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Nach Italien der Liebe wegen

1. KAPITEL

Taryn merkte, dass sie furchtbar unkonzentriert fuhr. Sie hielt in einer Parkbucht und blieb wie betäubt im Wagen sitzen, immer noch fassungslos über das, was eben geschehen war. Was Brian Mellor getan hatte.

Fünf Jahre lang hatte sie in seiner Firma gearbeitet, während der letzten zwei Jahre als seine persönliche Assistentin. Sie liebte ihn heiß und innig. Brian, Direktor der renommierten Maschinenbaufirma Mellor Engineering, war ein fairer Arbeitgeber und ein angenehmer Chef. Er war groß, blond, immer gut gelaunt – und verheiratet.

Seine Frau Angie war ebenfalls reizend, wenn auch eher unscheinbar. Doch was ihr an äußerer Schönheit fehlte, das machte ihr ruhiges, sympathisches Wesen mehr als wett. Sie schien ihren Mann über alles zu lieben, und die Kinder, der siebenjährige Ben und die dreijährige Lilian, vergötterten ihren Vater.

Angie und Brian Mellor führten eine Bilderbuchehe. Grund genug für Taryn, ihre Gefühle sorgsam unter Verschluss zu halten.

Umso überraschter war sie gewesen, als sie vor sechs Monaten erste Anzeichen dafür zu bemerken schien, dass bei den Mellors der Haussegen schiefhing. Sie hätte nicht sagen können, was genau zwischen den beiden nicht stimmte. Es waren winzige Kleinigkeiten, die ihr auffielen – ein gereiztes Wort da, ein grimmiger Blick dort, wenn Angie wie üblich freitags nach dem Einkaufen ins Büro kam.

Vor zwei Monaten dann hatte Brians Frau ihre Besuche in der Firma ganz eingestellt. „Geht es Angie gut?“, hatte Taryn mehr als einmal freundlich nachgefragt.

„Alles in Ordnung“, hatte Brian jedes Mal zerstreut erwidert und schnell das Thema gewechselt.

Taryn hatte sich Sorgen gemacht, doch obwohl sie Angie inzwischen gut kannte, wäre es ihr indiskret vorgekommen, bei ihr anzurufen. Zumal Brian behauptete, seiner Frau gehe es gut.

Und nun saß Taryn hier in ihrem Auto und konnte immer noch nicht glauben, dass sie gerade ihre Stelle aufgegeben hatte. Sie liebte ihre Arbeit. Sie war gut darin. Und sie liebte Brian und mochte seine Frau. Doch es gab kein Zurück.

Aufgewühlt ließ sie noch einmal Revue passieren, was wie ein gewöhnlicher Arbeitstag begonnen hatte. Morgens hatte sie wie immer ihren Wagen geparkt und anschließend das mehrstöckige Bürogebäude betreten.

Wie so oft war sie die Erste im Büro gewesen. Da es bei ihr zu Hause nicht gerade harmonisch zuging, fing sie gern früh an zu arbeiten und hatte auch nichts gegen Überstunden einzuwenden.

Als Brian an diesem Morgen ins Büro kam, hatte er recht verstört gewirkt, aber Taryn war nicht weiter darauf eingegangen. Sie hatte die Post mit ihm durchgesehen und sich dann ins Vorzimmer zurückgezogen, ihn den ganzen Vormittag über gleichwohl verstohlen beobachtet, wann immer sie mit ihm zu tun hatte.

Erst gegen vier Uhr nachmittags, als sie sein Zimmer betrat und ihn mit einer Trauermiene, die so gar nicht zu ihm passen wollte, am Schreibtisch sitzen sah, hatte sie leise gefragt: „Was ist los, Brian?“

„Nichts …“, hob er an, um dann plötzlich aufzuspringen und gequält hervorzustoßen: „Mir reicht’s! Ich halte es nicht mehr aus …“

„Oh, Brian, mein Lieber!“ Die zärtliche Anrede, bisher nur in Gedanken verwendet, rutschte ihr heraus, bevor sie es verhindern konnte.

„Oh, Taryn“, stöhnte Brian. Ehe sie wusste, wie ihr geschah, nahm er sie in die Arme, als habe er nur auf ein Stichwort gewartet.

