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MYSTERY BAND 354

2 Romane von

Paige Thompson

Verfluchter Engel

Da ist sie wieder! Engel Raphael spürt die Anwesenheit der Menschenfrau, ihre warme Hand, die sich auf die steinerne Säule legt, in der er gefangen ist. Aber er spürt noch etwas anderes: Das entsetzlich Böse des Dämonen Baal. Wenn die schöne Frau sich nur wünschen würde, dass er lebendig wird – dann könnte er gegen den Dämonen kämpfen …

Brennender Dämon

Entsetzt wendet Iris sich ab: Die Dämonin Lilith badet ekstatisch in Blut … Es muss einen Weg geben, sie auf ewig in die Hölle zu verbannen! Ein Blutsiegel auf Liliths Stirn könnte die Lösung sein. Aber Iris braucht Hilfe – und erhält sie von Raphael. Der gefallene Engel, der sie einst liebte, den sie jetzt hasst, und von dem sie immer noch träumt …

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Verfluchter Engel

PROLOG

Ewigkeit. Das ist für alle Sterblichen nur ein Wort. Es bedeutet ihnen nichts, sie begreifen es nicht und sie fürchten es nicht. Für Raphael aber war die Ewigkeit alles. Sie war alles, was er noch hatte.

Kalter harter Marmor schloss sich um seinen Körper und presste ihn zusammen. Der Stein zerdrückte einen Leib, den Raphael eigentlich nicht hatte, nahm ihm Luft, die er eigentlich nicht brauchte, und trieb Tränen in Augen, die vorher nie geweint hatten. Raphael weinte tagaus, tagein, jahraus, jahrein … Inzwischen waren es Jahrhunderte, nein ein ganzes Jahrtausend, in denen seine Tränen den Marmor tränkten.

Es war kein Schluchzen oder Wimmern, das ihn durchrüttelte. Leise perlte Träne für Träne von etwas ab, das Menschen wohl Wimpern nennen würden. Menschen. Raphael lachte bitter auf. Sie hatten Worte für alles, sogar für Gefühle, aber von der Ewigkeit verstanden sie nichts. Sie hatten kein Recht, dieses Wort zu benutzen, es auf ihre Zungen zu legen und zu schmecken, als verstünden sie.

Raphael bereute. Er empfand tiefe und ehrliche Reue, und würde das für immer tun. Bis in alle Ewigkeit, vor allem bis in seine eigene. Und Raphael wusste, wovon er sprach, wenn er dieses Wort wählte.

Alles schmerzte. Sein Inneres wurde zerrissen von der Erinnerung an seine Taten, sein Äußeres zerquetscht vom allgegenwärtigen Stein. Aber wären der Schmerz und die Tränen nicht, Raphael wäre selbst schon zu Stein geworden. An Härte konnte er es mit dem Marmor inzwischen aufnehmen; er war verbittert genug.

Leises Gemurmel brach sich jetzt durch den Marmor an Raphaels Ohr. Sie kamen, die Hoffnungsvollen, die Verzweifelten, die Unwissenden … Sie kamen alle, um zu beten. Sie sprachen Worte, um sich selbst und einander Trost zu spenden.

In Ewigkeit. Amen.

Sie hatten wirklich keine Ahnung.

1. KAPITEL

„Irgendwann zieh ich nach Kalifornien“, sagte Belinda knurrend und legte eine schmale Packung rote Lakritzstangen auf die Ausgabe der Vogue. Sie trug Handschuhe mit nur halben Fingern und rieb ihre Hände aneinander, während sie einem kleinen Blecheimer einen Stoß mit dem Fuß gab, sodass er in die hintere Ecke des Kiosks rutschte. „Da regnet’s schon wieder rein.“

Iris lachte und öffnete die Lakritzstangen. „Ach, ich mag das irgendwie.“

Belinda verengte die Augen zu Schlitzen. „Mädchen, du magst ja auch rotes Lakritz.“

Genüsslich biss Iris ein Stück von ihrer Stange ab und nickte. Sie schob ihre große schwarze Brille zurück auf die Nase und legte etwas Kleingeld auf den Tresen. „Kalifornien ist heiß und wird zudem überbewertet. Regen ist doch irgendwie herrlich. Ich finde das romantisch.“

„Romantisch?“ Belinda nahm einen Schluck Kaffee aus einem Pappbecher. „Ich finde einen trockenen Arbeitsplatz romantisch.“

Iris nickte wieder und klemmte sich die Lakritzstange zwischen die Zähne. Dann kramte sie etwas zu schreiben hervor und kritzelte eine Nummer auf ein Stück Papier. Sie legte es vor Belinda auf den Tresen und biss vom Lakritz ab. „Hier“, sagte sie kauend, „das ist die Nummer von meinem Hausmeister. Der schuldet mir noch was. Sag ihm, du rufst in meinem Auftrag an und dass er das Dach flicken soll.“

Belindas kleine dunkle Augen strahlten. „Danke, Mädchen. Das mach ich sofort.“

„Entschuldigung“, sagte da eine tiefe Stimme hinter ihnen. „Ich will die Damen ja ungern unterbrechen, aber andere Menschen müssen heute auch noch zur Arbeit.“

Iris drehte sich um und sah von einem älteren Herrn zu einer langen Schlange von im Regen stehender Kioskkunden. „Oh, Entschuldigung“, sagte sie.

„Jaja, bitte“, grummelte der Herr und beugte sich etwas umständlich an ihr vorbei zu Belinda. „Die Seattle Post hätt ich gern. Da soll ein hervorragender Artikel über das Verhältnis junger skandinavischer Emigranten zum Nordic Heritage Museum sein.“

Belinda grinste. „In der Tat ist dieser Artikel da drin“, sagte sie und griff nach der Post, „und in der Tat ist er hervorragend.“ Sie zwinkerte Iris zu.

Iris zwinkerte zurück, zwängte sich zwischen dem älteren Herrn und den Stapeln bunter Magazine vorbei und spannte ihren Regenschirm auf. Es war ein großer knallgelber Schirm, den Iris stets mit Stolz trug. Sie liebte das Prasseln der Tropfen, das unter dem Schirm noch lauter und dröhnender klang. Mit langen Schritten überquerte sie die Straße, und ihre roten Gummistiefel platschten in die Pfützen.

Wenig später schloss sie den Schirm und betrat das zwanzigstöckige Bürogebäude durch die breite Drehtür. Im Aufzug lehnte sie den Schirm an die Wand, drückte auf die Vierzehn und holte eine Plastiktüte und ein Paar knallroter Ballerinas aus ihrer großen Handtasche. Sie stieg aus ihren Gummistiefeln, als der Fahrstuhl auf der vierten Etage hielt.

„Super Artikel, Iris“, sagte jemand, der zustieg.

Iris blickte auf und lächelte. „Danke JJ.“ Sie schlüpfte in ihre Ballerinas.

