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Nach dem Schauspiel

Kapitel 1

Sie war gut mit dem Text. Ratterte ihn nicht auswendig runter, wie alle anderen in der fünften Klasse. Sie betonte an den richtigen Stellen, sprach langsam, machte Pausen. Es verging keine Probe ohne ein »Bravo, Lena!« vom alten Herrn Kolb. Wild gestikulierend stand er vor den Sitzreihen der kleinen Schulaula und scheuchte uns über die Bühne. Als Hänsel durfte ich mit Lena auf der Bühne Händchenhalten. Ringelreihen vor dem Hexenhäuschen. Sie spielte Gretel als rotzfreche Göre, die sich nicht hinters Licht führen ließ. Wenn ich meinen Text vergaß, stieß sie mir in die Rippen. Versprecher von mir baute sie geschickt in ihren Text mit ein. »Ich werde 'ne große Schauspielerin, nämlich die beste. Größer als Mäwelin Monwoe«, sagte Lena vor der ersten Aufführung. Ich hatte keine Ahnung, von wem sie sprach, doch ich nickte bestätigend. Ihr todernster Blick ließ keine Zweifel offen. Die größte Schauspielerin aller Zeiten. Das war klar.

***

Sofie knallte die Autotür zu.

Dieser Idiot! Das kann er nicht von mir verlangen!

Sie drückte aufs Gas und raste in die anbrechende Dunkelheit hinein. Die Straßen waren wie leergefegt. Seit Tagen sauste ein eisiger Wind durch die Stadt. Wer nicht raus musste, blieb im gemütlichen Zuhause. Doch das war keine Option für Sofie.

Nicht nach diesem Nachmittag.

Sie drehte die Musik laut auf und wippte im Takt der wummernden Bässe. Vermutlich war Paul froh, dass sie abhaute und er in Ruhe Playstation spielen konnte. Sie sah ihn vor sich, wie er mit Wein und Käsecrackern auf der Couch saß, die schmalen Lippen aufeinandergepresst, die wachen braunen Augen konzentriert auf den Bildschirm gerichtet. »Und bam!«, würde er schreien, wenn ihm ein guter Spielzug gelang. Ein kleines Shooting für ein angeknackstes Ego. Einmal drauflosballern und sich danach wieder unbesiegbar fühlen.

Wenn es doch nur so einfach wäre.

»Verdammt, Paul, du kannst mich mal«, murmelte Sofie. An der nächsten Kreuzung musste sie scharf abbremsen, um nicht über Rot zu schlittern. Unter dem braunen Matschschnee war es spiegelglatt. Die Bremsen quietschten, sie kam gerade noch rechtzeitig zum Stehen. Von rechts ertönte aufgebrachtes Hupen. Sie hupte zurück. Da leuchtete ihr Handy auf dem Beifahrersitz auf.

Mama.

Sofie konnte sich gut vorstellen, wie dieses Gespräch verlaufen würde.

Erst Worte der Hoffnung.

Dann Worte der Enttäuschung.

Schnell drehte sie das Handy um. Ihre Eltern würden es noch früh genug erfahren. Spätestens beim Abendessen nächste Woche.

Wie sie wohl reagieren werden?

Bei diesem Gedanken zog ein beißender Schmerz durch Sofies Unterleib. Sie krümmte sich und bohrte die Fingernägel tief in das glatte, kalte Leder des Lenkrads. Langsam zählte sie bis zehn. Dann drehte sie die Rockmusik auf volle Lautstärke. Das Auto bebte. Doch der tosende Lärm konnte die kleine Stimme in ihrem Kopf nicht zum Schweigen bringen.

Versagt, Sofie. Du und dein Körper. Ihr habt versagt.

Verunsichert stand sie im Eingang. Sie hatte ein imposantes Foyer erwartet. Fein gekleidete ältere Herrschaften, die sich gedämpft unterhalten würden. Dazu einen prachtvollen Saal mit samtigen Polstersitzen und einem schweren roten Vorhang. Stattdessen befand sie sich in einem 70er-Jahre Plattenbau. Der senfgelbe Anstrich blätterte von den Wänden. Er war übersät mit politischen Sprüchen und Aufklebern. Die Neonröhren surrten an der Decke. Sie tauchten das Foyer in ein fahlblaues Licht. Die alternativ gekleideten Personen standen in Gruppen zusammen und unterhielten sich angeregt. Einige lagerten mit Chips und Bier auf den abgewetzten Sofas.

Sofie sah sich verstohlen um. Zwei offene Türen gaben den Blick in den Theatersaal frei: ein einfacher Raum mit Holzbänken und einer schmalen Bühne ohne Kulisse und Vorhang. Das kleine Theater hier am Stadtrand hatte nichts mit dem noblen Theater in der Innenstadt gemeinsam, so viel war sicher.

Ein junges Pärchen tuschelte und nickte in Sofies Richtung. Kurz darauf liefen zwei Frauen lachend an ihr vorbei und musterten sie unverhohlen von oben bis unten. Sofie sah an sich hinunter. Mit dem dunkelblauen Cocktailkleid, dem weißen Kaschmirmantel und den edlen Pumps passte sie nicht hierher. Sie blinzelte durch die verschmierten Scheiben zum Parkplatz.

Zurückfahren?

Nee, nichts da! Alles war heute Abend besser, als mit Paul in der Wohnung zu sitzen und über den Nachmittag zu reden. Außerdem war der Theatergutschein nur noch ein paar Tage gültig.

Sie holte tief Luft, stapfte entschlossen zum Tisch mit dem handgeschriebenen Pappschild »Garderobe und Tickets« und löste den Gutschein für die abendliche One-Man-Performance ein.

»Am liebsten in der letzten Reihe«, nuschelte sie, als sie ihren Mantel vorsichtig über den Tisch hievte. Die junge Frau mit den roten Dreads und der nietenbesetzten Lederjacke nahm den Mantel mit spitzen Fingern entgegen. Sie hängte ihn an ein überladenes Metallgestell, das sich bedrohlich zur Seite neigte. Sofie dachte gerade darüber nach, den Mantel doch besser in den Saal mitzunehmen, als hinter ihr ein lautes Klirren ertönte. Erschrocken fuhr sie herum und entdeckte eine kleine Theke im hintersten Bereich des Foyers. Der Barkeeper hob lachend die Scherben auf. Drumherum prostete man sich fröhlich zu.

