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Brian McLaren

Nachfolge auf neuem Kurs

Zehn Fragen, die den Glauben verändern

Aus dem Amerikanischen von Dorothee Dziewas

Einführung

In heißen, baufälligen Slums in den Städten Lateinamerikas, in schattigen Dörfern auf dem Land in Afrika, in gut ausgestatteten Tagungszentren, Gemeinderäumen und Cafés in Asien, Europa und Amerika hatte ich die Gelegenheit, mit einer erstaunlichen Zahl führender Christen quer durch das konfessionelle Spektrum zu reden und Freundschaft zu schließen: mit Katholiken, Orthodoxen, Protestanten, Evangelikalen und Pfingstlern. Sie haben mich von einer schlechten und einer ermutigenden Nachricht überzeugt. Die schlechte Nachricht: Der christliche Glaube in all seinen Ausprägungen ist in Schwierigkeiten. Die gute Nachricht: Der christliche Glaube in all seinen Ausprägungen steckt voller neuer Möglichkeiten.

Der eine oder die andere erinnert sich vielleicht an die Geschichten von Sara und Elisabeth, älteren Frauen in der Bibel, die der biologischen Uhr trotzten und Kinder bekamen, als alle dachten, es wäre zu spät. Manche Menschen sehen den christlichen Glauben auch so – wie eine alte Frau, die ihre beste Zeit hinter sich hat und dem Pflegeheim näher ist als der Säuglingspflege. Aber ich sehe das anders. Ich glaube, dass der christliche Glaube (wie jeder Glaube) in jeder neuen Generation in gewisser Weise neu geboren werden muss. Das bedeutet, dass der christliche Glaube die Chance hat, ewig jung zu bleiben. Ich sehe also, wie aus dem Schoß des christlichen Glaubens in seiner ganzen wilden Vielfalt eine neue Generation christlicher Jünger geformt und geboren wird, aufwächst und erwachsen wird, und sie haben unglaubliches Potenzial, auch wenn sie vor ungeheuren Herausforderungen stehen (unter anderem dem Unverständnis und der Kritik einiger ihrer Ältesten).

Ich kenne den christlichen Glauben von innen. Ich wuchs in einer konservativen evangelikalen Gemeinde auf. Dann, nachdem ich als Teenager in den 1970er-Jahren durch die Jesusbewegung ein leidenschaftlicher Jünger wurde, kam ich mit den etablierten protestantischen und katholischen Kirchen in Kontakt. Ich heiratete ein römisch-katholisches Mädchen, und zusammen öffneten wir unser Haus, um eine Gemeinschaft gründen zu helfen, die sich zu einer kleinen Hausgemeinde entwickelte. Sie wurde schließlich zu einer größeren Gemeinde, in der ich 24 Jahre lang als Pastor diente. In diesen Jahren entwickelte ich ein großes Interesse an Kirchengeschichte, den östlichen orthodoxen Kirchen, keltischer Spiritualität und der Tradition der Wiedertäufer. Durch die Mitarbeit im Vorstand einer Missionsgesellschaft und dann durch meine Tätigkeit als Referent habe ich Gemeinden der lateinamerikanischen Pfingstbewegung, afrikanische Gemeinden, asiatische Christen, traditionelle europäische Gemeinden und die ganze Bandbreite von Glaubensgemeinschaften kennengelernt, die auf der Welt gedeihen und sich abmühen, von winzigen Dörfern auf dem Land bis zu Metropolen und überall dazwischen.

Meine Tätigkeit als Gemeindeseelsorger habe ich erst vor etwa drei Jahren aufgegeben, um zu schreiben, mich mit anderen auszutauschen, Pastoren ein Pastor zu sein und über das zu sprechen, was ich auf meinem Weg gelernt habe. Ich merke, dass ich immer noch dabei bin, meine Erfahrung als Pastor einer Ortsgemeinde zu verarbeiten. Dass ich als Pastor viele Fehler gemacht habe, weiß ich, genauso wie ich viele persönliche Grenzen hatte. Ich wünschte, ich hätte am Anfang die Hälfte dessen gewusst, was ich am Ende gelernt hatte. Ich weiß auch, dass mir vieles wichtig war und ich fleißig gearbeitet und dabei mein Herzblut gegeben habe. Vermutlich empfinde ich meine Aufgabe als Pastor so ähnlich wie meine Erfahrung als Vater: Ich habe mein Bestes gegeben, aber meine Kinder – und meine Gemeinde – hätten etwas viel Besseres verdient, also habe ich immer das Gefühl, mich entschuldigen zu müssen.

Obwohl ich nicht mehr als Gemeindepastor tätig bin, liebe ich das Gemeindeleben. Ich liebe Gemeinden. Ich singe gerne schöne Lieder, bete gehaltvolle Gebete, teile mit anderen das Geheimnis des Abendmahls und höre ernsthafte, leidenschaftliche und nachdenkliche Predigten. (Als Zuhörer ist mir aufgefallen, dass ich sie lieber kürzer habe als früher, als ich der Prediger war.) Natürlich habe ich genügend Gemeinden lange genug aus ausreichender Nähe betrachtet, um keine naiven Vorstellungen von ihnen zu haben, und ich bin mir ihrer ernsten Probleme und Störungen durchaus bewusst. Aber ich glaube an die „eine, heilige, christliche und apostolische Kirche“, wie es in dem alten Glaubensbekenntnis heißt, und an den heiligen Glauben, der ihr anvertraut ist. Und vielleicht ist es wie bei Sara und Elisabeth: Wenn man glaubt, die alte Dame hätte es hinter sich, macht sie möglicherweise einen Schwangerschaftstest und überrascht uns alle.

Dieses Buch ist in zwei Hauptteile unterteilt. Nach ein paar einführenden Sätzen befasst sich Buch 1 mit fünf grundlegenden und kritischen Fragen, die oft von Nachfolgern Christi in aller Welt gestellt werden. Diese Fragen, glaube ich, haben das Potenzial, uns aus einem Gefängnis zu befreien, in dem wir seit Langem festsitzen. Wenn wir erst einmal lang gehegte Annahmen aufschließen, um diese Fragen zu stellen, werden sich neue Möglichkeiten eröffnen – daher die Überschrift für Buch 1: „Aufschließen und Öffnen“.

In Buch 2 werden wir über fünf weitere Fragen nachdenken, die vielleicht weniger grundlegend oder theologisch radikal sind, aber gleichermaßen wichtig, weil sie ganz praxisbezogen sind und intensive Debatten hervorrufen. Wenn wir anfangen, aus den einengenden konventionellen Paradigmen des ersten Teils aufzutauchen, werden wir in der Lage sein, diese wichtigen praktischen Fragen auf frische und äußerst konstruktive Weise zu erforschen, woher der Titel des zweiten Teils kommt: „Auftauchen und Erforschen“.

Diese zehn Fragen sind natürlich nicht die einzigen wichtigen Fragen, die es gibt. Wenn wir bei diesen zehn Fragen stehen blieben, hätten wir sogar das Wesentliche nicht begriffen. Aber ich habe das Gefühl, dass wir keine besseren Antworten auf andere dringliche Fragen finden werden, bevor wir zuerst die ersten fünf aufgeschlossen und geöffnet haben und dann aufgetaucht sind und die zweiten fünf erforscht haben. In der Schlussfolgerung am Ende des Buches werde ich ein paar gute Kandidaten für die zweite Runde nennen. Und bis dahin hoffe ich, dass Sie etwas von der Begeisterung spüren, die uns erfüllt, weil etwas Neues geboren wird.

1 Zwischen etwas Echtem und etwas Falschem

Eine kleine Stadt in England, kurz vor neun Uhr morgens. Schöne Landschaft, teilweise wolkig, ein gelegentlicher Schauer, kühl, ein bisschen windig. Ich bin hier, um über die Herausforderungen und Chancen zu sprechen, denen Christen in diesem Augenblick der Menschheitsgeschichte gegenüberstehen – in unserer Theologie, im Leben der Ortsgemeinden, in unserem Auftrag in der Welt. Eine gemischte Gruppe aus Geistlichen und Laien kommt herein, und nach und nach nehmen alle ihre Plätze ein. Während ich durch den Raum gehe, begegne ich anglikanischen Priestern, Baptistenpastoren, charismatischen Leitern, ein paar römisch-katholischen Menschen und einigen, die sich als konfessionslos oder Ausgetretene bezeichnen. Es gibt darunter Mütter, Väter, Großväter, Theologiestudenten und Leute, die mit Jugendlichen arbeiten. Die Organisatoren machen sich ein wenig Sorgen, weil einige christliche Fundamentalisten in der Stadt Briefe an die Zeitung geschrieben und gedroht haben, vor dem Tagungszentrum gegen die Organisatoren der Veranstaltung zu demonstrieren, weil sie einen „bekannten Ketzer“ eingeladen hätten, einen Vortrag in ihrer Stadt zu halten. Bis jetzt ist noch kein Demonstrant zu sehen.

