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Mythos und Bewusstsein

Johann Wolfgang Denzinger

Mythos und Bewusstsein

Über den Hintergrund von Liebe und Leid

Ein mythologischer Beitrag zur Bewusstseinsforschung

Für Stephanie

Für meine Söhne Felix und Markus

Für alle, die sich nach mehr

Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sehnen

Wer da sagt: schön ¦ schafft zugleich: unschön
Wer da sagt: gut ¦ schafft zugleich: ungut

aus TAO TE KING von Laotse

Prolog

Was ist Bewusstsein?

Wie funktioniert es?

Worin liegen Sinn und Bedeutung von Bewusstseinsstörungen?

In diesem Buch suche ich nach Antworten auf diese elementaren Fragen. Meine jahrzehntelange intensive Beschäftigung mit der Deutung vorwiegend griechischer Mythen bildet die Grundlage. Die Ergebnisse der Quantenphysik gaben mir den Anstoß, dieses Buch zu schreiben. Ein Blick bei Wikipedia zeigt, dass es keine klare Definition von Bewusstsein gibt. Die Philosophie hat auf den Begriff „Bewusstsein“ einen anderen Blickwinkel als die Religion, die Psychologie wieder einen anderen als die Neurowissenschaft - und die Hirnforschung sieht Bewusstsein mehr oder weniger als Ergebnis biologischer und chemischer Prozesse. Stellt man noch die Frage nach dem Sitz und der Funktion des menschlichen Qualitätsempfindens, wird das Ganze zum Rätsel.

Dieses Buch zeigt einen Zugang zum menschlichen Bewusstsein, dem sich vielleicht eines Tages sowohl Philosophen als auch Psychologen und vielleicht sogar Neurologen anschließen können. Es geht um den Blick nach innen. Mythen entstehen aus diesem Blick in die „Innere Welt“ und erzählen uns von Vorgängen im menschlichen Bewusstsein. Mythen zu deuten heißt sein eigenes Bewusstsein kennenlernen, es verstehen und erweitern. Deshalb wollen die im Buch vorgenommenen Deutungen zum Mut anregen, auch eigene Deutungen zuzulassen.

Weimar, den 28.1.2019

Vorwort

Bei der Rückschau auf mein Leben formt die Erinnerung jede Station meines Lebens zu einem Glied einer langen Kette und gewährt mir so Einblick in größere Zusammenhänge. Von einem früh aufkeimenden Interesse an Nietzsches Philosophie, über ein Mathematikstudium und einer nicht enden wollenden fruchtlosen Suche nach dem eigenen Lebenssinn landete ich vor über 30 Jahren bei der Astrologie. Doch die traditionelle Astrologie konnte mich nicht vollends zufriedenstellen, zu sehr war ihr Augenmerk auf die äußere Welt gerichtet - und zu viele Astrologen haben sie als Mittel der Zukunftsdeutung missverstanden. So begann ich nach Quellen zu suchen, nach einer Form der inneren Astrologie, die imstande sein sollte das zu beschreiben, was „die Welt im Innersten zusammenhält“.

Bei dieser Suche tauchte immer wieder der Begriff „Bewusstsein“ auf, über dessen Herkunft und Funktionsweise mir niemand wirklich Auskunft erteilen konnte. Wohl scheint es so etwas wie Bewusstseinsstörungen zu geben mit deren Symptomen sich Medizin und Psychologie ausgiebig beschäftigen, doch weder der Mediziner noch der Psychologe sind imstande das menschliche Bewusstsein auch nur annähernd zu beschreiben. Falls die esoterische Lehre recht hat, dann liegt es vermutlich daran, dass hier die Seele als Träger des Bewusstseins genannt wird. Daraus wäre zu schließen, dass mit der Seele auch das Bewusstsein zu jenem „unsichtbaren Wesensanteil“ des Menschen gehört, der sich letztlich einer äußeren Beschreibung entzieht.

Über die Beschäftigung mit den Mythen der alten Griechen ging meine Suche weiter. Fast parallel gesellte sich dazu ein starkes Interesse an der christlichen und jüdischen Mystik. Das war schon sehr erhellend die Genesis mithilfe eines jüdischen Freundes und einem umfassenden Lexikon althebräisch-deutsch einmal wort-wörtlich zu übersetzen. Das ist etwas anderes als in irgendeiner der zahlreichen Bibelübersetzungen zu lesen.

Dennoch blieb die griechische Mythologie einfach „mein Ding“. Ich spürte, dass den bildhaften Erzählungen von der Beziehung zwischen Menschen und Göttern, zwischen Geschöpf und Schöpfer verborgene Weisheit innewohnt. Da für mich nie ein Zweifel bestand, dass ich ein Geschöpf bin, musste logischerweise zwingend zum Geschöpf auch ein Schöpfer existieren. Zwar sträubte sich meine naturwissenschaftlichmathematische Prägung eine Zeitlang dagegen, aber letztlich konnte und durfte ich mich als Mathematiker meiner eigenen Logik nicht entziehen. Das Vorhandensein eines Geschöpfs ohne Schöpfer und ohne jeglichen Schöpfungsvorgang einfach so aus dem Nichts heraus erschien mir als Vorstellung unhaltbar. Eine „abgespeckte Version“ dieser Vorstellung, in der sich über Jahrmillionen hinweg der Mensch gleichsam schrittweise aus diesem Nichts heraus entwickelt haben soll, war für mich noch unhaltbarer. Das war doch nur ein Sand-in-die-Augen-streuen, indem man den Akt der Schöpfung zeitlich zurücksetzt und in einen unendlich fernen Uranfang verlagert. Da muss sogar der Mathematiker in mir lachen über so viel Augenwischerei. Ob die Entwicklung sieben Tage oder vier Milliarden Jahre dauert, ändert doch nichts an der Grundfrage, ob es einen Initiator der Schöpfung gibt. Der sogenannte Urknall ist doch nichts anderes als das „Es werde Licht“ in der Genesis. Für dieses Licht und für die daran gekoppelte Energie braucht der wissenschaftlich orientierte Mensch eine zeitliche Ursache, nicht der spirituelle Mensch. Letzterer hat seinen Schöpfergott, mehr benötigt er nicht zur Klärung der Entstehung der Welt. Urknall und Uranfang ins Unendliche zu rücken heißt doch nichts anderes, als von der Zeit auf die Ewigkeit überzugehen. Hier genau entsteht die Sinnestäuschung: denn Zeit und Ewigkeit sind Begriffe aus zwei verschiedenen Welten. Was einem schon das erste Semester Mathematikstudium deutlich macht, ist die mathematisch beweisbare Tatsache, dass man sich auf der Zeitachse der Unendlichkeit niemals annähern kann. Je weiter ich in der Zeit zurückgehe, ein Jahr, tausend Jahre oder eine Milliarde Jahre, es bleibt immer unendlich viel Zeit übrig, die davor liegt. Dasselbe gilt, wenn ich auf der Zeitachse nach vorne in die Zukunft gehe. Ich finde weder Anfang noch Ende im Raum der Unendlichkeit. Zeit ist immer ein Abschnitt, ein von der Unendlichkeit abgetrennter Teil. Damit gehören Anfang und Ende stets zur Zeit und zur Endlichkeit. Demgemäß ist Zeit immer zyklisch und begrenzt, niemals linear noch unendlich. Darüber werden wir noch viel mehr hören bei der Deutung der Mythen.

Nachdem für mich das Thema Schöpfung innerlich geklärt war, öffneten sich plötzlich Tür und Tor für eine neue Betrachtung des Lebens. Geist, Seele und Körper durften gleichzeitig existieren. Das gesamte Universum war Ausdruck schöpferischer Kräfte und ich hatte wieder im Denken jene kindlich-unschuldige Unvoreingenommenheit gewonnen, die - rückblickend betrachtet - mir gefehlt hat, um offen zu sein für alle möglichen und unmöglichen Gedanken. Das Grenzenlose, das mich schon im Studium magisch angezogen hat, bekam eine neue Dimension in meinem Leben. Mit dem Horizont im Unendlichen war der Weg frei für die Deutung der Mythen. Aus der Astrologie kannte ich das Deuten bereits und habe es als Berater und Seminarleiter reichlich praktiziert. Aber die Deutung von Mythen war eine viel größere Herausforderung. Zum einen gibt es in Bezug auf eine solche Deutung weder Anhaltspunkte noch eine überlieferte Tradition wie in der Astrologie. Zum anderen existieren praktisch keine brauchbaren Deutungen von Mythen auf die ich hätte zurückgreifen können. Immer wieder fanden sich bloß Bruchstücke, herausgerissen aus dem Mythos und unter die Lupe genommen. Hierzu gab es gelegentlich Deutungsansätze, manchmal lediglich persönliche Ansichten aber kaum Einsichten.

