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MYSTERY BAND 351

NICOLE ADLEY

Magische Blutsbande

Sie ist 17 Jahre alt, eine Madigan-Hexe der siebten Generation und hochbegabt: Winonas Zukunft als mächtige Zauberin ist gewiss. Leider ruft das auch ihre Todfeinde, die Venatores, auf den Plan. Um ihnen zu entkommen, verschwindet Winona aus Irland und gibt alles auf . Sogar Adan, ihren Freund! Doch in Plymouth sehen sie sich wieder: Winona und Adan – und die Venatores …

ANNE HAGGIS

Im Zeichen des Sichelmondes

„Gib sie mir.“ Grauen überfällt Aileen, als ein maskierter Fremder in ihrer Wohnung auftaucht. Woher weiß er von der gälischen Handschrift, die sie heimlich aus dem Museum entwendet hat? Aileen ist in Gefahr durch die Schrift, in der alles über den Orden der Wiccein steht, über die goldene Sichel und über den bösen Fürsten, der diese seit Jahrhunderten jagt …

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Magische Blutsbande

PROLOG

Es war ein lauer Sommerabend. Gerade ging die Sonne unter. Sie tauchte den Himmel in ein tiefes Orangerot und brachte ihn so zum Strahlen. Es sah fast so aus, als hätten die Engel ein großes Feuer entfacht, um den Menschen ein magisches Naturschauspiel zu präsentieren. Ich beobachtete von meinem Fenster aus, wie die Sonne dem Mond wich, und musste unwillkürlich lächeln. Es faszinierte mich ungemein, was für Gestalten es im Reich der Engel gab. Wie sehr der Himmel sich wandeln konnte. Vom Farbenspiel des Sonnenuntergangs über das bereits triste Grau im Schatten liegender Wolken bis hin zum dunklen Nachtblau. Der Himmel wandelte sich wie die Launen eines Menschen.

Seufzend lehnte ich meinen Kopf gegen die Wand und beobachtete die untergehende Sonne dabei, wie sie den Himmel von Sekunde zu Sekunde veränderte.

So verstrich die Zeit. Inzwischen erstrahlte der Mond in seiner vollen Pracht. Ich war ins Wohnzimmer gegangen, um mit meinen Eltern zusammenzusitzen. Wir hatten es uns gemütlich gemacht und sahen uns einen Film an. Es war ein ganz gewöhnlicher Abend.

Doch auf einmal horchte ich auf. Eine eiskalte Gänsehaut lief über meinen Rücken. Auch meine Eltern schienen die plötzliche Veränderung der Atmosphäre zu spüren. Es war wie ein Unwetter, das sich nach einem sonnigen Tag zusammenbraute. Eine Aura, die den Raum in schwarzen Nebel zu hüllen schien. Mein Vater schaltete den Fernseher aus; meine Mutter erhob sich und ließ ihren Blick umherschweifen.

Dann ging das Licht aus. Erschrocken fuhr ich zusammen.

„Was ist hier los, Dad?“, wollte ich wissen und stand unsicher auf.

Mein Vater kam zu mir geeilt. „Es ist alles in Ordnung, Kleines.“

Ich wusste, dass er log. Das erkannte ich an dem Verhalten meiner Mutter. Sie war nervös. Und wenn sie nervös war, musste die Situation wirklich ernst sein. Denn ich hatte sie noch nie nervös erlebt. Nicht auf so eine Art.

„Mum, sag was“, bat ich sie ängstlich, doch sie hob nur die Hand und trat ans Fenster.

Ich bekam richtige Angst. Die Stille wirkte bedrohlich.

„Versteck dich, Winona“, befahl meine Mutter auf einmal.

Die Kälte in ihrer Stimme machte mir schlagartig klar, was los war.

Sie waren hier.

Sie hatten uns gefunden.

Ich war vor Schreck wie erstarrt. Ich hatte oft darüber nachgedacht, ob es irgendwann geschehen könnte, aber wirklich damit gerechnet hatte ich nie.

Erst ein Knall, der von draußen hereinschallte, brachte das Leben zurück in meinen Körper.

„Winona, lauf!“, schrie meine Mutter.

Angst. Das erste Mal in meinem Leben sah ich Angst in ihren Augen. Angst um mich. Regelrechte Panik.

Ich gehorchte. Meine Beine bewegten sich wie von selbst, obwohl ich bleiben wollte. Ich rannte aus dem Wohnzimmer und den Flur entlang. Hinter mir hörte ich meinen Vater den Namen meiner Mutter rufen. Fremde Stimmen. Ich riss die Haustür auf. Hektisch sah ich zurück.

Noch ein Knall, näher diesmal. Ich fuhr zusammen. Ein Schrei meiner Mutter, der das Blut in meinen Adern gefrieren ließ.

„Mum?!“

„Lauf, Winona! Lauf endlich!“

Ihre nackte Panik ließ mich aus dem Haus rennen, während die hervorquellenden Tränen meinen Blick verschleierten. Hinter mir hörte ich Schritte. Schnelle Schritte. Ich lief in den Wald und sah zurück. Sie verfolgten mich. Waren nur noch wenige Meter entfernt. Die Angst fraß sich tief in meine Knochen. Ich sprang über einen Baumstamm und machte eine scharfe Rechtskurve. Ich verließ den Weg. Äste schlugen mir ins Gesicht. Schützend hielt ich mir die Arme vors Gesicht und senkte den Blick. Ich rannte noch schneller, berührte kaum noch den Boden. Die Schritte hinter mir wurden leiser. Aus der Ferne hörte ich einen weiteren ohrenbetäubenden Knall. Ich kniff die Augen zusammen und sprang den hohen Felsvorsprung hinunter.

Dann war alles still. Ich stoppte und sah mich hektisch um. Meine Lungen schmerzten. Ich versuchte, gleichmäßig zu atmen.

Sie waren weg. Das beklemmende Gefühl, das aufkam, wenn sie in der Nähe waren, war verschwunden.

Ich rang nach Luft. Mir wurde schwarz vor Augen, in meinen Ohren rauschte es. Schwach sank ich auf die Knie, wo ich kurz verharrte und versuchte, das Schwindelgefühl loszuwerden. Schließlich ließ es nach, und ich erhob mich vorsichtig. Ich wartete noch einige Sekunden, dann wandte ich mich um und lief zurück.

Bei jedem Schritt schlug mein Herz schneller. Jeder Schritt fiel mir schwerer. Ich bewegte mich wie in Zeitlupe, fürchtete mich vor dem, was mich erwartete. Panische Angst schnürte mir die Luft ab, sodass mir das Atmen schwerfiel.

Auf einmal hielt ich ruckartig inne. Die Zeit schien stillzustehen. Mein Herzschlag setzte aus. Entsetzt starrte ich auf das Feuer vor mir. Meine Beine gaben nach. Kraftlos sank ich auf den Boden. Ich konnte nicht fassen, was geschehen war. Stumme heiße Tränen liefen über mein Gesicht und fielen auf den Erdboden, wo sie versanken. Vor mir ragte ein Flammenmeer empor. Ein Flammenmeer, das entfacht worden war, um mir meine Eltern zu nehmen. Ein Flammenmeer, das nichts von ihnen übrig ließ.

Verzweifelt schluchzte ich auf. Über mir brachen die schweren Gewitterwolken auf, die sich in den vergangenen Minuten – oder waren es Stunden? – zusammengebraut hatten, und das kalte Mondlicht ergoss sich anklagend über die unwirkliche Szenerie. In der Entfernung hörte ich Sirenen, die immer näher kamen. Mein Körper fühlte sich so unglaublich schwer an. Ich hoffte, dass bald eine gnädige Ohnmacht über mich hereinbrach. Schluchzend krallte ich mich ins Gras … und dann schrie ich …

1. KAPITEL

Zwei Jahre später …

Erschrocken schlug ich die Augen auf. Ein Traum. Nur ein Traum. Müde drehte ich mich auf den Rücken und streckte mich. Ein Traum, der mich immer wieder heimsuchte und das erleben ließ, was damals geschehen war.