90 Minuten später, während der vormittäglichen Kaffeepause, blicke ich aus dem Fenster und sehe, wie vier besorgte Personen auf dem Parkplatz von Auto zu Auto gehen und eilig kanarienvogelgelbe Blätter hinter die Scheibenwischer klemmen. Die Flyer warnen Teilnehmer vor diesem „kontroversen religiösen Anführer“, der hier sprechen wird. Er ist „gefährlich“, sagen sie, und „unbiblisch“. Wow, denke ich mir, als ich sehe, wie die gelben Zettel an jeder Windscheibe im Wind flatterten. Wie kann es sein, dass ein so sanfter Typ wie ich in solche Schwierigkeiten geraten ist?

Im Tagungszentrum läuft alles wie geschmiert – eine anregende Diskussionsrunde am Ende eines jeden meiner vier Vorträge, lebhafte Gespräche beim Mittagessen und während der Pausen. Am Ende des Tages bildet sich eine Schlange mit Leuten, die mich persönlich sprechen möchten, vielleicht ein Buch signiert haben oder noch eine Frage stellen oder etwas anmerken wollen. Ein junger evangelischer Pastor ist als Erster dran: „Ich hätte meinen Beruf und den christlichen Glauben überhaupt aufgegeben, wenn nicht Ihr Buch A New Kind of Christian1 gewesen wäre. Danke, dass Sie meinen Glauben gerettet haben.“ Ein Pastor mittleren Alters ist der Nächste: „Das war der geistlich erfrischendste Tag, den ich je erlebt habe. Danke für Ihren Besuch.“ Dann sagt eine ältere Frau: „Unser Pastor hat uns am letzten Sonntag von der Kanzel aus gewarnt, wir sollten heute nicht herkommen und Ihnen zuhören, aber meine Kinder finden Ihre Bücher so gut, dass ich trotzdem gekommen bin. Lassen Sie sich von niemandem entmutigen. Sie sagen, was wir hören müssen.“ Ein Rentner in weißem Hemd und Krawatte beugt sich vor und sagt: „Man hat mir schreckliche Dinge über Sie erzählt. Ich verstehe nicht, was die ganze Aufregung soll. Das war doch gut. Solide, vernünftige Gedanken.“

Während meine Gastgeber mich zu ihrem Auto begleiten, sehe ich den kanariengelben Zettel, der inzwischen nass an der Windschutzscheibe klebt. Ich ziehe ihn hinter dem Scheibenwischer hervor, und die Freude des Tages weicht einem Gefühl der Anspannung – ein Summen in meinem Kopf, ein Ziehen in meinem Herz, eine Schwere in den Gliedern. Weite im Gebäude, Enge draußen. Hoffnung im Tagungszentrum, Angst auf dem Parkplatz. Offene Herzen unter den Teilnehmern, knirschende Zähne bei unseren Kritikern. Begeisterung und Ermutigung in den Gesprächen vor fünf Minuten, Verdacht und Anschuldigungen auf dem gelben Flyer in meiner Hand. Wieder frage ich mich: Wie bin ich nur in diesen Wirbel der Meinungsverschiedenheiten geraten?

Ich hatte nie vor, ein „kontroverser religiöser Anführer“ zu werden. Als Junge liebte ich wilde Tiere und wollte entweder Zoowärter oder Förster werden. Eine Zeitlang verschlang ich Comics und träumte von einer Karriere als Comic-Autor – bis mir klar wurde, dass mein Zeichentalent bestenfalls mittelmäßig war. Wie viele andere Gitarre spielende Teenager meiner Generation träumte ich auch davon, als professioneller Liedermacher und Musiker Erfolg zu haben, aber das Leben eines Rockstars oder herumziehenden Folksängers ergab sich nie. Obwohl ich in einer konservativen evangelikalen Familie aufwuchs und in meiner Jugend mehrere eindrückliche geistliche Erlebnisse hatte, dachte ich nie daran, Missionar oder Pastor zu werden. (Ich erinnere mich noch daran, wie ich mir ein paar Tage lang vorstellte, ein Evangelist wie Billy Graham zu werden, aber das verblasste schnell.) In der Oberstufe verliebte ich mich in die Literatur, die mich schließlich auf die Idee brachte, Englischlehrer zu werden, was ich dann auch wurde. Ungefähr acht Jahre lang unterrichtete ich an einem College.

Zwischendurch hatte ich kurz überlegt, Geistlicher in der Episkopalkirche zu werden, und mit meiner damaligen Verlobten Witze darüber gemacht, wie es wohl wäre, wenn sie ihren römisch-katholischen Verwandten erzählt, dass sie einen anglikanischen Priester heiraten will. Aber an dem Freitagnachmittag vor dem Wochenende, an dem ich an einem Seminar zur Klärung meiner Berufung teilnehmen sollte, um mit dem Bischof über ein mögliches Theologiestudium zu sprechen, bekam ich kalte Füße. Ich liebe Gott, und ich möchte Gott dienen und Menschen in ihrem Glauben helfen, überlegte ich mir, aber ich habe nicht den Eindruck, dass ich für die religiöse Bürokratie und Politik besonders geeignet bin, und die sind nun einmal unausweichlicher Teil des Lebens als Hauptamtlicher. Ich glaube, ich kann der geistlichen Sache besser außerhalb der institutionellen Kirche dienen als in ihr. Also wurde ich Lehrer und es erfüllte mich sehr, meinen Glauben in der Umgebung einer säkularen Universität auszuleben.

Während ich unterrichtete und nebenbei meinen Magisterabschluss machte, fingen meine Frau und ich mit einer kleinen wöchentlichen Gruppe an: Jeden Donnerstag gab es einen Topf Suppe und frisch gebackenes Brot und gute Gespräche über Lebens- und Glaubensfragen. Das Abendessen wandelte sich zu einer andauernden Gemeinschaft mit Bibelarbeiten, ein paar Liedern zur Gitarre, Gebeten und viel Zeit am Ende, um einfach zusammen zu sein und sich zu unterhalten. Irgendwann erwuchs aus dieser Gruppe eine kleine, konfessionsübergreifende Gemeinde, zu deren ehrenamtlichen Leitern ich gehörte. Einige Jahre später fing unser Leitungskreis an, darüber zu reden, dass wir einen hauptamtlichen Pastor brauchten. Ich war die naheliegende Person für diesen Job: Ich war es gewohnt zu lehren, ich kannte die Mitglieder, und da ich schon jetzt mit einem bescheidenen Lehrergehalt auskam, würde es für die kleine Gemeinde nicht so schwierig sein, eine entsprechende Summe aufzubringen, also war ich gewissermaßen ein Schnäppchen.

Ich fragte meine Frau Grace, was sie von der Idee hielt. „Na ja“, sagte sie und streckte nacheinander vier Finger in die Höhe. „Du bist schon Vollzeit-Ehemann, Vollzeit-Vater, Vollzeit-Englischlehrer und Teilzeit-Gemeindeleiter. Ich glaube nicht, dass du das durchhalten kannst. Ich vermute mal, dass du auf lange Sicht nur drei von diesen Jobs machen kannst, ohne dabei auf der Strecke zu bleiben.“ Dann fügte sie hinzu: „Das bedeutet, dass du einen aufgeben musst. Du hast die Wahl.“ So kam es also zu meiner Berufung als Pastor, jedenfalls, soweit ich mich erinnere.

Ungefähr zu dieser Zeit las ich ein Buch, das in Form von Statistiken belegte, was ich jeden Tag an meiner Universität erlebt hatte: Die Kirche verlöre den Draht zu „normalen Menschen“.2 Die Prediger hätten vergessen, wie man ihre Sprache spricht. Die Pastoren verstünden die Fragen, Zweifel und Bedenken dieser Menschen nicht mehr. Die Leiter könnten nur mit den eigenen Schäfchen etwas anfangen und beschäftigten sich mit institutioneller Instandhaltung. Ungefähr vierzig Prozent aller Amerikaner, so erklärte das Buch, gingen regelmäßig in die Kirche und sechzig Prozent nicht, aber die erste Zahl schrumpfe und die zweite wachse. Wenn man mit den Leuten spreche, die bei einer Billy-Graham-Evangelisation nach vorne gehen, um „zum ersten Mal ihr Leben Jesus zu übergeben“ oder die auf eine evangelistische Einladung hin eine Art „Sündergebet“ sprechen, stelle man fest, dass mehr als neunzig Prozent von ihnen bereits ihr ganzes Leben lang in die Kirche gehen. Das bedeutet, dass mehr als 90 Prozent der sogenannten „frisch Bekehrten“ bereits in der Herde sind und weniger als zehn Prozent aus der kirchenfernen Mehrheit stammen. Offenbar werden hier Baptisten zu Pfingstlern und Katholiken zu Anglikanern und so weiter – aber es kommen erstaunlich wenige „Kirchenferne“ oder „Suchende“ in Kontakt mit der Kirche.