Mehr und mehr konnte ich mich auf meine Intuition verlassen. Und ich lernte auch der Deutung anderer zu vertrauen. Denn in speziellen Deutungsübungen während meiner Seminare zeigte sich, dass die Deutungen der einzelnen Teilnehmer in Bezug auf innere Bilder und Mythen zwar nicht die gleichen waren wie meine, aber sich stets als Ergänzungen zu meiner Deutung erwiesen.

So konnte sich mein Deutungsspektrum erweitern. Parallel dazu begann ich immer mehr zu ahnen was „Bewusstsein“ wirklich ist. Denn die Mythen beschreiben - so der Stand meiner Erkenntnis - Vorgänge auf der Bewusstseinsebene, wobei offensichtlich das Bewusstsein von Menschen und Göttern miteinander verwoben ist und sich gegenseitig beeinflusst.

Gleichwohl gehört eine Portion Unverfrorenheit dazu, mit diesem Buch einen Versuch zu unternehmen, die wesentlichen Mythen der alten Griechen zu deuten und in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen. Es gibt nämlich unzählige Mythen in vielerlei Varianten, dazu noch viele ergänzende Erzählungen. Man bekommt den Eindruck, nahezu jede Insel in der Ägäis hat zu den ursprünglichen Mythen zusätzliche Details beigesteuert. Das mag mit dazu beitragen, weshalb sich kaum jemand an den Gesamtkomplex der griechischen Mythologie heranwagt.

Mein Buch hat nicht den Anspruch auf jeden Mythos einzugehen, auch nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Bei einem Lexikon mag solch ein Anspruch vorliegen. Doch dort geht es um Aufzählung nicht um Deutung und Bedeutung. In diesem Buch versuche ich die Generationenfolge der Götter als Struktur zu verwenden. Da sind zuerst und ursprünglich Gaia und Ouranos, die „Großeltern“. Sie repräsentieren Erde und Himmel. Dann Kronos und Rhea, gemeinsam mit den anderen zehn Titanen die zwölf Kinder von Gaia und Ouranos. Kronos und Rhea übernehmen in der nächsten Generation die Rolle der „Eltern“. Ihre sechs „Kinder“ - die sogenannten Kroniden sind Zeus, Poseidon, Hades, Hera, Demeter und Hestia. Zu den Letzteren gesellen sich als Kinder von Zeus weitere olympische Gottheiten: Apollon und Artemis, Ares, Aphrodite, Hermes, Athene und Hephaistos. Das wären dann, neben vielen anderen, die wichtigsten Urenkel von Ouranos und Gaia.

All diese Göttergestalten tauchen in den Mythen immer wieder auf. Es sieht so aus als ginge es für uns Menschen darum, mit diesen Göttern in Kontakt zu kommen und ihre Botschaft zu verinnerlichen. Die Bewusstseinsebene ist eine Art „Informationsebene“, in der es um einen ständigen Austausch von Informationen geht, das sollten wir immer im Auge behalten. Aus dieser Sicht ist Bewusstseinserweiterung ein sich Öffnen für neue, unbekannte Informationsbereiche. Die Mythen selbst sind „Träger von Informationen“, Informationen, die wir uns über die Deutung erschließen. In jedem Fall schulen wir durch Deuten unsere Intuition, die uns eines Tages die „Botschaften von oben“ direkt und zweifelsfrei übermittelt.

Einführung in das Buch

Wir leben in einer Zeit, in der das Wissen über die Bedeutung der Mythen verloren gegangen ist - und wir leben in einer Zeit, die dringender denn je wieder Anbindung an die Mythen braucht. Die Weisheit der griechischen Mythen ist untergegangen und hat dem Glauben an die Allmacht der Wissenschaft Platz machen müssen. „Wissen ist Macht!“

Das gilt als viel zitiertes Motto einer Gesellschaft, die sich ihren eigenen Untergang inszeniert, ohne Notiz davon zu nehmen, wie ernst die Lage bereits ist. Der Indianerhäuptling Seattle prophezeite 1855 in seiner Rede an den Präsidenten der Vereinigten Staaten:

„Auch die Weißen werden vergehen, eher vielleicht als alle anderen Stämme. Fahret fort, euer Bett zu verseuchen und eines Nachts werdet ihr im eigenen Abfall ersticken. Aber in eurem Untergang werdet ihr hell strahlen - angefeuert von der Stärke des Gottes, der euch in dieses Land brachte!“

Nun sind über 150 Jahre vergangen und wir spüren heute deutlicher denn je die Weitsicht dieses Indianerhäuptlings.

Woher stammt seine Weisheit?

Was ist Weisheit, wenn Wissen Macht ist?

Und wie finden wir zurück zur Weisheit?

Mit Antworten auf diese drei essenziellen Fragen beschäftigt sich dieses Buch. Es entspringt meiner Liebe zur griechischen Mythologie und den daraus gewonnenen Einsichten. Seit Jahrtausenden versuchen wir Menschen zu ergründen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Die Ergebnisse der vielfältigen Erkenntniswege wurden auf unterschiedliche Art und Weise den nachfolgenden Generationen hinterlassen. So entstanden die Glaubens- und Weisheitslehren, die Astronomie und Astrologie, die Tragödien und Komödien, die Werke der großen Dichter und Künstler, die Erzählungen der Ahnen, die Märchen und Mythen. Im Judentum geht man sogar davon aus, dass der Schöpfergott selbst das Alte Testament - die sogenannte Thora - den Menschen diktiert habe.

All das ist heute in den Hintergrund gerückt. Wir haben das „Zeitalter der Aufklärung“ ausgerufen und die Weisheit durch Wissenschaft ersetzt. Folge ist der nahezu unzerstörbare Glaube an den Fortschritt. Fortschritt um des Fortschritts willen. Weisheit würde hier sofort einhaken und uns klarzumachen versuchen, dass alle Bewegungen im Leben zyklisch, also kreisförmig sind. Es gibt keine Gerade, alles endet im Ursprung. Aber von solchen Einsichten sind wir heute weit entfernt. Zwischen der Geburt eines Menschen und seinem Tod sehen wir nur einen zeitlichen Ablauf, der geradlinig verläuft. Tod als äußerste Entfernung von der Geburt, ja, daran glauben wir. Aber dass Tod und Geburt zusammenfallen, also etwas Gemeinsames, miteinander Verbindendes haben, hat in einem wissenschaftlich orientierten Denken keinen Platz. Deshalb ist die Wissenschaft faktisch gezwungen, die Existenz der Seele zu leugnen. Denn erst die Existenz der Seele bindet den Tod an die Geburt und formt unser Leben zum Kreislauf. Die Seele eines Menschen selbst würde nämlich während der Lebenszeit einen Zyklus von Erfahrungen durchlaufen, der mit der Geburt sich öffnet und mit dem Tod sich schließt.

Hier offenbart sich die Grundfrage, die jeder von uns nur mit sich selbst klären kann. Leugnen wir die Existenz der Seele, dann haben wir nur dieses eine Leben, das linear verläuft und mit dem Tod endet. Was übrigbleibt ist Staub. Glauben wir an die Existenz der Seele, eröffnet sich eine neue Dimension des Lebens. Die Seele überlebt den Tod des Körpers und könnte womöglich wiedergeboren werden.

Jeder hat die Wahl, in welcher Art von Welt er leben möchte, in der vierdimensionalen Welt von Raum und Zeit oder in der fünfdimensionalen Welt von Raum, Zeit und Ewigkeit. Oder einfacher ausgedrückt: in der Welt der Wissenschaft oder der Welt der Weisheit. Es gibt in der materiellen Welt keinen sichtbaren Beweis für die Existenz einer unsichtbaren Seele, nur in uns selbst können wir sie suchen - und vielleicht auch finden. Dem rational denkenden Menschen sei nahegelegt, dass es für die Nichtexistenz der Seele ebenfalls keinen Beweis gibt. Daher können wir weder beweisen, dass mit dem Tod unser Leben endet, noch beweisen, dass nach dem Tod ein Weiterleben existiert. Wir Europäer neigen mehr zur Wissenschaft. Daher ist die Ansicht, wir hätten nur dieses eine Leben, weit verbreitet. Der Osten tendiert eher zur anderen Ansicht.

