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MYSTERY THRILLER BAND 222

JASON A FROST

Der Tod dreht mit

Ängstlich sieht Catherine sich um: Sie wird das Gefühl nicht los, dass irgendwer sie verfolgt, ihr in den dunklen Gängen des Hotels auflauert! Aber wer? Einer aus dem Filmteam? Oder etwa – der Wolf von Seattle? Denn seine Geschichte wird gedreht: Die Story eines Serienmörders, der in diesem Hotel sein Unwesen trieb und seine Opfer bestialisch tötete …

JASON A FROST

Mord vor laufender Kamera

Die Dreharbeiten scheinen kein Ende zu nehmen: In der Folterkammer des Wolfes spielt der Schauspieler so perfekt, dass allen ein eiskalter Schauer über den Rücken läuft! Besonders Catherine, denn sie ist es, die getötet werden soll … Natürlich nur vor der Kamera – oder? Wie sehr sie sich da irrt, wird ihr klar, als sie in ein Hotelzimmer verschleppt wird …

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Der Tod dreht mit

PROLOG

2. Oktober 1905, Seattle

Ich harrte seit Stunden in einer kleinen Seitengasse aus. Von hier aus behielt ich den Eingang der Schenke im Auge. Der mich umgebende Gestank störte kaum, war ich doch Schlimmeres von so mancher Autopsie gewohnt. Wäre ich jemals gezwungen worden, einen Bericht zu schreiben, in dem ich die Anzahl eben jener Autopsien hätte angeben müssen, sei es als Gast oder als jener, der das Skalpell zu führen hatte, wären die Seiten leer geblieben. Irgendwann war ich des Zählens überdrüssig geworden.

Erlebte ich das erste Aufschneiden eines menschlichen Körpers zu Beginn meines Medizinstudiums noch als eine wahrlich elektrisierende Erfahrung, kehrte spätestens, als mir jedes Organ und jeder Knochen bestens vertraut war, langweilige Routine ein.

Das Warten gefiel mir nicht viel besser. Einzig die Anspannung schien mich wach zu halten.

Während ich mich durch einen Blick auf meine Taschenuhr vergewisserte, wie viel Zeit seit meiner Ankunft schon vergangen war, ließ ein Rascheln in meinem Rücken mich zur Salzsäule erstarren. Die Hafengegend, gerade zur nächtlichen Stunde, zog das Gesindel an wie der sonntägliche Glockenschlag die Gläubigen zur Messe. Eine Sekunde nachdem ich die silberne Taschenuhr zurück ins Jackett gesteckt hatte, umfassten meine Finger bereits den vertrauten Griff des Skalpells. Ich atmete durch die Nase ein und wieder aus, dann wirbelte ich herum, nur um erleichtert festzustellen, dass es sich bei dem vermeintlichen Angreifer um eine Ratte auf Nahrungssuche handelte. Das wohlgenährte Tier hockte auf seinen Hinterläufen und starrte mich aus seinen schwarzen Knopfaugen an. Ich nahm einen Stein vom Boden auf und warf ihn nach dem Tier, das fiepend in einem nahen Abfluss verschwand.

Wenigstens hast du jeden Abend etwas zu beißen, dachte ich bitter und sah wieder zur Gaststätte, die weit mehr bot, als man auf den ersten Blick glauben mochte. Jeder in der Stadt, auch jeder Student, wusste von den Damen, die in den oberen Räumlichkeiten ihrer sündigen Tätigkeit nachgingen. Auch wenn ich mir bei Weitem nicht so viel aus fleischlichen Gelüsten machte wie meine Kommilitonen, ertappte ich mich doch das ein oder andere Mal dabei, wie meine Gedanken zu den wohlgeformten Rundungen eben jener Damen abschweiften. Allerdings zweifelte ich nicht daran, dass meine Tagträumereien sich stark von denen anderer junger Männer meines Alters unterschieden. Ich war in meinen Vorlieben schon immer sehr speziell. Etwas anders gestrickt. Einer der Hauptgründe, warum ich mich für das Studium der Medizin entschieden hatte. Schon als kleiner Junge hatte ich es mir nicht nehmen lassen, die Haustiere auf der Farm meiner gestrengen Tante zu sezieren. Zuerst nur tot aufgefundenes Vieh. In späteren Jahren streunende Hunde und Katzen.

Als die Tür der Schenke aufgerissen wurde, drückte ich mich aus Angst, gesehen zu werden, eng an die schmutzige Wand.

Zwei grobschlächtige Männer – ihren tätowierten Armen nach Seeleute – hielten einen dritten, wild fluchenden Mann mit feuerrotem Haar in ihrer Mitte fest. Die beiden Seeleute sahen sich nach allen Seiten hin um, dann nickte einer von ihnen ausgerechnet zur Seitengasse, in der ich mich versteckt hielt. Mein Herzschlag setzte aus. Sollten sie mich entdecken, wäre nicht nur mein Warten vergebens gewesen. Ich hätte meinen ganzen Plan um mindestens einen Monat verschieben müssen, aus Angst davor, jemand würde sich meines Gesichts erinnern. Zu meiner großen Erleichterung aber ließen die beiden Seeleute den volltrunkenen Mann bereits auf halber Strecke zu Boden fallen. Was dieser zum Anlass nahm, seine Flüche noch lauter vorzutragen. Es wäre mir zuwider gewesen, auch nur eines dieser Worte in den Mund zu nehmen, drum störte ich mich auch nicht sonderlich daran, dass der Rothaarige, obwohl er am Boden lag, einige Tritte einstecken musste.

Die Seeleute verloren bald das Interesse an dem Mann und kehrten wieder in die Schenke zurück.

Ich blieb. In freudiger Erwartung den Augenblick aller Augenblicke herbeisehnend. Nur noch ein wenig Geduld – das war alles, was ich aufbringen musste.

Es verging einige Zeit, ehe es dem Mann gelang, wieder auf die Beine zu kommen. Als er endlich stand, wankte er jedoch so stark, dass ich befürchtete, er könnte einfach umkippen. Stattdessen stöhnte er laut auf, wobei er sich den Rücken hielt, und sprach zu sich selbst in der dritten Person. „Das nächste Mal wird Joe es euch zeigen, ihr Bastarde“, sagte er in diesem kaum verständlichen irischen Akzent und spie einen Schwall Blut auf die Pflastersteine. Mit langsamen, schlürfenden Schritten bewegte der Mann sich Richtung Pier. Ich folgte ihm in sicherem Abstand, immer darauf bedacht, mich im Schatten zu halten und keine verräterischen Geräusche zu verursachen.

Der Ire führte mich geradewegs zu einem verlassenen Dampfschiff, das abseits von den viel genutzten Anlegestellen im Wasser lag. In Zeiten wie diesen war man froh über jeden kostenlosen Schlafplatz. Ich wartete ab, bis er im Inneren des Schiffes verschwunden war, dann trat ich aus meiner Deckung und schlich an Deck. Zu meiner Verwunderung stellte ich fest, dass es sich bei dem Kahn um ein ausgemustertes Kriegsschiff handelte. Obwohl seiner Kanonen beraubt und von Rost zerfressen, strahlte es noch immer etwas Ehrfurcht erweckendes aus, und allein die Vorstellung davon, wie viele Menschenleben durch die einstige Waffengewalt dieses Schiffes zugrunde gegangen waren, ließ mein Herz schneller schlagen. Eine passendere Kulisse für die vor mir liegende Premiere hätte ich mir nicht wünschen können.

Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass es außer dem Iren und mir keine weiteren blinden Passagiere an Bord zu geben schien, öffnete ich vorsichtig die Tür zur ehemaligen Kapitänskajüte. Der beißende Geruch von Urin und Erbrochenem trieb mir die Tränen in die Augen, und ich war versucht, mir ein Taschentuch vor Mund und Nase zu pressen. Der Grund, warum ich es nicht tat, war praktischer Natur. Für das, was nun folgen sollte, brauchte ich beide Hände.

Der volltrunkene Ire lag schnarchend in der Koje, eine schmutziggraue Decke um den aufgedunsenen Körper geschlungen. Während ich so dastand, musste ich an die Frauen aus dem oberen Stockwerk der Schenke denken. Vor Monaten hatte ich einmal die Bekanntschaft mit einer von ihnen gemacht. Schwarzes, zu einer Turmfrisur hochgestecktes Haar, ein üppiger Busen, sinnliche Lippen. Wir fingen ein Gespräch an. Ich wollte ihr mit meinem Verständnis von der menschlichen Anatomie imponieren. Doch war unsere Begegnung leider nur von kurzer Dauer, da sie es vorzog, mit einem meiner reichen Kommilitonen auf ihr Zimmer zu verschwinden.

Nun … ihr Glück, dass ich arm bin. Allerdings bin ich mir sicher, dass ich sie wiedersehen werde. Und wenn es erst so weit ist, wird es mir ein Vergnügen sein, sie vom praktischen Nutzen meiner anatomischen Kenntnisse zu überzeugen.

In dem Moment, als ich mein Skalpell zückte, schlug der Ire die Augen auf. „Wer zum Teufel bist du?“

„John Mitchel“, sagte ich. „Zu Ihren Diensten.“ Es brauchte nur einen gut gesetzten Schnitt, um dafür Sorge zu tragen, dass aus der Kehle des Iren nie wieder ein Fluch erklingen würde.

Zu meinem Leidwesen ging alles viel zu schnell. Im Nachhinein bereute ich es, den Mann sofort getötet zu haben. Das Entsetzen auf seinem Gesicht, die Angst vor dem Tod. All das hatte ich zu sehen erhofft, stattdessen wurde ich mit einer erschreckend langsamen Reaktion abgespeist, die für mich kaum mehr bereithielt als dumpfes Erstaunen. Der Fund einiger Münzen in den Taschen des Toten entschädigte mich zwar ein wenig, doch schwor ich mir, den nächsten Mord sehr viel länger auszukosten. Das war ich mir und meiner Leidenschaft einfach schuldig.

1. KAPITEL

„Oh, nicht doch.“ Sosehr Catherine sich auch darum bemühte, die Anzeigentafel aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten, das Ergebnis blieb immer dasselbe. Der Bus, den sie ursprünglich hatte nehmen wollen, fiel aus, und der nächste sollte laut der blöden Tafel erst in einer Dreiviertelstunde die Haltestelle erreichen. Aber dann würde der wichtigste Termin ihres Lebens längst verstrichen sein.

„Das ist ein Alptraum“, sagte sie laut, während ihr Gehirn auf Hochtouren nach einer Lösung suchte. Für ein Taxi fehlte ihr das Geld, und ihre Mom darum zu bitten, sie zu fahren, kam erst recht nicht infrage.

Blieb noch eine letzte Möglichkeit: Sie holte ihr Handy aus der Sporttasche und rief sich im Nummernspeicher den Namen ihrer besten Freundin Lisa auf, dabei flüsterte sie immer wieder: „Bitte nicht die Mailbox, bitte nicht die Mailbox …“ Als sie bereits nach wenigen Sekunden Lisas Stimme vernahm, atmete Catherine erleichtert auf. „Ich bin so froh, dass du sofort drangegangen bist“, sagte sie schnell. „Hör zu. Du musst mich abholen kommen. Ich stehe hier an der Halte­stelle Lincoln Street. Das ist gegenüber von dieser Tierhandlung.“

„Ist alles in Ordnung?“, fragte Lisa besorgt nach.

„Sobald du hier bist, erkläre ich dir alles.“

„Ich bin gerade bei Tony. Reicht es, wenn ich in zwanzig Minuten bei dir bin?“

„Du musst sofort kommen! Es ist wichtig!“

„So wie du rumschreist, ganz sicher. Warte kurz.“

Catherine brauchte sich nicht sonderlich anzustrengen, um heraus­zuhören, dass Tony sich den Nachmittag mit seiner Freundin wohl anders vorgestellt hatte. Seine Stimme drang zwar nur dumpf an ihr Ohr, aber seinem Tonfall nach zu gehen, schien er mehr als nur leicht verärgert. Es dauerte nicht lange, bis Lisa von der Defensive zum Angriff überging. Ihr schrilles Organ hätte jeder Polizeisirene Konkurrenz gemacht. Das ging so ein paar Sekunden, dann knallte eine Tür ins Schloss. Plötzlich war es am anderen Ende der Leitung absolut still.

Mit offenem Mund, das Handy an ihr Ohr gepresst, versuchte Catherine etwas herauszuhören. „Lisa? Bist du noch da?“ Während sie auf eine Antwort wartete, schossen ihr die schlimmsten Vorahnungen durch den Kopf. Tony war ihr schon immer etwas jähzornig vorgekommen. Nicht, dass er …

„Bin in fünf Minuten bei dir“, meldete Lisa sich mit einer Plötzlichkeit zurück, die Catherine innerlich zusammenzucken ließ.

„Okay, aber …“

„Bis gleich.“ Es klickte, und das Gespräch war beendet.

Sieben Minuten später stand Catherine noch immer an der Bushaltestelle. Was, wenn Lisa ihr die Schuld an dem Streit mit Tony gab und beschlossen hatte, ihr einen Denkzettel zu verpassen? Lisa war ihre beste Freundin, aber sie konnte auch sehr nachtragend sein. Unvergessen war Catherine die Woche vor dem Abschlussball, in der sie von Lisa wie Luft behandelt worden war, weil deren heimlicher Schwarm Bill Merlott nicht sie, sondern Catherine darum gebeten hatte, ihn zum Ball zu begleiten. Lisa hatte damals wie eine Furie getobt und ihrer besten Freundin die schlimmsten Absichten unterstellt. Da spielte es dann auch keine Rolle mehr, dass Catherine Bill sofort eine Absage erteilt hatte. Aber so war Lisa nun mal.

Auf der einen Seite die beste Freundin, die man sich vorstellen konnte, auf der anderen Seite eine Frau mit einer leicht cholerischen Ader, die in manchen Situationen etwas zu emotional reagierte. Nach dem Toben kam das Schweigen. Es dauerte bis zum Abschlussball, ehe Lisa bereit gewesen war, mit ihr über alles zu reden und das Kriegsbeil zu begraben.

