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MYSTERY GRUSELBOX BAND 39

PATRICIA BOW

Im Garten des Henkers

Schon am ersten Tag auf der Schulinsel entdeckt Nora einen geheimen Garten, der sie fasziniert. Wild und verwuchert liegt er hinter hohen Mauern verborgen. Von ihrem Mitschüler Jack erfährt sie, dass hier früher ein Gefängnis war. Es ist der Garten des grausamen Henkers – in dem etwas lauert, das drei Schüler in den Tod getrieben hat …

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Ferien bei Oma

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Im Garten des Henkers

1. KAPITEL

„Dauert noch ’ne Viertelstunde, bis er abgekühlt ist.“ Nora sah durch die Dampfwolken, die vom Kühler aufstiegen, wie der Taxifahrer mit den Schultern zuckte. „Du kannst warten oder zu Fuß gehen.“

„Ist es weit?“ Nora blickte nach Holdfast Island jenseits der Brücke hinüber. Grün schimmernd lag die Insel auf der anderen Seite des glitzernden Wassers, und dahinter erstreckte sich tiefblau Georgian Bay bis zum Horizont.

Plötzlich war es Nora völlig egal, wie weit es noch bis zur Loftus-Schule war. Alles war besser, als hier in der brütenden Nachmittagssonne herumzustehen.

„Über die Brücke, dann nach rechts, ungefähr ’ne Viertelmeile. Kannst es gar nicht verfehlen.“ Er lehnte sich gegen den heißen Kotflügel und zog sich den Schirm seiner Baseballmütze tiefer über die Augen.

Nora ging über die Brücke. In der Mitte blieb sie stehen, beugte sich über das hölzerne Geländer und schaute auf das gischtende Wasser hinunter. Am anderen Ende bog sie nach rechts auf einen Schotterweg ein. Nach wenigen Schritten fand sie sich im kühlen Wald wieder. Sie holte tief und erleichtert Luft und marschierte weiter.

Nach fünfzehn Minuten hatte sich der Weg zu einem Trampelpfad verengt. Von der Schule war weit und breit nichts zu sehen. Um sie herum gab es nichts als dicke, dunkle Tannen und Ahornbäume, hier und da durchsetzt von kalkig weißen Birken. Ein Blauhäher kreuzte den Weg; sein rauer Schrei zerriss die Stille.

Nora stöhnte. Der Taxifahrer konnte offenbar links und rechts nicht unterscheiden. Am besten ging sie zurück.

Doch dann sah sie aus den Augenwinkeln rechts zwischen den Tannen eine Mauerecke, und sie lachte erleichtert auf. Sie würde den Weg zur Schule einfach durch den Wald abkürzen. Sie kämpfte sich durchs Unterholz und fand sich nach kurzer Zeit mit zerkratzten Armen und Beinen vor einer Mauer wieder, zwei Schritte vom Tor entfernt.

Das bogenförmige Tor war hoch und bestand aus verwitterten grauen Holzplanken. Die schwarze eiserne Klinke ließ sich schwer betätigen, gab jedoch nach, als Nora sich mit ihrem ganzen Gewicht gegen das Tor lehnte. Ächzend öffnete sich das Tor und schloss sich hinter ihr mit lautem Krächzen.

Merkwürdig. Statt der erwarteten gepflegten Rasenflächen sah sie einen von Gestrüpp überwucherten Hof vor sich. Ahornbüsche und wilder Wein kämpften direkt beim Tor um ein wenig Licht.

Aber da war doch jemand, gleich hinter den Büschen. Unmöglich zu erkennen, wer es war: Er war nur ein großer schwarzer Umriss vor sonnendurchglühtem Grün, durch die Lücken im Blattwerk nur unvollständig zu sehen. Er schritt auf und ab und schlug das hohe Gras mit einem Stock. Seine rastlose Wanderung und das zischende Geräusch ließen vermuten, dass er schon sehr lange hier wartete. Vielleicht auf sie?

„Hallo! Hier bin ich!“

Keine Antwort, aber das zischende Geräusch hörte auf. Kein Laut durchbrach die warme Luft.

„Ich bin’s, Nora Brook!“

Immer noch keine Antwort. Er ist sauer, weil er warten musste, dachte sie. Als sie schließlich ins Freie trat, war niemand mehr da.

Im nächsten Augenblick hatte Nora den ungeduldigen Menschen mit dem Stock vergessen. Sie riss die Augen auf. Das war doch ganz bestimmt nicht die Schule. Wo, um alles in der Welt, war sie?

Sie drehte sich langsam um sich selbst. Erstaunlich, dass sie dieses Gebäude rein zufällig entdeckt hatte, einfach nur, weil sie auf dem Waldweg falsch abgebogen war. Es war ein geheimnisvoller, mystischer Ort. Ein ummauerter Garten mitten im dunklen Wald.

Innerhalb der Mauern wuchsen unter Ahornschösslingen hüfthohes Gras, riesige Farne, Schwarzäugige Susannen, Gänseblümchen und Butterblumen wild durcheinander. Das üppige Grünzeug atmete feuchte Hitze in die schwüle Luft.

Und überall zwischen den Farnen und Schösslingen krochen zähe Ranken mit ovalen, glänzend grünen Blättern und winzigen blauen Blüten. Es war ein wunderschönes klares Blau wie das der Augen eines kleinen Kindes. Auch an den Mauern wucherten diese Ranken, so dicht, dass die Steine stellenweise nicht zu sehen waren.

Es war wie ein Bild aus einem Märchenbuch. Nora lächelte. Hier fehlte nur noch der verwunschene Prinz.

Sie kniete sich hin, um an den kleinen blauen Blüten zu schnuppern, und berührte eine mit der Fingerspitze. Der Geruch erinnerte merkwürdig an Medizin. Sie rieb sich die Nase und nieste. Besser nicht anfassen; die Pflanze könnte giftig sein.

Voller Unbehagen drehte sie sich um. Irgendetwas war faul an diesem duftenden, sonnigen Ort. Die steinerne Mauer war gut drei Meter hoch. Welcher vernünftige Mensch baute eine drei Meter hohe Mauer um einen Garten? Außer zur Mittagszeit hatte er ja nie genug Sonne.

An drei Seiten umgaben mächtige Tannen wie eine zweite Mauer den Ort. An der vierten Seite erhob sich wie ein Felsen ein schlichtes aus Stein gemauertes Bauwerk ohne Fenster, abgesehen von ein paar winzig kleinen im dritten Stock, direkt unter dem Dach.

Seltsam. Nora stand langsam auf. Sie hätte schwören können, dass sie jemand von hinten anstarrte. Sie warf einen raschen Blick über die Schulter. Natürlich nichts, niemand.

Lediglich, nur für einen Augenblick, Tausende von Augen, die sie aus dem Schatten am Fuß der Mauer beobachteten. Als sie sich danach umsah, waren da nur die himmelblauen Blüten.

Trotzdem war sie sich völlig sicher. Außer ihr war noch jemand im Garten und beobachtete sie.

„Ich sollte wohl langsam aufhören zu trödeln und zusehen, dass ich die Schule finde“, sagte sie laut, damit derjenige, der sie womöglich belauerte, es auch hörte. „Sicher suchen sie mich schon.“ Steif, bemüht, nicht zu schnell zu gehen, drehte sie sich um und stapfte zum Tor.

Aber da war kein Tor. Da war nichts als Mauer.

Sie musste wohl die Orientierung verloren haben. Machte nichts. Sie brauchte ja nur immer an der Mauer entlangzugehen.

Nora kehrte den lauernden Schatten den Rücken zu und kämpfte sich durch das hohe Gras und die Ranken, ohne jemals die Mauer aus den Augen zu lassen. Weit und breit kein Tor.

Sie kam nicht auf die Idee, um Hilfe zu rufen. Abgesehen von dem Beobachter im Verborgenen hielt sich bestimmt keine Menschenseele in diesem …

Von der anderen Seite der Mauer her, etwa einen Meter entfernt von ihr, ertönte ein schabendes Geräusch. Nora fuhr herum und wich vorsichtig zurück. Eine Hand tauchte oben auf der Mauer auf, umklammerte die Steine, dann folgten ein braun gebrannter, zerkratzter Arm, ein zerzauster Kopf, ein zweiter Arm und schließlich ein schlaksiger Körper.

„Ah, hier bist du also!“ Er kam oben auf der Mauer auf die Füße und blickte auf Nora herab, ein braunhaariger, langbeiniger Typ in Kakishorts und einem regenbogenfarbenen T-Shirt.

„Du warst das also, der mich die ganze Zeit beobachtet hat!“

„Beobachtet hat? Ich bin gerade erst angekommen. Nora Brook, richtig?“

Sie wollte schon fragen, woher er das wusste, doch dann fiel es ihr ein. „Suchen sie mich schon?“

„Wieso schon? Wir warten seit mindestens einer Stunde auf dich!“

„Aber ich bin doch eben erst …“ Wann war sie angekommen? Es kam ihr vor, als wäre erst eine Viertelstunde vergangen, aber sie hatte kein sehr gutes Zeitgefühl.

„Vor einer Stunde“, fuhr der Junge fort, „ist der Taxifahrer mit deinen Koffern vor der Schule aufgekreuzt. Er sagte, er hätte direkt an der Brücke eine Panne gehabt und du wärst schon vorausgegangen.“

Fragend zog er die Augenbrauen hoch. Sie bildeten spitze Winkel über seinen klugen braunen Augen, was seinem Gesicht einen belustigten, schelmischen Ausdruck verlieh.

