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MYSTERY BAND 355

A.K. FRANK

Das Grauen von Longfellow Garden

„Triff mich im Longfellow Garden.“ Verzweifelt liest Sarah die SMS, die Dave an ihre kleine Schwester Eve geschickt hat. Denn Eve ist spurlos verschwunden – Sarah muss in den Garten gehen! Doch dort erwartet sie ein Albtraum: hinter einem magischen Schleier ist ein Haus , und dort hält das Böse ihre Schwester gefangen …

ALINA STOICA

Der Tod trägt Weiß

Hat sie einem Mörder ihr Ja-Wort gegeben? Seit Diana mit Claudio verheiratet ist, scheint seine dunkle Vergangenheit zum Leben erwacht. Denn vor vier Jahren stürzte Claudios damalige Verlobte Mara im Hochzeitskleid von den Klippen, jetzt sieht Diana die tote Mara überall. Versucht die Geisterbraut, sie vor demselben Schicksal zu warnen?

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Das Grauen von Longfellow Garden

PROLOG

Wenn die am Himmel vorbeifliegenden Wolkenfetzen den Halbmond nicht verdeckten, wurde es für kurze Zeit etwas heller. Dann konnte das Mädchen, das hinter einem Strauch hockte, die Umgebung wahrnehmen.

War sie ihm entkommen? Hoffnung keimte in ihr auf. Außer den natürlichen Geräuschen des Waldes – ein Knacken hier und ein Rascheln dort – und ihren eigenen abgehackten Atemzügen konnte sie nichts weiter hören. Sie hatte heftiges Seitenstechen, und die aufgeschürften Handflächen, die sie sich während ihrer Flucht bei einem Sturz zugezogen hatte, schmerzten sehr. Etwas Warmes lief ihr über die Wange, und auch ohne es zu sehen, wusste sie, dass es ihr Blut war, das aus einer Kopfwunde trat.

Sie zögerte, aber alles blieb still. Aufatmen! Dann plötzlich veränderte sich die Atmosphäre. Es wurde kühl, alle noch so leisen Geräusche verstummten. Und sie konnte fühlen, wie das Böse sich ihr näherte. Unsichtbar und doch fast zum Greifen nah. Es breitete sich zwischen den Bäumen und Sträuchern aus – wabernd, wie zähflüssiger Nebel. Es umhüllte sie, drohte sie zu ersticken.

Und dann sah sie ihn! Eine dunkle Gestalt, die Inkarnation des Bösen. Ein Schluchzen stieg ihr in der Kehle auf. Tränen liefen ihr über das Gesicht.

Alles war schiefgelaufen. Sie hatte doch nur dazugehören wollen. Und als er vor ihr gestanden hatte, gut aussehend und charmant lächelnd, hatte sie gehofft, dass all ihre heimlichen Träume wahr würden.

Das war ihr größter Fehler gewesen. Und diesen würde sie mit dem Leben bezahlen. Mit tränenverschleiertem Blick schaute sie hinauf in den Sternenhimmel. Dann sah sie ihn direkt auf ihr Versteck zukommen und wusste, dass ihr letztes Stündlein geschlagen hatte. Weglaufen war zwecklos. Er blieb dicht vor ihr stehen und reichte ihr die Hand. Schicksalsergeben blickte sie dem Tod ins Gesicht. Sie ergriff seine Hand und ließ sich von ihm hochziehen. Durch das lange Hocken waren ihr die Beine eingeschlafen, daher strauchelte sie. Schnell griff er nach ihr und legte ihr seinen Arm um die Hüfte. So stützte er sie. Sie blickten sich an. Sein vormals charmantes Lächeln wirkte nun diabolisch. Leicht strich er ihr mit einem Finger über die Wange. Es mutete seltsam an. Sie sahen aus wie ein Liebespaar. Dann leckte er genüsslich ihr Blut vom Finger. Sie schauderte, und er zog sie mit sich.

Die Luft verdichtete sich immer mehr, es fühlte sich an, als ob sie durch eiskaltes Wasser gingen. Alles in ihr sträubte sich dagegen, aber der Junge neben ihr duldete keinen Widerstand.

Und als sie glaubte, jeden Moment ersticken zu müssen, traten sie aus dem Schleier heraus und standen vor einer großen, alten Villa.

Das Mädchen schrie.

1. KAPITEL

Ich war gelangweilt. Und etwas genervt. Unzufrieden! Ja, das drückte meine aktuellen Empfindungen ganz gut aus.

Warum? Keine Ahnung. Mittlerweile schien das ein Dauerzustand bei mir zu sein. Ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen, aber …

„Wenn du jetzt auch noch anfängst mitzusingen, gehe ich“, zischte ich meiner nur ein Jahr jüngeren Schwester Eve zu. Diese grinste mich frech an und zappelte weiter auf ihrem Stuhl herum. Mehr schlecht als recht imitierte sie dabei Tanzbewegungen und begann die Melodie von „Sweet Little Sixteen“ zu summen. Ich verdrehte die Augen und rutschte demonstrativ auf der mit billigem Lederimitat bezogenen, halbrunden Couch weiter von ihr weg.

Grundsätzlich hatten wir ein gutes Verhältnis zueinander, aber manchmal ging sie mir auch gehörig auf die Nerven. In letzter Zeit hatte sie ein gewaltiges Bedürfnis nach Aufmerksamkeit. Stets und ständig versuchte sie sich in den Mittelpunkt zu drängen. Eigentlich sollte es mir egal sein. Ich war froh, wenn nicht immer ich im Fokus stand.

„Ziemlich langweilig heute, oder? Hat denn unsere beliebteste Schülerin des Abschlussjahrgangs keine Idee, was wir heute unternehmen können?“

Lisa, meine beste Freundin seit Sandkastentagen, stocherte lustlos mit einem Strohhalm in ihrem halbleeren Colaglas herum.

„Nein, hat sie nicht“, erwiderte ich etwas aggressiv, und Lisa blickte mich verwundert an.

„Hey, das war doch nicht böse gemeint. Es ist nur so, dass sich im Moment alles um dich dreht“, wehrte sich Lisa. Und Eve wäre nicht Eve, wenn sie sich solch eine Steilvorlage entgehen ließe.

„Welchen Film will Sarah sehen? Da gehen wir rein. Welches Motto soll die nächste Schulparty haben? Sarah bestimmt es“, brachte sie schmollend hervor.

„Du bist beliebt! Akzeptier das endlich!“

Erneut verdrehte ich die Augen. Ja, Lisa hatte recht. Ich war beliebt … Jedermann fragte mich nach meiner Meinung. Das bedeutete aber noch lange nicht, dass mir das gefallen musste!