Ein kleiner Rausch.

Ein beruhigender Nebel.

Sofie begann zu schwitzen und fächelte sich mit dem Ticket Luft zu. Vier Jahre war es her. Vier lange Jahre.

Verdammt, das hast du gefälligst im Griff, Sofie! Lenk dich ab!

Sie spähte in den Theatersaal und zählte die Sitzplätze. Das half. Zwölf Sitze bei sechs Reihen waren zweiundsiebzig, dazu die acht Stühle an der Seite machten achtzig, dann noch die sechs Rollstuhlplätze …

Sie lugte zurück zur Bar.

Nur ein paar Schlückchen. Ein wenig Betäubung. Niemand kannte sie hier. Niemand würde über sie richten. Nach diesem Nachmittag war doch ohnehin alles egal.

Und alles erlaubt.

Die Holzbank in der letzten Reihe mit den schwarz-weißen Sitzkissen war gemütlicher als erwartet. Sofie lehnte ihren Kopf an die Wand und hielt den Sekt hoch. Langsam stiegen die winzigen Perlen auf. Ein erster kleiner Schluck. Es prickelte wie Brause im Mund - herrlich! Gleich zwei Gläser hatte sie bestellt.

Als wäre sie in Begleitung hier.

Hastig kippte sie das erste Glas hinunter. Eine wohlige und tröstende Wärme durchströmte sie. Ein dämpfender Schleier über den rasenden Gedanken.

Ob Paul bereits schlafen würde, wenn sie nach Hause käme? Sie sah ihn vor sich, wie er dalag, der Katalog des Arztes und sein grünes Notizbuch auf dem Nachttisch. Im Wartezimmer hatte er darin sorgfältig alle Vor- und Nachteile des VIP-Paketes zusammengetragen. Und ein paar Ausrufezeichen hinter den Vorteilen platziert.

Bei diesem Gedanken trank sie den zweiten Sekt in einem Zug leer. Dann erlosch das Licht und das laute Geplapper verstummte.

Der Schauspieler verzog das Gesicht zu einer gequälten Grimasse. Zitternd trug er seine Verzweiflung vor. Im nächsten Moment trat er aufbrausend und einschüchternd auf. Es war ein Wechselspiel zwischen zwei Rollen. Die scheiternde Suche eines blutjungen Soldaten nach Anerkennung kurz vor Kriegsausbruch. Und die furchteinflößende Rolle seines Peinigers im Militär. Reibungslos wechselte er zwischen beiden Rollen. Mit jedem Wort zog der Schauspieler die Zuschauer tiefer in seine wütende, beschämende Welt. Das Versagen des Soldaten ging Sofie durch Mark und Bein. Ängstlich und gescheitert. Wie konnte der Schauspieler sich diesen unliebsamen Gefühlen stellen? Sie sogar spielen? Das schien ihr unbegreiflich. Am liebsten hätte sie laut gelacht. Da war sie extra von zuhause geflohen, um sich im Theater abzulenken. Hatte die Musik im Auto voll aufgedreht und zum ersten Mal seit Ewigkeiten Alkohol getrunken. Alles, um nichts von ihrem Schmerz zu fühlen.

Und nun überkam er sie doch.

Je mehr sich der Soldat quälte, desto schwerer legte sich ein schwerer Betonklotz auf ihre Brust und schnürte ihr die Kehle zu. Die Hitze im kleinen Theatersaal war unerträglich. Sofie wurde schwindelig, sie japste nach Luft.

Sie musste hier raus. Aber schnell.

Unbeholfen stemmte sie sich hoch und stolperte durch die Reihen. Zu ihrem Entsetzen unterbrach der Schauspieler prompt seinen Monolog und eine gespenstische Stille legte sich über den Saal. Sie wagte es, ihn anzusehen und erstarrte. Funkelnde kristallblaue Augen durchbohrten sie. Ein kalter Schauer jagte ihr über den Rücken. Spiel weiter, dachte sie flehend. Doch diesen Gefallen tat er ihr nicht. Stirnrunzelnd legte er den Kopf schräg, als wollte er sie fragen: Bleibst du da jetzt stehen oder kann ich weiterspielen?

Einige Zuschauer sahen sich genervt um, andere kicherten. Sofie riss sich von seinem Blick los und eilte durch die Reihen, ohne sich noch einmal umzudrehen. Endlich hatte sie den Ausgang erreicht und stieß die Tür erleichtert auf. Schlotternd stand sie im leeren Foyer. Ihr Puls beruhigte sich langsam.

Was war das denn eben?

Kopfschüttelnd ging sie zum Garderobentisch und strich über das Pappschild.

Ob er ihr nachgesehen hatte?

Sie musste über sich selbst lachen. Warum sollte er?

Die Frau hinter dem Tisch zwirbelte an ihren Dreads und kaute betont gelangweilt auf einem Kaugummi herum. »Willst du schon gehen?«

»Ähm, der Babysitter hat angerufen. Ich muss schnell nach Hause. Kind lässt sich nicht beruhigen«, stammelte Sofie.

Die Frau zuckte mit den Schultern und pflückte den weißen Mantel vom Garderobengestell.

Die Luft war trocken. Ein rauer Wind sauste über Sofies Wangen. Sie vergrub das Gesicht in den Händen und blieb vor der geöffneten Autotür stehen. Die leuchtenden Augen und der irritierte Blick des Schauspielers gingen ihr nicht aus dem Kopf. Zu gerne hätte sie ihn weiter spielen sehen, doch ihr Körper hatte ihr einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Mal wieder.

Sie seufzte tief, da unterbrach ihr aufgeregt vibrierendes Handy ihre Gedanken.

Mama.

Beharrlich. Wie immer.

