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N.Y.D. - Die Thailand-Connection (New York Detectives)

Alfred Wallon

N.Y.D. - Die Thailand-Connection (New York Detectives)

Cassiopeiapress Spannung





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Die Thailand-Connection

Ein Krimi von Alfred Wallon

Der Umfang dieses Buchs entspricht 170 Taschenbuchseiten.

Thailand ist ein gefährliches Pflaster. Das bekommt auch Bount Reiniger zu spüren …

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch

© by Author

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



1

Was wissen Sie über Thailand? Oh ja, ich weiß, was Sie jetzt sagen werden – ganz viele Rotlichtviertel, ein Bordell nach dem anderen, und ein nicht ungefährlicher Ort für Männer, die glauben, hier ihr Glück finden zu können. Dass dieses faszinierende Land aber auch eine alte Kultur hat, von der die üblichen Sextouristen nichts wissen wollen, wirkt auf einen Menschen der westlichen Welt beschämend. Denn schließlich sind es Menschen aus dem Westen, die mit ihrem Geld und ihrer Gier ein ganzes Land kaufen – oder sie glauben, dass ihnen das Geld das Recht dazu gibt.

Ich weiß, ich fange wieder an zu philosophieren – und wahrscheinlich interessiert das kaum jemand hier. Dennoch kann ich mich glücklich schätzen, dass ich Thailand auch mal von einer anderen Seite kennengelernt habe. Natürlich verbunden mit einem nicht ungefährlichen Job, der mich beinahe Kopf und Kragen gekostet hätte. Denn wo das Geld regiert und selbst die Politik machtlos dagegen ist, kann ein Einzelner kaum etwas dagegen tun, um den Sumpf aus Korruption und Intrigen trocken zu legen.



2

Wendell Carter fluchte. Die drückende Hitze, die wie eine riesige Dunstglocke über der Millionenstadt hing, machte ihm schwer zu schaffen. Bangkok war eine Stadt mit vielen Gesichtern, und im Augenblick zeigte sich die asiatische Metropole von ihrer unangenehmsten Seite. Zumindest was die Vorstellungen des Amerikaners betraf.

Die Sonne hatte ihren höchsten Standpunkt erreicht, und durch die Straßen wälzte sich eine Blechlawine ohne Ende. Hupkonzerte dröhnten an seine Ohren, gemischt mit dem Stimmengewirr der Einheimischen.

Carter hielt sich seit drei Tagen in Bangkok auf. Der Mitarbeiter der Willard Finance Company hatte einen klaren Auftrag erhalten, aber die Aufgabe stellte sich doch als schwerer heraus als er sich zunächst vorgestellt hatte. Hugh Willard hatte ihm aufgetragen, in Bangkok nach seinem Bruder Carl zu suchen, der sich seit gut einem halben Jahr nicht mehr in New York gemeldet hatte. Carl Willard, der hier in Bangkok eine Export- und Importfirma gegründet hatte, konnte nach Meinung seines Bruders Hugh nicht einfach vom Erdboden verschwunden sein. Deshalb hatte er Carter nach Thailand geschickt, um an Ort und Stelle nach dem Rechten zu sehen.

Schweiß lief dem Amerikaner über die Stirn, als er aus dem Taxi stieg. Keine Aircondition, nur stickige, brütende Hitze, und das rund um die Uhr!

Er drückte dem Taxifahrer einen zerknitterten Geldschein in die Hand und blickte ihm dann kopfschüttelnd hinterher, als der Mann mit Vollgas davonbrauste. Hier in Bangkok nahm man es nicht so genau mit der Geschwindigkeitsbegrenzung.

In der Minon Road befand sich das Flugbüro der Thai Airways. Vielleicht konnte er dort etwas herausbekommen. Ein Gespräch mit dem Chef der Thai Airways würde ihn sicherlich weiterbringen, denn in der Singapore Road, wo sich der Sitz von Willards Firma befand, stand nur noch eine leere Lagerhalle. Keiner der angrenzenden Nachbarn konnte Carter eine Auskunft geben. Der Amerikaner vermutete allerdings, dass die Menschen ihm nicht helfen wollten. Aber er brauchte greifbare Hinweise, um seinem Boss etwas sagen zu können, sonst bekam dieser einen Tobsuchtsanfall.