Das Buch passte zu meinem eigenen Gefühl der Berufung. Und als ich hauptamtlicher Pastor wurde, wollte ich die Mehrzahl der Menschen außerhalb der Kirche, die spirituell auf der Suche waren, nicht vergessen. Ich wollte sicher sein, dass alles, was wir sagten und taten, für sie so leicht zugänglich war wie nur möglich, so dass sie das Gute an der christlichen Guten Nachricht entdecken konnten. Wenn die Kirche keine isolierte kleine Enklave werden wollte, die nur mit ihren eigenen Leuten sprechen kann, mussten wir Menschen aus der kirchenfernen Mehrheit willkommen heißen – mit all ihren Fragen, Unsicherheiten, mit ihrer Skepsis und Ehrlichkeit –, und dafür mussten wir ihnen erst einmal zuhören, ohne zu bewerten, und sie verstehen, ohne sie zu verurteilen.

Mit der Zeit gelang es uns, eine Art sicheren Raum in unserer kleinen Gemeinde zu schaffen, und viele Menschen kamen auf ihrer geistlichen Suche zu uns. Da wir in der Nähe mehrerer Universitäten und Forschungseinrichtungen wie der NASA lebten, hatten viele dieser Suchenden einen sehr hohen Bildungsgrad. Und da wir außerdem in einem von großen wirtschaftlichen und sozialen Unterschieden geprägten Vorort von Washington lebten, hatten wir auch eine Menge arme Leute in der Umgebung, und mit der Zeit entwickelten wir einen Ruf als Kirche, die „Drogenabhängige akzeptierte“ und in der kaputte Typen willkommen waren. Ich hörte öfter, wie jemand vor oder nach dem Gottesdienst zu einem anderen sagte: „Ich erkenne dich. Wir waren zusammen im Entzug, weißt du noch?“

Ich habe damals gerne gesagt, dass unsere Gemeinde eine von den wenigen sei, wo man auf der einen Seite neben einem Akademiker und auf der anderen neben einem Hilfsarbeiter sitzen konnte. Was alle Suchenden – ob mit Doktortitel oder arbeitslos – gemeinsam haben, ist eine Abneigung gegen religiöse Heuchelei, um es vornehm zu sagen. Also hatte ich das Vergnügen, mit Menschen zu arbeiten, die eine klare Sprache sprachen und keine Angst hatten, mir zu sagen, was sie dachten.

Manchmal war das ehrliche Feedback unserer Suchenden nicht gerade positiv. Menschen kamen einige Wochen oder Monate lang zu unsere Veranstaltungen, hörten aufmerksam zu und kamen dann mit ihren Fragen zu mir. Normalerweise sagten sie etwas wie: „Ich höre mir jetzt seit sechs Monaten Ihre Predigten an, und eine Menge von dem, was Sie sagen, gefällt mir. Aber ein paar von den Lehren bleiben mir echt im Hals stecken. Das kann ich so nicht schlucken.“ Dann stellten sie mir ihre Fragen und ich versuchte sie zu beantworten, so gut ich konnte, aber oft fühlte ich mich leer, wenn sie gingen. Wenn sie mir meine Antworten „abkauften“, war ich merkwürdig enttäuscht. Wenn sie Widerstand leisteten und mir sagten, meine Antworten ergäben in ihren Augen immer noch keinen Sinn, dachte ich: Recht hast du, denn ein paar davon ergeben in meinen Augen eigentlich auch keinen rechten Sinn.

Also verließen jede Woche Menschen, die geistlich auf der Suche waren, mein Büro mit den besten Antworten, die ich ihnen geben konnte, und ich blieb mit ihren besten Fragen zurück. Und schon bald wurden ihre Fragen auch zu meinen Fragen. Allmählich floss dieses Reservoir unbeantworteter Fragen und unbefriedigender Antworten über in eine Art geistliche Krise, die mich drängte, mich auf die Suche zu begeben: eine Suche nach Ehrlichkeit, nach Authentizität und nach einem Glauben, der mir und anderen mehr einleuchtete. Mehrere Jahre lang schien sich meine Theologie mit jedem Monat, der verging, mehr und mehr aufzulösen. Ich hatte Angst, dass bald gar nichts mehr davon übrig sein würde – was in jedem Fall beunruhigend ist, aber vor allem dann, wenn man als Pastor seinen Lebensunterhalt verdient. Ich weiß noch, dass ich in dieser Zeit lange Spaziergänge machte, betete, nachdachte und mich fragte, was passieren würde, wenn ich niemals bessere Antworten fände. Mir fiel niemand ein, mit dem ich meine tiefe Qual teilen konnte. Es war eine Angst einflößende und schwere Zeit.

Meine Enttäuschung wurde noch verstärkt durch das, was in den 80er- und 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts unter Amerikas Christen geschah. Ein großer Teil sowohl protestantischer als auch katholischer Anführer hatte sich einer neokonservativen politischen Ideologie angeschlossen und verkündete, was sie „konservative Familienwerte“ nannten, während sie die Werte einer biblischen Gemeinschaft minimierten. Sie unterstützten Kriege ihrer Wahl, verteidigten Folter, widersetzten sich dem Umweltschutz und schienen es wichtiger zu finden, die Reichen vor Steuern zu beschützen als die Armen von ihrer Armut zu befreien oder die Minderheiten vom Rassismus. Sie waren gegen eine starke Regierung, als wäre eine starke gleichbedeutend mit einer schlechten, aber andererseits schienen ihnen ein starkes Militär und eine starke Wirtschaft von Natur aus gut zu sein. Sie wollten das ungeborene Leben im Mutterleib schützen, aber scherten sich offenbar nicht um das geborene Leben in den Slums oder Gefängnissen oder in Ländern, die sie als Feinde betrachteten. Sie bezeichneten homosexuelle Menschen als Bedrohung für die Ehe und waren blind für die Ironie, dass heterosexuelle Menschen mit atemberaubender Geschwindigkeit die Ehe beschädigten, ohne dass sie dafür die Hilfe von schwulen Paaren brauchten. Sie stuften Frauen immer wieder auf Zweite-Klasse-Niveau herunter, während sie oft ihre Brüder in Schutz nahmen, wenn diese in Skandale verwickelt waren oder Verbrechen begingen. Sie benutzten ihre Interpretation der Bibel, um die Regierung von Israel vorzuziehen und die Palästinenser an den Rand zu drängen, und selbst vor dem 11. September 2001 hatte ich Angst, dass durch ihren Einfluss Muslime zu den neuen Sündenböcken gemacht werden würden, zur Zielscheibe einer beunruhigenden Art religiös inspirierter Bigotterie.

Ihre Schärfe und Selektion bei der Auswahl von Themen und Prioritäten ärgerte mich zunächst, dann deprimierte sie mich und schließlich machte sie mich wütend. Sie hatten eine mächtige und wohlhabende heimliche Vorherrschaft erschaffen, um Kämpfer in ihrem „Kulturkrieg“ zu mobilisieren. Ich fing an, das neue religiöse Establishment, das sie geschaffen hatten, als Radio-Rechtgläubigkeit zu bezeichnen, weil sie ihre Botschaft durch religiöse Rundfunk- und Fernsehprogramme verbreiteten. Ich hatte das Gefühl, dass sie den Weg Jesu in einen Club der Pharisäer verwandelt hatten, und sie sprachen nicht für mich, obwohl ihre Sprecher jeden Abend im Fernsehen das Gespräch dominierten. Ich bekam auch den Eindruck, dass die Begriffe „evangelikal“ und sogar „christlich“ durch das tatkräftige, aber irregeführte Wirken dieser Leute zu einer verrufenen Marke geworden waren. Ich verstand immer besser, warum zunehmend mehr von meinen Freunden zusammenzuckten, wenn der Name „Jesus“ in der Öffentlichkeit fiel: nicht aus mangelndem Respekt vor Jesus, sondern aus mangelndem Respekt vor denen, die seinen Namen am häufigsten gebrauchten. Trotz alledem hatten nur wenige meiner Pastorenkollegen und Kirchenleiter den Mut, den Mund aufzumachen, weil sie Angst hatten, Mitglieder oder deren Spenden zu verlieren. Eine Zeit lang, muss ich bekennen, gehörte ich auch zu dieser schweigenden Gruppe.