Ein hübscher Nebeneffekt des Balls hatte darin bestanden, dass Bill und Lisa in dieser Nacht doch noch zueinanderfanden. Es war wie die typische romantische Hollywoodkomödie. Die Beziehung der beiden hielt zwar nur drei Monate, war aber mit Blick auf Lisas temperamentvolle Art schon als kleiner Erfolg zu werten.

„Jetzt mach schon!“ Catherine verzweifelte zusehends. Mittlerweile waren drei weitere Minuten verstrichen, und leichte Panik ergriff von ihr Besitz. „Lass mich nicht hängen. Tu mir das nicht an.“ Vorahnung reihte sich an Vorahnung, und ihre Karriere schien vorbei, bevor sie richtig begonnen hatte. Eine Katastrophe.

Dabei hätte alles so schön werden können. Dieses Treffen wäre die Chance gewesen, jedem, allen voran ihrer Mom, zu beweisen, dass ihr sehnlichster Berufswunsch nicht bloß auf irgendwelchen Träumereien aufbaute, sondern in Erfüllung gehen konnte, wenn sie nur fest genug daran glaubte. Wenn sie hart an sich arbeitete und …

Ihre Nerven beruhigten sich schlagartig, als sie den karmesinroten Buick erblickte, der soeben um die Ecke bog. Der Wagen war ein Geschenk von Lisas Eltern zu ihrem achtzehnten Geburtstag. Sowohl Catherine als auch Lisa hatten immer vermutet, dass es sich bei dem Buick um eine Art Wiedergutmachung handelte. Da Lisas Eltern damals in Scheidung lebten, wollten sie ihrer Tochter anscheinend etwas Gutes tun.

Nachdem Catherine auf dem Beifahrersitz Platz genommen hatte, fiel sie ihrer Freundin um den Hals. „Ich dachte schon, du kommst nicht mehr.“

„Wenn es nach Tony gegangen wäre, hättest du dir ein Taxi nehmen dürfen.“

Catherine ließ von ihrer besten Freundin ab und setzte eine reumütige Miene auf. „Das mit dem Streit tut mir leid. Wirklich.“

„Ach was. Der Idiot weiß einfach nicht, wo seine Grenzen liegen“

„Aber ihr seid doch noch zusammen, oder?“

Lisa zuckte mit den Schultern und löste die Handbremse. „Schwer zu sagen. Das mit Tony und mir ist kompliziert. Auf der einen Seite kann ich kaum die Finger von ihm lassen, wenn wir uns treffen, auf der anderen Seite möchte ich ihn in manchen Situationen einfach nur ohrfeigen. – Ach, bevor ich es vergesse. Wo soll es überhaupt hingehen? Am Telefon hast du geklungen, als stehe deine Welt kurz vor dem Untergang.“

Catherine hatte in der Zwischenzeit die Einladung samt Adresse hervorgeholt. „Wenn du es schaffst, mich innerhalb der nächsten zehn Minuten beim Zeus-Theater abzuladen, dann kriegst du von mir die signierte Jared Leto – Autogrammkarte, auf die du es seit Jahren abgesehen hast.“

„Du spinnst ja. Wieso das Theater?“

„Ich werde dich unterwegs in alles einweihen, aber du musst mir versprechen, niemandem, wirklich niemandem davon zu erzählen. Okay?“

„Na, du machst es ja spannend“, bemerkte Lisa und gab die Adresse des Zeus schnell in ihr Navi ein.

„Versprich es mir.“

„Ist ja gut! Ich verspreche es. Aber, was die zehn Minuten betrifft …“

„Sag schon.“

„Laut dem Navi werden wir das Theater nicht vor zwanzig Minuten erreichen. Um diese Uhrzeit ist der Verkehr …“

„Fahr endlich los!“

Normalerweise ignorierte Catherine die Nachrichten irgendwelcher fremder Typen, die sie über das soziale Netzwerk anschrieben, bei dem sie angemeldet war. Primitive Anmachsprüche waren ihr zuwider. Wenn sie jemanden kennenlernen wollte, dann gleich von Angesicht zu Angesicht und nicht auf elektronischem Wege. Das mochte in der heutigen Zeit ziemlich altmodisch klingen, aber nachdem, was ihr vor einem knappen Jahr widerfahren war, ging sie lieber auf Nummer sicher.

Nur der kurzen Betreffzeile war es zu verdanken, dass Catherine eine Ausnahme bei Douglas Andersons Nachricht gemacht hatte.

„Ein Casting?“ Lisa lachte hell auf. „Jetzt im Ernst?“

Catherine nickte, die Augen dabei gebannt auf die Digitaluhr im Armaturenbrett gerichtet. „Es handelt sich zwar nur um einen Low-Budget-Film, aber der Produzent hat schon einmal einen wichtigen Preis gewonnen. Wenn es mir gelingt, eine Rolle in diesem Film zu ergattern, stehen meine Chancen gut, von einer der renommierteren Schauspielschulen angenommen zu werden.“

„Scarlett Johansson lässt grüßen.“

„Ich meine es ernst! Das könnte meine Chance sein.“

„Und warum erfahre ich erst jetzt davon?“

Catherine verzog die Mundwinkel zu einem schwachen Lächeln. „Ich wollte erst noch abwarten, ob ich die Rolle überhaupt kriege.“

„Hast du geglaubt, ich würde mich über dich lustig machen, wenn das mit dem Film nichts wird? Also mittlerweile müsstest du mich besser kennen.“

„Wie lange kennen wir uns jetzt schon?“

Lisa dachte kurz nach. „Zehn Jahre. Vielleicht auch schon elf.“

„Und wie lange wünsche ich mir schon, Schauspielerin zu werden? Sei ehrlich.“

„Na ja. Seit ich dich kenne. Du warst doch sogar in dieser komischen Theatergruppe.“

„Was war denn daran komisch?“

„Na … allein dieser Typ. Bryan oder so ähnlich. Der hat mich immer so schräg von der Seite angestarrt. Und diese Sharon erst.“ Lisa tat so, als würde es sie schaudern. „Die hat doch immer gesungen. Zu jeder Gelegenheit, die sich ihr bot.“

„Künstler sind manchmal eben ein klein wenig schräg. Ach, und wegen Bryan. Der war in dich verschossen.“

„Das erklärt so manches.“

„Worauf ich eigentlich hinauswollte: Ich bin mir sicher, dass die Schauspielerei das Richtige für mich ist. Es macht mir Spaß, in andere Rollen zu schlüpfen und bis dato nur auf dem Papier existierenden Charakteren Leben einzuhauchen. Aber Einladungen zu guten Castings sind nun mal verdammt selten, und das heute ist …“

„Eine einmalige Chance!“ Lisa verdrehte die Augen. „Ich habe es verstanden.“

„Wenn ich an das letzte Casting denke, bei dem ich war …“

„Wo du so einen riesen Wirbel drum gemacht hattest? Und ich dich danach über eine Woche lang trösten musste, weil du am Boden zerstört warst? Und deine Mom und dein Dad dir verbieten wollten, je wieder zu einem Casting zu gehen?“

