutes bedeutet daher vor allem, dass mit dem Unvorhersehbaren gerechnet werden muss. Forstliche Nachhaltigkeit, so schließt von Detten, ist also die über Jahrhunderte erworbene Fähigkeit, sich darauf so gut es geht einzustellen.

Damit rückt die Diskussion um Nachhaltigkeit in die Nähe der Resilienz, die in einigen Disziplinen als Alternativkonzept oder notwendiges Komplementärkonzept ins Spiel gebracht wird. Auch und gerade die Nachhaltigkeitswissenschaft interessiert sich für die Geschichte und Konturen von Nachhaltigkeitskonzepten und ihre praktische Relevanz, ohne jedoch derart eng wie etwa die Forstwirtschaft an disziplingeschichtliche Entwicklungen gebunden zu sein. Das relative junge, sich erst seit der Jahrtausendwende etablierende Forschungsfeld verbindet selektiv diverse Ansätze und Methoden aus anderen Fachgebieten, denn die globale Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung fordert einen gesamtgesellschaftlichen Prozess, um die Mensch-Umwelt-Beziehungen auf eine nachhaltige Basis zu stellen. Cordula Ott legt dar, welche transdisziplinären Konzepte und Praktiken die Nachhaltigkeitswissenschaft beisteuert, um dieses Ziel zu erreichen. Das Kapitel erläutert, welche Akteure, Werte und Wissensarten sich integrieren lassen und wie demokratische Wissensgenerierung und gleichberechtigte Teilhabe ermöglicht und gefördert werden können, so dass Legitimität und Effektivität einer eigentlichen globalen Nachhaltigkeitsgouvernanz wachsen. Dank der Verweise auf Meilensteine der internationalen und interdisziplinären Debatte über Nachhaltigkeit übernimmt auch dieses Kapitel eine einführende Funktion in diesem Kompendium.

Während das Kapitel zu Nachhaltigkeitsgouvernanz aufzeigt, wie eine gesamtgesellschaftliche Transformation zur Nachhaltigkeit schrittweise realisiert werden kann, erinnert das Kapitel zur Landwirtschaft zunächst wieder daran, wie nachhaltiges Wirtschaften in langer Tradition immer schon praktiziert wurde, um die natürlichen Ressourcen für das Gedeihen der Kulturpflanzen über Generationen hinweg zu erhalten. Hanns-Heinz Kassemeyer skizziert eine komplexe Entwicklung: Durch die Technisierung der Landwirtschaft wurden die Erträge erheblich gesteigert und die Produktionskosten gesenkt. Die Folgen der industrialisierten Produktion waren jedoch eine Verarmung der Kulturlandschaft und ein Rückgang der Biodiversität. In den letzten Jahrzehnten haben Forschung und Praxis der Agrarökologie gezeigt, dass eine hohe Artenvielfalt und eine reich strukturierte Agrarlandschaft gerade in der mechanisierten Landwirtschaft einen hohen Mehrwert besitzen. Ein vielfältiges und intaktes Agroökosystem erbringt eine Reihe von Dienstleistungen, die in vielen Fällen die Anwendung von Agrochemikalien wie Pestiziden und Düngemitteln ersetzen können, so dass nützliche Insekten und Milben die Population tierischer Schaderreger in Schach halten und ein aktives Bodenleben wesentlich zum Erhalt der Bodenfruchtbarkeit beiträgt. Dank des Wissens über diese ökosystemischen Dienstleistungen haben nachhaltige Produktionsverfahren wieder einen hohen Stellenwert in der Landwirtschaft erhalten. Das Kapitel stellt exemplarisch nachhaltige Verfahren im oberrheinischen Weinbau vor, die sich in der Praxis bereits bewährt haben.

Mit Entscheidungsfragen rund um die Gestaltung von Kulturlandschaften befasst sich auf einer anderen Ebene auch die Raum- und Stadtplanung. Eine nachhaltige Raumentwicklung ist verknüpft mit einem Ausgleich sozialer und wirtschaftlicher Ansprüche an die Nutzung des begrenzten Raums im Einklang mit seinen ökologischen Funktionen. Christian Lamker beleuchtet die auf Ebene von Städten und Gemeinden stattfindende Diskussion um eine nachhaltige bauliche und infrastrukturelle Gestaltung von Städten und Stadtquartieren sowie die auf regionaler bis nationaler Ebene ausgetragene Debatte um Fragen der Daseinsvorsorge, deren Ziel letztlich gleichwertige Lebensverhältnisse in allen Teilräumen Deutschlands sind. Neue Aktualität gewinnen derzeit Diskussionen um nachhaltiges Flächenmanagement und Wohnraumversorgung im Zusammenhang mit der Integration der Sustainable Development Goals (SDGs) der Vereinten Nationen auf nationaler Ebene. In Anbetracht der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie (2002, Neuauflage 2016), die eine Reduzierung der Neuinanspruchnahme von Siedlungs- und Verkehrsflächen fordert, ist die angestrebte nachhaltige Flächenentwicklung – so zeigt Lamker am Fallbeispiel deutschen Flächenverbrauchs und -managements – ein komplexes, kontroverses und konfliktreiches Thema. Lamker empfiehlt, die Nachhaltigkeitsdebatte kontinuierlich fortzusetzen, konstruktiv mit anderen Diskursen zu verbinden und auf diesem Fundament kreative Ansätze zur Reduktion der Flächenneuinanspruchnahme zu entwickeln und zu erproben.

Auch die Humangeographie hat sich schon früh theoretisch und empirisch mit Nachhaltigkeitskonzepten befasst. Gegenstand einer humangeographischen Nachhaltigkeitsforschung ist die räumliche Differenzierung von nachhaltigen und nicht nachhaltigen Entwicklungen auf unterschiedlichen räumlichen und administrativen Ebenen. Hartmut Fünfgeld und Samuel Mössner stellen Ansätze aus unterschiedlichen Teildisziplinen und Forschungsfeldern der Humangeographie vor: Während die Stadtgeographie sich mit der Implementierung und Mobilisierung von Green-City- resp. Eco-City-Politiken beschäftigt, werden aus Sicht einer Geographie von Gesellschaft und Umwelt die Adaption und Resilienz gegenüber Klimawandelfolgen untersucht. Wirtschaftsgeographische Ansätze fokussieren Prozesse der Transition und Green Economies; die Politische Geographie hingegen widmet sich Manifestationen von sozialer Ungerechtigkeit und der Konstruktion von Machtverhältnissen durch Nachhaltigkeitsinitiativen und -politiken. Diese Vielfalt von Ansätzen und Gegenständen demonstriert die Berührungs- und Anknüpfungspunkte zwischen Humangeographie und anderen Disziplinen, bevor in zwei Fallstudien die Nachhaltigkeitsstrategien von Münster und Melbourne, zweier vielgepriesener Vorzeigestädte, diskutiert werden.

Mit urbaner Nachhaltigkeit beschäftigt sich auch Philippe Hamman in einem Beitrag aus der Perspektive der (Stadt-)Soziologie, der bei seinen Fallbeispielen verschiedene Aspekte der Stadt Strasbourg – von der Ökomobilität über Energieversorgung und -verbrauch bis zum ‚Ökoviertel‘ – in den Blick nimmt und dabei verschiedene Konzepte und Praktiken in Relation zueinander setzt. Zunächst führt er jedoch differenziert in die soziologischen Nachhaltigkeitsdiskurse ein, schwerpunktmäßig in diejenigen aus dem frankophonen Raum. Im Abgleich mit den im Zuge der Globalisierung immer dominanteren englischen Begrifflichkeiten ebenso wie mit den deutschsprachigen (vermeintlichen) Äquivalenten treten neben sprach- und kulturbedingten Unterschieden auch konzeptuelle Differenzen zutage. Hammans Beitrag identifiziert die drei wichtigsten Dialektiken, die in der Forschung Beachtung gefunden haben: zwischen global und lokal, zwischen kurz- und langfristig sowie zwischen Grundsätzen und Anwendung. Vor diesem Hintergrund evaluiert Hamman den Wert der ‚Nachhaltigkeit‘ als Paradigma, reagiert aufzunehmende Kritik am Konzept der ‚nachhaltigen Entwicklung‘ und diskutiert die je nach Interpretation konkurrierenden oder verwandten Konzepte von Resilienz und Transition. Hierbei werden sämtliche Dimensionen des Nachhaltigkeitsbegriffs bedacht: weltanschauliche, analytische, diskursiv-narrative, utopische, politische, praktische und wissensgenerierende.