An diesem Abend saßen wir in unserem Lieblingscafé „The 50’s“. Der Name war Programm und dementsprechend war es wie ein Café in den 50er-Jahren mit viel blitzendem Chrom und mit Kunstleder bezogenen Sitzgruppen eingerichtet. Schwarzweißfotos von Elvis, Chuck Berry und Jerry Lee Lewis hingen an den Wänden. Eine Original-Musikbox, aus der laut Oldies schallten, vervollständigte das Ensemble.

Das alles entsprach nicht unbedingt dem Geschmack von mir und meinen Freunden. Der Grund, warum wir uns trotzdem meist hier trafen, waren die sehr moderaten Preise. Hier konnten auch Schüler sich ab und zu eine Coke leisten.

Außerdem war es auch eine preiswertere Alternative zum Kino in der nächsten Stadt. Dort würden sich heute Abend wohl auch die meisten Kids aufhalten, um den neuesten Film mit Jason Statham anzusehen. Ich mochte keine Actionfilme, obwohl ich Statham schon ziemlich heiß fand.

„Hey, Baby!“, ertönte es plötzlich laut.

Schnell drehte ich mich um. Breitbeinig, mit einem eng sitzenden T-Shirt, unter dem sich überdeutlich die Muskeln abzeichneten, stand Dave vor dem Tisch. Er beugte sich über mich, ergriff mein Kinn, zog meinen Kopf nach oben und küsste mich besitzergreifend auf den Mund. Ich musste mich zusammenreißen, um nicht zurückzuzucken. Dave vereinnahmte mich völlig. Jeder sollte sehen, dass ich zu ihm gehörte.

Um ihn nicht vor den Kopf zu stoßen, erwiderte ich den Kuss, verdrehte aber insgeheim die Augen. Dave und ich waren inzwischen fast ein halbes Jahr zusammen. Und es war auch sicher kein Zufall, dass er der beliebteste Junge des Jahrgangs war.

Ich seufzte, während mir durch den Kopf schoss: Ich lebe tatsächlich in Klischees.

„Was ist?“, fragte Dave leicht verunsichert. Ich schüttelte nur den Kopf, lächelte ihn an und rutschte wieder näher zu Eve, damit Dave sich zu uns setzen konnte. Kaum saß er, legte er schon den Arm um meine Schulter und zog mich näher an sich.

Ich fühlte mich eingeengt und hatte meine liebe Mühe, Luft zu holen.

„Dave, du warst gestern spitzenmäßig beim Spiel gegen die Hayward High! Wenn unser Team dich nicht hätte, könnten sie einpacken“, zwitscherte Eve und klimperte mit den langen, dunkel getuschten Wimpern. Ich spürte förmlich, wie Dave sich aufplusterte.

Er war, das musste sogar ich zugeben, der beste Footballspieler, den die Lincoln Highschool in den vergangenen Jahren hervorgebracht hatte. Gern brüstete er sich damit, dass etliche Unis ihm Sportstipendien angeboten hätten. Dabei waren seine schulischen Leistungen abseits des Spielfeldes mehr als schlecht. Ich hingegen war eine sehr gute Schülerin, das Lernen fiel mir leicht, und mit großer Wahrscheinlichkeit würde ich die Schule als Jahrgangsbeste beenden. Oft hatte ich Dave angeboten, mit mir zu lernen, doch er hatte nur große Töne gespuckt. Wozu brauchte er gute Noten? Er würde schließlich in den Profisport gehen und reich werden.

In diesem Moment platzten Derrick und Jason ins Café. Sie schauten sich suchend um, erblickten uns und steuerten dann auf unseren Tisch zu.

Derrick und Jason waren die engsten Freunde von Dave. Groß und bullig wie sie gebaut waren, gehörten sie selbstverständlich auch zum Footballteam der Schule. Lautstark begrüßten sie Dave – mich, Lisa und Eve etwas leiser.

Ich unterdrückte einen erneuten Seufzer. Ursprünglich hatte ich geplant, bald den Heimweg anzutreten. Doch diese Hoffnung hatte sich zerschlagen. Weder Dave noch Eve würden jetzt nach Hause wollen.

Was war nur mit mir los? Ich verstand mich seit einigen Wochen selbst nicht mehr. Am liebsten verbrachte ich meine freie Zeit allein in meinem Zimmer. Grübelnd und träumend. Und immer wieder schrak ich hoch, wenn ich beispielsweise zum Abendessen gerufen wurde. Mir war dann immer, als würde ich aus einer Art Trance gerissen. Innerlich befand ich mich auf einer weiten Reise, wusste nach dem Aufwachen aber nie, wo ich gewesen war. Ständig war ich traurig, fast schwermütig, grüblerisch.

Und unzufrieden. Ich erwischte mich selbst häufig dabei, einfach nur blicklos ins Leere zu starren.

„Habt ihr schon gehört, dass Tracey verschwunden ist?“, platzte Derrick heraus.

Schlagartig wurde ich munter. Auch Eve und Dave beugten sich interessiert vor.

„Was meinst du? Wie? Verschwunden?“, fragte Eve. Mit ihren halb geöffneten Lippen und den weit aufgerissenen Augen sah sie geradezu sensationsgeil aus. Und trotzdem fiel mir auf, dass meine kleine Schwester sehr hübsch war. Ein wenig zu aufgedonnert mit ihren knappen Outfits und dem etwas übertriebenen Make-up für meinen Geschmack. Aber die Jungs standen drauf. Blonde Engelslocken umrahmten ihr Gesicht. Meine Haare waren genauso lockig, aber dunkelbraun.

Ich wandte meine Aufmerksamkeit wieder Derrick zu. Dieser genoss es, im Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit – insbesondere der von Eve – zu stehen. Es war kein Geheimnis, dass Derrick in meine kleine Schwester verknallt war. Sein Kumpel Jason stieß ihm den Ellbogen in die Rippen und brummte: „Nun erzähl schon, sonst tu ich es.“

Derrick, der nur sehr ungern Eves Aufmerksamkeit verlieren wollte, erzählte, dass Tracey bereits drei Tage zuvor nicht mehr von der Schule heimgekehrt sei. Da sie aber zuvor einen lautstarken Streit mit ihrer Mutter gehabt hatte – die Nachbarn waren sehr neugierige Zeugen und hatten ihre Beobachtungen nur zu bereitwillig an die Polizei weitergegeben –, hatte man diesem Umstand kaum Beachtung geschenkt. Tatsächlich hatte einer der Beamten zu Traceys Eltern gesagt, dass der hysterische und bockige Teenager wohl schon wieder auftauchen würde, wenn er hungrig genug wäre.

Ich kannte Tracey kaum. Sie war ein unscheinbares Mädchen mit halblangen hellbraunen Haaren, die immer etwas strähnig aussahen. Offenbar war sie schüchtern, denn sie sprach kaum. Trotzdem war sie oft bei den Unternehmungen der Clique dabei. Nie hatte ich auch nur drei Sätze mit ihr gewechselt, und doch fragte ich mich, was wohl mit ihr geschehen war.