JJ fuhr sich durch seine strohblonde Surfermähne. „Ich habe ja auch skandinavische Vorfahren.“

Sie verstaute ihre Stiefel in der Plastiktüte und sah ihn an. „Was du nicht sagst.“

„Und australische.“ JJ sah auf ihren Schirm und die Plastiktüte. „Warst du schon mal in Australien?“

Sie schüttelte den Kopf. „Zu wenig Regen.“

„Also wäre es verlorene Liebesmüh, dich mal zu meinen Großeltern einzuladen?“

Iris lächelte. „Ja, wäre es. Ich komme weder zu deinen Großeltern, noch zu deinen Eltern noch mit auf ein Date, JJ. Ich hab keinen Kopf dafür. Ich arbeite doch immer.“

„Und spazierst im Regen.“

„Ja, das ist mein Ausgleich.“

Er seufzte. „Nur, dass du es weißt: Ich hab deinen Artikel nicht gelobt, weil ich mit dir ausgehen will. Er ist wirklich gut.“

„Danke.“

Die Fahrstuhltüren öffneten sich, und Iris verabschiedete sich mit einem Nicken von JJ. Kopfschüttelnd ging sie über den Flur zu der Glastür, auf der das Logo der Seattle Post prangte. Männer, dachte sie. Die dachten auch, dass sich alles nur um Dates drehte. Dabei wusste Iris sehr gut, dass man auch mit über dreißig noch daten konnte, sogar besser. Solange man vorher wusste, was man wollte, und wer man war.

Iris war Journalistin und stand gerade kurz vor ihrem redaktionellen Durchbruch bei Seattles größter Tageszeitung. Bis zu diesem Durchbruch würde sie keinen Gedanken an irgendwelche Männer verschwenden. Sie hatte sich im College ausgetobt, jetzt arbeitete sie an sich, daran, eine Großstadtpersönlichkeit zu werden.

Sie stellte ihren Schirm und die Tüte mit den Gummistiefeln an ihrem Schreibtisch ab und fuhr ihren Computer hoch, als auch schon ihr Telefon klingelte. Es war die Nummer der Chefin.

„Ja, Sue, was gibt’s?“

„Komm doch mal vorbei, Iris. Von Angesicht zu Angesicht kommuniziert es sich einfach besser. Der Austausch ist dann einfach tiefer“, sagte Sues tiefe Stimme betont ruhig und bedächtig.

Iris seufzte und nickte. In der Zeit, in der Sue einen Satz aussprach, hatte Iris einen ganzen Artikel geschrieben. Sie wirbelte herum, schob ihre schwarze Brille die Nase rauf und ging durch die Redaktion hinüber zu Sues Eckbüro.

Eigentlich trennten Glaswände Sues Büro vom Rest der Redaktion. Der Verlagsleiter hielt viel von Offenheit und kommunikationsfreudigen Räumen. Sue hingegen hielt wenig von kaltem hartem Glas. Sie hatte alle Wände mit Pflanzen zugestellt.

Jetzt gerade stand sie barfuß und mit langen wallenden Gewändern vor einem Blumenkübel und träufelte Wasser hinein. Ihre roten Hennalocken standen von ihrem Kopf ab.

Iris legte den Kopf schief. Waren das etwa Federn in Sues Haaren? Tatsächlich.

Bevor sie aber weiter darüber nachdenken konnte, wurde Iris’ Blick von den Edelsteinen, die um Sues Hals hingen, gefangen. Die waren nichts Neues für Iris, aber doch immer wieder faszinierend. Sie funkelten und klimperten und sahen so furchtbar schwer aus.

„Setz dich“, sagte Sue und zeigte mit der Hand auf ihre Besuchercouch aus naturbelassenem Leinen. „Tee?“

„Nein, danke“, sagte Iris, wohl wissend, dass dann alles nur noch länger dauern würde, und setzte sich.

Sue wandte sich ihr zu und schüttelte den Kopf. „Iris, das sind einfach nicht deine Farben!“

Iris lachte. „Doch, ich habe sie bezahlt, das sind meine.“

Sue stimmte in das Lachen mit ein. „Das mein ich doch nicht. Dieses Knallrot und das Limonengelb deines Shirts. Das ist einfach zu kalt. Du brauchst warme Töne.“ Sie wandte sich wieder um und tänzelte barfuß über den Teppich zur nächsten Pflanze. Iris betrachtete die erdfarbenen wallenden Gewänder, die Sues füllige Gestalt umspielten, und schüttelte leicht den Kopf. Wenn es Farben gab, die Iris nicht standen, dann diese Herbstlaubtöne. Knallige bunte kalte Töne hätten hervorragend zu ihren blonden Haaren und den türkisfarbenen Augen gepasst, sie hätten sie strahlen lassen.

Aber Sue ging es natürlich nicht darum, wem was stand, sondern nur darum, so erdverbunden wie möglich zu sein.

„Es beißt sich auch mit der Aura deines Kopfes und der von deinem Wurzel-Chakra.“

„Bitte?“

Sue nickte und drehte sich wieder zu Iris. „Ich kann deine Aura sehen, Engelchen.“

Engelchen? Iris schluckte. Das konnte nur heißen, dass sie jetzt zu Sues engeren Mitarbeitern gehörte. Für eine junge Frau, die Karriere machen wollte, war es natürlich nicht verkehrt, zum engeren Kreis um die Chefredakteurin zu gehören. Aber andererseits war das hier Sue. Sue Moonhill. Sogar ihr Name war esoterisch und ihre Herangehensweisen waren, nun ja, interessant.

Iris rang sich ein Lächeln ab und sah zu ihrer Chefin.

Sues grüne Augen glänzten, als sie sich jetzt Iris gegenüber im Schneidersitz auf den Boden setzte. „Ich mag dich“, sagte sie, „und deshalb möchte ich dich an meinem Wissen über Übersinnliches und Übernatürliches teilhaben lassen.“

„Oh, das ist natürlich … schön. Super. Danke“, stammelte Iris und hoffte, dass sie sich jetzt nicht auch auf den Boden setzen musste.

„Dein Artikel über das Nordic Heritage Museum war sehr gut, Engelchen.“

Iris strahlte.

„Ich denke, du bist bereit“, sagte Sue und sah Iris durchdringend an.

Iris wich unwillkürlich etwas auf dem Leinensofa zurück. „Bereit? Wofür?“

„Die Quelle des Lebens.“

„Wie bitte?“

Sue lachte. „Eine Mineralquelle in Carlsbad, Kalifornien. Keine Sorge, Engelchen, du sollst darin nicht baden oder so ähnlich. Es geht um einen Artikel über diese Quelle.“

Iris nickte verstehend. Einerseits wollte sie innerlich aufatmen. Sie sollte nur einen Artikel schreiben. Andererseits sagte ihr das Thema gar nicht zu. „Was ist so besonders an diesem Wasser.“

„Einfach alles, Iris.“

„Ich soll also einen Artikel über Quellwasser schreiben?“, fragte Iris mit gerunzelter Stirn.

„Du fährst nach Kalifornien und recherchierst dort über die Bedeutung und Wirkung der Quelle.“

„Kalifornien“, wiederholte Iris tonlos.