Praktische und wissensgenerierende Aspekte vereint auch das Kapitel von Rebekka Volk, das sich Konzepten von Nachhaltigkeit in der Betriebswirtschaft widmet. Es geht dabei auf ein weiteres Anliegen dieses Kompendiums ein: das Aufzeigen von Möglichkeiten potenziell nachhaltigen Konsums in ihrer Komplexität, Vielschichtigkeit und auch Widersprüchlichkeit. Im Unterschied zu populärwissenschaftlicher Ratgeberliteratur möchte dieses Kompendium zeigen, dass dem Wunsch nach einem nachhaltigeren Leben auf Seiten der Konsumentinnen und Konsumenten oft ein Informationsdefizit im Weg steht und dass die Bewertung von nachhaltigem Konsumverhalten nur auf Basis wissenschaftlicher Studien und Erkenntnisse möglich ist, nicht aber aufgrund intuitiver Einschätzungen. Zu vielschichtig sind die diversen Aspekte und Komponenten, die zu berücksichtigen sind. Rebekka Volk beleuchtet die Problematik hinsichtlich der Messbarkeit von Nachhaltigkeit, der Definition von Indikatoren sowie ihrer Gewichtung und diverser Zielkonflikte zwischen unterschiedlichen Aspekten von Nachhaltigkeit. Dabei setzt sie sich mit verschiedenen aktuellen Handlungsfeldern in betriebswirtschaftlichen Wertschöpfungsketten auseinander. Sie diskutiert Effizienz-, Suffizienz- und Konsistenzstrategien, Technologiewechsel, die Kreislaufführung von Produkten bzw. Rohstoffen und die Einführung von transparenten Umweltmanagementsystemen anhand von zwei Fallstudien zu nachhaltigem Produktdesign (Automobilindustrie und Gebäudesanierung im Zeichen der Energiewende). Volk konstatiert eine Reihe von Defiziten, Hemmnissen und Interessenskonflikten bei der praktischen Umsetzung von Nachhaltigkeit im betriebswirtschaftlichen Kontext und plädiert für Systemänderungen, etwa durch disruptive Technologien, politische Entscheidungen und Instrumente (wie etwa den europäischen CO2-Emissionszertifikatehandel), neue Geschäftsmodelle (beispielsweise Sharing-Konzepte) und gesteigerte Produktverantwortung von Herstellern.

Der Komplexität und den Herausforderungen von nachhaltigem Konsum widmet sich ganz zentral auch das Kapitel von Rainer Grießhammer, Corinna Fischer, Dietlinde Quack und Franziska Wolff, die Nachhaltigkeit aus dem Blickwinkel der Produkt- und Konsumforschung betrachten. Auch dieser Beitrag setzt sich mit der Nachhaltigkeitsbewertung von Produkten auseinander, einem Bereich, in dem Rainer Grießhammer und die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen des Öko-Instituts als Pioniere gelten. Das Kapitel referiert die Geschichte des nachhaltigen Konsums in einer Zusammenschau mit der Entwicklung der Ökobewegung und erläutert Analysewerkzeuge der Nachhaltigkeitsbewertung. Dabei stellt es Konzepte wie Ökobilanz, Lebenszykluskostenrechnung, Sozialbilanz und Produktnachhaltigkeitsanalyse vor. Es differenziert zwischen ökologischem und nachhaltigem Konsum, für dessen Bewertung zusätzlich zur Umweltbelastung auch soziale und volkswirtschaftliche Aspekte in Betracht gezogen werden. In beiden Bereichen wird der derzeitige Entwicklungsstand trotz einer Vielzahl an internationalen Abkommen und Deklarationen zur Förderung von Nachhaltigkeit als ungenügend eingestuft. Grießhammer, Fischer, Quack und Wolff besprechen Hemmnisse für nachhaltigen Konsum und stellen anhand einer Fallstudie zum Fahrradverkehr eine Transformationsmatrix mit sechs Schwerpunkten vor, die als Basis einer Strategie zum Erreichen von nachhaltigem Konsum dienen kann. Grießhammer und seine Ko-Autorinnen verstehen den Weg dorthin als komplexen Transformationsprozess.

Diese Sichtweise bekräftigen auch Isabel Jaisli und Emilia Schmitt, die in ihrem Kapitel zur Ernährungsgeographie zeigen, welche tiefgreifenden Veränderungen vonnöten wären, um das Ernährungssystem nachhaltig zu machen, und wie komplex die Bewertung von Nachhaltigkeit in diesem Kontext ist. Jaisli und Schmitt plädieren daher für einen holistischen Ansatz, der – ganz im Sinne dieses Kompendiums – verschiedenste Aspekte mit einbezieht, die nach der Expertise unterschiedlicher Disziplinen verlangen. Eine holistische Betrachtung des Ernährungssystems legt den Fokus demnach nicht nur auf naturwissenschaftlich-technische Aspekte der Nahrungsmittelproduktion, sondern berücksichtigt auch Erkenntnisse aus den Geistes-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Mithilfe von Fallstudien zu lokaler Ernährung, biologischer Produktion, fairem Handel und Fleischkonsum gelingt es Jaisli und Schmitt, Konflikte zwischen diversen Dimensionen von Nachhaltigkeit herauszuarbeiten und zu zeigen, dass neben Politik und Wirtschaft auch die Konsumentinnen und Konsumenten selbst gefordert sind, sich den vielschichtigen Herausforderungen auf dem Weg zu einem nachhaltigen Ernährungssystem zu stellen und ihren Beitrag zu leisten.

Zu der in den Kapiteln zu Betriebswirtschaft, Konsumforschung und Ernährungsgeographie betonten Komplexität von Nachhaltigkeit fügt Melanie Ströbel in ihrem Kapitel zur Tourismusforschung einen weiteren Aspekt hinzu. Während sich viele Organisationen und lokale Destinationen um sanfte Formen des Tourismus bemühen (wie beispielsweise Ökotourismus, community-based tourism oder armutsbekämpfenden pro-poor tourism), ist die genaue Bedeutung von Nachhaltigkeit im Tourismus in der Forschung nach wie vor noch umstritten. Grund dafür ist u. a. die Notwendigkeit, bei der Bewertung von Nachhaltigkeit in diesem Bereich sowohl globale Entwicklungen als auch lokale Gegebenheiten zu beachten und ökonomische, ökologische und soziale Auswirkungen von konkreten Reise-Entscheidungen (wie etwa Wahl des Transportmittels oder Nähe bzw. Distanz der Urlaubsdestination), politischen Vorgaben oder Veränderungen in Betracht zu ziehen und gegeneinander abzuwägen. In ihrer Fallstudie zu Island verdeutlicht Ströbel das Zusammenspiel von vielseitigen positiven und negativen Effekten von Tourismus auf Ökonomie, Umwelt und Gesellschaft, welche die Nachhaltigkeitsdebatte in Wissenschaft und Praxis vor große Herausforderungen stellt.

Globale und lokale Zusammenhänge und Widersprüche stellt auch Tobias Hallers Kapitel aus der Sozialanthropologie in den Vordergrund. Haller verdeutlicht, dass Vorstellungen von Nachhaltigkeit im globalen Norden und im globalen Süden nicht identisch sind und dass die Perspektive der Letzteren gerade angesichts der globalen Dimensionen des Klimawandels ebenso wie der wirtschaftlichen Verflechtungen zwingend in die Nachhaltigkeitsdebatte einfließen muss. Die fehlende Kenntnis spezifischer kultureller Verständnisse von Nachhaltigkeit führt durch Mechanismen der Globalisierung zur Unterminierung und Zerstörung lokaler nachhaltiger Praktiken. Haller zeigt dies anhand von Fallbeispielen zur ehemals nachhaltigen Nutzung von Allmend-Ressourcen in Sambia und Sierra Leone, die durch lokales Wissen und konkrete Regelwerke gewährleistet war, durch koloniale und postkoloniale Prozesse jedoch beeinträchtigt und teilweise ruiniert wurde. Das Kapitel bietet einen neuen Analyserahmen, der auf politischer Ökologie und Institutionenmanagement beruht und es erlaubt, hegemoniale Aspekte des Nachhaltigkeitsbegriffs zu untersuchen und lokale Alternativen zu erforschen.

