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MYSTERY BAND 349

FAITH WASHINGTON

Schottischer Fluch

Jetzt ist es soweit: Der erste Spatenstich zum neuen Wellnesstempel – und damit wird Colom Manor hoffentlich vor dem Ruin gerettet. Jedenfalls hofft das die junge Hotelbesitzerin Evelyn. Doch das Spatenblatt schrammt auf Stein. Baustopp! Ein uralter Grabhügel mit dem Skelett eines Kindes wird entdeckt. Und ein Geist geweckt, der nur eins will: Vergeltung …

GEORGE TEMPLETON

Der steinerne Schattenjäger

Fassungslos starrt Ava auf ihren Zeichenblock: Gestern noch hatte der steinerne Gargoyle, den sie skizziert hat, die Finger ausgesteckt, heute ist seine Hand zur Faust geballt! Die Entdeckung lässt ihr keine Ruhe. Waghalsig klettert sie zu der Steinfigur auf dem Hochhaus – und verliert den Halt, als der Gargoyle plötzlich blinzelt. Sie stürzt ab …

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Schottischer Fluch

PROLOG

„Jetzt stell dich doch bitte nicht an! Es ist nur ein Kostüm und nicht die verdammte eiserne Jungfrau!“

Evelyn ließ sich widerwillig von ihrer Großmutter den Saum ihres pastellblauen Seidenkostüms zurechtzupfen und schlüpfte schicksalsergeben in ihre Pumps. Wenn sie aus dem Fenster hinab in die gekieste Einfahrt ihres viel zu großen Gutshauses blickte, dessen Nutzung als Hotel nicht einmal teilweise die anfallenden Kosten deckte, rebellierte ihr Magen.

Ein Festzelt war aufgebaut, ein halbes Dutzend Reporter waren angereist – sogar vom Festland –, und es gab einen Kellner, der an die umherstreunenden Gäste hemmungslos den teuren Champagner verschwendete.

Sie atmete tief durch, schob sich die aufgetürmten braunen Haare auf dem Kopf zurecht und blickte sich im Spiegel an.

„Der Rock ist viel zu kurz“, beschwerte sie sich und sah ihre fast achtzigjährige Großmutter vorwurfsvoll an. „Ich habe dürre O-Beine.“

Milla, Evelyns Großmutter, schüttelte den Kopf und drehte ihre Enkelin vor dem Spiegel hin und her. „Deine Beine sind kerzengerade und lang; sie sind durchtrainiert. Es kann ruhig jeder sehen, dass du hart für dein Geld arbeitest und nicht wie eines dieser adligen Hühner vom Festland auf der Stange sitzt und dir die Krallen maniküren lässt.“

Rüstig, wie sie war, stieg Milla selbst in hohe Schuhe und legte sich eine seidene Stola um die Schultern. „Und jetzt komm mit runter. Wir wollen die Gäste nicht warten lassen. Und vor allem nicht Tom McGillan.“

Evelyn sah noch einmal in den Spiegel und folgte dann ihrer Großmutter. Auch wenn sie wusste, dass Tom McGillans Finanzspritze die einzige Möglichkeit war, ihren Familienbesitz zu retten, war ihr der Gedanke an den neumodischen Wellnesstempel, den er auf ihrem Land errichten wollte, zuwider.

Colmb Manor war alt. So alt, dass es zur Zeit der Jakobineraufstände schon einige Jahrhunderte auf dem Buckel gehabt hatte. Außerdem war es neben Dunvegan Castle, dem Familiensitz der Maclouds, der größte Grundbesitz auf der Isle of Skye, die – wie Tom McGillan ihr ausführlich erklärt hatte – nur vom Tourismus lebte.

Sie hasste den Tourismus. Sie hasste alles, was auf ihrem Grund und Boden herumtrampelte. Nicht mal ihre eigenen Hotelgäste konnte sie ausstehen, wenn sie ehrlich war.

Wenn sie nur mit dem Ackerbau und mit der Destille genug Geld hätte verdienen können, um alles zu halten, hätte sie sich nie auf Tom McGillan eingelassen. Aber leider war das nicht der Fall. Daher war sein garstiger Spa-Palast wohl der einzige Hoffnungsschimmer für Colmb Manor.

Und irgendwann musste der erste Spatenstich ja sein. Warum also nicht heute.

Mit gestrafften Schultern trat Evelyn ins Feie und wurde sofort von Toms grauen Habichtsaugen anvisiert.

„Evelyn! Sie sehen großartig aus! Fantastisch.“

Er grapschte mit seinen schweißigen Wurstfingern nach ihren Händen. Sein speckiges Kinn wogte heftig, als er den Kopf schüttelte. „Dass ich es noch erleben darf, Sie in so einem schönen Kostüm zu sehen. Sie sehen bezaubernd aus.“

Du mich auch, blöder Schleimer!

