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MYSTERY THRILLER BAND 228

JASON A. FROST

Wenn du das überlebst …

Frenetischer Jubel in der Sporthalle: Isaac hat für sein Team das Spiel gewonnen! Doch das sollen die letzten glücklichen Minuten in seinem Leben sein. Denn noch am selben Abend wird er wegen eines Verbrechens festgenommen, das er nicht begangen hat, und in ein unmenschliches Bootcamp gesteckt, das nur die Stärksten überstehen können …

DANA KILBORNE

Über eure Leichen

„Sie haben Mindy!“ Georgia ist außer sich vor Angst: Ihre kleine Tochter wurde entführt. Die Kidnapper wollen kein Geld, sondern brisantes Beweismaterial, das Georgia, Josie und Lee-Ann vor drei Jahren geklaut haben. Doch wo ist Lee-Ann, die das kompromittierende Tonband zum Schluss hatte? Eine verzweifelte Suche durch die Glitzerwelt von Las Vegas beginnt …

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Wenn du das überlebst …

1. KAPITEL

Es waren nur noch wenige Sekunden zu spielen, als Isaac sich den Ball aus der Luft schnappte. Während er den Korb anvisierte, glaubte er zu spüren, wie die Zuschauer auf der Tribüne den Atem anhielten. Jeder einzelne von ihnen wusste, worum es ging. Entweder er holte drei Punkte oder sein Team verlor dieses letzte Spiel. Jenes Spiel, das ihm für immer im Gedächtnis bleiben würde.

Dann flog der Ball – weit über den Köpfen der gegnerischen Spieler, die erfolglos versuchten ihn aus der Luft zu pflücken – geradewegs auf den Korb zu.

Der Schlusspfiff ging im ohrenbetäubenden Jubel unter, als der Ball ohne anzuecken durch das Netz fiel. Neuer Endstand 78 zu 76. Sein Team hatte gewonnen, und Isaac war der Held der Stunde. Die Zuschauer ließen ihn hochleben, während seine Mitspieler ihm anerkennend auf die Schulter klopften.

Der perfekte Abschluss einer perfekten Zeit.

Als Isaac heimkam, duftete es nach seinem Lieblingsessen, Omas hausgemachtem Eintopf. „Zur Feier des Tages“, rief ihm seine Großmutter zu.

Er befand sich bereits auf dem Weg in die Küche, als sie ihn ermahnte, gefälligst die Schuhe auszuziehen. „Seit zehn Jahren lebst du nun schon unter meinem Dach! Und du vergisst es noch immer.“

Isaac kam ihrem Wunsch ohne zu murren nach. „Du hast Ohren wie ein Luchs.“

„Ich kenne dich nur schon lange genug, um zu wissen, dass du vergesslich wirst, wenn du allzu gute Laune hast.“

Als er die Küche betrat, war der köstliche Duft so intensiv, dass ihm das Wasser im Mund zusammenlief. Seine Großmutter stand am Herd und gab dem Eintopf mithilfe ihrer zahlreichen Gewürze den letzten Schliff. „Hi Granny.“ Er gab der zwei Köpfe kleineren Frau einen Kuss auf die Stirn und linste an ihr vorbei in den Topf.

„Das sieht verdammt lecker aus.“

„Wann habe ich jemals etwas nicht Leckeres gekocht?“

Er grinste. Wenn es eine Sache auf der Welt gab, die seine Großmutter in Rage brachte, dann war es Kritik an ihren Kochkünsten. „Du bist die Meisterköchin von Brooklyn“, sagte er schließlich und erntete für diese Aussage ein Schulterzucken.

„Statt hier Süßholz zu raspeln, könntest du schon einmal den Esstisch decken.“

„Dein Wunsch sei mir Befehl.“ Er holte Teller und Gläser aus dem Schrank und verließ die Küche durch die ins Ess- und Wohnzimmer führende Schwingtür.

Als er das auf dem Tisch stehende Paket erblickte, blieb er verwundert stehen. Es war rechteckig und in rotes Geschenkpapier eingewickelt, inklusive goldener Schleife. Nachdem er das Geschirr abgestellt hatte, hob er das Paket vorsichtig auf und versuchte anhand des Gewichts zu erraten, was sich im Inneren befand.

„Du darfst es ruhig aufmachen“, hörte er seine Großmutter sagen.

Isaac warf einen Blick über die Schulter. Die Fünfundsiebzigjährige stand mit verschränkten Armen an den Türrahmen gelehnt und betrachtete ihren Enkel erwartungsvoll. Er war so sehr auf das Geschenk fixiert gewesen, dass er nicht mitbekommen hatte, wie sie ihm gefolgt war.

„Mein Geburtstag ist erst in zwei Monaten.“

„Und meiner erst in einem halben Jahr.“ Sie lächelte sanft. „Ich dachte nur, da ich mein Geschenk schon erhalten habe, wäre es nur gerecht, wenn du nicht leer ausgehst.“

Isaac runzelte die Stirn. „Kann es sein, dass ich den Ball heute gegen den Kopf bekommen habe? Denn irgendwie erinnere ich mich nicht daran, dir in letzter Zeit etwas geschenkt zu haben.“

„So würde ich das nicht sehen.“

„Das Fragezeichen über meinem Kopf wird größer und größer …“

„Herr, gib mir Kraft“, stieß sie seufzend aus. „Ich spreche von deinem Stipendium, du dummer Junge. Davon, dass du es geschafft hast! – Mein Enkel, der Student. Lieber Himmel, kannst du dir vorstellen, wie stolz deine Mutter heute auf dich wäre?“

„Ich bin halt ein ganz passabler Basketballspieler …“

„Deshalb allein bekommt man noch kein Stipendium. Du hast dich angestrengt, und wer sich im Leben anstrengt, der wird belohnt. Man braucht nur einen Blick in deine Zeugnisse zu werfen. Du hast dich jedes Jahr gesteigert. Bist besser geworden und …“ Sie brach ab. Tränen standen ihr in den Augen. Als Isaac Anstalten machte, sie in den Arm zu nehmen, schüttelte sie den Kopf und bedeutete ihm, endlich das Paket aufzureißen.

Er ging behutsam vor und achtete darauf, dass man das Papier ein weiteres Mal verwenden konnte. Innerlich war er aufgewühlt und kaum fähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Sie hatte recht: Er hatte es geschafft. Wirklich geschafft. Der Waisenjunge aus Brooklyn würde aufs College gehen.