Wie Haller geht es auch Torsten Meireis in seinem Kapitel zur Ethik zunächst einmal darum, die Rolle von Nachhaltigkeit als etabliertes Leitkonzept zu hinterfragen. Kritisiert Haller aus der Sicht der Sozialanthropologie die Vorherrschaft eines westlichen Verständnisses von Nachhaltigkeit, das andere kulturelle Zugänge ignoriert, so erinnert Meireis daran, dass Nachhaltigkeit ein normatives Konzept ist. Als solches handelt es sich bei Nachhaltigkeit nicht, wie man angesichts der Verbreitung und Konsensfähigkeit des Konzepts meinen könnte, um einen Ist-Zustand oder spezifische und etablierte Handlungsweisen, sondern um eine kontrafaktische Zielbestimmung, deren Umsetzung offen ist und die damit einer ethischen Klärung moralischer Urteilsperspektiven bedarf. Anhand von diversen Fallbeispielen, wie etwa dem ins UNESCO-Welt-Naturerbe aufgenommenen europäischen Urwald im Gebiet von Bialowieza in Polen und Weißrussland, der Feinstaubbelastung in deutschen Städten und den amerikanischen coal rollers, beleuchtet Meireis Konzepte wie moralischen Anthropozentrismus, enge und weite sowie starke und schwache Nachhaltigkeit. Meireis betont die ethische Notwendigkeit einer Berücksichtigung kultureller Dimensionen von Nachhaltigkeit, wobei Kultur nicht als Instrument der Vermittlung von Nachhaltigkeit verstanden werden darf, sondern als Horizont, innerhalb dessen Wertvorstellungen und normative Präferenzen überhaupt erst entwickelt werden können.

Meireis betont abschließend auch die integrativen Leistungen einer Nachhaltigkeitsethik, die Fragestellungen nicht nur interdisziplinär beleuchten, sondern transdisziplinär erschließen kann. Ein ähnlicher Anspruch lässt sich im gesamtgesellschaftlichen Bildungsauftrag erkennen, um den es in Berbeli Wannings Kapitel zu Bildungspolitik und Didaktik geht, das sich mit der konkreten Umsetzung der geforderten Nachhaltigkeit als Bildungskonzept befasst. Wanning behandelt das Konzept „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE) in politischer, historischer und systematischer Sicht und spannt einen Bogen zwischen bildungspolitischen Ansätzen (samt deren historischer Entwicklung) und spezifischen didaktischen Maßnahmen. Bildung für nachhaltige Entwicklung wird dabei als ganzheitlicher Prozess verstanden, der in enger Verbindung mit dem Ziel 4 (Quality Education) der Sustainable Development Goals steht. Besondere Aufmerksamkeit widmet Wanning neueren didaktischen Ansätzen des partizipativen, transformativen und globalen Lernens in Bezug auf Umweltbildung und Werteerziehung. Damit wird auch in diesem Kapitel die Wichtigkeit des Prinzips der Teilhabe betont, die Cordula Ott für die Nachhaltigkeitsgouvernanz und Tobias Haller im Rahmen der Sozialanthropologie hervorheben. Als Fallstudie dient Wanning das „globale Lernen“, verstanden als Querschnittsaufgabe, mit der die Globalität unserer Lebensbedingungen vermittelt werden soll. Hierbei verknüpft Wanning die Diskussion von internationalen Entwicklungen mit der Bildungspolitik Deutschlands unter Berücksichtigung von Auswirkungen auf Fächerkanon und Unterricht.

Wie Wanning in ihrem Kapitel hervorhebt, leisten gerade die sprachlich-literarischen Fächer einen wichtigen Beitrag für die Entfaltung des wertorientierten kritischen Bewusstseins, ohne das die Erziehung zur Weltbürgerschaft, auf die Bildung für nachhaltige Entwicklung abzielt, scheitern muss. Bildung für nachhaltige Entwicklung gehört zentral in den Bereich der ‚kulturellen Nachhaltigkeit‘, die in den letzten Jahren ergänzend zu den drei anderen ‚Säulen‘ – der ökonomischen, ökologischen und sozialen – von Seiten der Kulturwissenschaft zunehmend als konstitutive Dimension von Nachhaltigkeit diskutiert wird. Gabriele Rippl stellt die Geschichte sowie die unterschiedlichen Bedeutungen und Definitionen des komplexen Begriffs ‚kulturelle Nachhaltigkeit‘ vor. Sie entfaltet verschiedene (enge und weite) Konzepte von ‚Kultur‘, die dazu beitragen, die Rolle der Kulturwissenschaft in der Debatte um Nachhaltigkeit zu beleuchten. Während im Sinne der UNESCO und ihrer Welterbe-Projekte kulturelle Nachhaltigkeit darin besteht, die kulturelle Diversität, das kulturelle Erbe und regionale kulturelle Vielfalt zu fördern und zu bewahren, beleuchtet Rippl zusätzliche Bedeutungen des Konzepts, die sich in den letzten Jahren herausgebildet haben und eng mit kulturell geprägten Werten, d. h. mit normativen moralischen und ethischen Fragen zusammenhängen. Sie thematisiert exemplarisch verschiedenartigste Medien und Institutionen des kulturellen Gedächtnisses wie Museen, Archive, Bibliotheken und auch Kanones, die kulturspezifische Werte konservieren und tradieren. Letztlich stellt das Kapitel zur Diskussion, ob nicht die Kultur als das eigentliche Fundament für alle Formen der Nachhaltigkeit zu verstehen ist.

Wie Gabriele Rippl, so beleuchtet auch Urte Stobbe in ihrem Kapitel zu den kulturwissenschaftlichen Pflanzenstudien einen Teilbereich der nicht primär textbasierten Kulturwissenschaften. In ihrer Auseinandersetzung mit diesem Gebiet spürt Stobbe den Bezügen zwischen Menschen und Pflanzen nach und legt dar, inwiefern Konzeptionen von Nachhaltigkeit mit menschlichen Vorstellungen von Pflanzen und ihrer symbolischen Bedeutung in Verbindung gebracht werden können. Hierbei konstatiert sie neben Aspekten der Vorsorge und der Verantwortung, die über Pflanzenmetaphorik transportiert werden, auch eine konzeptuelle Nähe des Nachhaltigkeitsgedankens zu Vorstellungen von Kontinuität und Beständigkeit. Besonders hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang das Fallbeispiel zu Schildbachs Holzbibliothek in Kassel, das zeigt, wie pflanzliches Material zur Speicherung und Verbreitung von botanischem Wissen eingesetzt und damit auch selbst nachhaltig gesichert wurde. Stobbes literarische Fallbeispiele zeigen ergänzend, wie im frühen 19. Jahrhundert versucht wurde, über Pflanzenbilder Kontinuität in sowohl zwischenmenschlichen als auch intergenerationellen Bereichen zu stiften, und wie nachhaltige Praktiken über Bilder vom Umgang des Menschen mit Pflanzen kulturell begründet und verankert wurden. Aus dem Vorkommen ähnlicher Pflanzenbilder, wie etwa Bäumen als symbolischen Garanten für Fortbestand, zieht Stobbe den Schluss, dass es sich hier um eine anthropologische Konstante handelt.

Wenngleich medial und künstlerisch andersartig präsentiert, speichern und tradieren auch populäre Lieder wahrgenommene ökologische Transformationen, diesbezügliche kollektive Reaktionen und artikulieren oft bildlich-metaphorisch Visionen einer nachhaltigeren Gesellschaft. Aus der Perspektive der Popmusikforschung analysiert Thorsten Philipp das populäre Lied als eine ästhetische Praxis, die menschgemachte ökologische Risiken und diesbezügliche (sozial)ethische Imperative popularisiert und damit in gesellschaftliche Schichten trägt, die für die konventionell-politischen Wege der Nachhaltigkeitskommunikation kaum zugänglich sind. Der Popsong stellt einen vorpolitischen Alltagscode zur Verfügung, der zur Verarbeitung von Umweltkonflikten beitragen kann, indem er gesellschaftliche Konventionen in Frage stellt und umweltpolitisches Handeln affektiv und emotional zu legitimieren sucht. Gleichzeitig fungiert er als massenwirksames Speichermedium, in dem Mensch-Umwelt-Verhältnisse und ihre Verschiebungen narrativ und musikalisch verarbeitet werden. Er vergegenwärtigt Erfahrungen der Vergangenheit, die ohne die musikalische Brücke oftmals längst vergessen wären. Anhand exemplarischer Beispiele, die einen Bogen von der US-amerikanischen Folk-Tradition zum populären Lied in Deutschland spannen, zeichnet Philipp nach, wie Popmusik das ökosoziale Gedächtnis mitgeformt hat. Wie seine Analysen zeigen, sind es dabei maßgeblich die einzelnen ‚Medien‘ des Liedes (Stimme, Körper, Text, Instrumente, Performance etc.), die in ihrem Zusammenwirken, ihren Zwischenräumen, Brechungen und Übergängen zusätzliche Sinndimensionen eröffnen und darin über die sonst gängigen Vehikel politischer Kommunikation hinausgehen.

