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Nach dreizehn Jahren

Prolog

Markus starrte auf die Pistole. Der dumpfe Aufprall auf dem Parkettboden hallte in seinen Ohren nach. Er starrte wie gelähmt auf dieses kleine schwarze Ding, das er nur aus Filmen kannte, und die Sekunden kamen ihm vor wie Stunden. »Woher hast du das?«, hörte er sich schließlich fragen, mit einer Stimme, die er nicht als seine erkannte. Er hob den Kopf, was sich anfühlte, als wäre sein Genick steif und mechanisch und eingerostet. »Woher hast du das, Richi?«

Richard hatte ebenfalls auf den Boden gestarrt, auf die Pistole, und vermutlich schaute er ebenso erschrocken-verdattert wie Markus. Allerdings war er wohl eher erschrocken über die Tatsache, dass die Pistole aus seiner Jackentasche geflogen war, als er die Jacke hatte ausziehen wollen, als über die Tatsache, dass er eine Waffe bei sich trug, die verdammt echt aussah und klang und es vermutlich auch war.

Markus starrte in Richards Gesicht, in das Gesicht eines seiner beiden besten Freunde und Kameraden. Er hatte geglaubt, den Mann, zu dem dieses Gesicht gehörte, sehr gut zu kennen. Das Gesicht mit der markanten Nase, mit den blauen Augen, den dunklen Haaren, die wie immer fransig in die Stirn und fast bis in die Augen fielen, mit dem Bartschatten und dem spitzen Kinn. Markus war es plötzlich, als würde er es zum ersten Mal sehen. Es war plötzlich anders. Was waren das für Schatten unter den Augen, was für rote Ringe, warum war das ganze Gesicht so … zusammengefallen? Wenn man jemanden täglich sah und schon lange kannte und ihn sich nicht mehr bewusst ansah, dann fielen einem Veränderungen nicht gleich auf. Doch in diesem Moment, wo Markus sich ihm mit einem Mal so fremd fühlte, wurde es ihm schlagartig bewusst: Richard war blass, ausgemergelt, übernächtigt, fertig. Und er stank schon wieder nach Alkohol.

Richard löste sich jetzt aus seiner Starre, machte einen unsicheren Schritt nach vorne, hockte sich hin, griff fahrig nach der Pistole, kam erst nach ein paar Anläufen wieder auf die Füße, musste sein Gleichgewicht neu finden und schob seinen linken Arm mit einer unkontrolliert ausholenden Bewegung in den Jackenärmel zurück.

»Du hast zu viel getrunken«, stellte Markus fest und spürte sein Herz schlagen.

»Er is … widder bei ihr«, lallte Richard und betrachtete die Pistole in seinen Händen, als hätte er noch niemals eine gesehen. Dann sah er auf, blickte Markus direkt an. Seine blauen Augen flackerten plötzlich.

Markus’ Herz wummerte. Richard war betrunken, und zwar richtig. Er war doch gar nicht mehr richtig da. Er war woanders. Vielleicht wusste er nicht einmal mehr, wen er hier vor sich hatte. Markus, seinen besten Freund, der mit all dem, von dem er in letzter Zeit ständig faselte, nichts zu tun hatte. Für den die Pistole nicht bestimmt sein konnte. Aber für wen dann? Wo hatte er dieses Teil her? Er gibt sich zuweilen mit komischen Typen ab, das hatte Joko schon immer gesagt. Markus und er hatten es immer dabei belassen. Markus, Joko und Richard waren drei grundverschiedene Typen, die auf dem Eis auf eine wundersame Weise perfekt miteinander harmonierten, und das hatte sie auch außerhalb des Eises zusammengeschweißt. Allzu ernste und tiefgründige Themen gab es nicht; das wäre auch nicht gutgegangen, weil dann drei völlig gegensätzliche Meinungen aufeinandergeprallt wären. Aber trotzdem hätte Markus für Richi und Joko seine Hand ins Feuer gelegt – und er wusste, dass die anderen beiden es auch für ihn getan hätten.

»Er is bei ihr«, riss Richard Markus aus seinen Gedanken. Er sah beinahe besessen aus und atmete plötzlich schwer vor Erregung. »Isch hab ihn heude gesenn. Er is jetzt widder bei ihr, un- uner knallt sie …«

»Jetzt mach aber mal einen Punkt!«, unterbrach Markus ihn eine Spur heftiger, als er eigentlich beabsichtigt hatte. Aber er konnte sich das einfach nicht länger anhören. Das war jetzt der endgültige Beweis dafür, dass Richard Wahnvorstellungen hatte. »Du hast zu viel getrunken, Richard! Du hast dir das eingebildet! Wahrscheinlich hast du einen Mann gesehen, der ihm einfach nur ähnlich sah! Er ist doch gar nicht hier, Mensch. Er ist doch in der Sommerpause in Schweden, wie imm-!«

»Nein!«, fiel ihm Richard so heftig brüllend ins Wort, dass Markus zusammenfuhr. »Isch bin nisch blöd, Makuss! Isch bille mir das nisch ein! Der Scheißkerl is widder hier! Verarscht hat der uns! Der is nisch in Schwedden, der is hier – bei Lenni, dieser Wichser …« Richards Hände schlossen sich fester, beinahe krampfhaft um die Pistole und mit einem Mal schien er gar nicht mehr so betrunken zu sein, sondern ziemlich klar bei Verstand und fest entschlossen. »Bei meiner Lenni, disser …« Sein Gesicht war verzerrt, seine Augen schienen noch röter geworden zu sein, in seinen Zügen lag so viel Hass, wie Markus es noch niemals gesehen hatte – Hass, aber auch ebenso große Verletztheit und ein Ausdruck von Angst. Und dann, von einer Sekunde auf die andere, veränderten sich die Züge, formten sich zu einem bitteren, schadenfrohen, grässlichen Grinsen. »Aber dasss wider büßen …«, murmelte er düster und lachte auf. »Dasss wider büßen …«

Die Pistole in seinen Händen machte Klick. Dieses Klick, wie man es aus dem Fernsehen kannte, fuhr Markus in alle Glieder, es war schrecklicher als Richards Grimassen, schrecklicher als seine Worte und sein Tonfall. Für den Bruchteil einer Sekunde schoss Markus so vieles durch den Kopf. Er war ganz alleine. Nicki war nicht da – gut, dass sie nicht da ist, dass sie in Sicherheit ist –, sie war auf Lesereise, sie saß wahrscheinlich gerade ganz heimelig in irgendeiner Buchhandlung und las aus ihrem Buch vor. Nicht einmal der Hund war da, der musste wegen dem Eingriff über Nacht beim Tierarzt bleiben. Der hätte mich beschützt. Ein reinrassiger Berner Sennenhund. Markus liebte große, kräftige Hunde, die treu waren und beschützen konnten. Aber was nützte das, wenn der mit einer operierten Pfote in der Tierklinik lag? Er dachte an den kleinen Yannick, der oben in seinem Bettchen schlief – gut, dass der so einen tiefen Schlaf hatte und von Richards Brüllen nicht weinend aufgewacht war! Einen winzigen Moment schob sich ein Bild vor Markus’ inneres Auge, wie Nicki zurückkam, die Haustür aufschloss und Markus weiß und tot in einer Blutlache auf dem Flurboden liegend fand. Und Yannick ebenso weiß und tot oben in seinem Bettchen, auf einer von Blut durchweichten Matratze. Und in demselben Moment wurden Markus zwei Dinge vollkommen neu bewusst: wie sehr er seine Familie liebte und wie kostbar Leben war.

»Er hatsisch an meiner Lenni vergriffen …«, brachte Richard heraus, und zum dritten Mal veränderte sich sein komplettes Gesicht. Jetzt sah es wieder eingefallen und ausgemergelt aus, unglaublich alt und voll Angst und Schmerz. Ein gefährlicher Schmerz. Ein Schmerz, der blind und unzurechnungsfähig machte. Er drehte sich um, die Pistole noch immer in den Händen, schien gar nicht mehr zu wissen, dass Markus überhaupt da war.

Die Haustür fiel unpassend sanft ins Schloss. Markus stand da und starrte die geschlossene Tür an, dann merkte er, dass er zitterte, dass seine Knie butterweich waren, und er sank langsam auf den Boden, einen kleinen Moment drehte sich die Welt vor seinen Augen. Er war völlig unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, er konnte nicht verstehen, was Richards Auftritt eben erahnen ließ, dass da ein oder mehrere Leben in Gefahr sein könnten, er hatte Angst, und in seinen Ohren hallte dieses Klick wieder und wieder.

Sommerferien

Ich habe Angst. Ich habe solche Angst. Da ist irgendetwas. Es ist so dunkel und kalt. Ich will weglaufen, aber ich bin wie gelähmt. Irgendetwas stimmt nicht. Irgendetwas ist falsch. Ich will schreien, aber es kommt nichts aus meinem Mund. Ich klebe an meiner Matratze fest. Ich kann nicht aufstehen, ich kann mich nicht einmal umdrehen, ich klebe fest, mein Rücken klebt fest. Es ist so dunkel, die Dunkelheit kommt immer näher, sie rückt auf mich zu, sie packt mich, sie ist kalt, sie fesselt mich und hält mich fest, sie erdrückt mich. Yannick! Yannick! Er ist nicht da! Er ist weg! Ich habe solche Angst! Wo ist er? Warum ist er nicht hier? Was ist passiert? Ist er gestorben? Hat die Dunkelheit ihn verschluckt? Nein, Yannick, du musst bei mir sein! Wo bist du? Nein, nein, nein, Yannick, »nein, Yannick!«

Amy Sladowski riss die Augen auf. Sie saß aufrecht im Bett. Ihr Schlafanzug klebte an ihrem Körper und ihre dunkelblonden Haare hingen ihr wirr ins Gesicht. Ihr Herz pochte wie wild und ihre Augen waren feucht. Ihr Kopf dröhnte, ihr Körper war starr vor Angst, sie saß wie gelähmt da, konnte sich nicht bewegen. Noch immer war es dunkel um sie. Diese Dunkelheit aus ihrem Alptraum war immer noch da. Die bedrohliche Dunkelheit. Ein Schatten. Ein dunkler Schatten. Amy zuckte. Sie starrte ins dunkle Zimmer hinein, in dem es jetzt ganz langsam heller wurde. Langsam nahm Amy das Licht wahr, das durch die Jalousien schon ins Zimmer fiel. Langsam beruhigte sie sich wieder, atmete ruhiger, konnte sich bewegen, und in ihren Körper kroch die Wärme zurück, die in diesem Dachzimmer Ende Juli auch nachts herrschte. Von draußen vernahm Amy jetzt das Zwitschern von Vögeln, die mit der Dämmerung langsam zu singen begannen. Und auch gleich neben sich hörte sie jetzt etwas. Das vertraute, gleichmäßige, ruhige Atmen ihres Bruders. Sie bewegte langsam den Kopf und sah auf Yannick hinunter, der selig schlief; die Decke hatte er im Schlaf von sich gestoßen und einen Arm merkwürdig unter seinem Oberkörper vergraben.