Taryn war so verblüfft, dass sie sich nicht von der Stelle rührte. Vielleicht erwiderte sie seine Umarmung sogar. Jedenfalls schien ihr Verhalten Brian zu ermutigen, denn gleich darauf spürte sie seine Lippen auf ihrem Mund.

Sekundenlang stand sie wie angewurzelt da, während sich die Gedanken in ihrem Kopf überschlugen. Brian ist unglücklich, er braucht Trost, sagte sie sich. Als er sie jedoch enger an sich zog, sie inniger und eher wie ein Geliebter denn wie ein Freund zu küssen begann, wurde ihr schlagartig klar, dass dieser Mann mehr von ihr wollte als eine tröstliche Umarmung.

Schockiert, aufgewühlt und auch eine Spur zornig – obwohl eine leise Stimme in ihr drängte, den Zärtlichkeiten des geliebten Mannes doch nachzugeben – dachte sie an Angie und die Kinder. Energisch stieß sie Brian von sich, solange sie noch dazu in der Lage war.

Sie wartete nicht ab, was er als Nächstes tun würde, sich entschuldigen oder sie erneut küssen. Aus Angst vor ihren eigenen unberechenbaren Gefühlen stürmte sie in ihr Büro und blieb gerade lange genug, um ihre Umhängetasche und ihre Jacke zu holen. Bevor Brian Mellor sich wieder gefasst hatte, war sie weg.

Mit Tränen in den Augen hastete sie zum Aufzug und erreichte ihn gerade noch, bevor sich die Türen schlossen. Erst als sich der Lift in Bewegung setzte, merkte sie, dass sie nicht allein in der Kabine war. So verstört, wie sie war, wäre es ihr vermutlich gar nicht aufgefallen, hätte ihr Mitfahrer sie nicht angesprochen.

„Ärger gehabt?“, unterbrach eine männlich-tiefe Stimme ihren wirren Gedankenfluss.

Ihre tiefblauen Augen schimmerten feucht von ungeweinten Tränen, als sie den Blick hob und den Fremden ansah. Er war schätzungsweise Mitte dreißig, hatte dunkles Haar und graue Augen und schien, der Qualität seines Anzugs nach zu schließen, beruflich erfolgreich zu sein.

„Was?“, fragte sie gereizt, senkte den Blick und registrierte beiläufig die hochwertige Aktenmappe, die er bei sich trug. Offenbar hatte er geschäftlich im Gebäude zu tun, arbeitete vielleicht sogar hier oder hatte hier sein Büro. Sie kannte ihn nicht und wollte sich jetzt auch nicht mit einer fremden Person beschäftigen.

„Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“, fragte er freundlich.

Nur nicht schwach werden! „Das wage ich zu bezweifeln“, versetzte sie und war dankbar, als der Aufzug anhielt und sie der Notwendigkeit enthob, die unliebsame Konversation fortzusetzen.

Sie stürzte hinaus und setzte sich in ihren Wagen. Bevor sie aber den Motor startete, wurde ihr bewusst, dass sie gar nicht nach Hause wollte. Ihr Vater, ein Naturwissenschaftler im Ruhestand, lebte in seiner eigenen Welt und käme vermutlich nicht einmal auf die Idee, sie zu fragen, weshalb sie heute so früh Schluss gemacht hatte. Ihre Stiefmutter hingegen, die erst vor wenigen Tagen wieder einmal eine Haushälterin vergrault hatte, würde nicht nur diverse häusliche Pflichten und bittere Klagen bei ihr abladen, sondern ihr auch eine Reihe neugieriger Fragen stellen. Manchmal, eigentlich recht häufig, fand Taryn ihre Stiefmutter einfach unerträglich.

Sie merkte, dass sie schon geraume Zeit in ihrem geparkten Auto saß, während in ihrem Kopf die Bilder umherschwirrten. Ganz allmählich erholte sie sich von dem Schock, den Brian Mellors Kuss ihr versetzt hatte. Sie überdachte ihre panische Flucht und fragte sich, ob sie nicht anders mit der Situation hätte umgehen sollen. Vermutlich schon …

Doch bei näherer Betrachtung fiel ihr nicht ein, was besser gewesen wäre als ihre Flucht. Würde sie Brian nicht lieben, wäre es vielleicht möglich gewesen, die Sache mit ein paar energischen Worten ein für alle Mal aus der Welt zu schaffen.

