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NONNOS SCHWARZE SCHWÄNE

Das Buch

Ein Großvater, der bis ins hohe Alter selbst ein Kind geblieben ist, erzählt normalerweise seinen drei Enkelkindern ständig selbst erfundene Geschichten und spielt mit ihnen Streiche. Doch davon nimmt Nonno bei der gemeinsamen Arbeit an diesem Buch Abstand und erzählt von den Schwarzen Schwänen seines Lebens – von dem eigentlich Unmöglichen. Er vermittelt den Enkeln schier unglaubliche Ereignisse aus dem eigenen Leben, die sich tatsächlich zugetragen haben. Er berichtet von Astrologen, Kartenlegern, Heilern und anderen unerklärlichen Phänomenen. Gemeinsam finden sie heraus, welche Bedeutung diesen sonderbaren Erlebnissen zukommt. Mit diesem Vermächtnis will der Großvater seinen geliebten Enkeln aufzeigen, dass das Leben wunderbare Möglichkeiten für jeden bereithält, um Erfüllung zu erlangen.

Jedem Kind vermacht Nonno ein Buch, in dem sie nach seinem Tod auch als Erwachsene Orientierung und Kraft finden können, selbst ein glückliches und erfülltes Leben zu gestalten. So bleibt der Dialog zwischen Großvater und Enkeln fortbestehen, selbst dann, als Nonno seine Todesmelodie gefunden hat und damit in eine andere Welt gereist ist.

Der Autor

Jürgen Hogeforster, 1943 am linken Niederrhein geboren, lebt im Hamburg. Nach einer Ausbildung und Tätigkeit als Landwirt, einem Ingenieurstudium, einem Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften mit Promotion, hat er bis heute unterschiedliche Berufe ausgeübt und immer Berufung gefunden. Aktuell ist er im Hanse-Parlament engagiert. Daneben bezeichnet er sich als Erzähler von Märchen für Erwachsene. Jürgen Hogeforster ist nebenberuflich journalistisch tätig und hat zahlreiche Fachbücher sowie verschiedene Erzählungen und Romane publiziert.

Inhalt

I

Glöckchen im Bergtempel

II

Medizin gegen Algen

III

Reise ins Mittelalter

IV

Die weiße Medizinfrau

V

Steine aus der Vergangenheit

VI

Energie der Mutter Gottes

VII

Energie aus dem Schrank

VIII

Krankheit aus dem Erdreich

IX

Richtiges Signal zur rechten Zeit

X

Mogelei der Mutter

XI

Es steht in den Sternen

XII

Zukunft in den Händen

XIII

Die Welt ist viel mehr

XIV

Das Schweizer Kreuz des Pendels

XV

Unbewusstes Diktat

XVI

Zweifacher Tod

XVII

Die Dame von 1301

XVIII

Segen der weißen Wand

XIX

Ahnen geht dem Wissen voran

XX

Kompass zum Ziel

XXI

Fühlen der Wirklichkeit

XXII

Einsehen des Richters

XXIII

Technologien der Natur

XXIV

Sutras

Sutra: Geschenk auf Zeit

Kinder sind ein Geschenk auf Zeit.

Du darfst sie begleiten,

nicht nach Deinem Willen verformen.

Fördere das sorglose Spiel der Kinder,

damit künftig Gesellschaft Bestand haben kann.

I

„Nonno, du hast einen weißen Bart und bist schon sehr alt. Wirst du bald sterben?“

„Nein, ich sterbe nicht so bald, denn ich habe die Melodie für meinen Tod noch nicht gefunden.“

„Warum brauchst du für das Sterben eine Todesmelodie?“

„Schaut, der Tod ist nur ein Übergang in eine andere Welt. Es ist ungefähr so wie mit einer Raupe, die sich in einen dichten Kokon einspinnt. Und aus der Raupe schlüpft dann nach einiger Zeit ein wunderschöner Schmetterling. Für diese Reise benötige ich eine bestimmte Melodie, damit ich auf den Wellen der Klänge zum Schmetterling werden kann.“

Ich bin ein glücklicher Nonno, jetzt dreiundsiebzig Jahre alt, davon zwanzig Jahre eine geschenkte Zeit, die mir eigentlich nicht zustand. Vielleicht wurden mir diese zusätzlichen Jahre gewährt, damit ich als Krönung eines erfüllten Lebens das Heranwachsen meiner Kinder begleiten und meine drei Enkelkinder erleben kann. Mit Ausnahme der Jahre als Teenager würde ich jede Minute meines Lebens wiederholen. Aber ich könnte auch auf alles verzichten, nur nicht auf meine Kinder und Enkel.

Meine geliebte Frau hat mir zwei großartige Kinder geschenkt: Gabriele und Max. Doch ich nenne sie immer nur Elisabeth und Sir Max, weil sie etwas ganz Besonderes sind.

Elisabeth hat mit ihrem Mann Patrick zwei wunderbare Töchter: Joel Elisabeth, elf Jahre, und Malou, acht Jahre. Joel besucht das Gymnasium und Malou die Grundschule. Ich erzähle ihnen erfundene Geschichten, die wir gemeinsam immer weiterspinnen, und bringe ihnen Streiche bei. Schule ist wichtig, doch längst nicht alles.

„Wenn ihr heute Nachmittag nach Hause kommt und habt keinen Streich gemacht, dann war der Tag vergebens.“

Für mich ist es wichtig, dass Kinder genügend Zeit zum selbstbestimmten, fröhlichen Spiel haben. Und ich will, dass die Enkel ihre Träume nicht vergessen, denn diese sind wichtig und real, sie bestimmen die Zukunft. Ich glaube, jeder kommt auf diese Welt, um seine Träume zu verwirklichen. Viele vergessen es leider nur während ihrer Erziehung, der Schulzeit und später im Arbeitsleben. Sie leben und sterben ohne Träume und haben das eigene Leben übersehen.

Sir Max hat mit seiner Frau Sandra einen Sohn Johann, ihr zweiter Sohn Leon hat vor wenigen Tagen das Licht der Welt erblickt – ein Tag größter Freude. Johann ist drei Jahre alt und da er wie ich in Hamburg lebt, kommt Johann mich häufiger besuchen. Wenn ich dann eine meiner vielen Pfeifen anstecke, holt Johann seine eigene Pfeife aus Bernstein hervor, die Nonno nie selbst geraucht und Johann geschenkt hat, steckt sie in den Mund, geht auf den Balkon und schaut zu den Bäumen im Park.

„Johann träumt“, sagt seine Mutter, die ihrem in Gedanken versunkenen Sohn zuschaut.

Doch ich glaube nicht, dass Johann nur einfach in den Tag hineinträumt. Vielleicht denkt er über seine eigenen Sehnsüchte nach, die er sich für sein Leben vorgenommen hat, und überlegt, wie er diese mit den Erziehungsbemühungen der Erwachsenen und den ständig geforderten Anpassungen in Einklang bringen kann.