Jeden Morgen wachte ich in der brutalen Spannung zwischen etwas Echtem und etwas Falschem im christlichen Glauben auf. Das Gefühl, dass etwas an ihm echt war, hielt mich in meinem Dienst und meinem Glauben fest; das Gefühl, dass etwas ganz und gar falsch lief, ließ mich nach einem Ausweg suchen. Irgendwie klammerte ich mich durch Gottes Gnade lange genug an dem Echten fest, um herauszufinden, was das Falsche sein könnte. Und schließlich hatte ich auch eine Vorstellung davon, was ich tun musste, um das eine vom anderen zu trennen, damit ich an dem Echten festhalten und mich von dem anderen trennen konnte.

Es war jedoch ein mühsamer Prozess – zwei Schritte vor und einer zurück, wie es schien. Ungefähr fünf Jahre lang hatte ich das Gefühl, dass ich in einem immer tiefer werdenden Durcheinander theologischer Fragmente stand. Meine Spiritualität war intakt – weil ich lernte, dass es einen Glauben gibt, der tiefer ist als reine Überzeugungen –, aber mein Glaubenssystem lag in Trümmern. Stück für Stück begann sich jedoch ein neuer Zusammenhang herauszukristallisieren. Dieser Zusammenhang war mehr eine neue Art zu glauben und weniger ein neu errichtetes System von Glaubenssätzen – und ich fühlte mich genötigt, das, was ich lernte und erlebte, mit anderen zu teilen. Also fing ich an zu schreiben, und aus der Zeit dieses theologischen Kollapses und der geistlichen Erneuerung nahm mein erstes Buch Gestalt an, The Church on the Other Side (Die Kirche auf der anderen Seite, Zondervan, 1998).

„Die andere Seite“ sprach von dem, was ich „den postmodernen Übergang“ nannte. Auf der vergangenen Seite des Übergangs, in der Moderne, wurden beinahe alle amerikanischen protestantischen Konfessionen geprägt. Sie waren institutionelle Kinder der Ära von Sir Isaac Newton, von Eroberern und Kolonialismus, von Aufklärung, Nationalismus und Kapitalismus. Jede Denomination erklärte sich das Christentum innerhalb der Grenzen und Schubladen der Moderne. Man könnte sagen, sie schrieben und ordneten die antiken „Daten“ der Christenheit in einem modernen Programm neu, programmierten Sprache, Paradigma oder Bezugssystem.

Aber auf der zukünftigen Seite des Übergangs wich das moderne Paradigma mit seinen absoluten naturwissenschaftlichen Gesetzen, dem Individualismus der Verbraucher und der rationalen Gewissheit einem postmodernen Paradigma aus Pluralismus, Relativismus, Globalismus und Ungewissheit – oder wenigstens einer anderen Art der Gewissheit, die bestenfalls einer bescheidenen Zuversicht ähnelte. Der moderne Protestantismus, sowohl in seiner liberalen als auch in seiner konservativen Form, ging im Prozess des Übergangs und im Prozess der Übertragung in die sprachliche Welt der Postmoderne verloren. Beide Formen modernistischen Christentums schienen gleichermaßen unfähig, die nicht-modernen und postmodernen Menschen außerhalb der kirchlichen Bleiglasfenster zu verstehen. Der römische Katholizismus fand sich in einer bemerkenswert ähnlichen Situation wie der Protestantismus wieder, nachdem er zwei Gelegenheiten genutzt hatte, sich von seinen mittelalterlichen Paradigmen zu trennen und als modernere Religion neu zu starten, zuerst nach dem Konzil von Trient im 16. Jahrhundert und dann beim Zweiten Vatikanischen Konzil im 20. Jahrhundert. Wie ihre protestantischen Verwandten nahmen die Katholiken diese Anpassung auf gegensätzliche Weise wahr, indem sie sich selbst in linke/liberale und rechte/konservative Lager aufspalteten, wobei beide Seiten zunehmend heftig aufeinander reagierten und den Draht zu der sich verändernden Welt außerhalb ihrer religiös eingezäunten Gemeinschaft verloren.

Dieser Übergang von der Moderne zur Postmoderne, diese kulturelle Verschiebung vom Kolonialismus zum Postkolonialismus, war ein Haupthindernis auf dem Weg meiner suchenden Freunde, und er war auch für mich zu einem Kampf geworden. In der Zwischenzeit wurde er, ohne dass mir dies bewusst war, für Millionen langjähriger Christen in der ganzen Welt zum Problem, weswegen viele sich von der Kirche und vom Glauben entfernten. Als ich mit dem Schreiben dieses ersten Buches begann, kannte ich keinen einzigen Autor oder Pastor, der sah, was ich sah. Aber während des Schreibens entdeckte ich ein paar Gesinnungsgenossen (vor allem Sally Morgenthaler und Dr. Leonard Sweet).3 Als das Buch veröffentlicht wurde, tauchten die Leute nach und nach aus der Versenkung auf und sagten: „Ich dachte, ich wäre der Einzige, der diese Fragen hat. Offensichtlich bin ich doch nicht allein.“ Ich entdeckte, dass sich viele neue Netzwerke bildeten, um mit dieser Art von Fragen zu ringen, mit der ich mich so allein gefühlt hatte.

Trotz unserer unterschiedlichen Hintergründe waren wir uns einig: Irgendetwas an der Art, wie wir Christentum leben, funktioniert nicht mehr. Und obwohl wir nicht genau wussten, was wir dagegen tun sollten, wussten wir, dass wir gemeinsam diskutieren und suchen mussten – durchs Internet, durch Tagungen und Klausuren, durch Bücher und Netzwerke. So begann also unsere Suche nach einer neuen Form des Christseins, einem neuen Kurs für die Nachfolge Christi.

In der Zwischenzeit finanzierten Gruppen wie die Lily Foundation und die Barna Group großflächige statistische Untersuchungen über das Gemeindeleben. Eine Studie nach der anderen bestätigte unsere Intuition, dass etwas ausgesprochen im Argen lag und wir uns damit befassen mussten. In den großen protestantischen Kirchen war der zahlenmäßige Niedergang bereits seit den 1960er Jahren dokumentiert. Die traditionellen protestantischen Konfessionen schrumpften nicht nur, was ihre Mitgliederzahlen betraf, auch die verbliebenen Kirchgänger wurden immer schrumpeliger. Das Durchschnittsalter stieg, während junge Leute nach Schule oder Studium wegblieben. Die Episkopalkirche in den Vereinigten Staaten verlor zum Beispiel jedes Jahr Mitglieder in der Größenordnung einer ganzen Diözese, und das Durchschnittsalter war auf 62 Jahre gestiegen – beinahe doppelt so alt wie der Durchschnittsamerikaner mit seinen 32 Jahren. Schwund und Altern der römisch-katholischen Kirchgänger wurden in gewissem Maße durch Einwanderung verschleiert, aber ohne die Immigranten waren die Nachrichten ähnlich alarmierend. „Protestantische Kirchen sagen, dass sie keine jungen Erwachsenen zwischen 18 und 35 Jahren mehr haben“, erzählte mir ein katholischer Soziologe. „Die Wahrheit ist, dass wir Katholiken den Großteil der Generationen zwischen 18 und 55 verloren haben.“

In den 1980er- und 90er-Jahren konnten konservative Evangelikale ihre Wachstumsstatistiken dem Niedergang ihrer „liberalen“ christlichen Entsprechungen gegenüberstellen. Oft behaupteten sie, ihr theologischer und sozioökonomischer Konservativismus sei das Geheimnis für ihren statistischen Erfolg. Aber im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends entdeckten auch die Evangelikalen, dass ihre Entwicklungsgrafiken sich nach Süden orientierten: Auch sie verloren ihre jüngeren Generationen. Und in beinahe allen Fällen hatten sich ihre Wachstumsraten entweder verlangsamt, waren stagniert oder hatten sich sogar umgekehrt. Die Jugendmitarbeiter bekamen es zuerst zu spüren, und bald darauf die Lehrenden der christlichen Schulen und Universitäten und kirchlichen Organisationen und Missionswerke, mit Gemeindegründern, Pastoren und Priestern in den Ortsgemeinden dicht auf ihren Fersen. Nach einer Weile fingen auch die Verwaltungen und Kirchenführer an, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

