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Nach jenen Sommertagen

Rachel Bailey

Nach jenen Sommertagen

1. KAPITEL

Nico Jordan blieb vor dem prächtigen Landhaus seines verstorbenen Halbbruders stehen und musterte es kritisch. Noch immer konnte er nicht fassen, dass Beth ihn wegen dieses protzigen Kastens und für einen windigen Typen wie Kent verlassen hatte.

Zugegeben, dieses Haus war wahrscheinlich nicht das Einzige, womit Kent sie geködert hatte. Er hatte genug Geld, um ihr so viele Häuser zu kaufen, wie sie wollte, und wahrscheinlich hatte er sie obendrein mit Schmuck überhäuft. All das hatte Nico ihr damals mit vierundzwanzig noch nicht bieten können.

In den letzten fünf Jahren hatte sich allerdings nicht nur in diesem Punkt einiges geändert. Sehr vieles war jetzt anders, und an manches dachte er nur ungern zurück. Aber das spielte nun keine Rolle mehr. Kent war tot, und Nico hatte einen Job zu erledigen. Entschlossen nahm er die zusammengerollten Dokumente in die eine Hand und klopfte mit der anderen an die Tür.

Da er Beth unbedingt wiedersehen wollte, hatte Nico sich bereit erklärt, den Papierkram persönlich mit ihr abzuwickeln. Es ging um den Anteil des verstorbenen Bruders an dem familieneigenen Weingut in Australien. Aber nicht nur deshalb war Nico gekommen. Er wollte noch einmal mit Beth schlafen. Denn sosehr er sich auch bemühte, er hatte nie das Verlangen nach der Frau überwinden können, die ihn betrogen hatte.

Gerade als er die Faust hob, um ein zweites Mal zu klopfen, öffnete sich die Tür, und Beth stand vor ihm. Verdammt, wie sie ihn so überrascht anstarrte, die blauen Augen weit aufgerissen und die vollen Lippen leicht geöffnet, war sie noch hübscher, als er sie in Erinnerung hatte. Sofort musste er daran denken, wie sie sich das letzte Mal geliebt hatten, damals vor fünf Jahren unter den Rebstöcken auf dem Weingut seines Vaters. Sie hatten sich ewige Liebe geschworen, und schon am Tag darauf hatte sie das Land verlassen und seinen Halbbruder geheiratet.

„Nico …“, sagte sie leise und wie außer Atem, als hätte sie gerade einen Marathonlauf hinter sich. Allerdings waren ihre Wangen nicht vor Anstrengung gerötet. Im Gegenteil, sie war kalkweiß. Das strohblonde Haar trug sie kurz und frech geschnitten, was ihr sehr gut stand. Langsam musterte Nico sie von oben bis unten. Sie hatte abgenommen, war eigentlich ein bisschen zu dünn für seinen Geschmack. Dennoch begehrte er sie immer noch heftig.

Er lächelte zynisch. „Guten Morgen, Beth. Ich möchte dir im Namen der ganzen Familie das herzlichste Beileid zum Tod deines Mannes aussprechen. Außerdem bin ich hier, um über ein paar Erbschaftsdinge zu reden.“

Schnell drehte sie sich um und warf einen Blick in den elegant eingerichteten Wohnraum hinter sich. Dann wandte sie sich wieder zu Nico um, kam einen Schritt näher und zog die Tür fest hinter sich zu. „Danke“, sagte sie leise. „Das ist sehr aufmerksam von … deiner Familie.“

Zwischen seiner Familie und Beth herrschte Funkstille. Der Vater gab ihr die Schuld daran, dass Kent nach Neuseeland gezogen war, um hier die kleineren Weingüter der Jordan Wines zu verwalten, und damit die Verbindung zur Familie so gut wie abgebrochen hatte. Nico hingegen machte sie dafür nicht verantwortlich. „Aber das haben wir doch gern für die Witwe unseres geliebten Kent getan.“