Dieses Buch dient dem Versuch, die Weisheit der Wissenschaft anzunähern. Ich selbst bin einen langen Weg durch die Welt der Wissenschaft gegangen, um später über die Astrologie bei der Mythologie zu landen. Hier fühlte ich mich endlich zu Hause. Wie bereits im Vorwort erwähnt: Es war kein einfacher Weg, denn kaum jemand konnte mir helfen, die Mythen der alten Griechen zu verstehen. Hier hat mir die Astrologie sehr geholfen. Für mich ist sie die Sprache der Symbole. Sie lehrt uns deren Bedeutung und hilft uns die vielen Bilder zu verstehen, die uns im Leben und in den Träumen begegnen.

So ist ein Widder nicht nur ein Tier, das den Kopf senkt und gegen ein Hindernis mit voller Wucht anrennt, um den Widerstand zu brechen, sondern in Analogie auch eine Kraft im Menschen, die sich unbedingt gegen bestehende Widerstände durchsetzen will.

So ist ein Stier nicht nur ein bullig-starkes Tier, das so ohne weiteres kaum zu bewegen ist, sondern in Analogie auch eine Kraft im Menschen, die Ausdauer und starkes Beharrungsvermögen ausdrückt.

So ist Steinbock nicht nur ein Tier, das dem Gipfel zustrebt, sondern findet einen vergleichbaren Ausdruck in Menschen, die den Ehrgeiz entwickeln, es im Leben soweit wie möglich zu bringen.

Erzählt also eine mythologisch-symbolhafte Geschichte von einem Widder, einem Stier oder einem Steinbock, dann sind die Entsprechungen auf der Bewusstseinsebene des Menschen gemeint - und nicht das Tier in der Landschaft. Hier, auf unserer Bewusstseinsebene will die Erzählung verstanden werden, hier erlangt sie ihre Bedeutung.

Diese drei Beispiele sollen genügen, um den Ansatz der Deutung einer mythologischen Erzählung zu verstehen. Äußere Bilder der Kraft deuten auf inneres Vermögen eines Menschen hin. Wir suchen Bilder in der äußeren Welt, die wir mit den Fähigkeiten und Kräften eines Menschen in Vergleich setzen. Diese Bildersprache, die wir ohnehin tagtäglich benützen, verleiht uns die Möglichkeit, das einem Menschen innewohnende und dadurch unsichtbare Vermögen zu beschreiben. Meist geschieht das ganz instinktiv.

Wir benützen vergleichende Sätze wie
„der ist stark wie ein Bär“, oder
„flink wie ein Wiesel“ oder
„schlau wie ein Fuchs“.

Jeder Mensch hat Anteil an einer unsichtbaren Ebene von Kräften und Fähigkeiten. Sichtbar wird alles erst durch unser Handeln.

Das ist aber nicht das einzig Unsichtbare an uns. Da sind die Ideen, die Wünsche und Träume, die Bedürfnisse, die Vorstellungen, die zahllosen, ungeordneten Gedanken, die Gefühle, ja auch die Ängste, die Sorgen, die Abneigungen, die Illusionen und Täuschungen, ja sogar eine Menge Irrtümer, die in uns stecken ohne dass wir ihren Aufenthaltsort kennen. Das alles zusammen nennen wir gewöhnlich Bewusstsein, von dem uns weder die Biologie noch die Psychologie noch die Hirnforschung sagen kann, wo es sich im Körper befindet - falls es dort überhaupt seinen Aufenthalt hat.

Wenn wir das alles Bewusstsein nennen, welche Bedeutung hat dann noch die sichtbare Welt der Formen, unser Körper und unsere Taten? Die Antwort ist einfach: die Welt ist die Bühne, auf der wir unser Bewusstsein darstellen. Das hilft uns bei der Selbsterkenntnis: Wir zeigen, was wir können, und es zeigt sich, was wir nicht können und nicht kennen. Im ersteren zeigt sich unser „Tagesbewusstsein“, im letzteren unser „Nachtbewusstsein“. Mit anderen Worten, unser Bewusstsein teilt sich auf in ein Wach- oder Tagesbewusstsein und in ein Nacht- oder Unbewusstsein. Letzteres umfasst all jene Bereiche, die dem Wachbewusstsein fehlen.

Die Psychologie hat an der Grenze zwischen Tag und Nacht, zwischen Licht und Finsternis noch den Begriff des Unterbewusstseins geprägt. Das wäre dann auf der einen Seite der Grenzbereich der „Morgendämmerung“, also jener Bereich, der kurz davor ist, ans Licht zu kommen. Dazu würde ergänzend der Grenzbereich des Vergessens gehören, also jener Bereich der „Abenddämmerung“, der zurücksinkt in das Dunkel der Vergangenheit.

Das wäre schon das Wichtigste, was wir über unser Bewusstsein wissen sollten. Hier, im Bewusstsein liegen alle Informationen bereit. Sie sind die Quelle unserer Wünsche, Fähigkeiten und Handlungen. Von hier aus gehen unsere Aktionen und Reaktionen hinaus in die Welt und werden sichtbar. Unser Leben als Bühnenstück, in dem wir unsere Rolle so gut und so echt wie möglich spielen.

Bedauerlicherweise ist aus dem Spiel Ernst geworden. Wir haben vergessen, dass wir als Menschen auf die Erde gekommen sind um einen Weg der Selbsterkenntnis zu gehen. Irgendwann haben wir angefangen uns so stark mit unserer Rolle zu identifizieren und alles so ernst zu nehmen, dass wir dabei verlernt haben über Fehler und Ausrutscher zu lachen. Ja mehr noch, wir halten es für durchaus intelligent, Fehler zu vermeiden. Es dauert lange auf diesem Selbsterkenntnisweg bis wir begreifen, dass der Fehler immer das anzeigt, was uns im Bewusstsein fehlt. Aus Sicht der Erweiterung unseres Bewusstseins sind Fehler nicht nur unvermeidlich, sondern geradezu lebensnotwendig. Vermeidungsstrategien werfen uns nur auf unsere alte Rolle zurück. Da ist dann kein Weiterkommen im Leben.

Gottseidank hat das Leben eigene Methoden zur Verfügung, um uns Mut zu machen auch neues im Leben zu wagen.

Der nachfolgende Mythos wird uns davon erzählen. Dabei möchte ich nicht versäumen zu erwähnen, dass eine Deutung, ja letztlich jede Deutung immer auch einen persönlich-subjektiven Anteil in sich trägt. Im Kapitel weiter unten über die Quantenphysik werden wir noch hören, dass es für uns Menschen keine Objektivität gibt. Deshalb ist jeder Leser aufgefordert, sich um eine eigene Deutung zu bemühen und in diesem Zusammenhang meine Deutung als Anregung zu verstehen.

Als Einstieg in die Bedeutung der griechischen Mythen habe ich einen Mythos ausgewählt. Es ist der Mythos vom „Widder mit dem goldenen Fell“. Er ist nicht nur einer der schönsten Mythen, auch einer der inhaltsreichsten, aber vor allem ein Mythos, den wohl auf irgendeine Art schon jeder von uns durchlebt hat.

Er handelt von Phrixos, dem „Struppigen“. Näher auf den Mythos eingegangen wird sich zeigen, dass jeder von uns in bestimmten Lebenslagen ebenfalls ein Phrixos ist.

Die Erzählung ist diese:

Athamas, der Vater von Phrixos ist König und zugleich Priester im Heratempel. Um dessen Liebe zu Hera, der Gattin des Zeus zu stillen, erschafft Zeus aus Wolken Nephele ("die Wolke, der Nebel"), ein Phantombild von Hera. Nephele heiratet auf Befehl von Hera Athamas und schenkt ihm drei Kinder: Phrixos und Leukon als Söhne, Helle als Tochter.

Soweit die Herkunft von Phrixos. Hier gleich Grundsätzliches: Wenn wir Mythos verstehen wollen, müssen wir ihn von der sichtbaren Ebene lösen und als Beschreibung eine Vorgangs auf der Bewusstseinsebene betrachten. Phrixos, übersetzt der „Struppige“ beschreibt einen naiven Bewusstseinszustand. Man nennt ein neugeborenes Schaf wegen seines struppigen Aussehens <phrixos>, eben struppig. Im weiteren Verlauf der Erzählung wird dieser Zusammenhang an Bedeutung gewinnen. Für uns Menschen bedeutet Phrixos, dass wir auf unserer Bewusstseinsebene Bereiche vorfinden, in denen wir uns ebenso kindlich-unschuldig bewegen wie ein neugeborenes Schaf - eben wie ein „Phrixos“. Vielleicht sind es jene Bereiche, in denen - symbolisch gesprochen -noch Morgendämmerung herrscht.