Das Verwaltungsgebäude befand sich in einem groß angelegten Park, und es herrschte reger Betrieb. Carter hielt auf das Eingangsportal zu, als sich plötzlich die Tür öffnete und drei Männer herauskamen. Zwei von ihnen waren Thais, beide groß und hager und einer trug ein buntgesticktes weites Hemd. Der dritte Mann war ein Amerikaner. Carl Willard!

Wendell Carter zuckte unwillkürlich zusammen, als er den Bruder seines Chefs erkannte. Carl Willard trug trotz der Hitze einen Anzug und machte ganz den Eindruck eines erfolgreichen Geschäftsmannes. In der linken Hand trug er einen Aktenkoffer, und die beiden Thais an seiner Seite schienen für ihn zu arbeiten.

Carter ließ sich seine Überraschung nicht anmerken, als er Willard erkannte. Tausend Gedanken schossen ihm in Sekundenschnelle durch den Kopf. Warum hatte sich Carl nicht bei seinem Bruder Hugh gemeldet? Weshalb war nichts über seinen derzeitigen Aufenthaltsort bekannt? Fragen über Fragen, wo Carter eine Antwort erhoffte.

Er wusste nicht, weshalb er nicht sofort auf Carl Willard zuging und ihn ansprach. Sein Gefühl sagte ihm nur, dass es besser war, zunächst einmal abzuwarten. Deshalb ging er an Willard vorbei und betrat das Office der Thai Airways. Jedoch nur für einen kurzen Moment. Bis er sicher war, dass Willard und die Thais ihn nicht bemerkt hatten. Dann drehte er sich sofort wieder um und folgte den Männern.

Gerade noch rechtzeitig konnte er sehen, wie diese in ein Taxi stiegen und davonfuhren. Carter beeilte sich. Er winkte ebenfalls hastig ein Taxi herbei.

„Dem Wagen da vorne nach!“, stieß er aufgeregt hervor. „Ich zahle jeden Preis!“

Das wirkte. Der Thai grinste nur stumm und trat sofort voll aufs Gaspedal, bevor der massige Amerikaner überhaupt richtig Platz genommen hatte. Das alte Taxi schoss wie ein geölter Blitz davon.

Carter spähte angestrengt nach vorne. Das Taxi mit Carl Willard und den beiden Thais hatte vielleicht zweihundert Yards Vorsprung, mehr nicht.

„Schneller!“, drängte der Amerikaner. „Kannst du nicht schneller fahren?“

„Ist altes Auto, Sir“, radebrechte der Thai und zuckte mit den Achseln. „Aber anderes Taxi kann auch nicht schneller voran. Keine Sorge, Sir ...“

Das andere Taxi fuhr einen Zubringer zur Autobahn entlang. Vor der Mautstelle hatte sich ein kleiner Stau gebildet, der sich jedoch rasch wieder auflöste. Carter warf einen kurzen Blick auf die Hinweisschilder und stellte fest, dass Willard offensichtlich den Flughafen als Ziel hatte, denn das Taxi vor ihm hielt genau darauf zu.

Am rechten Straßenrand tauchte die markante Silhouette des Hyatt Central Plaza Hotels auf, eines der nobelsten und teuersten Hotels der Welt. Dann erkannte Carter schon in der Ferne die lang gezogenen Gebäude des International Airports, und er sah die zahlreichen Flugzeuge, die dort auf die Freigabe zum Take-Off warteten.

Carters Taxi blieb dem anderen auf den Fersen. Das Ziel war offensichtlich die Abflughalle. Der Amerikaner konnte beobachten, wie das andere Taxi stoppte und die drei Männer ausstiegen. Jetzt musste er ihnen auf den Fersen bleiben! Der Zufall hatte ihn mit Willard zusammengebracht, und so eine Chance bekam er nicht mehr wieder!

Hastig trug er dem Taxifahrer auf, bis auf seine Rückkehr zu warten, dann eilte er ebenfalls in die Abflughalle. Zuerst hatte er Schwierigkeiten, in all dem Gewimmel die drei Männer auszumachen, dann aber erkannte er seinen Landsmann doch wieder. Willard ging auf einen Counter zu, und Carter erkannte, dass es sich hier um einen Flug nach Phuket handelte. Phuket lag zweitausend Meilen im Süden Thailands. Was in aller Welt hatte Carl Willard dort zu tun?