Es sind absolute Glücksstunden, mit meinen Enkeln im Garten unter dem großen Magnolienbaum zu sitzen. Dann versinkt die Welt um uns herum, wir sind uns selbst genug und nur dieser Moment zählt.

„Nonno, erzähle uns eine Geschichte von Affe Fips und Affe Hops mit dem Krokodil“, bittet Malou.

Johann überlegt: „Oder von Feuerwehrmann Sam, das bin ich. Wir müssen alle zum Einsatz, die Katze vom Baum retten und das Haus von Frau Müller löschen. Nonno, bist du Frau Müller?“

„Ich habe eine bessere Idee“, stellt Joel fest. „Nonno, erzähle uns lieber Streiche aus deiner Schulzeit.“

„Nun, ich denke, heute erzählen wir uns keine Geschichten und Streiche. Ich will lieber über Ereignisse aus meinem Leben berichten, die nicht erfunden sind, sondern sich wirklich zugetragen haben. Ich will euch die Schwarzen Schwäne meines Lebens schildern.“

„Geschichten von Schwarzen Schwänen? Sind die lustig?“

„Nicht unbedingt lustig, eher seltsam. In Europa gab es nur weiße Schwäne. Dann wurde Australien entdeckt. Dort gibt es Schwarze Schwäne, und was keiner für möglich gehalten hatte, war plötzlich Realität. Deshalb bezeichnet man unwahrscheinliche Ereignisse, die eigentlich unmöglich sind, als Schwarze Schwäne.

Die meisten Menschen glauben, diese Ereignisse hätte es nie gegeben, ich hätte sie mir nur ausgedacht, alles sei nur pure Phantasie. Dabei ist die Welt viel mehr als das, was wir sehen und kennen. Viel mehr, als wir in der Schule lernen, und viel mehr als, Wissenschaftler erforscht haben.“

„Gibt es wirklich solche Dinge?“

„Na klar, ich habe sie doch selbst erlebt. Und ich denke, ich werde diese an Wunder grenzenden Erlebnisse aufschreiben. Wir reden dann darüber und finden gemeinsam heraus, was diese Ereignisse für euer Leben bedeuten können. So schreiben wir das Buch gemeinsam. Jeder von euch erhält dann ein eigenes Buch, das nur für euch bestimmt ist.“

„Au fein, ein Buch nur für uns. Was sollen wir dann mit unserem Buch machen?“

„Ihr könnt immer darin lesen. Nicht nur jetzt, sondern auch später wenn ihr erwachsen seid. Wenn ihr irgendwann einmal irgendein Problem habt, vielleicht nicht wisst, wie es weitergehen kann, dann nehmt ihr das Buch, schlagt es an einer beliebigen Stelle auf und lest eines meiner Erlebnisse. Ihr erfahrt dann, welche großen Kräfte es gibt, von denen Ärzte, Professoren und all die gescheiten Leute nichts wissen. Und schon kommen diese Kräfte zu euch, ihr könnt sie nutzen, und eure Probleme verschwinden im Handumdrehen.“

„Das ist ja ein reines Zauberbuch! Hilft es auch, wenn ich einmal in einer Klassenarbeit eine schlechte Note habe?“

„Selbstverständlich, dann bestimmt ganz besonders. Und das Tollste ist, wir können immer noch miteinander reden – selbst wenn ich schon lange tot bin.“

„Aber Nonno, mit Toten kann man doch überhaupt nicht sprechen.“

„Wer sagt denn das? Ihr lest in dem Buch, schaut dann vielleicht aus dem Fenster und seht draußen einen Schmetterling vorbei flattern.

Sofort wisst ihr: Nonno ist da!“

„Na klar, wenn wir das Buch haben, dann wissen wir doch, das ist Nonnos Buch, er hat es nur für uns geschrieben. Er lebt dann in diesem Buch für uns weiter, ist immer bei uns.“

„Genauso ist es. Und ich habe noch eine Idee: Ich werde für euch zu jedem meiner Erlebnisse ein Sutra in diesem Buch aufschreiben.“

„Ein Sutra? Was ist das denn?“

„Sutra, das kommt aus dem Indischen und bedeutet Faden oder Kette. Es ist wie eine Halskette mit vielen Perlen. Jede einzelne Perle ist ein kurzer Text, der das Wichtigste, was man für ein Leben wissen muss, mit wenigen Worten ausdrückt. Also lange Erklärungen stark verdichtet, wie es das deutsche Wort ‚Dichtung‘ besagt. Es sind gewissermaßen die Lehren, die ihr aus meinen Lebensereignissen entnehmen könnt. Ihr habt dann eine gute Erinnerungsstütze, was meine Erlebnisse, die ich für euch aufschreibe, für euer Leben bedeuten und wie sie euch helfen, mit allen Problemen fertig zu werden.“

„Warum müssen wir dann überhaupt noch zur Schule gehen, wenn die Sutras schon alles enthalten, was wir für unser Leben benötigen?“

„Nun, wir Menschen haben unsere Welt immer in zwei Hälften aufgeteilt, damit wir sie besser verstehen. Diese Teile hören sich wie Gegensätze an: hell und dunkel, oben und unten, groß und klein. Aber diese Gegensätze gehören zusammen, das Ganze ist mehr als die Summe der Teile. In der Schule lernt ihr die eine Hälfte, und die Sutras vermitteln euch die andere Hälfte. Beides gehört zusammen, ergibt das Ganze, und jedes Sutra sagt euch gleichzeitig, wie ihr das Wissen aus der Schule und dem täglichen Leben mit der anderen Hälfte zusammenfügen könnt und daraus ein glückliches und erfülltes Leben wird.“

„Müssen wir dann wie in der Schule jedes Sutra auswendig lernen, ständig wiederholen und dann darüber auch noch Klassenarbeiten schreiben?“

„Nein, bestimmt nicht. Ihr lest einfach jeden Tag, morgens vor dem Aufstehen oder abends vor dem Schlafen, ein Sutra. Immer dasselbe, einen Monat lang. Das dauert nur drei Minuten. Tagsüber in der Schule, beim Spielen oder später bei der Arbeit denkt ihr dann ein wenig darüber nach, was dieses Sutra für euch bedeutet, wie und wo es euch im täglichen Leben begegnet. Am Ende des Monats kennt ihr dann das Sutra in- und auswendig, es ist zum selbstverständlichen Teil von euch selbst geworden. Als hättet ihr ein Stück Schokolade gegessen. Und im nächsten Monat kommt dann das nächste Sutra, die nächste Schokolade, an die Reihe.“

„Das ist einfach. Aber was machen wir, wenn wir eine Frage haben? Wenn wir etwas nicht verstehen?“

„Dann schließt ihr einfach die Augen und sagt leise: Nonno, das verstehe ich nicht. Bitte erkläre es mir.“

„Aber du bist doch nicht immer da. Und wenn du tot bist, erst recht nicht.“

„Probiert es einfach aus. Ihr müsst nur ganz leise sein, dann hört ihr in euch meine Stimme mit meiner Antwort.“