„Er hat gesagt, hinter der Brücke müsste ich rechts abbiegen.“ Nora lächelte und fühlte sich plötzlich ganz unbefangen. „Kein Mensch würde es für möglich halten, dass sich jemand auf dieser kleinen Insel verirren kann, wie?“

Der Junge grinste auf sie herab. „Links, hätte er sagen müssen. Von der Brücke aus ist es nur noch eine Viertelmeile bis zur Schule, direkt am Südstrand. Als du nicht gekommen bist, haben die Loftus’ alle losgeschickt, die Insel absuchen.“

„Wieso bist du ausgerechnet hierhergekommen?“

„Ich … na ja, eigentlich habe ich gar nicht nach dir gesucht. Ich habe einfach die Gelegenheit wahrgenommen, um mich ein bisschen umzuschauen.“ Er wirkte etwas schuldbewusst, zuckte übertrieben mit den Schultern und hätte dabei beinahe das Gleichgewicht verloren. Nach einigem Vor- und Zurückschwanken und Armerudern fing er sich wieder, und inzwischen lachte Nora schallend. Was er wohl auch mit seiner Show bezweckt hatte.

„Ich kann mir schon denken, warum du den Sommer hier verbringen musst, um dich in Mathe und Naturwissenschaften fit machen zu lassen“, bemerkte sie. „Du bist wohl der Klassenclown?“

Unter seiner Sonnenbräune wurde er rot; er hörte auf mit seiner Zappelei, setzte sich und ließ die Beine baumeln. „Kriegst du meinen Fuß zu fassen?“

Verdutzt blickte sie zu ihm hinauf. „Hilf mir lieber, das Tor zu finden, dann komm ich schon raus hier.“

„Das Tor? Es gibt kein Tor. Jedenfalls keines, durch das du rauskommen würdest.“

Nora holte tief Luft. Es schien immer schwüler zu werden. Die Sonne stand hoch am Himmel, es war sengend heiß. „Natürlich gibt’s ein Tor.“

„Nein. Es sei denn, du meinst die Stahltür drüben, die in das Gebäude hineinführt.“ Er wies mit einer Kopfbewegung in die entsprechende Richtung. „Die ist von innen zugenagelt. Ich weiß es genau, denn ich hab’s ausprobiert. Man kommt hier nur rein, wie ich es gemacht habe, nämlich, indem man auf einen Baum klettert.“

Nora schaute in die Richtung, in die er zeigte. Jetzt sah sie es auch, eine verrostete Metallplatte in der Mauer der Ruine, nahezu völlig von Ranken überwuchert. Es war auf keinen Fall das Tor, durch das sie hereingekommen war. Sie schüttelte den Kopf. „Dann bist du wohl noch nie ganz um die Mauer herumgegangen. Meine Tür war hier in dieser Mauer.“

„Nein. Da gibt’s keine.“

„Aber wie bin ich dann reingekommen?“

„Über einen Baum, wie ich. Dann bist du von der Mauer gefallen und kannst jetzt nicht wieder raus. Hast du dir den Kopf gestoßen? Kannst du dich deswegen nicht erinnern?“

„Ich bin nicht gefallen.“ Ihre Stimme wurde ganz ausdruckslos. „Ich bin durch ein Tor hereingekommen.“

„Nora, ich kenne mich hier aus wie in meiner Westentasche. Da ist kein Tor, hörst du, kein einziges Tor in dieser Mauer. Was auch einen Sinn ergibt, wenn du’s dir richtig überlegst.“

„Nichts ergibt einen Sinn.“ Sie schob sich das verschwitzte Haar aus der Stirn.

„Doch, natürlich. Schließlich ist das hier ein Gefängnishof.“ Er schlug mit den Fersen fröhlich gegen die Mauer.

„Gefängnis?“ Sie betrachtete das üppige Gras, die blauäugigen Blumen und Butterblumen. „Aber es ist doch ein Garten!“

„Es ist ein Gefängnishof. Das Gebäude dort ist der Knast. Er ist vor vierzig Jahren geschlossen worden. Hey, fehlt dir was? Du siehst auf einmal so …“

„Mir fehlt nichts. Hilf mir hier raus.“ Sie brauchte keine Fragen mehr zu stellen. Alles ergab nun einen düsteren Sinn. Die drei Meter hohe Mauer, das Gebäude ohne Fenster, bis auf die kleinen Luken direkt unter dem Dach. Sogar die Abgeschiedenheit.

„Im Grunde ist es ein höchst interessanter Ort“, fuhr der Junge fort, legte sich flach auf die Mauer und streckte die Hand aus. „Hier, fass an. Ja, so! Und rauf mit dir. Es hat eine tolle Geschichte. Es ist der letzte Knast in Ontario, wo jemand gehängt wurde.“

Nora stemmte sich gegen die Mauer, hielt das Handgelenk des Jungen fest umklammert und suchte mit den Füßen Halt an den rauen Steinen. Ihre Kehle war plötzlich wie zugeschnürt. Einen Augenblick lang hing sie frei schwebend in der Luft, rang nach Luft, dann sah sie Sterne vor ihren Augen tanzen und stürzte in die Tiefe.

Sie lag auf einer Wiese im Gras, in Sonnenschein gebadet. Ein bitterer Geruch stach in ihrer Nase. Zu schläfrig, um aufzustehen, lag sie da und blickte in den Himmel.

Dann flatterte etwas herab und berührte ihre Wange. Sie sah es nur aus den Augenwinkeln: etwas winziges Rundes von himmelblauer Farbe. Ein Blütenblatt von diesen blauäugigen Blumen. Ein weiteres Blatt schwebte herab, noch eines, und schließlich war die Luft erfüllt von ihnen. Es ist, als würde der Himmel herunterfallen, dachte Nora benommen.

Schon lag sie unter einer weichen blauen Decke. Die Blütenblätter wehten über ihr Gesicht, legten sich auf ihr Kinn. Sie wollte die Hand heben, um sie fortzuwischen, konnte den Arm jedoch nicht bewegen. Jetzt kamen die Blättchen wie ein Schneegestöber, solche Mengen, dass sie das Gewicht auf ihrem Körper spürte. Sie legten sich auf ihre Augenlider. Sie machte den Mund auf, um Hilfe zu rufen, und verschluckte sich an Blütenblättern.

Sie ertrank in einer Flut von Blumen.

Voller Angst, dass sie sich verletzt haben könnte, sprang Jack von der Mauer. Sie lag in einem Dickicht von blau blühenden Ranken, schnappte nach Luft, und ihr Gesicht wirkte klein und blass unter dem zerrupften dunklen Haar. Als er sich neben sie kniete, schlug sie die Augen auf und blickte, immer noch keuchend, zu ihm auf. Ihre Augen waren grünlich braun, groß und klar unter dunklen Brauen.

„Was ist passiert? Wieso bist du ohnmächtig geworden?“

„Ich … Zu viel Sonne, fürchte ich. Ich hätte nie gedacht, dass es hier in Georgian Bay so heiß werden kann.“

„Na ja, schließlich haben wir Juli. Wie kommt’s, dass du so weiß bist? Du siehst aus, als würdest du in einem Keller leben.“

Sie rappelte sich auf. „Ich will nur raus hier!“

„Moment mal …“

Sie beachtete ihn nicht und musterte die Mauer.

„Du brauchst meine Hilfe, um rüberzukommen“, sagte er sanft.

Nora betrachtete ihn von Kopf bis Fuß. „Stimmt, du gibst eine prima Leiter ab.“ Ein Lächeln ließ ihre Augen aufblitzen. „Und, hm, mit wem habe ich die …?“

„Jack McKie, zu deinen Diensten“, sagte er und verbeugte sich übertrieben vor ihr.

Er freute sich, ihr ein Lächeln entlockt zu haben. Als er sie zum ersten Mal lachen sah, war es wie Sonnenschein nach langen Regentagen. Er beschloss, sie noch möglichst oft zum Lachen zu bringen.

Nora war froh, dass sie nicht den ganzen Weg bis zur Brücke zurücklaufen mussten, um die richtige Abzweigung zur Schule zu finden. Etwa auf halber Strecke des Trampelpfads zweigte ein schmaler Weg in südliche Richtung in die Wälder ab. Ein Wildwechsel, wie Jack erklärte.

Fünf Minuten lang gingen sie unter dem dämmerig grünen Laubdach im Gänsemarsch in Richtung Süden. Einmal beschrieb der Weg einen weiten Bogen und folgte dem Ufer eines Baches, das von einem felsigen Hügel rechts von ihnen herabgurgelte.

„Ein Bach – auf dieser Insel?“ Nora blieb stehen und blickte ins Wasser. „Wo kommt der her?“

„Da oben ist die Quelle.“ Jack deutete auf die Hügelkuppe.

Sie kniete sich ans Ufer, tauchte die Hand ins Wasser, schnappte nach Luft und schüttelte ihre Finger. „Das ist ja eiskalt!“

„Ja, aber es schmeckt super! Ich wette, es kommt aus großer Höhe.“

Nach weiteren fünf Minuten standen sie auf einem felsigen Hügel, an dessen Fuß das Gelände der Loftus-Schule lag. Alte Eisenbahnschwellen waren an einer Stelle als Treppe in den Abhang eingelassen.

Als Nora Jack den Hügel hinunterfolgte, sah sie einen in Rechtecke unterteilten Garten, einen von Maschenzaun umgebenen Tennisplatz und ein kleines Gewächshaus vor einem alten, massiven Haus aus roten Klinkersteinen. Dahinter führte eine Wiese mit kniehohem Gras hinunter zum Sandstrand. Ein Anleger ragte in das klare blaue Wasser, und am Ende war ein kleines Boot vertäut.

Nora straffte die Schultern und setzte ein Lächeln auf, als vom Gewächshaus her Leute auf sie zugelaufen kamen.

„Das sind die Loftus’, wir nennen sie Dr. Beth und Dr. Cuthbert“, sagte Jack. „Du wirst sie mögen.“

Beth Loftus war eine schlanke, freundliche Frau von ungefähr fünfzig Jahren, mit aufgestecktem braunem Haar. Cuthbert wirkte füllig und leicht schlampig und strahlte Nora durch starke Brillengläser an. Sobald sie sich vergewissert hatten, dass ihr nichts fehlte, lachten sie fröhlich und schickten sie zum Haus.