Doch verfolgen wir den Mythos weiter:

Athamas verliebt sich in die irdische Ino, Tochter des Kadmos und zeugt mit ihr heimlich weitere Kinder. So hat Phrixos eine himmlische Mutter und eine irdische Stiefmutter. Als nun eine Hungersnot über das Land hereinbricht, glaubt Phrixos, seine Stiefmutter Ino habe gemeinsam mit den Säerinnen dem Saatkorn durch Rösten die Keimkraft entzogen. Als nun das Orakel des Zeus befragt wird und die Antwort lautet:

"Man solle einen "Struppigen”, einen Phrixos opfern!", zweifelt der von Angst gepeinigte Knabe keinen Augenblick daran, dass er an Stelle eines struppigen Lammes geopfert werden solle. Die „ böse StiefmutterIno, davon ist er überzeugt, habe den Boten, der die Nachricht des Orakels überbracht hat, bestochen.

Hier treffen wir auf einen bedeutsamen Zusammenhang, der uns Aufklärung bringen kann über den Ursprung vieler Konflikte im Bereich Eltern-Kinder. Im Bewusstsein des jungen, unschuldigen Phrixos spaltet sich die Gestalt der Mutter auf in ein Bild der idealen himmlischen Mutter und ein Bild der „bösen irdischen Mutter“. Im praktischen Leben findet sich dieser Zwiespalt in den negativen Bewertungen wieder, die wir über unsere Eltern und Erzieher abgeben. Denn jede Bewertung von „schlecht“ braucht einen Maßstab von „gut“. Den Maßstab für „gut“ oder auch „ideal“ liefert im Bewusstsein von Phrixos die himmlische Mutter Nephele. Da die Stiefmutter Ino der Traummutter Nephele das Wasser nicht reichen kann, hält Phrixos sie für böse, ja er glaubt sogar, sie trachte nach seinem Leben. Wir kennen diesen Zusammenhang auch aus unseren Märchen. Immer taucht irgendwo eine Stiefmutter, eine Hexe oder eine böse Fee auf, die Schneewittchen oder Hänsel und Gretel oder Dornröschen töten will. Wir sehen, auch Märchen erzählen von dieser inneren Ebene im Menschen.

Für unser konkretes Leben bedeutet dies, dass wir - solange wir unsere Eltern und ganz besonders unsere eigene Mutter für böse halten - ein kindlich-naives Bewusstsein in uns tragen. Der Mythos selbst wird uns den Sinn enthüllen, warum es die „ideale Mutter“ nicht gibt und es häufig zu starken Spannungen zwischen Mutter und Kind kommt. Doch weiter im Mythos:

In seiner äußersten Not betet Phrixos zur himmlischen Wolkenmutter Nephele - und das rettende Wunder geschieht: Sie schickt ihm Chrysomallos, den Widder mit goldenem Fell. Er tritt vor Phrixos hin und fordert ihn auf, zusammen mit dem einzigen Wesen auf der Erde, das er liebt, auf seinen Rücken zu steigen. Phrixos nimmt seine Schwester Helle, beide klettern auf den Rücken des Widders und eine kühne, wunderbare Flucht ins Unbekannte beginnt.

Nun stehen wir vor dem Bild eines Widders mit goldenem Fell und wissen nicht, was dieses Tier bedeuten könnte. Was soll das sein, das auf unserer Bewusstseinsebene „vom Himmel geschickt“ als Rettung in der Not erscheint?

Erinnern wir uns an Situationen im Leben, in denen uns Angst befallen hat und wir glaubten, es ginge um unser Leben. Haben wir nicht nach der „rettenden Idee“ gesucht? Und ist uns nicht urplötzlich die rettende Idee gekommen? Goldglänzend erschien sie uns, wunderbar, ideal.

Natürlich haben wir uns auf dieses Ideal eingelassen. Es erschien uns geradezu prädestiniert dafür, uns aus der misslichen Lage zu befreien und in ein neues, besseres Leben zu führen. Wenn wir in einem Land, an einem Arbeitsplatz, in einer Beziehung oder in der eigenen Familie unter Druck geraten und den Glauben an Besserung verloren haben, suchen wir nach Lösungen des inneren Konflikts. Sind wir unerfahren wie Phrixos, taucht irgendwann wie aus dem Nichts die rettende Idee, die ideale Lösung auf, die mir eine bessere Zukunft verspricht - und wir schwingen uns auf den „Rücken dieser Idee“. Selbstverständlich erscheint mir eine Idee nur dann als ideal, wenn wir alles, was wir lieben, in das „neue Leben“ mitnehmen können. Denn gerade das erscheint uns ja als die perfekte Rettung: alles mitnehmen zu können, was wir zu lieben glauben.

So schickt Nephele, die himmlische Wolkenmutter dem „naiven, unerfahrenen Ich“ jenes Ideal, das ihm in der jeweiligen Situation als ein vollkommenes erscheint. Wir dürfen annehmen, dass dieses Ideal wie die Mutter ebenfalls nur ein „Wolkengebilde“ ist.

Doch weiter im Mythos:

Jetzt kommt Phrixos in Berührung mit der Unerbittlichkeit des Schicksals. Von der wohltuenden Glut des goldenen Fells betäubt, schlafen er und seine Schwester ein. Da erschlafft der Arm des Phrixos, der Helle umschlungen hält, und Helle stürzt hinunter in das Meer (gr.: <pontos>), dem heutigen "Hellespont". Phrixos landet schließlich alleine mit dem Widder in Kolchis, fern am östlichen Ende des Schwarzen Meeres, im Land des Aietes, dem Sohn des Sonnengottes Helios. Dort angekommen, befiehlt ihm der Widder, ihn zu töten und das Fell abzuziehen. Das goldene Vlies wird an einer Eiche im Heiligtum des Ares aufgehängt, bewacht von einem Drachen, der nie schläft.

Später heiratet Phrixos Chalkiope, die Tochter von König Aietes.

Nun ist alles vollbracht. Phrixos hat sein Zuhause verlassen, den Hellespont überquert und ist in der Fremde angekommen. Der Widder hat seine Schuldigkeit getan, der Widder kann sterben. Nur sein goldglänzendes Fell bleibt als Erinnerung.

So ist das mit unseren Idealen, die uns den Mut zu neuen Lebenserfahrungen einhauchen. Am Ende müssen sie sterben, denn kein Ideal lässt sich in der Welt der Formen realisieren, jedenfalls nicht solange wir ein Phrixos sind, jung, unerfahren und naiv. Phrixos verliert seine geliebte Schwester und landet auf dem berühmten Boden der Tatsachen. Aber dieser Verlust erweist sich als notwendiger Reifungsprozess. Denn erst jetzt ist er nicht mehr Kind, wird erwachsen und bekommt am Ende die „Prinzessin“ zur Frau.

Wir kennen dieses Motiv aus vielen Märchen: der Knabe, der von Zuhause auszieht, um sein eigenes Leben zu leben. Der „Sprung in ein fremdes Leben“ ist absolut notwendig, um sich selbst zu erkennen und zu verwirklichen. Wer - symbolisch gesprochen - sein Elternhaus nicht verlässt und daher nicht zum „verlorenen Sohn“ wird, kann sein volles Potential nicht entfalten. Psychologen wissen das und helfen ihren Klienten, längst fällige Abnabelungsprozesse zu vollziehen. So können wir den Mythos von Chrysomallos auch betrachten als Lehrstück vom Erwachsenwerden. Dabei spielt Helle, die Schwester von Phrixos, eine wichtige Rolle. Erwachsen werden bedeutet auch zu lernen, sich auf die aphroditische Liebe einzulassen. Es ist die „Liebe der Gegensatzvereinigung“, die zur Grundlage einer partnerschaftlichen Beziehung werden soll. Aber davon später, wenn es um die Mythen von Aphrodite geht. Hier sei darauf hingewiesen, dass sich die geschwisterliche Liebe auf dem Weg zum Erwachsenwerden von uns ablösen muss, damit wir im höheren Sinne beziehungsfähig werden.