Aber sie liebte ihn nun einmal. Und zu ihrer Schande musste sie sich eingestehen, dass sie nahe daran gewesen war, seinen Kuss zu erwidern. Doch sie wusste nur zu gut, dass sie mit dieser Schuld nicht hätte leben können. Wie hätte sie Angie Mellor jemals wieder in die Augen sehen können? Denn was immer zwischen Brian und Angie im Argen lag, die beiden waren verheiratet. Und sie liebten einander nach wie vor, dessen war Taryn sicher.

Das gute Gewissen änderte leider nichts daran, dass sie sich äußerst elend fühlte. Ihr war klar, dass sie nicht länger hier herumsitzen konnte, aber nach Hause wollte sie auch nicht. Sie könnte in ein Café fahren, um einen Tee zu trinken, aber Tee mochte sie jetzt nicht. Sie wusste überhaupt nicht mehr, was sie wollte.

Ach, Brian, warum musstest du alles zerstören? Wenn in ihrem Leben auch sonst nicht viel Aufregendes passierte – ihre Arbeit hatte sie immer gern getan. Beim Stichwort „Arbeit“ fiel ihr plötzlich ihre Tante Hilary ein, die Schwester ihres Vaters, die ganz in der Nähe eine Zeitarbeitsfirma unterhielt und mit der sie sich ausgezeichnet verstand.

Kurz entschlossen wählte sie die Nummer der Agentur auf ihrem Handy. „Bist du gerade sehr beschäftigt?“, fragte sie ihre Tante, die ebenso arbeitswütig war wie der Rest des Webster-Clans, Taryn eingeschlossen.

Hilary Kiteley, geborene Webster, war seit über dreißig Jahren Witwe. Finanziell hatte sie es nicht nötig zu arbeiten, aber sie hielt nichts davon, die Hände in den Schoß zu legen. So hatte sie sich branchenkundig gemacht und ihre eigene Firma gegründet, die inzwischen einen guten Ruf genoss.

„Meine Tür steht dir immer offen, Taryn“, sagte Hilary herzlich.

Eine halbe Stunde später saß sie bei ihrer Tante im Büro und erzählte ihr, dass sie gerade ihren heiß geliebten Job an den Nagel gehängt hatte. Zu den Gründen wollte sie sich nicht äußern, und einfühlsam, wie Hilary war, bohrte sie nicht nach, sondern lächelte ihrer Nichte nur aufmunternd zu.

„Vielleicht überlegst du es dir ja noch einmal.“

„Sicher nicht.“ Taryns Entscheidung stand fest. Der Kuss hatte alles verändert. Sie liebte Brian, und die Gefahr, ihm nachzugeben, war einfach zu groß.

„Du wirkst ziemlich mitgenommen“, stellte Hilary sachlich fest. „Soll ich dir einen befristeten Job besorgen, damit du dich in Ruhe nach einer neuen Stelle umsehen kannst?“

Taryn wollte selbstverständlich so bald wie möglich wieder in ihrem Beruf arbeiten. Nur konnte sie sich momentan nicht vorstellen, als Chefsekretärin für jemanden anders tätig zu sein als für Brian Mellor. Wenn überhaupt wieder.

„Du bist so vielseitig begabt, du kannst alles machen“, behauptete ihre Tante.

„Ach, Tantchen, du hast schon immer viel von mir gehalten!“

„Zu Recht. Erinnerst du dich an deine Meisterleistung als Kellnerin während deines Studiums? Die hätten dich sofort eingestellt, wenn du gewollt hättest.“

Hilarys aufmunternde Bemerkung entlockte ihrer Nichte tatsächlich ein kleines Lächeln. „Vielleicht sollte ich es wieder mit Kellnern versuchen“, meinte Taryn, um einen heiteren Tonfall bemüht. „Und jetzt fahre ich nach Hause.“

Sie hatte das Gefühl, ihre Tante lange genug aufgehalten zu haben.