„Merkst du was? Aus diesem Grund wollte ich dieses Mal eigentlich Stillschweigen bewahren.“ Catherine klappte den Sonnenschutz runter und betrachtete sich im kleinen Spiegel. Vor lauter Stress glänzte ihr Gesicht rosa. In Verbindung mit ihrem langen blonden Haar fühlte sie sich eine schreckliche Sekunde lang an eine Miss Piggy mit Sommersprossen erinnert. „Ich darf dieses Mal nicht scheitern“, sagte sie, um sich selbst zu beruhigen. „Ich kann das schaffen.“

„Natürlich kannst du das!“ Lisa lachte. „Aber eines musst du mir versprechen, wenn du erst einmal ein großer Star bist.“

„Was?“

„Gordon Levitts Telefonnummer.“

Catherine schloss einen Moment lang die Augen. „Du bist die unmöglichste Person, die ich kenne.“

„Sei lieber froh, dass ich dich fahre. Und das mit Gordons Nummer war kein Scherz.“

„Das habe ich auch nicht angenommen.“

„Wenn alle Stricke reißen, kriege ich sein Management vielleicht dazu, ihn interviewen zu dürfen. Wäre doch ein prima Start ins Journalismus-Studium, findest du nicht?“

„Es wäre sogar ein ganz fantastischer Start, aber jetzt konzentriere dich bitte wieder auf den Verkehr. Es wäre schön, wenn wir heil ankommen könnten.“

Seattle, die Regen-City, machte ihrem Namen alle Ehre, als ein plötzlicher Schauer losbrach und durch die eingeschränkte Sicht dafür sorgte, dass Lisa vom Gas gehen musste. Wer glaubte, die Rushhour in Los Angeles oder New York sei schlimm, der war noch nie hier gewesen.

Ab einem bestimmten Punkt verfluchte Catherine jede rote Ampel und jeden Ministau. Als eine ältere Dame für das Überqueren eines Zebrastreifens etwas länger brauchte, kurbelte Catherine ihr Seitenfenster runter und rief der verdutzten Frau zu, sie solle gefälligst ihren Hintern von der Straße schaffen.

„So kennt man dich ja gar nicht“, bemerkte Lisa mit einem Grinsen.

„Das macht die Anspannung.“ Sie vergrub das Gesicht zwischen den Händen. „Und jetzt habe ich auch noch ein schlechtes Ge­wissen.“

„Soll ich zurückfahren, damit du dich bei der Frau entschuldigen kannst?“

„Bloß nicht!“

„Nur ein Scherz. Reg dich ab. Wir sind auch gleich da. Siehst du. Da vorne ist bereits das Theater. Und wir sind auch nur … ein paar Minuten zu spät.“

„Eine Viertelstunde …“ In Gedanken sah Catherine ihre Träume in Flammen aufgehen.

Vollkommen durchnässt und abgehetzt betrat sie die Bühne des Theaters. In der vordersten Reihe saßen mittig zwei junge Männer und eine Frau. Douglas Anderson erkannte sie von seinem Profilfoto wieder. Er war von eher hagerer Erscheinung und wirkte älter, als in seiner Vita beschrieben.

„Du kommst reichlich spät“, sagte der andere Mann. Mit dem Bart und dem karierten Hemd wirkte er wie ein Holzfäller. Die rechts von ihm sitzende Asiatin sah nur kurz auf und widmete sich gleich darauf wieder dem Inhalt einer auf ihrem Schoß liegenden aufgeschlagenen Mappe.

„Der Bus, den ich ursprünglich nehmen wollte, ist nicht gekommen“, sagte Catherine nach dem ersten Schrecken. „Eine Freundin war dann so nett, mich abzuholen.“ Sie blickte automatisch zu den hinteren Sitzreihen, um sicherzugehen, dass Lisa auch Wort gehalten hatte und draußen wartete. Bloß keine Zeugen, dachte sie bitter und fuhr zusammen, als sie tatsächlich jemanden im Halbdunkel sitzen sah.

„Hat sie dich mit dem Fahrrad abgeholt, oder wie erklärst du dir die Verspätung?“

„Mit dem Auto“, sagte sie und fügte sie noch kleinlaut hinzu: „Der Verkehr ist um diese Uhrzeit immer ganz schrecklich.“ Ohne es wirklich zu wollen, wanderten ihre Augen wieder zur letzten Reihe, aber von dem ominösen Zuschauer fehlte mit einem Mal jede Spur.

„Die anderen Bewerberinnen waren allesamt pünktlich“, sagte der Holzfäller weiter. „Über die Hälfte von ihnen stammte nicht mal von hier. Vor dir stand eine junge Frau auf der Bühne, die extra aus Potomac angereist ist. Weißt du, wo das liegt?“

„Nein.“

„Bei Washington.“

Catherine fühlte ihre Knie weich werden. Von dem flauen Gefühl in der Magengegend ganz zu schweigen. „Ich kann nur noch einmal betonen, dass es mir leidtut und ganz und gar nicht meiner Art entspricht. Wenn Sie möchten, dann gebe ich Ihnen die Nummer meiner Highschool. In fünf Jahren bin ich kein einziges Mal zu spät zum Unterricht erschienen.“

„Das ist ja wohl kaum dasselbe.“

Die Asiatin schüttelte lachend den Kopf. „Du bist unmöglich, Logan. Das arme Mädchen hat sich doch schon entschuldigt. Soll sie etwa vor dir auf die Knie fallen? Außerdem bist du selbst nicht gerade der Pünktlichste. Wie oft schon musste die Crew auf dich warten, weil du verschlafen hast?“

„Danke, Sabrina.“ Logan seufzte. „Ein Mal. Nur ein einziges Mal. Und auch wirklich nur deshalb, weil mein Wecker nicht geklingelt hat.“

Sabrina zwinkerte Catherine triumphierend zu. „Gleiches Recht für alle. Ich finde, wenn der Herr Regisseur einmal zu spät kommen darf, dann gilt das auch für dich.“

Catherine formte mit ihren Lippen gerade ein stummes, an Sa­brina gerichtetes Danke, als Douglas Anderson sich zu Wort meldete. „Bitte, wollen wir nicht weiter meine Zeit verschwenden und endlich zum Wesentlichen kommen? Stell dich uns vor. Aber bitte sei so gut und halte dich dabei kurz.“

„Okay.“ Was hätte sie jetzt für ein Glas Wasser getan … „Ich heiße Catherine Winnfield, bin neunzehn Jahre alt und …“

„… hast grüne Augen, machst regelmäßig Sport und bist circa einen Meter fünfundsechzig groß.“ Douglas unterbrach sich selbst mit einem Fingerschnippen. „Liebe Güte, wir haben Augen im Kopf. Kommen wir zu Dingen, die nicht sofort ersichtlich sind. Hast du schon Erfahrungen als Schauspielern sammeln können?“