Sie runzelte leicht die Stirn und schien sich ausgesprochen unbehaglich zu fühlen. Das war aber auch das Mindeste, wenn er daran dachte, was sie ihm angetan hatte. Kurz senkte sie den Blick, dann sah sie Nico wieder an. „Die Erbschaftsangelegenheiten können sicher durch unsere Anwälte geregelt werden, oder nicht? Deshalb musstest du doch nicht extra aus Australien herkommen.“

Lächelnd lehnte er sich mit einem Arm gegen den Türrahmen und sah Beth tief in die Augen. „Aber ja, Bella, ich musste kommen.“

Bei dem Kosenamen, den er so oft benutzt hatte, wenn sie an warmen Nachmittagen nebeneinander in der Hängematte gelegen oder sich geliebt hatten, zuckte sie zusammen. „Wenn wir etwas zu besprechen haben, dann aber nicht hier“, sagte sie und bemühte sich, entschlossen zu klingen. „Wir können uns doch irgendwo anders treffen.“

„Willst du damit sagen, dass ich in dem Haus meines eigenen Bruders nicht willkommen bin?“ Sein Tonfall war voller Ironie, denn Nico wusste genau, sein Bruder hätte ihn nie ins Haus gelassen. Ihr Leben lang waren sie erbitterte Rivalen gewesen und hatten sich gehasst, besonders nachdem Kent Beth geheiratet hatte. Er hatte sie sofort nach Neuseeland mitgenommen, sodass sie alle Bindungen an Australien und ihre Vergangenheit hatte beenden müssen. Und auch später hatte Kent keine Kontakte zugelassen, sodass sein Sohn seinen Großvater oder seinen Onkel Nico nie kennengelernt hatte. Das allerdings wird sich jetzt ändern, dachte Nico entschlossen.

Wieder musterte er Beth von oben bis unten. Wahrscheinlich hatte Kent gut daran getan, seine Frau in Neuseeland festzuhalten. Denn wenn Nico ihr nach der Hochzeit begegnet wäre, hätte er nicht gezögert, im Revier des Bruders zu wildern. Auch Kent hatte in dieser Beziehung keine Hemmungen gehabt.

Aber Kent war tot.

Befangen senkte Beth den Blick. „Bitte, Nico, tu es um meinetwillen. Wenn es etwas zu besprechen gibt, lass es uns an einem anderen Tag machen und nicht hier.“

Was hatte sie zu verbergen? Wollte auch sie ihren Sohn der Familie vorenthalten? Oder hatte sie irgendwo im Haus einen Liebhaber versteckt? Wahrscheinlich beides.

„Wir sind gerade mal fünf Minuten allein, und schon soll ich dir einen Gefallen tun, Bella?“ Nico stieß sich von der Tür ab und betrachtete Beth nachdenklich. Was konnte er tun? Obgleich er entschlossen gewesen war, nicht nachzugeben, rührte ihr flehender Tonfall ihn. So war es immer gewesen, er hatte ihr nie etwas abschlagen können. Doch er durfte nicht vergessen, dass sie eine gute Schauspielerin war. Schließlich hatte sie ihn elf Monate mit allen möglichen Beteuerungen hingehalten, nur um ihn dann zu verlassen, als sie eine bessere Partie gemacht hatte.

Und jetzt …

Okay, diesen einen Gefallen würde er ihr tun. „Ich bin aber nur dieses Wochenende hier. Also gut, dann treffen wir uns in meinem Hotelzimmer. In einer Stunde.“

„In einer Stunde?“ Sie griff nach der Tür, als suchte sie Halt. „Das wird schwer zu machen sein. Können wir uns nicht morgen sehen?“

Auf keinen Fall! Ein Zugeständnis ist genug, schoss es ihm durch den Kopf. „Nein. Wenn du in einer Stunde nicht da bist, komme ich wieder. Ich werde außerdem bei Gericht den Antrag stellen, dass dein Sohn seinem Großvater nicht länger vorenthalten werden darf. Die Papiere sind bereits ausgefüllt, ich habe sie dabei.“

Er und der kleine Junge waren die einzige Familie, die sein Vater noch hatte. Für einen Familienmenschen wie Tim Jordan war das besonders bitter. Nico hatte sich seinem Vater immer besonders verbunden gefühlt und würde alles tun, damit der alte Mann noch ein wenig Freude in seinem Leben hatte. Besonders jetzt, da er so krank war.