Seufzend richtete ich mich auf und strich mir eine einzelne Haarsträhne aus dem Gesicht. Kurz blieb ich mit meinem Blick an der Schmuckkette auf meinem Nachtschrank hängen, ehe ich sie mir umlegte und das Bett verließ. Ich trat an das Fenster und zog die Vorhänge auf. Sofort drang das gleißende Licht der Sonne in den Raum. Ich schloss kurz die Augen und genoss die angenehme Wärme, die sich auf meiner Haut ausbreitete. Mühsam schluckte ich das dumpfe Gefühl herunter, das der Traum verursacht hatte, machte auf dem Absatz kehrt und ging hinunter ins Erdgeschoss. Dort traf ich auf meine Großmutter.

„Guten Morgen“, begrüßte ich sie noch ein wenig träge.

„Guten Morgen, Liebes“, erwiderte sie. „Wie hast du geschlafen?“

Ich antwortete nicht. Auch sie sagte nichts weiter, denn sie wusste, was mein Schweigen bedeutete. Stattdessen gingen wir in die Küche und setzten uns an den Tisch. Meine Großmutter goss mir Kaffee in einen Becher. Gedankenverloren sah ich auf das heiße Getränk hinunter und dachte an die Vergangenheit.

Nicht lange nach dem schrecklichen Erlebnis war ich zu meinen Großeltern nach Plymouth gezogen und hatte alle zurückgelassen, die mir etwas bedeuteten. Polizei und Feuerwehr hatten die Explosion als Folge einer defekten Gasleitung abgetan und die Untersuchungen als tragischen Unfall abgeschlossen. Niemand wusste, was wirklich geschehen war.

„Liebes, weilst du noch unter uns?“, riss meine Großmutter mich aus meinen trübenGedanken.

„Natürlich.“ Ich lächelte leicht und nippte an meinem Kaffee.

„Du solltest langsam ins Badezimmer gehen, sonst kommst du zu spät zur Schule.“

„Du hast recht“, seufzte ich, erhob mich wieder und ging zurück nach oben. Dort suchte ich ohne Umschweife das Bad auf und begann, mich für den heutigen Tag fertig zu machen.

Anschließend ging ich in mein Zimmer und zog mir meine Schuluniform an, ein weißes Poloshirt und ein dunkelblauer Faltenrock, der mir nicht ganz zu den Knien reichte. Das gleichfarbige Sweatshirt ließ ich weg. Dafür war es heute zu warm.

Vor dem Spiegel fiel mein Blick auf die Kette um meinen Hals, ein ovaler, violetter Amethyst, der von einer elegant geschwungenen, silbernen Fassung gehalten wurde. Es war ein Familienerbstück. Meine Mutter hatte es mir vor einigen Jahren geschenkt.

Ich umschloss den Amethyst mit meiner Hand und seufzte wieder. Mein Blick war immer noch auf mein Spiegelbild gerichtet, als ich den Anhänger unter das Poloshirt gleiten ließ.

Ich wandte mich ab und band meine langen rotblonden, gewellten Haare zu einem Halbzopf. Ein paar einzelne Strähnen fielen mir ins Gesicht. Zum Schluss griff ich nach meiner Schultasche und eilte die Treppe wieder hinunter.

„Möchtest du noch etwas essen?“, fragte meine Großmutter, als ich die Küche wieder betrat. „Ich habe Eier und Speck für dich.“

„Gern“, sagte ich und gab ihr einen Kuss auf die Wange, ehe ich mich setzte. „Du musst dir nicht immer so viel Mühe geben. Ein Marmeladentoast ist doch auch vollkommen in Ordnung.“

Meine Großmutter gab mir den bereits gefüllten Teller. „Das tue ich gern für meine Enkelin. Und jetzt wünsche ich dir einen guten Appetit.“

„Danke.“ Ich erwiderte ihr Lächeln und begann zu essen.

Etwa eine Stunde später traf ich meine beste Freundin im Klassenzimmer. Jalene und ich begrüßten uns mit einer kurzen Umarmung und setzten uns anschließend auf unsere Plätze. Das Wochenende war vorbei, und in der Klasse herrschte wieder nur ein Thema: die Fahrt nach Stonehaven, Schottland. Ich freute mich unglaublich darauf, und den anderen erging es nicht anders. Aber für mich bedeutete es, dass ich dem Alltag entfliehen konnte, der seit dem Tod meiner Eltern in einigen Momenten unglaublich an meinen Nerven zerrte.

Leah, Eliza und Abby – drei Freundinnen von uns – gesellten sich zu Jalene und mir und begannen ein lebhaftes Gespräch.

„Ich freue mich besonders auf die Abende, an denen wir zusammensitzen“, meinte Abby, hopste auf unseren Tisch und ließ die Beine herunterbaumeln.

„Und uns Gruselgeschichten erzählen“, fügte ich grinsend hinzu.

„Nur wenn die Jungs bei uns sind“, forderte Leah.

„Wir können uns doch gegenseitig beschützen“, widersprach ich.

„Deine Meinung lassen wir mal außen vor“, wandte Jalene sich an mich. „Du hast schließlich vor nichts Angst.“

„Winona beschützt uns alle“, beschloss Eliza.

„Ach wirklich?“

„Ja, natürlich“, beharrte Jalene und warf ihre dunkelblonden Wellen nach hinten. „Oder fürchtet sich die mutige Winona Madigan etwa auch vor irgendetwas?“

Das tat ich tatsächlich, doch ich zuckte nur mit den Schultern.

„Siehst du? Also ist dein Job für die Klassenfahrt bereits sicher.“

Ich verdrehte die Augen, erwiderte allerdings nichts mehr darauf.

„Warum lasst ihr euch nicht von uns beschützen?“, mischte sich nun Cody grinsend ein. „So was können wir Jungs viel besser.“

„Ihr seid doch nicht immer da“, bemerkte Leah. „Aber Winona ist fast immer in Reichweite, falls irgendwas sein sollte. Also ist es doch klar, dass wir uns eher an sie halten als an euch.“

„Ach wirklich? Aber meinst du nicht, dass wir euch besser beschützen können?“

„Zweifelst du etwa an meinen Fähigkeiten?“, stellte ich schnippisch, aber nicht ganz ernst gemeint die Gegenfrage.

„Nein, so meinte ich das nicht, Häschen.“

„Häschen?“, wiederholte ich entgeistert und sah ihn an.

„Ja, natürlich … Häschen“, grinste er.

Ich öffnete den Mund, um etwas Bissiges zurückzugeben, doch dann betrat der Lehrer den Raum. Direkt hinter ihm befand sich eine weitere Person. Alle Schüler gingen zu ihren Plätzen, während Jalene und ich uns angrinsten und unsere Aufmerksamkeit anschließend nach vorne richteten. Mein Blick schweifte wie von selbst zu der Person hinter Mr Evans. Der Junge hatte braune nackenlange Haare, von denen ihm ein paar einzelne Strähnen ins Gesicht fielen – und ich wusste, dass er graue Augen hatte. Erschrocken fuhr ich zusammen und riss die Augen auf.

Das … das konnte doch nicht wahr sein! Was … was tat er denn hier?!

Unsere Blicke trafen sich. Seine Augen weiteten sich fassungslos. Hastig wandte ich mich ab, sah aus dem Fenster und versuchte, meinen Puls und meinen Herzschlag wieder zu beruhigen. Binnen Sekunden schossen mir Tausende von Bildern durch den Kopf.

Dann ertönte die Stimme unseres Lehrers. Er deutete auf die Person neben sich.

„Guten Morgen. Ich möchte euch euren neuen Mitschüler vorstellen. Der junge Mann neben mir heißt Adan Nowell. Er kommt aus Irland und wird die restliche Schulzeit mit uns verbringen.“

„Moment mal. Irland?“ Jalene tickte mich an, sodass ich mich ihr notgedrungen zuwenden musste. „Kommst du nicht auch aus Irland?“

Eine rhetorische Frage.

„Ich habe dort eine Zeit lang gelebt, ja.“

„Kennst du ihn?“

„Nur weil er aus Irland stammt, muss er mir nicht gleich bekannt sein. Das Land ist zwar nicht gerade groß, aber es ist trotzdem ziemlich unwahrscheinlich.“

„Rede nicht so drum herum. Nun sag. Kennst du ihn? Wenn ja, solltest du dich glücklich schätzen. Er sieht unglaublich gut aus.“

Ich erwiderte nichts und senkte den Blick, als Adan an uns vorbeiging.

„Du hast mir immer noch keine eindeutige Antwort gegeben“, bemerkte Jalene.