Der Anblick ihres schlafenden großen Bruders, ihres Helden und Beschützers, holte Amy endgültig aus der Schreckensstarre. Sie tastete auf der Matratze nach ihrem Plüsch-Pinguin Penny, legte sich wieder hin, zog trotz der Hitze die Decke über sich und schmiegte sich an Yannick an, der mit seinem tiefen Schlaf nichts von ihrer Unruhe wahrgenommen hatte.

So lag Amy lange mit offenen Augen, obwohl sie vor Müdigkeit brannten, starrte ins Zimmer hinein und sah zu, wie die Tapete immer mehr Rosa annahm, je heller es draußen wurde.

Als Yannick aufwachte, blinzelte er geradewegs in das Gesicht seiner schlafenden kleinen Schwester. Amy lag an ihn geschmiegt da, ihren Plüsch-Pinguin Penny zusätzlich an ihre Brust gepresst, und sah wie immer im Schlaf nicht ganz friedlich, sondern vielmehr etwas angespannt und unruhig aus.

Sie hatte sich an ihm wieder einmal eingerollt wie ein Kätzchen; er spürte ihre Brüste an seinem Oberkörper und ihr Hintern lugte unter der Decke hervor. Ein kräftigerer Hintern als früher. Amy war weiblich geworden. Nicht einfach nur reifer, wirklich weiblich. Sie hatte richtige weibliche Kurven bekommen, füllige Brüste und kräftige Oberschenkel und sogar so etwas wie ein kleines Bäuchlein. Amy war nicht dick, auch als pummelig hätte man sie nicht bezeichnen können – sie war einfach an den richtigen Stellen fülliger geworden. Sie war ja auch schon sechzehn Jahre alt.

Plötzlich regte sie sich, schlug ihre blaugrünen Augen auf, in denen seit jeher Misstrauen und Angst lag, Argwohn, aber auch ebenso viel Liebe, Sanftmut und Wärme. Wie so oft sahen sie sich beim Erwachen in die Augen, ganz und gar vertraut miteinander. Sie verstanden sich stumm.

Ihre vollen Lippen umspielte ein Lächeln. »Guten Morgen.«

»Guten Morgen.« Yannick streckte seine Hand aus und gab ihr mit dem Zeigefinger einen Stupser auf die zarte Nase. Das war seine Art, ihr seine Zuneigung und Liebe zu zeigen. Ein sanfter, neckischer Stupser auf die Nase.

Und wie immer brachte Amy das zum Lächeln. Sie versteckte ihre Nase rasch unter ihrem Pinguin und revanchierte sich mit einem Pikser in seinen Bauch. Yannick musste grinsen und knuffte zurück.

»Nicht!«, murrte Amy ohne Nachdruck und gähnte. »Ich bin noch nicht richtig wach.«

Yannick setzte sich im Bett auf und streckte seine Arme, dass es knackte. »Weißt du, was wach macht? Frühstück.«

»Ich glaube, ich habe in diesen Ferien schon fünf Kilo zugenommen «, murmelte Amy und machte keine Anstalten, sich zu rühren, als Yannick aufstand und die Jalousien hochzog. »Bei Mama gibt es einfach zu gutes Essen!«

»Ich habe doch doppelt so viel gegessen wie du, und ich habe nicht den Eindruck, auch nur ein Gramm zugenommen zu haben.«

»Du hast auch Glück mit deinem Stoffwechsel. Du bist und bleibst dünn.«

Yannick hatte das Dachfenster aufgedrückt und spähte durch den Spalt. »Oh, Mama hat schon den Frühstückstisch auf der Terrasse gedeckt! Es gibt Croissants! Und Obstsalat!« Er ging zum Bett und zog Amy die Decke weg. »Los, steh endlich auf, sonst esse ich dir alle Croissants weg!« Damit war er aus dem Zimmer.

Amys Kopf fühlte sich schwer an, hinter ihrer Stirn pochte es und ihre Augen brannten. Ihre ständigen Schlafmangelerscheinungen. Aber dass Yannick ihr die Croissants wegaß, das konnte sie nicht zulassen. Also rappelte sie sich auf, legte Penny liebevoll auf ihr Kissen und deckte ihn zu, dann lief sie ihrem Bruder hinterher die schmale Holztreppe hinunter.

Ihre Mutter Veronica Treu wohnte den größten Teil ihrer Zeit in dem kleinen alten Dünenhaus gleich am Meer in Holland. Sie hatte es vor einigen Jahren erworben und sich somit einen Traum erfüllt. Lange Spaziergänge am Strand, frische Seeluft in der Nase, windzerzauste Haare und das Rauschen der Wellen in den Ohren waren seitdem ihr Alltag, der ihr jedoch nicht langweilig geworden war. Den anderen, weitaus geringeren Teil ihrer Zeit verbrachte sie in ihrem Apartment in Hamburg, oder in Hotels, wenn sie gerade auf Lesereise war. Die machte sie jedoch nur äußerst selten. Veronica Treu war Bestsellerautorin, weltweit begeistert gelesen, und sie gehörte zu der Sorte Autoren, die am liebsten nur hinter ihrem Schreibtisch saßen und schrieben, schrieben, schrieben, mit den Worten kämpften, mit den Figuren haderten, in aller Einsamkeit und Ruhe überlegten, sinnierten, ihren exzentrischen Gewohnheiten und Launen nachgingen und nichts von lästigen Lesungen, Autogrammstunden und überhaupt dem Auftreten in der Öffentlichkeit hielten. Sie gehörte gleichzeitig zu der Sorte Autoren, die wirklich Talent besaßen und ihre Arbeit als Kunst betrachteten und nicht als einen mit handwerklichem Geschick für die breite Masse auszuführenden Bürojob. Yannick hatte sich schon oft gedacht, dass das eine mit dem anderen bestimmt in Zusammenhang stand.

Als Amy auf die Terrasse kam, steckte sich Yannick gerade bereits grinsend seine erste Croissant-Hälfte in den Mund. Veronica saß ihm gegenüber, eine Kaffeetasse und einen Notizblock vor sich. Veronicas ständiger Begleiter war ein Notizblock. Jetzt gerade kritzelte sie wie wild darin herum, kreiste so energisch Dinge ein, strich andere wieder durch oder versah sie mit Pfeilen, dass das Papier ratschte. Als Amy sich neben Yannick setzte, sah sie nur flüchtig auf. »Guten Morgen.«

»Guten Morgen.«

Amy sicherte sich schnell ein Croissant und schnitt es auf, wobei sie ihre Mutter unauffällig beobachtete. Sie war weiblich gebaut, mit den Jahren fülliger geworden und eigentlich sehr hübsch mit ihren dunklen Locken, den blauen Augen und der Brille, die sie richtig nach einer Autorin aussehen ließ. Wäre sie nur nicht immer so traurig gewesen. In ihren blauen Augen lag beinahe immer diese bedrückte, wehmütige Traurigkeit. Wenn man Veronica Treu kannte, sie und ihre zurückgezogene, abwesende Art und ihre traurigen Augen, dann wusste man, dass die Worte, aus denen ihre Geschichten bestanden, geradewegs aus ihrem Herzen kamen.

Amy und Yannick waren jetzt endlich in dem Alter, in dem sie die Romane ihrer Mutter lesen konnten. Dramatische Liebesromane waren das, in denen stets Schicksalsschläge, gebrochene Herzen und verwundete Seelen vorkamen. Ein von Amy so sehr geliebtes Happy End hatten Veronicas Geschichten nicht, aber trotzdem mochte Amy sie, denn man konnte sich dennoch in ihnen verlieren. Yannick und Amy sahen ihre Mutter hauptsächlich als genau das, als ihre Mutter, aber sie, die sie beide gerne lasen, waren auch stolz darauf, dass sie eine Autorin war.

»Gehen wir gleich zum Strand?«, fragte Amy.

»Das fragst du noch?« Yannick spielte mit seinen Augenbrauen. »Du musst mich doch endlich beim Schwimmen schlagen!«

»Das werde ich nie schaffen, Yannick, das weißt du!«

»Vielleicht, wenn ich aus Versehen ganz viel Salzwasser auf einmal schlucke und es in die Augen bekomme und einen Moment orientierungslos herumrudere …«

Amy musste kichern. »Dann bin ich ja dadurch trotzdem nicht schneller als du.«

Veronica schob sich den Rest ihres Brötchens in den Mund und nahm den letzten Schluck Kaffee. »Hört mal, ich … ich gehe nur rasch in mein Arbeitszimmer und schreibe diese Szene hier, die ich gerade konzipiert habe. Ich bin gerade so im Flow …« Sie sah von Yannick zu Amy und wieder zurück, mit einer schuldbewussten, beinahe etwas flehenden Miene. »Okay?«

Yannick und Amy warfen sich einen Blick zu. »Du bist aber fertig, wenn wir zum Strand gehen?«

»Auf jeden Fall!«

Veronica war nicht fertig, als Amy und Yannick zum Strand gingen. Sie hatten es schon gewusst, als Veronica vom Frühstückstisch aufgestanden war. Weil das immer so war.

»Eigentlich ist es ein Wunder, dass wir es in diesen Ferien geschafft haben, nach Amsterdam zu fahren. Dass Mama nicht kurz vor der Abfahrt doch wieder ein Flow dazwischengekommen ist«, grummelte Yannick vor sich hin, als er und Amy auf dem Weg durch die Dünen zum Strand waren. Veronicas Beagle-Hündin Ginny lief einige Meter vor, dann blieb sie wie immer mit ungeduldiger Miene stehen, um zu warten, bis Amy und Yannick sie eingeholt hatten, bevor sie wieder vorlief. Ginny war die treuste Seele von Hund, die man sich nur vorstellen konnte. Fast so treu wie Veronicas früherer Hund, ein ruhiger, sanftmütiger, geduldiger und verschmuster Berner Sennenhund, dem Yannick immer noch nachtrauerte.

Amy sah zaghaft zu ihm hoch. »Wir machen uns aber trotzdem einen schönen Tag am Meer … vielleicht kommt Mama ja auch noch nach … und zum Mittagessen können wir uns wieder Fisch holen … es sind doch Sommerferien!«

Yannick schluckte seine grimmige Stimmung hinunter und lächelte Amy an. »Ja, natürlich!« Amy selbst war auch enttäuscht, dass Veronica wieder einmal keine Zeit hatte, obwohl sie sich doch nur so selten in den Ferien sehen konnten, aber noch mehr litt sie unter schlechter Stimmung und Streit.

Amy lächelte erleichtert zurück und blieb kurz stehen, um ihre Flip Flops auszuziehen, denn sie waren jetzt am Strand angekommen. Dann sprang sie fast ebenso leichtfüßig und verspielt durch den Sand wie Ginny.

