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Nach sieben langen Jahren

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1. KAPITEL

Der Anrufbeantworter blinkte, als Olivia Linfield an diesem heißen Novembernachmittag, kurz vor Beginn der Weihnachtsferien, in ihr schickes City-Apartment zurückkam. Während sie auf das Abspielen der Nachrichten wartete, sah sie rasch die Post durch. Hoffentlich war nichts Ernstes dabei. Sie freute sich unbändig auf die langen Ferien, denn es war ein ziemlich anstrengendes Schuljahr gewesen. Heranwachsende Mädchen waren nicht leicht zu behandeln, vor allem nicht, wenn sie ihre ersten Sexerfahrungen hinter sich hatten.

Eine Postkarte kam von einem Freund, der ständig um die Welt reiste. Diesmal war er offensichtlich in Peru gelandet, denn die Karte zeigte die Ruinen von Machu Picchu. Die restliche Post hatte offiziellen Charakter oder halb offiziellen. Da waren Einladungen zu Weihnachtspartys, Spendenaufrufe, die monatliche Telefonrechnung und ein Dankschreiben der „Stiftung für bedürftige Familien“, der sie eine größere Summe überwiesen hatte.

Olivia half gern. Die Lehrstelle am Ormiston Girls Grammar, die sie seit drei Jahren innehatte, war ihr auf den Leib geschneidert. Sie verdiente gut und bezog zusätzlich Einkünfte aus Privatvermögen. Warum hätte sie da nicht großzügig spenden sollen? Sie fühlte sich dazu verpflichtet und hatte auch in diesem Jahr wieder mehrere Schecks verschickt.

Die erste telefonische Nachricht kam von Matt Edwards, mit dem Olivia häufiger ausgegangen war. Er fragte an, was sie von einem romantischen Wochenende in dem vornehmen Badeort Noosa an der Sunshine Coast halte. Olivia beschloss, darüber nachzudenken. Sie war gern mit Matt zusammen. Er sah gut aus, und sein trockener Humor amüsierte sie. Die Anwaltskarriere, die vor ihm lag, war vielversprechend, aber Olivia wusste, dass sie ihn niemals lieben würde.

Sie hatte die Liebe schon einmal kennen gelernt – die echte, alles verzehrende Liebe. Sie bedeutete Himmel oder Hölle, und wer das erlebt hatte, konnte sich nie mehr mit weniger zufrieden geben. Irgendwann würde sie Matt sagen müssen, dass er nur seine Zeit verschwendete.

Die zweite Nachricht kam von der Mutter einer Problemschülerin, deren Tochter großes Geschick darin entwickelt hatte, die Mathematikstunden zu schwänzen. Olivia hatte sich das nicht bieten lassen, und jetzt dankte ihr die Mutter für „Charlottes wunderbare Fortschritte“.

Die dritte und letzte Nachricht war ein Schock für Olivia. Der Brieföffner entglitt ihrer Hand, und die Briefe flatterten hinterher. Sie kannte die Stimme wie ihre eigene, aber so aufgeregt hatte sie Grace Gordon, Onkel Harrys jahrelange Haushälterin, noch nie sprechen hören.

„Ich bin’s, Liebes … Gracie.“ Grace’ Stimme hallte durch die halbe Wohnung. „Du musst sofort nach Hause kommen, Livvy.“

Olivia schloss die Augen. Was war oben in Havilah passiert? Es musste sich um Harry handeln. Er hatte immer eine starke Konstitution gehabt, aber bei einem Mann von Ende siebzig war alles möglich.