Sofie starrte auf den Bildschirm. Ihre Mutter würde sie zum VIP-Paket drängen, davon war sie überzeugt. Genau wie Paul.

Nach kurzem Zögern drückte sie den Anruf weg und ließ das Handy zurück in die Tasche fallen.

Du undankbare Tochter, zeterte sofort die kleine Stimme in ihrem Kopf. Deiner armen Mutter brennen Fragen auf der Seele und du lässt sie zappeln!

Sofie schloss die Augen und stand reglos vor dem Auto. Die Kälte brannte beim Atmen in der Nase. Sie schniefte ein paarmal. Dann schlug sie die Autotür zu und drehte sich entschlossen um.

Was soll's. Ab zurück zur Bar.

Der besänftigende Rausch eines kleinen Drinks und schon würden die Ereignisse des Nachmittags ein weniger leichter erscheinen.

Das endlose Warten.

Pauls versteinerte Miene.

Das Gespräch zwischen dem Arzt und Paul war dumpf an ihr vorbeigerauscht. Vereinzelt hatte sie Bruchstücke wahrgenommen, wie »andere Möglichkeiten«, »Ausland« und »VIP-Paket«. Der Arzt tippte mit einem Finger auf den Katalog. Als er lächelte, blitzten strahlend weiße Zähne hervor. Sofie fragte sich, wo sich die Toiletten in der Praxis befanden und hielt sich krampfhaft am kalten Metall der Armlehnen fest. Paul nahm den Katalog entgegen und blätterte geschäftig darin.

»Das Finanzielle ist natürlich kein Problem«, sagte er mit gewohnt lauter Stimme.

Als ob es um eine neue Couch ginge.

Der Arzt nickte. »Ziehen Sie diese Option also in Betracht?«

Paul bejahte und sah Sofie erwartungsvoll an. Sie sagte nichts. Unbeholfen wischte sie Schweiß von ihrer Stirn. Die Angst war groß, von der Übelkeit übermannt zu werden und sich vor dem Arzt übergeben zu müssen. Vergeblich suchte sie den Boden nach einem Mülleimer ab. Der Arzt trommelte mit den Fingern auf dem Tisch. Das Geräusch hämmerte in ihren Ohren.

»Schatz?« Pauls rechtes Augenlid zuckte.

Unfähig, ihn und den Arzt anzusehen, stammelte Sofie: »Ich kann das nicht jetzt entscheiden. Ich muss erst darüber nachdenken.«

Sie hörte Paul betont langsam durchatmen, als müsste er sich beherrschen. Es war ja auch nicht seine Schuld. Sein Körper funktionierte einwandfrei. Im Gegensatz zu ihrem.

Sie verabschiedeten sich. Paul höflich mit überschwänglichem Handschlag, Sofie abwesend und wortlos. Schweigend fuhren sie durch den Schneeregen nach Hause. Dort hielt Sofie es nicht aus. Wie Paul in der Küche stand und begeistert vom VIP-Paket schwafelte. Am Kühlschrank hing der Theatergutschein, gehalten von einem grinsenden Smiley-Magneten. Hatte seit Wochen gedroht herunterzufallen.

Und dann war sie geflohen.

Vor dem Drama des Nachmittages zu dem Drama im Theater.

»Du hast ziemlich bleich ausgesehen, als du vorhin aus dem Saal gestolpert bist«, sagte eine raue Stimme hinter ihr.

Sofie bekam eine Gänsehaut, drehte sich um und sah direkt in die funkelnden Augen des Schauspielers. Kleine Blitze schienen in ihnen aufzuleuchten. Ob das am Alkohol oder an der grellen Beleuchtung über der Bar lag? Nachdenklich schaute sie zu den Deckenleuchten. Der Schauspieler folgte ihrem Blick und so sahen sie beide für einen stillen Moment hinauf ins blendende Licht, während hinter ihnen im Foyer die Theatergäste lärmten.

»Deine Augen sind …«, ihr fiel kein passendes Wort ein. »Surreal«, kicherte sie schließlich.

»Du hast ganz schön was getrunken.«

»Oh ja«, grinste Sofie. »Das erste Mal seit vier Jahren.«

»Und warum nach so langer Zeit?«

Sie drehte ihr leeres Glas hin und her. »Weil ich einen unfassbar schlechten Tag hatte, der dank deines Schauspiels noch schlimmer geworden ist.«

Er wirkte für einen Moment verletzt und zog seine Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. »Inwiefern?«

»Zu kompliziert zu erklären«, winkte sie ab.

Doch er ließ nicht locker und schwang sich auf einen Hocker. »Das Übliche, Hannes«, sagte er zu dem Barkeeper und bekam einen Gin Tonic.

»Das nehme ich auch«, flötete Sofie. Der Barkeeper nickte.

Der Schauspieler zog die Augenbrauen hoch. »Hattest du nicht schon genug?«

»Nö.« Sofie griff demonstrativ nach seinem Glas und trank einen großen Schluck.

Kopfschüttelnd nahm er ihr das Getränk aus der Hand. »Was war denn so unfassbar schlecht an deinem Tag?«

»Warum interessiert dich das?«

»Weil ich dann herausfinden kann, warum dir mein Schauspiel nicht gefallen hat.«

Sofie überlegte eine Weile. »Ich wollte das Leid nicht fühlen, das du gespielt hast.«

Er musterte sie interessiert. »Soso«, raunte er und nippte an seinem Getränk.

Sofie betrachtete ihn verstohlen. Etwas Verschmitztes leuchtete hinter seinen Augen. Die dunkelblonden Haare waren verstrubbelt, seine Gesichtszüge weich. Es gab einige Furchen in seinen Augenwinkeln und auf seiner Stirn. Er war älter als seine Soldatenrolle auf der Bühne. Mitte zwanzig, vielleicht sogar Ende zwanzig.

»Also?«, forderte er.

»Also was?«

»Warum war das ein schlechter Tag?«

Sofie senkte den Kopf, schloss ihre Augen und sah die weißen, perfekten Zähne des Arztes vor sich.