Yannick beobachtete Amy von der Seite. Ihre dunkelblonden Haare flatterten im Wind, ebenso wie der leichte Stoff ihres Sommerkleides um ihre Beine. Amy trug beinahe ausschließlich Kleider. Im Sommer sowieso, aber auch im Herbst und Winter konnte man sich die Tage, an denen sie in einer Hose steckte, rot im Kalender markieren. Amy liebte luftige, bauschige Kleider, und am liebsten trug sie mädchenhafte, verspielte, romantische Kleider mit Blumenmuster. Dabei machte Amy sich nicht einmal fein. Sie hatte sich noch nie in ihrem Leben geschminkt, und das Aufwändigste, was sie mit ihren Haaren veranstaltete, war, sie zu einem Zopf zu flechten. Nagellack stank ihr zu sehr, vorm Ohrlöcherstechen hatte sie Angst und Ketten nervten sie. Aber trotzdem wirkte Amy in ihrer Schlichtheit stets … ja, fein, bezaubernd. Wie eine von den Prinzessinnen, die sie so sehr liebte. Keine eingebildete, verwöhnte Prinzessin, sondern eine zarte, stille Prinzessin, die dadurch jedoch eigentlich nur umso anmutiger wirkte.

In diesem Moment sah sie sich zu ihm um. »Was schaust du so?«

»Nur so. Ich habe mir nur gerade gedacht, dass du heute ein sehr schönes Kleid anhast«, sagte Yannick ehrlich.

Amy senkte ihren Blick wieder, doch ihr Lächeln verriet Yannick, wie sehr sie sich über das Kompliment freute.

Sie waren an Veronicas dauerhaft gemietetem Strandcontainer angekommen und machten es sich gemütlich. Der Strand füllte sich bereits zusehends und Ginny hatte schon einige Hundefreunde gefunden, mit denen sie am Meer entlangwetzte. Es war heute wunderbar am Strand. Immer noch so warm, dass man in Badehose hier sitzen konnte, jedoch bei weitem nicht mehr so erdrückend heiß wie in den letzten Tagen.

Yannick kramte seine Zigarettenschachtel hervor, zündete sich eine an, nahm den ersten Zug, ließ sich nach hinten in seinen Liegestuhl fallen und versuchte, den Strand ebenso wie den Rauch so tief wie möglich in sich aufzunehmen. Er reiste nicht besonders gerne, aber ans Meer war er immer schon gerne gefahren. Besonders gefiel Yannick am Strand die scheinbare Unendlichkeit. Man konnte weder das Ende des Strandes erblicken noch das des Meeres am Horizont. Eigentlich war es ziemlich verständlich, dass die Menschen früher geglaubt hatten, die Erde sei eine Scheibe und man würde einfach hinunterfallen, wenn man nur weit genug segelte.

Am Meer überkam Yannick stets eine gewisse Ehrfurcht vor der Schöpfung. Das Meer wirkte so mächtig und schien, wenn es wollte, all das vom Menschen Geschaffene und die Menschen selbst überrollen, mit sich reißen und zerstören zu können. Das Meer führte einem besonders eindrücklich vor Augen, wie mächtig die Natur selbst eigentlich war. Und wir Menschen treten mit Füßen darauf herum, dachte Yannick und betrachtete einen Moment die Kippe zwischen seinen Fingern. Dann seufzte er tief und nahm den nächsten genießerischen Zug. Was war denn heutzutage überhaupt noch umweltfreundlich? Funktionierte ein menschliches Leben auf der Erde überhaupt, ohne auf eine Sicht von Tausenden von Jahren alles zu zerstören?

Es war wunderschön hier. Yannicks Herz wurde schwer, wenn er daran dachte, dass die Zeit hier in einigen Tagen schon wieder vorbei wäre. Knapp drei Wochen hatten sie hier immer nur, dann mussten sie nach Deutschland zurück. Denn in der zweiten Hälfte der Sommerferien begann das Eishockeytraining wieder. Yannick spielte inzwischen bei den Junioren in der DNL, der deutschen Elite-Nachwuchsliga. In dieser Saison würde er in der Heschbacher Mannschaft spielen. Sie zogen nämlich wieder einmal um, Amy, Yannick und ihr Vater. Die vielen Umzüge brachte Markus Sladowskis Job als Eishockeytrainer mit sich. Diesmal zogen sie nach Heschbach. Markus, der früher Profieishockey gespielt hatte, hatte einen Vertrag als Assistenztrainer der Heschbacher Geparden unterschrieben. In der ersten Liga. Das war ein Aufstieg für ihn, wo er doch zuvor immer in der DEL2 trainiert hatte.

Yannick wäre viel lieber noch länger hiergeblieben. Er hatte keine Lust auf den Umzug, und auf die neue Mannschaft auch nicht. Und irgendwie hatte er auch überhaupt keine Lust auf seinen Vater. Mit dem stand er seit einiger Zeit irgendwie auf Kriegsfuß. Ständig bekamen sie sich in die Haare und Markus brüllte herum. Seit er herausgefunden hatte, dass Yannick rauchte, wurde er noch schneller reizbar. Markus hatte sich furchtbar aufgeregt und ihn angeschrien, was er sich denn eigentlich dabei dächte und dass er doch nicht jeden Scheiß mitmachen müsste und dass er doch Leistungssport betrieb. Und fast bei jedem Streit wiederholte Markus seitdem aufs Neue, was er von Zigaretten hielt. Yannick wusste sich zu verteidigen; was war denn zum Beispiel mit der NHL-Legende Mario Lemieux, der vor seiner Erkrankung eine halbe Schachtel pro Tag geraucht hatte? Ganz zu schweigen von einem Theo Fleury, der gewissermaßen von Drogen gelebt hatte?

»Die sind ja auch mit einem Wahnsinnsausnahmetalent gesegnet«, pflegte Markus dann zu kontern. »Aber nicht ganz so begabte Spieler können sich so was nicht erlauben, gerade heutzutage nicht mehr! Mann, dass du solchen Scheiß mitmachst …«

Dabei machte Yannick solchen Scheiß ja überhaupt nicht mit. Seine Schulkameraden wären wohl die Letzten gewesen, von denen er sich mitziehen ließ. Es war sein Lieblingsbuch gewesen. Drei Kameraden von Erich Maria Remarque, seinem Lieblingsschriftsteller. Remarque konnte Gefühle und Stimmungen beschreiben wie kaum ein anderer Autor. Yannick hätte sich von morgens bis abends nur mit Remarques pazifistischen Werken und auch mit der Person selbst beschäftigen können. 1898 geboren, hatte er den ersten Weltkrieg, den Nationalsozialismus und auch den zweiten Weltkrieg erlebt. Von den Nazis wurden Remarques Bücher verboten und öffentlich verbrannt und ihm selbst die Staatsbürgerschaft entzogen, seine Schwester hingerichtet. In den USA, deren Staatsangehörigkeit er schließlich erlangte, war er ein geschätzter und angesehener Schriftsteller und er war sogar für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen worden. Mit Im Westen nichts Neues, einem schonungslosen Antikriegsroman, in dem es um Paul Bäumer und seine Erlebnisse als Soldat im ersten Weltkrieg an der Westfront ging, wurde er über Nacht berühmt. In Drei Kameraden erzählte er von jungen Soldaten, die nach dem Krieg versuchten, ins Leben zurückzufinden.

Die drei ehemaligen Kriegskameraden Otto Köster, Gottfried Lenz und Robert Lohkamp versuchten sich nach dem ersten Weltkrieg eine Existenz als Automechaniker und Taxifahrer aufzubauen, allerdings liefen ihre Geschäfte mehr schlecht als recht. Ihr – und besonders Kösters – ganzer Stolz war das Rennauto Karl. Mit Karl, der beinahe so etwas wie ein vierter Kamerad war, gewannen sie Rennen und lieferten sich außerdem immer wieder einen Spaß auf offener Straße mit dem ein oder anderen protzigen Fahrer, der sie abschätzig überholen wollte. Denn Karl sah so alt und klapprig aus, dass ihm niemand zugetraut hätte, dass er so schnell werden könnte. An Robbys dreißigstem Geburtstag jagten sie wieder einmal in halsbrecherischem Tempo mit einem solchen Fahrer um die Wette. Sie hatten zufälligerweise dasselbe Ziel, ein Gasthaus, in dem sie Robbys Geburtstag feiern wollten. Und was stieg da hinter dem aufgebrachten Fahrer aus dem Auto, als sie angekommen waren? Patrice Hollmann, eine wunderschöne und charmante junge Frau aus einer besseren Schicht – Robbys große Liebe. Sie und Robby wurden trotz ihres unterschiedlichen sozialen Umfeldes ein leidenschaftliches Paar und Pat fügte sich wunderbar in Robbys Umfeld ein und wurde zu einem fünften Kamerad. Doch Pat litt an Tuberkulose, was Robby durch einen Blutsturz während eines Urlaubs herausfinden musste. Aufgeben tat er Pat jedoch nicht, im Gegenteil. Er versuchte, ihr das Leben noch so schön wie möglich zu gestalten, sie versuchten, ihre Krankheit zu vergessen und jeden Moment zu genießen, sie klammerten sich aneinander und ihre Liebe steigerte sich zuletzt in ein so intensives und unerschütterliches Ausmaß, dass es schon fast nicht mehr realistisch war. Am Ende starb Pat in Robbys Armen. Lenz war während einer politischen Auseinandersetzung ums Leben gekommen und Köster hatte sein heißgeliebtes Rennauto verkauft, um Robby den Aufenthalt im Sanatorium zu finanzieren, damit er bis zum Schluss bei Pat sein konnte. Am Ende hatte Robby drei Kameraden verloren: Lenz, Karl und Pat.

Drei Kameraden war das romantischste, traurigste, tragischste, herzzerreißendste und doch zugleich schönste Buch, das Yannick gelesen hatte. Diese Geschichte hatte es ihm einfach angetan. Liebe, Kameradschaft, das Schicksal, die soziale und politische Situation nach dem Krieg, Leben, Tod und Krankheit waren perfekt miteinander verknüpft.

Die drei Kameraden Otto Köster, Gottfried Lenz und Robert Lohkamp waren Yannicks persönliche Helden. Und die rauchten – wie jede von Remarques Figuren – alle drei, und auch, wenn es vielleicht absolut bescheuert war, so hatte Yannick irgendwie wissen wollen, wie sich das anfühlte. Er hatte sich ein bisschen wie Robert Lohkamp fühlen wollen, also hatte er im letzten Frühling eine Zigarette probiert, und sie hatte ihm wider Erwarten total gut geschmeckt. Er hatte dieses Prickeln und Kribbeln gemocht, und immer, wenn er jetzt rauchte, fühlte er sich wahrhaftig ein bisschen wie sein persönlicher Held. Und vielleicht war es insgeheim auch ein kleines bisschen wie ein stummer Protest gegen seinen Vater mit seinem Profisport und seinen Predigten darüber, wie man sich als ein zukünftiger solcher zu verhalten hatte. Yannick rauchte auch nicht viel; aber seine fünf Kippen am Tag genoss er in wortwörtlich vollen Zügen.

Was so etwas anging, war Veronica viel entspannter als Markus. Sie war nicht ständig hinter seiner sportlichen Leistung her, behauptete nicht, er würde zu viel essen, hatte noch nie ein Wort über seine Zigaretten verloren und akzeptierte ihn einfach so, wie er war.