„Aber Nico, du weißt nicht, was …“

Diesmal ließ er sich nicht von ihr erweichen. Er hatte keine Zeit, sich ihre Ausreden anzuhören. „In einer Stunde, Beth. Ich wohne im Imperial.“ Damit drehte er sich um und ging zu seinem Wagen, ohne sich noch einmal umzusehen.

Eine Stunde später stand Beth vor der Tür zu Nicos Penthouse-Suite und versuchte sich zu sammeln. Es fiel ihr schwer, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Nico, der einzige Mann, den sie je geliebt hatte, war wieder da. Der Mann, für den sie ihre Hoffnung auf Glück geopfert hatte, um ihn zu schützen.

Sowie sein Auto die Einfahrt verlassen hatte, war sie ins Haus gestürzt, hatte ihren Sohn an die Hand genommen und ihn zu ihren Eltern gebracht, die ganz in der Nähe wohnten. Das Haus hatte Kent den Schwiegereltern gekauft, allerdings nicht, weil er so fürsorglich war, sondern weil er Beth keinen Grund hatte geben wollen, um nach Australien zu reisen. Die Großeltern hatten bereits mit Marcos Besuch gerechnet, denn Beth hatte vor, an der offiziellen Vorstellung von Kents letzter Weinkreation teilzunehmen, die am Abend stattfinden sollte. Den kleinen Marco oder Mark, wie Kent ihn hatte taufen lassen, über Nacht dazubehalten war für die Großeltern immer eine große Freude. Nur Beth nannte den Vierjährigen Marco.

Wahrscheinlich ahnten ihre Eltern, wer tatsächlich der Vater des geliebten Enkelkindes war, denn Beth war blond, und Kent hatte helles Haar und helle Haut gehabt. Marco aber war fast schwarzhaarig, hatte dunkle Augen und den dunklen Teint, den Nico von seiner italienischen Mutter geerbt hatte. Doch ihre Eltern hatten nie etwas gesagt, und Beth war ihnen dafür sehr dankbar.

Aber wenn Nico den Kleinen sah …

Nein. Noch nicht. Beth fröstelte bei dem Gedanken. Erst wenn es sicher war, konnte sie Nico mit seinem Sohn bekannt machen. Noch würden die Konsequenzen für Nico zu schwer wiegen. Während seines Aufenthalts hier durfte sie das Geheimnis auf keinen Fall preisgeben. Lange würde es nicht mehr dauern, und sie konnte endlich die Wahrheit sagen. Bis dahin musste sie tun, was Nico verlangte, auch wenn es ihr schwerfiel. Denn sie wusste, was auf dem Spiel stand, er nicht. Das Herz war ihr schwer, und nur zögernd hob sie die Hand und klopfte.

Ein paar schnelle Schritte waren zu hören, dann wurde die Tür aufgerissen, und Nico stand vor Beth, groß, dunkel und sehr attraktiv. Sofort fing ihr Herz wie verrückt an zu pochen, ohne dass Nico sie mit irgendeiner Geste ermutigt hätte. Aber das war auch nicht nötig. Sein bloßer Anblick genügte, und ihr wurde ein wenig schwindelig vor Freude, ihn zu sehen. So war es immer gewesen, auch früher schon.

„Gib mir deinen Mantel.“ Er streckte den muskulösen Arm aus, und sie ließ den langen schwarzen Mantel von den Schultern gleiten. Mit einer schnellen Bewegung fing Nico ihn auf und hängte ihn an die Garderobe. Dann wandte er sich zu Beth um und musterte sie lächelnd. Nervös blickte sie an sich hinunter. Sie trug ein schlichtes dunkles Kleid, das locker saß und ihre weiblichen Formen eher verhüllte als betonte. Seit fünf Jahren kleidete sie sich derart unauffällig, so als wollte sie nach der Trennung von Nico keine Aufmerksamkeit mehr auf sich ziehen. Und genau das hatte sie unbewusst wohl auch beabsichtigt.