„Aber manchmal, wenn wir etwas fragen, dann sagst du nur: ‚Das müsst ihr selbst herausfinden‘.“

„Klar doch, denn ihr seid viel klüger als ich. Und für das Herausfinden gibt es einen einfachen Trick. Die Sutras bestehen nur aus wenigen Worten. Die schreibt ihr auf eine kleine Karte, die ihr eine Zeit lang immer bei euch tragt, in der Tasche, im Federmäppchen oder unter dem Kopfkissen. Immer wenn ihr die Karte entdeckt, lest ihr dieses Sutra. Und nach einer kleinen Weile bekommt ihr dann automatisch die Antwort, eine viel Bessere, als ich euch geben könnte.“

„Okay, das machen wir. Aber wenn das Buch fertig ist, dann erzählen wir wieder Geschichten, Märchen und Streiche. Nun berichte uns von einem Erlebnis, das wirklich in deinem Leben passiert ist.“

„In Ordnung!“

 

Glöckchen im Bergtempel

Thailand ist das Land des Lächelns. Sie hatten dort einen König, der vom ganzen Volk geliebt wurde. Er hieß Bhumibol, und da er schon sehr alt war, vertrat ihn seine Tochter, Prinzessin Maha Chakri, hin und wieder bei bestimmten Anlässen. Auf einem großen Fest habe ich diese kluge Prinzessin einmal kennengelernt. Sie saß in einer weiten, an allen vier Wänden offenen Halle auf einem mächtigen Holzsessel, neben ihr eine recht große, geöffnete Handtasche.

In einer langen Reihe traten viele Menschen an die Prinzessin heran und verbeugten sich tief vor ihr. Einige rutschten sogar auf den Knien zu ihr. Jeder überreichte der Prinzessin einen dicken Briefumschlag, der sofort in ihre große Handtasche verschwand. Sie nickte lächelnd, dankte herzlich und schon kam der Nächste dran. Nach über hundert Menschen, die der Prinzessin etwas überreichten, war die Handtasche prall gefüllt mit Umschlägen.

Ich wollte wissen, was da vor sich ging und erhielt dazu folgende Erklärung. Alle diese Menschen waren ausgewählt, der Prinzessin in den Briefumschlägen große Geldsummen persönlich übergeben zu dürfen. Viele, viele andere gaben ihre Spenden beim Pförtner ab. Alle diese Menschen zahlen pünktlich ihre Steuern. Freiwillig überreichen sie zusätzlich der Königsfamilie große Beträge, die das Geld für Stiftungen und wohltätige Zwecke verwendet.

„Ich habe sehr gute Geschäfte gemacht“, erklärte mir einer der Spender, „und will gern etwas zurückgeben von dem, was ich erhalten habe. Dann werde ich bestimmt auch künftig gute Geschäfte machen.“

Dieses Prinzip des Zurückgebens gefällt mir sehr gut. Und da das Leben es auch mit mir sehr gut meint, habe ich beschlossen, auch regelmäßig etwas zurückzugeben. Und tatsächlich ging es mir in meinem Leben immer gut, bis heute im Alter sogar noch immer besser.

Eine Form meines Zurückgebens besteht darin, dass ich mich bei Projekten der wirtschaftlichen Entwicklungshilfe und des Umweltschutzes engagiere. Drei dieser Projekte führten mich neun Jahre lang nach Thailand, häufig auch in den Norden in die Stadt Chiang Mai. Während dieser Aufenthalte habe ich immer sehr gern Teile meiner freien Zeit in einem buddhistischen Kloster oder Tempel verbracht. So beschloss ich, ein Wochenende in der Tempelanlage Wat Phra That auf dem Berg Doi Suthep etwas außerhalb von Chiang Mai zu verbringen.

Den Aufstieg zum Tempel kann man bequem mit einer Seilbahn bewältigen. Entgegen meiner Angewohnheit, jegliche körperliche Bewegung zu vermeiden, nahm ich jedoch den Pilgerweg mit vielen Treppenstufen durch den Wald. Oben angekommen, war meine Enttäuschung riesengroß. Ich hatte mich nach Ruhe gesehnt, wollte die Mönche bei ihrem einfachen Leben begleiten und wurde nun mit ganzen Heerscharen von Pilgern und Touristen konfrontiert.

So setzte ich mich in einem der Tempel in der Nähe einer großen, goldenen Buddhastatue auf den Boden, mit dem Rücken an eine Säule angelehnt. Schon bald verschwand alle Hektik. Ruhe und heitere Gelassenheit zogen in mir ein. Nach etwa einer Viertelstunde verspürte ich ein angenehmes Kribbeln an den Beinen und Armen. An meinen bloßen Unterarmen richteten sich alle Härchen auf, als würden sie mit Energie aufgeladen. Ich schloss die Augen und meditierte. Plötzlich traf ein Wassertropfen meine Stirn und löste auch hier das angenehme Kribbeln aus. Als ich die Augen öffnete, erblickte ich wenige Schritte von mir entfernt einen mich anlächelnden Mönch, der unterhalb der Buddhastatue saß, einen kleinen Reisigbesen in einen kupfernen Topf tauchte und die vorbeiziehenden Menschen mit geweihtem Wasser besprengte. In den folgenden drei Stunden hat er auch mich immer wieder erfrischt.

Dieses Kribbeln an den Gliedmaßen und das Gefühl, der ganze Körper werde mit Energie aufgeladen, habe ich später in vielen Tempeln, Heiligtümern und Kirchen in Asien, Mittelamerika, Russland und ebenso in Europa erlebt. Schon seit Urzeiten errichten die Menschen ihre heiligen Stätten an Plätzen mit besonders intensiver Energieabstrahlung der Erde. Diese Energie wird noch ständig verstärkt durch die unzählig vielen Menschen, die hier über Jahrhunderte hinweg beten oder meditieren.

Nur schwer habe ich mich von meinem einzigartigen Platz im Tempel getrennt. Der Abend war angebrochen, die Besucher waren verschwunden und wohltuende Ruhe trat ein. Ich habe zwei unvergessliche Tage im zur Tempelanlage gehörigen Kloster verbracht. Der Aufenthalt, Essen und ein einfacher Schlafplatz sind kostenlos. Ohne Bezahlung erhält man sehr viel, gibt selbstverständlich etwas zurück, durch eine Geldspende, Arbeit im Garten oder Hilfe in der Küche.

Ich habe diese kurze Zeit über alle Maßen genossen. Leider verstand ich die Gebete und Gesänge der Mönche nicht, doch allein schon das Zuschauen, Mitmachen, Meditieren und Einatmen der wohltuenden Atmosphäre waren ein kostbares Geschenk. Nur hin und wieder gab mir ein Englisch sprechender Mönch kurze Erklärungen und Hilfen. Dieser liebenswürdige Mensch verabschiedete mich auch am Sonntagabend. Er überreichte mir eine kleine goldene Glocke und forderte mich auf, darauf mit einem Filzstift meinen Vornamen „Jürgen“ zu schreiben. Dann holte er eine Leiter und gemeinsam befestigten wir mein Glöckchen unter dem ausladenden Dach außerhalb des Tempels.