Nichts Gutes, das fühlte ich.

Vielleicht wollte sie ja wirklich nur von ihrer herrischen Mutter weg, versuchte ich mich selbst zu beruhigen. Doch irgendwie konnte ich das nicht wirklich glauben. Tracey erschien mir nicht wie jemand, der einfach Hals über Kopf verschwand.

„… Gabriel Alerter zuletzt gesehen!“

Wie durch einen Nebel hindurch hörte ich diesen Namen. Und schlagartig versuchte ich dem Gespräch wieder zu folgen. Erwartungsvoll und neugierig beugte ich mich vor, während ich Daves schweren Arm immer noch im Nacken spürte.

„Wie bitte? Was sagtest du eben?“, stoppte ich Derricks Redefluss. Verdutzt schaute er mich an. Offenbar hatte meine Unterbrechung ihn etwas aus dem Konzept gebracht.

Eve schüttelte den Kopf, dass ihre langen Ohrringe klimperten.

„Sarah, kannst du nicht einmal richtig zuhören?“, tadelte sie mich. „Derrick erzählte eben, dass man Gabriel Alerter als Letztes mit ihr gesehen hat. Und zwar ganz in der Nähe von Longfellow Garden.“ Unwillkürlich senkte Eve die Stimme und sprach leiser.

Longfellow Garden war ein altes, verwildertes Grundstück am Rande der Stadt. Allerlei Geschichten und Schauermärchen rankten sich darum. Und niemand wagte es, es zu betreten.

Dave beugte den Kopf zu mir herunter.

„Longfellow Garden! Wie wäre es mal mit einem Mitternachtstrip dorthin?“

„Bestimmt nicht!“, wehrte ich ab.

„Komm schon, Baby! Das wäre doch der absolute Kick. Unser gemeinsames erstes Mal wäre damit unvergesslich …“, flüsterte Dave mir ins Ohr. Nicht schon wieder, dachte ich und schüttelte unwillig den Kopf. In letzter Zeit bedrängte Dave mich oft, „es“ doch endlich zu tun. Aber ich wollte nicht, konnte mir sogar immer weniger vorstellen, dass mein erstes Mal ausgerechnet mit Dave stattfinden sollte.

„Jetzt nicht“, wimmelte ich ihn ab. „Da sprechen wir später drüber.“

Aber es war nicht Longfellow Garden, das meine Aufmerksamkeit erregt hatte. Sondern Gabriel Alerter.

Der wohnte nämlich seit einigen Wochen in der Nachbarschaft, genau im Haus nebenan. Allein, wie man vermutete. Es wurde gemunkelt, dass seine Eltern im Ausland arbeiteten.

Gabriel sah äußerst gut aus. Groß, sportliche Figur, aber nicht so übertrieben muskulös wie Dave und seine Footballfreunde. Gabriel war ein Einzelgänger. Aber nicht, weil er gemieden wurde. Die Jungs an der Schule wären gern mit ihm befreundet, und die Mädchen himmelten ihn an. Er war freundlich zu jedem, blieb aber meist etwas reserviert und häufig auch für sich allein.

Mein Herz machte jedes Mal einen Hüpfer, wenn ich ihn traf. Aber er hatte mich bisher nie wirklich beachtet. Was nützte es da, dass ich zum beliebtesten Mädchen der Schule gewählt worden war?

Ich träumte noch eine Weile vor mich hin. Als Derrick und Jason begannen, sich Trinkhalme in die Ohren und Nasenlöcher zu stecken, reichte es Lisa offenbar. Sie schob sich an Eve vorbei, griff nach ihrer Jacke und sagte: „Leute, ich muss los! Babysitten. Meine Eltern wollen in die Spätvorstellung ins Kino.“

Das war meine Chance! Ich schob Daves Arm von mir und erhob mich ebenfalls.

„Ich hau jetzt auch ab.“

Eve starrte mich entgeistert an. „Das kann nicht dein Ernst sein, oder? Es fängt doch gerade an, aufregend zu werden.“ Dabei warf sie einen schmachtenden Blick in Derricks Richtung, der rot bis in die Haarspitzen wurde.

Ich blieb hart. „Nein, ich bin müde. Bleib, oder komm mit. Mir ist’s eins.“

Eve verdrehte die Augen.

„Ach Sarah, sei doch kein Spielverderber! Du weißt genau, dass ich nicht nach dir nach Hause kommen darf. Mom und Dad würden durchdrehen.“

Ich konnte mir ein triumphierendes Lächeln nicht verkneifen. Unsere Eltern hatten eine simple Regel aufgestellt. Eve musste spätestens mit mir zu Hause eintreffen. Kam sie später, weil sie wieder kein Ende finden konnte, setzte es Hausarrest. So musste sie sich ihrer vernünftigen Schwester unterordnen und konnte nicht über die Stränge schlagen. Eve traute sich nicht, noch einmal gegen diese Regel zu rebellieren. Zweimal schon hatte sie einen ganzen Monat lang nicht vor die Tür gedurft. Eine schlimme Strafe für ein Partygirl wie Eve.

Schmollend stand sie ebenfalls auf und verschränkte die Arme abwehrend vor dem Körper. Ich wollte mich von Dave verabschieden und beugte mich zum unvermeidbaren Kuss hinunter. Doch er sprang ebenfalls auf und erklärte mit gewichtiger Miene, dass er doch die hübschesten Mädchen der Stadt nicht allein nach Hause gehen lassen könne. Aus dem Augenwinkel beobachtete ich Lisa, die sich mit geschürzten Lippen abwandte. Sie konnte Dave nicht besonders leiden, wie ich wusste. Ich unterdrückte ein Grinsen. Lisa hatte nie verstehen können, warum ich mit Dave ging. Ihrer Meinung nach, war es „ein großer Fehler von mir“, mit ihm zusammen zu sein.

Dave bot mir und Eve seinen Arm an. Sofort strahlte Eve ihn an, als wäre er Superman. Sie hängte sich an seinen Arm und säuselte, wie toll es doch wäre, wenn ein solcher Held wie Dave sie sicher nach Hause geleiten würde. So ersparte er uns ein ähnlich schreckliches Schicksal, wie Tracey es erlitten hatte.

Ich war genervt.

„Du weißt doch gar nicht, was mit Tracey ist!“, fauchte ich sie an.

Eve lächelte gekünstelt und winkte Derrick und Jason zum Abschied. Sie blieb mir eine Antwort schuldig, wofür ich fast dankbar war.