„Wir …“ Ich zögerte kurz und seufzte einmal. „Wir waren zusammen, bevor ich wieder hierhergezogen bin.“

„Was? Wirklich?“

„Nein, er ist mir noch nie zuvor begegnet“, entgegnete ich ironisch, ehe ich mich ihr mit ernstem Gesichtsausdruck zuwandte. „Natürlich ist es so. Denkst du, ich erfinde so etwas?“

„Das ist eine Fangfrage“, bemerkte sie skeptisch, sah mich dann jedoch beinahe ein wenig vorwurfsvoll an. „Warum hast du mir nie erzählt, dass du vor deinem Umzug einen Freund hattest?“

„Es ist vorbei gewesen, und ich habe keine Notwendigkeit darin gesehen, es zu erzählen“, erwiderte ich ruhig.

„Keine Notwendigkeit“, wiederholte Jalene brummend.

„Ja, keine Notwendigkeit.“

Dann bat Mr Evans um Ruhe und begann mit dem Unterricht. Mit einem beklemmenden Gefühl stützte ich meinen Kopf in meiner Handfläche ab und senkte den Blick. Dass er nun ebenfalls in diese Klasse ging, bedeutete dann wohl, dass er mit nach Stonehaven fuhr. Diese Tatsache ließ meine Freude darauf drastisch gen null tendieren. Ich hatte gehofft, Adan nie wiederzusehen. Und jetzt war er nach England gezogen und kam ausgerechnet in meine Klasse. Das konnte doch nicht wahr sein!

„Liebst du ihn noch?“, wollte Jalene auf einmal leise von mir wissen.

Vor Schreck stieß ich mein Geografiebuch vom Tisch. Sofort waren alle Blicke auf mich gerichtet. Auch seiner, der unter den anderen deutlich hervorstach. Seine Augen schienen mich regelrecht zu durchbohren.

„Entschuldigung“, nuschelte ich und hob das Buch wieder auf.

„Also habe ich recht“, stellte Jalene leise fest. „Hat er Schluss gemacht?“

„Das müssen wir doch nicht jetzt besprechen, oder?“

„Nein. Wir verschieben das auf die Mittagspause.“

Ich verdrehte die Augen, beließ es aber dabei. Mit meinen Gedanken ganz woanders, wandte ich mich dem Unterricht zu.

Natürlich ließ Jalene in der Mittagspause ihren Worten Taten folgen. Etwas abseits von der restlichen Klasse, die sich um Adan versammelt hatte, setzten wir uns in der Cafeteria an einen Tisch und begannen zu essen. Dann hielt sie es scheinbar nicht mehr aus.

„Also, jetzt erzähl. Warum ging es mit euch in die Brüche? Hat er nun die Beziehung beendet oder nicht?“

„Nein, das war ich“, entgegnete ich und stocherte lustlos in meinem Essen herum.

„Aber warum, wenn du ihn doch immer noch liebst?“

„Ich wollte einen klaren Schnitt machen, bevor ich weggezogen bin. Auf Dauer hätte es über diese Entfernung nicht funktioniert“, log ich. „Wir waren fünfzehn und hätten durch so eine Fernbeziehung mehr Leid als Freude gehabt. Wir hätten damit nicht umgehen können.“

„Und bevor jemand richtig verletzt wird, hast du lieber Schluss gemacht“, schlussfolgerte sie.

Ich nickte. „Ich konnte ja nicht ahnen, dass ich ihn so schnell wiedersehe und er dann auch noch ausgerechnet in meine Klasse kommt.“

„Das nennt man wohl Schicksal.“

„Wenn das Schicksal ist, will es mir eins auswischen.“

„Dann ist deine Vorfreude auf Stonehaven vermutlich auch ziemlich gedämpft “, bemerkte sie etwas mitleidig.

„Unter dem Nullpunkt.“ Ich seufzte. „Er hasst mich. Er hat damals nicht verstehen können, warum ich das getan habe.“

Dabei hatte ich es nur um seinetwillen getan.

„Ach Nana, lass dir davon nicht die Fahrt verderben. Du hast dich so darauf gefreut. Außerdem seid ihr beide erwachsener geworden. Meinst du nicht, dass ihr jetzt reifer miteinander umgehen könnt?“

Ich zuckte nur mit den Schultern.

Dann wurden wir von einem Klassenkameraden aus dem Gespräch gerissen. „Hey, Winona, Jalene! Sitzt nicht so weit weg, kommt rüber!“, rief Sam und winkte uns zu.

„Dann lass uns mal“, seufzte ich und erhob mich.

„Ist das in Ordnung?“, wollte meine beste Freundin wissen und stand ebenfalls auf. „Wir müssen nicht zu ihnen gehen.“

„Ich kann doch nicht ewig davonrennen. Außerdem kennst du mich. Ich werde mich wegen der Trennung nicht verkriechen und ausgrenzen, nur um nicht in seiner Nähe sein zu müssen. Und wie du schon sagtest: Wir sind beide erwachsener geworden.“

Sie erwiderte nichts darauf. Gemeinsam gingen wir zu den anderen. Sam stellte uns beide vor, doch Adan ignorierte mich gekonnt dezent. Die Mädchen aus meiner Klasse waren hin und weg von ihm. Sie umschwärmten ihn wie die Motten das Licht. Nicht verwunderlich, denn er sah – wie Jalene schon gesagt hatte – verdammt gut aus. Noch besser als vor zwei Jahren. Sein Gesicht war ein wenig markanter geworden, und sein Oberkörper schien muskulöser geworden zu sein.

„Wir haben es der Versetzung seines Vaters zu verdanken, dass er hergezogen ist“, flüsterte Eliza mir kichernd zu.

„Aha“, entgegnete ich nur kurz.

Ich beobachtete Adan unauffällig. Er unterhielt sich ungezwungen mit den anderen. Die Klasse hatte ihn wunderbar aufgenommen. Er hatte es schon damals verstanden, sich gut zu integrieren oder anderen dabei zu helfen.

Ich war erleichtert, als der Schultag endlich vorüber war, und fühlte mich ausgelaugt, als die Haustür hinter mir ins Schloss fiel. Seufzend streifte ich mir die Schuhe ab, begrüßte kurz meine Großeltern und stieg dann die Treppe nach oben empor. In meinem Zimmer warf ich meine Schultasche achtlos in die Ecke und ließ mich auf mein Bett fallen. Ich verschränkte die Arme hinter meinem Kopf und starrte gegen die Decke.

In zwei Wochen – bereits in zwei Wochen begann die Fahrt nach Stonehaven. In zwei Wochen würden wir sechs Tage zusammen verbringen. Wir würden uns andauernd sehen, und ich wusste nicht, wie lange ich das aushalten würde. Ob ich es aushalten würde. Seit dem Tod meiner Eltern hatte ich von Tag zu Tag versucht, die Vergangenheit zu verarbeiten und hinter mir zu lassen. Es hatte funktioniert – einigermaßen –, aber nun war er hier. Und damit hatte mich das Damals vollkommen eingeholt.

„Oh verdammt!“, fluchte ich und rollte mich auf die Seite.

Ich kniff die Augen zusammen. Bilder von vor zwei Jahren zogen in meinen Gedanken vorbei. Bilder von dem Tag, als wir uns auf meinen Wunsch hin getroffen hatten, nur damit ich ihm sagen konnte, dass es vorbei war. Bilder von seinem verletzten Gesichtsausdruck. Von der Verständnislosigkeit, die aus seinen grauen Augen sprach. Von seinem starren Blick, ehe ich mich umgedreht hatte und gegangen war. Ohne ihn noch einmal anzusehen. Doch ich hatte seine Augen auf mir gespürt und stumm geweint, in dem Glauben, ihn nie wiederzusehen.

Kurzerhand erhob ich mich und blickte nach oben. Ich hob den Arm und streckte die Hand aus. Im nächsten Moment öffnete sich dort eine Luke. Ich sprang hinauf, ließ mich dabei von der Luft tragen und schaltete oben das Licht ein. Zum Vorschein kam ein gemütlich eingerichteter Raum. An den Seitenwänden standen Regale voller Zauberbücher und Werke mit Informationen über Mythen, Magie, Dämonen, Hexen und andere übernatürliche Wesen, und ein Schrank, in dem sich Utensilien befanden, die ich zum Üben benötigte. Zum Üben einiger Zauber. An der Wand mir gegenüber stand eine dunkelrote Couch. Vor ihm ein antiker kleiner Mahagonitisch. Eine Sternenkarte hing ebenfalls an der Wand.