„Wie ich hörte, hat Mrs. Jennings euch fluchtartig verlassen“, spielte Hilary auf die Kündigung der letzten Haushälterin im Hause Webster an. „Dann bleibt das Kochen wohl an dir hängen?“

Genau das sah Taryn auch auf sich zukommen. Sie wusste, dass ihre Stiefmutter kein Interesse und keinen Spaß an der Zubereitung der Mahlzeiten hatte, geschweige denn an allen anderen Hausarbeiten, obwohl sie ursprünglich als Haushälterin zu ihnen gekommen war. Wenn ihr Vater, der nicht einmal ein gekochtes Ei zustande brachte, etwas auf dem Teller haben wollte, war unweigerlich seine Tochter gefordert.

„Wir werden schon eine neue Haushälterin finden“, meinte Taryn zuversichtlich. Sie war dankbar, dass ihre Tante ihr den Hinweis ersparte, ihre Stiefmutter solle sich in dieser Angelegenheit ja nicht mehr an ihre Agentur wenden.

Stattdessen sprach Hilary ein anderes, innerhalb der Familie viel diskutiertes Thema an. „Wann ziehst du endlich von zu Hause aus? Seit Jahren redest du schon davon.“

„Ich weiß. Ich würde ja gern, aber jedes Mal, wenn ich es wirklich angehe, kommt irgendetwas dazwischen.“

„Wie damals, als deine Stiefmutter am Abend vor deinem geplanten Auszug ohnmächtig wurde? Oder ihr verstauchter Knöchel, als du das nächste Mal so weit warst? Nicht zu vergessen ihre dringend notwendige Operation, die sich dann wie durch ein Wunder erübrigte.“

„Du hast ein gutes Gedächtnis.“

„Eva Webster mag deine Stiefmutter sein, aber ich kannte sie schon, als sie noch Eva Brown hieß“, stellte Hilary klar.

Sie hatte Eva gekannt, lange bevor Taryns sanfte, liebenswerte Mutter die ständige Vernachlässigung durch ihren Ehemann nicht mehr ertragen und ihrer Tochter einen Tag nach deren fünfzehntem Geburtstag erklärt hatte, sie habe sich in einen anderen Mann verliebt. Sie ging, und Eva Brown, eine in bescheidenen Verhältnissen lebende Witwe, zog ein, zunächst als Haushälterin. Am Tag ihrer Hochzeit mit Horace Webster beschloss Eva, von nun an keinen Finger mehr im Haushalt zu rühren.

„Diese Frau behandelt uns wie Lakaien“, fuhr Hilary fort. „Als ob du dankbar sein müsstest, mit ihr unter einem Dach leben zu dürfen.“

Taryn, die nicht gegen ihre Stiefmutter Partei ergreifen wollte, obwohl ihre Tante zweifellos recht hatte, wechselte das Thema. „Wie geht’s meinem Lieblingscousin? Hast du in letzter Zeit etwas von Matt gehört?“

„Er ist sehr beschäftigt, aber von Zeit zu Zeit ruft er mich an.“

„Grüß ihn ganz herzlich von mir, wenn du das nächste Mal mit ihm sprichst“, bat Taryn und stand auf. „So, jetzt habe ich dich lange genug in Anspruch genommen.“

„Geht es dir besser?“ Ihre Tante begleitete sie zur Tür.

„Viel besser“, behauptete Taryn, mehr aus Höflichkeit denn aus Überzeugung.

Sie fuhr nach Hause und parkte ihren Wagen in der Garage. Schon beim Betreten des weitläufigen Hauses, das trotz seiner Großzügigkeit eine ungastliche Atmosphäre ausstrahlte, wurde sie von ihrer Stiefmutter mit der unwirschen Frage empfangen: „Also, was ist los?“

Taryn befürchtete kurz, ihre Tante habe bei Eva angerufen, aber so etwas würde Hilary nie tun. Allerdings hatte jemand anders angerufen, wie sie gleich darauf erfuhr. „Brian Mellor hat schon zweimal nach dir gefragt“, verkündete ihre Stiefmutter. „Er hat dich auf dem Handy nicht erreicht.“

„Stimmt.“ Taryn erinnerte sich, dass sie es gleich nach dem Anruf bei ihrer Tante ausgeschaltet hatte. Sie wollte nicht mit Brian sprechen, es gab nichts mehr zu sagen.