An diesem Tag übertrieb Eve es gewaltig. Ich würde bei Gelegenheit mit ihr darüber sprechen müssen. Aber jetzt wollte ich nur noch nach Hause. Vor der Tür des „50’s“ verabschiedete sich Lisa. Sie umarmte mich und flüsterte mir zu: „Viel Spaß noch mit Dumm und Dümmer!“

Ich lachte.

„Ach, komm“, flüsterte ich zurück. „So dumm ist Eve doch gar nicht!“

„Stimmt“, erwiderte Lisa. „Aber Dave!“ Sie zwinkerte mir zu und lief zu ihrem Auto.

Der Nachhauseweg gestaltete sich genauso nervtötend wie der ganze Abend. Eve säuselte etwas davon, wie viel sicherer sie sich nun fühlte, und Dave prahlte, dass wir in seiner Gegenwart nichts zu befürchten hätten. Zum Glück mussten wir nur noch drei Straßen weiter gehen. Wir erreichten unser Zuhause, Eve ließ Daves Arm los, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn auf die Wange.

„Danke, dass du uns nach Haus gebracht hast!“, säuselte sie und zwinkerte ihm neckisch zu. Mir warf sie ein wissendes Lächeln zu und verschwand im Inneren des Hauses. Ich wollte ihr schnell folgen, doch Dave hielt mich zurück und zog mich fest an sich.

Plötzlich fühlte ich mich sehr unbehaglich. Dave umklammerte meinen Körper, so dass ich mich wie in einem Schraubstock fühlte.

„Baby“, flüsterte er dicht an meinen Lippen. „Du wirst dich doch noch bei mir bedanken wollen, oder?“

Heiß strich sein Atem über mein Gesicht, und verzweifelt versuchte ich mich aus seiner Umklammerung zu befreien.

„Dave, du erdrückst mich noch.“

Voller Verzweiflung stemmte ich beide Hände gegen seine Brust. Der Panik immer näher, spürte ich, wie Dave die Hand unter meine Jacke und mein T-Shirt wandern ließ. Ich wehrte mich verzweifelter.

Ich wollte nicht! Warum kapierte Dave das nicht? Seine Lippen schienen sich an mir festzusaugen. Ich wehrte mich immer verzweifelter, doch gegen Dave hatte ich keine Chance. In dem Moment knallte laut eine Autotür zu. Erschrocken blickte Dave sich um und lockerte in diesem Moment seinen Schraubstockgriff. Ich nutzte die Chance und drückte ihn weg von mir.

„Lass mich los, Dave!“ Ich wunderte mich über mich selbst. Meine Stimme klang laut, entschlossen und energisch. Endlich rückte Dave von mir ab.

Ich blickte in sein vom Verandalicht beschienenes Gesicht, das stark gerötet war. Zornig blitzten seine Augen auf.

„Was soll das, Sarah?“, fragte Dave. „Ständig hältst du mich hin! Wir sind seit einer Ewigkeit zusammen, und du lässt mich am ausgestreckten Arm verhungern! Ich lass mir das nicht mehr lange bieten. Es gibt genug Mädchen, die auf mich stehen.“ Dabei hielt er mir seinen ausgetreckten Zeigefinger vors Gesicht.

Ich war sprachlos. Drohte er mir etwa? Ich traute meinen Ohren kaum. Einen Augenblick starrte ich ihn nur an. Dann zwang ich mich dazu, ruhig und beherrscht zu antworten. „Dann such dir doch ’ne Neue!“

Ich nutzte seine Verblüffung aus, öffnete schnell die Tür und schlüpfte ins Haus hinein. Mit offenem Mund blickte Dave mir hinterher. Gerade wollte ich über seinen Gesichtsausdruck kichern, als plötzlich meine Schwester vor mir stand. Wütend funkelte Eve mich an. „Was soll das, Sarah?“

Insgeheim verdrehte ich die Augen. Fiel den Leuten denn keine andere Frage ein, wenn sie mit mir sprachen?

„Wie gehst du mit Dave um?“

Erstaunt verschränkte ich die Arme vor der Brust.

„Was geht dich das denn an?“, fragte ich sie.

Eves ganze Haltung drückte Empörung aus. Ich beugte mich zu ihr vor und stützte beide Hände in die Seiten.

„Hast du etwa gelauscht?“, fragte ich meine kleine Schwester. Leicht beschämt blickte Eve zu Boden.

Ich beschloss, ihr reinen Wein einzuschenken.

„Na, dann sollte dir wohl auch nicht entgangen sein, dass Dave mich begrapscht hat. Und ich wollte nicht von ihm angefasst werden, was er aber ignoriert hat!“

Eve verzog abschätzig den Mund.

„Nun hab dich mal nicht so! Ihr seid eine Ewigkeit zusammen. Du musst nicht ständig die eiserne Jungfrau spielen.“

Sie wollte es nicht kapieren. Ich war es leid und wollte nur noch ins Bett. Also winkte ich ab und begann die Treppe hochzusteigen.

„So wirst du Dave nicht halten können! Er sucht sich bestimmt bald ’ne Neue“, rief Eve mir nach.

Ich ging ungerührt weiter hinauf. Es hatte keinen Zeck mit Eve zu diskutieren, wenn sie in dieser Stimmung war. Aber einen Kommentar konnte ich mir nicht verkneifen und murmelte genau so laut, dass sie mich hören konnte: „Vielleicht will ich ihn ja gar nicht halten!“

Ohne eine Erwiderung abzuwarten, lief ich die letzten Stufen hoch, in mein Zimmer hinein und warf erleichtert die Tür hinter mir zu. Ich schaltete die Nachttischlampe an, setzte mich auf die Bettkante und stützte die Stirn in die Hände.

Eigentlich hatte ich Eve nur provozieren wollen, doch wenn ich ehrlich zu mir selbst war, steckte sehr viel Wahrheit in dem letzten Satz. Es war Zeit, mir selbst einzugestehen, dass die Beziehung zu Dave längst am Ende war. Auch wenn jeder versuchte, mich davon zu überzeugen, dass wir beide doch ein Traumpaar waren. Alle – außer Lisa. Lisa kannte mich eben doch am besten. Schließlich waren wir auch schon ewig befreundet.

Dave und ich sind kein Traumpaar, eher ein Albtraumpaar, entschied ich und stand vom Bett auf. Langsam ging ich zum Fenster hinüber und blickte in den Garten hinab. Nach kurzer Zeit hatten sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt.

Voller Sehnsucht blickte ich zum Nachbarhaus hinüber. Doch an diesem Abend waren die Fenster dunkel, und ich wollte gerade enttäuscht die Vorhänge zuziehen, als ich plötzlich aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm. Ganz dicht bei den Büschen, die sich zwischen unserem Grundstück und dem von Gabriel Alerter befanden.