Der Rekurs auf Texte und entsprechend die Methode der Textinterpretation in den bisher aufgeführten kulturwissenschaftlichen Kapiteln des Kompendiums weisen bereits auf die zentrale Bedeutung hin, die der Literatur als Medium der Tradierung von Werten innerhalb der Kulturwissenschaft zukommt. Wie Hubert Zapf allerdings feststellt, ist der konkrete Bezug der Literatur und der Literaturwissenschaft speziell zur Nachhaltigkeit bisher nur in Ansätzen erörtert worden. Sein Kapitel untersucht den Beitrag dieses Spezialbereichs der Kulturwissenschaft und ihres Gegenstands zur Erforschung und Gestaltung von Nachhaltigkeit als zentralem Thema der Lebens- und Zukunftsgestaltung der heutigen Gesellschaft. Zapf geht davon aus, dass literarische Texte gemäß dem von ihm geprägten kulturökologischen Literaturkonzept gerade in ihrer ästhetisch-imaginativen Transformation von Wirklichkeit nicht nur einen unverzichtbaren Beitrag zum Nachhaltigkeitsdiskurs leisten – der auch mit dem Ansatz des Ecocriticism untersucht wird –, sondern auch selbst eine nachhaltige Form kultureller Praxis darstellen. Wie er an Beispielen der englischsprachigen Literatur zeigt, können imaginative Texte mithilfe dieses Ansatzes in doppelter Weise beschrieben werden: als Kritik dominanter anthropozentrischer Narrative und als eine Form von regenerativer Energie im Haushalt der Kultur, d. h. als Quelle der Kreativität für immer neue Generationen von Leserinnen und Lesern, Autorinnen und Autoren.

Anders als die Literaturwissenschaft beschäftigt sich die Journalismusforschung nicht mit fiktionalen Texten, sondern mit realitätsbezogenen Reportagen, welche die ökologische Krise und die gesellschaftliche Transformation zur Nachhaltigkeit thematisieren und massenmedial kommunizieren. Torsten Schäfer stellt ein im Projekt Grüner Journalismus an der Hochschule Darmstadt entwickeltes, anwendungsbezogenes Verständnis von medialer Nachhaltigkeit vor, das in einem Pyramidenmodell den Ökologiebezug priorisiert, aber auch den Faktor Lebensqualität stark einbezieht. Schäfer plädiert für eine umweltjournalistische Ethik des Erzählens, die auf einer ökologischen Deutung von sozial-ökologischer Nachhaltigkeit basiert. Ausgehend von diesem ethischen Rahmen untersucht und evaluiert das Kapitel Erzählverfahren und Narrative des gegenwärtigen deutschen Klimajournalismus. Die Bestandsaufnahme basiert auf Leitfadeninterviews mit deutschen Klimajournalisten und -journalistinnen, die zur Revision aktueller Schreibpraktiken und zur Diskussion alternativer neuer Verfahren und Formate führen. Deren Entwicklung ist laut Schäfer eine ressortübergreifende Schlüsselaufgabe für einen zukunftsfähigen Nachhaltigkeitsjournalismus, der durchaus im Sinne eines ‚konstruktiven Journalismus‘ konzipiert sein soll.

Komplementär zu Schäfers Untersuchung der inhaltlichen textuellen Ebene journalistischer Massenmedien fragt das abschließende Kapitel aus der Medienwissenschaft nach den Möglichkeiten nachhaltiger Produktion, Nutzung und Entsorgung von Medien. Im Sinne einer materialorientierten Medienökologie beleuchtet Evi Zemanek den in der Medienwissenschaft oftmals ausgeblendeten hohen Material- und Energieverbrauch der Medienindustrie, der mit großer Umweltbelastung und gesundheitsgefährdenden Produktions- und Entsorgungspraktiken verbunden ist. Sie hinterfragt die verbreitete Annahme, dass die Digitalisierung Ressourcenverbrauch und Umweltverschmutzung reduziere. Aus dem breiten Spektrum an Speicher-, Informations-, Kommunikations- und Unterhaltungsmedien wählt sie Bücher und Zeitungen aus Papier sowie E-Books bzw. E-Book-Reader, um mithilfe von Life Cycle Assessments den ökologischen Fußabdruck zu vermessen, den unser tägliches Lesen auf Papier und am Bildschirm jeweils hinterlässt. Das Kapitel macht das komplexe Geflecht der zu berücksichtigenden Faktoren sichtbar und vergleicht die konkreten Nachhaltigkeitspotenziale eines Green Publishing und damit eines Green Reading. Dabei wird nicht nur die Verantwortung von Staat und Industrie, sondern auch der individuellen Medienkonsumenten und -konsumentinnen deutlich. Jenseits der Umweltbelastungen sind aber auch die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Lesepraxis und die beim Lesen auf Papier oder am Bildschirm jeweils mehr oder weniger geförderten kognitiven Fähigkeiten zu bedenken, hat man das Ziel einer Transformation zu einer in jeder Hinsicht nachhaltigen Medienkultur vor Augen.

Wie diese Vorstellung der einzelnen Kapitel bereits andeutet, kann man zwischen den Konzepten von Nachhaltigkeit der einzelnen in diesem Kompendium zu Wort kommenden Disziplinen einige Differenzen, aber auch eine Vielzahl von Gemeinsamkeiten konstatieren. Einige davon seien hier resümiert. So ist zunächst einmal auffällig, mit welcher Hartnäckigkeit unterschiedlichste Disziplinen immer wieder auf dieselben grundlegenden Dokumente rekurrieren und dabei oft historisch zurückgehen bis zu Hans Carl von Carlowitz. Hierbei dürfte es sich um ein Spezifikum der Nachhaltigkeitsdebatte in der deutschsprachigen Forschungskultur handeln, denn obwohl viele der Autorinnen und Autoren dieses Kompendiums auf Englisch publizieren, ist ihnen natürlich neben der anglophonen Forschung auch der deutschsprachige Diskurs geläufig. Forschung aus dem angloamerikanischen Kulturraum verknüpft die Idee der Nachhaltigkeit – im Sinne von sustainability – historisch oft mit Thomas Malthus’ Essay on the Principle of Population (1798) und seiner Konzeption von vorgegebenen planetaren Wachstumsgrenzen oder führt sie alternativ auf die 1980er Jahre, konkret auf den Brundtland-Report zurück.1 Letzterer legt den Akzent auf ‚nachhaltige Entwicklung’ und damit die sozioökonomische Dimension, und er betont besonders das Wachstumsdesiderat für den globalen Süden, will aber natürlich den Zielkonflikt zwischen Entwicklung und Umweltschutz bewältigen. Ähnlich wie im Englischen die Nachhaltigkeit also meistens in der Begriffspaarung von sustainable development vorkommt, liegt der Fall im Französischen, wo man am häufigsten von développement durable spricht, wobei ‚dauerhaft‘ wiederum eine leicht andere Konnotation hat (vgl. dazu Kap. 8/Hamman). Unterschiedliche Sprachkonventionen verweisen auf kulturell geprägte Differenzen im Hinblick auf Nachhaltigkeitsvorstellungen.

Führt man Nachhaltigkeit auf von Carlowitz zurück, bedingt dies nämlich eine andere Sichtweise auf das Konzept. Die ‚nachhaltende Nutzung‘, von der von Carlowitz spricht, stellt von vornherein den Menschen als Agierenden in den Mittelpunkt (im Sinne der Ermöglichung bzw. Verhinderung von Nachhaltigkeit), während etwa der Bezug auf Malthus die spezifische Bedeutung des englischen sustainable hervorhebt, bei dem die Kapazität der Erde praktisch begriffsimmanent mit betont wird. Diese subtilen Bedeutungsunterschiede – wie auch die bei von Carlowitz angelegte Betonung des Aspekts des Gebrauchs („Nutzung“) – haben wohl dazu beigetragen, dass sich die Nachhaltigkeitsdebatte im deutschsprachigen Raum leichter von der Konzentration auf den Umweltschutz gelöst und in Richtung auf eine umfassendere Beschäftigung mit ‚Bewahrung‘ bewegt hat, wie es unterschiedliche disziplinäre Zugänge dieses Kompendiums bezeugen. Besonders deutlich wird dies in den kulturwissenschaftlichen Kapiteln. Aber auch in anderen Kontexten zeigt sich, dass der Begriff ‚nachhaltig‘ (zumindest in der deutschen Version) einen großen Deutungsspielraum bietet, wenn er wechselweise ersetzt wird durch Adjektive wie zukunftsfähig, dauerhaft oder gar ökologisch und umweltfreundlich.