In sicherer Entfernung beobachtete er, wie sich Willard von den beiden Thais verabschiedete. Die drei Männer sprachen noch kurz miteinander, aber Carter war zu weit entfernt, um zu verstehen, um was es dabei ging. Er kaufte sich eine Zeitung an einem der zahlreichen Stände und bekam aus den Augenwinkeln mit, wie Willard sich auf den Weg machte. Die beiden Thais machten sich wenig später davon.

Wendell Carter hielt es nicht mehr länger aus. Sofort eilte er auf den Schalter zu. Das schwarzhaarige Mädchen in der rosa Uniform lächelte ihn freundlich an.

„Verzeihen Sie!“, begann Carter und blickte durch die Trennscheibe hinaus aufs Rollfeld, wo die Passagiere soeben die Maschine betraten. „Wann geht der nächste Flug nach Phuket? Ich glaube, dass ein Freund von mir mitgeflogen ist.“

„Morgen Mittag um die gleiche Zeit, Sir“, erwiderte die Angestellte in tadellosem Englisch. „Die beiden Nachmittagsmaschinen sind leider schon ausgebucht. Möchten Sie ein Ticket, Sir?“

„Ich bin mir nicht sicher“, erwiderte Willard ausweichend. „Wenn ich wüsste, dass mein Freund schon morgen wieder zurückkommt, wäre es nicht nötig. Könnten Sie vielleicht einmal in Ihrer Passagierliste nachsehen? Sein Name ist Carl Willard.“

„Eigentlich ist es nicht erlaubt, Sir“, antwortete das Mädchen. „Aber wenn es Ihr Freund ist ... Einen Moment!“ Sie tippte Willards Namen in den Computer ein und wartete einige Sekunden ab. Dann stand das Ergebnis fest. „Tut mir sehr leid, aber Mr. Willard hat nur einen Hinflug gebucht. Wahrscheinlich hat Ihr Freund länger in Phuket zu tun. Wenn Sie ein Ticket benötigen, kann ich es Ihnen gerne im Stadtbüro reservieren lassen.“

Carter glaubte nicht recht gehört zu haben. Kein Wunder, dass Hugh Willard von seinem Bruder nichts mehr gehört hatte. Carl hielt sich überhaupt nicht mehr in Bangkok auf. Wahrscheinlich hatte er sich nach Phuket abgesetzt, aber was in aller Welt hatte er dort verloren? Die ganze Sache wurde immer mysteriöser!

„Reservieren Sie ein Ticket!“, forderte Carter die Thai auf. „Für die Maschine morgen Mittag. Nur Hinflug bitte.“

Die Thai nickte und telefonierte kurz. Das Gespräch dauerte nur wenige Augenblicke, dann bekam Carter Bescheid. Es war alles geregelt. Er brauchte nur noch ins Stadtbüro der Thai Airways zu gehen. Dort lag das Ticket für ihn bereit.

Carter bedankte sich und verließ die Abflughalle. In seinem Kopf kreisten tausend Gedanken und Fragen, für die er einfach keine Lösung fand. Er wusste nur, er musste sofort zurück ins Hotel. Hugh Willard würde Bauklötze staunen, wenn er die Neuigkeiten erfuhr.

Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn Wendell Carter ein wenig die Augen offenbehalten hätte. So sah er nicht den grinsenden Thai mit dem buntbedruckten Hemd, der ihm vielsagend nachblickte. Sofort als Carter weggegangen war, hielt der Thai auf den Counter zu. Das Gespräch, das er mit der Angestellten führte, war sehr aufschlussreich für ihn, und es bereitete ihm auch keine Schwierigkeiten, Carters derzeitigen Aufenthaltsort zu erfahren.

Der Thai bedankte sich freundlich bei der Angestellten. Was er erfahren hatte, gab ihm sehr zu denken. Er musste sofort etwas unternehmen ...



3

Wendell Carter atmete erleichtert auf, als er sein Hotelzimmer erreichte. Die brütende Hitze merkte man hier wenigstens nicht! Achtlos warf er sein Jackett aufs Bett und griff sofort zum Telefon.

„Ein Ferngespräch in die USA!“, bat er den Mann an der Rezeption. „Es ist dringend. Bitte stellen Sie sofort eine Verbindung mit der Willard Finance Company in New York her.“ Er gab dem Angestellten die Nummer durch. Der Mann versprach ihm, sich sofort darum zu bemühen. Trotzdem dauerte es doch mehr als zehn Minuten, in denen Carter nervös eine Zigarette nach der anderen geraucht hatte.