„Ich war Mitglied in der Theater AG meiner Highschool.“

„Welches von den Stücken, das ihr aufgeführt habt, hat dir am besten gefallen?“

„Die üblichen Verdächtigen.“

„Das ist keine Antwort auf meine Frage.“

Catherine schaute verunsichert von einem Gesicht zum anderen. „Das Stück, das wir aufgeführt haben, hieß so. Nach dem gleich­namigen Film mit Gabriel Byrne und Kevin Spacey.“

„Und welche Rolle hast du übernommen?“

„Keyser Söze. Wir haben es ein wenig umgeschrieben“, fuhr sie erklärend fort, als sie bemerkte, dass Logan die Stirn runzelte. „Mit dem allerhöchsten Respekt vor dem Original, versteht sich.“

„In unserem Film gibt es ein paar Kussszenen“, sagte Sabrina. „Hättest du damit ein Problem?“

„Kussszenen?“ Catherine starrte die drei entsetzt an. „Also …“ Sie ließ sich die Frage durch den Kopf gehen. „Solange es bei den Kussszenen bleibt.“

„Nur Küsse“, beruhigte Sabrina sie. „Sonst nichts.“

Catherine atmete erleichtert auf. „Das kriege ich hin. Ich bin eine gut Küss…“ Sie brach in letzter Sekunde ab. „Alles gar kein Pro­blem.“ Sie lächelte matt und kam sich wie die größte Idiotin unter der Sonne vor.

„In Ordnung“, sagte Douglas und tippte dabei etwas in sein Smartphone. „Hast du dir die Inhaltsangabe durchgelesen, die ich dir geschickt habe?“

„Natürlich. Es geht um einen der ersten belegten Serienmörder in der Geschichte der USA.“

„John Mitchel.“ Douglas lächelte geheimnisvoll. „Im Vergleich zu diesem Mann wirken die Taten eines Freddy Krueger und Michael Myers wie Puppentheater. Ungleich vielschichtiger als jede fiktive Bestie, die jemals in eine Kamera grinsen durfte.“

„Ein wahres Monster“, sagte Catherine und trat dabei von einem Bein auf das andere. „Skrupellos und eiskalt.“

„Oh, er war viel mehr. Mitchel ging es nicht allein darum, seine Blutlust zu befriedigen. Zumindest nicht am Anfang. In den ersten Jahren beging er viele Morde des lieben Geldes wegen. Er war ein Charmeur. Jemand, der sich ganz fabelhaft darauf verstand, vermögenden Witwen die große Liebe vorzugaukeln.“

26. Oktober 1906, Seattle

„Du kommst spät.“

Obwohl es weit nach Mitternacht war, als die Tür hinter mir ins Schloss fiel, war das oberste Stockwerk hell erleuchtet. Beatrice stand am Geländer und schaute auf mich herab, wie der Geier, dem sie von Tag zu Tag ähnlicher sah. Eingehüllt in eines ihrer hässlichen Nachthemden.

„Ich habe mich mit einigen Studienkollegen getroffen“, sagte ich lächelnd. „Alles ganz harmlos.“

„Harmlos?“

„Ja.“ Ich umfasste mit einer Hand das Treppengeländer und schaute zu ihr hoch. „Du scheinst sehr aufgeregt zu sein, meine Liebe. Ist etwas vorgefallen, von dem du mir erzählen möchtest?“

„Man hat dich mit einer anderen Frau gesehen, John. Mit einer anderen Frau!“

Ich blieb kurz stehen. Beatrice war schon immer eifersüchtig gewesen. Im Grunde von Anfang an, was zum Teil auch dem nicht gerade geringen Altersunterschied zu schulden war, der uns voneinander trennte. Aber dieses Mal erschien mir ihr emotionaler Ausbruch besonders schlimm.

„Eine andere Frau“, sagte ich im Tonfall absoluter Ungläubigkeit. „Wer erzählt denn so was? Irgendwelche Waschweiber?“

„Das tut nichts zur Sache. Ich nahm dich in mein Haus auf, kleidete dich, finanziere dir dein Studium …“

„Ich war dir immer treu, Liebste.“ Ohne mich ihrem bösen Blick zu ergeben, stieg ich weiter die Stufen hinauf. Bis uns nur noch wenige Schritte voneinander trennten. „Schenke irgendwelchen Lügnern nicht das Vertrauen, welches du eigentlich mir entgegenbringen solltest.“ Als ich meine Hand nach ihrem Gesicht ausstreckte, wich sie zurück.

„Fass mich nicht an!“ Ihre Stimme zitterte, und Tränen liefen ihr über das knochige Gesicht. „Du sagst, ich solle den Lügen kein Gehör schenken? Dabei war doch ich diejenige, die dich mit einer anderen gesehen hat.“

„Das ist …“

„Da verschlägt es dem feinen Kavalier die Sprache, nicht wahr?“ Die Ader an ihrer Schläfe trat so dick hervor, dass ich zu hoffen wagte, sie würde einfach platzen, aber das war Wunschdenken. „Ich will, dass du aus meinem Leben verschwindest und mir nie wieder unter die Augen trittst.“

„Beatrice …“

„Und glaube ja nicht, ich lasse dich so einfach davonkommen. Ich werde dafür Sorge tragen, dass man dich der Fakultät verweist.“

„Das kannst du nicht tun.“

„Nein?“ Ihre Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. „Du wirst staunen, was ich alles kann, Liebster. Ich werde allen erzählen, was für ein Mensch John Mitchel wirklich ist. Keine Frau, ob vermögend oder nicht, wird sich jemals wieder mit dir einlassen. Das verspreche ich dir.“

Ich ging einmal in mich, dachte über ihre Worte nach und kam zu dem Ergebnis, dass sie durchaus über den Einfluss verfügte, mir das Leben wie beschrieben zur Hölle zu machen. „Ist das dein letztes Wort, Beatrice?“

„So wahr ich hier stehe.“

„Nun“, sagte ich lächelnd. „Das wirst du nicht mehr lange.“

Sie blinzelte verwirrt. „Was soll das heißen?“

„Stehen, meine Liebe.“ Bevor ihr vertrockneter Verstand den Sinn hinter meinen Worten begreifen konnte, hatte ich sie gepackt und an mich gezogen.

„Lass mich los! Du sollst mich loslassen! Ich schwöre, ich werde …“

„Nichts wirst du mehr, du altes, keifendes Gerippe.“ Ich brachte mein Gesicht dicht an das ihre. Genoss es, mit anzusehen, wie Wut und Enttäuschung sich in Sekundenschnelle in Angst und Panik verwandelten. „Nur noch sterben“, sagte ich flüsternd. „Und sonst nichts.“

„Und ebenso, wie er sich ganz wunderbar darauf verstand, die Frauen zu umgarnen und ihnen das Geld aus der Tasche zu ziehen, wusste er, sie unauffällig aus dem Weg zu räumen. Entweder, weil sie plötzlich anfingen, unangenehme Fragen zu stellen, oder ganz einfach, weil ihre finanziellen Mittel erschöpft waren. Beatrice Stone war die Witwe eines reichen Gemischtwarenhändlers. Schon bald nach dem Tod ihres Mannes lernte sie den etwa fünfzehn Jahre jüngeren John Mitchel kennen. Nur wenige Monate nachdem die beiden trotz aller damaligen gesellschaftlichen Zwänge zusammengekommen waren, fand man sie tot in ihrem eigenen Haus auf. Ein durch einen Treppensturz verursachter Genickbruch. Zwar verdächtigte die Polizei Mitchel für kurze Zeit, aber da dieser durch die Hilfe eines Studienkollegen ein wasserdichtes Alibi vorlegen konnte, wurde der Fall schnell zu den Akten gelegt.“ Douglas pausierte in seiner Erzählung. Ihm war anzusehen, dass er es genoss, im Mittelpunkt zu stehen. „Bleibt noch zu erwähnen, dass besagter Studienkollege schon bald nach seiner Aussage nie wieder gesehen wurde“, fügte er im nüchtern trockenen Tonfall abschließend hinzu.