»Ich habe heute erfahren, dass ich keine Kinder bekommen kann.« Sie machte eine Pause. Es war das erste Mal, dass sie diesen Satz laut aussprach. Und es schmerzte.

»Oh, das tut mir leid für dich«, flüsterte der Schauspieler. Es klang aufrichtig.

»Ach, eigentlich habe ich das schon lange gewusst oder zumindest geahnt. Aber ich konnte es mir nicht eingestehen. Es reiht sich nahtlos ein in die vielen kleinen Verlogenheiten meines Lebens.«

»Verlogenheiten?«

Sofie kippte den halben Gin Tonic hinunter und knallte das Glas auf den Tresen. »Yep. Weißt du, es ist immer alles gut in meiner Familie. Nie darf etwas Bedauerliches passieren. So viel Fassade, so viel …« Sie suchte nach Worten.

»Schauspielerei?«

»Richtig! Schauspielerei. Alle spielen sich etwas vor.«

»Und warum?«

Sofie dachte nach. »Keine Ahnung. Wenn etwas nicht gut läuft, gibt es keine Kontrolle. Und das hält keiner in meiner Familie aus. Es ist …« Sie schluchzte und brach ab.

Er wartete geduldig, ob noch etwas käme.

»Es ist niemand in meiner Familie ehrlich!«, platzte es aus ihr heraus. Sie sackte in sich zusammen. Es fühlte sich an, als hätte dieser Satz seit Ewigkeiten in ihr gebrodelt und nur darauf gewartet, endlich herauskommen zu dürfen.

Sein unlesbarer Blick ruhte auf ihr und mit einem Mal bekam sie Angst, sich vor ihm zu blamieren. Was er wohl von ihr dachte? Besser, sie würde das Theater so schnell wie möglich verlassen.

Als sie sich erhob, geriet sie sofort ins Wanken und stützte sich am Tresen ab. Der Schauspieler hielt ihr eine Hand hin, doch sie schüttelte den Kopf. Wo war denn nur der Mantel? Vergeblich suchte sie den Boden ab.

»Dann sei es doch einfach«, murmelte er.

Sie hielt inne. »Was?«

»Ehrlich.«

»Tzzz«, antwortete sie verächtlich.

Seine Augen verengten sich. »Tzzz?«, wiederholte er fragend.

Sofie versuchte sich zu konzentrieren. »Du hast gut reden. Du spielst da auf der Bühne, was deine Rollen dir vorgeben, aber weißt du was? Es ist nicht echt. Du kannst das alles spielen und musst da gar nicht wirklich durch.«

Er bedachte sie mit langem und ernstem Blick. »Doch, ich muss da durch. Sonst könnte ich es nicht spielen.«

Sie ging nicht auf seine Worte ein, sondern hielt sich am Barhocker fest, um nicht umzukippen. Der Schauspieler fischte ihren Mantel vom Boden und hielt ihn ihr hin. Hastig zog sie ihn an.

Als sie hochblickte, stand auf einmal die junge Frau mit den Dreads neben dem Barkeeper. »Alle Mäntel und Jacken wurden abgeholt. Feierabend. Ich brauche ein Bier, Hannes.«

Verstohlen drehte Sofie sich zur Seite, doch die Frau hatte sie bereits entdeckt.

»Du bist ja noch da. Hat der Babysitter es alleine gewuppt?«

Für einen Moment herrschte Stille. Der Schauspieler sah Sofie verblüfft und amüsiert an, als wollte er fragen: »Welcher Babysitter, wenn du keine Kinder bekommen kannst?«

Beschämt betrachtete sie ihre Schuhe. Die gelben Punkte des Korkbodens schienen zu tanzen und verschwammen zu einer orangebraunen Masse. Sie kniff die Augen zusammen.

»Es gibt keinen Babysitter und es wird wahrscheinlich auch nie einen geben!«, schrie sie. »Ich kann keine Kinder bekommen und hatte einen Scheißtag!«

Die paar Leute, die sich noch im Foyer aufhielten, sahen bestürzt zu ihnen herüber. Sofie war schockiert und verwundert zugleich. Ihre Worte hatten erstaunlich gut getan. Und plötzlich - erst zaghaft und dann unverschämt laut - klatschte der Schauspieler in die Hände.

»Das war doch ehrlich, oder nicht?«, lachte er.

Sie wurde rot und starrte verlegen auf seine applaudierenden Hände. Am liebsten wäre sie im Boden versunken.

Nach einer Ewigkeit hörte er auf zu klatschen, fischte Zigarette und Feuerzeug aus seiner Hosentasche und inhalierte tief. Dann beugte er sich nah an sie heran, stellte den restlichen Gin Tonic außerhalb ihrer Reichweite und suchte ihren Blick.

»Davon solltest du vielleicht nichts mehr anrühren.«

Sofie wollte protestieren, doch im Angesicht seiner eisblauen Augen fühlte sie sich wie versteinert. Ob er besorgt war oder sich über sie lustig machte? Eine beißende Hitze breitete sich von ihrer Brust bis in ihre Fingerspitzen aus. Mit bebender Hand fuhr sie sich über das glühende Gesicht.

Alkohol. Das war definitiv zu viel Alkohol.

»Nick, wie oft noch? Hier drinnen nicht!«, polterte plötzlich der Barkeeper. »Jedes Mal das gleiche mit dir, geh zum Rauchen raus!«

Sofie fuhr erschrocken zusammen. Der Schauspieler löste seinen Blick von ihrem und rutschte vom Hocker. Provokativ hauchte er etwas Rauch Richtung Bar und schlenderte zu einer Tür mit der Aufschrift »Zutritt nur für Mitarbeiter«. Dort drehte er sich noch einmal um und nickte Sofie zu, bevor er verschwand.

Die Frau mit den Dreads stand immer noch neben der Bar und sah Sofie besorgt an. »Du bist ganz schön durcheinander, Schätzchen, nicht wahr? Ich rufe dir ein Taxi.«

Sofie wollte widersprechen, doch sie brachte kein Wort hervor. Fünf Minuten später saß sie im Taxi und war froh, dass sie es bis nach Hause schaffte, bevor sie sich übergeben musste.