Nico jedoch sah sie so verlangend an, als stünde sie nackt vor ihm. Mit einer weit ausholenden Geste bat er Beth einzutreten. Schnell ging sie durch den üppig ausgestatteten Raum und trat ans Fenster. Sie wusste, dass Nico sie genau beobachtete, sie hatte seinen Blick immer gespürt, auch wenn sie ihm den Rücken zuwandte.

Langsam drehte sie sich um, und tatsächlich: Er starrte sie an. Sofort begann ihre Haut zu kribbeln, und ihre Brustspitzen zogen sich zusammen. Aber sie durfte sich nicht von ihrem Verlangen beeinflussen lassen, denn hier ging es um das Wohl von Menschen, die ihr sehr wichtig waren. Nico zum Beispiel konnte nicht nur sein Erbe verlieren, sondern auch seinen Job, ja sogar seine Identität.

„Möchtest du etwas trinken?“, fragte er und hielt eine Flasche Champagner hoch.

„Nein, danke.“ Bloß keinen Alkohol. In dieser Situation brauchte sie einen klaren Kopf.

Er goss sich aus einer anderen Flasche etwas ein. Wahrscheinlich war das ein Pinot Noir, den hatte er wenigstens früher immer gern getrunken. Versonnen betrachtete sie ihn. Dieses kräftige dunkle Haar, das sie so gern zerzaust hatte, das schmale Gesicht mit der immer leicht gebräunten Haut, das sie so liebte, mehr als alles andere auf der Welt. Mit Ausnahme der Miniaturausgabe von Nico, ihrem gemeinsamen Sohn.

Weshalb war er gekommen? Sie hielt die Spannung nicht mehr aus. „Was hast du mir zu sagen? Was ist so wichtig, dass du deshalb persönlich nach Neuseeland kommen musstest, Nico?“ Wie erregend es war, seinen Namen wieder aussprechen zu können … Aber sie musste sich zusammennehmen.

Lächelnd zog er eine Augenbraue hoch und lehnte sich gegen den Tresen der kleinen Bar. „Da gibt es eine ganze Menge. Aber lass uns erst über meinen Neffen reden.“

Sie wurde blass. „Mark? Was willst du von ihm?“

Nico wandte ihr sein Profil zu, und wieder musste sie seine schmale, gerade aristokratische Nase bewundern, die er seiner Mutter verdankte. Er hob sein Glas. „Nun, er ist immerhin mit mir blutsverwandt, und er hat gerade seinen Vater verloren. Ich möchte ihn gern kennenlernen und eine Beziehung zu ihm aufbauen.“

Erleichtert atmete sie aus. Für einen kurzen, schrecklichen Augenblick hatte sie gedacht, er wollte ihr das Kind wegnehmen. „Aber du weißt doch genau, dass Kent das nie zugelassen hätte. Ihr hattet euch doch geschworen, euch nie wieder unter die Augen zu treten.“ Damals hatte Nico sich vollkommen von der Familie gelöst und innerhalb von drei Jahren ein stattliches Vermögen an der Börse gemacht. Als Australiens reichster Playboy beherrschte er seitdem die Titelseiten der Klatschblätter. Obwohl sie es kaum ertragen hatte, hatte Beth all diese Berichte in den Illustrierten lesen müssen, gequält von Eifersucht auf jede Frau, die er in den Armen hielt. Gleichzeitig aber hatte sie gehofft, dass er glücklich war.