Gleichzeitig kommt es aber gerade durch die wiederholte Berufung auf dieselben Grundlagentexte in den Beiträgen unseres Kompendiums zu überraschenden Ergebnissen und Perspektivwechseln. Nachhaltigkeit wird im öffentlichen Diskurs primär als ein stark auf die Zukunft ausgerichtetes Konzept wahrgenommen. Angesichts dieser Tatsache verblüfft die Erkenntnis umso mehr, die von Detten in seinem Beitrag zur Forstwirtschaft vorstellt: Gerade in dieser ‚Gründungsdisziplin‘ steht Nachhaltigkeit für ein äußerst kompliziertes Verhältnis von Vergangenheit und Zukunft. Aufgrund der langsamen Wachstums- und Entwicklungsprozesse von Wäldern besteht Nachhaltigkeit in der jeweiligen Gegenwart im Versuch, verschiedene potenzielle Entwicklungen und Risiken abzuschätzen und zu antizipieren. Beurteilt werden kann das Bemühen um Nachhaltigkeit eigentlich immer nur retrospektiv.

Dies deutet bereits auf einen Schluss hin, den alle Kapitel einhellig vertreten: Die Bemessung und Bewertung von Nachhaltigkeit – wie analog auch der Versuch, sich in allen Lebensbereichen nachhaltig zu verhalten – ist von hoher Komplexität gekennzeichnet, da sehr viele Faktoren zu berücksichtigen sind. Für nach schnellen, einfachen Lösungen suchende Leserinnen und Leser ist die Bestandsaufnahme der einzelnen Kapitel in dieser Hinsicht deprimierend: Die Vielschichtigkeit aller Aspekte von Nachhaltigkeit, die komplexe Verknüpfung mit diversen Bereichen, Konstellationen und Zielsetzungen mag gerade angesichts der durch den Klimawandel und dessen Folgeentwicklungen bedingten Zeitnot entmutigend wirken. Deshalb kommt der gesamtgesellschaftlichen ebenso wie der individuellen Ausbildung eines Bewusstseins für die Komplexität der Sachlage und diesbezügliche Handlungsmöglichkeiten eine besonders große Bedeutung zu – was in diesem Kompendium von verschiedenster Seite, von der Betriebswirtschaft und Ernährungsgeographie über die Nachhaltigkeitsgouvernanz, Bildungspolitik und Didaktik bis hin zur Medienwissenschaft, mit Nachdruck hervorgehoben wird. Keineswegs propagieren die Kapitel damit die von Armin Grunwald kritisierte „Privatisierung der Nachhaltigkeit“2. Nachhaltigkeit ist, um mit Grunwald zu sprechen, „eine Sache der Polis“ (ebd.: 181). Individuelle Verantwortung betrifft daher nicht ausschließlich Fragen nachhaltigen Konsums, sondern es geht um Partizipation im Sinne politischer Teilhabe. Die Förderung derselben wird in vielen Kapiteln des Kompendiums als grundlegendes Instrument für Nachhaltigkeit eingefordert. Partizipation bedarf allerdings umfassender Information.

Die akute Problemlage fordert uns zur Entwicklung kreativer Lösungsansätze heraus, und es ist wiederum gerade ihre Komplexität, die in diesem Bereich außergewöhnlich viele interdisziplinäre Projekte auf den Plan gerufen hat, so dass unter diesen Vorzeichen nicht nur Strategien für eine Transformation zur Nachhaltigkeit entwickelt wurden, sondern auch Interdisziplinarität erprobt werden und sich entfalten konnte. Entsprechend sind die einzelnen Beiträge des Kompendiums zwar mit je einer Disziplin oder einem Forschungsbereich überschrieben, tatsächlich aber machen die meisten ihrer Fallbeispiele deutlich, dass eine mehrdimensionale (ökologische, ökonomische, soziale und kulturelle) Nachhaltigkeit nur mit vereinten Kräften und kombinierten Methoden zu denken und zu erreichen ist – und dass aus der interdisziplinären Zusammenarbeit oft transdisziplinäre Ansätze entstehen (wie die Nachhaltigkeitsforschung). Nicht alle, aber einige der hier versammelten Disziplinen kann man zu den Environmental Humanities zählen, die ihrerseits nicht nur Geisteswissenschaften im engsten Sinne, sondern auch Gesellschaftswissenschaften umfassen und sich als Verbund schon per definitionem interdisziplinärer Forschung verschrieben haben. Aus diesem noch jungen Forschungsfeld kommen wichtige Impulse für die Nachhaltigkeitsforschung.

Wie auf den ersten Blick ersichtlich, ist das vorderste Ziel des Kompendiums die Multiperspektivität, die durch Beiträge aus 21 verschiedenen Disziplinen entsteht. Die Multidisziplinarität geht mit einer geographischen und kulturellen Breite einher, da in den Beiträgen Nachhaltigkeitsprojekte in verschiedensten Ländern diskutiert werden. Es ist zu erwarten, dass einzelne Leserinnen und Leser beim Blick in dieses Kompendium die eine oder andere Disziplin in unserem Reigen vermissen. Sollten dies Philosophie, Psychologie, Theologie, Umweltgeschichte, Politikwissenschaft oder Rechtswissenschaft sein, so liegt dies daran, dass eben diese schon in dem von Ruth Kaufmann und Paul Burger für die Schweizer Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften konzipierten Band Nachhaltige Entwicklung (2007) zu Wort kamen. Anders als unser Kompendium setzt dieser Band den Akzent auf die nachhaltige Entwicklung. Das Fehlen von den für die Nachhaltigkeitsforschung zentralen Beiträgen aus den Umwelt- und Klimawissenschaften u. a. wurde eingangs bereits mit der mengenmäßigen Dominanz von Beiträgen aus diesen Disziplinen begründet. Es bleibt zu hoffen, dass die Nachhaltigkeitsforschung weiterhin floriert und im Zuge dessen weitere Disziplinen mit den hier präsentierten in Dialog treten.

Dank

Einige Kapitel dieses Kompendiums gehen auf Vorträge zurück, die ihre Autorinnen und Autoren auf der Tagung Rhetorik der Nachhaltigkeit. Konzepte und Diskurse nachhaltiger Zukunftsgestaltung in Medien, Politik und diversen Fachdisziplinen gehalten haben, die wir im Juni 2016 am FRIAS (Freiburg Institute for Advanced Studies) dank Mitteln des DFG-Netzwerks Ethik und Ästhetik literarischer Reaktionen auf ökologische Transformationen veranstalten konnten. In der Folgezeit hat sich der Kreis der Beitragenden zu unserer großen Freude stetig erweitert. Allen Autorinnen und Autoren dieses Kompendiums sei herzlich gedankt für die fruchtbare Zusammenarbeit.

Besonderen Dank schulden wir außerdem Sophia Burgenmeister für die umsichtige redaktionelle Unterstützung sowie Lobsang Gammeter und Katharina Ströhm für ihre Hilfe beim Erstellen der Quellenverzeichnisse und der Register.

1Vgl. Portney, K. E.: Sustainability. Cambridge MA 2015, 1–5 u. Hulme, M.: Why We Disagree About Climate Change: Understanding Controversy, Inaction and Opportunity. Cambridge 2009, 248 f., 259.

2Grunwald, A.: Wider die Privatisierung der Nachhaltigkeit. Warum ökologisch korrekter Konsum die Umwelt nicht retten kann, in: GAIA, 19/3, 2010, 178–182, hier 178.