Paul öffnete die Badezimmertür. Es war nach Mitternacht, trotzdem steckte er in Hemd und Anzug, den Laptop unter dem Arm geklemmt. Seine kupferroten Haare waren wie immer sorgfältig zurückgekämmt, das schmale Gesicht blass und müde. Naserümpfend sondierte er die Lage.

»Bist du krank?«

Sofie wischte sich über den Mund. »Hab wohl irgendwas Schlechtes im Theater gegessen.«

»Oje.« Er musterte sie besorgt. »War die Vorstellung denn gut?«

»War interessant.« Sofie versuchte mit aller Kraft den nächsten Schwall Übelkeit hinunterzuschlucken.

»Na dann. Kann ich noch etwas für dich tun, Schatz? Ich würde sonst wieder arbeiten. Muss die verlorenen Stunden von heute Nachmittag reinholen. Das hat echt viel Zeit gekostet beim Arzt.«

»Passt schon.« Sie zog sich am Waschbecken hoch. Hoffentlich kam Paul nicht dahinter, dass sie nach so langer Zeit zum ersten Mal wieder getrunken hatte. Er wäre entsetzt. Doch er schien ihr die Magenverstimmung abzukaufen. Verlegen strich er sich über das glattrasierte Kinn.

»Du warst vorhin ganz schön aufgewühlt. Lass uns demnächst mal in Ruhe über den Arztbesuch sprechen, okay?«

Sie nickte wortlos.

»Ach, deine Chefin hat übrigens auf den Anrufbeantworter gequatscht. Du sollst morgen eine Stunde früher in die Praxis kommen.«

»Alles klar.« Ihr Blick blieb an seiner erschöpften Miene hängen. Für ihn war das alles bestimmt auch nicht leicht. Sein Kinderwunsch war groß, vielleicht sogar größer als ihrer.

»Du, Paul …«

Doch da war die Tür schon wieder zu.

Er ist genauso angewidert von deinem Körper wie du, keifte die kleine Stimme in ihrem Kopf. Von diesem schwachen, unfruchtbare Körper.

Übelkeit übermannte sie. Schnell beugte sie sich über die Toilettenschüssel, würgte und würgte, bis nichts mehr kam. Zitternd ließ sie sich auf den Rücken fallen und krallte ihre Finger in den flauschigen Badvorleger. Das helle Deckenlicht schmerzte in den Schläfen. Es erinnerte sie an das Licht über der Theaterbar. Der seltsame Moment mit dem Schauspieler. Sein verschmitzter Blick. »Deine Augen sind surreal.« Wie hatte sie nur so etwas Dummes sagen können? Und was war dem eigentlich eingefallen, ihr Beifall zu klatschen und sie bloßzustellen?

Sofie schüttelte den Kopf.

Abhaken. Einfach abhaken.

Sie hob die Hand und kniff die Augen zusammen, um die Zeiger ihrer Armbanduhr erkennen zu können. In fünf Stunden müsste sie sich aus dem Bett quälen, um eine Stunde früher bei der Arbeit zu sein.

Deine Chefin kann sich doch auf dich verlassen, Sofie.

Der stechende Geruch des Desinfektionssprays lag noch in der Luft. Wie jeden Morgen hatte die Sprechstundenhilfe Martina für eine keimfreie Umgebung in der psychotherapeutischen Praxis gesorgt.

»Gut, dass Sie so früh hier sind, Frau Vianneli! Setzen Sie sich. Möchten Sie Kaffee?« Gertrud Beckner saß hinter ihrem gläsernen Schreibtisch. Geschäftig rückte sie die rot umrandete Brille zurecht und strich die silbrigen, kinnlangen Haare hinter die Ohren.

Sofie setzte sich ihrer Chefin gegenüber. Krampfhaft versuchte sie, den pochenden Kopfschmerz zu ignorieren. Von der Schmerztablette am Morgen hatte sie sich mehr Wirkung gegen den Kater erhofft.

»Keinen Kaffee, danke.«

»Gut. Kommen wir zur Sache.« Beckner richtete sich in ihrem Stuhl auf. »Die Therapeutenausbildung haben Sie ja erfolgreich abgeschlossen. Mittlerweile haben Sie sich bestimmt von dem Stress erholt, nicht wahr?«

Sofie wusste sofort, worauf dieses Gespräch hinauslaufen würde, und sagte nichts. Es ist nie genug, schoss es ihr durch den Kopf. Es wird immer so weitergehen.

»Jetzt ist es Zeit für die Doktorarbeit!«, verkündete Beckner mit feierlicher Stimme.

Anstatt eine Antwort zu geben, begann Sofie, mit ihrem Ehering zu spielen, was sie immer tat, wenn sie gestresst war. Als Psychologin kannte Beckner natürlich jede nervöse Eigenart ihrer Mitarbeiterin. Wohlwollend lächelnd lehnte sie sich vor und beäugte Sofies Finger.

»Eine Doktorarbeit ist doch etwas wunderbares, Frau Vianneli. Kein Grund zur Sorge. Wenn Sie schnell sind, dauert es nur drei Jahre. Und ich kenne Sie. Sie sind schnell.« Beckner strahlte. »Selbstverständlich erwarte ich eine berufsbegleitende Promotion. Ich möchte ja, dass Sie weiterhin hier arbeiten und vollen Einsatz zeigen.«

Sofie sagte immer noch nichts.

Ihre Chefin räusperte sich. »Der Uniabschluss und die Therapeutenausbildung, das reicht nicht. Das wissen Sie ja selbst. Heben Sie sich von der Masse ab. Steigern Sie das Ansehen der Praxis.«

Sofie schielte zum Fenster. Es gab den Blick auf die trostlose Hauswand des gegenüberliegenden Bürogebäudes frei. Aufgescheuchte Tauben flatterten mit wilden Flügelschlägen vorbei.