Ihre Fersen schmerzten schon nach drei Minuten in diesen mörderischen Schuhen. Das versprach ein verdammt langer Tag zu werden. „Tom. Wie schön, dass Sie es einrichten konnten.“

„Soll das ein Scherz sein, meine Liebe? Denken Sie, ich lasse mir diesen großen Moment entgehen? Sehen Sie die Presse? Unser Projekt hat die ungeteilte Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Es werden zahllose Kameras und Fotoapparate auf uns gerichtet sein, wenn wir hinüber zur Spatenstichstelle gehen. Sehen Sie hier!“ Er drehte sich so schnell um, dass seine spärliche Frisur verrutschte, und wandte sich mit einem Spaten wieder an Evelyn. „Meine Leute haben die Platte vergolden lassen. Sehen Sie?“

„Ich bin nicht blind, Tom.“ Ihr Lächeln wurde immer angestrengter.

„Reißen Sie sich zusammen. Sie können froh sein, dass Sie mich haben. Schließlich will ich Ihr Gut genauso sehr retten wie Sie selbst.“

„Und dabei noch ordentlich abkassieren.“

„Geld zu verdienen ist kein Verbrechen“, gab er mit einem milden Lächeln zurück, das erst auf den zweiten Blick linkisch war. „Es ist vielmehr eine Kunst, die Sie – mit Verlaub – leider nicht beherrschen.“

Evelyn spürte, wie ihr die Zornesröte in die Wangen stieg. Die dicke Schicht Make-up, die ihre Großmutter ihr aufgezwungen hatte, verhinderte jedoch, dass Tom McGillan es bemerkte.

„Sind Sie so weit?“, fragte ein Fotograf, an dessen Kamera ein monströses, weißes Teleobjektiv hing.

„Aber natürlich“, antwortete McGillan schnell und schob Evelyn neben sich her, über das Feld in Richtung der Stelle, die, mit einem kleinen Podest ausgestattet, für den ersten Spatenstich vorbereitet war.

Bei jedem Schritt fühlte sich Evelyn mehr wie beim Gang zum Schafott. Fehlt nur noch der Trommelwirbel, dachte sie, und als plötzlich die drei von McGillan engagierten Dudelsackspieler anfingen, „Scotland, the Brave“ zu pfeifen, fühlte sie sich vom Schicksal schwer veräppelt.

Am Podest angekommen, wartete Tom McGillan, bis sich alle Reporter und Gäste um ihn herum versammelt hatten, bevor er zu einer langen Rede über Tradition, Moderne und Zusammenhalt auf dem wunderschönen Skye anhob, die er offenbar auswendig konnte.

Als Evelyn schon dachte, er würde nie aufhören zu reden, reichte ihm plötzlich sein Sekretär den ominösen goldenen Spaten, den er mit einem theatralisch angerührten Gesicht entgegennahm. Nur der warnende Blick ihrer Großmutter hielt Evelyn davon ab, genervt mit den Augen zu rollen. Eigentlich war ihr zum Heulen zumute.

Sie wusste, dass es nur zwei Möglichkeiten gab: Entweder sie musste Colmb Manor verkaufen, oder sie musste McGillans Wellnessbunker akzeptieren. Beides gefiel ihr nicht.

Wie einstudiert, griff sie zusammen mit dem skrupellosen Immobilienhai nach dem Spaten, und ebenfalls zusammen rammten sie ihn in den Boden. Noch bevor jemand klatschen konnte, brachte das seltsame Geräusch, das halb Schaben, halb Krachen gewesen war und den Spaten davon abhielt, tiefer als zehn Zentimeter in den Boden einzudringen, alle zum Verstummen.

Ein Reporter sprach aus, was alle dachten: „Was ist das?“

Augenblicklich stand McGillan der Schweiß auf der Stirn. „Nur ein Stein, meine Herren“, erklärte er mit einem nervösen Lachen.

Plötzlich erfasste wie aus dem Nichts eine starke Windböe die Gesellschaft. Evelyn machte einen Ausfallschritt nach hinten, um stabiler zu stehen, und hielt ihr gewagtes Dekolleté zusammen. McGillan klammerte sich wenig gentlemanlike an ihrem Arm fest, um von dem Wind, der immer lauter pfiff, nicht umgerissen zu werden.

Evelyns Körper überzog fast augenblicklich eine Gänsehaut. Die Sonne schien, der Himmel war wolkenlos. Der Wind kam tatsächlich aus dem Nichts und pfiff und heulte, als würde er um Häuserecken und über Berge sausen, die es hier nicht gab.