Amy hatte ihre Leinwand gezückt, die sie sich mitgebracht hatte, setzte die Spitze ihres Bleistiftes darauf und machte den ersten Strich. Wenn es eine Sache gab, die Amy konnte, dann war das Zeichnen und Malen. Das war ihre Art, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen, Dinge zu verarbeiten. Und ihr absolutes Lieblingsobjekt war Yannick. Eigentlich hatte sie die Leinwand mit an den Strand genommen, um einen Sommerferientag einzufangen. Mit faulen Badegästen, dem freundliche Wellen schlagenden Meer und einem wolkenlosen Himmel. Aber nun war sie doch wieder bei Yannick. Sie hatte alles an ihm lieb. Seine goldig-blonden Haare, seine dunklen Augen, seine freundlichen Züge, die zu große Nase, den Bartschatten, sogar die Nikotin-Fettpölsterchen … Ja, Yannick war erwachsener geworden. Was hieß erwachsener; er war erwachsen. In ein paar Wochen wurde er achtzehn.

Amy konnte nicht umhin, ihn von oben bis unten zu betrachten. Er war männlich geworden. Nicht muskulös; obwohl Yannick Eishockey spielte, baute er keine sichtbaren Muskeln auf, sondern war seit jeher schlank. Aber doch war er kräftiger geworden. Und behaarter. Amys Blick verweilte einen Moment auf seiner behaarten Brust, rutschte etwas tiefer zu seinem Bauch, auf dem sich ebenfalls Haare abzeichneten, die unter seine Badehose führten – Amy sah wieder hinauf, in sein Gesicht. Seine Züge waren auch männlicher geworden, und dazu der Stoppelbart.

Diese Männlichkeit ließ ihn noch viel mehr wie einen Helden und Beschützer wirken. Amy konnte noch viel mehr zu ihm aufsehen, seit er so erwachsen geworden war. Sie konnte sogar der Tatsache, dass er seit einem halben Jahr rauchte, etwas Positives abgewinnen: Auch das machte ihn männlicher, das passte zu ihm als ihrem Helden.

Plötzlich löste er den Blick aus der Ferne, in die er gestarrt hatte, voll und ganz in seine Gedanken vertieft, und sah Amy geradewegs an. »Was schaust du mich so an?«

Amy fühlte sich ertappt, senkte ihren Blick und spürte, wie ihr Gesicht warm wurde. »Ich zeichne dich.«

Yannick stieß ein nicht ernst gemeintes Seufzen aus. »Warum zeichnest du immer mich?«

»Na, weil du mein Lieblingsobjekt bist. Und jetzt schau wieder nach vorne, ich muss deine Nase zeichnen!«

Yannick kam ihrer Bitte nach. »Dann mach sie wenigstens etwas kleiner.«

»Das wäre ja verfälscht!«

»Früher haben Maler die edlen Herrschaften auch immer zu ihrem Vorteil verfälscht. Wenn ich schon unfreiwillig als Model herhalten muss …«

»Deine Nase ist genau richtig so, wie sie ist!«, sagte Amy bestimmt, fühlte sich im nächsten Moment glatt schon wieder irgendwie ertappt und war froh, auf ihre Leinwand sehen zu können. Schließlich machte sie den letzten Strich, der vermutlich niemandem gefehlt hätte, der für Amy aber das Werk erst vollkommen machte. »Fertig!«

Yannick musste sich eingestehen, dass das Bild toll geworden war, auch wenn er selbst darauf zu sehen war. Sie hatte nicht einmal eine halbe Stunde gebraucht, um wieder einmal ein unglaubliches Bild zu zeichnen. Amy besaß die Fähigkeit, durch ihre Bilder etwas auszudrücken. Sie strahlten stets etwas aus, sie vermittelten Gefühle und Stimmungen. Und hier hatte sie es geschafft, Yannicks Nachdenklichkeit zum Ausdruck zu bringen. Seine Augen schienen ganz weit weg zu sein, um seinen Mund lag … ja, so etwas wie Melancholie, seine Stirn ganz leicht gerunzelt … Aber das Beste war doch sein ferner Blick. »Du bist eine Künstlerin«, stellte Yannick wieder einmal fest und sah in ihre erwartungsvoll strahlenden Augen. »Ehrlich, das ist einfach toll geworden! Woher kannst du nur so gut zeichnen?«

Amy zuckte mit den Schultern und senkte wieder den Blick. »Komm schon, so gut ist es auch wieder nicht …«

»Keine falsche Bescheidenheit, Amy!« Yannick zückte sein Handy. »Das wird mein neues WhatsApp-Profilbild. Wenn das nicht genau das Richtige über mich aussagt …« Er tauschte sein altes Profilbild, auf dem er in Eishockeyausrüstung während eines Spiels zu sehen war, gegen Amys Zeichnung aus.

Abschied

Veronica öffnete das kleine, schwarze Samtkästchen. Ein silberner, schlichter Ring steckte darin. Sie zog ihn vorsichtig und langsam heraus, drehte ihn zwischen ihren Fingern, dann spreizte sie die Finger der rechten Hand. Wie damals. Bloß dass es diesmal nicht Markus war, der ihr den Ring sanft und vorsichtig auf den Ringfinger schob, sondern sie selbst. Diesen schlichten silbernen Ring, der dennoch der wertvollste Schmuck war, den Veronica jemals besitzen könnte. Ein Ring. Das Symbol der Ewigkeit.

Amy und Yannick würden diesmal mit dem Zug zurückfahren. Markus holte sie diesmal nicht ab. Veronica würde ihn nicht sehen. Sie konnte nicht einmal sagen, ob sie erleichtert darüber war oder ob sie es irgendwo tief in sich drin sogar bedauerte. Dreizehn Jahre lang hatten sie sich wegen der Kinder immer wieder gesehen. Aber es wollte sich auch nach dreizehn Jahren einfach nicht angenehm anfühlen, ihm gegenüberzustehen. Denn da hingen noch immer so viele unausgesprochene Dinge, Fragen, Gefühle zwischen ihnen.

»Du hast deine Familie im Stich gelassen, Veronica. Du weißt, dass ich immer hinter dir gestanden und mich über deine schriftstellerischen Erfolge gefreut habe. Ich war so stolz darauf. Aber dass du deine Familie dafür verlässt…«

Da war sie wieder, die Stimme ihrer Mutter. Diese vorwurfsvolle, enttäuschte Stimme. Das Schuldgefühl war wieder da, das sie so oft überkam. Es war noch sehr früh, aber die Ruhelosigkeit eines Künstlers hatte sie aus dem Bett getrieben, wie so oft geradewegs in ihr Arbeitszimmer. Hier saß sie nun vor ihrem neusten Manuskript, doch sie konnte sich einfach nicht auf ihre Geschichte konzentrieren.

»Aber dass du deine Familie dafür verlässt …« Veronica stützte ihren Kopf auf die Hände auf. Sie hatte das Gefühl, dass diese Worte so ziemlich das einzige gewesen waren, was ihre Mutter ihr nach der Scheidung bei ihren seltenen Treffen noch gesagt hatte. Sie war von der ersten Sekunde an ein riesiger Fan von Markus gewesen. Die beiden hatten sich blendend verstanden; für Veronicas Mutter war er sofort wie ein Sohn gewesen, und sie für Markus die Mutter, die er so früh verloren hatte. Und als die Scheidung kam … da war sie auf Markus’ Seite geblieben. Veronica war für sie diejenige gewesen, die alles kaputtgemacht hatte und Schuld an der Trennung war.

Dabei wusstest du ja nicht einmal, was wirklich los war. Aber ihre Mutter hatte doch recht. Ich habe versagt als Ehefrau und Mutter. Hatte sie nicht Markus damals ewige Treue geschworen? Beistand in guten wie in schlechten Zeiten? Sie hatte ihn betrogen mit ihren Büchern und mit ihrer Angst. Markus. Der einzige Mann, den sie je geliebt hatte.

Wenn das alles damals nicht passiert wäre … vielleicht wären sie dann jetzt noch zusammen. Wir hätten das hinbekommen. Ich hätte das hingekriegt. Sie waren so jung und frisch verheiratet und im Grunde hatten sie doch gerade einmal Yannick mit Mühe geschafft. Veronica jedenfalls hatte das mit ihrer Familie nur mit Mühe hinbekommen. Sie hatte es mit Markus versuchen wollen. Eigentlich hatte es auch so gut gepasst – immerhin war er als Profisportler oft unterwegs gewesen und Veronica hatte somit viel Zeit alleine gehabt. Doch dann war so schnell Yannick gekommen und dann war das mit Amy passiert. Dann war alles aus dem Ruder gelaufen.

Eine Auszeit hatte sie sich nehmen wollen. Abstand. Und dann war sie nicht wiedergekommen. Weil ich zu feige bin. Sie hatte sich Markus niemals ganz anvertraut. Damit hatte sie ihn auch betrogen, denn er war immer für sie da gewesen, hatte immer ein offenes Ohr gehabt.

Sie hatte ihn und ihre Kinder im Stich gelassen. Ihre Mutter hatte ihr mit diesen Worten, die genau das sagten, was Veronica ohnehin wusste und was sie so belastete, das Messer noch tiefer in die offene Wunde gerammt. Und sie hatte es nie geschafft, es wieder ganz herauszuziehen.

Veronica wurde plötzlich bewusst, dass sie weinte. Sie sah Markus plötzlich wieder ganz lebhaft vor sich. Den jungen Markus, ihren Markus. Nicht den gestressten, alten, verbitterten Markus, zu dem er geworden war. Sie sah seine goldigen, weichen Haare vor sich, die Yannick auch hatte, genau wie die zu große Nase und die aufmerksamen, großen, tiefdunklen Augen. Zartbitteraugen hatte Veronica immer liebevoll gedacht, weil sie sie an Zartbitterschokolade erinnert hatten. Seine weichen, lieben, freundlichen Züge und der Dreitagebart. Yannick war ihm wirklich wie aus dem Gesicht geschnitten. Wenn Markus gelacht hatte – bis heute flatterte die Horde Schmetterlinge in ihrem Magen auf, wenn sie an sein Lachen dachte. Oder an seinen Schmollmund. Er hatte die Mundwinkel immer nach unten gezogen und die Unterlippe vorgeschoben wie ein kleines Kind.

Veronica hatte alles an ihm geliebt. Und doch hatte sie sich nicht getraut, ihn zu lieben, ihm das zu zeigen, zu geben. Sie hatte seine Liebe genommen, doch sie hatte Angst davor gehabt zu geben. Sie hatte Protagonistinnen entworfen, die das konnten. Die das sagen und tun konnten, was Veronica selbst sich nie getraut hatte. Markus hatte ihre Manuskripte und Bücher damals alle begeistert gelesen – aber ob er verstanden hatte, dass Veronica eigentlich durch ihre Protagonistinnen ihm etwas hatte sagen wollen?

Da war sie wieder, die Schraube, die sich in Veronicas Bauch grub, ganz tief und schwer. Und dieses nagende Gefühl in der Brust, als würde jemand ihr Herz anfressen. Veronica zog die Nase hoch und setzte ihre Brille ab, um sich mit einem Taschentuch die Tränen aus den Augenwinkeln und von den Wangen zu wischen. Sie vermisste Markus. Sie hatte ihn schon eine Sekunde, nachdem sie gegangen war, vermisst. Aber auch damals war sie wieder zu feige gewesen. Du hast ihn losgelassen. Aber in sich drinnen hatte sie es eben nicht.