„Du sollst dich bei ihm melden. Was will er denn von dir?“

„Keine Ahnung. Hast du das Abendessen schon vorbereitet?“

„Ich hatte Migräne.“

Taryn war froh, das unliebsame Thema nicht weiter diskutieren zu müssen, wünschte ihr höflich gute Besserung und verschwand in die Küche.

In dieser Nacht konnte Taryn lange nicht einschlafen. Sie hatte ihren Job wirklich gern gemacht, war mit den Erfordernissen in einer Maschinenbaufirma und dem Fachjargon bestens vertraut, verfügte über ausgezeichnete Computerkenntnisse und war immer mit Begeisterung bei der Sache gewesen. Wie sah nun ihre weitere berufliche Entwicklung aus?

Wollte sie überhaupt noch Karriere machen? Brians Anrufe hatte sie nicht erwidert, denn sie war zutiefst verletzt. Immer wieder musste sie an seinen Kuss denken. Obwohl sie wenig Erfahrung in diesen Dingen hatte, kannte sie doch den Unterschied zwischen einem harmlosen Küsschen und der Art, wie Brian sie geküsst hatte.

Wobei er es vielleicht nicht einmal vorgehabt hatte. Es war einfach passiert. Sie war zufällig da gewesen, hatte Mitgefühl gezeigt, und – peng! – hatte er sie geküsst, leidenschaftlich und voller Verzweiflung. Und sie war in Panik geraten, hatte ihre Arbeit im Stich gelassen und war Hals über Kopf aus dem Büro gestürmt …

Plötzlich fiel ihr der Mann im Aufzug wieder ein. Sie erinnerte sich erstaunlich gut an ihn, an seine hochgewachsene Gestalt und den nicht mitleidigen, sondern sehr aufmerksamen Ausdruck in seinen grauen Augen, als er sie ansprach. Der Arme, dachte sie zerknirscht. Ihre Reaktion auf seine Hilfsbereitschaft war unangemessen barsch ausgefallen.

Taryn verbannte das Bild des gut aussehenden Mannes aus ihren Gedanken. Sie wusste nicht, wer er war, und es war unwahrscheinlich, dass sie es je erfahren würde, da sie nicht vorhatte, das Gebäude noch einmal in ihrem Leben zu betreten. Und wenn doch, würde sie die Erinnerung an die heutigen Ereignisse sicher nicht auffrischen wollen, indem sie sich bei ihm entschuldigte.

Am nächsten Morgen zerbrach Taryn sich den Kopf darüber, wie sie ihrem Vater und ihrer Stiefmutter am Frühstückstisch die Situation erklären sollte. Zum Glück jedoch war ihr Vater so mit seinem neuesten Experiment beschäftigt, dass er noch vor dem Frühstück in sein Labor verschwand. Taryn nahm sich vor, ihm später ein Tablett mit einem Imbiss zu bringen. Ihre Stiefmutter bequemte sich erst gegen neun hinunter ins Erdgeschoss.

„Du bist noch da?“, fragte sie erstaunt, als sie Taryn in der Diele begegnete. Zum Glück klingelte in diesem Moment das Telefon, und Eva nahm den Hörer ab. „Hallo? Brian, Sie sind es!“, rief sie geziert. „Hat meine ungezogene Stieftochter Sie nicht zurückgerufen?“ Taryn, die ihr verzweifelt signalisierte, dass sie ihn nicht sprechen wollte, sah, wie sie zögerte. „Tut mir leid, Taryn ist nicht da“, sagte Eva schließlich widerstrebend. „Kann ich ihr etwas ausrichten?“

Was offenbar nicht der Fall war. Doch kaum hatte Eva den Hörer aufgelegt, verlangte sie eine detaillierte Erklärung von ihrer Stieftochter.

„Wir hatten … Ich habe gekündigt.“

„Nur schade, dass Brian nichts davon weiß“, sagte ihre Stiefmutter giftig.

„Ich werde es ihm schriftlich geben.“

„Du bist einfach davongelaufen?“

„Ich … hatte keine Lust mehr, im Büro zu arbeiten.“ Taryn spürte, wie sei bei dieser dreisten Lüge errötete.