„Gleich und gleich gesellt sich gern“, sagt der Volksmund, aber er sagt auch, „Gegensätze ziehen sich an“. Dieser scheinbare Widerspruch wird durch unsere Bewusstseinserweiterung aufgelöst. Erwachsen geworden können wir uns mit dem Gegensatz im anderen verbinden. Ja ich lerne ihn zu lieben, gerade weil er so anders ist als ich. Als Phrixos suchen wir im Partner die Schwester oder den Bruder: mit gleichen Interessen, gleichen Ansichten, gleichen Gewohnheiten.

Unsere Bekanntschafts- und Heiratsannoncen sind überfüllt mit der Suche nach Partnern, aus denen sich der familiäre Anspruch von Bruder und Schwester mühelos herauslesen lässt. Wenn das als Spiegelbild unserer Gesellschaft gilt, dann fehlt noch vielen Menschen weitgehend der Mut, sich auf das Fremde, das Andersartige und Gegensätzliche einzulassen. Oder mit anderen Worten: es fehlt der Mut zur wahren Liebe.

Wir kennen Gesellschaftsformen, in denen die Eltern die „geeigneten Lebenspartner“ für ihre Kinder aussuchen. Anzunehmen ist, dass hier dem Geschwisterprinzip von „gleich und gleich gesellt sich gern“ der Vorrang eingeräumt wird. Diese „geschwisterliche Partnerschaft“, so wurde mir von einer iranischen Familie versichert, führe zu einer friedlichen Beziehung, die obendrein auch länger hält als im Westen. Das mag ja sein, denn Bruder und Schwester bleibt man auch hierzulande ein Leben lang - und meist recht friedlich.

Sich auf die aphroditische Liebe der Gegensatzvereinigung einzulassen ist mit Sicherheit konfliktreicher, wobei die Nichtbewältigung von Konflikten oft zur Trennung der beiden Partner führt. Auch darüber mehr im Kapitel über Aphrodite, von der mythologisch gesehen eine mystische Anziehungskraft ausgeht - denn sie gefällt, so heißt es, den Göttern und den Menschen.

Der Leser mag sich an dieser Stelle fragen, wozu es gut sein soll nach der Bedeutung von Mythen zu suchen. Es ist uns vor neuen Lebenserfahrungen zur Gewohnheit geworden, die Frage zu stellen, was „es uns bringt“. Im höheren Sinne ist es nicht klug, eine solche Frage zu stellen, bevor die jeweilige Erfahrung gemacht ist. Mit der sokratischen Weisheit „Ich weiß, dass ich nicht weiß“ sind wir besser bedient. Sie macht uns den Weg frei zu neuen Erfahrungen und Einsichten, während die Frage nach dem Nutzen einer Erfahrung, auf die wir uns noch gar nicht eingelassen haben, eher zur Hemmung führt.

Aus meiner Praxis kann ich sagen, dass die Beschäftigung mit Mythen und deren Bedeutung mich immer mehr in die „Welt der Zusammenhänge“ geführt hat. Es erfolgt automatisch dabei eine Bewusstseinserweiterung, die den Sinn des eigenen Lebens immer deutlicher erkennen lässt ohne ihn je vollständig zu entschleiern.

Ich könnte es auch anders ausdrücken: Mein Leben und mein Schicksal bleiben spannend. Die Sehnsucht nach einem „Ruhestand“, die ich bei vielen Menschen meines Alters feststelle, bleibt aus. Dafür wächst und gedeiht die Sehnsucht nach der Erforschung dessen, was wir Lebenssinn nennen. Außerdem glaube ich, dass der Mythos Nahrung für unsere Seele ist und zugleich Reinigung für unsere Psyche. Wir leben in einer Zeit zunehmender psychischer Erkrankungen. Die Mediziner und Psychiater sprechen von Schizophrenie, also von Bewusstseinsspaltung. Die Psychologen sprechen von Verdrängung. Letztlich alles Vorgänge in unserem Bewusstsein, dessen Träger unsere Seele ist. Um hier in Behandlung und Therapie weiter zu kommen scheint mir die Beschäftigung mit den Vorgängen in unserem Bewusstsein unverzichtbar, insbesondere dann, wenn es um wirkliche Heilung einer psychischen Störung geht. Meiner Meinung nach würde die Beschäftigung mit der in Mythen eingewebten Weisheit jeden Psychologen und Therapeuten in seiner Arbeit unterstützen, da ihm der Mythos nicht nur beschreibt, um welches Thema es geht sondern stets auch die Lösung anbietet. Im Mythos vom Widder mit dem goldenen Fell zeigt sich, dass uns Angst und Bedrückung oft nur bewegen wollen, dem Ich-Ideal zu folgen getreu dem Motto „no risk, no fun!“

Das möchte ich kurz als Beispiel näher beleuchten:

Nehmen wir an, ein Klient kommt zum Therapeuten und beschreibt seine gegenwärtige Situation am Arbeitsplatz als unerträglich: der Chef ein Unterdrücker, die Kollegen abweisend, der Lohn mehr als dürftig. Dazu kommen noch Überlegungen vonseiten der Firma, einem Teil der Angestellten zu kündigen. Um sich zu vergewissern, dass es sich um die im Mythos beschriebene Situation eines „Phrixos“ handeln könnte, stellt der Therapeut die Frage an den Klienten, ob er schon daran gedacht habe, einfach zu kündigen. Nun erfährt der Therapeut, dass der Klient noch nie gekündigt hat und seit seinem Arbeitsbeginn in derselben Firma angestellt ist.

Das könnte jetzt den Therapeuten auf die Idee bringen, als Hintergrund der unerträglichen Lage seines Klienten die im Mythos vom Widder Chrysomallos beschriebene Ausgangssituation anzunehmen. Wenn er sich darauf einlässt, wird er seinem Klienten helfen, seinen „Wunsch-Traum“, sein „Ich-Ideal“ zu suchen und zu finden. Dabei wird er sehr schnell feststellen, dass dieses Ideal ja schon da ist, es muss nur noch in das Bewusstsein des Klienten gehoben werden.

Jetzt ist die wesentliche Aufgabe des Therapeuten erledigt. Vielleicht wird er gelegentlich noch als eine Art „Seelenführer“ kontaktiert werden, wenn sich sein Klient daran macht, sein Ich-Ideal zu verwirklichen und dabei etwas Zuspruch benötigt.

Natürlich können jede Menge Einwände gegen dieses einfache Beispiel vorgebracht werden. Das will ich gar nicht leugnen. Da der Widder-Mythos für alle Neuanfänge Gültigkeit hat, beschreibt er natürlich auch die Situation eines Therapeuten, der den Mut hat, sich auf eine neue Therapie-Methode einzulassen. Mit Mythen therapeutisch zu arbeiten ist in jedem Fall Neuland, das betreten werden müsste. Und es wird dem Therapeuten ähnlich ergehen wie dem Phrixos: er muss bereit sein, Ideale sterben zu lassen. Denn die Realität schaut immer anders aus als der kindlich-naive Wunschtraum. Trotzdem hätte der Therapeut den „Hellespont“ überschritten und wäre in einer neuen „Therapiewirklichkeit“ angekommen. Dass obendrein Helle verloren geht, würde wohl heißen, dass der Therapeut, der Neuland betritt, seine „gewohnten Methoden“ nicht mehr verwenden kann.

In den vergangenen Jahrzehnten gab es gerade in der Psychologie diverse Sprünge über den Hellespont. Da kam die Hypnosetherapie, danach die Rückführungstherapie, die astrologisch-psychologisch orientierte Therapie und die Visionstherapie, dann die Systemtherapie zuerst mit Familienaufstellungen und später mit Aufstellungen aller möglichen Systeme - von Firmenteams über Theaterensemble bis hin zur Drehbuchaufstellung. Dem Familienaufstellen folgten astrologische Aufstellungen. Da würde als weiterer Quantensprung eine mythologischbewusstseinsorientierte Therapie durchaus gut dazu passen.

Wir haben die Anwendungen der Medizin verfeinert, die Medikamente verbessert und die Operationsmöglichkeiten unglaublich erweitert. Die Krankheit hat es allerdings nicht - wie ursprünglich erhofft - ausgerottet. Wenn wir die Verbreitung von Krankheit an den Geldsummen messen, die wir für unseren „Kampf gegen die Krankheit“ investieren, scheint das Krankheitspotential in der Bevölkerung eher zugenommen als abgenommen zu haben.