„Nun wirst du das Bimmeln dieser Glocke immer hören, auch wenn du wieder in Europa bist. Die Glocke gibt dir die Signale, damit du stets seinen rechten Lebensweg findest“, versicherte mir der Mönch. Beim Fortgehen vernahm ich das zarte Klingen meines im seichten Abendwind schaukelnden Glöckchens.

Das leise Bimmeln meiner Glocke vernahm ich auch über zwei Jahrzehnte in Europa. Selbstverständlich drang ihr Klang aus den weit entfernten Bergen Nordthailands nicht tatsächlich an meine Ohren in Hamburg. Bei Verhandlungen, beim Meditieren im Souterrain meines Hauses, bei schwierigen Entscheidungen und vielen anderen Gelegenheiten kam mir immer wieder plötzlich meine Glocke in Thailand in den Sinn, ich glaubte ihr Klingeln zu vernehmen, das mir verkündete: „Achtung, hier passiert etwas Wichtiges, sei aufmerksam, handle klug.“

Diese Signale waren für mich immer willkommene Wegweiser.

Vor einiger Zeit passierte dann das Unfassbare.

Ich befand mich in meinem Arbeitszimmer und führte ein langes, schwieriges Telefonat. In einer für mein weiteres Leben ausschlaggebenden Angelegenheit hatte ich mich für einen bestimmten Weg entschieden. Nun versuchte am anderen Ende der Leitung mein Gesprächspartner mich vom genauen Gegenteil zu überzeugen. Er führte gewichtige Argumente an, zählte alle Nachteile meiner getroffenen Entscheidung auf und schmeichelte mir auch ein wenig an den genau richtigen Stellen. Ich spürte meinen Wiederstand dahin schmelzen wie Schnee in der Sonne und stand kurz davor, meine Entscheidung zu widerrufen.

Da vernahm ich unüberhörbar deutlich das Läuten meiner Glocke im thailändischen Tempel.

Keine Einbildung, keine Sinnestäuschung. Das Läuten war tatsächlich da, setzte kurz aus und war wieder zu vernehmen.

Ohne jegliche weitere Überlegung teilte ich meinem Gesprächspartner mit, dass meine Entscheidung unumstößlich sei, und beendete schnell das Telefonat. Später stellte sich heraus, dass ich genau das Richtige getan hatte.

Damals musste ich jedoch sofort dem mysteriösen Glockenklingeln nachgehen. Beim Verlassen meines Arbeitszimmers vernahm ich leise Stimmen aus dem Wohnzimmer. Ohne dass ich es bemerkt hatte, waren unsere Freunde aus Thailand zu Besuch gekommen. Sie hatten mir eine kleine goldene Glocke mitgebracht, wie man sie häufig in Thailand in Tempeln verwendet. Das Auspacken und Ausprobieren der Glocke hatte das Klingeln erzeugt, das ich bei meinem Telefonat so deutlich vernommen habe und mich auf meinen rechten Weg zurückbrachte.

Seit diesem Tag höre ich das Klingeln meiner Glocke häufig und sehr deutlich.

Denn die Glocke hängt vor der Tür meines Arbeitszimmers. Und mit dem Läuten kündigt Johann seinen Besuch an.

Ich lasse mich nicht gern bei meiner Arbeit stören. Doch wenn ich das Klingeln meiner Glocke vernehme, schalte ich gern den Computer aus. Denn es werden Zeiten des wunderbaren Glücks eingeläutet: Johann ist da.

Sutra: Alles ist eins

Alles ist miteinander verbunden.

Alles hat Sinn.

Du bist ein Teil des Ganzen

und das Ganze ein Teil von Dir.

Sutra: Wege zur Vollkommenheit

Finde heraus, was Du wirklich in dieser Welt willst.

Folge diesem Kompass,

lasse Dich nicht beirren und verbiegen.

Dein Lebensweg gleiche nie dem Karussell,

sondern sei Lernen der Vollkommenheit.

II

„Nonno, dass man immer etwas zurückgeben muss, verstehe ich nicht. Das kann doch nicht jeder. Wir erhalten von dir ein Buch und haben doch nichts, was wir dir zurückgeben können.“

„Oh, ihr gebt mir sehr viel zurück, eure Liebe und großes Glück. Außerdem braucht ihr nicht mir etwas zu geben, ihr könnt auch etwas Gutes für andere tun, beispielsweise für eure Eltern, in dem ihr ohne Protest eure Zimmer aufräumt.“

Es geht nicht um eine Entlohnung, sondern um die Einhaltung eines grundlegenden Lebensprinzips.

Das entscheidende Prinzip unseres Daseins auf Erden ist die ausgeglichene Bilanz zwischen Geben und Nehmen. Es ist eigentlich ganz einfach, die meisten Menschen vergessen es leider nur.

Jeder Mensch nimmt laufend etwas, von anderen Menschen, von der Gemeinschaft, von der Natur, von der Energie des Universums. Und jeder muss dann auch ständig wieder etwas zurückgeben, den anderen Menschen, der Natur oder dem lieben Gott. Nur wenn die Bilanzen zwischen Geben und Nehmen dauerhaft ausgeglichen werden, kann Leben funktionieren. Wenn das nicht geschieht, entstehen Chaos, Elend und Kriege. Die ständig unausgeglichenen Bilanzen sind die zentrale Ursache für alle unsere Probleme.

Wenn einer von seinen Mitmenschen oder der Natur immer nur etwas nimmt und nichts oder nur sehr wenig zurückgibt, wird er zwangsläufig frech, und seine Frechheit steigert sich ins Unermessliche. Dann hat es keinen Zweck, ihn zu bestrafen, er würde es nicht verstehen, sich nicht ändern, sondern mit noch viel raffinierterer Frechheit weiter ausbeuten. Man muss ihm die Chance eröffnen, wieder etwas zurückzugeben, und dementsprechend die Weichen stellen.

Entscheidend ist also nicht so sehr die Erstattung an eine bestimmte Person, sondern grundsätzlich der Ausgleich der Bilanzen zwischen Geben und Nehmen. Wenn jemand von einer Person etwas bekommt, kann er ebenso gut seinem kranken Nachbarn helfen. Hauptsache, das Geben wird nicht vergessen und die Bilanzen werden dauerhaft ausgeglichen.