„Was Kent gewollt hätte, ist doch jetzt vollkommen gleichgültig. Meinst du denn, er wollte sterben und seinen Sohn ohne Vater zurücklassen?“ Ihren Protest wischte er mit einer Handbewegung beiseite. „Ich will und werde deinen Sohn sehen, und ich werde ein Onkel für ihn sein, auf den er sich immer verlassen kann.“

Ganz sicher meinte er das, was er sagte, aber sie konnte es nicht zulassen. Denn dann würde die Wahrheit ans Licht kommen, und gerade für Nico wären die Konsequenzen hart. Dafür würde er Beth hassen und ihr wahrscheinlich auch noch die Schuld geben. Sie straffte die Schultern und sah ihn kühl an. „Sicher, er hat keinen Vater mehr, aber er hat immerhin noch eine Mutter. Und ich entscheide, wen mein Sohn wann kennenlernen wird. Er ist glücklich hier in seinem Leben, hat viele Freunde und liebt seine Großeltern.“ Sie schwieg kurz und hasste sich für das, was sie jetzt sagen musste: „Er braucht dich nicht.“

Nico trank einen Schluck Wein und sah sie ruhig an. „Ob er mich nun braucht oder nicht, er gehört zur Familie. Die Jordans sind seit Generationen Weinbauern. Es liegt uns im Blut, steckt in unseren Genen. Eines Tages wird Mark einen Teil des Unternehmens erben, und dann ist es gut, wenn er etwas vom Weinbau versteht.“

Es liegt uns im Blut, steckt in unseren Genen.

Bestürzt wandte Beth den Blick ab. Nico war also tatsächlich der Meinung, er wäre ein echter Jordan. Aber das wusste sie ja, denn er hatte oft darüber gesprochen, als sie noch zusammen gewesen waren. Es würde ihn vernichten, wenn er die Wahrheit aus den Briefen erfuhr, die in Kents Besitz waren. Nämlich dass Nico als unehelicher Sohn seiner schönen Mutter mit dem alten Jordan überhaupt nicht blutsverwandt war. Also lag ihm die Weinherstellung genauso wenig im Blut wie ihr. Aber schlimmer noch war, dass er sehr an seinem Vater hing und es sicher nur schwer ertragen könnte, zu erfahren, nicht dessen leiblicher Sohn zu sein. Auch Tim Jordan liebte diesen Sohn, mit dem gemeinsam er das Weingut bewirtschaftete, wann immer Nico Zeit hatte.

Als Kent sie mit diesen Briefen erpresst hatte, um sie zur Heirat zu zwingen, war ihr sehr schnell klar geworden, dass sie nachgeben musste. Denn Tim Jordan hatte bereits drei schwere Herzinfarkte gehabt, und der Familie war klar, dass jede Aufregung tödlich für ihn sein konnte. Das hatten die Ärzte mehr als deutlich gemacht.

Wenn Beth nicht getan hätte, was Kent von ihr verlangt hatte, hätte er die Briefe dem Vater übergeben, möglicherweise sogar in der Klatschpresse veröffentlichen lassen. Dieser Schlag hätte für den ahnungslosen Vater tödlich sein können, und auch Nico wäre am Boden zerstört gewesen. Das Schicksal seines Vaters war Kent vollkommen gleichgültig gewesen, denn er hatte ihm nie verziehen, dass Tim damals Kents Mutter verlassen hatte, um Adelina zu heiraten. Dass Kent und seine Mutter Minnie das große Haus hatten verlassen müssen und in ein bescheidenes Cottage gezogen waren, hatte er seinem Vater, Nico und dessen Mutter bis zu seinem Tod übel genommen. Und Beth hatte damals keine andere Möglichkeit gesehen, Tim und Nico zu retten, als auf Kents Erpressung einzugehen.

An dem Tag hatte sie den Mann, den sie liebte und immer lieben würde, ohne ein Wort der Erklärung verlassen. Und dieser Mann stand jetzt vor ihr.

Aber jetzt war alles anders. Kent war tot. Zwar hatte Beth die Briefe noch nicht gefunden, aber das war nur eine Frage der Zeit. Und dann konnte sie entscheiden, was damit geschah. Schon lange hatte sie sich Gedanken gemacht, wie sie in diesem Fall wohl reagieren würde. Und sie war zu dem Schluss gekommen, dass sie reinen Tisch machen und Nico alles sagen würde, allerdings erst nach Tims Tod. Die Ärzte meinten, dass er wohl nur noch ein Jahr zu leben hätte, und auf keinen Fall wollte sie diese Lebenszeit verkürzen.