Vermutlich haben wir zu wenig beachtet, dass an jeder Krankheit auch unser Bewusstsein beteiligt ist - und damit auch unsere Seele und unsere Psyche. Es gibt keine Krankheit, die nur alleine den Körper betreffen würde. Selbst ein gebrochenes Bein hat auch psychische und seelische Hintergründe. Allmählich anerkennt das die Medizin, auch wenn das allopathische Denken immer noch vorherrscht. Aber auch hier gilt der Widdermythos: Neuland wird erst gesucht und betreten, wenn vorher die Not groß ist. Das schein im Moment noch nicht der Fall zu sein. Den Medizinern geht es materiell noch gut, auch wenn viele am Ende ihrer Kraft sind, weil sie die Wirkungslosigkeit ihrer Arbeit spüren. Krankheit und Leid wollen einfach nicht weniger werden. Sie können im Einzelfall nur lindern aber nicht heilen, während sich die Krankheiten häufen. Es findet sich keine Erklärung dafür, warum die Zahl von Arztbesuchen und Krankenhausaufenthalten pro Person und Jahr laufend zunimmt.

Vielleicht kommt eines Tages die längst überfällige Veränderung von den Patienten, denen langsam dämmert, dass unser viel gelobtes Gesundheitssystem immer mehr Kranke und immer weniger Gesunde hervorbringt. Es ist ein System, das den Arzt finanziell „belohnt“, wenn sein Patient krank ist bzw. immer wieder krank wird, und das ihn finanziell „bestraft“, wenn sein Patient dauerhaft gesund bleibt.

Auch hier wäre ein neues Ideal fällig, der Widder mit dem goldenen Fell steht in jedem Fall bereit von seiner himmlischen Mutter Nephele den Menschen geschickt, um wirkliches Neuland zu erreichen.

Zum Abschluss sei hier noch auf eine destruktive Denkart unsererseits hingewiesen. Da wir in vielen Lebensbereichen glauben, kein Phrixos mehr zu sein, haben wir in der Vergangenheit erlebt, dass Ideale sich nie vollkommen verwirklichen. Und wir haben auch erlebt, dass Liebgewonnenes dabei verloren gegangen ist. Dieses Wissen setzen wir oft ein, um unsere Ich-Ideale zu schwächen, indem wir das Augenmerk auf den Verlust legen, der mit der Verwirklichung eines Ideals einhergehen könnte. Im Mythos ist es Helle, die in das Meer stürzt. Damit entmutigen wir uns und nehmen dem „Sprung über den Hellespont“ die Kraft. Ideal und Wunschtraum fallen, wie es so schön heißt, schon vor der Verwirklichung ins Wasser. Diese Brille der Negativität, die wir uns so oft aufsetzen, raubt uns die Kraft, die wir für Neuanfänge dringend benötigen. Darin dürfte die Hauptursache liegen, warum grundlegende Veränderungen und radikaler Neuanfang im Lauf des Lebens immer seltener werden. Obwohl jedem Neubeginn, wie Hermann Hesse in seinem Gedicht „Stufen“ sagt, ein Zauber innewohnt, lassen wir uns oft davon abbringen, weil wir eher an den bösen Zauber als an das Zauberhafte im Leben glauben.

Eines jedoch sollten wir uns vergegenwärtigen:

in Bezug auf einen echten Neubeginn im Leben wissen wir niemals, wo wir landen und welches unsere Erfahrungen sein werden. Hier sind und bleiben wir stets ein Phrixos.

Mythologisches Denken

Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist so alt wie die Suche des Menschen nach dem Glück. Wir greifen nach dem Unfassbaren, um das Unbegreifliche zu verstehen.

Ja, wir Menschen sind Suchende - ein Leben lang.

Immer wieder aufs Neue stellen wir die Frage nach dem Anfang und nach dem Ende, nach dem „Woher wir kommen?“ und dem „Wohin wir gehen?“, das unterscheidet uns von allen anderen Lebewesen auf dieser Erde. Ob es der Beginn eines Lebens oder der Anfang einer Beziehung ist, wir suchen nach den Ursachen und entdecken hinter jeder Ursache eine endlose Kette weiterer Ursachen, bis wir schließlich bei Adam und Eva angekommen sind. Und selbst dann gibt sich unser forschender Geist nicht zufrieden, weil er davor noch etwas vermutet, das sich unserem menschlichen Geist nur nicht offenbaren will. Doch auch die Frage wohin unser Leben strebt, scheint im Nirgendwo zu enden. Von der Zukunft wissen wir offensichtlich noch weniger als von der Vergangenheit. Unsere Erfahrung zeigt uns lediglich, dass es irgendwie weiter geht. Jedem Ende folgt ein Neuanfang: nach dem Kindergarten kommt die Schule, nach der Schule der Beruf, dann die eigene Familie, die eigenen Kinder, mögliche neue Beziehungen, vielleicht sogar eine Berufung - und letztlich der Tod. Auch hier macht unser Geist nicht halt. Wir nehmen an, dass es auch nach dem Tod auf die eine oder andere Art weitergeht, zumindest wenn wir an die Unsterblichkeit unserer Seele glauben. Wer daran nicht glauben mag, der wird zu Staub, aus dem auf eine ganz natürlich-biologische Weise neues Leben entsteht. So finden wir weder in der Geburt den „wahren Anfang“ noch im Tod das „wirkliche Ende“, alles ist nur ein durch eine bestimmte Zeit begrenzter Ausschnitt der Ewigkeit. Das große, allumfassende Leben gibt uns Menschen keine eindeutige Antwort auf die Frage, woher wir kommen und wohin wir gehen. Wir können in die Vergangenheit schauen. Wir können versuchen, unsere Zukunft zu ergründen. Und stellen fest, der Blick ist durch unseren persönlichen Horizont begrenzt.

Erst eine neue Perspektive kann weitere Inhalte hervorbringen. Wir besitzen nämlich eine Geistesgabe, die wir Selbstbeobachtung nennen und die uns befähigt unser Leben sozusagen „von oben her“ zu betrachten. Mithilfe der Erinnerung können wir unsere Vergangenheit Revue passieren lassen und unter Einsatz unseres Ahnungsvermögens können wir unsere Gegenwart - zumindest ein wenig - in die Zukunft hochrechnen. Dabei stellen wir erst einmal fest, dass wir - egal wo wir jetzt stehen - schon immer einen Weg gegangen sind. Die vielen Stationen unseres Lebens sind nicht zusammenhangslos aneinandergereiht, sondern alle miteinander verknüpft. Das gerade ergibt ja den Weg. Oft sehen wir nur die einzelnen Stationen zusammenhanglos aneinandergereiht. Bedauerlicherweise, denn den gesamten Weg zu erkennen ist das wirklich spannende im Leben. Es ermöglicht uns, Einblick in unseren Lebenssinn zu gewinnen. Auch lässt es uns Parallelen zum Lebensweg anderer Menschen ziehen.

Viele werden fragen, wozu wir das tun sollten. Schließlich haben andere Menschen ihre eigenen, persönlichen Erlebnisse, die mit meinen Erlebnissen nichts gemein haben. Was soll es mir bringen, meine Erlebnisse mit denen anderer zu vergleichen.

Das ist richtig. Solange wir nicht den gesamten Weg betrachten, wäre alles nur ein Austausch von Erlebnissen, den wir vom Stammtisch her nur allzugut kennen. Das ändert sich jedoch, wenn wir nach dem „roten Faden“ suchen, der sich durch unser Leben zieht. Schnell würden wir im Vergleich Ähnlichkeiten und Analogien finden mit dem „roten Faden“ der Menschen, mit denen wir in Beziehung stehen. Je enger die Beziehungen, umso deutlicher tritt die Resonanz zwischen den Betreffenden in Erscheinung. Oft sieht es so aus, als wären die vielen „roten Fäden“ regelrecht miteinander verknüpft zu einem sinnreichen Gewebe. Wir teilen mit anderen Erfahrungseinheiten, ohne dieselben Erlebnisse gemacht zu haben. Erfahrungseinheiten führen zu tieferen Lebenseinsichten, die uns dem Sinn des Lebens näher bringen. Besitzen wir eine Ahnung vom Sinn unseres Lebens und vergleichen ihn mit dem Lebenssinn anderer Menschen ließe sich feststellen, dass wir mit Menschen, mit denen wir befreundet sind, Ähnlichkeiten im Lebenssinn teilen. Man könnte es auch umgedreht formulieren: Die Basis einer Freundschaft ist eine „ähnliche Gesinnung“, aus der gemeinsame Ziele und Visionen hervorgehen.

Noch deutlicher tritt das zutage mit Menschen, die wir lieben. Mit ihnen teilen wir einen gemeinsamen Lebenssinn - und natürlich auch einen gemeinsamen Lebensweg. Selbst wenn wir mit ihnen streiten, suchen wir nach einer Konfliktlösung, die erst dann möglich wird, wenn wir unseren Eigensinn zurückstellen und uns auf das Gemeinsame besinnen.