Catherine verschränkte fröstelnd ihre Arme. „Eine richtige Horrorgeschichte.“

„Der wahre Horror liegt in der Tatsache, dass diese Geschichte sich wirklich so zugetragen hat“, sagte Douglas. „Der Wolf von Seattle – niemals war ein Filmtitel passender gewählt. Ich habe mich über ein Jahr lang intensiv mit dem Leben dieses Monsters auseinandergesetzt. Habe ganze Nächte in Archiven verbracht und verstaubte Akten gesichtet. Mich mit sogenannten Experten ausgetauscht. So lange, bis ich genügend Material zusammen hatte, um ein Drehbuch zu schreiben, das seinesgleichen sucht. Nicht der übliche Hollywoodkram, sondern die brutale Wirklichkeit. Das ist es, was ich den Zuschauern bieten möchte. Dass wir in dem Hotel drehen werden, in dem John Mitchel einige seiner grausamsten Taten verübt hat, ist nur das i-Tüpfelchen. Einem Hotel wohlgemerkt, dessen Bau er selbst in Auftrag gegeben hat.“

Catherine entging nicht, dass Logan und Sabrina wissende Blicke austauschten. Offensichtlich war die von Douglas an den Tag gelegte Obsession für die beiden nichts Neues. „Ich denke“, sagte Logan milde lächelnd, „Catherine sollte nun endlich die Chance erhalten, uns von ihrem Können zu überzeugen.“

Douglas wirkte kurz uneinig, dann nickte er. „Du hast recht. Ich habe mich wieder einmal von der Euphorie mitreißen lassen.“

„Ein paar Worte zu deiner Rolle“, sagte Logan.

„Maggie Crane …“ Je länger sie auf der Bühne ausharren musste, desto nervöser wurde Catherine. Nicht mehr lange, und sie würde keinen Ton mehr herausbringen. „… ein Zimmermädchen, von dem John Mitchel regelrecht besessen war. Nachdem sie seine Avancen nicht erwidern wollte, sperrte er sie in ein Verließ. Der Page des Hotels, Steven Taylor, befreite Maggie in letzter Sekunde, und beiden gelang die Flucht.“

„Ganz genau“, sagte Logan. „Wir werden mit dir jetzt Szene achtunddreißig durchgehen. Da der Schauspieler, der eigentlich für die Rolle vorgesehen ist, heute noch einen Theaterauftritt absolviert, musst du mit mir vorliebnehmen.“

„Logan hat eine tolle Stimme“, bemerkte Sabrina kichernd.

„Äh, Szene achtunddreißig?“

„Der Text, den ich dir geschickt habe“, sagte Douglas. „Die Szene, in der Maggie Steven von den seltsamen Geräuschen erzählt, die sie gehört haben will.“

„Okay.“ Sie versuchte zu lächeln. „Da stand nur nichts von Szene achtunddreißig. Deshalb war ich einen Moment lang etwas verwirrt.“

„Können wir dann?“, fragte Logan sichtbar ungehalten über die erneute Verzögerung. Es fehlte nur noch, dass er einen entnervten Blick auf seine Uhr warf.

„Ich bin bereit.“

„Gut. Nur noch einmal zum Verständnis. Maggie passt Steven auf einem der Flure ab. Sie ist aufgeregt und hat Angst.“

Na, das passt ja ganz wunderbar, dachte Catherine und begann zu spielen.

Als Catherine die Empfangshalle des Zeus-Theaters betrat, fühlte sie sich alles andere als gut. Niedergeschlagen traf es wohl am ehesten.

Lisa war direkt zur Stelle und nahm sie in den Arm. „Darf ich fragen, wie es gelaufen ist, oder schlägst du mich dann nieder?“

„Eine Katastrophe.“ In Gedanken ging sie das Vorsprechen noch einmal durch. „Den peinlichen Anfang hast du ja mitgekriegt.“

„Ich war die ganze Zeit hier und habe Mails getippt.“ Zum Beweis holte sie ihr Smartphone heraus und tippte auf das Display. „Siehst du, an der letzten Mail schreibe ich sogar noch.“

„Und wer saß dann …“ Sie seufzte. „Na, ist auch egal. Auf jeden Fall hat es so peinlich geendet, wie es begonnen hatte. Ich habe mich nicht nur in die Nesseln gesetzt, sondern mich regelrecht hineingestürzt. Du glaubst gar nicht, was man alles falsch machen kann, wenn man für eine Rolle vorspricht.“

„Ach komm. So schlecht, wie du jetzt tust, wird es schon nicht gewesen sein.“

Catherine fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar. „Ich habe mittendrin abbrechen müssen, weil ich den Text vergessen hatte.“

„Das kann doch jedem mal passieren. Selbst die ganz großen Schauspieler setzen manchmal den einen oder anderen Take in den Sand.“

„Aber doch nicht beim Vorsprechen.“

„Was haben die denn am Ende überhaupt zu dir gesagt?“

„Dass sie sich bei mir melden werden. Der Produzent hat sich nicht einmal mehr die Mühe gemacht, mir dabei ins Gesicht zu sehen, sondern lieber mit seinem Handy gespielt.“ Sie hatte sich niemals als Pessimistin gesehen, aber bei einer solchen Leistung fiel es ihr sehr schwer, Douglas’ Abschiedsgruß etwas Positives abzugewinnen. Sie war ehrlich genug, sich einzugestehen, dass ihre heutige Leistung einfach unzureichend gewesen war. „Vielleicht sollte ich auf meine Mom hören und …“

Plötzlich kam Sabrina aus dem Theatersaal gestürmt. Als sie Catherine sah, winkte sie ihr erleichtert zu. „Schön, dich hier noch anzutreffen. Douglas hat mich darum gebeten, dir zu sagen, dass du die Rolle hast.“

Catherine war sprachlos. „Jetzt ernsthaft?“

Sabrina nickte. „Ich werde dir im Laufe des Abends alle relevanten Informationen per Mail zukommen lassen. Du musst mir nur versprechen, dir alles sehr genau durchzulesen. Ist nämlich eine ganze Menge. Äh … Alles okay bei dir?“

„Die gute Nachricht hat sie überwältigt“, sagte Lisa erklärend.