Ich drückte mein Gesicht an die Scheibe und kniff konzentriert die Augen zusammen, versuchte zu erkennen, was sich da eben bewegt hatte. Eine große Gestalt verschwand in den Schatten. Dann blieb alles ruhig, und nichts rührte sich mehr.

Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es sich um ein Tier gehandelt hatte. Der Größe und den Umrissen zufolge war es eher ein Mensch gewesen.

Ein Gedanke erschreckte mich. War das etwa Dave, der unter meinem Zimmerfenster herumlungerte? Wütend zog ich die Vorhänge zu. Das grenzte ja an Stalking! Gleich am folgenden Tag würde ich die Beziehung beenden. Mein Entschluss stand fest!

2. KAPITEL

Im Biologieunterricht machte ich mir nicht mal mehr die Mühe zuzuhören. Es war zwecklos. Die Gedanken wirbelten nur so in meinem Kopf durcheinander und glichen einem Sturm über dem Meer. Dunkel blitzten hier und dort Erinnerungsfetzen auf.

Dave, der mich umwarb und mir schmeichelte. Wir beide auf der Party nach dem letzten Auswärtsspiel. Unsere Freunde, die immer wieder beteuerten, wie toll wir zusammenpassten. Die uns prophezeiten, dass wir Abschlussballkönig und – königin werden würden. Und dann wieder der Dave, der mich so mit seinem protzigen Gehabe nervte, für das ich mich immer wieder schämen musste. Mittlerweile war es mir ein Rätsel, wie ich mich in jemanden wie ihn hatte verlieben können.

Wenn ich es so betrachtete, hatten wir eigentlich nie wirklich zueinander gepasst.

Müde rieb ich mir die Augen. In der vergangenen Nacht hatte ich so gut wie überhaupt nicht geschlafen. Hin und her hatte ich mich gewälzt. Nachdem der Ärger über Daves zudringliches Verhalten abgeklungen war, hatten die Grübeleien begonnen. Kurz bevor der Wecker klingelte, hatte sich mein Entschluss gefestigt.

Ich würde mich von Dave trennen!

Die ruhelose Nacht hatte mir Kopfschmerzen beschert, die auch unter der heißen Dusche nicht weichen wollten. Zum Glück waren Mom und Dad schon außer Haus, als ich etwas verspätet zum Frühstück heruntergekommen war. Eve, die offenbar immer noch böse mit mir war, verließ in vorwurfsvollem Schweigen die Küche, als ich diese betrat. Okay, mir sollte das nur recht sein. Ihr Geplapper hätte meine Kopfschmerzen wohl nur noch verstärkt.

„Sarah?“

Ich schreckte aus meinen Gedanken hoch. Mr Cohen, der Biologielehrer, sah mich verwundert und auch leicht genervt an.

„Was ist los mit dir? Ich habe dich jetzt dreimal angesprochen, und du hast nicht reagiert.“

Ich spürte, wie ich errötete.

„Es tut mir leid, Mr Cohen. Aber ich habe fürchterliche Kopfschmerzen heute“, versuchte ich mich bei ihm zu entschuldigen.

Mr Cohen schüttelte den Kopf.

„Nun, Sarah, dann solltest du vielleicht zur Krankenschwester gehen und dich für heute freistellen lassen.“

Ein verlockender Gedanke! Einfach nach Hause gehen, ins Bett fallen und schlafen. Die Begegnung mit Dave aufschieben. Nur kurz focht ich einen inneren Kampf aus.

Nein. Entschlossen schüttelte ich den Kopf. Ich würde nicht vor meinen Problemen davonlaufen.

„Danke, Sir. Aber ich werde bleiben.“

Und mich nachher von Dave trennen, fügte ich in Gedanken hinzu.

„Dann reiß dich jetzt bitte zusammen, und folge dem Unterricht, Sarah!“

Damit wandte er sich wieder der Klasse zu. Seine Stimme und sein Gesichtsausdruck wurden, falls dies überhaupt möglich war, noch ernster.

„Wie ihr sicher alle wisst, ist eure Mitschülerin Tracey seit einigen Tagen verschwunden. Die Polizei ermittelt bereits in dieser Sache und bittet darum, sich zu melden, wenn jemand einen Hinweis geben kann, wo sie sich aufhält.“

Mr Cohen schluckte und stützte sich auf die Stuhllehne.

„Ein Verbrechen ist nicht sehr wahrscheinlich, aber auch nicht auszuschließen. Deshalb achtet bitte darauf, euch möglichst nicht allein in ruhigen Gegenden herumzutreiben. Und falls euch etwas Ungewöhnliches auffällt, wendet euch an jemanden, dem ihr vertraut.“

In der Klasse war es still, und doch schauten die meisten meiner Mitschüler eher gelangweilt aus. Was sollte schon passiert sein? Ein Verbrechen in unserer ruhigen Gegend? Nein, das konnte sich niemand vorstellen. Hier kannte jeder jeden.

Trotzdem hatte ich ein mulmiges Gefühl, was Tracey betraf, doch schob ich den Gedanken an sie weit weg. Ich hatte meine eigenen Probleme zu lösen.

Als endlich die erlösende Schulklingel ertönte, war ich unschlüssig. Sollte ich in die Cafeteria gehen, so wie immer? Und dabei Dave begegnen? Ich wollte auf keinen Fall vor allen anderen mit ihm Schluss machen. Lieber wollte ich in Ruhe mit ihm sprechen. Immerhin war ich ihm eine Erklärung schuldig. Aber ich hatte auch keine Lust dazu, an seiner Seite die verliebte Freundin zu mimen.

Also beschloss ich, nach draußen zu gehen und meine Pause in einer ruhigen Ecke des Schulgeländes zu verbringen. Mit Dave würde ich nach seinem Footballtraining sprechen.

Mit hastigen Schritten, um nicht noch von jemandem aufgehalten zu werden, näherte ich mich einer kleinen Bank im Schatten einer großen Eiche. Hier würde ich die Pause ungestört verbringen können. Das hatte ich in der Vergangenheit schon häufiger getan. Selten verirrte sich ein Mitschüler oder Lehrer an diesen abgelegenen Platz.

Doch an diesem Tag war alles anders. Enttäuscht bemerkte ich, dass bereits jemand auf meiner Lieblingsbank Platz genommen hatte.

Ich wollte mich gerade abwenden, als ich die Person erkannte. Mein Herz setzte für einen Schlag aus, um dann wie verrückt in meiner Brust zu hämmern, dass mir der Atem stockte.

Gabriel Alerter!

Ich zögerte, meine Füße wurden bleischwer. Was sollte ich tun? Weitergehen? Weglaufen? So tun, als hätte ich ihn nicht bemerkt?