„Ich weiß“, flötete Sue. „Jeder andere meiner Mitarbeiter würde sich um diesen Auftrag reißen. Aber ich habe mich für dich entschieden.“

„Yay“, sagte Iris freudlos.

Aber Sue schien die Ironie gar nicht herauszuhören. Sie sprang auf und breitete die Arme aus. „Du wirst in Sonne baden, Engelchen. Zu dieser Zeit ist es einfach herrlich in Kalifornien.“

Es ist nie herrlich in Kalifornien, dachte Iris, rang sich aber ein Lächeln ab. Sie suchte fieberhaft nach Möglichkeiten, diesen Auftrag wieder loszuwerden. Aber wie sollte sie das geschickt anstellen. Jetzt, wo Sue gerade mal ihren Namen kannte …

„Himmel, schon so spät“, sagte Sue da plötzlich in Iris’ Gedanken hinein. Sie eilte zu ihrem Schreibtisch und riss das Telefon hoch. „Hal, lassen Sie meinen Wagen aus der Garage holen … ja, ich weiß, dass da noch zwei Dellen mehr dran sind als gestern. Aber die Menschen können heutzutage nicht mehr Auto fahren. Die können nur noch Auto stehen.“ Sie knallte den Hörer auf, griff nach ihrer Basttasche und schlüpfte in Birkenstocksandalen. „Engelchen, ich habe einen Termin. Bereite dich gut vor“, sie fuhr sich mit den Fingern durch ihre Hennalocken, „du bist schneller in Carlsbad, als du gucken kannst.“ Mit diesen Worten rauschte Sue hinaus.

Iris erhob sich von der Leinencouch und folgte ihrer Chefin langsam aus dem Büro. So bedächtig Sue mit allem war, für Wege hatte sie keine Zeit. Und wenn sie sonst auch die Welt retten wollte, auf der Straße schienen sie und ihr dicker SUV stets nur zu arbeiten, dass alle Polkappen möglichst bald schmolzen.

Aber Hauptsache die Seattle Post schrieb über besonders mineralhaltiges Quellwasser aus Kalifornien. Was glaubt Sue denn? Dass ein paar Tropfen schnödes Wasser Leben retten konnten?

Also, bitte, dachte Iris und machte sich widerwillig an die Arbeit.

Es war entsetzlich heiß. Missmutig schob Iris ihre Sonnenbrille mit dem Zeigefinger auf die Nasenwurzel. Sie stand vor ihrem Hotel in Carlsbad, Kalifornien und stemmte die Hände in die Hüften. Musste diese dämliche Sonne nicht bald untergehen? Tag und Nacht waren in Kalifornien doch ungefähr gleichlang. Nicht dass Iris sich jemals viel damit beschäftigt hatte, die Sonne in Kalifornien war nun mal nicht der Niederschlag in Seattle, aber so viel wusste sie doch.

So stand Iris also vor ihrem Hotel und wartete, dass die Sonne unterging. Aber das war natürlich kein Zustand. Sie war ihrem Hotelzimmer entflohen, in dem es nach Klimaanlage roch und die Luft viel zu trocken war. Jetzt war sie draußen und sollte wenigstens versuchen, diese kleine Stadt zu erobern. Ob mit oder ohne Sonnenschein.

Iris seufzte und ging los. Sie bog auf den Carlsbad Boulevard ab und nahm sich vor, wenigstens noch zwanzig Minuten die Umgebung zu inspizieren, bevor sie etwas essen ging.

Langsam brannte die Sonne weniger stark. Iris atmete auf und sah sich um. Die Straße war breit, die Bäume an ihrem Rand fast vertrocknet und die Häuser flach. Einstöckige Einfamilienhäuser mit weißen Bretterzäunen. Zwischen dem Boulevard und dem Meer lagen nur wenige Häuserreihen. Das Meer war wenigstens Wasser. Vielleicht würde Iris ja morgen einmal schwimmen gehen …

Nein, unterbrach sie ihre eigenen Gedanken. Sie würde zusammentragen, was sie brauchte, um einen einigermaßen vernünftigen Artikel über die wunderliche Quelle hier zu schreiben, und so schnell es ging nach Seattle zurückkehren.

Die Sonne sank, und mit Erleichterung wechselte Iris von ihrer Sonnenbrille zu der normalen schwarzumrandeten Brille. Autos fuhren an ihr vorbei. Die Menschen hatten Feierabend und waren auf dem Heimweg. Fußgänger kamen Iris hingegen kaum welche entgegen. Natürlich, niemand ging zu Fuß in Kalifornien. Wenigstens nicht hier unten im Süden. Es gab auch keine öffentlichen Verkehrsmittel wie in Seattle, deshalb waren die Menschen auf ihre Autos angewiesen. Sue würde es wahrscheinlich lieben, überlegte Iris und fuhr sich durch ihre blonden Haare. Sue hatte ihr sogar angeboten, einen Mietwagen zu nehmen, aber Iris hatte abgelehnt. Sie konnte laufen oder ein Taxi nehmen, sie würde schon zurechtkommen.

Iris bog in eine Seitenstraße ein, und plötzlich erschien es ihr erheblich dunkler. Na also, dachte sie. Auf die Sonne hier unten ist eben doch Verlass, sie verdrückt sich schnell.

Besser gestimmt ging Iris weiter. Es erschien ihr auch um einiges kälter, also zog sie ihre Strickjacke über das türkise Sommerkleid. Ein paar hundert Meter weiter ragte der Turm einer alten Kirche in den Abendhimmel hinein. Iris blieb stehen und betrachtete das Gebäude fasziniert. Irgendwas darin fesselte ihre Aufmerksamkeit, ohne dass sie sagen konnte warum. Ein weiterer Kälteschauer lief über ihren Rücken und kurz fühlte sie sich unbehaglich. Eine seltsame Kirche, eher eine Kapelle, dachte Iris. Die Sonne war wirklich sehr plötzlich verschwunden. Vielleicht lag das an dieser Kirche …

Alberne Gedanken, die ihr da kamen.

Iris kannte sich hier nicht aus, und die Zeit kam ihr einfach ewig vor. Sie hatte eben großen Hunger. Und das hatte nichts mit der Kirche zu tun, die hatte keine Wirkung. Wieso sollte sie auch? Sie war nur ein Gebäude.

Iris löste ihren Blick von dem alten Gemäuer und sah sich suchend nach einem Restaurant um. Ein Schild auf der anderen Straßenseite mit einem Burger blinkte sie an, und so lief sie hinüber.

Das Licht in der Bar war schummrig, der dunkelrote Linoleumboden abgewetzt, die karierten Tischdecken sahen klebrig aus. Außer der Frau hinter der Bar hob niemand der Gäste den Kopf, als die Tür hinter Iris ins Schloss fiel. Die Menschen saßen über ihren kleinen Plastikkörbchen mit Pommes und Tellern mit großen saftigen Burgern, sie tranken Bier und sahen auf den großen Flachbildschirm neben der Theke. Es lief irgendein Spiel, für das Iris sich nicht interessierte. Das Licht war schummrig und gemütlich – überraschend gemütlich, verglichen mit der Stimmung in der plötzlichen Dunkelheit da draußen.