Ich schrieb weiter über die Probleme der Kirche im postmodernen Übergang, und zwei meiner Bücher, die zu Beginn und in der Mitte des ersten Jahrzehnts im neuen Millennium erschienen, schienen einen bestimmten Nerv zu treffen. A New Kind of Christian (Eine neue Art Christ) versuchte, das Problem mit Hilfe einer halb fiktionalen (und halb autobiografischen) Geschichte zu definieren und zu beschreiben. Das Buch handelte von einem Pastor, dem der Glaube abhanden zu kommen drohte, und schlug vor, der christliche Glaube müsse sich vom Paradigma der Moderne befreien und eine Art gründliche Frischzellenkur oder Wiedergeburt in einem postmodernen Kontext erleben. A Generous Orthodoxy (Eine weitherzige Rechtgläubigkeit) versuchte, konstruktiver zu sein, indem es beschrieb, wie ein postliberaler, postkonservativer, postkonfessionsgebundener und postmoderner Ansatz des christlichen Glaubens aussehen und sich anfühlen könnte. Zusammen mit meinen anderen Büchern wurden vor allem diese beiden in Lesegruppen, Collegekursen, Tagungen und Klausuren diskutiert. Die Folge davon war, dass ich immer mehr Einladungen für Vorträge erhielt, konfessionsübergreifend und sowohl in Nordamerika als auch aus anderen Ländern der Erde. Wie ich entdeckte, erlebten führende Christen in Europa, Asien, Lateinamerika und Afrika eine ähnliche Entwicklung, und vielen von ihnen war schon viel früher aufgegangen, dass die Kirche an einem Scheideweg stand und dass der Zeitpunkt für eine tiefe Veränderung gekommen war – ein Augenblick, in dem eine neue Form des christlichen Glaubens geboren werden musste.

Ich war also bei weitem nicht allein damit, auf diesen Augenblick der Krise und Chance hinzuweisen. Viele Stimmen meldeten sich wie meine aus evangelikalen Kreisen zu Wort, aber parallel begann auch die Debatte in den traditionellen protestantischen Kirchen und unter Katholiken, und hier und da schalteten sich auch orthodoxe Denker in die Diskussion ein. Zwei Bücher haben meiner Meinung nach in den letzten Jahren auf besonders hilfreiche Weise zum Dialog beigetragen. Als frühere Redakteurin für den Bereich Religion bei der Verlegerzeitschrift Publisher’s Weekly war Phyllis Tickle in einer guten Beobachterposition für die religiöse Landschaft Amerikas. In die presbyterianische Kirche hineingeboren und als Erwachsene ein aktives Mitglied der Episkopalkirche, stellte Phyllis in The Great Emergence (Der große Aufbruch) die These auf, dass der christliche Glaube etwa alle 500 Jahre eine Art „Ausverkauf“ oder Trödelmarkt veranstalte. Die Kirche sortiert das, was sich in den letzten Jahrhunderten angesammelt hat. Was als Ballast empfunden wird, kommt in die Wiederverwertung, und was zur wichtigen Ausrüstung gehört, wird für die Zukunft aufbewahrt, so dass sich ein neues Kapitel in der Geschichte der Christenheit auftut. Diese Art Auslese war beim Zusammenbruch des Römischen Reiches geschehen (etwa im Jahr 500), beim Morgenländischen Schisma (ungefähr 1000) und bei der Reformation (um 1500). Und jetzt, so argumentierte Phyllis, erlebten wir den großen Aufbruch.

Es tut sich also etwas. Etwas ist im Gange. Eine Veränderung liegt in der Luft. Ob wir es als den großen Aufbruch bezeichnen, so wie Tickle, oder der Sache einen anderen Namen geben – diejenigen unter uns, die Jesus Christus glauben und nachfolgen, suchen einen neuen Kurs. Die Folge kann ein erneuerter Glaube sein.

Mit diesem Buch möchte ich versuchen, Ihnen diesen Gedanken näher zu bringen. Aber ich will noch mehr als das: Ich hoffe auch, dass ich Sie dazu inspiriere, sich anderen anzuschließen, um diese Veränderung gemeinsam herbeizuführen, geleitet von Gottes kreativem Geist.

Natürlich wird nicht jeder unserer Meinung sein, wie die kanarienvogelgelben Flyer unter den Scheibenwischern damals auf dem Parkplatz zeigten. Nicht jeder will sich der Suche nach einem neuen Kurs in der Nachfolge anschließen. Aber das ist in Ordnung. Der Widerstand andersdenkender Christen, ihre Skepsis und ihr Widerspruch sind sogar ein Geschenk, und durch ihre Kritik werden wir, die wir auf der Suche sind, weiser und stärker. Auf diese Weise werden sogar sie einen Beitrag leisten zu dem, was da neu entsteht, was durch uns und in unseren Reihen geboren wird.

Aber jede Mutter wird Ihnen sagen, dass eine Geburt kein Spaziergang ist. Bevor wir uns an die Arbeit machen, betrachten wir also besser ganz realistisch die Hindernisse auf unserem Weg.

2 Die Suche und die Fragen

Stellen Sie sich vor, wir schrieben das Jahr 1775. Sie sind ein junger Bürger in den jungen amerikanischen Kolonien und hören zu, wie Thomas Paine und Thomas Jefferson laut von einem neuen Staat träumen – „eine Regierung ohne König“, sagen sie, „von, mit und für das Volk“, sagen sie. Regieren Könige nicht von Gottes Gnaden?, fragen Sie sich. Ist die Monarchie nicht Gottes Weg, der in der menschlichen Gesellschaft die heilige Hierarchie des Himmels widerspiegelt? Ist eine neue, demokratische Ordnung theologisch überhaupt zulässig, abgesehen davon, ob sie politisch möglich ist? Wie würden Sie regieren, wenn einer von den beiden Toms Sie einladen würde, sich der Bewegung anzuschließen?

Oder stellen Sie sich vor, wir befänden uns im frühen 19. Jahrhundert. Sie reisen mit Alfred Russel Wallace über die Inseln Indonesiens, oder Sie sind an Bord der Beagle mit Charles Darwin und erforschen die Galapagosinseln. Sie bemerken Muster – Spielarten bestimmter eng verwandter Vogel-, Schildkröten- oder Fledermausarten, und dass sich diese Arten in bestimmter Weise über die Inseln und Kontinente verteilen. Die kirchliche Lehre behauptet, dass alle lebenden Arten ihren Ursprung am Berg Ararat in der Türkei vor weniger als 6000 Jahren haben, nach Noahs Sintflut. Wenn das stimmt, dann würde man erwarten, dass die Arten sich von dort aus verbreiten, aber die Muster, die Sie beobachten, bestätigen diese Lehre überhaupt nicht. Sie fragen sich: Warum passen die Tatsachen nicht zu der Lehre? Sollten wir vielleicht eine andere Erklärung suchen?

Oder gehen wir zurück ins Jahr 1610, und stellen Sie sich vor, Sie stehen mit Galileo und seinen Freunden auf dem Dach unter einem Sternenhimmel. Sie betrachten abwechselnd den Jupiter durch Galileos neu entwickeltes Teleskop – und da sehen Sie … erstaunlich! … in der dunklen Nacht drei, nein vier leuchtende Monde, die wie von Zauberhand aufgehängt um den mit Ringen versehenen Planeten kreisen. Plötzlich wird Ihnen ganz schwindelig, als würden Sie von einem Universum in ein anderes fallen. Und Sie verspüren nicht nur Schwindel, sondern auch Angst, denn irgendwie wissen Sie, dass die Kirchenobersten über Ihre Beobachtungen und die Spekulationen, zu denen sie führen könnten, nicht glücklich sein werden. Immerhin wussten mehr als 1000 Jahre lang alle Christen mit absoluter und objektiver Gewissheit, dass die Erde fest und unbeweglich im Zentrum des Universums steht, mit dem Mond, den Planeten, der Sonne und den Sternen sicher in zehn majestätische kristalline Sphären eingebettet, die um die Erde kreisen. Dieses Modell, die Erfindung von Claudius Ptolemäus im zweiten Jahrhundert, hat lange perfekt funktioniert … das heißt, fast perfekt. Es gab nur ein lästiges kleines Problem.

Wenn man an aufeinander folgenden Nächten zu den Himmelskörpern hinaufschaut, wird man bemerken, dass sie beinahe alle in ihren Formationen bestehen bleiben, in der gleichen Relation zueinander stehen und stabile Muster bilden, die wir Konstellationen nennen. Aber ein paar Himmelskörper folgen diesem Muster nicht. Diese Abtrünnigen bewegen sich vor den Konstellationen im Hintergrund. Deshalb nannten die alten Griechen sie „Wanderer“ (woher das Word Planeten kommt). Obwohl ihre Bewegung sich von der des Sternenhintergrunds unterschied, war sie wenigstens konstant: Sie wanderten jeden Abend von Westen nach Osten, und das Modell des Ptolemäus konnte diese Bewegung nie erklären. Normalerweise jedenfalls nicht.