Carter riss sofort den Telefonhörer an sich, als der Apparat zum ersten Mal läutete. Der Mann an der Rezeption stellte die Verbindung her.

„Mr. Willard? Hier spricht Wendell Carter. Ich habe Neuigkeiten für Sie!“ Seine Stimme klang hektisch und aufgeregt, und er hatte Mühe, den Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung überhaupt verstehen zu können. Die Drähte schienen überlastet zu sein. Auf jeden Fall knackte und krachte es in der Leitung, als wenn ein Gewitter im Anzug sei.

„Sprechen Sie lauter, Carter. Ich verstehe Sie kaum!“

Carter machte einen erneuten Anlauf. Mit kurzen Sätzen versuchte er Willard begreiflich zu machen, dass er eine Spur gefunden hatte. Er wollte Willard gerade mitteilen, dass er jetzt wüsste, wo sein Bruder abgeblieben sei und dass er ihn selbst am Flughafen gesehen habe, als die Verbindung von einer Sekunde zur anderen zusammenbrach.

„Verdammt!“, schimpfte der Amerikaner und wählte zum zweiten Mal die Nummer der Rezeption. Der Thai erklärte Carter mit freundlicher Stimme, dass die Leitung zusammengebrochen sei und dass er es noch einmal versuchen wolle. Carter wartete ab, musste jedoch nach weiteren zehn Minuten erfahren, dass es einen Defekt in der Schaltzentrale in Bangkok gab. Ein Gespräch nach Übersee war im Moment nicht möglich.

Carter war fast am Verzweifeln. Hoffentlich hatte Hugh Willard begriffen, was er ihm hatte sagen wollen. Sobald der Defekt wiederhergestellt war, wollte er es weiter versuchen. Er musste seinem Chef unbedingt berichten, dass er morgen nach Phuket flog.

Der Amerikaner nahm eine kalte Dusche. Danach fühlte er sich wohler ... Schließlich entschied er, noch einen kleinen Einkaufsbummel in der Altstadt zu machen, denn sein Gefühl sagte ihm, dass er in den nächsten Tagen dazu keine Zeit mehr haben würde.



4

Die drückende Mittagshitze hatte ein wenig nachgelassen, aber nicht der Straßenlärm. In Bangkok war es lebensgefährlich, eine der Hauptstraßen zu Fuß zu überqueren, denn die Autofahrer behielten ihr rasantes Tempo bei. Trotzdem schaffte es der Amerikaner nach drei vergeblichen Versuchen.

An einem der zahlreichen Gewürzstände hielt er an und schaute sich interessiert die vielen verschiedenen Waren an, die ein Ausländer kaum zu unterscheiden wusste. Achselzuckend ging er weiter. Eine dicke Frau füllte einem gelbgekleideten Mönch mit kahlem Kopf einen Essnapf. Anschließend verneigte sie sich vor dem Mann in der gelben Kutte. Carter hatte schon von diesen Mönchen gehört. Für die Thais war es eine Ehre, sie zu verköstigen, und davon lebten die Mönche. Der Glaube schrieb es so vor.

Carter blickte die Straße hinab. Plötzlich hielt er überrascht inne, als er ungefähr zwanzig Yards drüben auf der anderen Straßenseite einen Thai in buntbedrucktem Hemd erkannte, der einem von Willards Begleitern überraschend ähnlich sah. Der Mann wandte sich ab, als Carter ihn fixierte und betrachtete sich eines der Schaufenster.

Unsinn, schoss es Carter durch den Kopf. Deine Phantasie gaukelt dir etwas vor! Die Männer konnten ihn am Flughafen nicht gesehen haben. Er war vorsichtig genug gewesen, um nicht aufzufallen. Carter schalt sich einen Narren und ging kopfschüttelnd weiter. Diese Millionenstadt machte ihn noch vollkommen fertig. Aber wahrscheinlich war es die Aufregung der letzten Stunden und die Gewissheit, eine Spur von Carl Willard gefunden zu haben.

Trotzdem drehte er sich noch einmal um. Der Mann, den er für einen von Willards Begleitern gehalten hatte, war wieder in der Menge verschwunden. Na also, dachte Carter und ging weiter die Straße entlang. Alles nur ein Hirngespinst! Es musste an dieser verdammten Hitze liegen, dass er sich plötzlich Dinge einbildete, die überhaupt nicht existierten. Auf dem Flughafen war er vorsichtig genug gewesen.