Das hier war mein Geheimnis. Das Geheimnis, das ich nur mit meinen Großeltern teilte. Ein Geheimnis, das Normalsterbliche nie verstehen würde. Nicht einfach so. Denn ich war eine Hexe. Keine Hexe, die vor einem großen runden schwarzen Kessel stand und irgendwelche unappe­titlich aussehenden Gemische fabrizierte. Nein. Ich war eine Hexe, die richtige Magie beherrschte. Natürlich gehörte es auch zu den Tätigkeiten einer Hexe, Tränke zu kochen, hauptsächlich beschäftigten Hexen und Magier sich aber mit Zaubern.

Meine Großeltern hatten mir diesen Raum nach dem Tod meiner Eltern eingerichtet. Es war nicht nur mein Übungszimmer, sondern auch ein Rückzugsort für mich. Ein Ort, an dem ich allein sein konnte, auch wenn meine Großeltern ebenfalls die Möglichkeit besaßen, hier raufzugelangen. Trotzdem geschah es nie, dass sie diesen Raum betraten, außer ich bat sie ausdrücklich darum.

Seufzend ließ ich mich der Länge nach auf die Couch fallen und schloss die Augen. Ich genoss die Ruhe und den Frieden an diesem Ort. Hier fühlte ich mich nicht so eingeengt und schutzlos wie überall sonst. Er gab mir eine Art Sicherheit, die ich mir selbst nicht erklären konnte. In ihm konnte ich in Ruhe nachdenken, ohne gestört zu werden.

Noch einmal erschien Adans Gesicht vor meinen Augen, ehe ich in einen unruhigen Schlaf fiel.

… Der Regen prasselte wie ein Sturzbach vom Himmel herab. Er half der Feuerwehr, die Flammen zu löschen. Verstört, beinahe apathisch starrte ich auf das Feuer. Das Feuer, das unser Haus verschlungen hatte. Das Feuer, das mir meine Eltern genommen hatte.

Aus dem Augenwinkel bemerkte ich einen Mann, der an mich herantrat. Ein Mann in der Uniform eines Rettungssanitäters. Er legte eine Hand auf meine Schulter und redete beruhigend auf mich ein, während er mich zu dem Krankenwagen führte, der nur wenige Meter entfernt stand. Dann forderte er mich durch ein leichtes Drücken meiner Schultern dazu auf, mich auf die Ladefläche zu setzen. Ich gehorchte. Der Mann legte mir eine Wolldecke über und hockte sich vor mich.

„Mein Name ist Robin Brady. Ich bin Rettungssanitäter. Kannst du mir sagen, ob du irgendwo verletzt bist? Tut dir etwas weh?“

Ich antwortete nicht. Ich konnte nicht antworten. Ich wusste wenige Augenblicke später nicht einmal mehr, was er gefragt hatte. Es war, als würde er in einer fremden Sprache mit mir reden. Mein Kopf war leer. Meine Gedanken waren leer.

„Bist du verletzt?“, wiederholte er fürsorglich.

Ich sah ihn an. Stumm. Meine Kehle war staubtrocken.

„Ich bin sofort wieder da. Bleib sitzen.“ Mr Brady erhob sich und reichte mir gleich darauf einen Becher mit einem heißen Getränk. Er gab ihn mir direkt in die Hände. Geistesabwesend umfasste ich den Becher und starrte wieder auf das Feuer.

Sie waren immer noch da drin. Irgendwo in diesen zerstörerischen Flammen waren sie.

Auf einmal ertönten laute Schritte. Jemand rief meinen Namen. Die Stimme schien Meilen weit weg zu sein. Benommen sah ich auf. Diese Stimme …

Die Person tauchte neben dem Rettungswagen auf. Adan.

„Winona? Bist du verletzt? Geht es dir gut?“, fragte er außer Atem und schloss mich sogleich fest in seine Arme. Er war vollkommen durchnässt.

Ich reagierte nicht. Ich fühlte mich wie gelähmt. Mein Herz schien unter dem Schmerz über den Verlust meiner Eltern jeden Augenblick zu zerspringen. Ich wollte schreien, wollte meine Gefühle hinausschreien, doch ich blieb stumm. Stumm, obwohl meine Seele weinte. Obwohl meine Seele schrie. Ich wollte mich fest in sein Sweatshirt krallen, aber meine Arme bewegten sich nicht. Ich konnte nicht einmal einen Finger bewegen. Was ich wollte, war, dass die Ohnmacht über mich hereinbrach, damit ich diesem Schmerz entgehen konnte. Am besten für immer.

Auf einmal ertönte die Stimme des Rettungssanitäters wieder. „Sind Sie ihr Freund?“, sprach er Adan an.

„Ja. Ja, der bin ich. Mein Name ist Adan Nowell.“

„Hat sie … Verwandte hier in der Stadt, zu denen sie könnte?“

„Nein, ihre Großeltern leben in England.“

„Verstehe.“ Kurz schwieg der Sanitäter.

Adans Griff verstärkte sich. Er zitterte. „Wie geht es ihr?“, fragte er den Sanitäter eindringlich.

„Um ihre körperliche Unversehrtheit müssen Sie sich keine Gedanken machen. Sie scheint sehr viel Glück gehabt zu haben.“

„Keine Rauchvergiftung? Keine Verbrennungen?“

„Nein. Sie scheint nicht im Haus gewesen zu sein, als das Feuer ausbrach. Aber sie spricht nicht. Sie hat einen starken Schock erlitten.“

Körperlich sollte es mir gut gehen? Wie konnte das sein, wenn es mir unmöglich war, mich zu bewegen?! Und ich sollte einen Schock haben? Dachte er also, ich wäre nur schockiert darüber, dass meine Eltern umgebracht worden waren?

Damals, in jenem Moment, war mir nicht klar gewesen, was es bedeutete, was er gesagt hatte – dass er recht gehabt hatte.

„Bringen Sie sie zu Ihnen nach Hause. Doch sobald Sie an ihr etwas Ungewöhnliches bemerken, sollten Sie sofort einen Arzt aufsuchen.“

„Vielen Dank“, sagte Adan heiser.

Dann ging der Sanitäter fort.

„Komm, Winona, gehen wir“, sprach Adan mich mit sanfter Stimme an, nahm mir den Becher aus der Hand und half mir vorsichtig hoch.

Wir bewegten uns ein paar Schritte. Doch dann versagten meine Beine. Adan fing mich auf und hob mich auf seine Arme, ehe alles schwarz wurde und die Ohnmacht über mich hereinbrach, nach der ich mich so sehr gesehnt hatte …

Als ich wieder aufwachte, war draußen bereits die Dunkelheit he­reingebrochen. Mit einem dumpfen Gefühl erhob ich mich. Gerade als ich zur Öffnung im Boden ging, kam mir die Idee, in meinem Zimmer noch ein wenig zu lesen. Also fixierte ich zwei Zauberbücher und ließ sie durch einen flüchtigen Gedankengang hinter mir herfliegen. Ich ließ mich hinunter in mein Zimmer fallen und verschloss die Luke in der Decke wieder, nachdem auch die Bücher hinuntergeflogen waren.

Kaum hatte ich mich mit ihnen auf mein Bett gesetzt, klopfte es auch schon an der Tür. Nachdem ich „Herein“ gesagt hatte, betrat meine Großmutter den Raum.

„Da bist du ja wieder“, lächelte sie. „Ist etwas passiert, dass du dich so lang auf den Dachboden zurückgezogen hast?“

„Ich bin eingeschlafen“, gestand ich schmunzelnd, wurde dann jedoch ernst und seufzte: „Und ja: Es ist etwas passiert.“

„Und was?“ Sie setzte sich zu mir und legte ihre Hände auf meine.

„Adan ist hier. Er ist nach Plymouth gezogen und geht nun in meine Klasse. Er kommt also auch mit nach Stonehaven.“

„Ach Liebes, hegst du etwa immer noch Gefühle für ihn?“

Ich lächelte gequält, erwiderte jedoch nichts.