„Jack bringt dich zu Skye Welland, deiner Zimmergenossin“, erklärte Beth aufgeräumt. „Um sechs gibt’s Abendbrot. Und morgen geht’s ans Lernen!“

Jack führte sie seitlich am Haus entlang zum Haupteingang und öffnete schwungvoll die Tür. Nora trat ein und schaute sich staunend um. „Das ist ja wie ein Herrenhaus!“

„Es ist ja auch eines. In diesem Haus hat der Gefängnisdirektor mit seiner Familie gewohnt.“

Nora überlief ein Schauder bei dem Gedanken. Neugierig sah sie sich um. Die Eingangshalle war kühl und luftig, mit weißen Wänden und einem glänzenden, schwarz-weiß gewürfelten Fußboden. In einer Ecke schwang sich anmutig eine Treppe mit weißem Geländer nach oben.

Und sie hatte gedacht, diese abweisende graue Mauer mit dem krächzenden Tor gehörte zu der Schule!

Das Tor. Sie hatte immer noch den Geruch der trockenen Holzplanken in der Nase und erinnerte sich an die raue Eisenklinke. Es erschien ihr so echt! Und doch sollte es gar nicht da gewesen sein. Und die Gestalt mit dem Stock, die sich augenscheinlich in Luft aufgelöst hatte. Und dann das Gefühl, in Blumen zu ertrinken …

„Nora?“ Jemand berührte sie am Arm. „Ist alles in Ordnung?“

„Ja, ja, alles klar.“

Es waren nichts als Träume, Halluzinationen, wie kranke Menschen sie manchmal haben. Nora schüttelte den Kopf. Ich bin nicht mehr krank. Ich werde einfach mit niemandem darüber reden.

2. KAPITEL

„Und das hier ist Skye“, verkündete Jack, als ein großes Mädchen die Treppe hinunterkam. „Wetten, in Wirklichkeit heißt sie Susan?“

Skye raffte ihr langes Flatterkleid, warf ihr silberblondes Haar zurück und lächelte zuckersüß. Dann stieß sie Jack mit dem Ellbogen zur Seite. Indem sie Noras Arm nahm, stieg sie die Treppe wieder hinauf. „Komm, deine Koffer sind schon in deinem Zimmer. Hier wird es dir gefallen, Nora. Es ist so ein spirituelles Erlebnis, inmitten von Wasser zu leben.“

Im zweiten Stock erwartete sie ein großzügiger Flur mit blassblauer Tapete, drei weiß gestrichenen Türen an jeder Seite und einer Glastür am Ende.

„Da geht es in den neuen Flügel mit den Klassen- und Laborräumen.“ Skye zeigte auf die Tür. „Die Waschräume sind am anderen Ende, und das hier ist unser Zimmer.“ Sie ließ Nora eintreten und schlug Jack die Tür vor der Nase zu.

Nora schaute sich begeistert um. Auch dieses Zimmer war, wie die Eingangshalle und der Flur, hell und luftig. Sie trat ans Fenster und schaute nach draußen in Richtung Norden über die Insel hinweg. Sie war von Wald bedeckt, dicht wie der Pelz eines Tieres. Von der Gefängnisruine war nichts zu sehen.

Skye setzte sich im Schneidersitz auf eines der beiden Betten und zupfte anmutig ihren weiten Rock zurecht. „Jack ist im Grunde ziemlich intelligent, weißt du. Wenn er die Zeit, in der er anderen zur Last fällt, zum Arbeiten nutzen würde, wäre er längst ein ganzes Jahr weiter.“

„Sind wir die einzigen Schüler hier?“ Nora ging zu ihrem Bett und öffnete den Koffer.

„Nein, insgesamt sind wir zwölf. „Du, ich und Jack“, zählte sie an den Fingern ab, „mein Bruder Bruce – er ist hier, weil meine Eltern wild entschlossen sind, dass er die Schule zu Ende bringen muss, obwohl er sich einzig und allein für Fußball interessiert –, zwei jüngere Kids und sechs aus der Abschlussklasse. Die Älteren sind öde. Sie sind hier, um bessere Noten herauszuschinden, damit sie die Zulassung zu einer guten Universität kriegen, und ob du’s glaubst oder nicht, sie sitzen jetzt schon über ihren Büchern!“

Nora hängte zwei Baumwollkleider in den Schrank und stopfte Stapel von T-Shirts, Pullovern, Jeans und Shorts in die weiße Kommode neben ihrem Bett. „Und was ist mit dir, Skye? Warum bist du hier?“

„Na ja … ich hatte halt andere Interessen. In der Schule lernt man nun wirklich nicht alles.“

„Was für andere Interessen?“

„So was wie das hier.“ Skye ließ sich vom Bett gleiten und öffnete ein emailliertes Kästchen auf ihrem Frisiertisch. Sie nahm ein glitzerndes Pendel an einem silbernen Kettchen heraus. „Das ist Rosenquarz – ein Stein mit Heilkräften. Ich könnte damit deine Aura abtasten, wenn du willst. Du siehst ein bisschen kränklich aus.“

Nora zögerte, setzte sich dann aber wieder aufs Bett. „Bitte sehr.“ Wenn sie in den nächsten sechs Wochen mit Skye auskommen wollte, sollte sie sich am besten ein wenig entgegenkommend zeigen.

Skye schloss die Augen und ließ das Pendel langsam über Noras Kopf hin und her schwingen. „Hm … ja, du bist krank gewesen, das spürt doch jeder“, sagte sie nach einer Weile. „Mal sehen … Meningitis, stimmt’s?“

„Voll daneben. Blinddarmentzündung, Lungenentzündung und Bronchitis. Jetzt bin ich wieder gesund, aber das Schuljahr habe ich in den Sand gesetzt. In Mathe und Naturwissenschaften bin ich einfach nicht mehr mitgekommen.“ Nora entspannte sich mehr und mehr. Im ersten Augenblick hatte sie gedacht, Skye wäre tatsächlich ein Medium. Jetzt wusste sie nicht, ob sie enttäuscht oder erleichtert sein sollte.

Fünf Minuten später gingen sie nach unten. Als Nora aus der Eingangstür trat, stieß sie um ein Haar mit einer Frau zusammen, die mit einem Sack voll Rindenmulch auf der Schulter an ihr vorbeidrängte. Die Frau trug ein verwaschenes grünes Hemd und ebensolche Hosen und hatte muskulöse Arme und eine Haarfrisur, die aussah wie ein Stahlhelm. Sie musterte Nora kurz und ging dann weiter zu den Beeten hinter dem Haus.

„Das war Hedda Shade“, flüsterte Skye, sobald sie außer Hörweite waren. „Sie versorgt den Garten und das Gewächshaus. Jack sagt, sie ist mit den Leuten verwandt, die früher hier gewohnt haben.“

Nora schauderte. Dieser verbitterte Gesichtsausdruck …

„Stimmt, Hedda Shade ist die Tochter von Edwin Garvey, dem letzten Gefängnisdirektor.“ Jack holte sorgfältig seitlich aus und ließ einen flachen Stein über die Wasseroberfläche hüpfen. Das Abendessen war vorüber, und die Schüler hatten zwei Stunden Freizeit, um sich mit der Umgebung vertraut zu machen.

Sie waren an der Küste entlang nach Norden gegangen, wo die Hügel in von Wald gekrönte Felsen übergingen. Von oben konnte man durch das Blattwerk hindurch Stücke der Gefängnismauer sehen.

Außerdem reichte der Blick, an einem goldenen Pfad entlang, den die untergehende Sonne aufs Wasser malte, über ganz Georgian Bay hinweg bis zum endlosen Horizont. Das nächste Land in westlicher Richtung, Manitoulin Island, war über hundert Kilometer entfernt und nicht zu sehen.

„Wieso bist du so sicher?“ Bruce warf seinen Stein und sah ihm nach, als er vier Mal hüpfte. Er war groß wie seine Schwester, aber doppelt so breit, und sein blondes Haar war kurz geschoren. Sein Gesicht wirkte ständig irgendwie gelangweilt.

„Ich hab’s von einem der älteren Schüler gehört, der letztes Jahr auch hier war. Hedda hat bis zu ihrem zehnten Lebensjahr hier gewohnt. Kannst du dir vorstellen, nach vierzig Jahren in das Haus zurückzukommen, in dem du deine Kindheit verbracht hast, nur um zu erfahren, dass du höchstens bleiben kannst, wenn du als Gärtnerin dort arbeitest?“

„Offenbar macht es sie nicht sehr glücklich“, warf Skye von ihrem Platz am Hügel her ein. Sie hatte ihr Kleid gegen Jeans und T-Shirt eingetauscht.

„Ich an ihrer Stelle wäre nicht zurückgekommen.“ Nora kniete am Wasser und sah den heranrollenden Wellen zu.

Jack warf noch einen Stein, aber der ging sofort unter. „Ich auch nicht, zumal ihr Vater sich in dem Haus die Kugel gegeben hat.“

Nora riss die Augen auf. „Woher weißt du das?“

Nachdem er nun endlich ihre Aufmerksamkeit geweckt hatte, schied er aus dem Steinwurf-Wettbewerb aus und setzte sich auf einen Felsbrocken zu Nora. „Ich habe mich über diese Insel informiert, bevor ich hergekommen bin. Nachdem das Gefängnis vor vierzig Jahren geschlossen wurde, gab es Ermittlungen. Es war wohl zu schlimmen Vorfällen gekommen, und die Garveys haben offenbar nichts dagegen unternommen.“

„Schlimme Vorfälle?“ Nora blinzelte in die halb versunkene Sonne. Dann schüttelte sie den Kopf. „Nein, erzähl’s mir nicht.“

„Das ist bestimmt besser so. Wie auch immer, Garvey ging’s an den Kragen, vielleicht wäre er sogar vor Gericht gestellt worden. Deswegen hat er wohl lieber Selbstmord begangen.“

„Oder aber“, warf Skye ein, „er hatte keine andere Wahl. Es ist sonnenklar, dass diese Insel voller schlechter Schwingungen ist.“

Jack stöhnte. Bruce stieß ein Heulen aus.