Und letztendlich hatte sie doch auch ihm ihren Ruhm und Erfolg zu verdanken. Denn ohne dieses fehlende Stück in ihrem Herzen, das sie bei ihm verloren hatte, hätte sie niemals so emotional schreiben können. Vielleicht war das das Schicksal eines jeden Künstlers: Einsamkeit, unerfüllte Träume und Sehnsüchte und eine aufgewühlte Seele, auf der so einiges lastete.

Du bist Bestsellerautorin. Veronica setzte ihre Brille wieder auf und sah zu dem Regal hinüber, in dem ihre Bücher standen. Auf denen Veronica Treu stand, deren Inhalt aus ihrem Herzen kam, aus denen sie ihre Kraft schöpfte. Du hast dir deinen größten Traum erfüllt, Veronica. Und wäre ihr das denn mit Markus, Yannick und Amy gelungen?

Manchmal, da hatte sie keinen Zweifel daran, dass sie sich für die richtige Sache entschieden hatte. Aber in ihren schwachen Momenten war sie sich dessen nicht mehr sicher. Doch eine Sache wusste sie: Ihre Kinder litten unter ihrer Entscheidung.

Yannick wird in ein paar Wochen achtzehn. Wie können wir eigentlich verantworten, dass er noch immer mit seiner kleinen Schwester ein Bett teilt und sie im Arm hält und sich Hörspiele beim Einschlafen anhört? Er war so ein unglaublicher Junge. So großherzig und liebevoll. Er hatte sich doch noch nie über irgendetwas beschwert. Dabei hatte er immer schon Dinge getan und erduldet, die man keinem Kind zumuten durfte. Er hat das getan, wozu Markus und ich nicht fähig waren. Ich wusste gleich, dass wir nicht in der Lage sind, Amy wirklich das zu geben, was sie braucht.

Amy. Die war doch überhaupt nicht in der Lage, ohne ihren Bruder klarzukommen! Wir haben in unserer Elternrolle versagt. Ist das Ziel einer Erziehung nicht, einen mündigen Erwachsenen aus einem Kind zu machen, der selbstständig für sich sorgen kann?

Bei Yannick machte Veronica sich da keine Sorgen. Der hatte sich vollkommen normal entwickelt. Aber Amy? Amy war doch vollkommen unfähig, sich von ihren Eltern und vor allem von ihrem Bruder zu lösen! Und das ist doch unsere Schuld.

Veronica steckte den Ehering zurück in die Stofffalte, in der er seit dreizehn Jahren ruhte, und klappte das kleine Samtkästchen zu. Mit einem leisen Klock schloss der Magnet.

»Ähm … Mama?«

Sie zuckte heftig zusammen und ließ das Kästchen mit einem Poltern in der Schreibtischschublade verschwinden. »Ja, was ist?« Sie zog die Nase hoch und fuhr sich noch einmal rasch über die Augen.

Amy öffnete die Tür. Da stand sie, bildhübsch, aber blass, kränklich, mit diesen Ringen unter den Augen, in denen stets Misstrauen und Angst lagen. »Ich wollte … gibt es gleich Frühstück?«

Veronica bekam ein Lächeln hin, indem sie all ihre Kraft zusammensammelte, und erhob sich. »Ja, warte, ich komme schon.«

Der Abschied war gekommen. Die zweieinhalb Wochen waren wieder viel zu schnell vergangen. Yannick nutzte die Zeit, in der Veronica mit Ginny Gassi ging und Amy ihren Koffer fertig packte, um noch ein letztes Mal durch das Haus zu gehen, das er so sehr liebte. Es war genau nach seinem Geschmack eingerichtet. Bereits im Flur türmten sich Bücher in deckenhohen Regalen und so ging das im Wohnzimmer weiter. Wo etwas Platz an der Wand war, hingen eingerahmt die Cover der Bücher, die sie geschrieben hatte, und die Plakate zu Verfilmungen dieser Bücher. So hatte das Haus einer Autorin auszusehen, deren große Leidenschaft Literatur war.

Yannick ging langsam durchs Wohnzimmer und ließ seinen Blick schweifen. Alles voller Bücher. Ein richtiges Lesesofa, gleich daneben Ginnys Kuschelecke – ein zerknautschtes Körbchen mit allerlei Decken, aus denen die Beagle-Hündin sich ein gemütliches Nest gebaut hatte –, und den kräftig bekritzelten Notizblock auf dem Sofatisch, daneben vier leere Kaffee- oder vielleicht auch Teetassen und noch ein einsamer Keks auf einem Teller.

Yannick genoss es, alleine zu sein, ganz in Ruhe durchs Haus gehen und seinen Gedanken nachhängen zu können. Und das konnte man hier, inmitten von Büchern, am besten. Bücher strahlten etwas aus, sie erzeugten eine ganz besondere Atmosphäre. Sie schienen sich ihm geradezu aufzudrängen, winkten einladend mit ihren Buchdeckeln, versprachen das Abtauchen in eine andere Welt, die Möglichkeit, jemand anderes zu sein und sein eigenes Leben mit all den Problemen und Sorgen zu vergessen. Und wenn man ein gutes Buch las, dann tauchte man mit etwas wieder auf, womit man sich noch lange Zeit beschäftigen konnte, mit etwas, das es einem ermöglichte, verändert über sein eigenes Leben zu denken, es anders zu sehen. Vielleicht seine Probleme gar nicht mehr als so unüberwindbar zu betrachten, weil die im Buch noch viel größer gewesen waren oder weil der Protagonist letztendlich mit ihnen fertiggeworden war. Wenn ein Buch das schaffte, dann war es für Yannick ein gutes Buch. Dafür musste es tiefgehend sein und in den meisten Fällen dramatisch. Yannicks Lieblingsgenre waren daher dramatische Romane. Und historische Romane, da er sich sehr für Geschichte interessierte und es liebte, durch ein Buch auch in eine andere Zeit abtauchen zu können. Und weil er mit Begeisterung anspruchsvolle Bücher las, las er auch Klassiker sehr gerne. Am schönsten war es, wenn diese drei Dinge alle auf ein Buch zutrafen.

In Veronicas Bücherregalen wimmelte es nur so von dieser Art Bücher. Lies mich!, schienen sie zu schreien. Sie winkten mit den tollsten Abenteuern, den herzzerreißendsten Beziehungen, den tragischsten Schicksalen und den spannendsten Jahrhunderten. Sie überlieferten Gedanken, geradewegs aus den Köpfen von Menschen, die vielleicht schon seit Hunderten von Jahren tot waren. Ihre Gedanken lebten weiter. Konnten auch Hunderte von Jahren später noch begeistern.

Die Besuche bei seiner Mutter waren immer schon etwas ganz Besonders gewesen. Yannicks Begeisterung für Literatur war mit den Jahren immer größer geworden. Als Veronica noch in Deutschland gelebt hatte, waren Yannick und Amy öfter bei ihr gewesen. Yannick erinnerte sich noch gut daran, wie er dann abends oft aus dem Kinderzimmer und zu Veronicas Arbeitszimmer geschlichen war. Er hatte im Schlafanzug auf dem Flur gehockt, neben der angelehnten Tür, und den Tipp-Geräuschen von Veronicas Tatstatur gelauscht. Hin und wieder hatte auch ein Blatt geraschelt oder ein Löffel in einer Tasse geklimpert oder die Maus geklickt. Er hatte es geliebt, diesen Geräuschen zu lauschen. Sie waren immer etwas Zauberhaftes gewesen. Er hatte gewusst, dass da gerade eine wundervolle Geschichte entstand. Monatelange Schweißarbeit, damit – in Veronicas Fall – Millionen von Menschen für ein paar Stunden in eine andere Welt und in den Kopf von jemand anderem abtauchen konnten. Er hatte stets etwas wie Ehrfurcht bei diesem Gedanken empfunden. Vielleicht waren Bücher für ihn auch deshalb etwas so Besonderes, Kostbares, und Wertvolles, weil er von klein auf mitbekommen hatte, wie viel Arbeit und Leidenschaft hinter den paar Hundert Seiten eines Buches steckte.

Noch heute hatte er diese Geräusche im Ohr. Manchmal war das Tippen ganz zaghaft und sanft gewesen, manchmal ganz fest und beinahe aggressiv. Leidenschaftlich. Und auch heute noch war Veronicas Arbeitszimmer für ihn ein ehrfurchtgebietender, ganz und gar kostbarer Ort. Er betrat das Zimmer langsam, schlich auf leisen Sohlen zum Schreibtischstuhl und ließ sich behutsam darauf nieder.

Hier saß Veronica Treu und schrieb das, was man später zwischen zwei Buchdeckeln kaufen konnte. Auch hier gab es Bücherregale, jede Menge Skizzen von Figuren an den Wänden, einen riesigen und immer gut mit zusammengeknüllten Zetteln gefüllten Papierkorb und Tausende von Notizen. Am Ende wurde das alles zusammengewürfelt zu einer Geschichte. Yannick fiel es schwer, sich diesen Prozess richtig vorzustellen. Er selbst würde niemals ein Autor werden können. Er hatte noch nie versucht, eine Geschichte zu schreiben. Besser war er darin, die Geschichten anderer zu analysieren, zu interpretieren, auseinanderzunehmen und dann darüber zu schreiben. Und natürlich darüber nachzudenken. Yannick liebte es nachzudenken. Zu träumen. Zu fantasieren.

Er saß in Veronicas Autorensessel, die Arme auf die Lehnen gestützt, sah sich die Skizzen an, gab sich alle Mühe, aber er konnte sich beim besten Willen einfach nicht vorstellen, worum es in Veronicas nächstem Buch wohl gehen würde. Welchen Charakteren sie dort das Leben schenken würde. Vielleicht wusste Veronica es selbst noch nicht.

Yannick strich andächtig über den Laptop, auf dem Veronicas Gedanken gespeichert waren. Manchmal konnte er nicht glauben, dass Veronica Treu seine Mutter war. Dass er der Sohn einer so berühmten Autorin war. Warum ausgerechnet er? Wer entschied das? Wer hatte entschieden, dass ausgerechnet er Yannick Sladowski geworden war, der Sohn von Veronica Treu und Markus Sladowski? Dass er in diese Familie hineingeboren worden war?

Da hörte er die Haustür. Er erhob sich und trat rasch aus Veronicas Arbeitszimmer, zum letzten Mal für so lange Zeit.

Amy zog den Reißverschluss ihres Koffers zu, stellte ihn auf und ließ die Schultern fallen. Sie sah sich in ihrem Zimmer bei Veronica um. Es war das schönste Zimmer, das sie jemals gehabt hatten, denn sie hatten es ganz nach ihren Wünschen einrichten können. Yannick hatte Amys Vorschläge fast alle akzeptiert, und so waren zwei der Wände in einem zarten Rosa gestrichen worden, die Möbel waren weiß und vor dem Fenster hingen kunstvoll hochgeraffte, hauchdünne weiße Vorhänge, auf die silberne Sterne gedruckt waren. Unter der Decke hatten sich Amy und Yannick leuchtende Sternen-Aufkleber gewünscht, sodass sie wie ein Sternenhimmel aussah, und ein gemütlicher, kuscheliger Lesesessel vervollständigte die Einrichtung. Es war eine Schande, dass sie im Jahr kaum mehr als drei Wochen hier verbrachten.