Eva stellte keine weiteren neugierigen Fragen mehr, denn inzwischen war ihr klar geworden, welchen Vorteil sie aus der Situation ziehen konnte. Beherzt packte sie die Gelegenheit beim Schopfe. „Na, ist das nicht großartig? Dann kannst du ja Mrs. Jennings Job übernehmen!“

„Ich … also, ich glaube nicht, dass ich eure Haushälterin sein möchte.“

Ihr Protest war umsonst. „Du willst doch wohl nicht den ganzen Tag tatenlos herumsitzen?“, empörte sich die Meisterin im Faulenzen.

Um zu vermeiden, dass Brian weiterhin anrief, reichte Taryn noch am selben Tag ihre schriftliche Kündigung ein, in der sie als Begründung für die fristlose Beendigung des Arbeitsverhältnisses unvorhergesehene private Umstände anführte.

Zurück kam ein handgeschriebener Brief, in dem Brian sie inständig bat, ihm zu verzeihen, dass er die Grenze zwischen Chef und Angestellter überschritten habe. Er versichere ihr, schrieb er, dass Derartiges nie wieder vorkommen werde, akzeptiere aber notgedrungen ihre Kündigung, falls sie darauf bestehe. Sollte sie jedoch irgendwann ihre Meinung ändern, so sei bei Mellor Engineering jederzeit eine Stelle für sie frei.

Taryn war den Tränen nahe. Sie hatte das Gefühl, Brian noch nie so geliebt zu haben wie in diesem Moment. Doch sie konnte nicht zu ihm zurück. Es tat weh, ihn nicht mehr zu sehen. Es tat weh, kein Teil des dynamischen Firmenalltags mehr zu sein.

Zwei Wochen lang kochte und schrubbte Taryn und fügte sich zähneknirschend Evas Anordnungen, bis abzusehen war, dass es über kurz oder lang zwischen ihnen zum Eklat kommen würde.

Obwohl sie ihren Job bei Mellor Engineering nach wie vor vermisste und die Wunde längst nicht verheilt war, fühlte sie sich inzwischen doch in der Lage, die Stellenanzeigen nach einem interessanten Angebot zu durchforsten.

„Welche Sandwiches hast du für heute Nachmittag vorgesehen?“ Es war Eva, die zur Tür hereinkam.

„Sandwiches?“

„Ja, für meine Bridgeparty!“

Taryn hörte zum ersten Mal von dieser Veranstaltung. „Lachs- und Gurkensandwiches“, erwiderte sie aufs Geratewohl, nur um den Frieden zu wahren. Resigniert stellte sie fest, dass sie nun auch noch einkaufen gehen musste.

Ihre Stiefmutter sah ihr neugierig über die Schulter. „Wieso liest du die Stellenanzeigen?“

Taryn lächelte. „Weil ich eine Stelle suche.“

„Du hast wohl nicht genug zu tun“, lautete Evas bissiger Kommentar, obwohl Taryn den ganzen Vormittag mit Staubsaugen und Staubwischen verbracht hatte.

Als sie wieder allein war, schlug Taryn die Seite mit den Wohnungsangeboten auf. Diesmal würde sie niemandem von ihren Auszugsplänen erzählen, ehe sie nicht mit Sack und Pack zur Tür hinaus war!

Während sie die Anzeigen überflog, kam ihr die Idee, ihre Mutter und deren neuen Ehemann in Afrika zu besuchen. Die beiden arbeiteten dort bei einer Hilfsorganisation. Doch würde sie überhaupt willkommen sein? Die Briefe ihrer Mutter klangen zwar immer sehr liebevoll, aber …

Taryn überlegte noch, ob sie wirklich anrufen und sich bei ihrer Mutter einladen sollte, als das Telefon klingelte. Sie nahm ab und freute sich, die Stimme ihrer Tante zu hören.

„Was tust du gerade?“, wollte Hilary wissen.