Für sie war es eine eindeutige Antwort. „Vielleicht solltest du versuchen, mit ihm zu reden.“

„Nein, so ist es besser. Ich will mich nicht umsonst von ihm getrennt haben. Hätten wir Kontakt, würde alles seinen Sinn verlieren. Würden wir miteinander sprechen, hätte ich ihn damals nicht so verletzen müssen. Es ist in Ordnung. Mir geht es gut.“

„Na schön. Dann lass ich dich wieder allein. Wie ich sehe, möchtest du noch ein wenig in den Zauberbüchern lesen. Vergiss aber bitte nicht, noch etwas zu essen, bevor du schlafen gehst. Falls du Gesellschaft brauchst, dein Großvater und ich sind im Wohnzimmer.“

„Ist gut, Grandma“, sagte ich mit einem Augenzwinkern.

Sie erwiderte es und verließ mein Zimmer wieder, während ich schon zu lesen anfing.

Am nächsten Tag waren bereits alle anwesend, als ich die Klasse betrat. Als ich mich umsah, fiel mein Blick auf Adan. Er unterhielt sich gerade mit Sam, Eliza und ein paar anderen. Seufzend ging ich zu meinem Platz, wo Jalene wartete.

Kaum hatte ich mich gesetzt, betrat Mr Turpin den Raum, unser Geschichts-, Spanisch- und Klassenlehrer. Heute Morgen stand Spanisch auf dem Stundenplan. Wieder seufzte ich. Bevor wir mit dem Unterricht begannen, würden wir die Zimmerverteilung für die Klassenfahrt festlegen. Jalene, Eliza, Leah und ich hatten beschlossen, uns eins zu teilen. Vorausgesetzt, wir würden das Zimmer für vier Leute für uns beanspruchen können. Es war Glück – oder eher Zufall – gewesen, dass Mr Turpin es gebucht hatte.

Ich überließ meinen Freundinnen das Reden, denn meine Unlust auf Stonehaven war auch heute nicht weniger geworden. Ich war zwar niemand, der vor Problemen davonlief, aber trotzdem wäre es mir lieber gewesen, nicht mitfahren zu müssen.

„Nana, bist du noch da?“, riss Jalene mich aus meinen Gedanken.

„Ja, bin ich“, seufzte ich mit einem gequälten Lächeln.

„Rede doch mit ihm“, schlug nun auch sie vor und musterte mich mitleidig.

„Nein, so ist es besser.“

„Komm mir nicht mit so etwas“, drohte sie gespielt. „Solange du nicht glücklich bist, ist nichts besser.“

„Lass es gut sein.“ Ich lächelte schwach.

Sie wusste schließlich nicht, warum ich die Beziehung wirklich beendet hatte.

„Oh Nana“, seufzte sie. „Sei doch nicht immer so stolz.“

„Das hat nichts damit zu tun.“ Unauffällig sah ich über meine Schulter und musterte ihn.

Ich konnte immer noch nicht glauben, dass er tatsächlich hier war. Nur wenige Reihen hinter mir. Es war immer noch wie ein Traum. Ein Traum, von dem ich nicht wusste, ob es ein guter oder ein schlechter war.

In der Mittagspause zerrten Eliza und Leah Jalene und mich zum Rest der Klasse, da sie wollten, dass wir Adan besser kennenlernten. Während Jalene sich in das muntere Gespräch einklinkte, saß ich schweigend neben meinen Freunden und Klassenkameraden und hörte einfach nur zu. Adan erzählte gerade, dass seine Eltern aus England stammten, jedoch noch vor seiner Geburt nach Irland gezogen waren.

Wir hatten es damals als eine Art Schicksal angesehen, dass wir beide aus England kamen und uns in Irland kennengelernt hatten. Eigentlich war diese Tatsache der ausschlaggebende Punkt gewesen, weswegen unser Kontakt immer intensiver geworden war, bis er mir schließlich seine Liebe gestanden hatte. Es war alles so perfekt gewesen. Perfekt für ein fünfzehnjähriges Mädchen. Und dann war wie von einem Moment auf den anderen alles vorbei gewesen.

Stumm erhob ich mich und verließ die Cafeteria. Seufzend setzte ich mich draußen auf eine Bank, lehnte mich zurück und senkte die Lider. Seit gestern sah ich nur noch die schrecklichen Bilder von früher vor meinen Augen. Adan hatte alles wieder aufleben lassen. Ich sah es, als wäre es erst vor wenigen Tagen geschehen. Der Umzug, die Trennung von Adan, der Angriff und der Tod meiner Eltern …

Auf einmal tickte jemand gegen meine Schulter. Erschrocken fuhr ich zusammen und riss die Augen auf.

„Entschuldige. Ich wollte dich nicht erschrecken“, sprach Jalene mich an.

„Schon gut.“ Ich strich mir einmal über das Gesicht und warf meine langen Haare nach hinten. „Ich war in Gedanken.“

„Sein Auftauchen hat einiges aufgewühlt, was?“

„Vieles, ja. Ich dachte eigentlich, ich hätte mit allem abgeschlossen.“

„Nana. Du hast das Feuer gesehen, in dem deine Eltern gestorben sind. Du hast die Explosion gehört. Und du hast nie eine Therapie gemacht, um alles zu verarbeiten. Du hast es alleine geschafft, dein Leben weiterzuleben. Das zeigt doch, dass du unglaublich stark bist.“

„Du weißt immer, in welchen Momenten du was sagen musst.“ Ich lächelte gequält.

„Meine Spezialität“, grinste sie. „Du wirst damit fertig. Kopf hoch. Du schaffst es auch dieses Mal wieder.“

„Ich bleibe trotzdem noch ein wenig hier. Geh ruhig wieder zu den anderen. Ich möchte nicht, dass unnötig geredet wird.“

„Wie du willst.“ Sie erhob sich. „Aber bleib nicht zu lange allein.“

Zwei weitere Tage vergingen, in denen sich nichts veränderte. Doch Mrs Pearce hatte heute in Biologie ganz eigene Pläne: Gruppenarbeit. Zufallsprinzip.

„Oh Gott, bitte sei gnädig“, betete ich leise, faltete meine Hände und lehnte meine Stirn gegen sie.

Neben mir hörte ich Jalene leise kichern.

„Was ist daran so witzig?“, wollte ich wissen.

„Nichts, entschuldige“, giggelte sie. „Du wirst aber auf Dauer nicht drum herumkommen. Es wird noch mehr Aufgaben geben, in denen die Gruppen durch den Lehrer entstehen.“

„Aber das muss ja nicht ausgerechnet schon heute sein“, bemerkte ich.

Dann teilte Mrs Pearce die Gruppen ein. Nach und nach setzten sich die anderen zusammen, bis nur noch vier übrig waren – unter anderem Adan und ich.

„Das darf doch nicht wahr sein“, fluchte ich leise, nahm meine Sachen und erhob mich, ehe ich zu meiner Gruppe ging.

Schwerfällig ließ ich mich auf den Stuhl neben Sam fallen und schlug die Beine übereinander.

„Du siehst aber nicht gerade euphorisch aus“, sprach er mich an.

„Ich habe schlecht geschlafen, entschuldige.“

„Du siehst auch irgendwie blass aus“, bemerkte Leah und musterte mich.

„Das macht das kalte Licht in diesem Raum.“

Seit Adan wieder in meinem Leben aufgetaucht war, träumte ich nicht nur von dem Angriff, sondern auch von unserem letzten Gespräch. Die Ausrede, ich hätte schlecht geschlafen, war also nicht einmal gelogen.

Die ganze Stunde hindurch hatte ich es geschafft, weder mit Adan zu reden noch ihn zu beachten, ohne dass Sam und Leah es bemerkten. Adan kam mir dadurch zu Hilfe, dass er es genauso machte. Doch als die Arbeit vorbei war, flüchtete ich regelrecht aus dem Raum und dem Gebäude und wartete erst draußen auf meine beste Freundin. Ich schloss kurz die Augen und lehnte mich gegen die Hauswand.

„Das war nun wirklich Pech, dass du schon heute mit ihm arbeiten musstest“, ertönte kurz darauf Jalenes Stimme neben mir.

Ich hob die Lider und sah sie an. „Irgendjemand will mir eins auswischen. Wahrscheinlich ertappe ich ihn eines Tages noch in flagranti mit einer anderen.“

„Er hat doch ein Recht darauf, schließlich seid ihr seit zwei Jahren getrennt, und zudem warst du auch noch diejenige, die die Beziehung beendet hat.“

Ich seufzte. „Das weiß ich.“

„Tut mir leid. Ich weiß, dass du ihn immer noch liebst. Na komm, lass uns gehen.“ Sie setzte sich in Bewegung.

Ich folgte ihr.