„Nonno, glaubst du wirklich, dass wir das Läuten einer kleinen Glocke im fernen Thailand hier bei uns hören können?“

„Hm, das ist eine schwierige Frage. Theoretisch wäre es möglich. Die moderne Quantenphysik hat in den vergangenen Jahrzehnten herausgefunden, dass Materie aus Nicht-Materie, also nur aus Schwingungen besteht. Die kleinsten Teilchen in den Atomen, die Elektronen, besitzen eine ungeheure Speicherkapazität und vermitteln laufend Informationen, die sich unabhängig von Raum und Zeit ausbreiten und überall verfügbar sind. Die Drehungen der Elektronen bezeichnet man als Spin. Über ihre Spins sind alle Elektronen auf der Welt in einem permanenten Informations- und Energieaustausch miteinander verbunden.

Warum sollen dann nicht die Spins der Elektronen der thailändischen Glocke mit den Spins der Elektronen in unserem Körper kommunizieren, ohne dass wir es bemerken? Und wenn man bedenkt, wie unendlich groß die Zahl der Atome und Elektronen in einer kleinen Glocke ist, wird deutlich, wie intensiv der Informationsaustausch sein kann, selbst wenn jedes einzelne Signal unendlich klein ist. So klein, dass unsere Ohren es nicht hören können, und doch ist es real da.

Diese Energien haben viele Namen. Die Chinesen nennen sie Chi, Wilhelm Reich spricht von Orgon. Vielleicht ist es auch dieser Geist, der die Materie und uns ebenso formt, den wir mit Carl Gustav Jung als das kollektive Unterbewusstsein oder im christlichen Glauben mit Gott bezeichnen können.“

„Aber, wenn es einen solchen Informations- und Energieaustausch gibt, muss ja bei der unendlich großen Zahl von Atomen und Elektronen in unserer Welt alles in Schwingung sein. Dann wäre ja alles fließend, nichts Festes mehr da.“

„Genau so ist es. Auch jeder Gedanke eines Menschen besteht letztlich aus solchen Spins und bleibt als Schwingung in unserer Umwelt erhalten. Deshalb kann unser Denken vielleicht morgen schon Wirklichkeit werden. Nur, wir spüren die Energie der Gedanken nicht, wir können die Gedanken eines anderen nicht hören.“

„Aber es gibt doch Gedankenleser!“

„Sicher, die gibt es. Vielleicht haben diese die Gabe, dass sie die Spins und Energie der Gedanken von anderen Menschen vernehmen können.“

„Hast du Erlebnisse gehabt, wo solche unhörbaren Informationen und unsichtbaren Energien irgendetwas Sichtbares ausgelöst haben?“

„Ja.“

„Los, erzähl!“

„Was soll ich?“

„B-i-t-t-e erzähle uns von deinen Erlebnissen, wo unsichtbare Informationen etwas bewirkt haben, was man mit den eigenen Augen sehen kann.“

„Wird gemacht!“

 

Medizin gegen Algen

Ich bin schon immer sehr neugierig gewesen. Am meisten hat mich in meinem Leben das interessiert, was ich selbst nicht kann, von dem ich nichts weiß und dafür keine Erklärung habe. So habe ich einmal ein Seminar über Homöopathie besucht, das ist eine besondere Form der Naturmedizin. Dabei lernte ich einen Heilpraktiker kennen. Sein Name ist Karl Herbst, und er hat einen recht beachtlichen Erfolg mit seinen homöopathischen Heilmethoden. Ich habe viel von ihm gelernt.

Zur damaligen Zeit gab es eine schlimme Algenpest in der Nordsee und Ostsee. Die vielen Abwässer, die starken Überdüngungen in der Landwirtschaft: Alles gelangt ins Grundwasser, in die Flüsse und schließlich ins Meer. Dadurch sind die Algen im Meer so schnell und riesengroß gewachsen, dass alle Meere, insbesondere an den Küstenstreifen, voller Algen waren.

Am Rande des Seminars kam ich mit Herrn Herbst ins Gespräch über diese ungeheuerliche Algenpest. Der Heilpraktiker erzählte mir, er habe in seinem Gartenteich ebenfalls ein solches Riesenwachstum von Algen gehabt, mit homöopathischen Methoden habe er diese Seuche aber erfolgreich bekämpfen können. Er hat ganz einfach Algen aus seinem Gartenteich herausgenommen, sie getrocknet, dann verbrannt und die Asche in reinem Wasser aufgelöst. Dieser Sud wurde gefiltert und immer weiter verdünnt.

Ich kann diesen Prozess nur laienhaft beschreiben. Homöopathen meinen, man könne Gifte am besten mit den Giften selbst bekämpfen. Die ständigen Verdünnungen mit Wasser nennen sie Schüttelungen. Bei jeder Schüttelung wird die Ausgangssubstanz stark verdünnt, und nur Informationen verbleiben in der verdünnten Flüssigkeit. Je mehr Schüttelungen gemacht werden, desto weniger Ausgangssubstanz ist in der Flüssigkeit vorhanden und desto höher ist die Konzentration der Information. Wenn viele Schüttelungen erfolgen, entsteht praktisch eine hochwirksame Medizin. Von der Ausgangssubstanz, dem ursprünglichen Gift, ist chemisch nichts mehr festzustellen. Die Information ist jedoch extrem stark konzentriert. Chemisch handelt es sich dann um reines Wasser. Die darin enthaltene Information ist aber hochwirksam. Deshalb arbeiten Homöopathen meistens mit einer niedrigen Anzahl von Schüttelungen, um die Medizin nicht zu stark zu machen.

Ich weiß, das klingt alles absurd, und ich kann es auch nicht ganz nachvollziehen, sondern einfach nur so nehmen, wie es mir von dem Homöopathen berichtet wurde. Auf jeden Fall hat er dies auch mit seinen Algen gemacht und dann eine Tasse von dieser Flüssigkeit, die chemisch praktisch reines Wasser war, in seinem Gartenteich geschüttet. Und nun kommt es: Bereits nach einigen Tagen seien die Algen total verschwunden, und die Fische in dem Gartenteich hätten sich, erstmalig nach Jahren, wieder stark vermehrt.

Nun gebe ich gern zu, dass ich für solche wissenschaftlich unerklärlichen Phänomene durchaus anfällig bin. Aber diese Geschichte des Heilpraktikers war auch für mich ein zu starker Tobak. Mir gefiel, dass Herbst nicht versuchte, mich irgendwie zu überzeugen oder mir sein Verfahren zu beweisen. Er lud mich ganz einfach ein, an einem weiteren Experiment teilzunehmen, das er im Gartenteich seines Nachbarn durchführen wollte. Natürlich willigte ich sofort ein.

Nun stand ich an diesem Gartenteich und konnte mich von dem Ausmaß der Algenpest überzeugen. Der ganze Teich war praktisch bis zum Grund mit Algen ausgefüllt. Herr Herbst wiederholte genau das Experiment, das ich bereits geschildert habe. Wiederum schüttete er eine Tasse der hergestellten Medizin in den Gartenteich. Mir gab er bereitwillig eine Probe der Medizin mit, die ich im Chemielabor unserer Universität untersuchen ließ. Das Ergebnis der Laboruntersuchung hat mich nicht erstaunt. Es lautete: Reines H2O. Fast von der Qualität destillierten Wassers.