Als er sah, dass es sich bei dem Paket um einen Schuhkarton handelte, warf er seiner Großmutter einen verwirrten Blick zu. „Da ist kein Buch drin, oder?“

„Wer weiß …“

Nach dem Anheben des Deckels schnappte er einen Moment lang nach Luft. Sportschuhe. Aber nicht irgendwelche. „Die müssen dich ein kleines Vermögen gekostet haben.“ Er brach ab, und suchte nach den richtigen Worten. „Granny, das kannst du dir nicht leisten. Das ist …“

„Ich werde ja wohl am besten wissen, was ich mir leisten kann, und was nicht. Außerdem ist dieses Geschenk an ein Versprechen geknüpft.“

„Ein Versprechen?“

„Ich möchte, dass du so weitermachst, wie bisher. Nutz deine Chancen.“ Trotz ihres hohen Alters leuchteten ihre Augen wie die einer Zwanzigjährigen auf, als Isaac nach kurzem Zögern nickte.

„Ich denke, das kriege ich hin“, sagte er lächelnd.

„Davon bin ich überzeugt. Und jetzt komm her und umarme deine alte Großmutter. Wer weiß, wie oft wir dafür noch die Gelegenheit haben werden, sobald du erst einmal einen Fuß auf den Campus gesetzt hast.“

Während des Essens erhielt Isaac eine SMS. Statt das Handy hervorzuholen, sah er automatisch zu der über der Tür hängenden Uhr. Er konnte sich denken, um wen es sich bei dem Absender handelte. Gleiches galt für den Inhalt der Nachricht. Entweder es würde heißen, „denk an dein Versprechen“ oder „wehe du kommst nicht“. Aber es war noch genügend Zeit, also ließ er das Handy da wo es war und nahm einen weiteren Bissen. Seine Großmutter war der verständnisvollste Mensch, den er kannte. Doch wehe dem, der während des gemeinsamen Essens SMS verschickte oder gar telefonierte.

„Du bist noch verabredet?“, fragte seine Großmutter plötzlich.

Isaac kam sich wie ertappt vor. Dieser Frau entging einfach nichts. Eine Tatsache, die er auf ihre jahrelange Erfahrung als Lehrerin zurückführte. Wer fast vier Jahrzehnte lang Teenager unterrichtet hat, lernt irgendwann in den Gesichtern seiner Schützlinge zu lesen, wie andere Menschen in einem Buch.

„Ich wollte mit den Jungs aus dem Team noch etwas unternehmen.“ Er zuckte mit den Schultern. „Keine große Sache.“

„Ah ja.“ Als sie sich wieder ihrem Teller zuwandte, glaubte Isaac schon, die Sache wäre für sie erledigt, aber dann setzte sie noch einmal nach. „Wohin soll es denn gehen?“

„In diesen Laden …“ Er lächelte verhalten, als er die Skepsis in ihren Augen bemerkte. „Ein Club in Manhattan.“

„Manhattan? Ein wenig teuer, findest du nicht?“

„Der Bruder eines unserer Teammitglieder arbeitet dort als Türsteher, und der Besitzer ist Basketballfan. Wir bekommen Preisnachlass. Das hat er zumindest gesagt“, fügte er noch hinzu, als seine Großmutter mit dem Kopf schüttelte.

„Männer und ihr Sport. – Dein Großvater war genauso. Dieser liebenswerte Sturkopf hätte sein letztes Hemd für seinen Lieblingsverein gegeben.“ Sie lachte leise. „Kannst du dich noch an den signierten Baseball erinnern, den ich ihm damals geschenkt habe?“

Weihnachten vor fünf Jahren, dachte Isaac, und nickte. „So sprachlos wie an diesem Abend hat man ihn selten erlebt.“

„Allerdings …“ Ihr Lachen verwandelte sich in ein Seufzen. „Er hat immer prophezeit, dass aus dir mal etwas wird. Er meinte, der Junge hat das Zeug dazu, etwas in dieser verkorksten Welt zu bewegen.“

Isaac wollte gerade etwas drauf erwidern, als sein Handy ihn erneut über den Erhalt einer SMS informierte. Er hatte sich in den letzten Monaten dermaßen rar gemacht, dass seine Freunde und Teamkameraden wohl befürchteten, er würde auch diesmal nicht erscheinen. Aber ein Versprechen war ein Versprechen, und Isaac war ein Mann, der sein Wort hielt.

Der Club entsprach bis ins kleinste Detail Isaacs Vorstellungen. Alles wirkte größer, teurer und exklusiver. Manhattan eben. Angefangen beim Design über die Gäste, bis hin zur Musik. Der auflegende DJ verstand sein Handwerk und holte aus den bekannten Charthits das Maximum heraus.

Isaac liebte es zu tanzen. Dass er dabei allein aufgrund seiner Größe etwas unbeholfen wirkte, war für ihn zweitrangig. Er war hier, um Spaß zu haben – und den hatte er. Gemeinsam mit seinen Freunden und zirka zweihundert anderen Gästen.

„Gut, dass du hier bist!“, rief ihm Sam zu. Gleich nach ihm war er der stärkste Spieler in der Mannschaft. „Ein paar von uns wollten schon Wetten darüber abschließen, ob du nun erscheinst oder lieber zu Hause bleibst.“

„Und mir die Party des Jahrhunderts entgehen lasse?“

Sam lachte laut auf. „Du bist schwer in Ordnung! Weißt du das eigentlich? Ist schade, dass du dich aus dem Staub machst.“

Isaac biss sich auf die Unterlippe. Trotz der herrschenden Lautstärke war ihm der ankreidende Unterton in Sams Stimme nicht entgangen. Während Isaacs schulische Leistungen sich in den letzten beiden Jahren stetig verbessert hatten, verhielt es sich bei Sams Noten exakt umgekehrt. Es war ein offenes Geheimnis, dass er nach dem Sommer in der Wäscherei seines Onkels anfangen würde.

„Aber so ist das im Leben“, fuhr Sam fort. „Bekommt halt nicht jeder ein Stipendium, oder?“ Er schnaubte und kippte den restlichen Inhalt seines Glases in einem Zug runter. Isaac hätte gerne geglaubt, dass es sich bei der klaren Flüssigkeit um Wasser handelte, aber dazu kannte er Sam mittlerweile einfach zu gut.

„Dein wievieltes Glas war das jetzt?“

Sam zuckte mit den Schultern. „Das dritte oder vierte. Keine Ahnung.“ Er grinste breit. „Du solltest dir auch noch eins holen. Die Bedienung ist echt eine Süße!“

„Wenn du das sagst.“

„Ich meine es ernst!“ Sam packte ihn grob an der Schulter und lenkte seinen Blick zur Theke, und so volltrunken er auch war, sein Geschmack, was schöne Frauen anbelangte, schien davon nicht beeinträchtigt. Die Bedienung war eine Klassefrau. „Cassandra … Genauso hübsch wie eitel.“ Sam schnalzte mit der Zunge. „Glaub mir, an der beißt du dir die Zähne aus.“

Es war offensichtlich, dass die Frau ihm die kalte Schulter gezeigt hatte. „Cassandra, sagtest du?“

Sam nickte träge und schien ihren Namen stumm vor sich hin zu murmeln. Wusste der Teufel allein, wie hoch sein Alkoholpegel mittlerweile war.