Iris lächelte die Barkeeperin an – ihr kleines Namensschild wies sie als Meg aus – und setzte sich auf einen Hocker an den Tresen.

„Was darf’s denn sein, Miss?“

„Es sieht aus, als wären die Burger hier gut.“

Meg stützte ihre kräftigen Arme auf die Theke und lachte leise. „Die besten, die es gibt.“

„Gut, dann hätt ich gern einen Cheeseburger und ein Bier“, sagte Iris und schob ihre schwarze Brille hoch.

Meg nickte, drückte die Schwingtür zur Küche etwas auf und rief die Bestellung hinein. Dann begann sie zu zapfen. Sie hatte ein rundes Gesicht und trug ihre dünnen aschblonden Haare zu einem Pferdeschwanz, der bei jeder Bewegung wippte.

„Burger und Bier, he?“, fragte eine knarzende Stimme da.

Iris wandte den Kopf und sah in ein von Falten zerfurchtes Gesicht mit hellen blauen Augen, deren Blick forschend war.

„Ja, Burger und Bier“, antwortete sie.

„Mhm“, brummte der alte Mann und kippte einen Schnaps hinunter. Seine Haare waren schneeweiß, aber voll. Nachdenklich fuhr er sich über seinen Dreitagebart. „Du bist hier richtig. Wie heißt du?“

„Iris.“

„Ich bin Joe.“

„Freut mich.“

Joe wischte abfällig mit der Hand durch die Luft. „Floskel.“

Iris lachte. „Ja, aber eine gute. Zu sagen, dass man sich freut, jemanden kennenzulernen, stimmt Menschen freundlich aufeinander, das macht Dinge einfacher.“

Joe wandte den Kopf und betrachtete Iris forschend. „Bist du deshalb hier? Weil du es einfacher haben willst?“

Iris runzelte die Stirn. „Ich bin hier, weil ich Hunger hab.“

„Eben“, sagte Meg und zapfte das Bier fertig. „Jetzt lass die Miss ihren Feierabend genießen.“ Sie stellte das Bier vor Iris hin und nahm eine Flasche Pfefferminzschnaps von einem Regalbrett. „Der geht aufs Haus, Joe, wenn du aufhörst, meine Gäste zu belästigen.“

„Mach dich nicht lächerlich, Meg“, Joe kippte den neuen Schnaps runter, „ich belästige niemanden.“ Er knallte das Glas auf den Tresen. „Noch einen.“

Meg seufzte und kippte nach. „Der geht aber nicht auf mich.“

„Pah“, sagte Joe. „Ich kann meine Schnäpse schon selbst bezahlen, und zwar alle.“

„Jaja.“ Meg nickte, und Iris war nicht sicher, ob das Zustimmung oder Ironie war.

Wieder blickte Joe Iris von der Seite an. „Ich mein es nur gut mit dir, wenn ich dir sag, dass Carlsbad die Dinge nicht einfacher macht. Das sieht nur so aus.“

Iris lächelte. „Ich weiß gar nicht, wovon du redest.“ Sie hob ihr Bier und prostete Joe zu. „Ich bin hier, weil ich für die Seattle Post einen Artikel über eure Quelle schreiben muss. Das ist nicht einfach, im Gegenteil. Einfach wäre es für mich, ein Museum in Seattle zu besuchen und etwas darüber zu schreiben. Aber Kalifornien … hier ist es warm und …“

„Du sollst über die Quelle schreiben?“, unterbrach Joe sie.

„Jep.“ Iris nahm noch einen Schluck Bier.

„Lächerlich.“ Joe schnaubte.

In der Küche klingelte es, und Meg wandte sich der Schwingtür zu. Wenig später stellte sie einen Teller mit einem riesigen Cheeseburger vor Iris hin. „Wohl bekomm’s.“

„Hast du das gehört, Meg? Wegen der dämlichen Quelle ist sie gekommen. Aus Seattle.“

„Hab’s gehört“, antwortete Meg desinteressiert und wischte über den Tresen.

Iris biss in den Burger. Er war wirklich köstlich.

„Das ist doch nur Wasser mit ein paar Mineralien“, sagte Joe.

Iris hob die Schultern, kaute und schluckte. „Das hab ich meiner Chefin auch versucht zu erklären, aber sie hat darauf bestanden.“

„Lächerlich“, sagte er wieder.

„Herrgott, lass es gut sein, Joe“, brummte Meg, während sie Gläser spülte.

Joe schüttelte fassungslos den Kopf. „Wie kannst du so ignorant sein, wenn das eigentliche Wunder keine zweihundert Meter von deiner Bar entfernt sitzt?“

Meg verdrehte die Augen und sortierte die bereits getrockneten Gläser ein.

„Das ist keine Legende, es ist Wirklichkeit!“ Er stach mit dem Zeigefinger auf den Tresen. „Wirklichkeit.“

Iris biss in ihren Burger und schaute belustigt von einem zum anderen.

„Dein Schnaps ist Wirklichkeit, Joe“, sagte Meg.

„Das hat nichts mit Schnaps zu tun. Ich würde dir nüchtern das Gleiche erzählen. Was heißt hier nüchtern? Ich bin ja auch jetzt nicht besoffen.“

Meg hob eine Augenbraue und schenkte ihm einen sprechenden Blick.

Iris legte den halben Burger ab und wischte sich ihre Hände an einer Serviette ab. „Was denn? Worum geht es überhaupt?“ Sie trank einen Schluck Bier.

Langsam wandte sich Joe ihr zu und sah ihr tief in die Augen. Er senkte die Stimme. „Es geht um den Engel.“

„Und jetzt geht’s los …“ Meg seufzte.

Joe achtete nicht auf sie, sondern beugte sich zu Iris. „Hast du die Kapelle auf der anderen Straßenseite gesehen?“

Iris nickte und griff wieder nach ihrem Burger.

„Es ist eine alte Kapelle mit schönen Marmorsäulen und prunkvollem Chor. Vieles davon ist ursprünglich aus einer noch älteren Kapelle in Europa. Alles vom Feinsten, da drin.“

„Die Katholiken.“ Meg schnaubte.

Joe achtete immer noch nicht auf sie. „In einer der Marmorsäulen ist ein Engel eingesperrt. Es ist die sogenannte weinende Säule.“

Iris schluckte einen Burgerbissen hinunter. „Weinende Säule?“

Joe nickte bedächtig. „Der Engel weint, weil er gefangen ist, und seine Tränen erfüllen Wünsche.“

„Oder das ist bloß ein Konstruktionsfehler der alten Bauherren und irgendwas zieht das Grundwasser an der Stelle aus der Erde?“, wandte Meg ein.