Erstaunt hat mich jedoch das Ergebnis, als ich drei Wochen später den behandelten Gartenteich wieder aufsuchte. Die Algen waren fast vollständig verschwunden. Es gab kein Größenwachstum mehr. Die wenigen verbliebenen Algen hatten sich auf ein normales Maß zurückgebildet. Herr Herbst und ebenso sein Nachbar, dem dieser Gartenteich gehörte, versicherten mir, dass sie nach der Behandlung mit der homöopathischen Mischung nichts, aber absolut gar nichts an dem Gartenteich unternommen hätten. Ich hatte keinen Anlass an ihren Worten zu zweifeln. Ich stand ganz einfach vor einem Rätsel, das ich nicht erklären konnte.

Ich ermunterte Herrn Herbst, sein einfaches, anscheinend aber doch so wirksames Verfahren dem Umweltminister mitzuteilen, damit auf diese Weise vielleicht auch die Nord- und Ostsee behandelt werden könnten. Der Heilpraktiker schrieb an den Umweltminister, erhielt aber nie eine Antwort. Unsere Politiker kennen anscheinend auch nur die eine Seite unserer Welt und glauben, es gäbe sonst nichts Wichtiges.

Mich beschäftigte allerdings diese Angelegenheit weiter. Und mit Einverständnis des Heilpraktikers wandte ich mich an unsere hiesige Universität. Ich kenne dort einen Professor der Physik recht gut, dem ich ausführlich von dieser wundersamen Algenbekämpfung erzählte. Er hatte zunächst nur schallendes Gelächter für mich übrig. Und ich glaube, wenn wir uns nicht so gut kennen würden, hätte er das Ganze sofort als Unsinn oder Aberglaube abgetan und mich rausgeschmissen. Er gab zwar zu, dass es ein paar Phänomene gebe, die auch die heutige moderne Physik noch nicht erklären könne. Aber für meinen Bericht, den er keineswegs anzweifelte, gebe es mit Sicherheit ganz natürliche Erklärungen. Vielleicht hätte es in den Wochen nach der Behandlung mit der homöopathischen Medizin viel geregnet und der alkalische Wert des Gartenteiches hätte sich dadurch so verändert, dass die Algen abgestorben seien. Oder vielleicht wären den Algen, gerade zum Zeitpunkt der Behandlung, ganz einfach die Nährstoffe in dem begrenzten Gartenteich ausgegangen. Also irgendein zufälliges Zusammenwirken von zwei Ereignissen, die nichts miteinander zu tun hätten.

Auch meinen Hinweis, dass dieser Zufall schon in zwei Gartenteichen zu verschiedenen Zeitpunkten aufgetreten sei, ließ er nicht gelten und führte langatmig aus, dass es solche wiederholten Zufallserscheinungen auch in der Physik häufiger gebe. Dass es vielleicht einen Zusammenhang geben könnte, den die heutige Wissenschaft noch nicht kenne, lehnte er konsequent ab. Ich ließ jedoch nicht locker und machte deutlich, dass es mir gar nicht um dem Beweis irgendwelcher Zusammenhänge ginge, es mir auch völlig gleichgültig sei, welche Zufälle eine Rolle spielten, sondern für mich nur das positive Ergebnis zähle, dass man daran weiterarbeiten müsse und vielleicht eine Chance bestünde, wenn auch nur eine winzig kleine, damit die Nord- und Ostsee algenfrei zu bekommen.

Er titulierte mich zwar als spleenigen Menschen, der es sich anscheinend leisten könne, solche offensichtlichen Narrheiten weiterzuverfolgen, willigte aber schließlich ein, ein Versuchsprogramm zur weiteren Anwendung der homöopathischen Medizin zu entwickeln.

Etwa zwei Monate später habe ich den Vorschlag für das wissenschaftliche Versuchsprogramm erhalten. Es war so kompliziert, dass ich davon die Hälfte kaum verstand. Da sollten absolut zufallsfreie Versuchsbedingungen hergestellt, hundertfache chemische Untersuchungen durchgeführt, Teiche mit zig verschiedenen Bedingungen gefunden oder gar extra angelegt werden und vieles andere mehr. Allein für die genaue weitere Ausarbeitung des wissenschaftlichen Programms wurden zehntausend Euro veranschlagt. Die Durchführung der Versuche selbst sollte ein Mehrfaches dieses Betrages kosten und bis zur letzten Auswertung über vier Jahre andauern.

Als ich darüber Herrn Herbst, den Heilpraktiker, informierte, lachte er nur und stellte für mich eindrucksvoll und klar fest: „Es geht mir gar nicht um wissenschaftliche Beweise. Ich will ja nur mein Mittel in der Nordsee und Ostsee ausprobieren. Wenn die Algen verschwinden, freuen wir uns alle, unabhängig davon, ob es tatsächlich auf meine Medizin zurückzuführen ist. Wenn die Algen bleiben, wird auch niemandem geschadet. Denn da mein Mittel nach wissenschaftlicher Feststellung nur chemisch reines Wasser ist, kann es auch kein Schaden anrichten. Auf keinen Fall aber werde ich vier Jahre warten und die Zeit mit Nichtstun verbringen. Wir haben die Algenprobleme heute und müssen jetzt etwas tun.“

Dieser so einfachen und damit den Kern treffende Argumentation konnte und wollte ich mich nicht entziehen. Wir beschlossen deshalb, uns einen Hubschrauber zu mieten, um damit über die Nordsee zu fliegen und das Mittel tropfenweise hinein zu geben. Die Kosten dafür sind erschwinglich und machen weniger als ein Viertel der Kosten aus, die allein für die Aufstellung des wissenschaftlichen Versuchsprogramms erforderlich gewesen wären.

Herr Herbst holte Algen aus der Nordsee und stellte daraus, wie bei den Gartenteichen, achtzig Liter seiner Medizin her.

An dem Flug nahmen neben dem Piloten der Heilpraktiker, der Physikprofessor von unserer Technischen Universität und ich teil. Wir trafen uns auf dem Flughafen in Hamburg.

Der Heilpraktiker Karl Herbst ist ein ruhiger und eher bescheidener Mann. Er war dem Professor auf Anhieb sympathisch. Vier große Kanister mit der Algenmedizin standen vor dem Hubschrauber. Mit ruhigen Worten erklärte der Heilpraktiker dem jungen Piloten und einem noch jüngeren Helfer vom Bodenpersonal sein Vorhaben. Sie begriffen es sofort und scheinen sich überhaupt nicht zu wundern, dass erwachsene Männer wirklich mit achtzig Liter irgendeines Wassers die ganze Nordsee algenfrei machen wollten. Eher im Gegenteil, sie fanden dieses Unternehmen spannend und machten sich mit großem Eifer daran, die Kanister in der Kanzel zu verstauen und dünne Schläuche zu verlegen, die von den Kufen des Hubschraubers bis zu den Kanistern reichten. Mit kleinen Hähnen konnte der Durchfluss reguliert werden, sodass später die Algenmedizin bei dem Flug über der Nordsee vom Hubschrauber aus tröpfchenweise ins Meer fallen konnte. Die Probe klappte sofort.