„Du solltest dich vielleicht kurz hinsetzen“, schlug Isaac vor.

„Sonst noch Wünsche?“ Sam wankte ein paar Schritte rückwärts. „Der Fels in der Brandung, Isaac. Mich wirft so leicht nichts aus der Bahn. Das solltest du inzwischen wissen. Und jetzt geh dir endlich etwas zu trinken holen. – Und verbrenn dir nicht die Finger …“

Je näher Isaac der Theke kam, desto bezaubernder erschien ihm die dahinter arbeitende Schönheit. Schwarzes, bis zu den Hüften reichendes Haar und eine Figur, mit der sie ohne Weiteres als Model ihr Geld hätte verdienen können, trieben ihm den Schweiß auf die Stirn. Der perfekte Abschluss einer perfekten Zeit, dachte er wieder und legte beide Hände auf das polierte Holz der Theke. Zuerst das gewonnene Spiel, dann die Sportschuhe und zu guter Letzt … Er hielt in seinen Gedanken inne, als Cassandra sich ihm zuwandte. Sie war nicht einfach nur schön. Sie war atemberaubend.

„Ich vermute mal du gehörst zu den Basketballspielern.“ Ihr Blick war zwar nicht direkt eisig, aber auch nicht wirklich herzlich. „Ich hoffe für dich, du legst bessere Manieren an den Tag als dein Kumpel.“

„Mein Kumpel?“

„Der, mit dem du dich gerade unterhalten hast.“

„Du meinst Sam.“ Er warf einen Blick über die Schulter, konnte seinen Teamkameraden aber nirgendwo ausmachen. „Er hat es nicht so gemeint“, sagte Isaac und wandte sich wieder der Schönheit zu.

„Da bin ich mir nicht so sicher.“ Cassandra rümpfte die Nase. „Das sind mir die Liebsten. Halten sich für unwiderstehlich, sind aber kaum imstande, zwei zusammenhängende Sätze zu bilden.“ Sie seufzte resigniert. „Ehrlich, wenn mein Boss nicht so einen Narren an eurem Team gefressen hätte …“ Sie ließ den Satz unvollendet und zeigte hinter sich zu dem beleuchteten Regal mit den vielen Flaschen. „Was darf ich dir überhaupt einschenken?“

Isaac überlegte kurz. „Eine Cola wäre nicht schlecht.“

„Musst du heute noch fahren?“

„Nur mit der Metro.“

Cassandra musterte ihn argwöhnisch. „Und trotzdem nur eine Cola?“

„Warum denn nicht?“

„Weiß nicht … Deine Freunde haben allesamt gut zugelangt, da dachte ich, du würdest es ihnen gleichtun.“

„Ich habe es nicht so mit Alkohol. Der Geschmack ist nicht so meins.“ Eine knappe Erklärung, die ihr hoffentlich genügte. Alles andere hätte ihm den Abend verdorben. Es gab einfach Bereiche in seinem Leben, auf die er nur sehr ungern einging. Gerade dann nicht, wenn man sich erst seit einer Minute kannte.

„Also gut.“ Ihre Hand wanderte bereits zu einer Colaflasche, als sie innehielt. „Was hältst du davon, wenn ich dir statt dieses klebrigen schwarzen Zeugs meinen alkoholfreien Spezial-Cocktail mixe?“

Isaac dachte einen Moment lang über ihren Vorschlag nach. Er war zwar beileibe kein Fan von Cocktails, wollte es sich aber unter keinen Umständen mit Cassandra verscherzen. „Warum eigentlich nicht“, willigte er schließlich ein.

„Perfekt.“ Geschickt, in fast schon anmutig erscheinenden Bewegungen, begann sie die verschiedenen Zutaten in einen verchromten Cocktail-Shaker zu füllen. Dabei arbeitete sie so schnell, dass Isaac bereits nach wenigen Sekunden den Überblick über die von ihr verwendeten Fruchtsäfte und übrigen Zutaten verloren hatte. Am Ende der beeindruckenden Vorstellung schüttelte sie die verschiedenen Komponenten kräftig durch und füllte alles in ein großes Glas.

Isaac war von dieser kleinen Vorführung dermaßen beeindruckt, dass ihm der Mund offen stand. „Wie lange machst du das schon?“

„Seit ein paar Monaten. Ist keine große Sache, hat man erst den Dreh raus.“ Sie schob den in einem kräftigen Orangeton schimmernden Cocktail in seine Richtung. „Geht übrigens aufs Haus.“

„Dann wenigstens ein Trinkgeld.“

Cassandra schüttelte den Kopf. „Reicht mir, wenn du mir später einen ausgibst.“

„Wenn das so ist …“ Isaac genehmigte sich einen Schluck und bekam aufgrund des unterwartet guten Geschmacks eine Gänsehaut. „Den solltest du dir patentieren lassen“, sagte er und stellte das Glas zurück auf die Theke.

„Dann müsste ich mir vorab aber noch einen Namen ausdenken. Du weißt schon, etwas, das den Leuten im Gedächtnis bleibt.“

„So was wie Zombie, oder Bloody Mary …“

Sie zuckte mit den Achseln. „Sex on the beach ist auch nicht schlecht.“

Erneut stand Isaac der Mund offen. Wenn er es nicht verpatzte, dann bestand durchaus die Möglichkeit, diesen Tag wahrlich perfekt zu machen. Er suchte gerade nach einer schlagkräftigen wie charmanten Erwiderung, als Cassandras Miene sich verdüsterte.

Er folgte ihrem Blick bis zur Tanzfläche, und wäre beim Anblick des volltrunkenen, die Gäste anpöbelnden Sam am liebsten im Erdboden versunken. Da von seinen übrigen Teamkameraden jede Spur fehlte, war es wohl an ihm, Sam wieder zur Räson zu bringen.

„Meine Schicht geht noch ein paar Stunden“, sagte Cassandra mit einem verständnisvollen Lächeln. „Dir bleibt also genügend Zeit, um deinen Kumpel hier rauszuschaffen und ihm ein Taxi zu besorgen.“

Zu Isaacs Leidwesen zeigte Sam sich alles anderes als kooperativ und dachte nicht im Traum daran, die Tanzfläche zu verlassen. „Ich amüsiere mich und die anderen amüsieren sich auch“, stieß er nuschelnd hervor. „Also, wo, verdammt noch mal, liegt das Problem?“

Isaac schielte zu einer jungen Frau, die wegen Sams Rempelei ihren Drink verschüttet hatte und ihm giftige Blicke zuwarf. „Du hast dein Limit schon lange überschritten“, sagte Isaac mit Nachdruck.