Manchmal blieben einige Planeten auf ihrem Kurs gen Osten stehen, sanken, traten den Rückweg an und bewegten sich eine Weile nach Westen, bevor sie wieder in Richtung Osten wanderten. Wie konnte das sein? Warum bewegten sich alle anderen Himmelskörper in geordneter Bahn über den Himmel, aber diese tanzten aus der Reihe und verhielten sich unberechenbar? Dies sind die Fragen, die dazu beitrugen, ein Paradigma zu stürzen, das mehr als 1000 Jahre lang gültig gewesen war.

Das Modell von Ptolemäus konnte dieses Phänomen nicht erklären. Deshalb nannten mittelalterliche Gelehrte solche Anomalien Erscheinungen. Da sie gegen das Modell zu verstoßen schienen, mussten sie Illusionen sein. Jetzt, im Jahr 1610, hätten Sie mit eigenen Augen die Monde des Jupiters und damit zusätzliche Tatsachen gesehen, die das Modell widerlegen, also hätten Sie die Wahl: Sie können die Erscheinungen wegerklären oder sie „retten“, obwohl sie ein ansonsten perfektes Erklärungssystem in Verlegenheit bringen. Ersteres würde die Tatsachen leugnen, und Letzteres würde die anerkannte Lehre leugnen.

Paradigmen und Lehre können mit Waffen und Gefängnissen, mit Scheiterhaufen und Drohungen und Demütigungen, mit Fatwas und Exkommunikation verteidigt und bekräftigt werden. Aber Paradigmen und Lehre bleiben grundsätzlich angreifbar, wenn es Anomalien gibt. Sie können von etwas so Einfachem wie einer Frage null und nichtig werden – einer Frage über die göttliche Autorität von Königen, über den Ursprung der Arten, über die Bewegung von Planeten und über übliche Vorgehensweisen der Kirche.

Das brachte einen jungen Priester in der Ausbildung namens Martin Luther in die Bredouille. Am 31. Oktober 1517 wagte er es, die Ausgabe von Ablässen in Frage zu stellen, eine Praxis, mit der die Kirchenvertreter religiöse Hingabe in religiöse Spenden ummünzten. Die Gläubigen konnten durch großzügige Spenden eine vorzeitige Entlassung ihrer Lieben aus dem Fegefeuer in den Himmel erwirken. Diese endgültige Kommerzialisierung des Gotteshauses und Umwandlung der Erlösung in ein Wirtschaftsgut musste hinterfragt werden, also hängte Luther ein Dokument an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg (jedenfalls ist es so überliefert). Das Ganze fing so an:

Aus Liebe zur Wahrheit und in dem Verlangen, sie ans Licht zu bringen, soll in Wittenberg über die folgenden Sätze disputiert werden, unter dem Vorsitz des ehrwürdigen Paters Martinus Luther, dort Magister der freien Künste sowie der heiligen Theologie. (…) Daher bittet er die, die nicht anwesend sein und sich mündlich mit uns unterreden können, dies in Abwesenheit schriftlich zu tun.4

Stellen Sie sich vor, Sie wären ein Mitstudent und würden die Einladung lesen. Würden Sie hingehen und sich an der Debatte beteiligen? Würden Sie aus sicherer Entfernung zusehen? Würden Sie die Behörden informieren und eine Inquisition fordern? Oder kanarienvogelgelbe Zettel verteilen?

Luthers Einladung zur Diskussion folgten 95 provokante Aussagen oder Thesen, über die diskutiert werden sollte. Diese 95 Thesen entfachten erfolgreich eine Debatte, die den brüchigen Status quo des späten Mittelalters weiter destabilisierte und so dazu beitrug, die christliche Gemeinschaft von ihrem mittelalterlichen Zustand in einen neuen, modernen Zustand zu befördern. Das können Aussagen bewirken: Debatten lostreten (und manchmal leider auch Hass), die uns in einen neuen Zustand überführen. Jetzt, beinahe 500 Jahre später, haben Luthers Thesen ihren Zweck erfüllt. Es wird Zeit für einen neuen Wendepunkt; es wird Zeit, könnte man sagen, für eine 96. These.

Aber die 96. These für heute muss ganz anders sein als die ursprünglichen 95, denn wir haben bereits mehr Hass, als wir brauchen, und auch einen Überfluss an Debatten, von denen viele umso intensiver sind, je unwichtiger ihr Inhalt ist. Zu diesem Zeitpunkt in der Geschichte brauchen wir etwas, das radikaler und transformativer ist als ein neuer Zustand: Wir brauchen eine neue Suche, ein neues Streben. Wir brauchen mehr als einen neuen statischen Ort, von dem aus wir ausrufen können: „Hier stehe ich!“ Stattdessen brauchen wir eine neue dynamische Richtung, in die wir gemeinsam gehen können und ausrufen: „Hier kommen wir!“5 Wir brauchen eine tiefe Veränderung, nicht nur von unserem jetzigen Standpunkt zu einem neuen Standpunkt, sondern von einem statischen Zustand zu einer dynamischen Geschichte. Wir brauchen keine neuen Glaubensregeln, sondern eine neue Art zu glauben; nicht nur neue Antworten auf die gleichen alten Fragen, sondern stattdessen eine Reihe neuer Fragen.

Noch einmal: Neue Aussagen (Thesen, Vorschläge, Antworten) können Debatten anstoßen und uns zu einem neuen Zustand führen. Aber nur neue Fragen können neue Gespräche ins Leben rufen, die uns dazu bringen, uns auf eine neue Suche zu begeben. Also schlage ich als Hommage an Martin Luther diese neue Aussage oder 96. These demütig, mit Zittern und Zagen, meinen Mitchristen aller Konfessionen auf der ganzen Welt vor:

Es ist Zeit für eine neue Suche, die von neuen Fragen in Gang gesetzt wird – eine Suche quer durch alle Konfessionen und auf der ganzen Welt, eine Suche nach neuen Arten zu glauben und neuen Arten, treu in den Fußstapfen von Jesus zu leben und zu dienen, eine Suche nach einer neuen Form des christlichen Glaubens.

Ich bin sicher, dass die Suche nach einer neuen Form des christlichen Glaubens manche Menschen überhaupt nicht interessieren wird. Nein danke, die alte Form ist doch prima, werden sie sagen. Ihnen wird diese Suche genauso wenig gefallen wie Luthers ursprüngliche Thesen den kirchlichen Würdenträgern, die im Reichstag zu Worms versammelt waren, gefielen. In ihren Augen stiftete Luther nicht zu Erneuerung oder Reform an, sondern zum Verrat – Verrat an der Vergangenheit und an den geliebten Institutionen und Glaubenssystemen, die so viele mit solchem Eifer errichtet und verteidigt hatten. Wenn unsere Suche ein Verrat ist, dann ist sie nur die gewissenhafteste Form des Verrats: ein Verrat an den Wirklichkeiten der Vergangenheit und Gegenwart, um die zukünftigen Möglichkeiten zu ergreifen, auf die sie ausgerichtet waren. Wenn sie eine Kritik an der Vergangenheit ist, ist sie nur eine Kritik an den schlimmsten Augenblicken, während sie gleichzeitig die besten Augenblicke und die besten Bestrebungen feiert – und von ihnen geschult und inspiriert den nächsten Schritt tut.

Was sind also die Fragen, die den Weg zu einer neuen Form von Christentum ermöglichen? Es gibt viele, aber in Tausenden privater Gespräche und in Hunderten von Fragestunden mit führenden Christen aller Konfessionen und auf der ganzen Welt habe ich zehn Fragen identifiziert, die immer wieder auftauchen. Ich glaube, diese zehn Fragen haben eine besondere Macht, die Gespräche anzustoßen, die wir führen müssen. Und diese Gespräche wiederum können der Kontext für neue Freundschaften zwischen unerwarteten Partnern werden. Insgesamt betrachtet haben diese Fragen, Gespräche und Freundschaften das Potenzial, gleichzeitig alte, starre Paradigmen zu schwächen und uns beim Erkunden neuer und besserer Möglichkeiten behilflich zu sein. Ich spüre den Hauch von Gottes Geist in diesen Fragen, und ich spüre da­rin eine kraftvolle Aufforderung zu Glaube, Hoffnung und Liebe.