Unschlüssig starrte ich ihn einfach nur an. Bisher hatte er mich noch nicht entdeckt. Er saß nur da, die Unterarme auf seine Oberschenkel gestützt, und blätterte in einem Buch. Strähnen seines dunklen Haares fielen ihm in die Stirn.

Bevor ich eine Entscheidung treffen konnte, schienen meine Füße einen eigenen Willen zu entwickeln. Entschlossen schritten sie weiter auf ihn zu. Kurz vor ihm blieb ich stehen und holte tief Luft.

„Hallo“, krächzte ich. Langsam hob Gabriel den Kopf und blickte mich aus seinen steingrauen Augen verwundert an.

„Hallo, Sarah“, antwortete er, und seine Stimme klang verführerisch tief und seidig. Ich erschauerte.

Er kannte meinen Namen!!! Innerlich jubilierte ich.

Ich schluckte und deutete auf den Platz neben ihm.

„Darf ich mich setzen?“, brachte ich mühsam heraus.

Gabriel zögerte kurz und warf einen Blick hinter mich, Richtung Schulgebäude. Dann nickte er.

Ich war froh, als ich saß. Meine Knie hätten sonst unter mir nachgegeben. Verlegen blickte ich zu Boden. Das Schweigen zwischen uns zog sich in die Länge.

Mein Herz klopfte wie verrückt. Was konnte ich nur zu ihm sagen? Meine geheimsten Träume wurden wahr. Er saß neben mir, kannte sogar meinen Namen. Ich konnte doch nicht weiter schweigen, was sollte er denn nur von mir denken? Vielleicht hätte ich mir doch einen anderen Platz für die Pause suchen sollen.

„Wie kommt es, dass du heute nicht in der Cafeteria bei deinen Freunden bist?“

Gabriels Worte drangen wie aus weiter Ferne zu mir durch. Ich blickte ihn von der Seite an. Aus der Nähe sah er noch umwerfender aus. Neugierig schaute er mir direkt in die Augen.

„Na ja, ich weiß nicht so genau.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Ich wollte nur meine Ruhe haben.“ Selbst in meinen Ohren klang die Ausrede fad. Aber Gabriel schien zu verstehen, dass ich nicht weiter darüber sprechen wollte. Er lächelte mir zu, und mit einem Mal fühlte ich mich großartig. Ich wusste, dass ich in den letzten Stunden die richtige Entscheidung getroffen hatte. Bald würde ich frei von Dave sein. Und ich würde anfangen, ich selbst zu sein.

Als ein warmer Sonnenstrahl die Wolkendecke durchbrach, fühlte ich mich plötzlich geradezu übermütig. Ich lächelte. Es war wie eine Befreiung.

„Wie gefällt es dir hier in der Stadt und an unserer Schule, Gabriel?“, fragte ich ihn. Allein seinen Namen auszusprechen fühlte sich fantastisch an. Er prickelte auf meiner Zunge, und am liebsten hätte ich ihn immerzu wiederholt. Gabriel, Gabriel …

Gabriel musterte mich aus zusammengekniffenen Augen. Anscheinend war ihm mein Stimmungsumschwung nicht entgangen. Dann lächelte er und lehnte sich zurück.

„Es ist sehr schön hier. Und alle sind sehr nett zu mir.“

Munter plauderten wir weiter über Mitschüler und gemeinsame Lehrer, bis die Schulklingel uns an das Ende der Pause erinnerte. Hastig sprang ich auf und griff nach meiner Tasche. Dabei war ich allerdings so ungeschickt, dass ich ins Straucheln kam und beinah der Länge nach hingeschlagen wäre, doch Gabriel handelte blitzschnell. Er umfasste meine Taille und hielt mich aufrecht. Mit der rechten Hand griff er nach meiner und hielt mich so lange fest, bis ich mein Gleichgewicht wiedergefunden hatte. Dann nahm er den Arm weg, hielt aber weiterhin meine Hand. Ich war komplett verwirrt. Seine warme Hand fühlte sich unglaublich gut an. Meine Haut begann zu kribbeln. Ich schaute hoch in seine Augen und ertrank in den unglaublich meergrauen Tiefen.

Leicht amüsiert erwiderte Gabriel meinen Blick. Und ich zwang mein Gehirn dazu, wieder zu funktionieren. Verlegen räusperte ich mich und trat einen Schritt zurück. Wenn ich einen klaren Kopf bekommen wollte, musste ich Gabriels Gegenwart entfliehen. Als hätte er meine Gedanken erraten, vertiefte sich sein Lächeln. Langsam ließ er meine Hand los, was ich augenblicklich bedauerte. Es hinterließ ein Gefühl der Leere in mir.

Mit zittriger Stimme bedankte ich mich bei ihm.

„Danke. Ich muss jetzt los.“

Dann winkte ich ihm kurz zu und lief auf das Schulgebäude zu.

Als ich allein den Englischraum betrat, lag ein breites Lächeln auf meinem Gesicht. Meine Kopfschmerzen waren wie weggeblasen. Ich konnte das Ende des Schultags kaum abwarten und wollte unbedingt mit Dave sprechen.

Er würde einsehen, dass wir einfach nicht zusammenpassten und es für uns beide besser wäre, wenn wir getrennte Wege gingen. Ja, so träumte ich vor mich hin, wir könnten einfach weiterhin befreundet bleiben.

Doch das war ein gewaltiger Irrtum, wie ich später schmerzlich erkennen musste!

3. KAPITEL

Die restlichen zwei Unterrichtsstunden vergingen nur quälend langsam. Wieder konnte ich mich nicht auf den Unterrichtsstoff konzentrieren – beseelt von dem einen Wunsch, klare Fronten zu ziehen und mein neues, besseres Leben zu beginnen.

Visionen von Gabriel und mir als Paar zogen vor meinem inneren Auge vorbei und ließen mich lächeln.

Natürlich würde ich mit Dave befreundet bleiben. Bald würden wir gemeinsam über unseren „Wir könnten als Paar funktionieren“- Unsinn lachen können.

Ich konnte es kaum noch abwarten, ihm endlich reinen Wein einzuschenken.

Nach dem Unterricht war ich sehr nervös. Ich musste fast eine Stunde warten, bis das Footballtraining beendet war. Ich versuchte mich mit Hausaufgaben abzulenken, aber ich konnte mich partout nicht darauf konzentrieren. Wen interessierten schon Volumen und dergleichen, wenn im Liebesleben das reinste Chaos herrschte? Also schlug ich den Physikhefter zu und starrte Löcher in die Luft. Ich wollte jetzt auch nicht über Dave nachdenken. Nein, das Thema hatte sich erledigt, und ich war mir sicher, dass Dave mir nach einer gewissen Bedenkzeit sicher auch vorbehaltlos zustimmen würde. Es gab jemanden, an den ich viel lieber denken wollte.