„Aber es stimmt!“ Skye lief zum Strand hinunter. „Er war nicht der Einzige, der hier gestorben ist.“

„Klar, es gab ja auch Hinrichtungen“, setzte Jack an.

„Ich rede nicht von den Gefangenen! Ich denke an Kids wie uns. Sag bloß, du hast noch nichts davon gehört?“ Sie lächelte überlegen. „Dann weißt du wohl doch nicht alles, Jack.“

„Wen meinst du mit Kids wie uns?“, fragte Nora. „Was ist passiert?“

„Das war vor zehn Jahren.“ Skye lehnte sich malerisch entspannt an einen Felsbrocken. „Im Jahr, nachdem die Schule eröffnet worden war. Es ging anscheinend um eine Dreiecksbeziehung. Alle drei sind umgekommen, alle am selben Tag.“

„Wie?“ Jack ärgerte sich über sich selbst, weil ihm diese Information entgangen war.

„Ein Junge hat sich aufgehängt, da oben in der Gefängnisruine. Der andere Junge ist ertrunken – ist einfach in die Bucht hinausgewatet und wollte zum Horizont schwimmen. Seine Leiche wurde nie gefunden.“

Alle blickten auf die unendliche Wasserfläche hinaus. Jack schauderte. „Warum tut jemand so etwas?“

„Aber wenn die Leiche nie gefunden wurde“, wandte Nora ein, „woher weiß man dann, dass er ertrunken ist? Vielleicht ist er nur ausgerissen.“

„Seine Schuhe und seine Kleidung wurden am Strand gefunden. Genau hier, wo wir jetzt stehen.“ Skye deutete auf den Boden. Nora trat rasch einen Schritt zurück.

„Und das Mädchen?“, fragte Bruce plötzlich.

„Ist auch gestorben.“

„Aber wieso?“, wollte Jack wissen. „War es ein dreifacher Selbstmord?“

„Weiß ich noch nicht. Die Küchenhilfe hatte keine Zeit, mir noch mehr zu erzählen.“

Der letzte leuchtende Streifen Sonne sank hinter den Horizont und hinterließ ein goldenes Glühen. Eine ganze Weile sprach niemand ein Wort.

„Also“, fuhr Skye dann nüchtern fort, „liegt offenbar ein Fluch über der Insel. Übrigens sollten wir zurückgehen, solange wir noch den Boden unter unseren Füßen sehen können.“

Jack blickte zum Hügel hinauf. „Lasst uns doch eine Abkürzung nehmen, statt den ganzen Weg am Strand entlangzulaufen. Wenn wir querfeldein gehen, brauchen wir nur halb so lange.“

„Gute Idee“, stimmte Bruce zu und machte sich an den Aufstieg. Skye wollte protestieren, zuckte aber nur die Schultern und folgte ihm. Auf halbem Weg den Hügel hinauf drehte Jack sich um und reichte Nora die Hand, um ihr über eine steile Stelle mit gefährlich lockeren Steinen hinwegzuhelfen. Sie bedachte ihn mit einem empörten Blick und hüpfte cool an ihm vorbei.

„Ich fürchte, ich habe die völlig falsche Erziehung genossen“, sagte er traurig und hörte sie daraufhin lachen.

Oben angekommen, sahen sie die Sonne ein zweites Mal untergehen. Hinter ihnen leuchtete die Gefängnismauer golden im Abendlicht. Sie wirkte nahezu einladend.

„Seht mal, da ist das Gefängnis“, sagte Jack. „Wollen wir uns dort ein bisschen umsehen?“

„Du bist ja verrückt“, antwortete Skye. „Um diese Uhrzeit?“

„Es ist doch noch hell. Also bleiben uns mindestens zwanzig Minuten. Außerdem habe ich eines von diesen tollen Taschenmessern, die einen ganzen Werkzeugkasten ersetzen, einschließlich einer kleinen Taschenlampe.“

Ein Ausdruck von Angst huschte über Noras Gesicht, verschwand aber gleich wieder. „Warum nicht? Es besteht schließlich nur aus Stein und Mörtel, oder?“

Der Eingang zum Gefängnis war vernagelt und halb verborgen hinter den blau blühenden Ranken. Eine andere Tür gab es nicht, und Fenster waren auch keine da.

„Das Betreten ist ganz bestimmt verboten“, bemerkte Skye mit deutlicher Erleichterung.

„Davon hab ich bis jetzt noch nichts gehört.“ Jack zerrte an den Latten, und sie gaben unter dem Knarren von rostigen Nägeln sofort nach. Dahinter hing die Tür in nur einer verbogenen Angel. Aus dem Gebäude wehte ihnen kühle, feuchte, nach Schimmel riechende Luft entgegen. Hinter der schiefen Tür lauerte Dunkelheit. Im Wald spürten die Vögel den nahenden Abend und hörten auf zu singen.

Urplötzlich war Jack überzeugt, dass er sich die Ruine lieber nicht näher anschauen wollte – jedenfalls nicht jetzt. Doch dann blickte er Nora an, sah die großen dunklen Augen in dem blassen, entschlossenen Gesicht und grinste lässig. Jetzt gab es kein Zurück mehr, nicht wenn er sich nicht lächerlich machen wollte.

Er zog sein Taschenmesser, klappte das Lämpchen auf und schaltete es ein. Ein kläglich dünner Lichtstrahl huschte über die Tür. Jack schob den Vorhang aus Ranken zur Seite und zwängte sich durch die defekte Tür.

Nora sah, wie die anderen sich unter den Ranken duckten und dann von der Dunkelheit verschluckt wurden. Sie ballte die zitternden Hände zu Fäusten. „Nichts als Steine und Mörtel“, ermahnte sie sich. „Wenn Skye reingehen kann, kann ich das auch.“

Als sie die dichten Ranken zur Seite schob, ließ sich nicht vermeiden, dass sie einige von den kleinen blauen Blüten zerdrückte. Ihr stechender Geruch trieb ihr die Tränen in die Augen. Sie wischte sie fort und schnupperte an ihren Händen. Der Geruch fuhr wie ein frischer Wind durch ihren Kopf und wehte die Hitze des Tages und einen großen Teil ihrer Angst fort.

Nora holte tief Luft, drückte sich durch die Türöffnung und stieß mit Skye zusammen. Die beiden Jungen waren schon ein paar Schritte weiter, und hin und wieder flackerten ihre Gesichter in der Dunkelheit auf, als Jack den Strahl der Taschenlampe von einer Seite zur anderen wandern ließ.

„Ich hatte es mir heller vorgestellt“, bemerkte er beiläufig.

„Keine Fenster“, erinnerte Bruce ihn. „Eben ein richtiges Gefängnis.“

Sie standen in einem niedrigen, rechteckigen Raum mit rostigen Stahltüren an drei Seiten. Der Lichtstrahl machte Einzelheiten sichtbar. Eine zerbrochene Glühbirne hing von der Decke, im Staub waren ihre eigenen Fußspuren zu sehen, ein von Spinnweben umhüllter Schreibtisch stand in einer Ecke. Nora rieb die Gänsehaut auf ihren Armen.

„Wieso …“, begann sie flüsternd. Sie räusperte sich und versuchte, normal zu sprechen. „Wieso ist es hier so kalt?“

„Vermutlich wegen der dicken steinernen Wände“, antwortete Jack. „Die sind bestimmt einen halben Meter dick.“

„Es ist wie in einer unterirdischen Höhle.“ Nora schluckte ängstlich. Viel war nicht zu sehen, deshalb mussten sie sich auf Geräusche und Gerüche verlassen, und auf die Lufttemperatur. Ein dumpfes Echo folgte ihren Schritten, als wäre das Gebäude eine mächtige Trommel. Man konnte sich leicht vorstellen, dass Hunderte von Räumen und Korridoren die Erde unter ihren Füßen aushöhlten und sich über ihnen ausdehnten.

Jacks Taschenlampe beleuchtete flüchtig ein blasses Quadrat an der Wand neben der Tür zu seiner Linken, und er suchte es schnell noch einmal mit dem Lichtstrahl. Es war ein Pappschild mit einer verblassten Aufschrift: UNBEFUGTEN IST DER ZUTRITT VERBOTEN. Er stieß gegen die Tür, und sie öffnete sich mit einem scharrenden Geräusch. „Hier geht es sicher zu den Zellen.“

Er hatte recht. Sie standen in einem langen Korridor mit Eisengittern zu beiden Seiten, sämtlich schmutzig gelb gestrichen. Unter ihren Füßen knirschte abgeblätterter Zement, und plötzlich fiel ein großer Brocken von der Decke und zerschellte am Boden. Jack sprang zurück, lachte etwas atemlos und ging weiter.

„Hier ist es ekelhaft“, flüsterte Nora.

„Das liegt nur daran, dass das Gebäude so heruntergekommen ist“, bemerkte Skye.

„Nein. Ich schätze, hier war es schon immer ekelhaft.“ Das Haus war hässlich, von einer wohlüberlegten, Seelen tötenden Abscheulichkeit.

Am Ende des Korridors traf Jack auf eine weitere Tür, hinter der eine Treppe nach unten führte. „Was dieser Keller wohl zu bieten hat?“ Er leuchtete die Treppe ab. „Vorsicht, die Stufen sind eingesunken. Unten ist noch eine Tür.“ Rostige Angeln kreischten. Der Geruch nach Erde und Steinen stieg den Kids in die Nase, es war feucht und kalt.

Im kleinen Flur am Fuß der Treppe drängten sie sich zusammen. Bruce pfiff vor sich hin.