1.Ideen- und Wissensgeschichte

Tobias Schlechtriemen

Fast jeder Lebensbereich und jede menschliche Tätigkeit lassen sich gegenwärtig mit dem Zusatz ‚nachhaltig‘ in seiner adjektivischen oder adverbialen Form versehen. Allerdings unterscheidet sich das, was die einzelnen Menschen unter ‚Nachhaltigkeit‘ verstehen, mitunter deutlich (vgl. Grunwald/Kopfmüller 2012; Luks 2002; Brand/Jochum 2000). Der vage und mehrdeutige Gebrauch des Begriffs stellt für viele, wie etwa umweltpolitische Aktivistinnen und Aktivisten, ein Problem dar. Sie würden gerne genau klären, was Nachhaltigkeit im engeren Sinne bedeutet und dieses Verständnis von seinem – aus ihrer Sicht – falschen und irreführenden Gebrauch abgrenzen. Der Ideen- und Wissensgeschichte hingegen geht es nicht um eine eigene Definition dessen, was man unter Nachhaltigkeit verstehen könnte oder sollte. Vielmehr ist es ihr Ziel, zu rekonstruieren, was jeweils zu einer bestimmten Zeit darunter verstanden wurde. Die Ideen- und Wissensgeschichte analysiert somit die verschiedenen Verständnisse von Nachhaltigkeit, ihre medialen Darstellungsformen und historisch-sozialen Kontexte.1

1.1Konzepte und Wissensformationen von Nachhaltigkeit

Gegenüber der traditionellen philosophischen Auffassung, dass es sich bei Ideen um zeitlose und abstrakte Begriffe handelt, hat die neuere Ideen- und Wissensgeschichte zwei wesentliche Änderungen eingeführt (vgl. Müller/Schmieder 2016): Erstens geht sie davon aus, dass Wissen sich wandelt. Ideen haben eine Geschichte, die man wissenschaftlich untersuchen und rekonstruieren kann. Wann ist eine Idee aufgekommen und in welchem Kontext? Wie wurde sie aufgegriffen, weitergegeben und wie hat sich ihre Bedeutung geändert? Welche unterschiedlichen Verständnisse eines Begriffs kursieren innerhalb einer Gesellschaft und darüber hinaus?2 Zweitens folgt die Wissensgeschichte der Annahme des linguistic turn (Richard Rorty), dass es für einen Gedanken entscheidend ist, wie er sprachlich verfasst wird. Demzufolge gibt es keine abstrakten Ideen, die erst im Nachhinein sprachlich dargestellt werden. Was Rorty (1967) in Bezug auf Sprache formuliert, gilt auch für alle anderen Medien: Das Verständnis bildet sich direkt in einem oder mehreren Medien aus und wird entsprechend durch sie geprägt. Es stellt sich somit die Frage, wie Wissen durch verschiedene mediale Darstellungen geformt wird. Welche spezifischen Eigenschaften und Affordanzen (vgl. Zillien 2008) bringt ein bestimmtes Medium, wie Sprache oder etwa grafische Darstellungen, mit sich? Ludwig Jäger bezeichnet diese medienspezifischen Prägungen als „Transkriptionen“ (2001). Wissensgeschichtliche Untersuchungen beschäftigen sich folglich mit Wissensformationen sowohl im Hinblick auf ihre Geschichtlichkeit als auch ihre Medialität.

Bezüglich der eingangs geschilderten Beobachtung sind aus wissensgeschichtlicher Perspektive zudem zwei Aspekte interessant: zum einen, dass das Konzept der Nachhaltigkeit für so viele Menschen in völlig verschiedenen Bereichen eine solche herausragende Bedeutung und Relevanz besitzt, und zum anderen, dass sich nahezu alle in positiver Weise darauf beziehen. Es zeichnet sich also sowohl durch eine enorme gesellschaftliche Reichweite als auch durch eine hohe Wertschätzung aus. Die Nachhaltigkeitsdebatte bietet den Anlass, dass Menschen diskutieren, was ihnen gegenwärtig wichtig ist, auch in der Form, dass sie artikulieren, was sie sich für ihre Zukunft wünschen oder wovor sie sich fürchten. Kurz: Nachhaltigkeitsvorstellungen bilden einen wichtigen Teil des sozialen Imaginären – zumindest westlicher Gesellschaften (vgl. Kagan, im Erscheinen). Die Vagheit und Offenheit des Verständnisses scheint dabei eine bereichsübergreifende Kommunikation erst zu ermöglichen.3 Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass Nachhaltigkeit für fast alle einen positiven Referenzpunkt darstellt, der hinsichtlich seiner Bedeutung aber nicht festgelegt ist.

Wie konnte Nachhaltigkeit diese prominente gesellschaftliche Stellung erlangen, die man mit Ernesto Laclau als „empty signifier“ (Laclau 2002: 69), als ‚leeren Signifikanten‘ bezeichnen könnte?4 Wo ist das Konzept der Nachhaltigkeit zuerst aufgetaucht? In welche anderen Bereiche wurde es dann übertragen? Seit wann ist es zu einem „absoluten Begriff” (Schüttpelz 2007: 25) aufgestiegen, der nicht mehr nur einem spezifischen Bereich zugeordnet werden kann, sondern in fast allen gesellschaftlichen Teilbereichen eine Referenz darstellt?

Diese weitreichende diskursgeschichtliche Rekonstruktion kann hier nicht geleistet werden. Stattdessen konzentriere ich mich im Folgenden auf die unterschiedlichen Verständnisse von Nachhaltigkeit. Ein wesentlicher Aspekt wird dabei sein, wie Nachhaltigkeit als wissenschaftlicher Gegenstand behandelt worden ist. Denn im Fall des Nachhaltigkeitsdiskurses gingen entscheidende Impulse von wissenschaftlichen Darstellungen aus, die in der Folge massenmedial aufgegriffen und öffentlich diskutiert wurden. Drei Texte, die für die Nachhaltigkeitsdebatte prägend waren und immer noch als richtungsweisend gelten, stehen im Zentrum meiner Analyse: Das 1713 erschienene Buch Sylvicultura oeconomica von Hans Carl von Carlowitz (2013); die von Donella H. sowie Dennis L. Meadows und ihrem Team 1972 publizierte Schrift The Limits to Growth (dt.: Die Grenzen des Wachstums), die auch als Bericht des Club of Rome bekannt geworden ist (Meadows et al. 1980); und schließlich der sogenannte Brundtland-Report, also der Text, den eine unabhängige UNO-Kommission 1987 unter dem Titel Our Common Future (dt.: Unsere gemeinsame Zukunft) vorstellte (Weltkommission 1987).

In der Analyse habe ich fünf Kernaspekte herausgearbeitet, die in allen drei Texten eine wesentliche Rolle spielen. Das gilt zunächst für diese drei Schriften; die Motive und Fragen sind jedoch so grundlegend, dass sie mir geeignet erscheinen, um generell bei der vergleichenden Analyse von Nachhaltigkeitsdiskursen eingesetzt zu werden.5 Insofern handelt es sich um idealtypische Konstruktionen, um eine Heuristik, die aus den historisch-konkreten Formen abgeleitet ist. Entsprechend muss man sie anpassen, wenn andere Quellen mit einbezogen werden. Die idealtypische Heuristik ermöglicht es aber, sich in den diversen und oftmals diffusen Auffassungen dessen, was Nachhaltigkeit bedeutet, zu orientieren, Vergleichsanalysen anzufertigen und innerhalb eines Nachhaltigkeitsdiskurses dessen inhärente Konsequenzen durchzuspielen. Wie die Beispielanalysen im Folgenden zeigen werden, beschränke ich mich dabei nicht auf Begriffe oder Ideen. Vielmehr beziehe ich mit ein, in welchen Metaphern, Diagrammen und technischen Kontexten das Wissen über Nachhaltigkeit formuliert, dargestellt und dadurch eben auch formiert wird.6

Die fünf Kriterien oder Kernaspekte sind: erstens, der Anlass, welcher im Text als Grund oder Motivation für die Darstellung angegeben wird; zweitens, die Ressource, die erhalten werden soll; drittens, die Bezugseinheit, auf die sich die Berechnung des zu Erhaltenden bezieht; viertens, das Wissen, welches man benötigt, um entsprechende Berechnungen anstellen zu können; und fünftens, die Akteure und ihre Positionierung, also wer in welcher Weise aktiv oder passiv beteiligt ist, in welchem institutionellen Setting etc. und wie sich die Autorin oder der Autor bzw. deren jeweilige Institution selbst in Bezug auf das beschriebene Problem positioniert.