„Quatsch.“

Ein hoffnungsloser Fall. „Dann lass uns wenigstens etwas frische Luft tanken. Okay?“

Sam atmete schwer aus. „Aber nur, wenn du anschließend Ruhe gibst.“

„Ich verspreche es.“ Er packte Sam an der Schulter und schob ihn vorsichtig an den Tanzenden vorbei in Richtung Ausgang. Auf halber Strecke blieb Sam plötzlich stehen. Das Gesicht kalkbleich beugte er sich vornüber und hielt sich den Bauch. „Was ist los?“

„Mir ist schlecht …“

Isaac fluchte innerlich laut auf. „Ganz große Klasse.“ Sein Blick fiel auf einen Notausgang ganz in ihrer Nähe. „Also, wenn das kein Notfall ist …“, dachte er laut und drängte seinen volltrunkenen Teamkameraden nach draußen.

Sie fanden sich in einer dieser typischen New Yorker Seitengassen wieder, wie man sie aus Krimis und Detektivgeschichten kannte. Sam verlor keine Zeit mehr. Er stützte sich an der Mauer ab und erbrach sich zwischen zwei überquellenden Mülltonnen.

„Kommst du klar?“, wollte Isaac wissen.

Der aufsteigende Mageninhalt erstickte die Antwort seines Teamkameraden. Ein Trauerspiel, an dem Sam selbst schuld war. Isaac musste daran denken, wie oft Sam ihn in der Vergangenheit zum Trinken hatte animieren wollen, und wie er stets standhaft geblieben war. Ein Mann, der seinen Prinzipien immer treu bleibt und niemals eine Ausnahme zulässt, ist ein guter Mann. So ähnlich hätte es wahrscheinlich Isaacs verstorbener Großvater formuliert.

Er kehrte Sam den Rücken zu und blickte die enge Gasse runter bis zur Straße. Mit ein wenig Glück würden sie nicht lange nach einem Taxi suchen müssen. Das hier war schließlich Manhattan. Er wollte sich gerade wieder Sam zuwenden, als er den Schrei einer Frau vernahm. Unweit von ihnen. Manhattan galt im Gegensatz zu Brooklyn als relativ sicher. Nur war „relativ“ ein äußerst dehnbarer Begriff.

Isaac rannte zur Straße und erreichte diese wenige Sekunden nach Erklingen des Schreis. Der Haupteingang des Clubs, vor dem sich die einzigen Personen weit und breit befanden, lag auf der anderen Seite des Gebäudes. Isaac war wohl auf sich allein gestellt, sollte es wirklich hart auf hart kommen.

Aber noch war weder von einer Frau in Not noch von einem Peiniger etwas zu sehen. Er ließ seinen Blick über die parkenden Autos schweifen und wollte gerade sein Handy hervorholen, um die Polizei zu verständigen, als die Beifahrertür eines Sportwagens aufgerissen wurde und das angstverzerrte Gesicht einer blonden jungen Frau im Schein der Straßenbeleuchtung erschien. Sie schnappte nach Luft und versuchte aus dem Wagen zu steigen.

Als Isaac sah, wie eine Männerhand sich in ihr Haar krallte und sie brutal zurück in den Wagen zerrte, rannte er los. Beim Wagen angekommen, riss er die Fahrertür auf.

Der hinter dem Lenkrad sitzende Mann ließ augenblicklich von der Frau ab und starrte den über ihm ragenden Isaac entsetzt an. „Was zur Hölle …“ Der Satz ging in einem lauten Fluch unter, als Isaac ihn am Kragen seines Hemdes packte und auf die Straße beförderte. Die Blondine blieb sitzen, und beobachtete mit weit aufgerissenen Augen, wie Isaac ihren Peiniger vom Auto wegzerrte.

Obwohl ihm das Blut in den Ohren rauschte, und sein Herz ihm fast bis zum Hals schlug, versuchte er einen klaren Kopf zu behalten. „Ruf die Polizei“, schrie er dem Mädchen zu.

Trotz des spärlichen Lichts, erkannte Isaac, dass der Stoff ihrer Seidenbluse an einer Stelle so stark eingerissen war, dass man den weißen BH sehen konnte. „Die Polizei!“, rief er ihr erneut zu, als sie nach wie vor keine Anstalten machte, zum Handy zu greifen. „Ruf die Polizei!“

„Das hier geht dich nichts an!“, bemerkte der Mann wütend.

„Ach wirklich?“ Isaac stieß ihn von sich und stellte sich zwischen ihn und das Auto.

„Hast du nicht gehört?“ Der Typ war nicht viel älter als Isaac. Auffallend waren die für einen Mann sehr feinen Gesichtszüge. Zusammen mit den hohen Wangenknochen, den hellblauen Augen und dem blonden, fast weißen Haar, hatte sein Gesicht mehr mit dem eines Engels auf einem klassischen Gemälde gemein, als mit dem Scheißkerl, der er in Wirklichkeit war. „Bist du taub?“ Die Augen wurden schmal. „Ich sage es dir ein letztes Mal …“

„Du sagst mir gar nichts“, schnitt Isaac ihm das Wort ab. Aus den Augenwinkeln sah er, dass das Mädchen endlich ein Handy hervorholte.

Isaacs Gegenüber musterte ihn kalt. „Ich habe nichts Verbotenes getan.“

„Na klar.“

„Sie steht darauf, wenn ich etwas grober bin.“

Isaac schnaubte verächtlich. „Spar dir diesen Blödsinn für die Polizei.“

„Wenn die erscheint, bin ich längst über alle Berge.“

„Ach wirklich?“

„Wirklich.“

Als Isaac das Messer aufblitzen sah, wich er instinktiv einen Schritt zurück, was ihm vermutlich das Leben rettete, denn der Mann ging ohne Vorwarnung direkt zum Angriff über. Dabei legte er so viel Schwung in die Attacke, dass er ins Stolpern geriet, als die Klinge statt Fleisch nur Luft zerteilte.

Isaac nutzte die gewonnene Sekunde und trat ihm die Beine weg. Der Mann ging in die Knie, behielt das Messer aber in der Hand und wollte gerade ein weiteres Mal zustechen, als Isaacs Faust ihn frontal im Gesicht traf. Das dabei entstehende Knacksen war überraschend laut.

Der Mann heulte auf. Dem Klang nach zu urteilen weniger des Schmerzes wegen als vielmehr vor Wut. Das Messer glitt ihm aus der Hand und fiel Isaac direkt vor die Füße.