1 Die Erzählfrage: Was ist der alles überspannende Handlungsbogen der Bibel?

Viele Menschen lesen die Bibel als eine Reihe von unzusammenhängenden Zitaten und Episoden, die Leitlinien, Regeln, Rezepte, Anekdoten, Lehrsätze und kluge Sprüche ergeben. Sie haben kaum ein Gefühl für die größere Geschichte, in die diese Aussagen eingefügt sind und in denen ihre Bedeutung sich entwickelt hat. Andere lesen die Bibel im Rahmen einer Erzählung, aber diese Rahmenerzählung ist der Bibel eigentlich fremd, und viele von uns glauben, dass sie zu klein, zu eng und zu flach ist, um dem Reichtum des Textes gerecht zu werden. Während die Rahmenerzählung den Text reduziert, reduziert sie auch uns, also fragen wir: Gibt es einen erkennbaren Handlungsstrang in der biblischen Bibliothek, und, wenn ja, wie sieht er aus? Was sind die grundlegenden Probleme, die die ursprüngliche Geschichte der Christen zu lösen versuchte? Wie sieht das große Ganze aus? Woher kommen wir, wohin gehen wir und wo sind wir jetzt, ausgehend von der Bibel und ihren Geschichten bzw. ihrer Erzählung?

2 Die Autoritätsfrage: Wie müssen wir die Bibel verstehen?

In einer Zeit, in der religiöse Extremisten ständig ihre heiligen Texte benutzen, um Gewalt zu rechtfertigen, fühlen sich viele von uns moralisch verpflichtet, die Art und Weise in Frage zu stellen, in der die Bibel in der Vergangenheit benutzt wurde, um nicht zu Rechtfertigendes zu rechtfertigen und Inakzeptables zu verteidigen. Wenn wir die Bibel weiterhin benutzen, wie wir es in der Vergangenheit getan haben, werden wir höchstwahrscheinlich vergangene Gräueltaten noch einmal begehen. Also fragen wir: Was ist die Bibel – und wozu dient sie? Wenn die Bibel Gottes Offenbarung ist, warum können Christen sich dann nicht endlich darauf verständigen, was darin steht? Warum scheint sie so oft im Widerspruch zur Naturwissenschaft zu stehen? Warum war es für so viele Leute so leicht, die Bibel zu missbrauchen, um schreckliche Gräueltaten zu verüben?

3 Die Gottesfrage: Ist Gott gewalttätig?

Beinahe alle Religionen – und mit Sicherheit alle monotheistischen Religionen – scheinen gelegentlich alles zu tun, um Menschen dazu zu bringen, dass sie sich gegenseitig umbringen, so dass der Atheismus manchmal eine ethischere Alternative zu den konventionellen, zur Gewalt neigenden Überzeugungen zu sein scheint. Also fragen wir: Warum erscheint Gott in vielen Bibeltexten so gewalttätig und völkermordend? Hat Gott Lieblinge? Wählt Gott einige aus und lehnt andere ab? Billigt Gott elitäres Denken, Vorurteile, Gewalt oder sogar Völkermord? Ist Gott unheilbar gewalttätig, oder kann der Glaube in Zukunft eine stärkere Macht für Frieden und Versöhnung anstelle von Gewalt sein?

4 Die Jesusfrage: Wer ist Jesus und warum ist er wichtig?

Es kommt mir vor, als wäre Jesus Opfer eines Identitätsdiebstahls geworden. Die Versionen von Jesus, die heutige christliche Institutionen präsentieren, könnten sich kaum mehr voneinander unterscheiden – und von den vier Porträts Jesu, die wir in den Evangelien finden. Und während die Versionen von Jesus, die normalerweise von den Kirchen vermittelt werden, immer mehr Leute abstoßen, scheinen das Interesse an dem Jesus der Evangelien und dessen Anziehungskraft immer mehr zu wachsen. Also fragen wir: Wie kommt es zu den unterschiedlichen Beschreibungen von Jesus? Welche Versionen von Jesus sind zuverlässiger als andere? Woran können wir das erkennen? Warum ist das wichtig?

5 Die Evangeliumsfrage: Was ist das Evangelium?

Manche Menschen verstehen das Evangelium als Information darüber, wie der Einzelne der Hölle aus dem Weg gehen und nach seinem Tod in den Himmel kommen kann. Andere sehen darin eine Botschaft der Befreiung und Veränderung für ausgewählte Individuen in diesem Leben. Wieder andere verstehen darunter eine Botschaft der Befreiung und Veränderung für alle Menschen und die ganze Schöpfung. Also fragen wir: Wer hat Recht? Warum gibt es in einer so entscheidenden Frage so unterschiedliche Meinungen? Warum scheint sich das Evangelium Jesu vom Reich Gottes in anderen Teilen des Neuen Testaments in ein anderes Evangelium – der Rechtfertigung durch den Glauben – zu verwandeln? Sind die Evangelien von Jesus und die Schriften von Paulus (mal ganz abgesehen von den anderen apostolischen Verfassern) unterschiedlich und widersprüchlich?

6 Die Kirchenfrage: Was unternehmen wir in Sachen Kirche?

Die Fragen, die wir auf diesen Seiten stellen, werden in den Glaubensgemeinschaften vor Ort thematisiert werden müssen. Wenn sie zu neuen Einsichten und Schlussfolgerungen führen, müssen diese Einsichten und Schlussfolgerungen in den Ortsgemeinden in die Tat umgesetzt werden. Also fragen wir: Im Licht der neuen Erkenntnisse, die wir durch die ersten Fragen gewonnen haben – was muss sich in der Kirche verändern, in der Ortsgemeinde, der Konfession und der größeren Gemeinschaft der Christen? Wie sollen wir uns das Wirken von Gottes Geist in der Kirche und in der Welt vorstellen? Wie arbeiten wir an Gottes Werk mit – in der Kirche, durch sie, außerhalb von ihr und trotz ihrer?

7 Die Sexfrage: Können wir einen Weg finden, über Sexualität zu sprechen, ohne uns in die Haare zu kriegen?

Unsere akuten Befürchtungen in Bezug auf die menschliche Sexualität beruhen vielleicht im Allgemeinen auf dem Unbehagen, das wir wegen unseres Menschseins empfinden, und im Besonderen auf unserer Unzufriedenheit mit den konventionellen christlichen Darstellungen des Menschen im Lichte unserer neuen Entdeckungen in der Neurobiologie, Psychopharmakologie, Anthropologie und verwandten Bereichen. Vor allem die Frage der Homosexualität beschäftigt, spaltet und verfolgt manche Gemeinden und Konfessionen wie kein anderes Thema. Nicht nur, dass Menschen sich in dieser Frage nicht einig sind, sondern sie sind auch nicht bereit, Uneinigkeit unter ihren Mitchristen zu tolerieren – trotz der Tatsache, dass sie bei vielen anderen Themen durchaus unterschiedliche Meinungen gelten lassen, und zwar bei wichtigen Themen wie Pazifismus, Atomkrieg, Völkermord, Umweltzerstörung, Reichtum und Armut, Folter und Konsumsucht. Also fragen wir: Warum ist dieses Thema im Moment so heftig umstritten? Wie können die vorangegangenen Fragen neue Denkweisen in Bezug auf Homosexualität, Geschlechteridentität und Sexualität insgesamt eröffnen? Können wir die lähmende Polarisierung hinter uns lassen und in einen konstruktiven Dialog über die ganze Bandbreite von Herausforderungen eintreten, denen wir uns in Sachen menschlicher Sexualität gegenübersehen?

8 Die Zukunftsfrage: Gibt es einen besseren Weg, die Zukunft zu betrachten?

Ob es uns passt oder nicht: Die Eschatologie (die theologische Disziplin, die über die Zukunft und das, was nach diesem Leben geschieht, nachdenkt) verkauft Millionen von Büchern, bringt Millionen ein und beeinflusst die Innen- und Außenpolitik von einigen der mächtigsten und militärisch am besten ausgestatteten Staaten der Welt (da fallen einem sowohl die USA als auch der Iran ein). Also fragen wir: Wenn Eschatologien sich selbst erfüllende Prophezeiungen sind, welche Art von Eschatologie wird dann zu einer gerechteren und freudvolleren Zukunft beitragen? Wie kann eine neue Form des christlichen Glaubens eine neue Eschatologie entwickeln?

9 Die Pluralismusfrage: Wie sollten Nachfolger Jesu sich gegenüber Menschen aus anderen Religionen verhalten?

Wir wachen jeden Tag in einer Welt auf, deren Zukunft durch interreligiöse Angst, Hass und Gewalt bedroht wird. Viele von uns fragen sich, ob es einen Weg gibt, sowohl eine verankerte Identität in Christus zu haben und gleichzeitig eine friedfertige, liebevolle und nachbarschaftliche Haltung gegenüber Menschen anderen Glaubens einzunehmen. Also fragen wir: Ist Jesus der einzige Weg? Der einzige Weg wohin? Wie kann ein Glaube an die Einzigartigkeit und Universalität Christi behauptet werden, ohne die religiöse Vorherrschaft und Exklusivität der christlichen Religion zu unterstellen?