»Frau Vianneli! Hören Sie mir zu? Eine Promotion wird Ihnen leicht von der Hand gehen. Alle anderen hier in der Praxis haben auch einen Doktortitel. Sie pflegen doch noch Kontakte zur Uni, oder?«

Sofie blinzelte und schrumpfte tiefer in den Sessel. Beckner erwartete, dass sie sich auf das Gespräch einlassen und sachlich das weitere Vorgehen besprechen würde. So wie eh und je.

Doch irgendetwas war anders.

Sofie wusste nicht genau, was es war. Als hätte sie in der Nacht nicht nur den Alkohol, sondern auch ihre guten Manieren in die Toilette gespuckt.

Beckner legte die Stirn in Falten. »Ich bin mir sicher, Sie möchten einen nachvollziehbaren Lebenslauf haben. Oder täusche ich mich da?«

Sofie betrachtete stumm den sorgfältig polierten Glastisch.

Ihre Chefin schnalzte ungeduldig mit der Zunge. »Ich merke, dass Sie zögern!«

Yep, danke fürs Spiegeln.

»Was ist der Grund, Frau Vianneli?«

Sofie dachte an den Schauspieler, wie er grinsend an der Zigarette zog und ihr Applaus für ihre ehrlichen Worte spendete. Was war denn der wahre Grund für ihr Zögern? Druck. Stress. Deadlines. Tagsüber in der Praxis arbeiten, abends nach Literatur recherchieren und am Wochenende an einer Doktorarbeit schreiben. Sie wollte das nicht. Nicht mehr. Sie hatte jahrelang nichts anderes getan als gearbeitet und gelernt.

Das wäre ehrlich.

Mutig hob sie den Blick. Beckners gradlinig gezupfte Augenbrauen zogen sich Richtung Stirn, während sich das spitze Kinn auf die Brust senkte. »Ich werde mich doch nicht in Ihnen geirrt haben«, sagte diese Geste.

Sofie schluckte. Ihre Chefin war enttäuscht. Und das zu Recht. Die alte Dame hatte ihr doch so viel ermöglicht in den letzten Jahren.

Gib nach, Sofie, una ragazza forte.

»Sie haben recht. Es gibt keinen Grund zu zögern. Der Zeitpunkt für die Doktorarbeit ist gekommen.«

Von wegen Ehrlichkeit. Der Schauspieler hätte diesmal wohl nicht applaudiert.

Beckner lachte triumphal. Zwei zarte Grübchen bohrten sich in die straffen Wangen. »Wunderbar! Dann informieren Sie sich an der Uni, wann Sie starten können und geben mir zeitnah eine Rückmeldung. Gerne nehme ich Kontakt zu Professoren auf, falls nötig. Ich würde natürlich ein praxisrelevantes Thema bevorzugen.« Sie nickte Sofie aufmunternd zu.

Der Ring juckte unerträglich am Finger. Sofie widerstand dem Impuls, ihn vom Finger zu reißen.

»Danke für das Gespräch«, flüsterte sie und erhob sich.

»Dafür nicht«, sagte Beckner mit geschürzten Lippen und klappte ihren Laptop auf. »Frohes Schaffen heute mit Ihren Patienten.«

»Ihnen auch.«

Rechtzeitig noch das Ruder herumgeworfen, sagte sich Sofie, als sie über den Flur der Praxis eilte. Doch die Erleichterung darüber blieb aus. In ihrem Behandlungszimmer riss sie sich Mantel und Blazer vom Leib, öffnete eine Mineralwasserflasche und spritzte sich Wasser ins Gesicht. Während das Wasser von ihrem Kinn tropfte, seufzte sie tief.

Nochmal drei Jahre lernen, recherchieren, schreiben.

Nochmal drei Jahre Stress, kurze Nächte und kneifende Magenschmerzen.

Drei lange Jahre.

»Matchball, Sofie!« Elena wirbelte jubelnd ihren Tennisschläger durch die Luft. »Wir sind ein unschlagbares Team!«

»Bildet euch mal nicht zu viel darauf ein!«, rief Paul von der anderen Seite des Netzes. Er zupfte den Kragen seines Polohemdes zurecht und lockerte die Schultern. »Ich hab mich noch gar nicht richtig angestrengt. Eine Chance bleibt uns noch. Auf geht's Helge! Die machen uns nicht fertig!«

»Das werden wir ja sehen«, schrie Elena.

Sofie nahm den Ball in die Hand und ließ ihn einige Male aufprallen. Mit einem kräftigen Aufschlag jagte sie ihn übers Netz. Paul lief los, doch der Ball war unhaltbar.

»Ass!«, schrie Elena. »Aufschlag-Queen Nummer Eins!«

Sofie lachte befreit und rief über das Netz: »Tja, Jungs! Das bedeutet, ihr müsst heute das Essen ausgeben.«

Paul und sein Kumpel Helge tigerten keuchend zum Netz. In der Halle war es stickig, die Lüftung funktionierte seit Wochen nicht richtig. Das Kondenswasser tropfte von den Fensterscheiben.

»Herzlichen Glückwunsch!«, schnaufte Helge und deutete eine Verbeugung an. »Wir verneigen uns vor solch geballter Frauen-Power.«

»Zum Essen hätten wir euch aber sowieso eingeladen!«, lachte Paul und wollte Sofie über das Netz hinweg umarmen.

»Du bist ja ganz verschwitzt«, sagte sie halb neckend, halb angeekelt.

Paul zwinkerte ihr zu. »Du wirst doch deinem Ehemann keinen Kuss verweigern?«

Sie gab ihm einen zaghaften Kuss auf die Nasenspitze.

»Ich weiß jetzt auch, warum immer alle Doppel mit dir spielen wollen, Sofie.« Helge wischte sich den Schweiß von der Glatze. »Auf deine Aufschläge kann man zählen.«

»Aber hallo«, Paul nickte stolz.

Sofie lächelte verlegen.

»Können wir ein Selfie machen?« Elena hielt ihr Handy hoch. »Ich muss meinem Profil mehr Sportlichkeit verleihen. Da sind immer nur Bilder vom Chillen, Macchiato schlürfen und Party machen. Das gibt doch 'ne ganz falsche Vorstellung von mir.«

»Hmm. Ich finde, das klingt nach einem treffenden Gesamteindruck«, frotzelte Paul.