„Ich mach dich fertig …“, stieß der Mann mit tränenerstickter Stimme aus. „Ich mach dich fertig, du verdammtes Arschloch!“

Isaac hob das Messer auf. Er wollte die gefährliche Waffe außer Reichweite seines Gegners wissen. Die Klinge maß knapp zehn Zentimeter. Ein typisches Klappmesser. Seine Knie wurden weich, als er begriff, dass die Auseinandersetzung auch anders hätte enden können.

„William Travis …“

Isaac blinzelte verwirrt. „Was?“

„Mein Name … William … Travis.“ Er nahm beide Hände vom Gesicht, woraufhin das aus seiner gebrochenen Nase fließende Blut ungehindert über die Lippen bis über das Kinn laufen konnte. „Du wirst ihn dir merken, Arschloch. Oh, und wie du das wirst.“

Isaac überhörte die letzte Beleidigung. Travis war außer Gefecht gesetzt. Wehrlos. Das Einzige, was ihm jetzt noch blieb, war seine große Klappe.

„Ich hoffe für dich, du genießt diesen kleinen Triumph … Denn wenn ich mit dir fertig bin, dann …“ Der Klang der herannahenden Sirene ließ ihn verstummen.

Eins zu null für mich, dachte Isaac und warf einen schnellen Blick über seine Schulter. Das Mädchen hockte auf dem Beifahrersitz und starrte ins Leere. Sie hielt ihre Knie eng umschlungen. Sie machte sich so klein wie möglich und tat keinen Mucks. Das Handy lag neben ihr. „Sie steht unter Schock“, hörte er sich selbst sagen und erschauderte erneut angesichts dessen, was alles hätte passieren können. Fünf lebensverändernde Minuten, überlegte er bei sich, und durchlebte in den wenigen Sekunden bis zum Eintreffen der Polizei gedanklich ein mögliches Schreckensszenario nach dem anderen.

„Verabschiede dich“, sagte Travis, als der Streifenwagen ein paar Meter vor ihnen zum Stehen kam.

„Wovon soll ich mich verabschieden?“

„Von deinem alten Leben.“

Die Sirene wurde abgewürgt und eine blecherne Lautsprecherstimme forderte Isaac auf, das Messer wegzulegen. Nachdem er der Anweisung nachgekommen war, stiegen die Beamten aus ihrem Wagen.

„Er hat mich angegriffen!“, schrie Travis plötzlich los. „Er hat mich und meine Freundin angegriffen!“

Isaac erstarrte, als einer der Beamten plötzlich eine Waffe auf ihn richtete. „Die Hände hoch!“

„So war das nicht!“

„Ich sagte, die Hände hoch!“

Er tat, wie ihm geheißen, während Travis sein Lügenmärchen geschickt ausbaute: „Wir wollten gerade losfahren, da riss er die Tür auf und hielt mir das Messer an den Hals. Er drohte, mich abzustechen, wenn ich nicht aussteige …“

Isaac war wie vor den Kopf gestoßen. „Er lügt!“ Die ganze Sache lief total aus dem Ruder. Im nächsten Augenblick zwang man ihn zu Boden und legte ihm Handschellen an.

„Also fassen wir noch einmal zusammen.“ Detective Barks erhob sich von seinem Stuhl. Er war ein Koloss von einem Mann. Nicht ganz so groß wie Isaac, aber dafür kräftiger gebaut. „Du kamst diesem Mädchen zu Hilfe, hast dich nur verteidigt und William Travis stellt jetzt alles so hin, als wärst du der Böse.“

Isaac nickte. „Sie können sie fragen. Das Mädchen, mein ich.“

„Das werden wir schon noch. Nur keine Sorge. Zurzeit befindet sie sich noch unter ärztlicher Aufsicht. Die Angelegenheit hat sie ziemlich mitgenommen.“

„Natürlich …“ Isaac schloss einen Moment lang die Augen. Er war müde und mit den Nerven am Ende. Er konnte auch nicht sagen, wie lange er sich schon in diesem Verhörraum befand. Es gab hier keine Uhr, und das Handy hatte man ihm abgenommen.

„Noch mal wegen des Messers …“

Isaac stöhne leise auf. „Ich wollte es aus seiner Reichweite wissen. Deshalb hielt ich es in der Hand, als die Polizisten auftauchten. Ich habe es ihm abgenommen.“

Der Detective schloss andächtig den Mund. Es sah so aus, als würde er scharf über etwas nachdenken. „Machst du Kampfsport? Du weißt schon, so was wie Karate oder Kickboxen.“

Er schüttelte den Kopf. „Worauf wollen Sie hinaus?“

„Auf nichts Spezielles. Ich finde es nur bemerkenswert, dass du ihm so ohne Weiteres das Messer abnehmen konntest.“

Der Unterton in Barks Stimme ließ ihn aufhorchen. „Ich hatte Glück und habe schnell reagiert. Das ist alles.“

Die Tür zum Verhörraum wurde geöffnet und ein uniformierter Beamter trat ein. Er und Barks tauschten einen kurzen Blick aus, woraufhin der Detective ihm, ohne ein weiteres Wort an Isaac zu verlieren, nach draußen folgte.

Nachdem die Tür wieder ins Schloss gefallen war, sackte Isaac in sich zusammen. Er fühlte sich krank. Wie zerkaut und wieder ausgespuckt. Der perfekte Abschluss eines perfekten Tages, dachte er verbittert.

Er musste an die süße Cassandra denken. Das Model hinter der Theke. Wahrscheinlich wünschte sie ihm die Pest an den Leib, weil er sie versetzt hatte. Männer und ihre große Klappe. Aber vielleicht gelang es ihm noch mal, sie umzustimmen. Schließlich gab es einen guten Grund für sein Nichterscheinen. Einen sehr guten sogar. Wenn man es genau nahm, war er ein Held.

Es dauerte nicht lange und Detective Barks kam zurück. Als Isaac seinem Blick begegnete, krampfte sich sein Herz zusammen. Keine Spur von Bewunderung in seinen Augen. Dafür unverhohlene Abscheu. „Du bist am Arsch, Junge. So richtig schön am Arsch.“

„Als William sich weigerte auszusteigen, hat er ihn aus dem Auto gezerrt …“

„Und weiter?“, wollte der Anwalt wissen.

„Dann hat er auf ihn eingeschlagen. Ihm die Nase gebrochen.“

Isaac biss die Zähne so fest zusammen, dass sein Kiefer schmerzte. Es kostete ihn enorme Überwindung, nicht verbal gegen die verdrehten Tatsachen vorzugehen. Der Richter hatte ihn bereits zweimal verwarnt. Beim dritten Mal würde er ihn des Gerichtssaals verweisen.