Aus dem kollektiven Erinnerungsvermögen der Menschheit sind die Mythen hervorgegangen. Die alten Griechen nennen uns die Musen als Hüterinnen der Mythen. Die Musen selbst sind Töchter des obersten olympischen Gottes Zeus und der Titanin Mnemosyne. Mnemosyne heißt übersetzt soviel wie <Gabe der Erinnerung>. Sie ist Schwester des großen Kronos, dem Vater des Zeus. Da Zeus als Gott der Sinnfindung gilt, legt die Verbindung mit der „Erinnerung“ den Gedanken nahe, dass die Musen uns beistehen, wenn wir mithilfe der Erinnerung aus den Lebenserfahrungen den „Sinn“ extrahieren wollen: der Lebenssinn als Essenz unserer vergangenen Erfahrungen.

So wird verständlich, warum die alten Dichter wie Hesiod und Homer zuerst die Musen um Beistand angerufen haben, ehe sie die Theogonie (Götterlehre), die Ilias und die Odyssee niedergeschrieben haben. Wenn wir die griechische Mythologie mit all der Vielfalt an Erzählungen in ihrer Bedeutung verstehen wollen, geht das nicht ohne den Glauben an einen höheren Lebenssinn. Denn erst der Glaube, dass alle Ereignisse im Leben intelligent und sinnhaft miteinander verwoben sind, kann uns dazu bewegen, nach dem „roten Faden“ zu suchen, der sich durch unser Leben zieht. Glauben wir nicht daran, werden alle Geschehnisse im Leben „zufällig“ bleiben. Wir sehen den Zusammenhang nicht, wir erkennen keinen tieferen Sinn, wir lernen nicht daraus und bewegen uns nicht weiter bis unser Leben letztlich festgefahren ist und wir - ohne es zu merken - aus dem Leben ein Überleben gemacht haben.

Ja, ein Leben ohne tieferen Sinn ist lediglich ein Überleben.

Auf die Bitte eines Schülers, doch über das Leben nach dem Tod zu sprechen, antwortet der Meister:

„Ihr wollt das Geheimnis des Todes kennenlernen. Aber wie könnt ihr es finden, wenn ihr es nicht im Herzen des Lebens sucht?“

Mit dem Eintreten in die Welt der Zeit ist das Ende bereits im Anfang beschlossen. Von Geburt an geht alles unwillkürlich dem Ende entgegen. Das irdische Leben besteht aus einer Aneinanderreihung von Zyklen, die in sich Anfang und Ende bergen. Hier findet sich das Geheimnis des Todes von dem Goethe den Mephisto sagen lässt: „Denn alles was entsteht ist wert dass es zugrunde geht!“

Wenn wir eines Tages das ganze Leben als eine Art Schule verstehen mit der Absicht, unser Bewusstsein zu erweitern, und wenn wir davon ausgehen, dass unser Schicksal im hohen Masse intelligent ist und der Bewusstseinserweiterung dient, dann öffnen sich uns Einblicke in den Hintergrund des Lebens, die den Lebenssinn zutage fördern. Wir lernen unser Leben verstehen als Zusammenhang von kleineren, mittleren und größeren Erfahrungskreisläufen, ein jeder Kreislauf wie das Glied einer Kette, deren Glieder sich immer wieder zu größeren Kreisläufen zusammenschließen und am Ende mit unserem Tod einen geschlossenen Kreis bilden. Jeder dieser Kreisläufe hat Anfang und Ende so wie sich unsere gesamte Schulzeit unterteilt in einzelne Klassen, innerhalb derer wir wieder kleinere, in sich geschlossene Lernabschnitte vorfinden.

Mythen erzählen aus meiner Sicht von den „Lernaufgaben auf dem Weg der Bewusstseinserweiterung“. Sie sind in sich geschlossen und haben Anfang und Ende. Wer seinen Mythos kennt, in dem er sich gerade befindet, weiß um sein Thema, das gerade im Leben ansteht. Auf diese Weise hilft uns der Mythos. Er führt uns zur Selbsterkenntnis, die uns als Wegweiser dienen kann auf dem Weg, unser Bewusstsein um die Meisterung einer neuen Aufgabe zu erweitern. Allerdings - das sei vorweg erwähnt - er nimmt uns den Lernweg nicht ab. Es ist wie in der Mathematik: Der Lehrer kann uns zeigen, wie man addiert, aber lernen müssen wir es selbst, auf unsere eigene Art und Weise. Der Trost besteht darin, dass die „Meisterung einer solchen Aufgabe“ bedeutet, wir haben das Thema in unser Bewusstsein integriert, d.h. wir haben es ein für alle Mal begriffen und werden es in der Regel für immer beherrschen. Alles, was wir unserem Bewusstsein hinzufügen, bleibt uns normalerweise dauerhaft bewusst. Wir sagen, es sei uns „in Fleisch und Blut übergegangen“.

Grundbegriffe

Bevor ich zur Mythologie komme, möchte ich versuchen einige Grundbegriffe zu klären. Bewusstsein entspringt jenem Lebensprinzip, das uns Menschen „eingehaucht“ ist und das wir oft mit Seele bezeichnen. Im biblischen Kontext ist es die <neschamah> (der Lebenshauch), die Adam eingehaucht wird und sprachlich verwandt ist mit <haschamajim>, dem Himmel. Die Quantenphysik würde diesen Lebenshauch eher als Informationsfeld bezeichnen, an dem wir Menschen als Teil des Ganzen angeschlossen sind. Die Seele bzw. das Lebensprinzip ist Träger des Bewusstseins und verleiht uns mithilfe von Bewusstheit die Fähigkeit, Unsichtbares in die Sichtbarkeit zu bringen. Es handelt sich also um ein Entwicklungsprinzip, das ein Leben lang auf unsere Persönlichkeit und unser Erdendasein einwirkt und uns stufenweise zu höherem Bewusstsein führen möchte.

Jede Idee, jeder Wunsch, jede Vorstellung eines Menschen ist für die Welt erst einmal unsichtbar, d.h. sie befinden sich noch „ungeboren“ in uns und haben noch keine sichtbare äußere Form angenommen. Wir „gehen schwanger damit“, sind aber noch nicht in Aktion getreten. Möchte z.B. ein Maler seine Idee bzw. sein „inneres Bild“ auf die berühmte Leinwand bringen, braucht er das dazu notwendige Bewusstsein. In der Regel hat er sich das im Laufe der Zeit über Erfahrungen im Malen von Bildern erworben. Er ist sich seines Könnens bewusst, kann mit Pinsel, Farbe und Leinwand umgehen und setzt diesen Aspekt seines Bewusstseins ein, um seine Idee in einem sichtbaren Bild zu realisieren. Entspricht das äußere Bild exakt dem inneren Bild, sprechen wir von einem „Könner“ oder Meister, im Beispiel des Malers von einem großen Künstler.

An dem Beispiel sehen wir, dass unser ganzes Leben auch betrachtet werden kann als eine kontinuierliche Bewusstseinserweiterung mit dem Ziel, angelegte Fähigkeiten zur Meisterschaft hin zu entwickeln. Und wir sehen noch eins: Selbsterkenntnis ist nicht identisch mit Bewusstseinserweiterung, dient ihr aber. Denn wenn der Maler am Ergebnis seiner Arbeit erkennt, dass das äußere Bild nicht dem ursprünglich inneren Bild entspricht, erkennt er genau das, was ihm fehlt, um ein Meister zu sein. Bemüht er sich um das, was ihm fehlt, expandiert sein Bewusstsein - und seine äußeren Bilder werden seinen inneren Bildern immer ähnlicher: er erklimmt die Stufen zur Meisterschaft.

An dieser Stelle möchte ich erinnern an den Begriff des Unheils bzw. des Unheilseins. Solange uns „etwas fehlt“ weist dies darauf hin, dass unser Bewusstsein unvollständig ist. Denn genau dort fehlt uns ja etwas. Zwar erkennt am „äußere Bild“ der Künstler, was ihm fehlt, doch er weiß natürlich genau, dass ihm eine bestimmte innewohnende Befähigung fehlt. Fähigkeiten sind Ausdruck einer bestimmten Bewusstheit. Unfähigkeit ist demnach Ausdruck einer fehlenden Bewusstheit.