Elena schubste ihn lachend aus dem Bild. »Bei drei springen wir! Sportlich, sexy, fröhlich! Strengt euch an, Leute!«

Sie mussten fünfmal springen, bis Elena zufrieden war.

»Leg noch einen Filter drauf, man sieht meine Falten«, forderte Paul.

»Du meinst die Falten in deinen Augenwinkeln? Das sind Krähenfüße. Die lassen sich durch keinen Filter retuschieren«, grinste Elena.

Paul hob drohend einen Finger. »Vorsicht, sonst dislike ich deine geposteten Bilder.«

»Untersteh dich«, zischte Elena.

Lächelnd drehte sich Paul zu Sofie. »Doch noch einen richtigen Kuss für deinen Mann mit Krähenfüßen?«

»Na gut«, lachte Sofie und küsste ihn auf den Mund.

»Das war wirklich beeindruckend, Schatz«, raunte Paul und strich ihr liebevoll über die Wange. »Meine Frau ist die Beste. Auf allen Ebenen.«

Ein kleiner Stich jagte durch Sofies Bauch.

»Auf fast allen Bereichen«, wisperte sie.

»Auf allen«, insistierte Paul ernst, bevor er mit Helge loszog, um die Sporttaschen zu holen.

Elena reichte Sofie eine Flasche Wasser. »Ihr zwei seid süß. Paul ist ein echter Glücksgriff, weißt du das? Sei froh, dass du ihn hast.«

Sofie nickte. »Du findest auch noch einen.«

»Ha, so einen bestimmt nicht«, seufzte Elena.

Das warme Wasser strömte über ihre pechschwarzen Haare. Sofie griff nach Duschgel und Schwamm und seifte ihren Körper ein. Ihren unfruchtbaren Körper. Immerhin erbrachte er noch beim Tennis eine gewisse Leistung. Ihre schnellen Beine und ihr präziser Aufschlag hatten ihr und Elena mal wieder zum Sieg verholfen. Wenn schon nicht für eine Schwangerschaft dann war er wenigstens für sportliche Aktivitäten gut.

Sie legte ihren Kopf in den Nacken und fing einen Schluck Wasser mit dem Mund auf, als Elena in den Duschraum hüpfte. Sofies Blick schweifte zu den runden Hüften ihrer Freundin. Ein gebärfreudiges Becken. Elena wird bestimmt viele Kinder bekommen können.

»Willst du dich wundschrubben?« Elena nahm ihr stirnrunzelnd den Schwamm ab. »Wo bist du denn mit deinen Gedanken? Du siehst ganz blass aus.« Sie stellte das Wasser ab und musterte Sofie durch die tropfenden Fransen ihres karamellbraunen Ponys. »Nicht, dass du wieder unterzuckerst. Hast du genug gegessen? Ich hab sonst noch 'ne Banane, ich kann sie …«

»Alles gut, Elena!« Es klang unfreundlicher als beabsichtigt. »Sorry. Es ist nur …«, Sofie holte tief Luft. »Wir haben diese Woche erfahren, dass ich keine Kinder bekommen kann.«

Elenas Augen weiteten sich. Sie schüttelte langsam den Kopf, ihre Mundwinkel verzogen sich mitleidig nach unten. Überschwänglich schlang sie die Arme um ihre Freundin.

»Es ist nicht schlimm«, nuschelte Sofie und befreite sich aus der Umarmung. »Eigentlich möchte ich auch gar nicht darüber reden.«

Elena nickte betroffen. »Okay, wie du möchtest. Aber falls doch, bin ich für dich da.«

Sofie lächelte unbeholfen. »Danke.« Sie drehte Elena den Rücken zu und presste die Lippen fest aufeinander, um die Tränen wegzudrücken. Dann drehte sie den Duschregler auf die kälteste Stufe. Der Schmerz des eisigen Wassers zog beißend durch ihren Körper. Mit angehaltenem Atem zählte sie die Sekunden, bis sie es nicht mehr aushielt.

Sieben.

Nur sieben.

Normalerweise schaffte sie mindestens zehn.

Nach dem Essen verdrückten sich Paul und Helge an die Bar.

»Auf Finn!«, lachte Helge und prostete Paul zu.

Sofie stocherte lustlos in den Blättern ihres Salates. Sie druckste ein wenig herum, dann erzählte sie Elena von dem Theaterabend und der Begegnung mit dem Schauspieler.

Elena dippte lachend die Reste ihres Pizzarandes in gesalzenes Olivenöl. »Er hat dir wirklich applaudiert?”

»Ja.« Sofie spielte nervös mit ihrer Serviette.

Das entging Elena nicht. Sie zog die Augenbrauen hoch. »Hat er dir gefallen?«

»Nein«, antwortete Sofie schnell. Vielleicht zu schnell.

Elenas Augen verengten sich zu Schlitzen. »Hast du Paul davon erzählt?«

Sofie sah entsetzt zu Paul und Helge an der Bar. »Nee, warum sollte ich?«

»Dein selbstverliebter Paul kann ruhig mal ein bisschen eifersüchtig sein«, grinste Elena schulterzuckend.

»Ich habe Paul noch nicht einmal gesagt, dass ich getrunken habe.«

»Hat er nicht gemerkt, dass du ohne Auto zurückgekommen bist?«

»Nein, hat er nicht. Ich hab es am nächsten Tag nach der Arbeit abgeholt und zurück in die Tiefgarage gefahren. Er fährt doch immer mit dem Rad zur Arbeit.«

»Und du hast getrunken? Wow, wie lang ist das denn her! Nicht, dass du wieder …«

»Ach, Quatsch, El«, unterbrach Sofie ihre Freundin verärgert. »Wird schon nicht passieren. Und zu diesem Schauspieler - er hat mich blamiert, das hat mir nicht gefallen. Aber ich muss zugeben: Er hat gut gespielt. Auch wenn ich ihm das nicht sagen wollte.«

»Inwiefern gut?«

Sofie stützte das Kinn auf die Hände und überlegte. »Es war fühlbar, was er gespielt hat. Egal was er gespielt hat. Als wäre er Herr über diese Gefühle und könnte sich beliebig bedienen.« Sie lachte unsicher und nippte an ihrem Mineralwasser. »Sein Leid war mein Leid. Es gab gar kein Entkommen.«

»Wenn er so gut gespielt hat, dann geh doch wieder in ein Stück mit ihm«, sagte Elena beinahe beiläufig, als wäre es das Naheliegendste auf der Welt.