Victoria Cooper fuhr derweil ungehindert mit ihrer Geschichte fort. Jene Frau, der er vor wenigen Wochen zu Hilfe gekommen war, sagte nun gegen ihn aus und ließ ihn wie ein Monster erscheinen. Verkehrte Welt. Er war froh, dass die Verhandlung unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand. Es hätte ihn vollends wahnsinnig gemacht, seine Großmutter im Publikum zu wissen, während diese sogenannte Zeugin Wort für Wort seinen guten Ruf beschmutzte.

„Ich glaube, er wollte nicht nur das Auto, wenn sie verstehen“, sagte Victoria leise.

„Wie meinen Sie das?“

„Na ja.“ Sie strich sich nervös durch das blonde Haar. „Er hat mich so seltsam angeguckt. Ich denke, das war auch der Grund warum William sich geweigert hat, aus dem Wagen zu steigen. Er wollte verhindern, dass mir etwas angetan wird.“

Isaac atmete scharf die Luft ein.

„Ganz ruhig.“ Morris legte ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter. Morris war sein Pflichtverteidiger. Ein Neuling. Überbelastet und unterbezahlt. Das hier war sein fünfter Fall. Bislang hatte er den Gerichtssaal zweimal als Sieger verlassen. Ein sehr guter Schnitt, wie er gegenüber Isaac bei ihrer ersten Begegnung hatte verlauten lassen. Fünfzig Prozent waren überragend.

Isaac suchte den Augenkontakt zu Victoria, aber sie wich ihm aus. Stattdessen blickte sie ein ums andere Mal zu dem ebenfalls anwesenden Kläger. William Travis trug einen übertrieben wirkenden Nasenverband, der fast die Hälfte seines Gesichts verdeckte. Laut Morris gehörte Travis’ Anwalt zu den ganz Großen in der Branche. Die Sorte Anwalt, die einen Mörder selbst dann noch frei bekämen, wenn dieser die Tat inmitten des vollbesetzten Gerichtssaals verübt hätte.

„Wer weiß, was er mir angetan hätte, wenn ich alleine dort gewesen wäre …“

Das war zu viel. „Du blödes Miststück!“ Isaac war von seinem Platz hochgesprungen. „Ich habe dir geholfen! Verdammt noch mal! Ich bin dazwischengegangen, als dieser Bastard dich misshandelt hat!“

Victoria brach in Tränen aus.

„Ich habe Sie gewarnt!“, donnerte der Richter. „Mehrfach!“

Isaac wurde von hinten gepackt, und mit dem Oberkörper auf den Tisch gedrückt. Dann legte man ihm Handschellen an.

Morris versuchte noch zu schlichten, blieb in seinen Bemühungen jedoch erfolglos und konnte nur noch zusehen, wie die Wachmänner seinen Mandanten aus dem Gerichtssaal führten.

Den Rest der Verhandlung verbrachte Isaac in einer kleinen Zelle, die sich ein Stockwerk unter dem Gerichtssaal befand. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis der Richter das durch die zahlreichen Falschaussagen beeinflusste Urteil verhängen würde.

Isaac ließ sich ermattet auf der schmalen Bank nieder und vergrub das Gesicht in den Händen. „Lieber Gott, was soll ich tun? Sag es mir und ich mach’s.“ Obwohl seine Großmutter ihn als Kind regelmäßig mit in die Kirche genommen hatte, war er nie besonders gläubig gewesen. Es war das erste Mal in seinem Leben, dass er eine Bitte an Gott äußerte.

Doch blieb die erhoffte Antwort, die Rettung in letzter Sekunde, aus. Stattdessen vernahm er nur ein dumpfes, ihn verhöhnendes Lachen.

Isaac nahm die Hände vom Gesicht und starrte zu der Gestalt hinter den Gitterstäben. William Travis trug einen teuren schwarzen Anzug. Wahrscheinlich maßgeschneidert. „Zeit, deine Sünden zu beichten“, sagte er leise.

„Ich denke nicht, dass du hier sein solltest.“

Travis schüttelte belustigt den Kopf. „Ich habe dem Wachmann hundert Dollar für einen Kaffee zugesteckt, und wie er aussah, wird er sich vor seiner Rückkehr noch den einen oder anderen Donut einverleiben. Wir sind also ungestört.“

„Mit Geld lässt sich alles kaufen, nicht wahr?“

„Falls du auf Victoria anspielst, sie ist von eher einfachem Gemüt. Leicht zu beeinflussen.“

„Was willst du?“

„Nur ein wenig quatschen. So von Mann zu Mann.“

„Scher dich zum Teufel.“

Travis grinste. „Du hast dir mit deiner selten blöden Aktion gerade eben keine Freunde gemacht. Mein Anwalt sagt, dein Abgang war das Beste, was uns passieren konnte. Wie drücke ich es am besten aus? Der Richter hat dich auf dem Kieker. Beste Voraussetzungen, um dich in den Knast zu bringen.“

Isaacs Magen krampfte sich zusammen. Morris hatte ihm versichert, dass eine Gefängnisstrafe äußerst unwahrscheinlich war. Nicht bei einer Erstverurteilung und einem bis dato geordneten Lebensstil. „Du redest Blödsinn.“

„Bist du dir da wirklich sicher? Schließlich ist alles, was ich dir seit unserer ersten Begegnung prophezeit habe, eingetroffen.“

„Du versaust mir mein Leben!“

„Und du hattest die freie Wahl. – Stell dir doch nur einmal vor, was gewesen wäre, wenn du dich nicht eingemischt hättest. Gut möglich, dass du am nächsten Morgen neben einer wunderschönen Frau aufgewacht wärst. Keinen Kater, weil du nichts trinkst …“ Travis stieß ein kratziges Lachen aus, als er Isaacs verwirrten Gesichtsausdruck registrierte. „Ich habe mich ein wenig über dich schlau gemacht, Sportsfreund. Die Leute halten große Stücke auf dich. Du bist eine richtige kleine Lichtgestalt. Der schlaksige Junge aus der Bronx, der im zarten Alter von fünf Jahren beide Eltern verlor und fortan bei seinen Großeltern aufwuchs. Treffsicher im Basketball, gut in der Schule. Die Sorte Schüler, der man ohne ein schlechtes Gewissen ein Stipendium ausstellt. Schade nur, dass all die Mühen der letzten Jahre nach dem Urteil ihren Wert verlieren werden. Stipendien und Gefängnisaufenthalte lassen sich bestimmt nur sehr schwer miteinander vereinbaren.“

Isaac sprang auf und versuchte Travis durch die Gitterstäbe zu greifen. Seine Fingerspitzen berührten aber gerade mal den Stoff des schwarzen Jacketts. „Dafür wirst du bezahlen!“

Travis öffnete den Mund zu einer Erwiderung, hielt dann aber inne und starrte Isaac direkt in die Augen. „Hier wird nur einer bezahlen.“ Er tippte sich leicht gegen den Nasenverband. „Du verstehst?“

„Alles nur, weil du dich auf den Schlips getreten fühlst …“

„Niemand erhebt seine Hand gegen einen Travis!“ Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. „Schon gar nicht so ein dahergelaufener Möchtegernheld aus der Bronx.“ Er wandte sich zum Gehen. „Sieh es als Erfahrung fürs Leben, Sportsfreund. Und schone deine Kräfte, denn du wirst sie noch brauchen. Die heutigen Gefängnisse sind die Hölle, hab ich mir sagen lassen.“

Nachdem Isaac wieder alleine war, sank er benommen auf die Bank. Den Blick gen Boden gerichtet, dachte er über das nach, was er verloren hatte.