„Hier waren wahrscheinlich die Schwerverbrecher untergebracht“, vermutete Jack.

In diese Räume hatte man keinerlei Mühe investiert; es gab nicht mal Verputz oder Farbe. Die Wände bestanden aus rohen, von Staub überlagerten Feldsteinen. Jack strich mit dem Finger an der Wand entlang, und Staubflocken tanzten im Strahl seiner Lampe. Alle mussten husten.

Als die schmale Lichtsäule den Flur entlangwanderte, wurden massive Stahltüren in den dicken Wänden sichtbar. Auf Augenhöhe befand sich in jeder Tür ein kleines vergittertes Fenster.

„Das ist ja wie ein Kerker im finstersten Mittelalter“, flüsterte Skye.

Bald, sprach Nora sich heimlich Mut zu. Bald sind wir wieder draußen.

In diesem Augenblick begann sich in den Zellen etwas zu regen. Nora umklammerte Skyes Arm. „Was war das?“

„Autsch! Was denn? Ich habe nichts gehört.“

„Was ist los?“ Jack kam zurück und leuchtete in Noras Gesicht. Sie legte schützend die Hand über die Augen.

„Ich habe was gehört. Schritte. Da … da drinnen.“ Sie deutete auf die Zellentür rechts von ihr.

„Da drin? Kann gar nicht sein.“ Jack rüttelte an dem Türgriff, aber nichts rührte sich. „Festgerostet!“

„Schon gut. Dann hab ich mich eben geirrt“, sagte Nora mürrisch. „Gehen wir weiter.“ Der Lichtstrahl schwenkte herum, und sie blinzelte, konnte in der Dunkelheit plötzlich nichts mehr sehen.

Als plötzlich im Fenster der nächsten Tür eine Hand auftauchte und weiße Finger sich um die Gitterstäbe schlossen, unterdrückte Nora einen Schrei. Dann sagte sie sich, dass es nur eine Sinnestäuschung aufgrund des flackernden Lampenlichts war.

Sie ging weiter und sah in immer mehr vergitterten Fenstern Hände erscheinen, als würden sie wie Motten vom Licht angezogen.

Nora zwang sich zum Weitergehen. Da ist nichts, sagte sie sich, obwohl sie an Armen und Beinen unkontrolliert zitterte. Überhaupt nichts.

„Seht ihr, hier ist der Gang zu Ende“, verkündete Jack sechs Schritte vor ihr. Seine Stimme klang erleichtert. „Viel gab es hier nicht zu sehen, was?“

„Was hattest du denn erwartet?“, spottete Skye. „Ketten und Fußeisen?“

Nora fand ihre Stimme wieder. „Jack, gibst du mir bitte mal die Lampe? Ich möchte mich gern mal genauer umschauen.“

„Okay. Aber hier ist nichts zu sehen. Irgendwie enttäuschend.“

Nora richtete den Strahl der Taschenlampe auf das vergitterte Fenster links von ihr. Systematisch leuchtete sie die winzige Zelle dahinter Zentimeter für Zentimeter aus. Eine nackte Pritsche, ein Fetzen Wolldecke, steinerne Wände und steinerner Boden. Sonst nichts.

Sie drehte sich um und inspizierte den gegenüberliegenden Raum. Staub und Stein und ein Geruch nach Elend. Nichts weiter.

Na also.

Sie begann, wieder normal zu atmen, und stellte fest, dass sie seit dem Betreten des Gefängnisses nicht mehr tief durchgeatmet hatte. Kein Wunder, dass sie Halluzinationen hatte!

„Gut, Leute, mir reicht’s. Ihr könnt mir jetzt folgen.“ Noch während sie sprach, ging sie in Richtung Treppe voran. Einen Fuß auf der untersten Stufe, hielt sie inne und wartete auf die anderen.

Skye kam als Erste, war aber noch mehrere Meter weit entfernt, als Nora die Taschenlampe in das Treppenhaus richtete. Der Lichtstrahl streifte etwas Helles, das in der Luft zu hängen schien. Eine Hand. Eine Hand, die nicht verschwand, als das Licht sie traf.

Zitternd wanderte der Lichtschein an dem dunklen Umriss eines Körpers hinauf und verweilte auf einem Gesicht.

Er stand oben an der Treppe und blickte auf sie hinunter, ein großer Junge mit einer mitternachtsschwarzen Haarmähne, von einem Wind, den sie nicht spürte, aus seinem Gesicht geweht. Geräuschlos bewegte er die Lippen. Sie ahnte die Worte: Hilf mir. Bitte hilf mir.

Dann entglitt die Taschenlampe ihren tauben Fingern, beschrieb einen leuchtenden Boden und schlug scheppernd auf dem Steinboden auf. Nora versank in tiefer Dunkelheit.

3. KAPITEL

„Keine Panik, bitte!“ Jacks Stimme dröhnte in Noras Ohren, viel zu laut für jemanden, der die Ruhe bewahrte. Er ergriff ihre Hand, und sie drückte sie kurz und fest, bevor sie sich zwang, sie wieder loszulassen.

„Was ist passiert?“, wollte Skye wissen.

Nora holte tief Luft. „Da war jemand auf der Treppe. Ich habe einen Heidenschreck gekriegt.“

„Wie sollen wir jetzt hier rauskommen? Ich kann nicht mal die Hand vor den Augen sehen!“

Jack scharrte mit den Füßen auf dem Boden. Ein metallisches Kratzen ertönte. Er bückte sich. „Hab sie. Mit etwas Glück … Aha!“ Ein Klicken, und ein unsteter Lichtstrahl erhellte die Wand. Sofort richtete Jack die Lampe aufs Treppenhaus. Da war niemand.

Nora atmete erleichtert aus. „Das war sicher einer von den anderen Schülern. Dem Aussehen nach war er ein wenig älter als wir.“

Jack legte lauschend den Kopf in den Nacken. „Dann muss er aller­dings Augen wie eine Katze haben, denn er ist weg.“

Nora legte ihren Roman zur Seite. Sie konnte sich nicht auf die Handlung konzentrieren. Immer wieder kam ihr in den Sinn, was sie in der Gefängnisruine gesehen hatte – oder zu sehen geglaubt hatte.

„Skye?“

„Hm?“ Skye lag auf dem Rücken auf dem zweiten Bett, hatte die Hände über der Brust verschränkt und starrte an die Decke, wobei sie versuchte, nicht zu blinzeln.

„Du bist doch schon seit ein paar Tagen hier, nicht? Du kennst bestimmt alle Schüler.“

„Hm.“

„Kennst du so einen großen, dunkelhaarigen, etwa achtzehnjährigen Jungen …“ Nora hielt inne. Die Beschreibung klang so gewöhnlich, dabei war der Junge auf der Treppe alles anderes als gewöhnlich gewesen. Sie schloss die Augen und versuchte, das Bild, das sekundenlang im Licht erschienen war, zu rekonstruieren. Doch die Konturen verschwammen immer wieder.

„Davon gibt es mehrere“, sagte Skye. „Die können wir uns morgen mal näher ansehen.“

„Du hast ihn wohl nicht selbst gesehen? Ich meine den Jungen im Gefängnis.“

„Nein, tut mir leid.“

Nora griff nach ihrem Buch und legte es nervös gleich wieder weg. Bestimmt würde sie bedeutend besser schlafen können, wenn sie wüsste, dass es sich um einen lebenden Menschen und nicht um eine Ausgeburt ihrer Fantasie gehandelt hatte, wie die Insassen der Zellen. Das habe ich doch hinter mir, sagte sie sich. Ich bin nicht mehr krank.

Gereizt fuhr sie sich mit der Hand durchs Haar, und eine kleine blaue Blüte fiel auf die Bettdecke. Sie musste sich wohl auf dem Weg ins Gefängnis oder wieder heraus in ihrem Haar verfangen haben. Die verflixten Dinger verfolgten sie auf Schritt und Tritt!

Sie wischte die Blüte vom Bett in ihre hohle Hand und trug sie zum Fenster, einem modernen Erkerfenster in einem altmodischen Rahmen. Sie schob die Jalousie hoch und warf die Blume in die Nacht hinaus. Eine Weile betrachtete sie dann noch den Mond, der voll und silbern leuchtend am wolkenlosen indigoblauen Himmel hing. Dann ging sie zum Frisiertisch und kämmte sich gründlich das Haar aus.

Gewitterwolken verdunkelten den Mond. Das silbrige Licht verschwand, der Garten lag in tiefer Dunkelheit. Nora hörte auf zu graben und verschnaufte, die Hände auf die gebeugten Knie gestützt. Um sie herum fuhr der Wind zischend durch unsichtbares Gras und peitschte die jungen Triebe. Nicht weit entfernt von ihr brachen sich die Wellen rhythmisch auf dem felsigen Strand.

Als der Mond aus den Wolken kam und der Garten wieder sichtbar wurde, grub sie weiter, warf mit den Händen Erdklumpen hinter sich. Das Loch schien einfach nicht tiefer zu werden, obwohl sie schon seit Stunden arbeitete … oder schon seit Jahren? Immerzu grub sie und grub sie, suchte nach dem Ding, das hier verbuddelt war. Nach dem Ding, das sie unbedingt finden musste.

Gerade, als es wieder dunkel wurde, streiften ihre Finger etwas Hartes. Endlich! Mit einem stummen Triumphschrei riss sie an dem Gegenstand und befreite ihn aus der Erde. Es war ein langes, dünnes Ding mit einem abgerundeten Schaft, der sich anfühlte wie poliertes Holz, und an beiden Enden fühlte sie kaltes Metall.

Das Mondlicht schimmerte wieder auf. Sie stand da und hielt den Stock gegen das Licht. An der Spitze, am breiteren Ende, blinkte ein Falkenkopf aus Messing. Der Schnabel war gekrümmt und scharf. Ein Auge aus Kristall blitzte sie an.