Gabriel war wirklich fantastisch. Er sah gut aus, hatte eine angenehme Stimme. Und ich erinnerte mich daran, wie elektrisiert ich mich in seiner Nähe gefühlt hatte. In seinen Augen wollte man ertrinken.

Endlich war das Footballtraining beendet. Die ersten der Spieler strömten aus den Umkleidekabinen. Nervös erhob ich mich und hielt nach Dave Ausschau. Doch ich konnte ihn und seine besten Kumpels nicht entdecken.

„Hey, Sarah!“, rief einer aus den unteren Klassen mir zu. Bill, hieß er, wie ich glaubte.

„Wartest du auf Dave?“, rief er und kam ein paar Schritte auf mich zu. Ich nickte.

„Er und die anderen sprechen noch mit Coach Fox. Dürfte aber nicht allzu lange dauern.“

Zögernd blieb er ein paar Meter vor mir stehen.

Ich seufzte innerlich.

„Danke dir! Ich warte dann mal.“

Bill, oder wie auch immer er hieß, trat noch einen Schritt auf mich zu.

„Soll ich…“, er zögerte kurz und räusperte sich.

„Soll ich mit dir warten?“, fragte er und trat mit hoffnungsfroher Miene einen weiteren Schritt nach vorn.

Das hatte mir gerade noch gefehlt! Schnell setzte ich mich wieder auf meine Bank und wedelte mit dem Physikbuch.

„Nein, nein“, erwiderte ich hastig. „Ich hab noch Stoff durchzuarbeiten.“

Enttäuschung spiegelte sich kurz in seinem Gesicht. Doch er verstand den Wink und wandte sich ab.

„Na dann, bis später!“

Mit hängenden Schultern gesellte er sich zu seinen Kumpels, die ihn offensichtlich feixend in ihre Mitte aufnahmen.

Erleichtert, ihn so schnell losgeworden zu sein, schlug ich mein Buch auf. Ich konnte nicht riskieren, dass mich noch irgendjemand ansprach. Für das, was ich vorhatte, wollte ich so wenig Zuschauer wie möglich haben.

Meine Geduld wurde aber noch auf eine harte Probe gestellt. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis Dave mit Derrick und Jason die Umkleidekabinen verließ. Mir blieben ein paar Augenblicke Zeit, sie zu beobachten, bis sie mich bemerkten. Sie alberten herum, stießen sich gegenseitig an und lachten grölend über ihre eigenen Scherze. Insgesamt wirkten sie wirklich kindisch auf mich.

Ich stand von meinem Platz auf, und Dave sah mich. Er winkte seinen Kumpels und kam mit ausgebreiteten Armen auf mich zu.

„Baby!“

Ich hasste es, wenn er mich so nannte!

Besitzergreifend legte er die Arme um mich, und ich fühlte mich erneut wie in einem Schraubstock gefangen. Dann senkte er den Kopf, um mich zu küssen. Widerwillig drehte ich das Gesicht zur Seite, und seine Lippen trafen meine Wange.

„Hey, Baby, was ist los? Immer noch sauer wegen gestern?“

Ich stemmte beide Hände gegen seine Brust und versuchte ihn von mir wegzuschieben. Doch genauso hätte ich versuchen können, das Schulgebäude mit meinen bloßen Händen zu bewegen. Es war aussichtslos. Dave schaute von oben auf mich herab und lachte hämisch über meine unnützen Versuche.

Frustriert gab ich auf. Als hätte er nur darauf gewartet, ließ Dave mich los. Es war seine Art zu zeigen, dass er die Macht über mich hatte.

„Nun, Baby. Hattest du Sehnsucht nach mir?“, fragte er.

Ich ging ein paar Schritte, um etwas Abstand zwischen uns zu bringen.

„Dave, wir müssen reden!“, sagte ich. Es ärgerte mich etwas, wie unsicher meine Stimme klang. Mein Kopf war auf einmal wie leer gefegt. All die schönen Argumente, warum wir nicht zusammenpassten und uns in Freundschaft trennen sollten, waren weg. Verschwunden.

Komm schon, Sarah, ermahnte ich mich selbst.

„Dave, wir sollten uns trennen!“, platzte ich heraus.

Er starrte mich an. Kurz zuckte es in seinem Gesicht, als ob er lachen wollte. Dann verkrampften sich seine Züge und erschlafften schließlich. Ein ganzes Kaleidoskop von Gefühlen zeichnete sich in diesem Moment in seiner Miene ab. Es wäre fast komisch gewesen. Fast, denn als Letztes, war auf seinem Gesicht blanke Wut abzulesen. Sein gesamter Körper spannte sich an und beugte sich leicht zu mir. Seine Hände ballten sich zu Fäusten. Die Augen blitzten unheilvoll. Angst schnürte mir die Kehle zu.

Blitzschnell war Dave bei mir und packte mich bei den Oberarmen. Schmerzhaft drückten seine Finger sich in mein Fleisch. Erschrocken schrie ich auf. Sein Gesicht war meinem so nah, dass ich seinen nach Bier stinkenden Atem riechen konnte. Offensichtlich hatten er und seine Kumpels sich nach dem Training noch ein Bier gegönnt.

Unsere Nasenspitzen berührten sich fast.

„Du willst Schluss machen?“

Ich hatte Panik. Wütend funkelte er mich an. In seinen Augen blitzte der Wahnsinn.

Dann begann er mich zu schütteln, dass mein Kopf hin und her gerissen wurde und meine Zähne hörbar aufeinanderschlugen.

„Denkst du, ich weiß nichts von deinem Stelldichein mit Alerter? Ihr wurdet gesehen. Und jetzt willst du mich abservieren?“

Wieder schüttelte er mich durch. Vor Angst blieb mir fast die Luft weg. Dave war rasend vor Zorn. Sein Gesicht glich einer wutverzerrten Maske, und seine Hände krallten sich noch fester in meine Oberarme.

Du willst mich verlassen? Weißt du nicht, wer ich bin?“

Drohend löste er eine Hand von meinem Oberarm und holte aus. Ich begriff, dass er mich schlagen würde, und zog den Kopf ein. Schloss meine Augen in Erwartung des unweigerlich kommenden Schlages.

Dann fühlte ich, wie Dave von jemandem weggezogen wurde. Derrick und Jason hielten je einen von Daves Armen fest. Beide brauchten dazu offensichtlich ihre ganze Kraft.

„Hey, beruhige dich, Alter!“

Dave gebärdete sich wie ein Verrückter. Ich taumelte, wurde jedoch aufgefangen und in eine Umarmung gezogen. Eve.

Kurz fragte ich mich, was sie hier zu suchen hatte, wurde jedoch schnell von Daves Beschimpfungen abgelenkt.