2. KAPITEL

Ich laufe einen langen schmalen Tunnel entlang, der kein Ende nimmt. Der Boden unter meinen Füßen besteht aus Granit. Ebenso die mich umgebenen Wände. Alles ist in einem blassen Grau gehalten. Meine Beine schmerzen und jeder Atemzug brennt wie Feuer. Aber ich denke nicht dran stehen zu bleiben. Denn da ist etwas. Direkt hinter mir. Es ist genauso schnell wie ich und würde mich einholen, sollte ich langsamer werden.

Plötzlich merke ich, wie der Boden unter meinen Füßen ansteigt. Jetzt geht es schräg nach oben. Das Weiterkommen fällt mir nun deutlich schwerer.

Ich höre den anderen. Er holt auf. Flüstert meinen Namen. Immerzu meinen Namen. Er kennt mich. Er weiß alles über mich.

Die Steigung wird mörderisch, und ich halte mich kaum noch auf den Beinen.

Dann spüre ich einen Schlag im Rücken. Stürze zu Boden, wo ich zitternd, nach Atem ringend, liegen bleibe. Der andere fordert mich auf, ihn anzusehen. Aber ich weigere mich. Ich schließe die Augen und warte darauf, dass er verschwindet.

Als ich die Augen öffne, liege ich in meiner Koje. Schweißgebadet. Es dauert einen Moment, ehe ich begreife, dass jemand die Schiffsglocke läutet. Ich springe auf, schlüpfe in meine Kleidung und begebe mich aufs Deck.

Unterwegs läuft mir Phil über den Weg. Er trägt seine Kamera um den Hals und kriegt sich vor lauter Begeisterung gar nicht mehr ein. „Ein japanischer Walfänger“, sprudelt es aus ihm hervor. „Direkt voraus. Endlich ist mal was los!“

Meine Begeisterung hält sich in Grenzen. Phil ist erst vor wenigen Wochen zu uns gestoßen. Vorher hatte er sich mehr schlecht als recht als Fotograf in Detroit über Wasser gehalten. Ein Bericht im Fernsehen machte ihn auf die Tritonen aufmerksam, jene Umweltschutzorganisation, der ich seit knapp anderthalb Jahren angehörte, und die sich dem Schutz der Meere verschrieben hatte.

„Die armen Kerle wissen ja nicht, was ihnen bevorsteht.“

Ich zucke mit den Schultern und schiebe mich an ihm vorbei. Phil ist ein Schwätzer, und ich mag keine Schwätzer. Für ihn scheint das alles nur ein riesengroßer Spaß zu sein. Ein kostenloser Abenteuerurlaub. Etwas, von dem er nach seiner Rückkehr Freunden und Bekannten vorschwärmen kann. Er ist nicht mit dem Herzen dabei.

Auf dem Deck der Glaukos herrscht reges Treiben. Jeder aus der Mannschaft weiß genau, was zu tun ist. Ein Kollektiv gut ausgebildeter Idealisten, die unter dem Kommando ihres Kapitäns zu wahren Höchstleistungen imstande sind. Da, wo andere nur diskutierten, handeln die Tritonen. Ganz nach ihrem Motto, nur ein versenktes Walfängerschiff ist ein gutes Walfängerschiff, bereiten sie Umweltverbrechern mehr als nur Kopfzerbrechen.

Das „feindliche Schiff“ befindet sich achtern, parallel zur Glaukos. Andrew, unser Kapitän und Gründer der Tritonen, steht an der Reling und beobachtet das Walfängerschiff durch einen Feldstecher. „Die sind hinter einer Zwergwalschule her. Verwenden noch die alten Harpunen“, erklärt er, als er mich bemerkt.

Ich nicke ernst. „Wie werden wir vorgehen?“

„Uns zwischen die Tiere und den verrosteten Kahn bringen.“ Er nimmt den Feldstecher runter. Sein kantiges, grob gemeißeltes Gesicht strahlt dieselbe Entschlossenheit aus wie immer. „Gib Fay Bescheid, dass sie schon mal ihr Megafon auspacken soll.“

„Was ist mit den Kanonen?“

Er presst die Lippen fest zusammen. „Besser, wir gehen kein Risiko ein. Es wäre gut, wenn alles bereit steht, wenn die Sache ungemütlich wird.“

„Geht klar.“ Ich will bereits los, als er meint: „Wir haben eben eine Nachricht erhalten.“

„Und?“

„Ist an dich adressiert.“

„Ganz sicher?“

„Sonst hätte ich es dir gegenüber nicht erwähnt. Ist, glaube ich, das erste Mal, seit du bei uns angeheuert hast.“

„Und der Absender?“

„Wenn wir das hier überstanden haben, lasse ich dich an den Computer. Einverstanden?“

„Ja.“ Ich ignoriere den fragenden Blick in seinen Augen und mache mich daran, die mir aufgetragenen Arbeiten zu erledigen. Aber ich bin nicht bei der Sache. Die rätselhafte Nachricht bereitet mir Kopfzerbrechen. Wer zum Teufel weiß, wo ich bin, und, was noch viel wichtiger ist: Was will diese Person von mir?

Als ich Fay auf dem Deck nirgends ausmachen kann, begebe ich mich wieder nach unten. Die Schiffsglocke ist mittlerweile verstummt, was nicht weiter tragisch ist. Das ständige Gebimmel konnte einen zur Weißglut treiben.

Bei Fays Kajüte angekommen, klopfe ich kurz an, warte auf ihr obligatorisches „Jetzt nicht!“ und kläre sie anschließend über den Grund meines Besuchs auf. „Deine Anwesenheit wird auf Deck verlangt!“

„Ich bin beschäftigt!“

Ich seufze. Fay ist die Meeresbiologin der Glaukos und stellt ihre Forschung regelmäßig über alles und jeden. „Wir befinden uns auf direkten Kollisionskurs mit einem japanischen Walfänger. Deine Sprachkenntnisse sind von Nöten.“

Fay flucht laut. Im nächsten Moment reißt sie ihre Kajütentür auf. „Du weißt, wie sehr ich es hasse, während meiner Studien gestört zu werden.“ Ihr schmales, aber immer noch attraktives Gesicht ist rot angelaufen.