Die drei Passagiere und der Pilot wurden mit Kopfhörern und Sprechfunkgeräten ausgerüstet, sodass sie sich während des Fluges unterhalten konnten. Wenige Minuten später ging es schon los.

Sehr sanft und langsam, als wollte die betonierte Erde die Maschine nicht freigeben, hob der Hubschrauber ab. Ich verfolgte den Start zunächst mit ein wenig Angst. Doch diese Beklommenheit wich sehr schnell und machte einer tiefen Freude, dem Gefühl von Freiheit und irgendwie einer Unbeschwertheit Platz. Ich fühlte mich selbst von den mächtigen Rotorblättern hochgezogen, als würde ich aus der engen Sicherheit der unter mir versinkenden Erde in eine andere, freie, leichte und lichte Welt hinübergleiten. Der Hubschrauber schaukelte leicht im Auftrieb und ich hatte das Gefühl, als schwebe er wie ein Adler in der Luft. Je weiter wir uns vom Erdboden entfernten, desto tiefer wurde das Glücksgefühl, das in mir hochstieg, ganz von mir Besitz ergriff und mich euphorisch in diese andere Welt gleiten ließ. Anscheinend ging es auch den beiden anderen Passagieren so. Jedenfalls sprach keiner ein Wort. Alle gaben sich ganz dem Genuss des Fluges hin.

Der Hubschrauber nahm Kurs auf die Elbe, überflog Pinneberg und erreichte dann nordwestlich von Uetersen den Fluss. Nun ging es den Strom entlang Richtung Nordsee.

Am vergangenen Wochenende fand die Sail ’89 in Hamburg statt. Die Segler waren nun ebenfalls auf dem Weg zum Meer. Es war ein grandioses Bild, diese herrlichen großen Segelschiffe aus der Luft zu beobachten. Der Pilot senkte den Hubschrauber tief herab, blieb etwa in Segelhöhe neben einem großen Schulschiff und umkreiste es dann mehrere Male wie eine Möwe.

Wir erreichten Cuxhaven und nahmen von hier aus Kurs auf Sylt. Karl Herbst öffnete die Hähne an den beiden ersten Kanistern und ließ seine Algenmedizin ins Meer tropfen.

Der Professor ließ die riesige Weite des Meeres auf sich wirken und fragte dann den Heilpraktiker: „Was sollen denn diese wenigen Tropfen ihres Mittels bei dieser unendlichen Menge von Wasser überhaupt bewirken können? Es wird doch so extrem stark verdünnt, dass bestimmt keine Alge davon etwas spüren wird.“

Herbst erwiderte freundlich: „Es kommt nicht auf die Menge an, sondern auf die Information, die in den einzelnen Tropfen enthalten ist. Und Informationen verbreiten sich unwahrscheinlich schnell. Wir legen jetzt hier eine Spur von Informationen von Cuxhaven bis Sylt. Diese Spur wird vielleicht ins Meer hinausgespült und dort die Informationen verbreiten. Auf dem Rückflug werden wir dann eine zweite Spur zwischen der Küste und den nordfriesischen Inseln legen, die die Informationen ins Wattenmeer verteilt.“

„Achtzig Liter Flüssigkeit für diese unendliche Menge Wasser?“, fragte der Professor zweifelnd. Aber seine Neugier war geweckt. Und da ich schweigend den Flug genoss, hatte der Physiker ausgiebig Gelegenheit, den Heilpraktiker nach seinen Methoden, Vorgehensweisen und Erfolgen auszufragen. Er war angenehm berührt von der ruhigen, sachlichen Art des Mannes. Karl Herbst gab auf jede Frage eine Auskunft. Er hatte nichts zu verkaufen, wollte niemand überzeugen, nichts beweisen. Er berichtete nur von seinen ureigenen Erfahrungen. Und je näher wir Sylt kamen, desto mehr meinte der Herr Professor, dass an dieser Sache vielleicht doch ein ganz klein wenig dran sein könne, und man erst in fünfzig oder hundert Jahren wisse, warum es wirke.

Auf Sylt wurde zwischengelandet, der Hubschrauber musste aufgetankt werden. Eine willkommene Gelegenheit, um auf der Terrasse des kleinen Flughafenrestaurants eine Tasse Kaffee zu trinken. Bald waren wir in ein Gespräch vertieft, das sich um die Erkenntnisse der Wissenschaft und unerklärliche Phänomene drehte. Der Professor war erstaunt, dass der Heilpraktiker Herbst so viel von Physik verstand. Und sein Erstaunen wuchs, als Karl Herbst nebenbei von seinem eigenen Physikstudium erzählte. ‚Ein studierter Physiker also. Und er gibt sich nun mit solchem Spuk-Kram ab?‘, dachte der Professor und wunderte sich selbst, dass er noch vor wenigen Augenblicken auf dem Flug geneigt gewesen war, diesem seltsamen Vorhaben doch eine gewisse Bedeutung beizumessen. Nun hatte die Erde ihn zurück. Er befand sich wieder in seiner alten Welt. Und dort hatten auch seine Zweifel und Vorurteile wieder von ihm Besitz ergriffen. So löcherte er den Heilpraktiker mit immer neuen Fragen, konstruierte gewaltige Kausalketten und ließ nur das gelten, was wissenschaftlich erklärbar, was beweisbar ist.

Ich verfolgte die Diskussion aufmerksam. Die Argumente des Professors wurden immer hartnäckiger, seine Stimme immer drängender, seine Vorurteile immer stärker. Aber der Heilpraktiker ließ sich von all’ dem nicht beeindrucken und antwortete ruhig und sachlich: „Ich verteufele keineswegs die Wissenschaften. Wir brauchen sie unbedingt. Ich meine nur, dass die moderne Wissenschaft sich uralten Erkenntnissen verschließt, streng rational vorgeht und damit die Wirklichkeit nicht vollständig wahrnimmt. Ich lebe nur aus meinen eigenen Erfahrungen heraus. Alles, was ich ihnen berichte, habe ich selbst an und in mir erfahren. Es hat deshalb Gültigkeit für mich. Es braucht für Sie nichts zu bedeuten, Sie entscheiden selbst darüber, was Sie damit anfangen.“

„Aber wir brauchen doch eine allgemein gültige Theorie, was richtig und was falsch ist“, begehrte der Wissenschaftler auf. „Wo kommen wir denn hin, wenn jeder für sich selbst entscheidet, was Wahrheit ist?“