Joe klatschte mit der flachen Hand auf den Tresen. „Wie soll denn das Grundwasser da hoch kommen, Meg? Außerdem warst du noch nie in der Kapelle, also was weißt du davon?“

„Ich weiß, dass das Humbug ist. Weinende Säule, Wünsche – tss!“

„Oder“, Joe hob seinen Zeigefinger, „du gehst nicht in die Kapelle, weil du tief in dir drin doch daran glaubst und in der Kapelle versucht wärst, dir was zu wünschen. Und dann hättest du am Ende unrecht und müsstest vor dir selber zugeben, dass es Wunder und Engel gibt.“

Meg verschränkte die Arme vor ihrer mächtigen Brust und sah belustigt zu Joe. „Ja. So wird es sein“, sagte sie trocken.

„Du wirst auch noch einen Preis für deinen Unglauben zahlen.“

„Soll mir recht sein, solange du den Preis für deinen Schnaps bezahlst.“

Joe öffnete seine speckige Weste, holte einen Fünfziger aus der Innentasche und knallte ihn auf die Theke, ohne den Blick von Meg zu lassen. „Hier. Noch einen, und mach einen für Iris mit. Sie muss stark sein für das, was jetzt kommt.“

Meg hob die Schultern und holte den Pfefferminzschnaps vom Regal.

Joe wandte sich wieder an Iris. „Wenn du deine Hand auf die feuchteste Stelle der Marmorsäule legst, das ist so ungefähr auf Augenhöhe des Engels, und laut einen Wunsch aussprichst, geht er in Erfüllung.“

„Jeder Wunsch?“ Iris schob sich den letzten Burgerhappen in den Mund.

„Jeder“, Joe hob sein frisch gefülltes Schnapsglas, „darauf trinken wir.“

Iris nahm amüsiert ihr Schnapsglas und stieß mit ihm an.

„Aber“, er stellte das leere Glas ab, „du darfst dir nur nachts etwas wünschen, und pro Nacht hast du nur einen Wunsch.“

„Aha“, sagte Iris und beugte sich nun zu Joe. „Und für diese Geschichte brauchte ich einen Schnaps?“

Joe grinste vielsagend. „Nein, den brauchst du, weil jede Geschichte Folgen hat …“

Iris lachte und sah zu Meg. „Da glaubt er wirklich dran?“

Meg nickte mit Bedauern im Gesicht.

„Dann mach mal noch ’ne Runde für uns zwei“, sagte Iris.

Joe starrte vor sich hin. „Folgen, schlimme Folgen …“

Erschöpft ließ Iris sich auf den Stuhl an ihrem schmalen kleinen Schreibtisch im Hotelzimmer fallen. Schwindel umschwirrte ihren Kopf. Das waren wohl ein oder zwei Schnapsgläser zu viel gewesen. Und das passierte ausgerechnet ihr, die sich sonst durch nichts von ihrer Arbeit ablenken ließ.

Iris seufzte. Sonst machte ihre Arbeit allerdings auch mehr Spaß und ergab Sinn. Sie verfluchte die dämliche Quelle und klappte ihren Laptop auf. Der Bildschirm fuhr hoch und das Licht blendete sie etwas. Sie hatte wirklich zu viel getrunken. Dabei musste sie doch noch recherchieren.

Sie tippte die Worte Carlsbad und Quelle in das Fenster ihrer Suchmaschine und fuhr sich mit beiden Händen durch ihre blonden Haare, während der Rechner lud. Lustlos las sie den ersten Artikel und ließ schon bald ihren Kopf schwer auf den Schreibtisch fallen.

Da stand doch tatsächlich, dass das Wasser der Carlsbader Quelle in Kalifornien heilig war. Es gab einen hübschen Brunnen, wo das Wasser aus der Erde sprudelte und in einem barocken Becken gesammelt wurde – und es war heilig.

Angeblich hatte irgendein europäischer Heiliger namens Sankt Anton im 17. Jahrhundert, lange bevor die Quelle offiziell entdeckt worden war oder es die Stadt hier überhaupt wirklich gab, Nordamerika bereist und in dem Wasser der Quelle gebadet. Na klar, warum auch nicht?

Iris riss ihren Kopf von der Tischplatte hoch und spürte heftigen Schwindel in sich. Sie rückte ihre Brille gerade. Heiliges Wasser und eine weinende Säule. Wo war sie da nur reingeraten?

Warum ich, Sue? Warum ausgerechnet ich? fragte sie sich und wünschte sich aus tiefstem Herzen, es hätte jemand anderen aus der Redaktion getroffen.

Iris lachte in sich hinein. Also wenn sie diesen Wunsch dem weinenden Engel erzählte, dann ging er wahrscheinlich in Erfüllung. Iris sah auf den Artikel auf ihrem Rechner. Natürlich würde der Wunsch nicht in Erfüllung gehen. Aber die Buchstaben auf dem Bildschirm verschwammen vor ihren Augen, sie brauchte dringend frische Luft, und warum sollte sie sich diese Kapelle samt ihrer Säule nicht mal ansehen? Heute würde sie eh zu nichts mehr kommen.

Iris erhob sich, geriet ein wenig ins Taumeln und hielt sich an der Stuhllehne fest. Ja, frische Luft und die Kühle einer alten Kirche klangen gar nicht so schlecht.

Wenig später ging Iris also den Weg zurück, den sie erst vor einer halben Stunde gegangen war. Megs Burger Bar war schon geschlossen, das blinkende Licht war aus. Vielleicht lag es daran, dass Iris die Straße erneut dunkler und kühler erschien als der Rest der Stadt. Dabei war es inzwischen ja überall Nacht.

Fröstelnd zog sie ihre Strickjacke enger um sich und ging weiter auf die Kapelle zu, deren kleiner Turm finster und schwarz in den klaren Nachthimmel ragte. Sterne funkelten vereinzelt am Firmament und der abnehmende Mond schickte silbrige Strahlen auf die Erde. Aber trotz des Mondes und einiger Straßenlaternen fühlte sich diese Gegend finster an.

Alkohol, dachte Iris verächtlich, was der nicht alles mit einem machte.

Entschlossen schritt sie auf die Kapelle zu und öffnete die alte knarzende Holztür. Sie trat ein und fand sich zwischen zwei Marmorsäulen, an denen jeweils ein Becken mit Weihwasser angebracht war. Das silbrige Mondlicht fiel durch hohe schmale Fenster und glitzerte auf der Wasseroberfläche. Hinter den Säulen führte der Mittelgang zum Altar, gesäumt von Reihen karger Holzbänke.

Der Chor war im Gegensatz zu den einfachen Bänken wirklich prunkvoll. Iris konnte selbst im fahlen Mondlicht schwere Teppiche, kostbar geschnitzte Intarsien und zwei goldverzierte Reliquienschreine ausmachen. Auch von der Kanzel hingen wertvolle Samtborten und – vorhänge.

Aber das alles interessierte Iris jetzt wenig. Zwischen den Holzbänken und dem Chor befanden sich zwei weitere Säulen, deren Kapitelle mit floralen Voluten geschmückt waren. Iris hielt den Atem an und ärgerte sich sofort darüber. Keine dieser Säulen würde weinen.