Wieder trat sie ans Fenster. Es fiel ihr leichter, mit Nico zu sprechen, wenn sie seine Gegenwart nicht so unmittelbar spürte. „Mach dir um Mark keine Gedanken. Er war hier viel mit Kent in den Weinbergen und auch im Weinkeller.“ Das war gelogen, denn Kent hatte den Jungen viel zu selten mitgenommen.

„Das kann ja sein. Aber wer soll das fortführen? Meiner Meinung nach hat der Junge das Recht, seine Familie in Australien kennenzulernen. Und als ein Jordan muss er das Weinherstellen auch von einem Jordan auf den Weingütern der Jordans erlernen.“

Beth fröstelte und rieb sich die nackten Oberarme. Dagegen konnte sie nichts sagen. Es war Marcos Recht, seinen richtigen Vater kennenzulernen und Zeit mit ihm zu verbringen. Ratlos starrte sie auf die nackten Weinstöcke, die sich in langen Reihen bis zum Horizont erstreckten. Sie warteten auf den Frühling, um dann endlich wieder zum Leben zu erwachen. So wie auch sie seit fünf Jahren auf diesen Tag wartete.

Als ihr Nacken kribbelte, wusste sie, dass Nico hinter sie getreten war. „Wir wollen uns nicht streiten, Bella“, sagte er mit dieser geliebten tiefen Stimme dicht hinter ihr. Dann fühlte sie seine warmen Hände auf den fast nackten Schultern, ließ sich streicheln und schloss die Augen. Ihn wieder zu spüren löste Gefühle in ihr aus, die sie seit fünf langen Jahren nicht gehabt hatte. Jetzt packte er sie bei den Handgelenken und trat noch einen Schritt näher, sodass sie seine Körperwärme spürte.

Wie oft hatte sie von diesem Augenblick geträumt, davon, wieder mit ihm zusammen zu sein, aber irgendetwas war anders. Das war nicht der liebevolle, sanfte Nico von früher. Der hätte sie nie so brutal festgehalten, sondern hätte sich immer nach dem gerichtet, was sie wollte.

Aber warum sollte er? Er musste doch denken, dass sie ihn betrogen hatte. Und genau das hatte sie getan, auch wenn ihre Motive anständig gewesen waren. Dennoch, obgleich sie Verständnis für seine Kälte hatte, schmerzte es sie, dass er sie nicht mehr liebte und ihr nicht mehr vertraute. Mit einem kräftigen Ruck befreite sie sich aus seinem Griff und drehte sich zu ihm um. „Was soll das, Nico? Du kannst doch nicht einfach hier auftauchen und dir Rechte anmaßen, die dir seit unserer Trennung gar nicht mehr zustehen.“

Unsere Trennung?“ Wieder griff er nach ihren Händen, diesmal aber sanft und zärtlich. „Es ist doch wohl eher so, dass du dich von mir getrennt hast, oder?“ Der spielerische Tonfall konnte Beth nicht täuschen. In seinen Augen las sie deutlich, dass er immer noch unter dieser Zurückweisung litt. Doch sie wappnete ihr schwaches Herz gegen jegliches Mitgefühl und sagte nur: „Darüber sollten wir doch jetzt nicht reden. Warum bist du hergekommen? Wolltest du mit mir nicht irgendwelche Papiere durchgehen?“

„Stimmt“, sagte er leise und liebkoste unablässig ihre Handflächen mit den Daumen, sodass Beth nur mit Mühe Haltung bewahren konnte. „Aber wir müssen auch unbedingt über unsere Beziehung sprechen. Wann, meinst du denn, hättest du dafür Zeit?“