„Vielleicht kommen wir dann weiter“, meinte Karl Herbst gelassen. „Schauen Sie, was ist denn richtig und was ist falsch? Die Wissenschaft sagt, dass beispielsweise Magnete einen Pluspol und einen Minuspol haben. Ich stimme dem uneingeschränkt zu. Nun sage ich aber auch, dass alle anderen Dinge, beispielsweise die Pfeife unseres gemeinsamen Freundes dort auf dem Tisch, auch einen Pluspol und einem Minuspol hat. Und da sagt die Wissenschaft, das sei falsch.“

„Selbstverständlich ist das falsch“, brummte der Professor auf meine Pfeife weisend. „Die Pfeife ist kein Magnet. Sie hat keine zwei Pole. Beweisen Sie mir doch einmal, dass Ihre Erkenntnis richtig ist.“

Lächelnd holte der Heilpraktiker ein goldenes Pendel aus der Tasche und erklärte: „Ich halte dieses Pendel nun über die beiden Enden der Pfeife. Bei dem Pluspol dreht sich das Pendel nach rechts, bei dem Minuspol nach links.“

Das Experiment begann und verlief genauso, wie der Heilpraktiker es vorausgesagt hatte. Über dem Pfeifenkopf drehte sich das Pendel nach links – also ein Minuspol. Über dem Mundstück nach rechts und zeigte damit den Pluspol an. In der Folge wurden alle nur in der Nähe greifbaren Dinge diesem Experiment unterzogen: Kaffeelöffel und Kuchengabel auf dem Tisch, mein Füllfederhalter, die Sonnenbrille des Piloten. All’ dies waren für den Professor noch keine Beweise. Doch er schien beeindruckt zu sein. Die Fülle der Wiederholungen einschließlich seiner eigenen Experimente mit dem Pendel mit stets eindeutigem Resultat hatten in zumindest nachdenklich gemacht.

Wir machten uns wieder auf den Rückflug und ließen die zweite Hälfte des Algenmittels ins Meer tropfen. Der Hubschrauber flog sehr tief, und deutlich sahen wir in dem seichten Wattenmeer riesige, dichte, dunkelbraune Algenfelder.

Der Professor war in einer tiefen Nachdenklichkeit versunken. Plötzlich fragte er allen Ernstes den Heilpraktiker: „Sollen wir nicht die Algenmedizin ganz abstellen? Nicht, dass wir nachher noch zu viel von diesem Mittel in die Nordsee tun.“ Stunden später, als er wieder in seinen Labors war, konnte er selbst nicht verstehen, dass er an die Wirkung des Mittels geglaubt und eine so blödsinnige Frage gestellt hatte.

Sofort nach dem Flug trat ich eine längere Auslandsreise an. Nach meiner Rückkehr ins Büro fand ich auf meinem Schreibtisch ein ganzes Bündel von Zeitungsausschnitten, die meine Sekretärin gesammelt hatte. Ich überflog zunächst Zeitungsberichte, die mehrere Wochen zurücklagen und schreiende Überschriften trugen wie

Große Algenfelder treiben auf der Nordsee

Flensburger Förde mit Algen verseucht

Wird Sylt in der Algenpest untergehen?

Algenpest vertreibt Urlauber an der Adria

Mir wurde bewusst, dass diese Meldungen alle aus einem Zeitraum vor dem abenteuerlichen Hubschrauberflug datierten. Mit größter Erregung las ich dann die Berichte, die aus den Wochen nach der unwirklichen Aktion zur Bekämpfung der Algen in der Nordsee stammten. Wieder starrten mich schreiende Überschriften an

Die Adria versunken in Algen

Algenpest ruiniert Ostsee-Bäder

Kein Wort mehr von einer Algenpest in der Nordsee!

Nur am Schluss des Stapels mit Zeitungsausschnitten fand ich drei kurze Meldungen, die davon berichteten, dass die Nordsee in diesem Jahr auf unerklärliche Weise algenfrei geworden sei. Die noch vor Wochen gesichteten, riesigen Algenfelder hätten sich stark zurückgebildet. Eine wissenschaftliche Erklärung für dieses Phänomen liege noch nicht vor. Einzelne Experten meinten, die besondere Windrichtung in diesem Jahr habe die Algen in den Atlantischen Ozean fortgetrieben. Andere Experten suchten die Erklärung in dem unnatürlich warmen Sommer, der zu starker Verdunstung und einer höheren Konzentration des Salzgehaltes in der Nordsee geführt habe.

Die Nordsee war in diesem Jahr algenfrei!

Ich konnte es kaum fassen. Nach Angaben des Heilpraktikers waren in der Medizin, die eigentlich nur aus reinem Wasser bestand, Informationen vorhanden, die die Algen veranlassten, sich stark zurückzubilden. Diesem deutlich sichtbaren, jedoch unerklärlichen Phänomen musste ich weiter nachgehen.

Karl Herbst, der Heilpraktiker, empfing mich gern zu einem Gespräch. Als ich nach Beweisen und kausalen Zusammenhängen forschte, konnte Herbst nur erwidern: „Ich kann nichts beweisen. Ich muss mir auch nichts beweisen. Die Nordsee ist algenfrei. Genügt Ihnen das nicht? Wir haben doch unser Ziel erreicht. Das ist gut so. Alle Welt freut sich darüber. Also freuen wir uns doch mit.“

„Nein, Herr Herbst, mir genügt es nicht“, erwiderte ich. „Ich möchte wissen, ob der sichtbare Erfolg entweder auf Ihr Algenmittel oder auf sonst einen erklärbaren Einfluss zurückzuführen ist. Dies muss mir doch irgendjemand beantworten können. Wofür haben wir denn all’ die großen Professoren in unseren Universitäten und den riesigen teuren Beamtenapparat?“

„Sie suchen Gewissheit und Sicherheit. Sie wollen Ruhe. Ich meine, es ist eine trügerische Ruhe, die aus Erstarrung und Unbeweglichkeit resultiert. Das ist aber nicht das Leben. Die Natur kennt nicht das Entweder-oder. Das natürliche Leben ist Bewegung. Erstarrung bedeutet Tod.“ Und nach einer längeren Pause fuhr der Heilpraktiker ruhig fort: „Und Sie glauben, nun nicht weiterzukommen, so suchen Sie die Lösung bei anderen. In erster Linie nehmen Sie Zuflucht zu Institutionen, zu den Hochschulen, zur Verwaltung. Wenn das alles nichts hilft, zur Kirche. Aber die Institutionen fördern nur die Erstarrung. Schauen Sie: Das Bambusrohr wiegt sich im Sturmwind und zerbricht nicht. Das ist natürliche Lebendigkeit. Ein ebenso hohes starres Holzgerüst, das zunächst viel fester und sicherer als das Bambusrohr erscheint, wird vom Sturmwind schnell zerbrochen. Der einzelne Mensch ist wie das Bambusrohr, die Institutionen wie das Gerüst. Alle erstarrten Imperien sind so zerbrochen, früher die Reiche der Griechen und Römer und heute die gigantischen Industrieunternehmen, die selbst zu erstarrten Institutionen geworden sind. Gegen eine solche tödliche Erstarrung hilft nur der belebende Funke.

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