Während er lustlos einen Fleischspieß verzehrte, den er sich an einem der zahlreichen Imbissstände gekauft hatte, zerbrach er sich den Kopf über Carl Willard. Wie er von seinem Chef erfahren hatte, war der Bruder des mächtigen Finanzmaklers schon immer ein eigenwilliger Bursche gewesen. Aber dass er Hugh noch nicht einmal informierte, wenn er sein Geschäft in Bangkok aufgab, das war schon sehr fragwürdig. Es sei denn, er hatte keine weiße Weste. Und nach Lage der Dinge musste Wendell Carter jetzt davon ausgehen.

Er bekam einen plötzlichen Hustenanfall, als er im Eingang eines Musikkassettenladens wieder den Thai im bunten Hemd erkannt zu haben glaubte. Achtlos warf er die Reste des einfachen Mahls beiseite und ging auf den Laden zu. Laute Musik drang an seine Ohren. „One night in Bangkok“ von Murray Head, das zurzeit hier wieder mal ein großer Renner war und fast an jeder Straßenecke gespielt wurde.

Hastig blickte sich der Amerikaner um. Drei Menschen befanden sich im Raum – zwei Männer und ein junges Mädchen, das in einem Regal suchte. Die Männer trugen helle Leinenhemden. Carter schalt sich einen Narren. Am besten war es, wenn er wieder ins Ambassador Hotel zurückging und sich für ein paar Stunden hinlegte. Er fing schon an, Gespenster zu sehen ...

Der Amerikaner machte sich auf den Rückweg. Er wusste nicht, dass das Schicksal seinen Weg bereits vorgezeichnet hatte!



5

Seit einer halben Stunde wusste Wendell Carter, dass man ihn verfolgte. Zuerst war er sich nicht ganz sicher gewesen, aber dann wurde der Verdacht zur Gewissheit. Er hatte recht gehabt.

Carter wandte den Kopf. In diesem Gewühl von Menschen unterschiedlicher Abstammung war es schwer, die Übersicht zu behalten. Aus Dutzenden von Läden drang Lärm an seine Ohren, und Hunderte verschiedener Gerüche strömten auf den Amerikaner ein, der sich seit vier Tagen in Bangkok aufhielt.

Dann sah er den Mann wieder, von dem er glaubte, dass er sich seit einer halben Stunde an seine Fersen geheftet hatte. Im selben Moment, als Carter sich umdrehte, blieb der Mann mit den asiatischen Gesichtszügen stehen und sah interessiert in die Auslage eines Schaufensters. Der Mann bemühte sich, unauffällig zu wirken, aber Carter wusste, dass es nicht so war.

Jetzt erkannte der Amerikaner auch den zweiten Mann. Er ging ihm von der anderen Straßenseite entgegen und hielt direkt auf ihn zu. Ein Lächeln huschte über sein gelbes Gesicht, das seine Augen aber nicht erreichte. Auch der andere Asiate wandte sich nun vom Schaufenster ab und näherte sich Carter.

Panik erfasste den Amerikaner. Seine Schritte wurden unwillkürlich schneller, als er die breite Hauptstraße verließ und in die nächste Seitenstraße einbog. Hier befand sich ein Marktstand neben dem anderen. Die verschiedenen Händler boten ihre Waren mit lautstarker Stimme an. Ein Thai mit zerrissenem Hemd wandte sich an Carter und wies ihn in gebrochenem Englisch auf seine frisch gefangenen Fische hin.

Doch Carter achtete nicht auf den Mann. Ihm saß die Angst im Nacken. Er musste weg von hier, zurück zum Ambassador Hotel, bevor ihn die beiden erwischten. Denn Wendell Carter wusste, dass dies auch sein Ende bedeutete. Er hatte Dinge aufgedeckt, über die man besser schwieg.

Der Amerikaner wischte die trüben Gedanken beiseite und beschleunigte seine Schritte. Er rempelte einige Thais an, die ihm kopfschüttelnd nachblickten und nicht begriffen, warum es der Ausländer so eilig hatte. Im Land der Freizügigkeit und des Lächelns kannte man keine Eile, sondern ließ sich Zeit. Aber das würden die Ausländer nie begreifen.