1.2Fallbeispiele: Analysen dreier Meilensteine der Nachhaltigkeitsdebatte

Sylvicultura oeconomica

Das Buch Sylvicultura oeconomica ist im Kontext dieser Analyse deswegen interessant, weil viele davon ausgehen, dass hier zum ersten Mal das Konzept der Nachhaltigkeit formuliert wird – etwa Ulrich Grober (2010) in seiner Rekonstruktion des Nachhaltigkeitsdiskurses. Das Wort ‚nachhalten‘ war zwar zuvor bereits gebräuchlich (vgl. Kaden 2012), aber bei von Carlowitz sei zudem ein grundlegendes Verständnis von Nachhaltigkeit entwickelt.7 Der Satz, der als Beleg dafür eine erstaunliche Prominenz erhalten hat, aber meist nur gekürzt und ohne weiteren Kontext wiedergegeben wird, ist folgender:

Wird derhalben die gröste Kunst / Wissenschafft / Fleiß / und Einrichtung hiesiger Lande darinnen beruhen / wie eine sothane Conservation und Anbau des Holtzes anzustellen / daß es eine continuirliche beständige und nachhaltende Nutzung gebe / weiln es eine unent berliche Sache ist / ohne welche das Land in seinem Esse [Wesen] nicht bleiben mag. (von Carlowitz 2013: 216)

Hier taucht der Ausdruck „nachhaltende Nutzung“ [Hervorh. T. S.] auf und charakterisiert die Weise, in der der Wald bewirtschaftet werden sollte. Damit ist im Kern ein Grundsatz formuliert, welcher den Nachhaltigkeitsdiskurs der letzten 30 Jahre geprägt und dessen Aussage nicht an Plausibilität verloren hat: Im Wald sollte man nicht mehr Holz schlagen, als nachwächst. Als Ausgangspunkt für die Analyse des Nachhaltigkeitsdiskurses lohnt es sich also, genauer zu untersuchen, durch welche wesentlichen Elemente sich von Carlowitz’ Verständnis von Nachhaltigkeit auszeichnet. Allerdings sei in aller Deutlichkeit darauf hingewiesen, dass es sich dabei um ein Spezifikum des deutschsprachigen Diskurses handelt.8

Gleich zu Anfang, noch in der Widmung für den Kurfürsten von Sachsen, Friedrich August I., formuliert von Carlowitz seine Beweggründe für das Verfassen dieses umfangreichen Werkes (2013: 94): Es gehe ihm darum,

den Handel und Wandel zuerheben / und dadurch sattsame Nahrung und Unterhalt für sie [„die armen Unterthanen“] zu conserviren / worunter der Berg-Bau bey Ew. Königl. Maj. Weltberufenen Sächsischen Ertz-Gebürge / als ein großes Momentum, zum Besten des gemeinen Wesens / bevorab zu rechnen / dadurch viele herrliche Städte / Flecken und Dörffer eingebauet / viel tausend Menschen ernehret / große Summen Geldes in Deroselben und Dero benachbarten Landen zum rouliren bracht / und vermittelst derer Metallen und Mineralien auch daraus gefertigten Manufacturen / das Commercium bey der Kauffmannschafft ins Land gezogen / je mehr und mehr verstärcket / darinnen erhalten / und folglich Ew. Königl. Maj. hohes Interesse immer möglichst befördert wird.

Der „Handel und Wandel“ soll angeregt werden, um die Menschen der Region zu ernähren. Dabei stellt der Bergbau ein „großes Momentum“, also einen entscheidenden Aspekt, „zum Besten des gemeinen Wesens“ dar. Was hier ebenfalls auftaucht, ist die Strategie „zu conserviren“ und „bevorab zu rechnen“, also Berechnungen anzustellen, die künftige Entwicklungen vorhersagen und dadurch Nahrung und Unterhalt sichern können. Insgesamt handelt es sich um einen Vorschlag, der – im Sinne des „Commercium“ – auf wirtschaftliche Erfolge abzielt, um auf diese Weise wiederum dem Gemeinwohl, auch in Zukunft, zu dienen.

Im anschließenden Satz wird noch einmal die wesentliche Rolle betont, welche die Bergwerke spielen. Es ist tatsächlich ein Satz; in dem auch der Zusammenhang mit dem Wald bzw. dem Holz hergestellt wird:

In dieser Betrachtung nun / und sonderlich wie die Bergwercke / als das edle Kleinod und unschätzbare heilige Nahrungs-Mittel / bey Ew. Königl. Maj. Churfl. Sächß. Landen / wegen anscheinenden Holtz-Mangel künfftig nicht in Abfall kommen / und dadurch die florierende Commercia gehemmet werden möchten / […] wie das Holtzwesen in Ew. Königl. Maj. Churfürstl. Sächsischen Landen etzlicher maßen zu unterhalten / und der befürchtende Holtz-Mangel durch den Anflug und Wiederwachs des jungen Holtzes / bey und auf denen großen Blösen / und Stock-Räumen / derer in viel tausend Ackern bestehend abgetriebener und abgehöltzter Wälder / denen Nachkommen zum Besten / nach und nach wiederzuersetzen / und dadurch den lieben Bergwerck / (welches in Ew. Königl. Majest. Landen / durch Gottes Seegen unerschöpfflich / aber ohne sattsames Holtz / nicht geführet werden mag) so wohl voritzo / als künfftighin zu Vermehr- und Erweiterung zu statten zu kommen / zumahl weil doch Grund und Boden gnugsam hierzu vorhanden / und bey dessen pfleglicher Holtz-Cultur solches hinfüro nicht ermangeln kan. (von Carlowitz 2013: 94 f.)

Die Bergwerke werden hier als „Kleinod“ und „unschätzbare heilige Nahrungs-Mittel“ beschrieben. Sie seien zwar durch Gottes Segen unerschöpflich, aber könnten ohne Holz nicht betrieben werden. Anlass zur Sorge bereitet von Carlowitz der zu seiner Zeit offenbar breit diskutierte „befürchtende Holtz-Mangel“. Diesen wolle er durch Vorschläge für eine „pflegliche[ ] Holtz-Cultur“ überwinden – und das komme dann auch einer „florierende[n] Commercila“ zugute. Auf welche Weise er den Holzmangel bekämpfen möchte, nimmt er im Kern hier schon vorweg: Es gehe darum, die Brachflächen und abgeholzten Felder wieder aufzuforsten.9 Der geographische Bereich, auf den er sich bezieht, sind die „Churfürstl. Sächsischen Landen“. Zeitlich hat er seine Gegenwart, aber auch die Zukunft – „so wohl voritzo / als künfftighin“ – im Blick, denn die Maßnahmen seien auch „denen Nachkommen zum Besten“.

Anhand der fünf Kernaspekte lässt sich von Carlowitz’ Darstellung folgendermaßen strukturieren: Den Anlass zur Niederschrift seiner Vorschläge bildet für von Carlowitz der Holzmangel.10 Dieser habe dazu geführt, dass bereits viele Bergwerke in Europa und weltweit nicht mehr ausgelastet seien und folglich auch nicht mehr auf ihre Kosten kämen (vgl. von Carlowitz 2013: 99) – letztlich handelt es sich also um eine ökonomische Begründung. Als Ursache für den Holzmangel identifiziert er den Umstand, dass viele Wälder abgeholzt und zu landwirtschaftlichen Flächen oder Gärten und Teichen umfunktioniert worden seien (vgl. von Carlowitz 2013: 98).

Die entscheidende Ressource ist das Holz. Dessen Zentralität begründet von Carlowitz allgemein und insbesondere in Bezug auf den Bergbau (2013: 98):

daß man ohne dasselbe [das Holz] / nebenst dem lieben Brodt / weder zu Saltze noch Schmaltze zugelangen / noch zu kochen / zu brauen / ja nicht in Trocknen zu wohnen / noch weniger den Leib den harten Winter durch / vor Frost und Kälte gesund und bey Kräfften lebendig zu erhalten / vermag / zugeschweigen daß ohne dessen Bey-Hülffe auch bey dem Edlen Bergbau zu denen untersten Schätzen der Erden in keinerley Wege zukommen / und also weder Silber noch Gold / oder andere Metalle und Mineralien / worinnen doch der nervus rerum gerendarum [Hauptbeweggrund] bey dem gemeinen Wesen bestehet / fündig zu machen / zu schmeltzen / zu münzen / noch sonsten zu Nutze zu bringen.

Dem drohenden Mangel will von Carlowitz durch Vorausberechnung der Holzbestände begegnen. In diesem Zusammenhang schreibt er immer wieder davon, dass man im Grunde die nächsten 100 Jahre im Blick haben müsse (vgl. etwa von Carlowitz 2013: 210). Letztlich geht es um eine Nullsummenrechnung, dass nur so viel Holz verbraucht werden kann, wie auch nachwächst. Um den Bedarf an Holz und die Bestände berechnen zu können, braucht er eine Bezugseinheit. Als solche fungiert bei ihm das Land Sachsen bzw. die darin zur Verfügung stehenden Waldflächen.11

Um den Bestand zu konservieren, müssten weitere Flächen aufgeforstet werden. Hierzu braucht es ein genaues Wissen über die Aufzucht neuer Bäume, das Wachstum verschiedener Arten usf., kurz: die Forstwissenschaft, die er etablieren und deren Wissen er unter den Menschen verbreiten möchte.12 Das bedeutet auch, dass der Wald hier nicht als natürliches Ökosystem für sich geschützt werden soll. Vielmehr ist es ein Plädoyer für einen auf forstwissenschaftlichem Wissen beruhenden menschlichen Eingriff, der den Wald dann auch in eine forstwirtschaftliche Ressource wandelt (vgl. Kaufmann 2004: 174 f.).