„Sie übertreibt.“ In Wirklichkeit schlug sie innerlich Purzelbäume. „Ich freue mich nur, das ist alles.“

„Sehr schön. Es wird dich freuen zu erfahren, dass wir die Szenen mit dir zuerst drehen werden. Das heißt, wir verwirklichen zuerst das Ende des Drehbuchs und kümmern uns danach um den Rest. Ist der Location geschuldet, aber das kann dir Douglas in einer ruhigen Minute sicher besser erklären.“ Sabrina zeigte hinter sich. „Ich gehe dann mal wieder zurück in die Höhle des Löwen – ohne seine Assistentin ist Logan nämlich aufgeschmissen. Wir sehen uns dann in drei Wochen am Set.“

Nachdem Sabrina wieder im Theatersaal verschwunden war, warf Catherine ihren Kopf in den Nacken und schloss dabei die Augen.

„Fall mir jetzt bloß nicht um.“

„Keine Angst.“ Als sie die Augen wieder öffnete, grinste sie bis über beide Ohren. „Ich denke, besser hätte es nicht laufen können.“

„Sagt die Frau, die noch vor wenigen Minuten ernsthaft in Betracht gezogen hat, auf den Rat ihrer Mutter zu hören und Medizin zu studieren.“

2. KAPITEL

14. September 1907

„John. Schwörst du die hier anwesende Anne, geborene Franklin, zu lieben und zu ehren, bis dass der Tod euch scheidet?“

Ich lächelte meiner zukünftigen Frau zu, die so schön wie reich war. Und so dumm wie naiv. Bereits nach unserer ersten Begegnung hatte ich mich wie ein Goldgräber gefühlt, der nach Jahren voller Entbehrungen und Rückschlägen auf eine meterdicke Ader gestoßen war.

Annes Herz zu erobern erwies sich als keine Herausforderung, fraß sie mir doch von Anfang an wie ein dahergelaufener Straßenköter aus der Hand. Jedes Glas Lügen, das ich ihr einschenkte, kippte sie gierig hinunter. Nie stellte sie etwas infrage. Ich war ihr Traumprinz. Die große Liebe ihres Lebens.

Alles hätte so einfach werden können, wäre da nicht ihr Vater gewesen … Joseph T. Franklin. Ein gewiefter Fuchs, der sich mit Immobiliengeschäften eine goldene Nase verdient hatte. Er traute niemandem über den Weg. Erst recht keinem mittellosen Medizinstudenten, der seiner einzigen Tochter den Hof machte. Egal, wie sehr ich mich auch anstrengte, dem Alten zu gefallen, ich blieb ihm ein Dorn im Auge. Es ging sogar so weit, dass er seinen Privatsekretär auf mich ansetzte, der nach schmutzigen Details in meiner Vergangenheit suchen sollte. Mein Glück war es, dass der Mann sich dabei recht ungeschickt anstellte. Der Narr lief mir geradewegs in die Arme. Natürlich ließ ich es mir nicht nehmen, ihn einer intensiven Befragung zu unterziehen. So erfuhr ich unter anderem, dass der von allen hoch geschätzte Joseph T. Franklin sich eine Geliebte hielt. Die er einmal die Woche, und zwar immer mittwochabends, aufsuchte.

Nachdem ich seinen Sekretär unauffällig hatte verschwinden lassen, suchte ich wenige Tage später das Haus der besagten Geliebten auf. Meine Freude war natürlich groß, als Franklin tatsächlich eintraf, und sie wuchs in nie gekannte Höhen, als ich ihm in das Innere des von außen nichtsagenden Gebäudes folgte. Der heruntergekommenen Gegend war es zu verdanken, dass ich mir um allzu neugierige Nachbarn keine Sorgen zu machen brauchte. Wahrscheinlich war dies einer der Gründe, aus denen Franklin hierherkam und nicht eines der bekannteren Bordelle in der Stadt aufsuchte. Nichts ließ sich schließlich schneller ruinieren, als der gute Ruf eines Mannes.

Ich machte mir nicht die Mühe, anzuklopfen, sondern trat direkt in das Schlafzimmer ein. Während ich die Frau sofort tötete, hatte ich mir für meinen zukünftigen Schwiegervater etwas Besonderes ausgedacht. Nachdem es mir gelungen war, ihn zu überwältigen, fesselte ich den Ohnmächtigen ans Bett, wartete, bis er wieder zu sich gekommen war, und begann eine tief gehende Unterredung, in der es zu großen Teilen um seine finanziellen Geheimnisse ging. Anders als sein Sekretär weigerte er sich zu Anfang jedoch massiv, mir etwas zu erzählen. Selbst das gezückte Skalpell schien ihn nur bedingt zu beeindrucken. Erst als ich ihm damit drohte, seiner geliebten Tochter etwas anzutun, lenkte er ein und erzählte mir, was ich wissen wollte: alle relevanten Informationen, um mir sein Vermögen anzueignen, ohne Gefahr laufen zu müssen, dass irgendjemand es mir wieder abspenstig machen könnte.

„Ich habe Sie falsch eingeschätzt“, sagte er mit hochrotem Gesicht. „Zuerst hielt ich sie nur für einen geldgierigen Bastard. Aber Sie sind noch viel weniger wert. Sie sind Abschaum, John.“

„Sie sollten ihrem zukünftigen Schwiegersohn etwas mehr Respekt entgegenbringen.“

„Anne wird sie niemals heiraten. Hören Sie? Niemals.“

„Aber sie wünscht es sich so sehr.“

Franklin wollte etwas erwidern, schien es sich in letzter Sekunde aber noch einmal zu überlegen. „Ich sage Ihnen etwas, mein Junge.“ Er schnaufte verächtlich, als würden ihm die nächsten Worte sichtlich schwerfallen. „Was halten Sie davon, wenn wir das, was heute vorgefallen ist, einfach vergessen. Ich zahle Ihnen eine großzügige Summe, und Sie fangen woanders ein neues Leben an.“

Ich zeigte mit dem Skalpell auf die aufgeschlitzte Frauenleiche, die zu meinen Füßen lag. „Sie wollen den Mord einfach vertuschen?“

„Ja.“

„Und was ist mit Ihrem Sekretär?“

„Was soll mit ihm …“ Franklin verstummte. Es war eine Wonne, zu erleben, wie ihm klar zu werden schien, was ich getan hatte. „Sie haben ihn getötet, nicht wahr?“, sagte er mit schwacher Stimme. „Großer Gott, der Mann hatte Familie.“

„Sie hätten ihn nicht auf mich ansetzen dürfen. Ich mag es nicht, wenn man in meiner Vergangenheit wühlt. Sie haben mich praktisch in die Ecke gedrängt und mir keine andere Wahl gelassen.“ Ich drückte ihm die Spitze des Skalpells sanft gegen den Kehlkopf. „Ich sage Ihnen jetzt, wie es ablaufen wird: Ich werde Ihre Tochter ehelichen und ein paar Jahre den gutherzigen Ehemann und vielleicht sogar Vater spielen. Alle Welt wird in mir nur den braven, zuvorkommenden Mr Mitchel sehen. Die perfekte Fassade, um unerkannt meiner heimlichen Leidenschaft nachzugehen.“ Während ich sprach, verstärkte ich den Druck des Skalpells leicht.