Carter blickte sich um. Die beiden Burschen waren ihm immer noch auf den Fersen. Sie hatten jetzt gesehen, dass Carter Bescheid wusste, und bemühten sich deshalb nicht mehr, ihre wahren Absichten zu verbergen. Sie bahnten sich ebenfalls einen Weg durchs Gewühl, um Carter einzuholen.

Der Amerikaner keuchte. Sein massiger Körper hatte ihn längst zum Schwitzen gebracht. Anstrengungen dieser Art war er nicht mehr gewohnt, und die Überforderung verlangte ihren Tribut.

Am Ende der Seitenstraße befanden sich weitere kleine Geschäfte, die ihre Waren teilweise auf der Straße direkt anboten. Carter hastete weiter. Das Ambassador Hotel schien unendlich weit entfernt zu sein, dabei lag es nur zwei Häuserblöcke weiter.

Aber hier in den Seitenstraßen Bangkoks spiegelte sich eine Welt wider, die nichts mit der gemein hatte, die Carter so vertraut war. Hier war das echte Thailand, arm und natürlich, ohne den goldenen Glanz der Reiseprospekte.

Bangkok war eine Stadt voller Unterschiede. Schon eine Straße weiter konnte sich das Bild, das man von dieser asiatischen Metropole gewonnen hatte, schon wieder ins Gegenteil verkehren. Carter war mit vorgefassten Meinungen nach Bangkok gekommen, und das war es, was ihn jetzt erledigte. Aber noch war sein Überlebenswille stark. Er musste das Hotel erreichen und die Polizei verständigen. Sie mussten einfach wissen, was hier gespielt wurde!

Plötzlich tauchte der Asiate hundert Yards vor Carter auf. Und er lächelte immer noch. Der Amerikaner stoppte seine schnellen Schritte und wurde unwillkürlich bleich. Verzweifelt blickte er sich um, aber die Straße, die er jetzt erreicht hatte, war nur wenig bevölkert. Zu dieser späten Stunde hielten sich nur noch Einheimische in diesem Bezirk auf, und die wollten nichts damit zu tun haben, was jetzt geschah.

Hinter ihm ertönten ebenfalls Schritte, die sich unaufhörlich näherten. Carter brauchte sich nicht mehr umzudrehen, er wusste auch so, dass dies der zweite der Verfolger war, der ihn nun eingeholt hatte.

Panikerfüllt packte er einen vorbeihuschenden Schatten am Arm.

„Bitte hilf mir!“, rief er mit heiserer Stimme. „Du musst die Polizei holen, verstehst du?“

Der Mann, den Carter um Hilfe gebeten hatte, machte sich heftig los und suchte das Weite, so schnell er konnte. Wendell Carter war nicht in Amerika, sondern in Asien, und hier herrschten eigene Gesetze - - Gesetze, die er unbewusst überschritten hatte. Jetzt hatte er die Folgen dafür zu tragen.

Seine Augen richteten sich wie hilfesuchend auf die andere Seite des Stadtviertels. Er hörte den Lärm der vielen Autos, der an sein Ohr brandete. Auch wenn er nur wenige hundert Yards von den grellen Neonlichtem der Hauptstraße entfernt war, so war er doch genauso weit weg wie von New York. Carter fluchte. Nur weil er den Auftrag von Hugh Willard angenommen hatte, ging es ihm jetzt an den Kragen.

Der lächelnde Thai hielt in seiner rechten Hand plötzlich einen Dolch, den er aus der Tasche seines buntbedruckten Hemdes gezaubert haben musste. Die Spitze der Klinge war genau auf Carters Magen gerichtet.

„Nein“, flüsterte der Amerikaner. „Ihr könnt mich doch nicht einfach ...“ Er wollte noch mehr sagen, und ein lauter Hilfeschrei stieß in seiner Kehle hoch. Er wurde aber unterdrückt, weil sich plötzlich von hinten eine braune Hand auf seinen Mund legte und den Schrei im Ansatz erstickte.

Wendell Carter wehrte sich wie ein Verrückter, aber den Kräften des zweiten Gegners hatte er nichts entgegenzusetzen. Der Thai hatte Bärenkräfte und schaffte es ohne großes Aufsehen, ihn in einen dunklen Hausflur zu zerren.