Wieder entzog sie ihm die Hände und verschränkte die Arme vor der Brust. „Nie. Das Thema interessiert mich nicht. Der Fall ist abgeschlossen.“

Mit einem ironischen Lächeln trat er ein paar Schritte zurück und griff nach seinem Weinglas. „Der Meinung bin ich aber ganz und gar nicht.“

„Kann sein. Aber man braucht immerhin zwei, um ein Gespräch zu führen.“

Er ließ sich in einen Sessel fallen und nippte an dem Wein. „Man braucht zwei für viele Dinge, nicht nur für Gespräche. Auch für Freundschaften, für Liebe.“

„Ich habe doch schon gesagt, dass ich darüber nicht reden will.“

Scheinbar gleichmütig zuckte er die Schultern. „So kommen wir nicht weiter. Setz dich doch.“

Vorsichtig nahm sie Platz, möglichst weit von ihm entfernt, und sah ihn misstrauisch an. Normalerweise ließ er sich nicht so schnell von einem Thema abbringen.

„Ich habe ein paar Unterlagen mitgebracht, die du als Marks Erziehungsberechtigte unterschreiben musst. Ob Kent in Bezug auf das Vermögen, das seine Mutter ihm hinterlassen hat, irgendwelche Verfügungen getroffen hat, weiß ich nicht. Aber dir ist sicher bekannt, dass er keine Anteile an dem Familienunternehmen der Jordans besitzt.“

„Ja“, sagte sie. „Die gehören immer noch deinem Vater.“ Das wusste sie nur von dem Testamentsvollstrecker, denn Kent selbst hatte sich ihr gegenüber nie über seine finanziellen Verhältnisse ausgelassen.

„In vier Jahren oder – im Fall von Vaters Tod – auch früher sollen die Anteile von Jordan Wines auf seine zwei Söhne aufgeteilt werden, das war damals zwischen uns dreien so vereinbart worden.“ Nico hob einen Packen Papiere hoch. „Nun möchte Dad, dass Kents Anteile auf Mark übergehen, und er will mit der Aufteilung nicht länger warten. Kents Tod hat ihn tief getroffen, vor allem weil die beiden sich einander entfremdet hatten, was Dad nie ganz begriffen hat und worunter er immer litt.“

Beth blickte kurz zu Boden. Seit ihrer Hochzeit war es zu dieser Entfremdung zwischen den beiden gekommen, und die Spannungen zwischen den Brüdern und zwischen Kent und seinem Vater hatten sie immer belastet. Denn Nico und sein Vater waren die beiden Menschen, die sie durch diese Eheschließung hatte retten wollen. Wenn Nico die Wahrheit wüsste, würde er sich gezwungen fühlen, dem Vater alles zu erzählen, denn jede Art von Lüge war ihm unerträglich. Dann aber würde der Vater ihn enterben müssen, und es bestand die große Gefahr, dass er erneut einen Herzinfarkt bekam. Und das Wissen, dass der Lieblingssohn nicht sein eigen Fleisch und Blut war, würde ihm seine letzten Tage vergällen.

Falls Nico sich aber dazu überwinden könnte, dem Vater die Wahrheit vorzuenthalten, hätte er selbst schrecklich daran zu knabbern. Auf keinen Fall könnte er Tim so offen und vertrauensvoll begegnen wie bisher. Wie sie es also auch drehte und wendete, für Nico gab es keine gute Lösung, wenn er die Wahrheit kannte. Also durfte sie ihn gar nicht erst in diese Situation bringen.

Er schwenkte den roten Wein in dem großen Glas. „Dad möchte die Firma zwischen mir und Mark aufteilen, und zwar schon in den nächsten Monaten.“

„Was? Aber Mark ist doch noch ein kleiner Junge.“

„Ich weiß. Es erwartet ja auch keiner, dass ein Dreijähriger eine solche Erbschaft sofort antritt.“

Kent hatte die Familie erst ein Jahr später über die Geburt des Kindes informiert. Denn er hatte auf keinen Fall gewollt, dass Nico zwei und zwei zusammenzählte.

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