Wenn Amy an ihre neue Wohnung in Heschbach dachte, wurde ihr schlecht. Wie sah wohl das Kinderzimmer aus? Es gab schreckliche möblierte Wohnungen, vor denen sie ihre Abneigung erst hatten überwinden müssen. Es war nicht einfach, immer in möblierten Wohnungen zu wohnen, in denen einem nichts gehörte, die sich oft ein bisschen nach Ferienwohnung anfühlten. Und es war ebenso wenig einfach, sich an eine neue Stadt zu gewöhnen, an neue Menschen, eine neue Schule … Es gab Kinder, die waren in ihrem ganzen Leben noch nie umgezogen. Sie kannten die Orte und Menschen, von denen sie jeden Tag umgeben waren, seit sie denken konnten. Sie waren niemals aus ihrer Sicherheit und Geborgenheit gerissen worden. Ihre Seele war noch niemals brutal und schmerzhaft auseinandergerissen worden, um sich dann unvollständig und beschädigt irgendwo neu zurechtfinden zu müssen.

Bei jedem Umzug hatte Amy etwas verloren. Ein Stück Sicherheit, Geborgenheit. Sie hätte sich am liebsten irgendwo anders hin gewünscht. Irgendwohin, wo es dieses bedrohliche Unbekannte nicht gab. In einen Märchenwald, in ein Märchenschloss. Irgendwohin, wo es friedlich und schön war, wo alles sicher und einfach und unkompliziert war. Waren es nicht genau diese Welten, in die Amy sich ihr Leben lang geflüchtet hatte, wenn sie sich unsicher und geängstigt gefühlt hatte? Wo sie einen Halt gesucht hatte? Sie konnte sich stundenlang in ihren zauberhaften Märchen- und Prinzessinnenwelten aufhalten, in romantischen Liebesgeschichten schwelgen und sich selbst dabei beinahe ganz vergessen. Wann immer ihr das Leben zu bedrohlich war, flüchtete sie gedanklich in eine ihrer heilen Kinderwelten. In die Welten der Märchen und Prinzessinnen, die immer gerettet und beschützt wurden. Von ihren Helden und Beschützern.

»Hast du alles?«

Amy zuckte zusammen und drehte sich um. Yannick stand in der Tür. Ihr Held und Beschützer. Der bei jedem Abschied und jedem Umzug bei ihr war. Er war ihr Zuhause. Er, der immer bei ihr gewesen war, egal wo sie gerade gewohnt hatten, und an dessen Gegenwart sich nie etwas verändert hatte. »Ja, ich habe alles gepackt.«

Sie hievten ihre Koffer hoch und Amy warf noch einen letzten Blick auf ihr wunderschönes Zimmer, das doch fast ein richtiges Prinzessinnenzimmer war.

Veronica war schon beim Auto. Sie luden die Koffer in den Kofferraum, dann fuhren sie los. Amy wollte dieses gemütliche, kleine, geborgene Dünenhaus überhaupt nicht verlassen. Wie gerne wäre sie hiergeblieben! Für immer, bis in alle Ewigkeit mit Yannick in aller Abgeschiedenheit in diesem Dünenhaus gleich am Meer. Hatte dieser Gedanke nicht etwas Zauberhaftes, etwas ganz und gar Romantisches? Vom Alltag und aller Welt abgeschnitten, inmitten von diesen vielen Büchern, von diesen vielen Geschichten, die zum Träumen einluden, zusammen mit Yannick? Ist das nicht alles, was ich brauche, um glücklich zu sein?

Amy sah betrübt aus dem Autofenster, während sie auf dem Weg zum Bahnhof waren. Da war es wieder, das Herzklopfen, das Herzkrampfen, die wahnsinnige innere Unruhe und Angst. Die Angst davor, Veronica zu verlassen, Veronica und Ginny und das Dünenhaus.

Amy knetete ihre Hände und sah der am Fenster vorbeiziehenden, so herrlich ländlichen Landschaft zu. Felder, Weiden, da standen Pferde, und die wunderschönen Windmühlen! Amy konnte diesen letzten Anblick wie immer überhaupt nicht genießen, sie konnte das alles gar nicht ein letztes Mal positiv auf sich wirken lassen, so sehr war sie damit beschäftigt, jeden Eindruck, den sie bei den Windmühlen und Pferdeweiden und Bäumen und kleinen Häuschen bekam, so tief wie möglich, eigentlich schon krampfhaft, regelrecht verzweifelt in sich aufnehmen zu wollen. Weil sie wie immer das erdrückende, schreckliche, angstvolle Gefühl hatte, dies könnte die letzte Möglichkeit sein. Was sollte denn passieren? Sollte Holland untergehen? Veronicas Haus abbrennen? Veronica sterben? Das alles war eigentlich so unwahrscheinlich, das alles malte man sich doch eigentlich nicht aus, daran dachte man doch gar nicht. Aber Amy konnte nichts gegen diese ständigen Gedanken der Angst tun, dass denjenigen, die ihr wichtig waren, etwas passieren könnte. Wenn Markus auf Auswärtsspiele gefahren war, hatte Amy schon so oft geweint, vor lauter Angst, für die es eigentlich überhaupt keinen Grund gab, und Yannicks Abwesenheit war noch tausendmal schlimmer.

Sie gingen schweigsam zum Gleis, von dem aus sie ihre Reise antreten würden. Veronica umarmte Yannick und Amy. »Ich habe euch lieb! So lieb! Die Zeit mit euch ist wieder so schnell vergangen …«, murmelte sie und strich eine blonde Strähne hinter Amys Ohr. »Aber es war schön mit euch. Ich habe euch wirklich gerne hier. Das … das wisst ihr doch, oder? Dass ich euch liebe und immer für euch da bin …« Glitzerten ihre Augen etwa plötzlich ein kleines bisschen? Oder lag es an ihrer Brille? Doch als Veronica die Nase hochzog und ein bisschen wackelig lächelte, war Yannick sich sicher, dass ihre Augen feucht geworden waren. Überfällt dich gerade das schlechte Gewissen, Mama? Weil du uns so selten siehst und selbst, wenn wir dann mal bei dir sind, ständig in deinem Arbeitszimmer sitzt? Weil du glaubst, als Mutter nicht genug für uns da zu sein?

Veronica hob den Arm, zuckte kurz, als hätte sie Yannicks Gedanken gelesen, dann legte sie die Hand an seine Wange und strich liebevoll darüber. »Bei nächster Gelegenheit besucht ihr mich wieder! Und wenn ich das nächste Mal in Deutschland bin, dann komme ich nach Biesfeld, das verspreche ich euch!«

»Heschbach, Mama. Wir ziehen um.«

Etwas in Veronicas Augen flackerte auf, über ihr Gesicht legte sich ein Schatten, für den Bruchteil einer Sekunde. Yannick hatte es trotzdem genau gesehen. »Ach ja, Heschbach …«

Yannick starrte seine Mutter an, versuchte in ihren Augen irgendetwas zu lesen, doch sie waren so verschlossen wie immer. In diesem Moment fuhr der Zug ein. Sie bekamen jeder noch eine Umarmung, dann standen sie im Zug, Veronica wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel und versuchte zu lächeln, wobei sie kläglich scheiterte. Amy und Yannick winkten, bis die Türen sich zwischen ihnen und Veronica schlossen und der Zug sich in Bewegung setzte und sie aus ihrem Blickfeld verschwand. Veronica sah so einsam und traurig und verlassen aus, wie sie da auf dem Bahnsteig stand, mit nichts als Ginny an ihrer Seite.

Amy zog die Nase hoch und musste sich die Tränen aus den Augenwinkeln wischen. Wir sehen uns wieder, versuchte sie sich selbst zu sagen, wir sehen uns bestimmt schon sehr bald wieder, und wir können uns schreiben und ich kann sie auch anrufen – aber sie spürte, wie sich ihr Herz zusammenkrampfte vor innerer Unruhe, der Angst, Veronica verloren zu haben.

Sie spürte ein Zupfen am Ärmel ihres T-Shirts und sah zu Yannick hoch, der mit dem Kopf Richtung Gang nickte. »Da drüben sind zwei Plätze frei, Hasenherz.«

Hasenherz. Wie gut das doch wieder einmal zutraf. Amy hievte ihren pinken Koffer hoch und folgte Yannick zu den Sitzplätzen, die er entdeckt hatte. Er überließ Amy wie immer den Fensterplatz, wuchtete die Koffer ins Gepäcknetz und ließ sich dann neben ihr nieder.

Die Landschaft zog jetzt schnell an ihnen vorbei, diese unbeschwerte Sommerlandschaft. Sie waren auf dem Weg nach Heschbach. In eine neue Stadt. Ins Unbekannte. Amys Herz zog sich schon jetzt zusammen vor Sehnsucht nach Veronica und Ginny und ihrem Haus, der Zeit dort. Sie selbst konnte sich gar nicht, Yannick nur noch dunkel an die Zeit erinnern, als ihre Eltern noch zusammen gewesen waren. Aber das alles war auch für ihn blass, verschwommen. Im Grunde kannten sie es nicht anders, als dass ihre Eltern getrennt waren. Dass man immer einen von beiden vermisste, den, der gerade nicht da war. Es gab ja Kinder, die sogar abwechselnd bei ihren Elternteilen wohnen konnten, in der einen Woche bei Mama, in der nächsten bei Papa. Manchmal stellten sie sich das toll vor. Eine Woche hier, dann eine Woche da, und wenn es Streit gab, konnte man einfach zum anderen flüchten. Aber das war für betroffene Kinder auch nicht schön.

Yannick sah zu Amy hinüber, die mit feuchten Augen aus dem Fenster sah, und ihn überkam prompt Friede. Sein Hasenherz, das war immer da, egal ob sie gerade bei Mama oder Papa waren. Wieder einmal wischte Yannick sein eigenes Bedauern und die Traurigkeit beiseite, um Amy ihre eigene, doch so viel größere als seine zu nehmen. Er beugte sich vor, kramte in seinem Rucksack und zog eine Tafel Schokolade heraus, die er als Reiseproviant heute Morgen eingepackt hatte. Er stupste Amy an. »Meinst du, die kann dich ein bisschen aufheitern?«

Amy sah auf die Schokolade in seinen Händen, dann in seine dunklen, warmen Augen. »Hmm, vielleicht …«

»Na, dann müssen wir das wohl mal herausfinden …« Yannick riss mit seinem Großer-Bruder-Helden-Beschützer-Lächeln die Packung auf, brach einen Riegel ab und reichte ihn ihr.

Amy biss in die süße Schokolade, schmiegte sich an ihn und sah zu ihm hoch. »Danke«, wisperte sie und ihr Blick triefte nur so von Liebe und Zuneigung. »Ich hab dich lieb.«

Yannick schlang seine Arme um sie. »Ich hab dich auch lieb, Hasenherz.«

Wunden

Der Mann klopfte mit den Fingern abwartend aufs Armaturenbrett. Er musste gleich rauskommen. Jeden Moment würde es so weit sein. Nach und nach kamen die Spieler aus der Halle, die er alle nicht mehr kannte. Er hatte in den letzten Jahren bloß noch Markus Sladowskis Werdegang verfolgt, nicht jedoch die DEL, geschweige denn die Heschbacher Geparden. Er kannte bloß noch die Spieler aus den späten Neunzigern und frühen Zweitausendern. Das waren Zeiten damals … Die ruhmreichen Jahre der Geparden, mit der Legende Michael Rahde. Was der im Verein nicht alles umgekrempelt hatte … Zurecht war er eine Legende und ein Idol für das deutsche Eishockey.