Der Mann mit dem Dolch in der Hand blickte sich noch einmal kurz um, bevor er seinem Kumpan in das Dunkel folgte. Den kurzen Zwischenfall hatte niemand bemerkt. Über Bangkok brütete schon seit Tagen eine Hitzeglocke, die die Menschen träge werden ließ. Hinzu kamen die Dunstwolken der Klongs und der vielen Menschen, die um ihre tägliche Existenz kämpften. Niemand achtete darauf, ob ein Mensch starb. Nicht in der Millionenstadt Bangkok!

Das Gesicht des Thais war ausdruckslos, als seine Rechte vorzuckte und Carter den Todesstoß versetzte. Die Augen des Amerikaners quollen fast über vor Schmerz, aber der andere hinderte ihn immer noch am Schreien. Erst als er sicher war, dass Carter schon zu schwach war, ließ er ihn los.

Die Männer zischten sich einige leise Worte zu und waren wenige Augenblicke später im Dunkel der Nacht verschwunden. Wendell Carter fühlte den Schmerz, der sich in seinem Leib immer weiter ausbreitete. Rote Kreise tanzten vor seinen Augen, als er sich verzweifelt hochzustemmen versuchte, aber es gelang ihm nicht mehr.

Der Amerikaner fiel wie ein nasser Sack in den feuchten Sand des Hinterhofes. Gebrochene Augen starrten in den asiatischen Nachthimmel. Wenige Schritte weiter suchte eine Ratte nach Futterresten.



6

Bount Reiniger parkte seinen Mercedes direkt vor dem Gebäude der Willard Finance Company am Times Square, nicht weit vom Broadway entfernt. Es war kurz vor fünf Uhr, und bereits jetzt waren die ersten Anzeichen der bevorstehenden Rushhour zu spüren. Bount war deshalb rechtzeitig vorher aufgebrochen, um pünktlich zu sein.

June March hatte den Anruf Hugh Willards entgegengenommen, weil Bount in einer Versicherungsangelegenheit in Staten Island zu tun gehabt hatte. Nach seiner Rückkehr berichtete ihm June von dem Anruf und sagte, dass ihn ein gewisser Mister Hugh Willard dringend zu sprechen wünsche.

Bount kannte den Finanzmakler aus der Zeitung. Hugh Willard war ein Mann, der seine heutige Stellung im Geschäft mit den Ellenbogen erkämpft hatte und sich so schnell nicht schlagen ließ. Seine Firma scheffelte gigantische Beträge, und das klang deshalb nach einem ganz lukrativen Auftrag. Da Bount ohnehin an diesem Nachmittag nichts geplant hatte, setzte er sich sofort in seinen Wagen und fuhr zu Willard.

Dem Uniformierten an der Rezeption, der ihn misstrauisch von Kopf bis Fuß begutachtete, teilte Bount mit, dass er den Boss persönlich sprechen müsse, und das stimmte den Mann noch misstrauischer. Er langte zum Telefon und wählte eine Nummer. Mit stockender Stimme berichtete er dem Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung über Bounts Anliegen.

Reiniger wartete geduldig ab. In so einem großen Laden musste alles seine Ordnung haben. Der Portier legte den Hörer auf und wandte sich wieder Bount zu.

„In Ordnung“, sagte er knapp. „Sie werden bereits erwartet. Zehnte Etage, letztes Büro.“

Bount bedankte sich und fuhr mit dem Lift nach oben. Als er Willards Büro betrat, meldete er sich bei dessen Sekretärin an, einer hübschen Brünetten, die Bount zuckersüß anlächelte. Sie informierte ihren Boss kurz über Bounts Ankunft und führte ihn dann herein.

Hugh Willard war ein Bursche, wie ihn sich Bount vorgestellt hatte. Er sah nicht aus wie ein Finanzmakler, sondern eher wie ein bärbeißiger Holzfäller, den man versehentlich in einen Anzug gesteckt hatte. Willard war groß und bullig, seine Stirnglatze glänzte. Eisblaue Augen blickten Bount entgegen, als er das Büro betrat.

„Kommen Sie rein, Mister Reiniger!“, forderte ihn Willard mit tiefer Stimme auf. „Ich bin froh, dass Sie so schnell erschienen sind. Cathy, für die nächste Stunde möchte ich auf keinen Fall gestört werden, klar?“

Die Sekretärin nickte nur stumm und schloss die Tür. Bount nahm in einem der beiden Ledersessel vor dem riesigen Tisch aus massiver Eiche Platz und schaute seinem Gesprächspartner direkt in die Augen.

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