„Etwas Schreckliches ist geschehen“, fuhr Grace fort. „Ich habe schon versucht, dich in der Schule zu erreichen. Eine grässliche Frau – sie war wirklich sehr unhöflich – behauptete, du seist in einer Konferenz und dürftest nicht gestört werden. Oh Darling, ich hasse es, die Überbringerin schlechter Nachrichten zu sein!“ Eine Pause folgte, in der Grace offenbar mit den Tränen kämpfte. „Es geht um deinen Onkel Harry. Er hatte einen schweren Herzanfall … einen tödlichen Infarkt. Heute Nachmittag um drei, gerade als ich ihm den Tee bringen wollte. Ich konnte es zuerst gar nicht fassen. So plötzlich, ganz ohne Vorwarnung! Und er wirkte immer so kerngesund. Jason war großartig. Ohne ihn hätte ich das nicht durchgestanden.“

Jason? Sekundenlang war Olivia wie vor den Kopf geschlagen. Wie viele Jasons mochte es geben. Sie wich bis an die Anrichte zurück und presste sich eine Hand auf ihr wild klopfendes Herz. Was machte Jason in Havilah? Er hatte kein Recht, sich dort jemals wieder sehen zu lassen!

„Komm nach Hause, mein Kind.“ Grace gab sich keine Mühe mehr, ihr Schluchzen zu unterdrücken. „Jason besteht darauf, dass du alle wichtigen Entscheidungen fällst. Ruf mich an, sobald du diese Nachricht erhalten hast. Und entschuldige das Durcheinander. Ich bin nicht ganz bei mir.“

Was soll ich da erst sagen, dachte Olivia, während sie wie betäubt ins Wohnzimmer wankte und sich dort in einen Sessel sinken ließ. Sie hatte das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Harry tot, Jason großartig … In Havilah war wirklich nicht mehr alles in Ordnung. Wieso war Jason dort? Arbeitete er nicht auf einer Ranch im Outback, gemeinsam mit seiner Frau und seinem Kind? Anscheinend war er zurückgekehrt, aber weshalb? Und warum hatte Harry ihr nichts davon gesagt?

Weil er wusste, wie sehr dich das aufregen würde, antwortete ihr eine innere Stimme. Jason Corey hatte sie zutiefst verletzt. Wie lange war das jetzt her? Über sechs Jahre. Sie war zwanzig gewesen, als er sie am Vorabend ihrer Hochzeit verlassen hatte. Heute war sie fast siebenundzwanzig, aber sein Name genügte, um den Schmerz und die Demütigung wieder lebendig werden zu lassen.

Jason war großartig. Ohne ihn hätte ich das nicht durchgestanden. Olivia brach in heiße Tränen aus. Allein der Ton, in dem Grace das gesagt hatte! Sie war Jason immer ergeben gewesen. Ja, es musste Jason Corey … es musste ihr Jason sein.

Ihr Jason? Olivia schämte sich, dass sie in diesem traurigen Moment so an ihn denken konnte. Er war nie ihr Jason gewesen. Er hatte ihr seine Liebe beteuert und doch mit einer anderen geschlafen und sie geschwängert. Für Olivia hatte er das Leben bedeutet, und sie wusste, dass sie ihm nie vergeben würde. So wenig wie Megan Duffy, einer ihrer ältesten Freundinnen, die sie sogar zur Brautjungfer bestimmt hatte!

Heute hieß sie Megan Corey, war Jasons Frau und hatte ein Kind mit ihm. Oder auch mehrere, aber das hätte ihr niemand erzählt. Man wusste, dass sie an Nachrichten über Jason und seine Familie nicht interessiert war. Kaum zu glauben, dass Harry ihn wieder bei sich aufgenommen hatte. Ihr Onkel Harry – genauer gesagt, ihr Großonkel –, der sich der zehnjährigen Waise angenommen hatte, als ihre Eltern bei einem Zugunglück ums Leben kamen.

Harry Linfield, Junggeselle mehr aus Zufall als aus Neigung, war der rechtmäßige Erbe von Havilah, der Familienplantage im tropischen Norden von Queensland. Die Linfields gehörten zu den Zuckerpionieren und konnten sich rühmen, den berühmten Captain Louis Hope bei sich bewirtet zu haben, der um achtzehnhundertsechzig außerhalb von Brisbane die erste Zuckerrohrplantage angelegt hatte.

Olivias Eltern hatten Harry für den Fall ihres Todes zum Vormund bestimmt – nach ihrer Ansicht eine eher überflüssige Vorsichtsmaßnahme. Sie waren jung und glücklich, freuten sich ihres Reichtums und ihrer Schönheit und hießen bei allen nur „die bezaubernden jungen Linfields“. Sie waren stolz auf ihre Familiengeschichte und hatten durchaus nicht die Absicht, jung zu sterben.