Mit eiligen Schritten ging sie durch den Mittelgang und befühlte die linke Säule. Nichts, sie war staubtrocken. Na gut, nicht staubtrocken – sie war immerhin aus Marmor –, aber nass war sie auch nicht.

Seufzend wandte Iris sich ab, ging zur rechten Säule und klatschte ihre Hand dagegen. Erschrocken zog sie sie zurück. Sie schluckte und starrte auf ihre Handfläche. Sie glänzte feucht im fahlen Mondlicht. Iris runzelte die Stirn und tastete die Säule an. Sie war tatsächlich nass.

Das hieß natürlich gar nichts. Wie Meg schon gesagt hatte, irgendein Konstruktionsfehler der Bauherren, das Grundwasser … Iris hielt im Tasten inne und sah auf ihre flache Hand, die sich gegen den Stein drückte. Ein wenig über ihrer eigenen Augenhöhe quoll fühlbar mehr Wasser aus dem Marmor.

Iris blickte zu ihren Füßen, dort war nur eine kleine Pfütze; das Wasser schien zwischen den Fugen der Steinfliesen wieder zu versickern.

Sie hob den Blick wieder und starrte zwischen ihren gespreizten Fingern hindurch auf den Stein. Wenn dahinter ein Engel war, sah sie ihm jetzt direkt in die Augen. Sie spürte ihren eigenen Wimpernschlag wie in Zeitlupe, sie fühlte sich plötzlich betrachtet. Von einem Engel, etwa? Hatten Engel überhaupt Augen?

Iris rief sich zur Ordnung. Das war alles Humbug, und das würde sie jetzt beweisen.

„Ich wünsche mir, dass ich diesen Artikel über das Quellwasser in Carlsbad nicht schreiben muss“, sagte sie verächtlich.

Dann zog sie ihre Hand zurück, wischte sie an ihrer Strickjacke trocken und verließ die Kapelle.

2. KAPITEL

Wildes Schluchzen durchschüttelte ihre Schultern. Mit zitternden Fingern tupfte Betty sich die Tränen von den faltigen Wangen. Jeder Blick auf den kalten grauen Grabstein im fahlen Mondlicht jagte Schmerz und Pein durch ihr Herz. Das hatte sie nicht kommen sehen. Sie konnte doch sonst alles voraussehen, aber das … das war über sie hereingebrochen wie eine überraschende Naturkatastrophe.

Fred Baumberg stand dort in den Stein gemeißelt, ein Name, bereit gemacht für die Ewigkeit.

„Er ist so jung“, wisperte Betty und starrte auf das Todesdatum ihres einzigen, ihres geliebten Sohnes. „Oh Fred.“ Sie schluchzte erneut auf.

Ohne den Blick vom Grabstein zu lassen, suchte Betty in ihrer alten Lederhandtasche nach ihren Zigaretten. Trotz der zitternden Finger war in Windeseile eine Zigarette zwischen ihren Lippen. Betty inhalierte tief und sog den Rauch mehrmals hintereinander in ihre Lungen. Dann schloss sie ihre tränenverklebten Augen. Sie wartete auf die beruhigende Wirkung des Nikotins.

Fred war doch erst dreiunddreißig, er durfte nicht tot sein. Nicht der gute liebe Junge, den Betty doch eben erst gestillt und ganz allein aufgezogen hatte. Nein, Fred hatte sie nie verlassen, keine Frau hatte ihn von seiner lieben Mutter fortbringen können. Er war treu gewesen und nicht zu Hause ausgezogen – bis jetzt.

Betty heulte auf und zog erneut an der Zigarette. Es half nichts. Sie war schon fast heruntergebrannt und hatte den Schmerz nicht betäuben können, nicht mal ein bisschen, nicht mal für einen kleinen Moment.

Wütend warf Betty die Zigarette weg und zündete sich eine neue an. Sie beugte sich vor, stützte sich schwer auf einem Knie ab und kniete sich in die Wiese vor dem Grab. Ihre Knie knackten und schmerzten, aber Betty war fast dankbar für diese Nachricht ihres Körpers. Den gab es also auch noch, nicht nur die seelische Pein.

Betty rauchte und wischte sich erneut mit dem Taschentuch über die Augen. Es war schon ganz zerfleddert. Achtlos warf sie es neben sich und zog ein neues aus ihrer Handtasche. Jetzt wusste sie, was es hieß, das eigene Kind zu Grabe zu tragen. Man sagte immer, dass es das Schlimmste sei, und das war es auch.

Es gab keine Worte, um dieses Gefühl zu beschreiben.

Mit leerem Blick strich Betty über die Blätter eines Grabgestecks. Ihre dauergewellten grauen Löckchen hingen müde in ihre Stirn und seit Tagen trug sie den immer gleichen ausgewaschenen gelben Pulli zu der immer gleichen hellen Jeans. Noch vor wenigen Wochen hätte jemand bei ihrem Anblick gesagt, dass sie beileibe nicht aussah wie fünfundsiebzig. Heute käme das niemandem mehr über die Lippen.

Betty wusste das. Manchmal, wenn sie in den Spiegel sah, sah sie sich durch die Augen anderer. Sie war alt geworden. Fred hatte sie jung gehalten mit seinen Geschichten von Partys und sorgenfreiem Leben. Mit dem schnellen Auto und dem großen Appetit …

Er hatte ihrem Leben einen Sinn gegeben.

Seinem eigenen Leben hatte Fred natürlich weniger Sinn verliehen. Betty hatte ihn ein ums andere Mal ermahnt, sich doch endlich einen richtigen Job zu suchen und eine Karriere anzustreben. Es hatte nicht gefruchtet, aber Betty hatte ihn trotzdem geliebt.

Genau genommen liebte sie ihn ja noch immer. Nur weil er fort war, hieß das nicht, dass er nicht immer noch fest in ihrem Herzen wohnte.

„Oh Fred!“ Wieder schüttelte bitteres Schluchzen Bettys breite weiche Schultern und ihr mächtiger Busen bebte unter dem gelben Pulli.

„Er hätte einfach gesünder leben müssen“, hatte der Arzt gesagt und noch etwas von Veranlagung hinzugefügt, weil auch Freds Vater früh an einem Herzinfarkt gestorben war.

Betty machte sich schreckliche Vorwürfe. Zitternde Finger führten die Zigarette zum Mund. Sie hätte gesündere Sachen für ihn kochen und weniger Bier und Whiskey einkaufen müssen. Sie hätte Fred zwingen müssen, mehr Sport zu treiben und Gemüse zu essen. Sie hätte einfach darauf bestehen müssen. Es war ihre Schuld. Sie warf die Zigarette weg.