Der Mann musste kurz lächeln bei den Erinnerungen an damals. Aber wie alles im Leben war auch diese Zeit vorbeigegangen und hatte nichts als bittersüße Erinnerungen hinterlassen. Der Mann kannte keinen der Spieler, die da aus der Halle kamen – keinen bis auf einen, den achtzehnjährigen Jakob Thiel nämlich, der mit sechzehn seinen DEL- Vertrag bei den Geparden unterschrieben hatte und in diesem Sommer von einem NHL-Team gedraftet worden war. Aber den konnte man ja auch gar nicht nicht kennen. Der war doch beinahe so etwas wie ein deutscher Sidney Crosby – jeder Deutsche, der wenigstens ein kleines bisschen etwas auf Eishockey gab, hatte ihm doch vor zwei Jahren zu Füßen gelegen. Eigentlich war es doch verwunderlich, dass er nicht gleich in Amerika in der AHL im Farmteam geblieben war. Unmöglich, den nicht zu kennen. Was für eine Ehre für Markus Sladowski, ihn trainieren zu dürfen.

Markus Sladowski, der neue Assistenztrainer der Geparden Heschbach. Heschbach. Der Mann ließ seinen Blick über den Parkplatz schweifen. Er war ihm all die Jahre genau so in Erinnerung geblieben, wie er ihn jetzt in Realität wieder vor sich sah.

Dass er noch einmal hierher zurückkehren würde … das hatte er vor kurzem noch nicht für möglich gehalten. Er war davon überzeugt gewesen, für immer ganz weit weg zu gehen, an einen Ort, mit dem er überhaupt nichts verband.

Obwohl die Erinnerungen immer bleiben würden, und vermutlich hätte ihn an jedem Ort wieder irgendetwas erinnert. Dafür saßen die Wunden zu tief. Wunden, die auch dreizehn Jahre nicht hatten heilen können. Sie würden immer offen bleiben. Vielleicht nicht völlig offen und ungeschützt, aber es hatte sich bloß ein kleiner Film darübergelegt. Wie bei einer Nässwunde. Und in jeder Sekunde war er der Gefahr ausgeliefert, gegen irgendetwas zu stoßen, das sie wieder aufriss – und bei einer Nässwunde war das Risiko einer darauffolgenden Blutvergiftung nicht gering.

Und nun fand er sich doch in Heschbach wieder, an dem Ort auf der Welt, an dem die Gefahr, die Wunden wieder aufzureißen, am allergrößten war. Aber seine … seine Neugierde hatte dann letztendlich doch gesiegt. Neugierde und … nein, eigentlich waren es die Erinnerungen, die Wunden selbst, die ihn dazu gebracht hatten, gegen seinen klaren Verstand zu handeln und hierher zurückzukommen. Hätte er es nicht getan, dann hätte er niemals Ruhe gefunden. Er musste sie sehen. Wenigstens ein Mal.

Wenn du sie gesehen hast… dann kannst du deine Ruhe finden und es hinter dir lassen. Zumindest so weit, wie es möglich ist.

Der Mann zog sich die Cap noch etwas tiefer in die Stirn. Unter der Cap und dem Schal floss ihm der Schweiß bereits in Strömen den Rücken hinunter. Ob er so noch zu erkennen war? Nein. Bestimmt nicht. Gerade, als er darüber nachdachte, ob er nicht doch lieber auch noch eine Sonnenbrille aufsetzen sollte – ihm widerstrebte das, da er durch eine Sonnenbrille einfach nicht die Realität sah, sondern bloß einen verdunkelten Schatten – sah er einen Mann aus der Halle treten.

Der Mann zuckte zusammen. Er kannte Markus von Fotos, doch ihn jetzt mit eigenen Augen zu sehen, so verändert … Er war alt geworden. Und streng und ernst. Der Mann sah das sofort, auch auf die Entfernung. Das war nicht mehr der Sonnenschein-Markus. Das war ein Mann, der vom Leben böse überrascht worden und der dazu gezwungen worden war, seine Pläne zu ändern, mit ihnen jedoch nicht hatte glücklich werden können. So sah wohl ein vom Leben gezeichneter und vom Schicksal getroffener Mensch aus. Nichts mehr war von dem freundlichen, sanften, liebevollen und lebensfrohen jungen Mann mit den goldigen Haaren und den dunklen Augen übrig geblieben.

Der Mann beobachtete mit einem seltsamen Gefühl der Leere und Fremde, wie Markus über den Parkplatz ging, seine Sporttasche über der Schulter, und ein Auto aufschloss. Von Markus’ damaligen DEL- Gehalt war inzwischen vermutlich nicht mehr viel übrig – aber es musste ihnen ganz schön gutgehen. Veronica musste doch Millionen eingenommen haben, so erfolgreich, wie ihre Bücher auf der ganzen Welt verkauft wurden.

Der Mann hatte sich … er hatte sich eine glückliche Familie vorgestellt, zufrieden und harmonisch und fröhlich. Doch ihn beschlich plötzlich die Ahnung, dass es so nicht sein würde. Vielleicht hatte er sich auch all die Jahre eine Bilderbuchfamilie vorgestellt, um sich selbst zu beruhigen. Da war Angst, was ihn nun nach all den Jahren tatsächlich erwarten würde.

Ankunft in Heschbach

Am späten Nachmittag kamen Amy und Yannick nach einigen Umstiegen und einem Zugausfall endlich in Heschbach an. Sie hatten schon vom Zugfenster aus einen Eindruck von der Großstadt bekommen. Von ihrer Geburtsstadt, in der sie ihre ersten Lebensjahre verbracht hatten, an die sie sich aber nicht mehr erinnern konnten. Und hiergewesen waren sie auch noch nie. Es war ihnen auch nie von Heschbach erzählt worden, nicht ein Wörtchen. Dabei hatte Markus hier in der ersten Liga gespielt, und das sogar sehr erfolgreich. Manchmal, wenn er tatsächlich einmal Zeit gehabt hatte, hatte Markus abends stundenlang an Yannicks Bett gesessen und ihm von seiner Karriere erzählt. Amy hatte längst geschlafen und auch Yannick waren die Augen fast zugefallen. Aber er hatte sie tapfer offen gehalten und Markus gelauscht. Das war immer etwas Besonderes gewesen. Aber von Heschbach, von der DEL hatte Markus nie erzählt. Und irgendwie hatte Yannick sich auch nie getraut, danach zu fragen. Und nun wohnten sie hier.

Amy und Yannick hievten ihre Koffer aus dem Zug auf den vollen Bahnsteig. Markus wartete bereits auf sie. Sie erkannten ihn gleich an seinen Sportklamotten und der Cap auf dem Kopf. Er erweckte in diesem Aufzug immer den Anschein, ein durchaus sehr attraktiver, lässiger, Anfang vierzigjähriger Sportler zu sein. Wäre da nicht dieser ernste, verschlossene, gestresste, schlecht gelaunte Gesichtsausdruck gewesen, der ihn streng und verbittert wirken ließ. Auch jetzt starrte Markus wieder mit versteinertem Gesichtsausdruck und Kaugummi kauend auf den hässlichen Boden, die Hände in den Hosentaschen vergraben.

Yannick stieß ein Seufzen aus. »Der hat ja mal wieder beste Laune! Dabei hat die Saison ja noch nicht einmal angefangen!« Es war oft nicht leicht, Markus als Vater zu haben, der ständig so gestresst und schlecht gelaunt und grimmig und ungeduldig war.

Als hätte er Yannicks Stimme gehört, sah Markus in dieser Sekunde auf, erblickte seine Kinder und winkte. »Amy, Yannick! Da seid ihr ja!« Man musste ihm zugute halten, dass er oft zumindest versuchte, seine schlechte Laune mit einem Lächeln zu überspielen, auch wenn ihm das häufig nicht ganz gelang, so wie jetzt. Und seine Mundwinkel klappten auch gleich wieder nach unten und rutschten in ihre Position zurück, mit den Lippen eine gerade, schmale Linie zu bilden. »Das ist ja wieder typisch, wie? Ein Zugausfall, und dann auch noch Verspätung …«

»Jetzt sind wir ja hier«, sagte Yannick und konnte einfach nicht ganz verbergen, dass er sich nicht so darüber freute, seinen Vater wiederzusehen, wie er das eigentlich hätte tun sollen. Dieses ernste, missmutige Gesicht hatte ihm sofort wieder schlechte Laune gemacht. Das Verhältnis zu Markus war wirklich angespannt in letzter Zeit.

Zum Glück machte Amy Yannicks kühle Begrüßung wieder wett, indem sie Markus umarmte und mit ihren blaugrünen Augen zu ihm hochsah. »Schön, dich wiederzusehen. Auch wenn ich Mama schon vermisse.«

Markus versuchte erneut ein Lächeln, das ihm dieses Mal auch schon besser gelang und jetzt eher traurig als schlecht gelaunt wirkte, und nahm Amy ihren Koffer ab. »Wie war es denn am Meer? Hattet ihr eine schöne Zeit?«

»Ja! Wir waren jeden Tag am Strand und für ein paar Tage sogar in Amsterdam. Da haben wir eine Grachtenfahrt gemacht und das Anne Frank-Haus besichtigt …«

Sie machten sich auf den Weg zum Parkhaus durch den großen und vollen Bahnhof. Yannick lief ein Stückchen hinter Markus und Amy. Sie hatte das leichter. Sie hatte nicht ein so angespanntes Verhältnis zu Markus, und Markus war auch bei weitem nicht so schnell ungeduldig und gereizt ihr gegenüber wie gegenüber Yannick.

Markus hatte wieder einmal ein neues Auto. Er bekam seine Autos meistens von seinem Verein zur Verfügung gestellt, genau wie eine möblierte Wohnung. Yannick war schon skeptisch-gespannt auf die neue Wohnung. Das Auto zumindest war nicht schlecht. Yannick liebte Autos. Er konnte es kaum erwarten, achtzehn zu sein und alleine fahren zu dürfen. Auch wenn er ja leider noch kein eigenes Auto hatte und so schnell vermutlich auch keins bekommen würde.

Yannick nahm auf dem Beifahrersitz Platz, Amy ließ sich auf der Rückbank nieder. Als sie das Parkhaus verließen, standen sie prompt in der Innenstadt an einer roten Ampel. Eine schöne, große, belebte Innenstadt. Yannick konnte sich nicht erinnern an damals, als sie in Heschbach gewohnt hatten. Manchmal glaubte er, sich ganz dunkel und verschwommen an irgendetwas zu erinnern, und das Düstere, Schmerzvolle in Markus’ Augen schien ihm zu bestätigen, dass da irgendetwas gewesen war – aber er konnte diese verschwommene Erinnerung, von der er nicht einmal wusste, ob sie überhaupt wirklich existierte, nicht scharfstellen, nicht aus seinem Unterbewusstsein hervorholen, sie nicht richtig festhalten. Es waren verschleierte Fetzen, die manchmal hochzukommen schienen, aber niemals zusammenhängend oder greifbar waren. Und nach Antworten suchen, Markus gar fragen, das trauten er und Amy sich nicht.