Doch das Schicksal hatte es anders bestimmt. Zwölf Jahre nach der Hochzeit hatte der Tod ihrer Ehe ein Ende gemacht. Der Tod kannte keinen Unterschied zwischen reich und arm und machte auch vor dem Glück nicht Halt.

Olivia hatte von Brisbane aus häufig mit ihrem Onkel telefoniert, in letzter Zeit mehrmals in der Woche. Sie hatte gespürt, dass er alt wurde, aber zum Jahresende war in der Schule immer besonders viel zu tun. Natürlich hätte sie Havilah gern wiedergesehen, wenn da nicht dieser tief sitzende Schmerz wäre, der eine Rückkehr praktisch ausschloss. Sie wollte nicht mehr leiden. Die Heimsuchungen mussten endlich aufhören.

Wie hätte sie die alte Scheune je wieder betreten können, die Harry für ihre Hochzeit in einen Bankett- und Ballsaal verwandelt hatte? Alles war fix und fertig gewesen. Harry hatte keine Kosten gescheut, sogar der Boden der Scheune war mit frischem Parkett aus Kiefernholz ausgelegt worden.

Ihre Ehe mit Jason schien im Himmel geschlossen zu sein. Oh, wie hatte sie ihn geliebt! Manchmal war so viel Glück kaum zu ertragen gewesen. Sie verzehrte sich nach ihm und er sich nach ihr. Ein Tag, an dem sie sich nicht sahen, war ein verlorener Tag.

Alles Lügen! Alles Schein! Ihr Jason, ihr Abgott, das Sinnbild treuer, hingebungsvoller Liebe, war wie eine hohle Tonfigur in sich zusammengestürzt.

Jetzt hatte Harry, der ihr höchstes Glück und ihre tiefste Verzweiflung kannte, sie für immer verlassen. Wie umsichtig und liebevoll hatte er sich stets verhalten. Was verdankte sie ihm nicht alles! Er hatte ihr Pädagogikstudium finanziert. Später, wenn die Kinder, die sie und Jason haben würden, alt genug waren, konnte sie jederzeit in ihren Beruf zurückkehren.

Alles Träume! Alles Illusion! Doch wie hätte sie das ahnen können? Alle um sie her hatten fest geglaubt, dass Jason bis zum Wahnsinn in sie verliebt sei. Wie hatte er sie mit seinen blauen Augen angesehen! Wie hatte seine Stimme geklungen, wenn er ihr süße Dinge zuflüsterte …

Und dann über Nacht zu erfahren, dass er mit Megan Duffy bereits eine Familie gegründet hatte. Die stille, bescheidene Megan hatte ihre Schäfchen schnell und unbemerkt ins Trockene gebracht. Stille Wasser sind tief. Lautete so nicht ein bekanntes Sprichwort?

Megans Vater und Bruder hatten in der Zuckermühle auf Havilah gearbeitet und taten das vermutlich immer noch. Andere Mühlen hatten schließen müssen, nur die auf Havilah nicht. Das Wohl seiner Angestellten hatte Harry immer am Herzen gelegen, und wie hatte Megan es ihm vergolten? Sogar ihre Eltern waren schockiert, als sie von der Schwangerschaft erfuhren. Ausgerechnet Jason Corey, der die Nichte des Chefs heiraten sollte! Im ganzen Distrikt wusste man, dass Jason und Olivia seit ihrer Kinderzeit zusammengehörten.

Wie anders war alles gekommen! Schon an dem Nachmittag, an dem Jason mit seiner entsetzlichen Neuigkeit zu ihr gekommen war, hatte Olivia sich entschlossen, ihm für immer Lebewohl zu sagen. Sobald sie die nötige Kraft gesammelt hatte, reiste sie tausend Meilen nach Süden, um in Brisbane ein zweites Studium zu beginnen und Studienrätin zu werden. Lernen war der einzige Ausweg. Harte Arbeit. Kein Abgabetermin, keine Klausur durfte versäumt werden, um den Erfolg nicht zu gefährden.