Merkwürdig, wie sauber das Ding war. Nicht ein Schmutzfleck war zu sehen. Es wirkte wie frisch poliert.

Meins, meldete eine unhörbare Stimme.

Langsam drehte Nora sich, den Stock fest umklammert. Er stand zwei große Schritte von ihr entfernt. Ein großer Junge mit schwarzem Haar, das der Wind aus seiner breiten Stirn wehte. Mondlicht schimmerte auf einer geraden Nase und hohen Wangenknochen und verlieh seinem Haar einen bläulichen Schimmer.

Ein Engel, dachte Nora. Ein dunkler Engel.

Er sagte nichts, streckte nur gebieterisch die Hand aus. Seine Augen waren groß und sanft und blickten flehend. Langsam streckte sie ihm den Stock entgegen, und sein Gesicht hellte sich auf. Als er den Stock ergriff, empfand sie eine wilde Freude und wusste, dass sie von dem Jungen ausging.

Nora …

Sie erwachte mit dem Klang seiner Stimme im Ohr. Er kennt meinen Namen, dachte sie, obwohl ich ihn nie genannt habe. Wer ist er?

Mondlicht fiel schräg durchs Fenster in ihr Zimmer hinein. Eine leichte Brise bauschte die Vorhänge. Kein Sturm, kein Garten, kein falkenköpfiger Stock. Kein Junge. Nur ein Traum.

„Wenn P, Q und R Punkte auf der Kreislinie von x2 + y2 = 1 sind, soll die Fläche des Dreiecks PQR …“ Jack stöhnte, ließ den Bleistift fallen und lehnte sich zurück. „Ich möchte mal wissen, wie wir unter diesen Bedingungen überhaupt etwas lernen sollen“, sagte er leise.

Neben ihm saß Bruce an einem Computerarbeitsplatz, starrte auf den Bildschirm und gähnte. „Es ist nicht schlecht hier.“

„Es ist richtig toll, das ist ja gerade das Problem.“ Jack schaute aus dem Fenster über glitzerndes Wasser und sonnenbestrahlte Bäume hinweg. Dann sah er sich im sonnendurchfluteten Klassenraum um, begegnete Dr. Beths Blick und beugte sich wieder über Matheaufgabe Nr. 11.

Hierher kommt man, um zu schwimmen, auf Berge zu steigen und zu wandern, dachte er mürrisch, hier will man frische Luft tanken und sich nicht in Büchern vergraben!

Noch schlimmer: Was es im Haus zu sehen gab, war sogar noch besser. Ihm gegenüber saß Nora, den Kopf in die Hand gestützt, und träumte über ihrem Chemiebuch. Jack wusste, dass sie träumte, denn sie schlug nur selten eine Seite um und hatte den ganzen Morgen über viel mehr gemalt als gelesen. Sie kritzelte immerzu kleine Bildchen auf den Rand ihres Heftes.

Dr. Beth hatte sie deswegen schon zweimal zur Rede gestellt. Beim zweiten Mal hatte Dr. Beth ihr vorn an ihrem Schreibtisch, außerhalb von Jacks Hörweite, eine lange, ernste Predigt gehalten. Nora war rot vor Verlegenheit an ihren Platz zurückgekehrt, hatte sich gesetzt, die Seite aus ihrem Heft herausgerissen und angefangen, auf einem frischen Blatt Notizen zu machen. Aber schon bald wurden die Bewegungen ihres Stifts träge, sie blickte über Jacks Schulter hinweg ins Leere, und er wusste, dass sie wieder ins Traumland hinübergewandert war.

Ich würde was darum geben, wenn ich wüsste, woran sie denkt, überlegte er. An mich denkt sie bestimmt nicht.

Dr. Beth räusperte sich, und sie hoben beide erschrocken den Blick. Die Lehrerin tippte Nora auf die Schulter. „Ich habe dich für eine Sonderstunde bei Cuthbert um halb fünf heute Nachmittag vorgemerkt. Vielleicht möchtest du in der Zwischenzeit ein wenig spazieren gehen?“ Sie lächelte. „Körperliche Betätigung hat oft erstaunliche Auswirkungen auf die Konzentrationsfähigkeit.“

Nora sah sie dankbar an, nahm ihre Bücher und verschwand. Sie rannte nahezu zur Tür hinaus. Dann wandte sie sich nach rechts und lief in Richtung Gewächshaus und Gemüsegarten. Komisch, dachte Jack. Will sie denn nicht erst ihre Bücher in ihr Zimmer bringen?

„Jack, vielleicht gelingt es dir jetzt, ein wenig zu arbeiten.“

Mit heißen Ohren beugte er sich wieder über sein Heft. Als er Aufgabe Nr. 12 zur Hälfte gelöst hatte, stieß er versehentlich mit dem Fuß gegen ein Papierknäuel, und ihm fiel die Seite ein, die Nora aus ihrem Heft gerissen hatte. Mit der Schuhspitze bugsierte er das Knäuel näher zu sich heran, hob es auf und strich das Papier glatt.

Abgesehen von ein paar hingekritzelten Notizen zur Fotosynthese war die Seite bedeckt mit Zeichnungen von Vogelköpfen – sie erinnerten an Falken oder Sperber – und mit etwa einem Dutzend Studien eines menschlichen Gesichts. Die Zeichnungen waren ziemlich gut.

Das Gesicht aber war unglaublich schön. Jack fühlte sich innerlich seltsam kalt vor Enttäuschung und versuchte, über sich selbst zu lachen. Natürlich hatte Nora einen Freund! Was sie da gezeichnet hatte, war sicher der Typ, den sie zu Hause hatte zurücklassen müssen.

Er zerknüllte das Papier und schob es zur Seite. Im nächsten Moment aber strich er es wieder glatt. Ein paar Fragen ließen ihm keine Ruhe. Warum war Nora hinter das Gebäude gelaufen? Warum hatte sie es so eilig? Was war mit dem Jungen, den sie angeblich am Vortag in der Ruine gesehen hatte?

Er nagte an seiner Unterlippe und fasste einen Entschluss. Es gab nur eine Möglichkeit, es herauszufinden. Aber zuerst … Er überflog die letzten drei Aufgaben und machte sich an die Arbeit. Fünf Minuten später schob er seinen Stuhl zurück und trug einen Stapel Papier nach vorn zu Dr. Beths Schreibtisch.

„Fertig! Darf ich jetzt gehen?

„Augenblick noch!“ Ihr Stift glitt über die Blätter und hakte die einzelnen Aufgaben ab. Jack trat von einem Fuß auf den anderen und blickte unruhig zur Tür.

„Hm.“ Dr. Beth zog die Augenbrauen hoch. „Also kannst du tatsächlich arbeiten – wenn du nur willst. Morgen müssen wir eine größere Herausforderung für dich finden.“

Jack seufzte. Aber damit hatte er rechnen müssen.

Endlich draußen, lief er rechts um das Haus herum, wie Nora es getan hatte. Beim Gewächshaus hielt er an, legte seine Bücher auf einer umgestülpten Kiste ab und eilte dann auf die behelfsmäßige Treppe zur Hügelkuppe zu.

Natürlich kann ich mich auch irren, dachte er, als er hinaufkletterte. Aber wenn ich mich tatsächlich irre, ist sie nicht da, und niemand erfährt, wie blöd ich bin. Wenn ich aber recht habe …

Auf dem Wildwechsel durch den Wald verlangsamte er seine Schritte. Wenn ich recht habe, bin ich noch viel blöder, dachte er. Wohin Nora geht oder mit wem sie sich trifft, geht mich gar nichts an. Selbst wenn sie herumschleicht wie eine Katze.

Als schließlich die Gefängnismauer zwischen den Bäumen sichtbar wurde, hatte Jack sich seinen Plan schon fast wieder aus dem Kopf geschlagen. Wenn sie sich mit jemandem trifft, sagte er sich, wird sie mir nicht gerade dankbar für die Störung sein. Schon drehte er sich um und wollte umkehren. Da blieb er jedoch mitten auf dem Weg stehen. Aber ich hätte schwören können, dass die Ruine ihr Angst einjagt. Weshalb kommt sie trotzdem her?

Jemand schrie, und Jack fuhr herum. Es kam aus dem Gefängnishof. Ein weiterer Schrei ertönte, aber da war Jack bereits in den Baum an der Mauer gestiegen.

Hier könnte es gewesen sein. Oder hier.

Nora ging noch einen Schritt weiter und schüttelte den Kopf. Die Stelle, wo sie im Traum gegraben hatte, konnte beinahe überall sein. Nur eines wusste sie mit Sicherheit: Es war innerhalb dieser Mauern.

Es muss ein freier Platz gewesen sein, sonst hätte sie nicht graben können. Noch während sie sich langsam umdrehte und suchend um sich blickte, rief sie sich innerlich zur Ordnung: Bist du verrückt geworden? Es war nur ein Traum!

Aber trotzdem …

Als sie sich ihren Weg durch das Gewirr von Ranken zur Gefängnismauer bahnte, kam ihr etwas vertraut vor. Hatte in ihrem Traum nicht rechts von ihr auch so ein hoher Schössling gestanden?

Sie ließ sich auf die Knie sinken und versuchte, den Boden unter den blau blühenden Ranken freizukratzen. Hier in der Nähe des Gebäudes wucherten sie so dicht, dass ihre verschlungenen Stängel ein zähes Gewebe bildeten. Man hätte glauben können, sie wären aus Eisen. Sie zerrte mit aller Kraft an den Pflanzen, und die Ranke zerriss und peitschte ihre Hand.

Nora schnappte vor Schmerzen nach Luft. Und schrie auf, als die abgerissene Ranke sich um ihr Handgelenk wickelte.

Sie schleuderte sie von sich und sprang auf. Ein Schritt, zwei Schritte – bis zu der freien Fläche im Zentrum des Gartens. Plötzlich wischte etwas Grünes über ihr Gesicht, und etwas Kaltes kroch über ihren Nacken. Um sie herum war ein leises Rascheln.