„Ich gebe Ihnen, was Sie wollen, John. Nur bitte halten Sie sich von meiner Tochter fern. Bitte.“

Ich brachte meine Lippen dicht an sein Ohr. „Genauso wenig, wie Sie einen ausgehungerten Wolf davon abhalten können, ein Schaf zu reißen, werden Sie mich von Anne fernhalten können, alter Mann. Und nun leben Sie wohl.“

Es war einiges an Fingerspitzengefühl notwendig, um die wahren Umstände von Joseph T. Franklins Tod weitgehend vor der Öffentlichkeit zu verschleiern. Natürlich wäre es einfacher gewesen, seinen Leichnam verschwinden zu lassen. Aber wenn jemand als verschollen galt, hatte man noch kein Anrecht auf sein Erbe. Es kostete mich ein kleines Vermögen, die richtigen Leute zu bestechen, aber am Ende zahlte sich alles aus. So starb Annes Vater laut Totenschein nicht an den Folgen der von mir herbeigeführten Wunden, sondern ganz klassisch an einem Herzinfarkt.

Drei Monate nach Joseph T. Franklins Beerdigung standen Anne und ich nun endlich vor dem Traualtar. Gaben uns das Jawort. Schworen einander zu lieben und zu ehren. „Bis dass der Tod uns scheidet.“

„Schon wieder!“ Catherine lag in ihrem Bett und blätterte in dem Drehbuch, das Sabrina ihr geschickt hatte. Die Geschichte um den Serienmörder John Mitchel war zwar sehr spannend geschrieben, allerdings fehlten immer wieder Szenen und gelegentlich sogar ganze Seiten, was den Lesespaß doch sehr einschränkte. Gerade erst war sie zu einer besonders Angst einflößenden Stelle vorgestoßen, nur um dann feststellen zu dürfen, dass Douglas sich wirklich ganz wunderbar darauf verstand, jemanden im Regen stehen zu lassen.

Wenn das alles der Geheimhaltung dienen sollte, dann verstand sie nicht, warum das ihr vorliegende Drehbuch nicht nur die Szenen mit Maggie Crane enthielt, sondern auch Szenen, die sich mit früheren Abschnitten aus Mitchels Leben befassten …

„Ich denke, das reicht für heute.“ Sie schlug das Drehbuch zu und wollte es auf ihr Nachttischchen legen, als Lady Gagas Singstimme sie darüber unterrichtete, dass jemand versuchte, sie auf dem Handy zu erreichen.

Als sie Logans Namen und Nummer auf dem Display las, zog sie automatisch die Stirn kraus. Es war fast elf Uhr abends. Zuerst hörte sie über zwei Wochen nichts von dem unfreundlichen Nachwuchsregisseur, und dann rief er sie wie aus heiterem Himmel zur unmöglichsten Zeit überhaupt an?

„Das hat ja gedauert“, sagte Logan direkt nachdem sie das Gespräch angenommen hatte.

„Ihnen auch einen schönen Abend“, sagte sie verstimmt.

„Es wäre mir recht, wenn du auf allzu formelle Höflichkeitsfloskeln verzichten könntest.“

„Sicher?“

„Auf jeden Fall. Sonst komme ich mir noch vor wie ein alter Mann.“

„Ist mir auch lieber.“ Es fiel ihr schwer, nicht nachzuhaken, wie alt er denn nun tatsächlich war, aber Professionalität ging nun mal vor Neugierde. „Was kann ich für dich tun?“

„Zum einen wollte ich mit dir noch einmal die Rolle durchgehen.“

Catherines Blick schweifte zu dem altmodischen Ziffernblatt ihres Garfieldweckers. „Und zum anderen?“

„Nun …“ Logan schien hörbar durch die Nase zu atmen. „Ich wollte mich bei dir entschuldigen. Ich war bei dem Casting ein ziemlicher Arsch und dir gegenüber einfach nicht fair. – Bist du noch dran?“

„Äh, ja.“ Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass nach wie vor Logans Name auf dem Display angezeigt wurde, sagte sie: „Das kommt jetzt sehr überraschend. Ist aber auch sehr nett von dir.“ Im Hinblick auf die zwei Wochen, die zwischen diesem Telefonat und dem Casting lagen, schien es Logan nicht gerade leichtzufallen, einen Fehler zuzugeben. Sie wusste aus eigener Erfahrung, wie schwer einem so etwas fallen konnte und freute sich insgeheim mehr über diese Entschuldigung, als ihre Antwort darauf es vermuten ließ.

„Also akzeptierst du meine Entschuldigung?“

„Klar. So nachtragend bin ich nicht.“

„Dann steht unserer Zusammenarbeit ja nichts mehr im Weg“, sagte er, und Catherine glaubte deutlich die Erleichterung aus seiner Stimme herauszuhören. „Wegen deiner Rolle: Hast du dir die Passagen mit Maggie Crane mittlerweile durchgelesen?“

„So etwa eine Million Mal. Es ist nur schade, dass so viele Seiten fehlen.“

„Douglas ist etwas eigen, wenn es darum geht, seine Ideen zu schützen. Er geht sogar so weit, dass niemand weiß, was genau am Ende des Films eigentlich passieren wird.“

„Selbst du nicht?“

„Kaum zu glauben, oder? Wenn sein letzter Film nicht so ein Erfolg gewesen wäre, hätte ich mich niemals darauf eingelassen, aber für die Karriere ist man gerne bereit, ein paar Opfer zu bringen.“

„Gut geschrieben ist das, was ich lesen durfte, auf jeden Fall. Außerdem ist Maggie mir sympathisch. Ich kann mich gut in sie hineinversetzen.“

„Wegen ihres geheimen Wunschs, nehme ich an?“

„Unter anderem.“ Sie grinste.

„Und wie kommst du mit den Dialogen zurecht?“

„Die Ausdrucksweise der damaligen Zeit war zu Anfang zwar ein wenig gewöhnungsbedürftig, aber mittlerweile klappt es ganz gut.“

„Der Text muss wirklich sitzen. Das ist eine der wichtigsten Voraus­setzungen überhaupt.“

„Neben Pünktlichkeit.“

Er lachte. „So ist es. Stell dir den auswendig gelernten Text am besten als eine Art Fundament vor. Ist der Zement erst mal getrocknet, kannst du dich daranmachen und dem Charakter der Maggie Crane mehr und mehr Leben einhauchen. Als würdest du einen Stein auf den anderen setzen. Bis das Gebäude steht.“

„Ich denke, das kriege ich hin.“

„Das denke ich auch. Und wo wir gerade bei Gebäuden sind. Die Räumlichkeiten, in denen wir drehen werden, sind so weit hergerichtet. Es war eine Menge Arbeit, aber es hat sich gelohnt.“

„Ich dachte, wir drehen in diesem Hotel …“ Catherine hatte im Internet ein wenig über den Drehort recherchiert, und ihr lief jetzt noch eine Gänsehaut über den Rücken, wenn sie an die vielen Artikel ...

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