Einladungen nach Hause schlug sie aus. Stattdessen besuchte Harry sie in Brisbane, und wenn er kam, versuchte sie es ihm so angenehm wie möglich zu machen. Jason wurde mit keinem Wort erwähnt, denn das hätte alles verdorben. Olivia hasste ihn von Grund auf, aber sie wusste auch, dass Hass zerstören kann. Also bemühte sie sich, ihr Schicksal anzunehmen. Von oben auf sich herunterzusehen, wie die alten Philosophen es getan hatten. Jetzt, nach Harrys Tod, war es auch damit vorbei. Sie musste nach Havilah zurückkehren, und dafür würde sie weit mehr Mut brauchen.

Während Olivia mit ihren Erinnerungen kämpfte, drängte sich immer mehr der Gedanke in ihr Bewusstsein, dass sie Harrys Erbin war. „Die Tochter meines Herzens“, wie er immer gesagt hatte. Jetzt konnte sie die Tränen noch weniger zurückhalten. Havilah gehörte ihr. Was für eine gewaltige Verantwortung, was für eine Veränderung! Sie war die Letzte, die den Namen Linfield trug. Natürlich gab es noch entfernte Verwandte, die von den Töchtern der Familie abstammten, aber der Name „Linfield“, war nur ihr geblieben.

Havilah war der alte, traditionsreiche Familiensitz. Das „Herrenhaus“, wie die Arbeiter auf der größten Zuckerrohrplantage des Nordens gesagt hatten. Damals hatte die Zuckerproduktion noch zum wirklichen Reichtum des Landes beigetragen. Viele Tausende von Menschen hatten direkt oder indirekt dadurch Beschäftigung gefunden. Dann waren die Weltmarktpreise immer mehr gefallen. Die Zuckerrohrplantagen verloren ihre Bedeutung. Viele Besitzer verarmten und gaben auf, andere entwickelten neue Programme und überlebten.

Darunter die von Havilah.

Bevor Jason Olivia betrogen und von zu Hause fortgetrieben hatte, war sie Harrys weit verzweigten geschäftlichen Verbindungen mit großem Interesse gefolgt. Sie hatte viel über den Plantagenbetrieb, die Zuckermühle und den wechselnden Anbau tropischer Früchte gelernt. Auch über Harrys Beteiligungen bei der Kaffee-, Tee- und Baumwollproduktion wusste sie im Großen und Ganzen Bescheid. Harry war nie ein größeres Risiko eingegangen. Er hatte vorsichtig kalkuliert, dafür aber auch nie nennenswerte Verluste gehabt.

Soweit Olivia wusste, hatte er immer als sehr reicher Mann gegolten, und seine großzügigen Geschenke hatten das bestätigt. Olivia war grenzenlos verwöhnt worden. Zu ihrem sechsundzwanzigsten Geburtstag hatte Harry ihr mit Rubinen und Diamanten besetzte Ohrgehänge geschenkt. Sie kam sich immer wie eine Prinzessin vor, wenn sie den kostbaren Schmuck trug.

Jason gehörte einer neuen Generation an und besaß in geschäftlichen Dingen ein feines und sicheres Gespür. Er hatte Harry oft gedrängt, sich noch auf anderen Gebieten zu engagieren – zum Beispiel beim Bergbau. Einmal hatte er ihn beschworen, sich bei der Ausbeutung einer Goldmine in Zentral-Queensland zu beteiligen, die großen Gewinn versprach, aber Harry hatte im letzten Moment verzichtet. Natürlich hatte das Unternehmen ernormen Erfolg gehabt. Wie Olivia aus dem Wirtschaftsteil ihrer Zeitung wusste, stiegen die Aktienkurse immer noch weiter.

Megans Schwangerschaft hatte das Leben mehrerer Menschen in andere Bahnen gelenkt. Olivia war von Havilah nach Brisbane gegangen, um dort neu anzufangen, und auch Jason war fortgezogen – bis hinter die Great Dividing Range, die das heiße, trockene Outback von der üppigen tropischen Küste trennte.