Yannick hatte seinen müden Kopf gegen die Kopfstütze des Beifahrersitzes gelehnt und blinzelte zu seinem Vater hinüber. Da lag immer diese … diese Bitterkeit in seinem Blick, die ihnen oft den Mut nahm, ehrlich und unbefangen mit Markus zu sprechen. Eigentlich hatte doch schon immer in der ganzen Familie Melancholie, Traurigkeit und ein gewisser Hang zum Negativen geherrscht, eine gewisse Sprachlosigkeit. Als läge ein Schatten über ihnen allen. Als wäre die ganze Familie in ein Geheimnis gehüllt. Yannick fröstelte plötzlich trotz der Hitze im Auto und wandte seinen Blick von Markus ab.

Amy sah aus dem Autofenster. Sie fuhren durch fremde Straßen, deren Namen sie nicht kannte, mit denen sie nichts in Verbindung bringen konnte, mit denen sie keine Erinnerungen verknüpfte. Keine Kindheitserinnerungen, keine Erinnerungen an früher. Weder schöne noch schwere. Ihr war hier nichts vertraut, sie erkannte nichts wieder, sie fühlte überhaupt nichts beim Anblick der Straßen, Gebäude, Häuser, Bäume und Wiesen. Ihre Erinnerungen waren zerstreut auf so viele Städte. Und vermutlich waren sie auch mit jedem neuen Ort, an dem sich neue Erinnerungen gebildet hatten, blasser geworden. Amy könnte niemals an einen Ort zurückkehren, der für sie ein Heimkommen war. Mit dem noch viele Erinnerungen und Gefühle verbunden waren. Oft hatte Amy das Gefühl, dass ihr da etwas sehr Kostbares verwehrt geblieben war, etwas sehr Wichtiges. Ein richtiges Zuhause. Einen ganz bestimmten Ort, den man mit Zuhause in Verbindung bringen konnte. Und zwar für immer. Das Dünenhaus, das fühlte sich vielleicht mittlerweile ein bisschen so an. Dass sie vor einigen Stunden noch am Meer gewesen waren … das schien schon wieder ganz weit weg zu sein.

Nun wohnten sie im Mariannenweg 12. Es war eine ruhige Straße mit schönen kleinen Miethäusern. Hausnummer 12 war ein hübsches Haus mit zwei Wohnungen. Die Sladowskis waren in die obere gezogen.

Markus hatte gerade den Kofferraum geöffnet, als ein roter Mazda CX-3 mit wummernder Musik in den Mariannenweg eingebogen kam und mit einem Affenzahn an ihnen vorbeibrauste. Amy war erschrocken ein paar Schritte zurückgesprungen. Ohne das Tempo großartig zu drosseln, kam der Mazda in einer winzigen Lücke zum Stillstand.

Angeber und Protze gibt es hier also auch, stellte Yannick grimmig fest.

Die Fahrertür des Mazdas flog auf und ein junger, durchtrainierter Mann in Sportklamotten sprang heraus. Er holte eine Sporttasche von der Rückbank, bevor er das Auto schloss und sich die Sonnenbrille in die dunklen Locken schob. Der war doch höchstens achtzehn. Ob der Mazda ihm selbst gehörte?

Er schulterte seine Tasche und steuerte geradewegs auf die Sladowskis zu. »Guten Abend. Da hat wohl jemand meine Lücke gleich vor der Haustür entdeckt«, stellte er fest, doch es klang überhaupt nicht nach einem Vorwurf, sondern eher belustigt.

Markus ließ Yannicks Koffer auf den Gehweg plumpsen und sah sich um. »Gleich vor der Haustür?«

»Die Nummer 12. Da wohne ich«, erklärte der Mann, dann weiteten sich seine grünen Augen. »Sie sind doch Markus Sladowski, der neue Trainer der Geparden!«

Oho, mit Eishockey kennt sich der Typ auch aus! Irgendwie wurde er Yannick immer unsympathischer. Amy hatte sich halb hinter Yannick gestellt und musterte den Typ skeptisch.

Markus holte Amys Koffer aus dem Kofferraum und lächelte. »Eishockey-Kenner auf der Straße zu treffen, kommt in Deutschland nicht allzu häufig vor.«

Der junge Mann starrte Markus mit einer Faszination an, die Yannick in Anbetracht von Markus’ mäßigem Erfolg für vollkommen übertrieben hielt, und streckte ihm dann die Hand entgegen. »Ich bin Leon. Leon Brücker. Was führt Sie denn in den Mariannenweg, wenn ich fragen darf?«

»Wir sind in die 12 eingezogen«, erklärte Markus und erwiderte den Händedruck.

Leon starrte ihn an. »Sagen Sie bloß, Sie sind der neue Nachbar! Das gibt es ja gar nicht! «

Markus war sichtlich geschmeichelt. Es kam ja immerhin auch selten genug vor, dass er angehimmelt wurde. »So berühmt bin ich ja nun auch wieder nicht! Das hier sind übrigens meine Kinder, Yannick und Amy.«

Leon schien die beiden erst jetzt überhaupt wahrzunehmen, musterte erst Yannick und dann Amy, die inzwischen etwas hinter Yannick hervorgekommen war. »Hi. Schön, dass auch mal Gleichaltrige hier einziehen. Leider wohnen hier überwiegend Leute mit kleinen Kindern, wenn sie überhaupt welche haben. Naja, ich war gerade trainieren, und jetzt habe ich einen Wahnsinnsdurst und einen Wahnsinnshunger. Man wird sich ja noch öfter sehen.« Er wandte sich lächelnd um und verschwand mit einem undefinierbaren Blick über die Schulter im Haus.

»Ein Eishockeyfan, na so was!«, murmelte Markus.

Ja, und er hat dich auch noch erkannt, dachte Yannick grummelnd.

Markus schloss mit einem ganz eigenartigen Blick auf Yannick den Kofferraum. »Vielleicht … naja, freundest du dich ja irgendwie mit ihm an …«

Yannick griff nach seinem Koffer. Er war nicht besonders gut darin, sich mit jemandem anzufreunden.

»Ich meine ja nur«, fuhr Markus fort, als wäre ihm dieser Gedanke ernsthaft wichtig. »Vielleicht ist er ja sogar auf derselben Schule wie du.«

Was interessierte sich Markus denn plötzlich für Yannicks Freundschaften? Er drehte sich unwillig um und hievte seinen Koffer zur Haustür. »Kannst du jetzt bitte aufschließen? Ich muss aufs Klo.«

Sie hatten dieses Mal eine Bleibe der schönen Sorte erwischt. Der Boden war mit hellem Laminat ausgelegt, die Wände schienen noch recht neu tapeziert zu sein und es war auch nicht allzu spärlich eingerichtet. Sie hatten es auch schon anders erlebt. Küche und Wohnzimmer bildeten eine Einheit und vom Wohnzimmer aus gelangte man auf einen großen Balkon, auf dem es sogar einen Tisch und vier Stühle gab.

Amy ließ ihren misstrauischen, prüfenden Blick durchs Wohnzimmer schweifen, aber sie konnte einfach nicht anders, als das große Balkonfenster zu bewundern. Wie in einem Schloss ein bisschen, so hoch mit den langen Vorhängen … Und dazu der glänzende Boden. Rückte man den Sofatisch etwas beiseite, dann hätte das Wohnzimmer mit etwas Fantasie ein Ballsaal sein können, in dem ihre geliebten Prinzessinnen sich beim Tanz aller Tänze in ihren Prinzen verliebten.

Vielleicht ist die Prinzessin nach der Hochzeit jetzt gerade erst ins Schloss gezogen. Deshalb ist alles noch so unbekannt und fremd. Sie muss sich hier ja auch erst einmal zurechtfinden und einleben. Was blieb Amy denn anderes übrig, als zu träumen? In ihrer Traumwelt, in der sie das Wohnzimmer in romantisches Licht getaucht sah, überall an den Wänden flackernde Kerzen und vergoldeter Stuck, hinter dem Fenster den Ausblick über unendlich weite Felder, Wiesen und Hügel, fiel es ihr wie immer sofort leichter, die Wohnung zu mögen.

»Amy«, drang eine Stimme zu ihr durch, es wurde hell im Ballsaal, die Kerzen erloschen, die Hügel vor dem Fenster verwandelten sich in Nachbarhäuser, Amy drehte sich um und sah in Yannicks dunkle Augen. »Das Bad ist nicht schlecht!«

Amy nahm ihren pinken Koffer wieder auf und folgte ihm aus dem Wohnzimmer durch den schmalen Flur in ein Badezimmer, das wahrhaftig zu den schönsten gehörte, die sie je gehabt hatten. Es war sehr klein, musste aber noch ziemlich neu sein, glänzte und hatte sogar eine Badewanne. Amy liebte es, ein Hörspiel zu hören und in Bergen von Glitzerschaum in der Badewanne zu versinken.

»Und?«, wollte Yannick wissen und seine dunklen Augen blitzten. »Ist das hier in deinem Kopf schon zum Schloss geworden?«

»Woher weißt du das?«

Yannick musste lachen und gab ihr einen Stupser auf die Nase. »Ich kenne dich eben!« Wie oft hatten sie denn die vielen Stunden, in denen sie ganz alleine gewesen waren, fantasiert? Mal waren sie während der Haushaltsaufgaben, die sie immer schon hatten übernehmen müssen, Sklaven auf einem Piratenschiff gewesen oder Diener an einem Königshof oder Mägde; während der Hausaufgaben hatten sie in einer Schule gesessen, in der es für jede erledigte Aufgabe ein Gummibärchen gab; wenn sie ihre Nudeln mit Tomatensoße oder Tiefkühlpommes oder Mikrowellen-Lasagne gegessen hatten, hatten sie an einer festlich gedeckten Tafel gesessen … Sie hatten all das, was oft lästig gewesen war, zu ihren eigenen Märchen und Geschichten gemacht.

Markus war hinter sie getreten und sah die beiden erwartungsvoll und ein bisschen angespannt an. »Und? Wie findet ihr es?«

Amy wurde wieder ernst. »Es ist ganz okay …« Wenn Amy sich nach den ersten paar Minuten zu einer solchen Bemerkung hinreißen ließ, dann musste es ihr wirklich ausgesprochen gut gefallen.

Auf Markus’ Gesicht erschien Erleichterung. »Das freut mich. Ich finde es auch schön.« Er wurde gleich wieder ernst. »Ich weiß, dass das schwer ist, schon wieder ein Umzug …«

»Aber mit Mamas Dünenhaus kann es nicht mithalten«, fügte Amy hinzu.

Markus’ Gesicht verdüsterte sich noch mehr. »Ja, das Dünenhaus … Ich weiß …«

»Wo ist denn unser Zimmer?«, wollte Yannick wissen.

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