Die menschliche Seele ist Träger des Bewusstseins. Ihr Anliegen ist es, den Menschen zu vervollkommnen. In der Genesis wird das dadurch bestätigt, dass der Mensch „im Bilde des Schöpfers“ geschaffen wird mit dem Auftrag, über das „Irdische“ zu herrschen. Menschwerdung nennen wir diese Entwicklung die uns ein ganzes Leben lang begleitet und herausfordert mit der Frage: Was fehlt mir? Nur in und an unseren Taten erkennen wir das Fehlende, deshalb ist die Tat unabdingbare Voraussetzung für unsere Bewusstseinserweiterung. Ohne zu handeln können wir gar nicht existieren, denn auch im Nichthandeln steckt verborgen eine Form des Handelns. Oder anders ausgedrückt: Einzig und allein im gemalten Bild kann der Maler erkennen, welche Fähigkeiten ihm noch fehlen.

Erinnern wir uns an jene berühmte Studierzimmerszene in Goethes Faust. Hier versucht Faust den ersten Satz des Johannesevangeliums zu übersetzen. Mit der Übersetzung, „im Anfang war das Wort“ gibt sich Faust nicht zufrieden und kommt zu Ende mit den Worten:

„Mir hilft der Geist! Auf einmal seh ich Rat
und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!“

Wenn wir menschliches Dasein anerkennen als Weg einer Bewusstseinserweiterung, dann beginnen wir zu ahnen, dass unser Schicksal ebenso wie unsere Reaktion auf das Schicksal Wegweiser sind. Noch aussagekräftiger wird unsere Ahnung, wenn die Schleier des Unwissens fallen und eines Tages offenkundig wird, dass jedes persönliche Schicksal in hohem Masse abgestimmt ist auf den jeweiligen Entwicklungsstand. Im Kleinen wissen wir, dass in der Schule (z.B. in Mathematik) die nächste „Lerneinheit“ auf die vorangehende aufbaut (z.B. die Multiplikation auf die Addition). Im Leben fehlt oft der Blick dafür. So kommt es dazu, dass wir unser Schicksal bekämpfen statt uns mit ihm zu verbinden. Hier kann und will uns die Mythologie beistehen. Jeder Mythos erzählt von solchen „Lerneinheiten“ auf der Bewusstseinsebene -und letztlich davon, was uns wirklich fehlt. Stets hat die Erzählung einen Anfang und ein Ende, so dass sich der Kreis schließt.

Hier sei gleich Wesentliches angesprochen: Wir können einen Mythos in Teile zerlegen, dürfen aber nie das Ganze dabei aus dem Auge verlieren. Hier haben wir es mit einer menschlichen Grundproblematik zu tun, für die der Volksmund den Ausdruck geprägt hat:

„Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr“.

Ein aus meiner Sicht krasses Beispiel bietet der sogenannte Ödipuskonflikt. Die mythologische Beschreibung, in der Ödipus seinen Vater tötet und später seine Mutter heiratet, ist in die Psychologie als Ödipuskomplex eingegangen. Aus meiner persönlichen Sicht ist das die Vergewaltigung eines grandiosen Mythos, von dem wir noch hören werden. Unter Nichtbeachtung der Ganzheit dieses Mythos wurde hier ein Teil herausgenommen und als wesentliche Aussage interpretiert. Die Geburtssituation ebenso wie das Ende des Ödipus wurde dabei völlig ausgeblendet, keine Spur vom Ausgesetztsein und vom Aufwachsen bei Adoptiveltern, vom Spruch des Orakels, dem schon der Vater des Ödipus zu entrinnen versuchte und dem analog auch der Sohn zu entgehen trachtet. Keinerlei Bezug zur Sphinx und ihrem Rätsel, zur letztendlichen Innenschau des Ödipus nach seiner freiwilligen Blendung. Für mich wird hier deutlich, wie wichtig es ist, niemals den gesamten Mythos aus dem Auge zu verlieren. Einen Teil herauszugreifen zerstört den Mythos mitsamt seiner Bedeutung, wenn der Teil nicht im sinnvollen Zusammenhang mit allen anderen Teilen gesehen wird. Hier ist auch der fehlende „mythologische Tiefgang“ in der Psychologie und insbesondere Psychiatrie zu beklagen. Das medizinisch-wissenschaftliche Denken herrscht an unseren Universitäten vor. Ist ein Mensch körperlich krank, „zerstückeln“ wir analytisch den Menschen bis wir einen (Körper-) Teil finden, den wir krank nennen. Ob Leber, Niere, Hüfte, Knie oder Fuß, stets haben wir Methoden entwickelt, den Teil „gesund zu machen“ bzw. wieder „in Ordnung zu bringen“. Wir vergessen völlig, dass - egal welches Symptom ein Mensch hat - immer der ganze Mensch krank ist. Ob die Leber ihren Dienst versagt oder die Niere kollabiert, die Hüfte schmerzt, das Knie unbeugsam ist oder die Füße lahmen, es hat mit dem ganzen Menschen zu tun, nicht nur speziell mit dem Körperteil, an dem das Problem sichtbar wird. Deshalb wirkt sich jede Krankheit stets auf den ganzen Menschen aus, nicht nur auf den Körperteil, an dem das Symptom auftritt. Wir haben ganz vergessen, dass jene uns allen bekannte Frage des Arztes an den Patienten lautet:

„Was fehlt ihnen?“

Diese Frage zielt auf den Menschen ab, d.h. auf das, was ihm im Bewusstsein fehlt. Sie zielt nicht auf das Symptom ab, denn das fehlt schließlich dem Patienten ganz und gar nicht.

Schöpfung

Mit dem griechischen Schöpfungsmythos beginnend möchte ich einsteigen in die Welt der antiken Mythen. Mir liegt es am Herzen, das durch Technik und Wissenschaft unterdrückte „mythologische Denken“ wieder zu aktivieren. Der Leser selbst mag entscheiden, ob es ihm neue Einblicke in sein Leben und mehr Klarheit über sein Schicksal bringt.

Nach einer umfassenden Anrufung der Musen erzählt uns Hesiod in seiner Theogonie (= Götterlehre) vom Ursprung der menschlichen Entwicklung. Den Schöpfungsmythos von Ouranos und Gaia durchläuft jeder Mensch mit seiner Geburt und den darauffolgenden Jahren. Hesiod erzählt von einer aus dem Chaos entstehenden Göttin Gaia, dem „nie wankenden Sitz der Götter“. Sie ist die Urmutter, der intelligente Geist der Erde, der alle sichtbaren Lebensformen hervorbringt. Mit ihr zusammen kommt Eros in die Welt, ausgestattet mit Schönheit und Sanftheit. Im Verlauf der weiteren Schöpfung bringt Gaia Ouranos hervor, den sternenreichen Nachthimmel. In seiner Liebe zu Gaia breitet sich nächtlich Ouranos als Sternenhimmel über Gaia aus und zeugt mit seiner Schöpferkraft zwölf Titanen. Jedoch erscheinen ihm die Titanen zu unvollkommen. Aus diesem Grund lässt Ouranos seine Kinder nicht aus der inneren Höhlung der Erde ans Licht kommen. Jedoch Gaia hat eine List. Ihr jüngstes Kind, der große Kronos fühlt sich beengt in der inneren Höhlung der Erde. Seine Mutter sagt ihm, das sei vom bösen Vater so gewollt, weil dieser seine Kinder hasst. So zieht sie Kronos auf ihre Seite, der nun seinerseits den Vater hasst und sich bereit erklärt, Gaia´s Plan auszuführen. Mit den Worten „Ja Mutter, ich tue es! “ nimmt er die ihm von Gaia gereichte eiserne Sichel und schneidet nachts, als „Ouranos zur Zeugung Gaia verlangend an sich zieht“, dem Vater die Zeugungskraft ab und wirft die abgetrennte Männlichkeit des Ouranos ins Meer. Im weiteren Verlauf entwickelt sich aus dem aufschäumenden Meer Aphrodite, die „Schaumgeborene“. Kronos selbst kann jetzt zusammen mit seinen 11 Geschwistern die „Gebärmutter“ verlassen. Die Titanen übernehmen von nun an die Herrschaft am Götterhimmel und auf der Erde.

Hier offenbart uns der Mythos das Grundmuster menschlicher Schöpfung. Ob es Ouranos ist, der den Druck erzeugt, oder im biblischen Kontext der Schöpfergott, der Adam verbietet, vom Baum der Erkenntnis zu essen - stets bedarf es bedrückender Verhältnisse, um eine Geburt, eine ...

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