Olivia wusste bis heute nicht, warum er den Verwalterposten auf einer so fernen, einsamen Ranch angenommen hatte. Er verstand nicht viel von Rinderzucht, seine Stärke lag vielmehr im wirtschaftlichen Bereich. Er hatte sein Wirtschaftsstudium mit Auszeichnung abgeschlossen, aber vielleicht war er bewusst weit weggegangen, um etwas ganz anderes zu versuchen. Genau wie sie.

Jason hatte mit Megan geschlafen, aber Olivia wusste, dass es ein erbärmlicher, durch Alkohol herbeigeführter Akt gewesen war. Jedenfalls hatte Jason das behauptet. Er hatte ihr auch gestanden, dass er sich beim besten Willen an nichts erinnern könne, aber sie hatte ihm trotzdem nicht vergeben.

Schließlich hatte er das einzig Ehrbare getan und Megan geheiratet. Er liebte sie nicht. Im Grunde hatte er sie nie gemocht, sondern immer behauptet, sie habe einen schlechten Charakter. Das war das Lächerliche an der Sache.

Wie es schien, war er jetzt mit seiner Familie in die alte Heimat zurückgekehrt – gerade rechtzeitig, um Zeuge von Harrys Tod zu sein. Wieder eine Ironie des Schicksals. Nein, das Schicksal meinte es wirklich nicht gut mit dem einstigen Traumpaar.

Olivia stand langsam auf und ging in die Küche zurück, um die Briefe aufzuheben, die mit dem Öffner zu Boden gefallen waren. Jason Corey war wieder da, und sie hatte keine Möglichkeit, ihm auszuweichen. Es gab keine Garantien und keine Sicherheit im Leben, so viel hatte sie inzwischen unter bitteren Qualen gelernt. Harry war tot, fort aus ihrem Leben, und Jason kam zurück.

Sie würde ihn wiedersehen. Damit musste sie sich einfach abfinden.

2. KAPITEL

Es war glühend heiß auf den Feldern. Jason schwitzte, wie man an dem feuchten Schimmer auf seinen Schultern und Armen sehen konnte, die das leichte dunkelblaue Trägerhemd unbedeckt ließ. Während er seinen Durst mit Mineralwasser löschte, beobachtete er vom Landrover aus die roten Erntemaschinen, die tiefe Schneisen in das reife Zuckerrohr schnitten. Es hatte inzwischen die beachtliche Höhe von vier Metern erreicht und erstreckte sich bis zu den Hügeln, die am fernen Horizont im bläulichen Dunst verschwammen.

Geschnittenes Zuckerrohr verdarb schnell in diesem Klima und musste daher sofort in die Mühle gebracht werden, wo es zerquetscht und weiterverarbeitet wurde. Sechzehn Stunden waren die äußerste Frist, aber dank eines weit verzweigten Schienennetzes gelangte das Zuckerrohr auf Havilah sehr viel schneller zur Mühle. Harry verließ sich auf Jason, und dieser sollte ihn nicht enttäuschen. Schließlich hatte Harry ihm eine zweite Chance gegeben.

Am Vormittag hatte Jason die neue Pflanzung besichtigt, auf der die so genannte „Wunderfrucht“ angebaut werden sollte – eine Züchtung aus der Familie der Sapotengewächse, die sich auf dem heimischen und ausländischen Markt sprunghaft durchgesetzt hatte.

Später war er bei Harry zum Tee eingeladen. Jason war kein großer Teetrinker, obwohl er seit einiger Zeit auch Harrys Tee- und Kaffeeanbau beaufsichtigte. Harry durfte sich nicht mehr so viel zumuten wie früher, und so kamen sie jetzt eher in Mußestunden als bei der Arbeit zusammen. Jason liebte diese Stunden, denn sie gaben ihm das Gefühl, dass Olivia noch zu seinem Leben gehörte.

Er hatte seine Liv mit Leib und Seele geliebt. Noch jetzt ging ihm das Herz auf, wenn er daran dachte, welches Feuer der Leidenschaft sie in ihm geweckt hatte. Deshalb versuchte er, nicht zu oft an sie zu denken. Abgesehen von seiner Arbeit führte er ein Leben in stiller Verzweiflung, an das er sich mühsam gewöhnt hatte.