„Endlich Wochenende“, wechselte ich das Thema und sah hinauf in den Himmel. „Das werde ich in vollen Zügen genießen.“

„Das glaube ich dir“, pflichtete mir meine beste Freundin bei.

„Machen wir irgendetwas?“, wollte ich von ihr wissen und warf ihr einen fragenden Blick zu.

„Wenn du Lust hast, kannst du bei mir übernachten. Dann machen wir uns einen richtig schönen Abend.“

„Gut, dann komme ich später bei dir vorbei.“

Wir waren an der Kreuzung angekommen, wo sich unsere Wege nach Hause trennten.

„Dann bis nachher.“ Wir umarmten uns kurz, ehe ich nach links abbog.

Kaum hatte ich unser Haus betreten und mich umgezogen, flog ich auf den Dachboden. Oben suchte ich mir aus einem Regal ein paar Zauberbücher heraus und setzte mich auf die Couch. Eines von ihnen war bereits ein paar Jahrhunderte alt und wurde in der Familie meiner Mutter von Generation zu Generation weitergereicht. Eine Vorfahrin hatte es geschrieben. Melisande. Meine Mutter hatte immer wieder betont, wie sehr es eine Rolle spiele, den Inhalt des Buches zu beherrschen. Ich hatte nie verstanden, warum dieses Buch so viel wichtiger sein sollte als die anderen, aber nach ihrem Tod hatte ich mir diese Worte zum ersten Mal zu Herzen genommen. Ich hatte es immer mal wieder zum Lesen mit heruntergenommen. Doch seit ein paar Wochen las ich es beinahe täglich. Nachdem es mir anfangs ziemlich schwergefallen war, die geschriebenen Worte zu verstehen, hatte ich mich inzwischen so sehr eingelesen, dass es zu einer Selbstverständlichkeit geworden war.

Gedankenverloren griff ich nach dem Anhänger um meinen Hals. Eines Tages würde ich das Werk so beherrschen, wie meine Mutter es sich gewünscht hatte. Eines Tages würde ich unseren gemeinsamen Wunsch erfüllen, von meiner Mutter und mir. Ja, eines Tages …

Nachdem ich eine Weile gelesen und anschließend ein paar Möbelstücke hatte fliegen lassen, war ich in mein Zimmer zurückgekehrt, um mich für den Abend und die Nacht bei Jalene fertig zu machen. Ich packte meine Tasche mit der Kleidung, die ich für die Nacht und den morgigen Tag benötigte. Im Bad verstaute ich noch ein paar Utensilien, ehe ich die Tasche schloss und ins Erdgeschoss lief. Dort traf ich auf meine Großeltern. Sie saßen im Wohnzimmer und tranken Tee.

„Ich werde mich so langsam auf den Weg machen“, meldete ich mich zu Wort. „Die Sonne geht langsam unter, und Jalene wartet bestimmt schon.“

„Ist gut, Kleines“, erwiderte mein Großvater, „Sei vorsichtig auf dem Weg zu ihr.“

„Das werde ich.“

Seit dem Tod meiner Eltern war er immer besorgt, wenn ich abends außer Haus ging, vor allem, wenn ich alleine war. Meiner Großmutter erging es da nicht anders. Ich nahm ihnen ihre Sorge nicht übel. Schließlich waren ihre Kinder von dem Orden getötet worden.

„Hast du denn die ganzen letzten Stunden auf dem Dachboden verbracht?“, wollte meine Großmutter wissen.

„Ja, ich habe in dem Buch von Melisande gelesen und ein wenig geübt.“

„Das höre ich gern. Dann viel Spaß bei Jalene.“

„Danke“, lächelte ich und wandte mich zum Gehen. „Bis morgen.“

„Bis morgen“, erwiderten meine Großeltern gleichzeitig. „Und macht nicht zu lange“, fügte mein Großvater hinzu.

„Natürlich nicht“, schwindelte ich grinsend, trat wenige Sekunden später durch die Haustür und machte mich auf den Weg.

Draußen färbte die Abendsonne die wenigen Wolken am blauen Himmel golden. Ich musste lächeln. Der Anblick wirkte auf seine Art beruhigend. Gleichzeitig ließ er meine Laune sinken. Früher hatten Adan und ich öfter den Sonnenuntergang beobachtet. Er hatte gewusst, wie sehr ich ihn liebte, und war mit mir zu den verschiedensten Orten gegangen, um dem Feuerball dabei zuzusehen, wie er hinter dem Horizont verschwand.

Jalene verstand es, jemanden von aufgewühlten Gefühlen abzulenken. Nachdem ich mich bei ihr eingerichtet hatte, zogen wir uns um und kuschelten uns in unsere Betten. Wir sahen uns verschiedene Filme an und redeten viel. Es tat unglaublich gut, meine beste Freundin um mich zu haben. Die schrecklichen Ereignisse von früher und Adan fühlten sich weit weg an. Weit weg genug, um mich nicht wieder in die Vergangenheit zu ziehen, zumindest nicht heute Abend.

Irgendwann wurden wir müde. Ein zufälliger Blick auf den Radiowecker verriet uns, dass es bereits drei Uhr morgens war. Wir hatten so viel gequatscht, dass wir gar nicht richtig mitbekommen hatten, wie die Zeit vergangen war.

Gähnend schalteten wir den Fernseher und den DVD-Player aus und löschten das Licht. Noch ein paar Minuten unterhielten wir uns, ehe wir uns eine schöne Restnacht wünschten und die Augen schlossen.

Und dann kam der Traum …

2. KAPITEL

Vor mir schoss eine Wand aus heißen Flammen empor. Schützend hielt ich mir die Hände vors Gesicht. Die Wolken rissen auf und gaben das Wasser frei, das sie festgehalten hatten. Meine Beine versagten mir den Dienst. Kraftlos sank ich auf den Boden. Heiße Tränen rannen über mein Gesicht. Fassungslos schlug ich mir die Hände vor den Mund und schluchzte auf.

„Mum … Dad …“

Auf einmal ertönte ein markerschütternder, schmerzverzerrter Schrei. Entsetzt sah ich auf.

„Mum?! Dad?!“

Schemen. Im Feuer waren Schatten. Zwei Schatten.

Hektisch sprang ich auf und rannte auf die Flammen zu. Ein heftiger Windstoß, der mir die Hitze entgegenschleuderte. Schützend hielt ich mir die Hände vor das Gesicht.

„Mum?! Dad?!“, schrie ich hysterisch.

Ich versuchte, irgendetwas zu erkennen. In meinen Händen entstanden energiegeladene Feuerbälle.

„Ich hole euch da raus! Haltet durch!“, rief ich und wollte gerade beginnen, das Feuer einzusaugen … als ein Schatten verschwand.

Dann gab das Feuer die Person frei.

Entsetzt ließ ich die Arme sinken.

„Adan“, keuchte ich erstickt. „Adan!“

Kurz trafen sich unsere Blicke. Noch ein Schrei. Er krümmte sich. Seine Arme begannen zu brennen.

„Adan!“

Neben ihm erschien eine Person. Eine blonde Frau. Sie wandte mir den Rücken zu. Als sie sich schließlich zu mir umdrehte, schoss das Feuer empor und verdeckte ihre Gestalt. Und dann wurde Adan von den Flammen verschlungen …

Schweißgebadet fuhr ich hoch. Mein Herz raste. Eine eiskalte Gänsehaut überzog meinen Körper. Ich strich mir einmal über mein Gesicht, warf die Decke vorsichtig beiseite und erhob mich. Es war noch dunkel. Scheinbar hatte ich nicht lange geschlafen.

Leise öffnete ich die Zimmertür und ging hinunter in die Küche. Dort trank ich ein Glas Wasser, lehnte mich gegen den Tisch und atmete tief durch.

Ich konnte immer noch nicht so recht glauben, dass ich Adan in meinem Traum tatsächlich mit dem Tod meiner Eltern in Verbindung gebracht hatte. Jedes Mal, wenn ich von dem Angriff und den Flammen träumte, durchlebte ich diesen Abend genau so, wie er gewesen war. Mit jeder Einzelheit. Doch dieses Mal waren nicht meine Eltern umgekommen. Nicht meine Mutter hatte geschrien. Es war Adan gewesen. Ich hatte seinen Schrei gehört, der mir noch immer tief in den Knochen steckte. Auch ich hatte geschrien. Hatte seinen Namen geschrien.