Die Sonne nahm eine grünliche Färbung an. Als Nora den Kopf wandte, sah sie nichts als Grün.

Sie hüllen mich ganz ein!

„Nora?“ Etwas berührte ihre Schulter. Diesmal fühlte es sich warm an. Jetzt konnte sie sich wieder bewegen. Sie richtete sich auf und wischte sich die Ranken von den Armen und Beinen. Sie glitten schlaff zu Boden.

Jack hockte auf seinen Fersen und starrte Nora an, als wären ihr plötzlich zwei Köpfe gewachsen. „Was, zum Kuckuck, treibst du da?“

„Was meinst du wohl?“ Sie war aufgestanden und setzte ihre Füße ganz behutsam, um den Ranken auszuweichen. Auf einem Rasenstück, das frei von den Ranken war, setzte sie sich wieder. Ihre Knie waren so weich, dass sie kaum stehen konnte.

Jack ließ sich neben ihr auf den Boden fallen. „Es sah so aus, als wolltest du einen Tunnel bis nach China graben und mit dem Kopf zuerst hineinkriechen.“

„Nein, ich …“ Sie musterte ihn von der Seite. Was sie auch sagte, würde allzu verrückt klingen. Aber warum hatte sie trotz seines frechen Gesichts das sichere Gefühl, dass er sich nicht über sie lustig machen würde?

Wie auch immer, sie beschloss, nichts von den bedrohlichen Ranken zu sagen. „Ich hatte letzte Nacht einen echt merkwürdigen Traum. Ich habe geträumt, ich hätte hier gegraben und etwas gefunden.“

Sie beschrieb den Stock mit dem Falkenkopf aus Messing. „Ich sehe ihn noch immer in allen Einzelheiten vor mir. Der Traum ist kein bisschen verblasst, wie es sonst oft der Fall ist. Sag doch mal ehrlich.“ Sie wandte sich Jack zu und sah ihm offen ins Gesicht. „Wenn du einen so lebensechten Traum gehabt hättest, wärst du auch hergekommen, um nachzusehen, oder?“

„Ehrlich gesagt, ja. Aber …“

„Aber was?“

„Gab es noch mehr in deinem Traum?“

„Hm, ja, da war jemand …“ Nein, von ihm darf ich nichts erwähnen. „Irgendwer“, schloss sie lahm.

Jack schaute weg und hob die Schultern, doch Nora ahnte seine Enttäuschung. „Nun, anscheinend ist hier aber nichts. Es ist nur ein trauriger, verlassener Gefängnishof.“

„Stimmt. Lass uns gehen.“ Sie stand auf und blickte zu der hohen Mauer auf. „Reingekommen bin ich, aber ich habe keinen Gedanken daran verschwendet, wie ich wieder rauskomme. Sehr clever.“

„Kinderspiel“, sagte Jack lässig. „Schau, wie ich das mache.“ Ein dicker Ast mit zahlreichen spitzen Resten von abgebrochenen Zweigen hing tief über die von Ranken bewachsene Mauer. Es sah aus, als wäre er von einem der hohen Bäume außerhalb des Hofes abgerissen. Jack richtete ihn an der Mauer auf und kletterte daran hoch.

„Siehst du“, rief er über die Schulter zurück, „so kommst du weit genug, um die Mauerkrone zu …“

Der Ast rutschte weg, und Jack schrie auf. Er stürzte zu Boden und landete flach auf dem Rücken. Nora schlug die Hand vor den Mund und wusste nicht, ob sie lachen oder Angst haben sollte.

„Hast du dich verletzt?“

„Nur meinen Stolz.“

Nora lachte, dann blickte sie an ihm vorbei auf die Mauer. Sie packte Jacks Handgelenk. „Jack! Sieh nur! Schau, was du gefunden hast!“

Der abrutschende Ast hatte eine große Fläche der Mauer von Ranken befreit. Nora trat dichter heran und strich mit der Hand über die nackten Steine.

Schon war Jack an ihrer Seite und riss noch mehr von den Ranken ab. Darunter tauchte, ausgefüllt mit Feldsteinen, sodass es sich kaum von der restlichen Mauer unterschied, die Form eines Tores auf. Einzig und allein die bogenförmige Linie und der Abschlussstein in der Mitte ließen es als solches erkennen.

„Siehst du, ich hatte recht. Es gibt doch ein Tor!“

„Ja, aber …“ Jack pulte den groben grauen Mörtel zwischen den Steinen heraus. „Es ist nicht erst gestern zugemauert worden. Das ist schon vor Jahren geschehen. Woher konntest du von diesem Tor wissen?“

Obwohl die Sonne auf sie herabschien, fröstelte Nora. Was sie am Vortag gesehen hatte, war also kein Produkt ihrer Fantasie. Trotzdem hatte sie etwas gesehen, was nicht wirklich da war, etwas aus einer anderen Zeit.

Was geschah mit ihr?

4. KAPITEL

„Gerade rechtzeitig zum Mittagessen. Ich könnte ein ganzes Pferd verspeisen.“ Jack eilte Nora voraus die Stufen hinunter. Tief sog er die Luft ein. „Hoffentlich ist das nicht wirklich Pferdefleisch.“

Nora schnupperte ebenfalls. „Das riecht eher nach Unkrautvernichter.“

Neben dem Gewächshaus stand ein Lieferwagen. Hedda lud schwere Säcke ab und stapelte sie an der Wand des Gebäudes. Kill-x stand darauf, und der stechende Geruch ließ Nora die Nase rümpfen.

Dr. Cuthbert kam aus dem Gewächshaus und winkte den beiden zu. Dann sah er die Säcke neben dem Gewächshaus und runzelte die Stirn. „Hedda, was ist das?“

„Unkrautvernichter.“ Sie hob einen Sack hoch und warf ihn sich über die Schulter. „Für dieses Zeug aus dem Gefängnishof, die Ranken mit den kleinen blauen Blüten. Sie nehmen überhand.“

„Habe ich Ihnen nicht gesagt, dass wir hier keine Chemikalien verwenden? So weit wie möglich bedienen wir uns natürlicher Methoden, Hedda.“

„Aber natürliche Methoden richten gegen dieses Zeug nichts aus, Dr. Loftus. Die Ranken werden zur Bedrohung. Jetzt wuchern sie sogar schon beim Haus! Wollen Sie, dass sie die ganze Insel überziehen?“

Er lachte leise. „So weit wird es wohl nicht kommen. Lass sie einfach in Ruhe, sie richten ja keinen Schaden an.“

Hedda kniff die Lippen zusammen, warf den Sack wieder auf die Ladefläche und ging weg. Cuthbert sah ihr nachdenklich nach.

Nora räusperte sich. „Äh, Dr. Loftus? Ich finde, Sie sollten auf Hedda hören.“

Er blickte sie überrascht an. „Und Chemikalien zulassen? Du solltest es eigentlich besser wissen. Vielleicht sollte ich dieses Thema morgen im Unterricht im Zusammenhang mit Umweltschutz zur Sprache bringen.“

„Aber ich glaube, es stimmt, was sie über diese Pflanzen sagt. Kann sogar sein, dass sie … hm … giftig sind.“

„Wie kommst du darauf? Haben die Ranken bei dir irgendwelche Hautreizungen ausgelöst?“

„Nein, das nicht …“ Sie konnte ihm ja nicht sagen, dass sie sie angegriffen hatten. Dann würde er denken, sie wäre nicht ganz richtig im Kopf. Und Jack auch, der sie ohnehin schon so komisch ansah. „Sie … riechen so sonderbar. Und brennen in den Augen.“

„Nun, dann gib acht, dass du sie nicht anfasst. Vielleicht bist du allergisch. Nora, ich bin schon oft mit diesen Pflanzen in Berührung gekommen und habe nichts bemerkt. Vermutlich handelt es sich bei dieser Ranke um eine Abart von Immergrün. Sie ist bestimmt selten, vielleicht sogar einzigartig. Glaubst du wirklich, ich würde zulassen, dass Hedda sie ausrottet?“

„Wohl kaum.“

„Schau nicht so sorgenvoll drein! Sie sind harmlos, das schwöre ich dir. Übrigens, vergiss bitte nicht, dass du heute Nachmittag Sonderunterricht hast!“

Jack trat vor. „Dr. Loftus? Ich habe eine Frage. Wann ist eigentlich das Tor in der Gefängnismauer zugemauert worden?“

Dr. Cuthberts Lächeln erlosch. „Woher weißt du davon?“

„Wir haben uns ein wenig umgesehen, und da habe ich es entdeckt, das heißt, den Umriss.“

„Wir haben es vor neun Jahren zumauern lassen.“ Plötzlich wirkte er seltsam kühl und distanziert. Nora berührte Jacks Arm, um ihn zum Schweigen zu bringen, doch er begriff nicht.

„Aber warum?“

„Damit nicht so viele Leute in den Hof eindringen. Der Ort ist nicht gut für die Gesundheit. Wenn ihr mich jetzt bitte entschuldigen würdet …“ Er trat ins Gewächshaus und schloss die Tür hinter sich.

Jack blickte auf die geschlossene Tür. „Hab ich was Falsches gesagt?“

„Ich weiß nicht, aber er war offensichtlich verärgert, worüber auch immer. Das bedeutet dann wohl, dass ich nicht mehr hingehen darf.“

„Wahrscheinlich.“ Er grinste frech.

Sie grinste zurück. „Natürlich hat er es nicht wortwörtlich verboten.“

Auf dem Weg um das Haus herum fiel Nora wieder ein, was Hedda gesagt hatte. Jetzt wachsen diese Ranken sogar am Haus. Sie betrachtete die schmalen Beete rund ums Haus, die größtenteils mit steifen roten Zinnien und hier und da ein wenig Efeu bepflanzt waren.