Zwei Jahre war er jetzt wieder da, und die Leute schienen ihm seinen Verrat an Olivia Linfield vergeben zu haben, falls sie überhaupt noch daran dachten. Olivia war Harry Linfields Erbin und eine Frau, die nicht ihresgleichen hatte. Schönheit und eine vielfältige Begabung hatten sich fast wunderbar bei ihr vereint, und das in einer Gegend, die wegen ihrer ethnischen Vielfalt für schöne Frauen bekannt war. Die frühen italienischen Einwanderer hatten beispielsweise dazu beigetragen, den tropischen Norden von Queensland zu erschließen und die Zuckerindustrie zu fördern. Auch in Jasons Adern floss italienisches Blut, obwohl er äußerlich eher seinem Vater glich, der aus Irland stammte.

Mit sechzehn Jahren hatte Jasons Vater angefangen, als Zuckerrohrpflücker zu arbeiten, genau wie sein Vater vor ihm. Damals wurde noch mit der Hand geerntet, die Erleichterung durch Erntemaschinen gab es nicht. Jasons Mutter hatte als Zimmermädchen im Herrenhaus gearbeitet, was durchaus nicht als ehrenrührig galt. Im Gegenteil. Für die nicht auf der Sonnenseite Geborenen bedeutete eine Anstellung im Herrenhaus beinahe so etwas wie eine Lebensversicherung.

Als Jason zwölf Jahre alt war, hatte sein Vater die Familie über Nacht im Stich gelassen. „So ein Glück!“, hatte Jasons italienische Großmutter ausgerufen und beide Fäuste zum Himmel erhoben. Sie besaß ein äußerst dramatisches Temperament. „Er war ohne Kultur … fast noch ein Wilder! Seid froh, dass ihr ihn los seid.“

Nonna hatte nicht ganz Unrecht gehabt. Niall Corey hatte manchmal getrunken und dann auch seine Frau geschlagen, aber eigentlich war er kein schlechter Mensch gewesen. Er passte nur nicht an den Platz, den ihm das Schicksal zugewiesen hatte, und hasste es, zur Unterklasse zu gehören. Dabei hatte er Verstand und sah sehr gut aus. Groß, kräftig und geschmeidig wie ein Tiger … von hypnotischer Anziehungskraft, hatte Jasons Mutter gesagt.

Lesen war seine heimliche Leidenschaft gewesen. Er hatte Bücher verschlungen, um daraus zu lernen. Tat das ein „Wilder“? Nein. Nonna war eifersüchtig gewesen, weil ihre Tochter ihn immer noch liebte. Deshalb hatte sie ihn so genannt.

Niall war auch ein begabter Zeichner gewesen. Menschen, Tiere, vor allem Vögel – alles war ihm leicht von der Hand gegangen. Vor seinem Verschwinden hatte er einen Zettel geschrieben: „Ich folge dem Beispiel Gauguins!“ War sein Ziel Tahiti gewesen? Vielleicht. Jedenfalls hatte er wie sein berühmter Vorgänger Frau und Kind verlassen.

Sie hatten nie wieder von ihm gehört.

Jason hatte Megan erst bemerkt, als sie neben dem Auto stand und an die Scheibe klopfte.

„Hallo, Megan.“ Er ließ die Scheibe herunter und rang sich ein Lächeln ab, obwohl ihn Megans bloßer Anblick mit Scham und heimlicher Angst erfüllte. Er hatte Megan Duffy nie sonderlich gemocht. Sie war eigentlich ganz hübsch, aber etwas stimmte nicht mit ihr.

Olivia war in ihrer Art immer nett zu Megan gewesen. Sie hatte sie sogar zur Brautjungfer bestimmt, gegen Jasons Rat, aber an diesem Tag gingen die Wünsche der Braut vor. Er selbst war Megan seit der Geburtstagsparty ihres Bruders scheu aus dem Weg gegangen. Es war nur eine Ahnung, aber er spürte, dass sein Glück seit dieser Party gefährdet war.

„Hast du etwas auf dem Herzen?“

„Ich muss unbedingt mit dir sprechen.“ Megans Augen wirkten riesengroß. Sie war blass und sah nicht gut aus.