„Du verdammte Hure …“

Schnell zog Eve mich in die entgegengesetzte Richtung, weg von diesem Irren. Kaum waren wir um die Ecke, da war es um mich geschehen. Ich zitterte, konnte keinen Schritt mehr tun. Meine Beine gaben unter mir nach, und ich sackte trotz Eves Bemühungen, mich auf den Beinen zu halten, in mich zusammen. Tränen liefen mir übers Gesicht, und ich fing haltlos zu schluchzen an.

Was war da nur passiert? Wieso war Dave dermaßen ausgetickt?

Eine Weile schluchzte ich und hielt mir die Hände vor die Augen. Dann spürte ich, wie Eve mir auf die Schulter tippte, und blickte auf. Stumm hielt sie mir ein Kleenex hin, das ich dankbar annahm.

„Nun komm. Lass uns nach Hause gehen.“

Notdürftig wischte ich mir die Tränen ab und rappelte mich mühsam auf.

Insgeheim war ich von Eves Feinfühligkeit und Hilfe überrascht, aber auch sehr froh, nicht allein zu sein.

Auf dem Nachhauseweg ließ sie mich in Ruhe. Ich fühlte mich wie in Trance.

Erst als wir vor unserer Haustür standen, bemerkte ich, wie lange wir unterwegs gewesen waren. Erschöpft und heilfroh, wieder zu Hause zu sein, trat ich ein. Achtlos ließ ich meine Tasche fallen und ging in die Küche. Dort sank ich auf einen Küchenstuhl und stützte den Kopf in beide Hände.

Erst nach einer Weile bemerkte ich, dass meine Schwester Eve an den Türrahmen gelehnt dastand und mich mit undurchdringlichem Blick musterte.

„Hey“, sagte ich und lächelte sie an. „Gut, dass du da warst. Ich danke dir!“

„Bist du eigentlich bescheuert?“, fuhr Eve mich an.

Ich war total verdattert. Was war denn in sie gefahren?

„Du trennst dich von Dave? Er ist das Beste, was dir passieren konnte! Weißt du denn nicht, wer er ist?“

Ich verdrehte die Augen. Nicht noch eine, die Daves Bedeutung dermaßen überschätzte.

„Du blöde Kuh machst alles nur kaputt!“

Wütend stürmte Eve hinaus, und laut knallend fiel die Haustür hinter ihr ins Schloss.

Ich legte den Kopf auf meine verschränkten Arme auf der Küchentischplatte und schloss die Augen.

Heute war definitiv nicht mein Tag!

4. KAPITEL

Unruhig tigerte ich im Haus umher. Es war zu still, zu leer. Aber vor allem zu beengt, als dass ich meinen Bewegungsdrang hätte befriedigen können. Eine Idee machte sich in meinem Kopf breit, und noch ehe ich diese in Frage stellen konnte, schlüpfte ich in meine Sporthose und zog ein kurzärmliges T-Shirt und Joggingschuhe an. Die Haare band ich zu einem Pferdeschwanz zusammen und rannte zur Haustür raus. Ich schlug eine schnelle Gangart an, lief an den letzten Häusern unseres Wohnortes vorbei in Richtung Wald.

In Anbetracht der Tatsache, dass gerade ein Mädchen verschwunden war, war dies sicher nicht sehr klug. Doch ich musste mich einfach etwas bewegen und meine Gedanken ordnen. Ich hatte Sehnsucht nach der Ruhe und Stille meines Lieblingsplatzes.

Nachdem ich die letzten Häuser hinter mir gelassen hatte, lief ich in gleichmäßigem Rhythmus den Feldweg Richtung Wald entlang. Die Sonne brannte heute heftig vom Himmel, und so war ich froh, als die Schatten und die Kühle des Waldes mich umfingen. Ich liebte den Wald. Hier war es still, die einzigen Geräusche waren natürlichen Ursprungs. Das Zwitschern der Vögel, das Knacken im Unterholz. Dazu meine regelmäßigen Schritte auf dem weichen Waldboden und mein unregelmäßiger gehender Atem.

Es dauerte nicht lange, und in meinem Kopf klärte sich alles wieder etwas. Ich konnte alles Unerfreuliche ausblenden und konzentrierte mich ganz auf den Rhythmus meiner schnellen Schritte.

Viel zu schnell für meinen Geschmack erreichte ich schließlich meine Lieblingsstelle. Dies war mein privater Rückzugsort.

Am Rande eines kleinen Baches, umsäumt von Bäumen und Gebüschen, gab es einen großen, nach oben hin abgeflachten Stein. Man saß äußerst bequem darauf. Das leise Plätschern des Wassers und das Rauschen des Windes in den Baumwipfeln wirkten sehr beruhigend. Durch Zufall hatte ich einige Jahre zuvor diesen magisch anmutenden Ort gefunden. Ich war beim Joggen quasi darüber gestolpert.

Nun ja, nicht über den Platz, aber über eine Baumwurzel. Und als ich auf dem weichen Waldboden lag, hatte ich das dahinfließende Wasser gehört. Neugierig war ich dem Geräusch gefolgt.

Seitdem hatte ich viele Stunden hier verbracht. Immer dann, wenn ich Ruhe brauchte.

Ich hatte noch nie jemandem davon erzählt.

Seufzend setzte ich mich auf den Stein. In der Mitte gab es eine natürliche Mulde, in der man sich wunderbar niederlassen konnte. Im Schneidersitz ließ ich den Blick schweifen und schaute über den Bach hinweg in den Wald hinein. Kurz schloss ich die Augen und atmete tief den würzigen Waldgeruch ein. Was war heute nur alles passiert! Ich dachte an die mit Gabriel verbrachte Pause, und ein Lächeln stahl sich in mein Gesicht. Er war großartig! Gut aussehend, ja. Aber das waren andere auch. Was fesselte mich nur so an ihm? Ich wusste es nicht. Erinnerte mich aber, wie gut ich mich in seiner Gegenwart gefühlt hatte. An das Kribbeln, dort, wo unsere Körper sich berührten.

Wann würde sich wieder eine Gelegenheit zu einem Gespräch ergeben? Vielleicht sollte ich am folgenden Tag einfach in der Pause wieder zu dieser Bank gehen? Ja, das sollte ich! Auf jeden Fall!

Doch kaum hatte ich diesen Entschluss gefasst, erinnerte ich mich daran, dass Dave von meiner Begegnung mit Gabriel erfahren hatte. Wie konnte das nur sein? Wer hatte uns dort beobachtet?

Und überhaupt – Dave!

Was war nur in ihn gefahren? Sicher, ich hätte mir denken müssen, dass er von einer Trennung nicht begeistert sein würde. Ja, ich war unglaublich naiv gewesen, zu glauben, wir könnten uns in Freundschaft trennen. Sehr naiv!

Aber dass Dave derart austickte und mich sogar angriff, das war ...

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