„Siehst du hier irgendwo diese blauen Blumen?“

Jack sah sich um. „Nein. Wieso?“

„Da!“ Sie wies mit dem Finger auf eine Stelle. „Da, siehst du? Hedda hatte recht.“

Ein schlankes grünes Stängelchen hatte sich aus der Erde gedrängt und rankte sich in den Efeu. Die dunklen, ovalen Blätter waren so frisch, dass sie feucht glänzten.

Nora blickte auf und zählte die Fenster im zweiten Stock. Eins, zwei … „Das da oben ist mein Zimmer! Diese Ranke wächst direkt unter meinem Fenster!“

„Nimmst du das nicht ein bisschen zu persönlich?“ Jack musterte sie besorgt.

„Gestern Abend ist so eine Blüte aus meinem Haar gefallen. Ich hab sie aus dem Fenster geworfen. Sie muss Wurzeln geschlagen haben.“

„Ich bin zwar kein Gärtner, aber ich glaube nicht, dass sie so schnell Wurzeln schlagen kann. Die Pflanze wird schon hier gewesen sein, bevor du kamst.“

Nora holte tief Luft. „Schon gut. Vielleicht bin ich ein wenig überreizt.“

„Wundert dich das?“ Es klang erleichtert. „Das liegt an der Hitze. Hey, was machst du da?“

Sie hatte sich hingekniet und studierte die Pflanze eingehend. Hatte sie sich in dieser Windstille bewegt? Nora hielt den Atem an. Vor ihren Augen drehte die Spitze des Stängels sich langsam und schlang sich um einen Efeustiel an seiner Seite. Und er war mindestens einen Zentimeter länger als vorhin.

„Das kann nicht sein. Das ist nicht natürlich.“ Ihre Stimme zitterte. Die Ranke vor ihr streckte sich, und eine Knospe öffnete sich. Es war, als würde eine Katze aufwachen und langsam die Augen öffnen.

„Wow!“ Jack hatte sich neben Nora auf Hände und Knie niedergelassen. „Das Ding wächst ja schnell! Weißt du, ich habe noch nie mit eigenen Augen eine Pflanze wachsen sehen, höchstens mal in Zeitlupe im Fernseher.“

„Na ja, ich reiße sie aus, ganz gleich, was Dr. Cuthbert davon hält.“ Sie packte den Stängel kurz über dem Boden und zog. Sie rechnete mit Widerstand, doch die Ranke ließ sich problemlos ausrupfen. An den langen Fadenwurzeln hingen kleine Erdklümpchen.

Jack inspizierte die Pflanze. „Sieht aus, als hättest du sie mit Stumpf und Stiel ausgerissen.“

Zusammen gingen sie zu den Müllcontainern hinter dem Gewächshaus. Nora entschied sich gegen den Komposthaufen und steckte die Ranke lieber in einen Plastikbeutel, den sie fest zuband.

Um drei Uhr war der Unterricht zu Ende. Alle, einschließlich der eifrigsten älteren Schüler, rissen sich von ihren Büchern und Computertischen los. „Als Nächstes stehen Sonnenschein und Sport auf dem Stundenplan!“, verkündete Dr. Cuthbert, der, in mächtige Badeshorts gekleidet, auf dem Anleger stand. „Wer hat sich für Schnorcheln eingetragen?“

„Ich“, meldete sich Jack. „Und Bruce. Nora, wie steht’s mit dir?“

Mit mir? Ich soll unter Wasser tauchen? Sie zwang sich zu einem Lächeln und schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht so gut schwimmen.“

„Ach, komm schon. Es macht Spaß.“

„Nächste Woche vielleicht.“

In ihrem neuen jadegrünen Badeanzug saß sie auf den warmen Planken und sah zu, wie die Jungen ein paar Meter weiter draußen planschten und tauchten. Ihr Gewissen meldete sich, weil sie Jack angeschwindelt hatte. Sie war eine ausgezeichnete Schwimmerin, aber das hatte ihr auch nichts genützt, damals, im vergangenen September.

Das Wasser kräuselte sich unter einer leichten Brise und malte goldene Muster auf den Grund. Bestimmt war es kühl erfrischend wie Brause an einem heißen Tag wie diesem. Ich tu es, machte sie sich selbst Mut. Ich geh ins Wasser. Ich will schließlich nicht für immer und ewig Angst davor haben.

Sie tauchte einen Fuß ins Wasser und spürte augenblicklich den Sog. Schon nach wenigen Schwimmzügen wäre sie von Unmengen Wasser umgeben, und unter ihr, jenseits der goldenen Schatten, lag die kühle Tiefe. Sie zog den Fuß wieder heraus.

Alle waren am Anleger versammelt, bis auf Skye. Von der Badeinsel aus, fünfzig Meter vom Ufer entfernt, erteilte Dr. Beth Unterricht im Stilschwimmen, und zwei Schülerpaare paddelten ungeschickt in Kanus umher.

Seit dem Frühstück am Morgen hatte Nora alle auf der Insel Anwesenden kennengelernt, bis auf die Küchenbelegschaft. Keiner sah aus wie er. Allmählich glaubte sie, sich den Jungen nur eingebildet zu haben.

„Sei auf alles gefasst. Ich bringe Neuigkeiten.“ Skye setzte sich zu ihr auf die Planken. Sie trug einen breitkrempigen Strohhut mit einem weißen Schleier und hatte ihr silberblondes Haar zu Zöpfen geflochten. Ihr Badeanzug war schwarz. „Ich habe mit der Küchenhilfe geredet.“

Nora wartete, doch Skye fischte eine Tube mit Sonnenmilch aus ihrem Jutebeutel und fing an, sich einzucremen.

„Und?“

„Na ja, so neu ist es nun auch wieder nicht. Es geht um die Vorfälle vor zehn Jahren. Die Küchenhilfe – sie heißt Zoe – sagt, sie hat es von der Köchin erfahren, und die war damals schon hier und weiß alle Einzelheiten.“

„Und?“

„Erinnerst du dich, dass da ein Mädchen umgekommen ist?“ Skye beugte sich und senkte die Stimme. „Sie war die Tochter der Loftus’.“

Nora blickte sie entsetzt an. Skye nickte.

„Sie hieß Ursula und war sechzehn Jahre alt, genauso alt wie wir.“

„Oh nein! Der arme Dr. Cuth! Die arme Beth!“

„Und rate mal, wo sie umgebracht wurde? In diesem Gefängnishof, ganz in der Nähe von der Stelle, wo der eine der beiden Jungen sich erhängt hat. Aber die Mordwaffe wurde nie gefunden.“

Im Gefängnishof. Kein Wunder, dass Dr. Cuth so entsetzt ausgesehen hatte, als Jack nach dem Tor fragte.

Und ich bin schon zweimal dort gewesen, an der Stelle, wo das Mädchen gestorben ist, dachte Nora. Es war einfach zu schrecklich. Um ihren Gedanken zu entfliehen, stand sie auf und sprang mit einem Kopfsprung vom Anleger. Das grüngoldene Wasser nahm sie auf. Sie ließ sich eine Weile unter Wasser treiben, ganz in ihrem Element, frei wie ein Otter.

Dann packte die Erinnerung sie mit eisigen Händen, und sie geriet in Panik. Mit heftigen Stößen drängte sie an die Oberfläche. Und sah sich dem namenlosen Jungen gegenüber.

Er sah anders aus als in ihrer Erinnerung. Vielleicht war es das Unterwasserlicht, das seine Züge verzerrte und seine Haut grünlich grau aussehen ließ. Er wirkte hohlwangig und krank. Etwas Tang hatte sich in seinem Haar verfangen. Doch als Nora in seine Augen blickte, bemerkte sie deren warmen Glanz.

Seine Lippen formten Worte, und sie verstand ihn auf Anhieb.

Denk an deinen Traum, Nora.

Woher weißt du von meinem Traum?

Er lächelte. Vielleicht stehen wir irgendwie in Verbindung?

Er streckte ihr die Hand entgegen, und sie ergriff sie, ohne zu zögern. Als ihre Finger sich berührten, trat eine lebendige Frische in sein Gesicht. Seine Augen schimmerten in der Farbe von Fuchspelz, und das Haar, das die Strömung ihm aus der Stirn spülte, glänzte wie Zobel.

Um sie herum veränderte sich das Licht von Goldgrün zu Blaugrün, dann zu einem kalten Blau und schließlich zu Violett. Je dunkler es wurde, desto deutlicher spürte Nora die sie umgebende Kälte. Ihr Körper wurde schwer. Durch den Nebel der Benommenheit hindurch drang der Gedanke zu ihr vor, dass sie schon viel zu lange unter Wasser war, dass irgendetwas nicht stimmte. Doch seine Augen und sein Lächeln hielten sie gefangen, als wäre sie eine in Bernstein eingeschlossene Fliege.

Für jemanden, der nicht gut schwimmen konnte, war das ein verflixt guter Kopfsprung gewesen – elegant und sicher. Jack saß auf dem Rand der Schwimminsel und behielt die Stelle im Auge, wo Nora ins Wasser getaucht war. Er versuchte abzuschätzen, wann und wo sie wieder hochkommen würde.

Zehn Sekunden verstrichen. Zwanzig. Jack sprang auf und starrte angestrengt aufs Wasser.

„Hey, hat einer von euch Nora auftauchen sehen?“

Er schaute sich um. Dr. Cuthbert zeigte Bruce, wie er seine Taucherbrille handhaben musste, Dr. Beth rief einem Schüler auf der anderen Seite der Schwimminsel ermutigende Worte zu. Kein Mensch hatte seine Frage gehört.

Dreißig Sekunden.

Jack sprang von der Insel und kraulte mit kräftigen Zügen zum Anleger hinüber. Kurz vor der Stelle, wo Nora ins Wasser gesprungen war, tauchte er unter. Zuerst konnte er sie nirgends entdecken. Dann drehte er sich ...

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