Betty stemmte ihre speckigen Finger in die Wiese und erhob sich unter Ächzen vom Boden. Ihre Knie knackten wieder und die Jeans hatte Grasflecken. Unter weiterem Stöhnen hob Betty ihre Handtasche und das Netz mit den Einkäufen vom Boden. So beladen mit Taschen verharrte sie noch eine Weile und starrte auf den Stein. Leise rannen die Tränen über ihre Wangen, sie hatte keine Hand mehr frei, um sie wegzuwischen.

Schließlich – sie wusste nicht genau wann oder warum – drehte sie sich um und schritt mit schweren Schritten über den Kies zum Ausgang des Friedhofs. Ihr Oberkörper war vorgebeugt und ihre Schultern hingen tief.

Normalerweise brauchte man für den Weg vom Friedhof zu Bettys Haus eine Viertelstunde, aber Betty war sicher, dass sie heute länger brauchte. Es dauerte von Tag zu Tag länger, seit Fred dort auf dem Friedhof lag. Aber es war ja auch egal, niemand wartete auf Betty oder darauf, dass sie was zu essen machte. Nicht mal sie selbst. Sie verspürte keinen Hunger. Das Gemüse in ihrem Netz hatte sie nur aus Gewohnheit gekauft, und das vor vielen Stunden. Sie würde Suppe kochen, und sei es nur, um sich ein wenig zu be­schäftigen.

Schließlich schleppte Betty sich die Veranda zu ihrem kleinen einstöckigen Holzhaus hoch. Es war einmal weiß gestrichen gewesen, jetzt aber eher grau. Es war schon tiefe Nacht, als Betty die Tür aufschloss. Ihre Katze Kitty umstrich lautlos Bettys Beine, aber als Betty sich nicht herunterbeugte, um sie zu streicheln, schlich sie auf Samtpfoten wieder in die Dunkelheit des Hausflurs zurück.

Die Stille im Haus empfing Betty mit einer Härte, die erneuten Schmerz durch ihr Herz jagte. Normalerweise würde Fred jetzt fernsehen und fragen, ob Betty auch ein Bier wollte. Normalerweise …

Betty schluckte hart. Sie stand in der offenen Küche mit Blick auf den Wohnraum und ließ ihre Handtasche und das Einkaufsnetz auf den Boden gleiten. Sie sah auf die Glaskugel auf ihrem Esstisch. Unzähligen Menschen hatte Betty schon die Zukunft vorausgesagt, aber nie ihrem Sohn oder sich selbst. Hätte sie das nur kommen sehen, die Sache mit Freds Herz …

Aber Betty hatte immer nur für andere und gegen Geld in die Glaskugel geschaut. Sie hatten nicht schlecht von dem Geld gelebt. Denn das, was Betty im Nebel des schweren Kristallglases sah, das wurde wahr. Sie hatte ein Talent für das Betrachten von Zeitebenen. Ihre Meisterin hatte ihr damals sogar gesagt, dass sie magische Talente hatte, und ihr geraten, sich in Zaubersprüchen zu versuchen.

Das hatte sie nie getan. Sich in Bücher über Zauberei einzuarbeiten hätte eben genau das bedeutet: Arbeit. Und die scheute Betty ein wenig. Die Wahrsagerei war immer gut genug gelaufen.

Jetzt aber stand die Kristallkugel schwarz und verlassen auf dem Esstisch. Seit Freds Tod war kaum jemand hier gewesen; sie alle wollten Betty und ihrer Trauer Zeit geben. Zeit, dachte Betty. Wie viel Zeit ihr wohl noch blieb?

Ohne die Einkäufe auf dem Boden weiter zu beachten, setzte sie sich an den Esstisch und strich über das glatte kalte Glas. Sie spiegelte sich darin, ihr rundes Gesicht wirkte noch fülliger und ihre müden Löckchen noch platter. Betty seufzte und wandte den Blick ab.

Im untersten Fach in dem kleinen Bücherregal lag das Zauberbuch, das ihre Meisterin ihr damals zum Abschied geschenkt hatte. Es war in fast schwarzem, grob gegerbtem Leder gebunden und sehr dick. Nein, das zu lesen wäre wirklich zu viel Arbeit für die gemütliche Betty. Damit konnte man jemanden erschlagen, so dick war das Zauberbuch.

Sie lachte auf. Jemanden erschlagen hatte sie ja bereits … Mit ihrer Sorglosigkeit und Nachlässigkeit hatte sie den armen Fred in den Tod getrieben. Wäre es schön, wenn das Buch jemanden zum Leben erwecken könnte.

Bettys Gedanken überschlugen sich. Während ihre nervösen Finger eine Zigarette aus der Schachtel am Esstisch holten und anzündeten, hielt ihr Blick das Zauberbuch fest. Das Buch deckte alles ab, von kleinen Sprüchen, mit denen man einen Apfel schweben oder eine Kerze ohne Feuerzeug oder Streichholz entzünden konnte, bis zur schwarzen Magie. Es war das Standardwerk, an dem jede Hexe sich bediente.

Bettys Mund wurde trocken. Hastig sog sie den Rauch in die Lungen. Diesmal half es, das Nikotin breitete sich in ihrem Körper aus und übte eine wohltuende, fast euphorisierende Wirkung auf Betty aus. Zum ersten Mal seit Wochen spürte sie so etwas wie Leichtigkeit in sich. Sie legte ihre Zigarette in den Ascher. Mit knackenden Knien erhob sie sich, stützte sich auf dem Regal oben ab und beugte sich unter einem Ächzen hinunter zu dem schweren Zauberbuch.

Himmel, das war wirklich schwer. Unter weiterem Stöhnen zog sie das Buch unter den Kochbüchern hervor. Es rutschte ab und fiel mit einem dumpfen Laut auf den Teppich. Betty packte es mit beiden Händen und zog es zu sich hoch. Schwer atmend setzte sie sich wieder an den Tisch und nahm drei Züge ihrer Zigarette hintereinander. Kleine Schweißperlen standen auf ihrer Stirn, als sie das Buch aufschlug.

Staub kam ihr entgegen, und Betty musste husten. Das Papier war dünn zwischen ihren Fingern, zwei Seiten riss sie beim Blättern ein, aber auf denen ging es nur darum, Blumen im Winter zum Blühen zu bringen. Mit glühenden Wangen und glänzenden Augen blätterte Betty weiter.

Sie wollte keine Bleistifte dazu bringen zu schreiben, ohne dass eine Hand sie führte, und es interessierte sie auch nicht, Hunde einschlafen zu lassen. Hunde mochte Betty nicht, sie hatte ja ihre Katze Kitty. Auch wenn sie die in den letzten Wochen vielleicht etwas vernachlässigt hatte. Aber Kitty ging es gut. Sie reckte und streckte sich gerade auf Freds Lieblingssessel und leckte über ihre schwarzweißen Pfoten.

Betty wandte den Blick ab und schlug weitere Seiten um. Neben Zaubersprüchen gab es auch immer wieder lexikonähnliche Artikel zu einzelnen Feldern der Magie. Betty las sich in etwas über Zukunftsdeutung fest, bevor sie sich mahnte, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Es ging jetzt nicht um ihre Arbeit, es ging um Fred.