Hans Carl von Carlowitz ist Leiter des sächsischen Oberbergamts und besetzt somit die Stelle, an der alle Informationen zusammengeführt sowie die wichtigen forstwirtschaftlichen Entscheidungen getroffen werden.13 Wenn also jemand über das Wissen verfügt, das er hier zugleich einfordert und verbreiten möchte, dann er selbst. Somit stehen als Akteure14 er und seine Institution des Oberbergamts im Zentrum des beschriebenen Geschehens mit dem Anspruch, auf dieses einen erheblichen Einfluss ausüben zu können.

Wenn man das Verständnis von Nachhaltigkeit, wie es hier formuliert ist, zusammenfasst, dann wird ein Bezug zu einer Einheit hergestellt – das ist hier das Land Sachsen. Innerhalb dieser Einheit geht es um Holz als endliche und lebenswichtige Ressource, die eine hohe ökonomische Relevanz aufweist. Diese Ressource wird nicht nur in der Gegenwart gebraucht, sondern auch in der Zukunft. Sie ist zwar endlich, aber sie wächst nach. Davon ausgehend wird eine einfache Rechnung aufgestellt: Man darf nur so viel Holz verbrauchen, wie in der gleichen Zeit nachwächst.15 Allgemein formuliert motiviert eine bestimmte Zukunftsvorstellung ein entsprechendes Handeln in der Gegenwart. In der konkreten Umsetzung dieses Handelns bedarf es dazu eines bestimmten Wissens. Denn man muss in der Lage sein zu kalkulieren, in welcher Zeit wie viel Holz der unterschiedlichen Baumarten nachwächst; zudem kann man das Wachstum gezielt fördern und unterstützen. Dieses forstwissenschaftliche Wissen – so wird hier angenommen – ist erforderlich, um überhaupt die Nachhaltigkeit über einen betreffenden Zeitraum berechnen zu können.

Das, was hier Anfang des 18. Jahrhunderts als ein neues Wissen und Konzept im Hinblick auf die Beforstung des Waldes entwickelt wurde, findet sich als Metapher oder als eine Bedeutungsschicht in vielen Definitionen und Umschreibungen von Nachhaltigkeit bis in die Gegenwart.

Die Grenzen des Wachstums

Der zweite hier analysierte Grundlagentext wurde 250 Jahre später geschrieben: Die Grenzen des Wachstums von 1972.16 Das Buch geht auf die Initiative und finanzielle Unterstützung des Club of Rome zurück, der 1968 in Rom von Personen aus Wissenschaft und Politik gegründet wurde.17 Es wurde von einer Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern verfasst, die sowohl auf dem Cover als auch im Klappentext als „Mitarbeiter der berühmtesten westlichen Denkfabrik, des Massachusetts Institute of Technology (MIT)“18 vorgestellt werden.

In beiden Paratexten des Buchumschlags wird bereits das Ergebnis zusammengefasst:

Das Fazit ist eindeutig: Unser Bevölkerungs- und Produktionswachstum ist ein Wachstum zum Tode. Der ‚teuflische Regelkreis‘ – die Menschheitszunahme als Ursache und Folge der Ausplünderung unseres Lebensraums – kann nur durch radikale Änderung unserer Denkgewohnheiten, Verhaltensweisen und Gesellschaftsstrukturen durchbrochen werden.

Man müsse weiterhin auf Technik und Wissenschaft setzen, aber nicht mit dem Ziel, das Bruttosozialprodukt zu erhöhen. Vielmehr habe das Meadows-Team den „Zustand eines stabilisierten Gleichgewichts“ (Klappentext von Meadows et al. 1980) errechnet, den man noch erreichen könne.

An dieser Stelle setze ich nun wieder die fünf Kernaspekte ein, um das Verständnis von Nachhaltigkeit, wie es hier formuliert ist, zu konturieren und vergleichbar zu machen. Die Forschenden des MIT sind Systemtheoretiker und gehen von einem dynamischen Systemverständnis aus. Ihr Ziel ist es, ein Weltmodell aufzustellen, mit dem sich die globale Entwicklung berechnen lässt. Dazu stellen sie die aus ihrer Sicht zentralen Grundgrößen auf: „Bevölkerung, Kapital, Nahrungsmittel, Rohstoffvorräte und Umweltverschmutzung“ (Meadows et al. 1980: 76). Hier handelt es sich nicht nur um Ressourcen im engeren Sinn, sondern um andere Faktoren, die aus ihrer Sicht entscheidend die weltweite Entwicklung bestimmen.

Das Forscherteam betrachtet diese Grundgrößen als voneinander abhängige Variablen. Im Sinne des dynamischen Systemkonzepts werden sie als wechselwirkende Teile verstanden. Um solche Wechselwirkungen berechnen und hochrechnen zu können, braucht es auch hier eine Bezugseinheit: Das ist „die Menschheit“ (Meadows et al. 1980: 12), „die Erde“ (Meadows et al. 1980: 13) oder das Weltsystem, für das es dann entsprechend ein „Weltmodell“ (Meadows et al. 1980: 15) gibt. Außerdem wird jede Grundgröße für sich noch einmal als Regelkreis beschrieben mit Faktoren, die eine Zunahme begünstigen, und solchen, die zur Abnahme der Größe beitragen. Dieses Weltmodell übernehmen sie von Jay Forrester und dessen kybernetischem Ansatz der Systems Dynamics (Seefried 2015: 60, 267 f.). Mit den Grundgrößen, ihren Regelkreisen und den Daten, die dazu vorliegen, lassen sich Computerberechnungen anstellen und das Verhalten der Variablen zueinander testen.19 Der zeitliche Rahmen dazu wechselt, mal geht es um den „Zeitraum zwischen 1900 und 2100“ (Meadows et al. 1980: 79), mal bis zum Jahr 2000 oder auch deutlich länger.

Die Computersimulationen führen zu eindeutigen Ergebnissen, welche die Forscher als Anlass zu deren Publikation schildern: „Wir kamen dabei zu Erkenntnissen, wie sie sich schon vielen weiterblickenden Menschen aufdrängten: daß die kurzen Verdoppelungszeiten im System der Menschheit uns erstaunlich rasch an die Grenzen des Wachstums heranführen werden“ (Meadows et al. 1980: 75). Die Entwicklung vollziehe sich nicht nur exponentiell, sondern „super-exponentiell“ (Meadows et al. 1980: 26). „Dieses Systemverhalten tendiert eindeutig dazu, die Wachstumsgrenzen zu überschreiten und dann zusammenzubrechen“ (Meadows et al. 1980: 111), so die Forscher des MIT. Das habe ihre „Wertmaßstäbe verändert“.20

Diese Dynamik lässt sich an folgender Grafik ablesen (vgl. Abb. 2). Für alle Grundgrößen sind die Daten zwischen 1900 und 1970, die zu dieser Zeit vorliegen, eingetragen – danach wird die Kurve durch Hochrechnungen ergänzt. Man sieht, wie bis 2020 Nahrungsmittel, Industrieproduktion, aber auch Umweltverschmutzung und Bevölkerung steigen – nur die Rohstoffvorräte fallen. Um 2050 gibt es dann einen Wendepunkt und deutlichen Abfall der Bevölkerungszahlen. Das Wissen wird hier über Computersimulationen gewonnen. Ausgehend von Daten zu Grundvariablen eines Systems und deren Interaktion werden zukünftige Entwicklungen hochgerechnet und in Graphen visualisiert. Dies bedeutet allerdings „die Abhängigkeit des Erkenntnisfortschritts von der Leistungsfähigkeit der Rechner“ (Gramelsberger 2010: 95).

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Abb. 1: aus: Meadows et al. 1980: 113.

Die Forscherinnen und Forscher des MIT formulieren den Anspruch, ihr Modell sei „das einzige existierende Modell, das wirklich weltweite Bedeutung hat“ (Meadows et al. 1980: 15). Das liegt nicht zuletzt daran, dass sie über einen der zu dieser Zeit wenigen Computer mit entsprechender Rechenkapazität verfügten.21 Der Vorteil ihres Modells ist außerdem, dass man mit ihm experimentieren kann, indem man die Variablen ändert und dann die Auswirkungen dieser Änderungen in Probeläufen durchspielt (vgl. Gramelsberger 2010: 157). Diese informationstechnologischen Möglichkeiten prägen auch die Weltwahrnehmung: „Computer geben Einblicke in das Innere der Phänomene, indem sie das gesamte Gebiet der Mannigfaltigkeiten als mathematischen Möglichkeitsraum eröffnen“ (Gramelsberger 2010: 255).