„Du meinst, außer Stellen- und Wohnungsanzeigen zu studieren?“

„So schlimm?“

„Nicht wirklich“, wiegelte Taryn ab, um ihre Tante nicht unnötig zu beunruhigen. „Ich eigne mich nur nicht zur Hausperle.“

Hilary zögerte kurz. „Schade.“

„Wieso?“

Wie sich herausstellte, suchte Hilary für einen ihrer Klienten eine Haushälterin für zwei Wochen. „Damit wäre dein Wohnproblem erst einmal gelöst, und du könntest in Ruhe nach einer festen Anstellung suchen“, versuchte sie ihrer Nichte die Sache schmackhaft zu machen.

Nach und nach erwärmte sich Taryn für die Idee. So wie ihre Tante es beschrieb, handelte es sich bei dem Auftraggeber um einen reizenden zweiundachtzigjährigen Herrn auf dem Lande, dessen langjährige Haushälterin sich vorübergehend um ihre kranke Tochter kümmern musste.

„Eine Freundin hat dieser Mrs. Ellington meine Agentur empfohlen, deshalb möchte ich bei der Besetzung der Stelle auf Nummer sicher gehen“, erklärte Hilary.

„Kann ich es mir noch überlegen?“

„Er braucht jemanden ab sofort!“

„Gut, gib mir die Adresse“, sagte Taryn kurz entschlossen. Die Verabredung, die sie für den Freitagabend mit Freunden getroffen hatte, konnte sie verschieben, und jeder Tag ohne Eva war ein Gewinn.

„Wunderbar!“, jubelte ihre Tante. „Wann fährst du?“

„Morgen“, erwiderte Taryn.

Früh am nächsten Morgen brach sie nach Knights Bromley auf, einem Dorf nahe der Grenze zu Wales. Wie zu befürchten gewesen war, hatte Eva Webster die Nachricht, dass sie sich nun selbst um den Haushalt kümmern musste, nicht sehr gnädig aufgenommen. Doch nichts auf der Welt konnte Taryn dazu bringen, ihrer Tante gegenüber ihr Wort zu brechen.

Mrs. Ellington, die Haushälterin, empfing sie in dem großen alten Haus, das in einer reizvollen Landschaft gelegen war. Bevor sie abreiste, erläuterte sie noch die zahlreichen Notizen, die sie für ihre Vertretung hinterlassen hatte, und machte Taryn mit ihrem Arbeitgeber bekannt.

Osgood Compton entpuppte sich wirklich als wahrer Gentleman. Schon wenige Stunden nach Mrs. Ellingtons Abreise begann Taryn sich bei ihm heimisch zu fühlen, und nach einigen Tagen hatte sie das Gefühl, den alten Herrn ihr Leben lang gekannt zu haben. Die erste Woche bei ihrem neuen Arbeitgeber, der trotz seines hohen Alters körperlich rüstig und geistig hellwach war, war die friedlichste, harmonischste Zeit, die sie je erlebt hatte.

Osgood Compton liebte ausgedehnte Spaziergänge, und sein Spazierstock war schon bald nicht mehr sein einziger Begleiter. Immer öfter stand der alte Herr wartend im Türrahmen, wenn Taryn von einer Hausarbeit aufsah. „Sie hätten nicht zufällig Lust, alles stehen und liegen zu lassen?“, fragte er dann – und natürlich hatte sie Lust.

So wanderten sie gemeinsam durch die idyllische Landschaft und führten so manche angeregte Unterhaltung. Osgood Compton, ein pensionierter Ingenieur, stellte hocherfreut fest, dass Taryn mit den Grundlagen seiner Branche vertraut war. Taryn ihrerseits schloss ihren netten Arbeitgeber in ihr Herz. Ihre Heimreise nahte, aber sie wusste, dass sie immer gern an die Zeit mit ihm zurückdenken würde.

Dann stellte sich heraus, dass Mrs. Ellingtons Tochter kurzfristig operiert werden musste, und die Haushälterin bat um weitere vier Wochen Urlaub. Mr. Compton, großzügig, wie er war, räumte ihr so viel Zeit ein, wie sie brauchte.

„Dürfte ich Sie wohl fragen, ob Sie es noch einen Monat mit mir aushalten?“, wandte er sich zaghaft an Taryn.

„Ich bin doch gern hier“, sagte sie nur. „Natürlich bleibe ich.“

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