Schließlich wurden die gelblichen Blätter dunkler, fast braun und die ursprünglich schwarze Schrift zeichnete sich jetzt blutrot auf dem dunklen Papier ab.

Bettys Herz schlug wild in ihrer Brust. Sie wusste, dass sie hier richtig war. Jetzt ging es um schwarze Magie, und nur noch die konnte ihr helfen. Mit fliegenden Fingern fuhr sie über die Schrift, bis sie schließlich fand, was sie suchte.

Wiederauferstehung.

Laut Text war das eine gefährliche Sache, die unweigerlich das Reich der Dämonen berührte. Es gab einige Dämonen, die Tote zum Leben erwecken konnten, aber um die meisten zu rufen, musste man selbst sterben. Erschüttert schüttelte Betty den Kopf. Sie wollte nicht sterben, sie wollte ihren Sohn wieder in die Arme schließen.

Ein weiterer Dämon, den sie hätte anrufen können, erforderte ein kompliziertes Beschwörungsritual, das über sieben Mondphasen ging. Nein, dafür war sie zu ungeduldig. Bettys Augen flogen nur so über das Papier. Sie blätterte um und stieß auf Baal.

„Baal“, las sie sich halblaut vor.

Das klang gut, das war zu bewältigen. Betty brauchte Kerzen, Splitter schwarzen Kristallglases, ein Foto ihres Sohnes und den ausgeweideten Leib eines Frosches oder einer Katze. Außerdem musste man dann noch eine Beschwörung auf Latein herunter­beten.

Betty sprang auf, packte ihre Kristallkugel und warf sie gegen die Fliesen an der Küchenwand. Mit einem lauten Klirren zersplitterte das Glas. So schnell Betty konnte, bewegte sie ihren fülligen Leib zu den Splittern und nahm mit bloßen Händen einige vom Boden auf. Das Glas schnitt ihr in die Handfläche, und als sie es auf den Tisch rieseln ließ, perlten Blutstropfen auf ihrer Handfläche.

Betty bemerkte es kaum. Sie wirbelte herum, riss eine Schublade auf und entnahm ihr drei Kerzen. Dann holte sie ihr Lieblingsbild von Fred, nahm es aus dem Rahmen und legte es auf den Tisch. Sie stemmte die Hände in die breiten Hüften. Jetzt hatte sie fast alles, außer …

Langsam drehte Betty sich zu Freds Lieblingssessel um, in dem Kitty friedlich vor sich hin schlummerte. Gleichmäßiger Atem hob und senkte ihren kleinen Bauch.

Betty schluckte. Dann griff sie ihr Messer entschlossen von der Anrichte und ging in den Wohnraum hinüber.

Es dürstete ihn nach Leben. Er war ausgedörrt und leer.

„Ich war seit Jahrhunderten nicht mehr oben“, sagte Baal und seufzte tief.

Lilith lachte perlend. „Du übertreibst, es ist nicht ganz ein Jahrzehnt.“

Er fuhr herum, holte aus und schlug ihr ins Gesicht. Sie flog quer durch das Gewölbe und prallte an einer Felswand ab. Die Kronleuchter an der Decke erbebten. „Es fühlt sich an wie ein Jahrhundert!“, brüllte er.

Lilith schüttelte sich, stand auf und marschierte auf Baal zu. Ohne ein weiteres Wort holte sie aus und ließ ihre Fäuste eine nach der anderen auf ihn niedersausen. Baal wurde nach rechts und nach links geschleudert, bevor Lilith so fest nach ihm trat, dass er ebenfalls durch das Gewölbe flog und mit einem Krachen gegen einen Felsen schlug.

Ein Kronleuchter fiel von der Decke und Baal stöhnte auf. „Lilith, du Ausgeburt der Hölle.“

„Selber“, sagte sie und setzte sich neben ihn auf einen Stein. Sie schlug die Beine übereinander und sah zu ihm nach unten. „Ich kann wirklich nichts dafür, dass du nur rauf kannst, wenn sie dich beschwören.“

„Ein bisschen mehr Rücksicht wär schön, besonders, da du ja immer auf die Erde kannst“, ächzte Baal, während er sich an der Wand hochzog und sich anlehnte.

„Rücksicht? Von mir? Bin ich ein Engel, oder was?“

Baal verzog das Gesicht. „Ich hasse Engel.“

„Wer nicht?“, fragte Lilith leichthin und betrachtete ihre langen krallenartigen braunschwarzen Fingernägel.

„Nur weil du kein Engel bist, heißt das nicht, dass ich dich mag“, grummelte Baal.

Lilith wandte sich ihm zu, der Blick ihrer wasserbleichen pupillenlosen Augen streifte ihn. „Natürlich nicht, du bist ein Dämon, du magst niemanden.“

„Doch“, widersprach Baal und ein gieriger Glanz trat in seine schwarzen Augen. „Ich mag williges Menschenfleisch.“ Seine Zunge schob sich zwischen den spitzen gelben Zähnen hervor und leckte die trockenen schmalen Lippen. „Menschenfleisch …“

„Wer mag das nicht?“

„Ich mag den Geruch von frischem Blut, den Geschmack von verwelkendem verschwenderischem Leben und Alkohol.“

Lilith winkte ab. „Jaja.“

„Wenn ich nur endlich wieder so eine kleine weiche Menschenfrau in meine Finger bekomme. Ich will die Angst in ihren Augen sehen, wenn ich mich zu ihr lege. Ich will ihre Schreie hören, bis ich ekstatisch bin und dann esse ich sie bei lebendigem Leibe auf.“

Lilith ließ sich auf seinen Schoß gleiten und schloss die Arme um seinen Nacken. „Aber du bist nicht da oben, du bist hier unten, wo kein Leben ist. Hier unten schlägt kein Herz, hier brennt nur das ewige Feuer“, gurrte sie.

Baal packte in ihre filzigen grauen Haare und riss ihren Kopf nach hinten. „Darf ich dir ein Ohr abbeißen? Ich will meine Zähne in deine Haut graben und Löcher in deinen Kopf reißen“, sagte er leise.

Lilith legte ihre langen dünnen Finger um seinen Hals und drückte zu. Langsam löste Baal seine Hand aus ihren Haaren und legte seine Arme um ihre Taille. Lilith drückte fester zu und sah ihn mit bleichen aufgerissenen Augen an. „Ich könnte deinen Kopf von deinem Körper trennen und dich dabei zusehen lassen, wie ich deinen Leib ins ewige Feuer werfe.“

„Ja“, krächzte Baal und lachte hustend. „Aber dann wird sich niemand zu dir legen.“

Lilith warf den Kopf zurück und lachte. Dann verstummte sie plötzlich und küsste ihn, während ihre Finger noch immer fest um seinen Hals lagen. Ihr Mund schmeckte heiß und trocken. „Sag mir, was du auf der Erde tun würdest, wenn du da wärst“, flüsterte sie in sein Ohr. Dann biss sie hinein.

Baal schrie auf.

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