Ich schüttelte einmal energisch den Kopf, um die Erinnerung an diesen Traum loszuwerden. Auf einmal ging das Licht an. Erschrocken fuhr ich zusammen.

„Was ist denn los?“, wollte Jalene verschlafen wissen und rieb sich über die Augen.

„Ich habe schlecht geträumt und wollte etwas trinken. Geh wieder hoch und schlaf weiter. Ich komme auch gleich.“

„Ist gut. Aber ist wirklich alles in Ordnung? Was hast du denn geträumt?“

„Das erzähle ich dir später. Na los, geh schon.“

„Wie du willst. Aber komm auch gleich wieder hoch. Du hast noch ein paar Stunden, bis du wieder aufstehen musst.“

„Ich weiß. Bis gleich.“

Sie nickte nur und verschwand wieder. Ich setzte mich derweil auf einen Stuhl und strich mir seufzend meine Haare nach hinten. Schlafen kam für mich überhaupt nicht infrage. Der Traum hatte mich hellwach gemacht. Es war so real gewesen. Mir war, als könne ich immer noch die Nässe des Regens und die Hitze des Feuers spüren. Und ich fragte mich, wer die junge Frau gewesen war.

Noch ein paar Minuten saß ich hier, ehe ich mich entschloss, zu Jalene zurückzukehren. Adan hatte mit seinem Auftauchen einfach sehr viel aufgewühlt. Das war alles. Der Traum selbst hatte nichts zu bedeuten.

Schwerfällig erhob ich mich und verließ die Küche. Träge stieg ich die Treppen empor und legte mich ins Bett. Jalene war bereits wieder eingeschlafen. Ich verübelte es ihr nicht. Es war gerade mal ein paar Stunden her, seit wir beschlossen hatten, unseren Abend zu beenden. Die Sonne war immer noch nicht aufgegangen. Ein Blick auf die Uhr verriet mir auch, warum. Es war gerade kurz vor fünf am Morgen. Genervt seufzte ich, drehte mich auf den Rücken und verschränkte die Arme hinter meinem Kopf. Nachdenklich starrte ich gegen die Decke. Doch schließlich, nach einer schieren Unendlichkeit, übermannte mich die Müdigkeit. Draußen ging die Sonne auf, als ich die Augen schloss und einschlief.

Es war bereits Mittag, als ich das nächste Mal aufwachte. Gähnend streckte ich mich und verließ das Bett. Ich war allein. Jalene war anscheinend bereits wach und ins Erdgeschoss gegangen. Also machte ich mich auch auf den Weg dorthin.

Gedankenverloren öffnete ich die Tür und schloss sie wieder hinter mir, ehe ich die Treppe hinunterging. Den Rest der Nacht hatte ich keine weiteren Träume mehr gehabt. Sehr zu meiner Freude. Der vergangene steckte mir immer noch tief in den Knochen. Ich hatte beinahe ein wenig Angst, dass Adan wirklich etwas geschah. Aber nur mächtige Hexen konnten Vorahnungen in ihren Träumen haben. Und ich war noch nicht stark genug dafür. Also war das unmöglich.

„Guten Morgen“, begrüßte Jalene mich, als ich die Küche betrat. „Konntest du noch gut schlafen?“

„Einigermaßen, ja, danke.“ Ich setzte mich zu ihr. „Entschuldige, wenn ich dich geweckt habe.“

„Ach, alles in Ordnung. Aber was war denn los? Was hast du geträumt, dass es dich so aufgewühlt hat?“

„Dass Adan verbrennt“, antwortete ich knapp.

Jalene verschluckte sich an ihrem Kaffee. „Was hast du geträumt?“

„Ich scheine ihn einfach nur mit dem Tod meiner Eltern in Zusammenhang gebracht zu haben. Das ist alles.“

„Das wird ja immer besser. Zuerst wühlt er allgemein deine ganzen Gefühle und Erinnerungen auf, und jetzt verfolgt er dich noch in deinen Träumen und bringt alles durcheinander.“

„Das wird sich ändern, sobald ich mich an seine Anwesenheit gewöhnt habe“, sagte ich, ohne selbst davon überzeugt zu sein. „Jetzt lass uns über etwas anderes reden.“

„Na schön. Wie sieht denn unser heutiger Tag aus?“

„Wie wäre es, wenn wir ins Kino gehen?“

„Gute Idee. Dann machen wir uns jetzt etwas zu essen und gehen anschließend ins Badezimmer.“

Ich nickte zustimmend und sah aus dem Fenster. Draußen war wunderschönes Wetter, nicht eine einzige Wolke wagte es, das strahlende Blau zu beflecken. Es war das perfekte Wetter, den vergangenen Traum zu vergessen.

Ich stand vor dem Klassenraum und dachte kurz an das restliche Wochenende zurück. Es war total entspannt verlaufen. Am Samstag war ich gegen Abend nach Hause zurückgekehrt, und den Sonntag hatte ich beinahe die gesamte Zeit auf dem Dachboden verbracht und in Melisandes Buch gelesen. Ich kam gut damit voran. In wenigen Wochen würde ich es durchgelesen haben.

Leider war ich heute Morgen sehr früh aufgewacht und hatte nicht mehr einschlafen können. Deswegen war ich heute zu früh in der Schule. Viel zu früh. Als ich schließlich den Klassenraum betrat, war noch keiner da.

Also setzte ich mich stumm auf meinen Platz, stützte meinen Kopf in der Handfläche ab und starrte auf die Tischplatte. In Gedanken zeichnete ich mit meinem freien Zeigefinger Muster auf das Holz. Ich nahm nichts um mich herum wahr. Es war, als wäre ich in einer anderen Dimension. In einer Art leerer Hülle, die sich um mich herum gebildet hatte und mich von allem abschottete. So viele Gedanken wirbelten in meinem Kopf herum wie ein gewaltiger Sturm. Es war ein merkwürdiges Gefühl, wenn ich daran dachte, dass ich ihn gleich wiedersehen würde. Immer noch. Ich konnte mich nicht daran gewöhnen. Nicht nachdem ich mich damit abgefunden hatte, ihn nie wiederzusehen.

Auf einmal ertönte ein lauter Knall. Erschrocken fuhr ich zusammen. In Sekundenschnelle prasselten die Bilder von damals auf mich ein. Die Explosion …

Panisch sprang ich auf und wirbelte herum. Augenblicklich war ich zurück im Klassenraum. Ich hob den Blick. Vor mir stand Sam.

„Entschuldige, wenn ich dich erschreckt habe. Die Tür ist ein wenig zu laut zugefallen“, erhob er das Wort.

„K…kein Problem.“ Ich atmete einmal tief durch. „Guten Morgen.“

„Guten Morgen“, meinte er mit einem Augenzwinkern. „Du schienst weit weg gewesen zu sein.“

„Ja, das stimmt.“ Ich lächelte leicht und setzte mich wieder.

„Na, solange du uns nicht mitten im Unterricht oder gar auf der Klassenfahrt verlässt, ist doch alles in Ordnung. Was machst du überhaupt schon hier? Du kommst doch normalerweise erst später.“

„Ich war heute früh dran.“

„Sehr früh“, verbesserte er mich.

„Na gut, sehr früh.“

Dann ging die Tür wieder auf. Derjenige, der den Raum betrat, war kein Geringerer als …

„Adan, guten Morgen“, begrüßte Sam ihn gut gelaunt.

„Guten Morgen“, erwiderte mein Exfreund.

Seine Stimme jagte mir eine Gänsehaut über den Körper. Ich hatte meinen Blick wieder aus dem Fenster gerichtet. Im schwachen Spiegelbild konnte ich erkennen, wie Adan sich auf seinen Platz zwei Tische hinter mir setzte.

Der Schultag war unglaublich anstrengend gewesen. Gleich zwei Lehrer hatten unangekündigt einen Test schreiben lassen. In beiden war ich kläglich gescheitert. Obwohl ich eigentlich von mir behaupten konnte, eine gute Schülerin zu sein, hatte ich mich heute nicht konzentrieren können. Während die anderen über ihr – meist gutes – Gefühl in Bezug auf die Tests redeten, klinkte ich mich nur ab und zu ein, um die anderen nicht misstrauisch zu machen.

Doch nun war der Unterricht vorbei, und ich konnte mich auf den Weg nach Hause machen. Ich verabschiedete mich nur noch kurz von Jalene und dem Rest meiner Leute, ehe ich das Gebäude verließ.