Sofie starrte ihre Freundin an. Tatsächlich war sie auf diese Idee nicht gekommen. Auf einmal erschien ihr nichts verlockender, als den Schauspieler noch einmal in einer anderen Rolle spielen zu sehen.

Elena zückte ihr Handy. »Wie heißt er denn?«

»Nick, glaube ich.«

»Und weiter?«

Sofie verdrehte die Augen. »Keine Ahnung.«

Elena suchte nach der Aufführung, die Sofie gesehen hatte.

»Nicolas Ahlemberg, ist er das?« Sie hielt Sofie das Handy vors Gesicht.

Sofie nickte langsam. »Ja, das ist er.«

»Spielt momentan abwechselnd in sechs verschiedenen Stücken«, verkündete Elena. »Sechs Stücke. Wie kann man sich so viel Text merken?« Sie scrollte auf ihrem Smartphone. »Heute Abend verpasst du ihn in ›Falling Rockstar‹, was auch immer das für ein Stück ist. Übermorgen ist er in Theodor Storms ›Schimmelreiter‹ zu sehen. Im großen Theater in der Innenstadt.«

Sofie kannte das Stück noch aus dem Deutschunterricht.

»Als was?«, fragte sie.

»Als Pferd«, antwortete Elena. Bei Sofies erstauntem Gesichtsausdruck musste sie losprusten. »Herrgott, nein. Er spielt die Hauptrolle des Hauke Haien.«

Das passt doch gar nicht, dachte Sofie. Er ist zu jung und nicht ernst genug für diese Rolle. Doch ihre Neugier war geweckt.

»Kannst du auf der Seite sehen, ob es noch Karten gibt, El?«

Auf dem Küchentisch stand eine Flasche Champagner aus dem Vorratskeller ihrer Eltern. Der Gute für besondere Anlässe. »Der mit dem roten Etikett«, wie Sebastian früher zu sagen pflegte. Seit Jahren hatte sie eine Flasche auf dem Kleiderschrank versteckt, ohne sie jemals angerührt zu haben. Nur für den Notfall, falls mal alle Stricke reißen.

Jetzt stand die Flasche vor ihr. Paul hatte am Morgen per Nachricht angekündigt, dass sie nach der Arbeit endlich mal reden müssten. Über den Arzttermin, über das VIP-Paket. Das war Notfall genug. Doch bisher hatte sie den Korken nicht gezogen.

Vier Tage war der Arztbesuch her. Sie beide hatten das Thema geflissentlich gemieden. Ob Paul sie von dem VIP-Paket überzeugen wollte?

Nachdenklich fuhr sie mit dem Daumen über das raue Etikett und musste lächeln. Das Bezahlmittel für die Scheinheiligkeiten ihrer Jugend. Prompt sah sie sich auf dem Rücksitz der Limousine ihres Vaters hängen.

***

Die Plastiktüte lag bereit. Sebastian hatte sie wohlweislich auf der Rückbank platziert. Bei der nächsten scharfen Rechtskurve war es soweit.

»Scheiße, Sofie. Muss das jetzt jedes Wochenende sein?«, murmelte Sebastian hinterm Steuer. Er trommelte ungeduldig mit den Fingern auf das Lenkrad und sah in den Rückspiegel. Er wartete, bis sie fertig war, dann reichte er ihr Kaugummis und Erfrischungstücher nach hinten. Mit spitzen Fingern nahm er die Plastiktüte entgegen.

»Was danebengegangen?«

Sofie strich über das aalglatte Leder der Rückbank.

»Nö«, antwortete sie vergnügt. Sie fühlte sich weder elend noch schuldig. Solange ihre Eltern nichts davon mitbekamen, war alles in Ordnung.

»Reiß dich gleich zusammen, okay? Er ist noch wach. Wenn ich dich nicht nüchtern und wohlbehalten abliefere, habe ich ein Problem.« Er räusperte sich. »Und du auch.«

Sofie verschränkte die Arme. »Als ob ich das nicht jedes Mal hinbekommen hätte.«

Sobald sie den großzügigen Eingangsbereich der Vianneli Villa betraten, ging im ersten Stock das Licht an und die Tür des Arbeitszimmers flog auf. Aldo Vianneli blickte über die Balustrade. Sein Anzug war verrutscht, das Hemd spannte über dem rundlichen Bauch. Die schwarzen Haare standen wirr von seinem verschwitzten Kopf ab. Hinter ihm ertönte eine kraftvolle Sinfonie von Bach.

Er war extra wachgeblieben. Wie immer.

»Na, Engelchen, war es eine dufte Fete?«,

Sofie kicherte bei der Wortwahl ihres Vaters und Sebastian stieß sie in die Seite.

»Ganz dufte, Papa, nahezu famos«, strahlte sie.

»Nichts getrunken?«

»Natürlich nicht, Papa.« Sie bemühte sich, überzeugend zu klingen.

Aldo sah fragend zu seinem Chauffeur. Sebastian nickte bestätigend. »Es ging da ganz gesittet zu. Die Eltern waren auch dabei. Keine Jungs, kein Alkohol.« Er log, ohne mit der Wimper zu zucken.

Aldo nickte erleichtert. »Dann ist ja gut. Du weißt ja, Schatz …«

»Nur schwache Teenies trinken. Starke bleiben nüchtern«, ratterte Sofie brav herunter.

Ihr Vater lächelte stolz. »Jetzt schlaf schön, una ragazza forte. Ich hab dich lieb. Wir sehen uns in sechs Tagen nach meiner Japan-Reise. Ach, und Sebastian!« Seine Stimme wurde streng. »Morgen Punkt

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