Wieder meldete sich die Angst in Jason. „Dann los … steig ein. Ich bin auf dem Weg zu Olivia und kann dich unterwegs absetzen.“

Er gab sich Mühe, freundlich zu sein, obwohl ihn zunehmende Panik erfasste. Es war viel zu eng im Auto, so dicht neben Megan. „Worum geht es?“

„Ich bin überfällig.“ Megan sprach so leise, dass sie kaum zu verstehen war.

„Wie … überfällig?“

„Zwei Monate, Jason.“ Sie begann zu weinen, und auf ihren Wangen und auf ihrer Nase erschienen rote Flecken. „Das bedeutet doch, dass ich schwanger bin. Mir ist ständig übel.“ Plötzlich fing sie an zu schreien. „Es ist deins, Jason … dein Kind. Ich war noch unschuldig!“

Das hatten die meisten gedacht. Auch Jason. „Tu mir das nicht an, Megan“, stöhnte er. „Bist du ganz sicher? Es war nur ein einziges Mal, und ich erinnere mich beim besten Willen nicht daran. Ich bin nie in meinem ganzen Leben so betrunken gewesen. Aber warum darüber reden? Warst du bei einem Arzt?“

„In diesem Nest?“ Megan fuhr sich über die Augen, es wirkte Mitleid erregend. „Außerdem wollte ich zuerst mit dir sprechen. Du bist der Vater. Ich war mit keinem anderen Mann zusammen.“

„Oh Megan!“ Jason schlug sich mit der Faust aufs Knie. „Wie konnte uns das passieren?“

„Es tut mir Leid, Jason, aber du hast mich einfach überwältigt. Du bist so groß und stark. Es war fast eine Vergewaltigung, aber das wird nie jemand von mir erfahren.“

Es klang wie eine Drohung, trotz des jämmerlichen Eindrucks, den Megan erweckte. Jason trat auf die Bremse und brachte den Wagen zum Stehen. „Nein, Megan“, erklärte er bestimmt. „Ich bin vielleicht ein großer Dummkopf gewesen, aber Gewalt habe ich nicht angewandt. Das ist nicht meine Art. Ich verstehe, dass du verzweifelt bist, aber irgendwie musst du mich ermutigt haben …“

Megan legte Jason leicht die Hand auf den Arm, obwohl er sichtlich zusammenzuckte. „Du hast es eben selbst zugegeben, Jason … du warst betrunken.“ Tränen schwammen in ihren braunen Augen und liefen ihr über das blasse Gesicht. „Ich fürchte mich so sehr. Mein Vater bringt mich um, wenn er es erfährt. Ich war nie mit einem anderen Mann zusammen, Jason. Hast du nichts bemerkt? Es war Blut auf dem Betttuch.“

Jason rückte von ihr ab. „Ich habe keins gesehen.“

„Weil du nicht darauf geachtet hast. Ich musste dir Tabletten gegen deinen Kater holen. Dir war am nächsten Tag noch schlecht. Glaubst du, ich habe das gewollt? Es war ein großer Fehler von uns. Olivia ist meine Freundin. Sie war immer gut zu mir und hat nie auf uns Duffys herabgesehen. Mum hält sie für eine echte Lady. Das sagt sie immer wieder, als wäre ich im Vergleich zu Liv eine Schlampe. Aber das bin ich nicht. Oh Jason, du ahnst nicht, was ich durchgemacht habe! Mich immer im Badezimmer einzuschließen … Erst heute Morgen hat Mum mich gefragt, ob ich ihr etwas zu sagen hätte. Ich fürchte, sie weiß es.“

Jason streifte Megan mit einem flüchtigen Blick. „Dass du schwanger bist?“

„Ja.“ Megan schien vor Kummer in sich hineinzukriechen. „Ich weiß, was in dir vorgeht, Jason. Du hasst mich.“

Jason legte die Arme auf das Lenkrad und verbarg sein Gesicht. Er wusste, dass er in seinem Leben nie wieder lachen würde. „Ich hasse dich nicht, Megan. Ich allein bin schuld.“

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