„Glaub mir, wenn es noch jemand anderen an Bord gäbe, der Japanisch spricht, dann …“

„Dann würdet ihr den nerven. Schon klar.“ Sie scheint noch etwas hinzufügen zu wollen, als sie innehält und mich neugierig mustert. „Sonst alles in Ordnung? Du wirkst angespannt.“

Ich zucke mit den Schultern. „Liegt bestimmt am Walfänger.“

„Wäre mir neu, dass dich so etwas aus der Ruhe bringt.“ Sie lächelt. „Wenn du mal jemanden zum Zuhören brauchst …“

„Das ist nett von dir“, schneide ich ihr das Wort ab. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Fay mit den Männern der Besatzung gerne ihre Spielchen treibt. So schön wie durchtrieben, lässt sie keine Gelegenheit aus, ihren überlegenen Intellekt zu demonstrieren. Wer so töricht ist, anzubeißen, den stellt sie früher oder später gnadenlos bloß. „Aber ich komme schon alleine klar.“

Wenn sie enttäuscht ist, dann lässt sie es sich nicht anmerken. „Wie du meinst.“ Sie geht zurück in ihre Kajüte, lässt die Tür aber offen stehen. Das Megafon ist in einer Kiste neben ihrem überladenen Schreibtisch verstaut. Als sie sich danach bückt, rutscht ihr Shirt so weit nach oben, dass ich einen Blick auf ihren Tanga werfen kann.

Zeit zu gehen, denke ich, und eile so schnell ich kann zurück aufs Deck.

Mittlerweile hat sich der Abstand zwischen den beiden Schiffen stark verringert. Nicht mehr lange und die Glaukos wird die von Andrew vorgegebene Position eingenommen haben. Der Walfänger ist zu schwerfällig, als dass er die Glaukos einfach umschiffen könnte, weshalb ihm nichts anderes übrig bleibt, als die Maschinen zu drosseln.

Ich nutze die noch verbliebene Zeit, um mich um die Wasserkanonen zu kümmern. Roger, ein weiteres Crewmitglied, ist mir dabei behilflich. Phil schaut uns dabei über die Schulter und knipst Fotos.

„Die Glaukos im Auge des Sturms.“ Er philosophiert des Öfteren über solchen Blödsinn. „Wäre doch eine prima Überschrift, findet ihr nicht?“

„Überschrift wofür?“, hakt Roger nach.

„Für meinen Artikel.“

„Ich wusste gar nicht, dass du auch schreibst.“

Phil grinst breit. „Eines meiner vielen, bislang verborgenen schlummernden Talente. Es hat etwas von der Büchse der Pandora. Natürlich ins Positive übertragen. So als würde das Leben auf der Glaukos jene guten Eigenschaften zutage fördern, die in der tristen Betonlandschaft Detroits niemals hätten gedeihen können.“

„Na dann …“ Roger scheint nach den richtigen Worten jener ­Zauberformel zu suchen, mit der man Phil ganz einfach vertreiben kann.

„Du könntest uns mit den Wasserkanonen helfen“, sage ich und schaue den Fotografen dabei direkt an. „Ist eine ziemliche Plackerei.“

Phil versteift sich. „Normalerweise sehr gerne … Aber zuerst muss ich noch ein paar Fotos schießen. Ihr wisst schon, fürs Archiv und die Nachwelt.“

Roger und ich wechseln vielsagende Blicke aus, und noch bevor einer von uns auf Phils Ausflüchte eingehen kann, hat er sich davongeschlichen.

„Komischer Kauz“, bemerkt Roger und macht sich daran, eine der Wasserkanonen am Boden zu verschrauben.

„Sind wir doch alle.“

Er kichert leise. „Du musst es ja wissen. Ich glaube, wenn jeder hier an Bord das aufschriebe, was er von dir weiß, würde alles zusammen am Ende nur ein paar Sätze ergeben. Aber auch nur so Sachen, wie: Ist groß und muskulös. Trägt einen Vollbart und erinnert an den tragischen Helden einer …“

„Ich hab dich auch lieb, Roger.“

„Wer nicht?“

Ich nicke in Richtung der soeben auf Deck erschienenen Fay. „Sie zum Beispiel. So viel ich weiß, ist die Dame alles andere als gut auf dich zu sprechen.“

„Seit wann gibst du was auf Gerüchte?“

„Seit ich mit eigenen Augen gesehen haben, wie sie dir beim gemeinschaftlichen Abendessen vor einer Woche einen Teller Suppe über den Kopf geschüttet hat.“

„Das war ein Versehen.“

„Bei dem sie dich als größten Vollidioten unter der Sonne bezeichnet hat.“

Er murmelt eine Verwünschung. „Ich denke, ich weiß jetzt, was ich über dich schreiben würde …“

„Dann lass mal hören.“

„Erfreut sich am Leid anderer …“

Ehe ich darauf etwas erwidern kann, ertönt Fays vielfach verstärkte Stimme. In lupenreinem Japanisch fordert sie die Besatzung des Walfängers dazu auf, kehrtzumachen und sich aus dem Gebiet zurückzuziehen. Am Schluss zählt sie die Verbrechen auf, derer sich die Besatzung allein durch ihre bloße Anwesenheit in diesen Gewässern schuldig gemacht hat.

Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten und fällt Fays Gesichtsausdruck nach zu urteilen wenig schmeichelhaft aus. „Detailliert oder auf den Punkt gebracht?“, fragt sie Andrew.

„Letzteres.“

„Die weigern sich.“

„Wenig überraschend. Sag ihnen, dass wir ihre Schiffskennung …“

Einer der Japaner fängt plötzlich an zu schreien. Im nächsten Moment landet ein toter Fisch auf dem Deck der Glaukos, dann ein zweiter und kurz darauf noch ein dritter. Das Deck des Walfängers liegt höher als das der Glaukos. Ein taktischer Nachteil, den wir nun ausbaden dürfen.

„Auch eine Art der Einschüchterung“, knurrt Roger und weicht zurück, als einer der Kadaver keinen Meter entfernt von ihm aufschlägt. „Ist ja fast schon kreativ.“

Erneut ertönt Fays Megafonstimme. Und obwohl ich kein Japanisch spreche, entgeht mir nicht, dass sie die Samthandschuhe ganz offensichtlich ausgezogen hat. Anders formuliert, sie ist stocksauer. Als sie das Megafon wieder sinken lässt, herrscht auf dem Deck des Walfängers betretenes Schweigen.

„Ich denke“, sagt Fay, „jetzt haben sie es kapiert.“

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