10 Die Was-machen-wir-jetzt-Frage: Wie können wir unsere Suche in die Tat umsetzen?

Es ist eine Sache, sich in dem privaten Rahmen unserer eigenen Gedanken mit diesen Fragen zu beschäftigen, aber wenn wir anfangen, andere in Gespräche über diese Themen zu verwickeln, kann das viele unbeabsichtigte negative Folgen haben – darunter Spaltung, Brüche und Verstörtheit in den Gemeinden, Konfessionen, Familien und Freundeskreisen, die uns am Herzen liegen. Also fragen wir: Was geschieht als Nächstes? Wie können wir bei dieser Suche in einem Geist der Liebe nach Wahrheit und Hoffnung streben, wenn unsere Suche von vielen unserer Mitchristen abgelehnt oder ignoriert wird? Wie können wir aus der Geschichte lernen, um nötige neue Gedanken einzubringen, ohne unnötige Spaltungen zu verursachen? Was hat unsere Suche nach einer anderen Form des Christentums mit einer erneuerten Form der Spiritualität zu tun? Welche neuen Fragen ergeben sich für uns, wenn wir anfangen, eine Antwort auf diese vorliegenden Fragen zu finden? Wie kann die Art des Nachdenkens, auf die wir uns eingelassen haben, in ein nachdenkliches Anwenden und Handeln münden?

Diese zehn Fragen liegen in der Luft. Selbst wenn wir sie nie ausgesprochen gehört haben, befinden sie sich gleich außerhalb unseres Bewusstseins, sind zum Greifen nah. Sie plagen unsere konventionellen Glaubensparadigmen ebenso, wie die zehn Plagen aus Fröschen, Mücken, Fliegen, Hagel usw. die Ägypter in der Exodus-Geschichte quälten. Wenn Menschen uns sagen, wir sollen den Mund halten und die konventionellen Antworten akzeptieren, die man uns in der Vergangenheit gegeben hat, dann werden viele von uns stöhnen wie die Israeliten damals, die man gezwungen hatte, ohne Stroh Ziegel zu brennen. Wir flehen Gott an: „Bitte befreie uns!“ Wir flehen Prediger und Theologen an: „Lasst uns gehen! Lasst uns einen Raum finden, in dem wir denken und Gott anbeten können, außerhalb von Gittern und Mauern und Zäunen, in denen wir eingeengt und gefangen sind. Wenn es sein muss, gehen wir auch in die Wildnis hinaus – riskieren Hunger, Durst, Kälte und Tod –, aber wir können diese enge Art zu denken, zu glauben und zu leben nicht mehr ertragen. Wir müssen die Fragen stellen, die in unseren Herzen brennen.“

Also machen wir uns auf den Weg, unseren Exodus, von vertrautem Terrain vertrieben und durch zehn Fragen, die uns bewegen, in eine unerforschte terra nova gezogen. In den folgenden Kapiteln werden wir über jede Frage nachdenken und dann über einige notdürftige, vorläufige, unvollständige, aber viel versprechende Erwiderungen, die ich zusammengesucht oder von anderen auf dem Weg aufgelesen habe. Wohlgemerkt: Erwiderungen sind keine Antworten. Letztere sind auf ein Ende des Gesprächs aus, während Erstere versuchen, zu weiterem Austausch anzuregen. Die Erwiderungen, die ich anbiete, sollen nicht wie ein Schmetterball im Tennis sein, der mit viel Kraft und Drall geschlagen wird, um das Spiel zu gewinnen und einen Verlierer zu bestimmen. Vielmehr sollen sie ein sanfter Aufschlag oder Lob sein; ihr Ziel ist es vor allem, ein Zusammenspiel zu beginnen, die Sache ins Rollen zu bringen, Sie zu einer Reaktion einzuladen. Denken Sie daran: Unser Ziel ist nicht eine Kette von Aussage – Debatte – Spaltung und Hass = neuer Zustand, sondern vielmehr Frage – Gespräch – Freundschaft = neue Suche.

In jeder unserer zehn Erwiderungen werde ich mindestens eine Bibelstelle genauer unter die Lupe nehmen. Durch diese biblischen Texte werde ich einen Weg suchen, einen Ausweg aus unserem konventionellen Paradigma und einen Übergang in neues Gebiet, zu neuen Möglichkeiten. Auf diese Weise werden wir durch sich öffnende Wege neue Wege eröffnen.

Möge unsere Suche also beginnen.

3 Ein Gebet am Strand

1620, in Delfshaven, einem Ort in Holland. Gerade will eine Gruppe Pilger in See stechen. Hinter ihnen liegt bereits ein steiniger Weg. Sie haben den religiösen Machthabern in ihrer Heimat England getrotzt, um ihrem Gewissen treu zu bleiben und die Wahrheit zu suchen. Sie sind nach Holland gezogen, und jetzt bereiten sie sich auf einen erneuten Umzug vor. In wenigen Augenblicken werden sie ihr bislang größtes Risiko eingehen und die Segel in Richtung Neue Welt setzen, in der Hoffnung, dort eine neue Gemeinschaft zu gründen, eine Gemeinschaft, in der sie ihren Glauben ehrlich, offen und frei ausleben können.

Kurz bevor sie an Bord eines kleinen Schiffes namens May­flower gehen, erhebt ihr Pastor, John Robinson, sich, um zu ihnen zu sprechen. Obwohl sie bald durch einen breiten Ozean getrennt sein werden, betrachtet er sie als seine Herde und spricht deshalb noch einmal als ihr Hirte.

Vor Gott und seinen heiligen Engeln gebe ich euch den Auftrag, mir nicht weiter zu folgen, als ich Christus gefolgt bin. Wenn Gott euch etwas durch ein anderes seiner Werkzeuge offenbart, seid bereit, es anzunehmen, so wie ihr bereitwillig die Wahrheit durch meinen Dienst angenommen habt, denn ich bin wahrhaftig überzeugt davon, dass der Herr noch mehr Wahrheit und Licht aus seinem heiligen Wort hervorbrechen lassen wird.

Die Lutheraner können nicht dazu bewegt werden, über das hinauszugehen, was Luther gesagt hat. Welchen Teil seines Willens Gott auch dem Calvin offenbart hat, sie (die Lutheraner) werden eher sterben, als es anzunehmen; und die Calvinisten kleben an dem fest, was der große Gottesmann ihnen hinterlassen hat, der aber auch nicht alle Dinge sah. Dies ist ein Elend, das sehr zu beklagen ist. Denn obwohl sie in ihrer Zeit wertvolle und helle Lichter waren, hat Gott ihnen nicht seinen ganzen Willen offenbart. Und wären sie jetzt am Leben, wären sie ebenso bereit und willens, sich weitere Erleuchtung zu eigen zu machen, wie sie sie in der Vergangenheit empfingen.

Dies ist die Einstellung eines Mannes und einer Gemeinschaft, die auf der Suche sind. Sie wissen, dass sie noch nicht „alle Dinge“ sehen. Es gibt „weitere Erleuchtung“, die sie sich zu eigen machen müssen, und einen Teil von Gottes Willen, der noch offenbart werden wird, also dürfen sie nicht an ihrem aktuellen Verständnis „festkleben“, sondern müssen darüber „hinausgehen“, weil „der Herr noch mehr Wahrheit und Licht aus seinem heiligen Wort hervorbrechen lassen wird“. Sie beten ein letztes Mal zusammen, und die Mayflower setzt ihre Segel auf dem Weg nach Massachusetts.

Stellen Sie sich vor, wir ständen heute an einem Strand, bereit, unsere eigene Reise anzutreten. Pastor John Robinsons Worte hallen durch die Jahre wider und jetzt knien wir im Sand und sprechen gemeinsam ein Gebet wie das Folgende:

Herr, wir bekennen, dass wir das, was Jesus angefangen hat, vermasselt haben.

Wir geben zu, dass wir Unrecht haben und Jesus Recht hat.

Wir entscheiden uns, das, was wir getan haben und was wir geworden sind, nicht zu rechtfertigen.

Wir verstehen, dass viele gute Christen sich nicht an unserer Suche beteiligen wollen, und wir begrüßen ihre liebevolle Kritik.

Wir bekennen, dass verschiedene Sichtweisen verschiedener Christentümer, die wir bis jetzt erschaffen haben, eine Neueinschätzung erfordern und in vielen Fällen auch Buße.

Wir haben uns entschieden, einen besseren Weg in die Zukunft zu suchen als den, auf dem wir bisher waren.

Wir möchten als Jünger Jesu Christi neu geboren werden.

Schenke uns jetzt Weisheit und leite uns bei unserer Suche; erschaffe etwas Neues und Schönes in und unter uns zum Wohl der ganzen Schöpfung und zu deiner Ehre, ...

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