Zu Hause angekommen begrüßte ich meine Großeltern, dann lief ich in mein Zimmer und holte mir ein dünnes Zauberbuch zum Lesen herunter. Ein Buch mit Heilungs- und Angriffszaubern. Ein Buch mit zwei Gegensätzen, eben perfekt für Kämpfe aller Art. Ich hätte es neben Melisandes Buch schon lange lesen sollen, jedoch hatte ich mich bisher mit anderen Zaubern beschäftigt. Doch heute hatte ich das Gefühl, mich damit befassen zu müssen. Es war wie ein Drang, wie eine Ahnung, dass ich sie bald brauchen würde.

Aufmerksam begann ich mit den Heilungszaubern.

Ignis, restringe. Ein Zauber, um Brandwunden zu heilen.

Anima, signa temporis abde. Ein Zauber, um Schnittverletzungen zu behandeln.

Hanc vitam adiuva. Ein Zauber, um innere Verletzungen zu finden und zu lindern.

Je nach Grad der Verletzung war es entweder schwierig oder einfach, den Zauber richtig anzuwenden.

Doch nicht jeder Zauber konnte mit einem Spruch vollzogen werden. Vor allem nicht die Angriffszauber, die meist innerhalb von Sekundenbruchteilen angewendet werden mussten. Für sie reichte oft der Wille aus. Doch gab es durchaus auch Heilungszauber, die allein mit dem Willen in Kraft traten.

Es war eine Leichtigkeit für jede Hexe, sich Zauber zu merken. Sie richtig anzuwenden war allerdings eine ganz andere Sache. Außerdem bedeutete die gute Erinnerung an Zauber nicht, dass man sich Rechenwege, Vokabeln und Namen genauso gut merken konnte.

Ein leichtes Lächeln huschte über meine Lippen. Ich würde mit meiner Kraft ein ganzes Stück weiter sein, wenn ich dieses Buch beendet hatte. Vielleicht schaffte ich es ja sogar schon bis zur Klassenfahrt. Ich würde mich damit an einem fremden Ort um einiges wohler fühlen. Und außerdem sicherer, denn dann hatte ich genügend Möglichkeiten, mich zu verteidigen.

Am nächsten Tag war ich eine der Letzten, die das Klassenzimmer betrat.

Jalene wartete bereits ungeduldig auf mich. „Mensch, warum bist du so spät?“, ranzte sie mich an. „Ich dachte schon, dir geht’s nicht gut und du bleibst zu Hause.“

Ich ließ meine Tasche auf den Boden gleiten und setzte mich. „Nein, mir geht es gut“, gab ich zurück. „Ich habe mir heute nur Zeit gelassen.“

Jalene erwiderte nichts darauf. Auch ich schwieg. Ich hatte letzte Nacht kaum geschlafen. Stattdessen hatte ich bis spät in die Nacht aus dem Zauberbuch gelernt und dann, als ich endlich in meinem Bett gelegen hatte, nicht einschlafen können.

„Vires vitae“, hauchte ich kaum hörbar und schloss kurz die Augen.

Ich spürte, wie eine wohltuende Kraft meinen Körper durchfloss. Sie schien meine Glieder zu stärken und die Müdigkeit zu vertreiben. Augenblicklich fühlte ich mich besser.

Jalene hatte davon nichts mitbekommen, sonst wäre ihre Neugier gleich wieder mit ihr durchgegangen.

Es verging keine Minute, ehe die Tür zum Klassenzimmer erneut geöffnet wurde und unser Lehrer eintrat. Der Unterricht begann.

Schließlich war wieder Freitag. Die Tage waren unglaublich schnell vergangen. Nachmittags hatte ich viel gelesen oder etwas mit Jalene unternommen. Im Unterricht mit Mr Turpin waren die letzten Einzelheiten für die Klassenfahrt geklärt worden. Bei den Tests hatte ich mittelmäßig abgeschnitten, allerdings weitaus besser, als ich erwartet hatte. Raten war ab und an also doch eine gute Lösung. Ansonsten hatte ich jeden Morgen den Zauber, der mir mehr Lebensenergie verschaffte, auf mich selbst anwenden müssen, um nicht im Unterricht wegzunicken. Vires vitae. Da er jedoch relativ unschädlich für den menschlichen Körper war, musste ich mir – Gott sei Dank – keine Sorgen um meine Gesundheit machen. Denn es gab durchaus Zauber, die nur im Notfall angewendet werden durften, da sie auf Dauer den Körper auszehrten.

Bis zum Sonntag hatte ich es tatsächlich geschafft, das Zauberbuch, mit welchem ich am Montag begonnen hatte, abzuschließen.

Nun war ich dabei, den Koffer für die Klassenfahrt zu packen. Ich suchte Kleidung aus meinem Schrank heraus und verstaute sie sorgfältig. Ich ließ mir Zeit dabei, um irgendwie hinauszuzögern, die Fahrt anzutreten. Zwar ging es erst morgen los, aber der Gedanke an die kommende Woche hinterließ einen bitteren Beigeschmack, obwohl ich mich inzwischen wieder ein wenig auf Stonehaven freute. Schließlich war Adan – der mich übrigens immer noch ignorierte – nur ein kleiner übler Nebeneffekt. Aber dieser Nebeneffekt war eben dennoch vorhanden.

Ein Klopfen an der Tür brachte mich zurück in mein Zimmer. Gleich darauf betrat meine Großmutter den Raum.

„Wie kommst du voran? Brauchst du Hilfe?“, sprach sie mich mit einem liebevollen Lächeln an.

„Nein, vielen Dank“, erwiderte ich. „Ich komme zurecht. Falls ich dich brauche, sage ich Bescheid.“

„Ist gut. Wenn du möchtest, kannst du dich zu deinem Großvater und mir setzen, sobald du fertig bist.“

„Das weiß ich, danke“, lächelte ich und rief weitere Kleidungsstücke aus meinem Schrank zu mir.

„Na schön, dann lass dich nicht weiter stören“, sagte sie schließlich und verließ mein Zimmer wieder.

Währenddessen schaltete ich durch einen Gedankengang die Musik an der Stereoanlage ein, um im Hintergrund ein paar Geräusche zu hören.

Nachdem ich auch meine Pflegeutensilien verstaut, ein paar persönliche Dinge eingepackt und den Trolley geschlossen hatte, nahm ich Melisandes Buch und lief hinunter ins Wohnzimmer. Dort traf ich auf meine Großeltern, die auf der großen Couch saßen und einen Film im Fernsehen anschauten.

„Setz dich“, forderte mein Großvater mich auf, als sie mich bemerkten.

Ich leistete seiner Einladung Folge und ließ mich im Sessel nieder. Dort machte ich es mir bequem, schlug das dicke Buch auf und begann zu lesen.

In der Nacht schlief ich mal wieder kaum. Ich drehte mich von der einen Seite auf die andere, doch bringen tat es nichts. Ich war hellwach, trotz der Tatsache, dass ich den Tag über die Müdigkeit nicht hatte abschütteln können. Meine Gedanken schwirrten wie ruhelose Geister in meinem Kopf herum. Genervt drehte ich mich auf den Bauch und winkelte die Beine an. Seufzend vergrub ich mein Gesicht im Kissen. Ich fand einfach keine Ruhe.

Am Morgen war es allerdings das genaue Gegenteil. Wie gerädert saß ich am Frühstückstisch und rührte lustlos in meinem Kaffee herum. Meinen Kopf hatte ich in der Handfläche abgestützt. Ich hatte das Gefühl, noch nie zuvor so müde gewesen zu sein. Wie viele Stunden hatte ich geschlafen? Eine? Oder zwei? Mehr war es nicht.

„Du solltest auf dem Flug nach Stonehaven versuchen, ein wenig zu schlafen“, schlug mein Großvater vor und musterte mich mitleidig.

„Wenn ich denn dazu komme“, erwiderte ich und gähnte.

„Iss etwas.“ Grandma stellte mir einen gefüllten Teller hin. „Vielleicht muntert es dich ein wenig auf.“

„Ja, vielleicht. Danke.“ Ich begann zu essen. Gleichzeitig nahm ich mir vor, später wirklich noch etwas zu schlafen. Ich wollte in Schottland voll dabei sein und nicht nur halbherzig an den Unternehmungen teilhaben, weil ich zu erschöpft war.

„Bitte sei vorsichtig“,

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