„Graben Sie weiter!“, forderte ein anderer Reporter, der mit beiden Händen seine Kamera fest umklammert hielt, während seine Krawatte über die Schulter wehte. Eine beinah unheimliche Spannung lag plötzlich über allem.

Evelyn zog den Spaten aus dem Boden, stach noch einmal in die feuchte Erde und hob die oberste Erdschicht ein wenig an. Die aufgehackte Grasnarbe gab den Blick auf einen Stein frei, der seltsam behauen wirkte. Und bei genauerem Hinsehen war der Stein nicht allein. Er wirkte wie verbaut. Als wäre er Teil einer …

„Eine Mauer!“, rief einer der Zeitungsreporter, sprang an Evelyns Seite und fing sofort an zu knipsen. „Wir haben eine Mauer entdeckt. Womöglich ist hier ein steinzeitlicher Steinkreis. Oder ein Grab.“

„Vielleicht eine ganze Siedlung!“, rief der Kameramann vom Lokalfernsehen über den Wind hinweg und kam schwankend näher.

McGillan und Evelyn war gleichermaßen klar, dass – sollten die Reporter recht behalten – sich der Bau des Spa-Tempels unglaublich verzögern würde; wenn er überhaupt durchführbar war.

Letztere war sich nicht sicher, ob sie sich darüber freuen konnte oder nicht. McGillan wirkte schwer angeschlagen.

„Lässt sich das wohl noch vertuschen?“, fragte er Evelyn. Im selben Moment war plötzlich der Wind weg; wie abgeschnitten.

Evelyns Locken fielen ihr in die Stirn. Sie blickte auf die mittlerweile vier Reporter, die um die Einstichstelle herumstanden, als läge darunter eine Diamantenmine. Dann schüttelte sie den Kopf.

„Auf keinen Fall.“

1. KAPITEL

„Mann! Nimm die scheiß Landkarte aus meinem Essen!“

Harry Sims versuchte, sein Rindersteak vor der ausufernden Papierflut zu retten, indem er sich hilflos in seinem Flugzeugsitz wand. Seine ausgeprägte Leibesfülle machte es ihm nicht zwingend leichter. Den empörten Blick der Stewardess jedoch ignorierte er geflissentlich.

Sein Kollege, Dr. Cameron Wallace, gab den Versuch auf, vor der Landung schon etwas vorzuarbeiten, besonders jetzt, wo große Teile Nordschottlands in Rotweinsoße ertranken.

Er war aufgeregt und freute sich auf die Ausgrabung. Seit er den Lehrstuhl für Paläoanthropologie an der Edinburgh University angenommen hatte, kam er kaum noch raus.

Die Feldforschung fehlte ihm; der Geruch der Erde, das Wetter, die feinen, sorgfältigen Arbeiten und natürlich die Vorfreude und Spannung.

Ein megalithischer Fund auf der Isle of Skye. Wenn sich das bewahrheiten würde, wäre es eine Sensation. Auf den Shetlands und auf den Orkneys waren derartige Funde bereits gemacht worden. Aber auf Skye war das völlig neu. Es würde seine Ausgrabung sein. Sein Projekt.

Voller Vorfreude kippte er den kostenlosen Sekt hinunter und entknotete seine langen Beine so gut es ging, während Harry noch immer stöhnte. „Dieses Steak schmeckt wie drei Tage ausgekochte Socken.“ Seine Stimme war rau und tief und dröhnte aus seinem mit grauen Strähnen durchzogenen Vollbart. Seinen verwitterten Gesichtszügen war anzusehen, dass er sein Leben lang draußen gearbeitet hatte.

Sturm, Regen oder vierzig Grad Hitze – nie hatte ihn etwas von einer Ausgrabung abhalten oder seine Stimmung trüben können. Sobald er aber in einen Flugzeugsitz, einen engen Raum oder einen komfortablen Wagen gezwungen wurde, schmolz seine gute Laune wie Eis in der Sauna.

„Jetzt hör doch endlich mit der verdammten Nörgelei auf.“ Cameron versuchte, seine Landkarte zusammenzufalten. Warum nur ließen sich diese Dinger immer problemlos auseinander-, aber unmöglich wieder zusammenfalten?

„Ich hasse Flugzeuge.“

„Ich finde sie ganz praktisch.“

Harry rollte mit den kugelrunden blauen Augen, die von wildwuchernden Brauen beschattet wurden. „Seit der junge Mann Professor spielen darf, ist er wohl bequem geworden. Und das in dem Alter! Als ich so alt war wie du, war ich froh um jeden Brotkrumen, den man mir hingeworfen hat! Wie alt bist du jetzt, Cam? Dreizehn? Vierzehn?“

„Neunundzwanzig.“

„Na, sag ich doch.“ Er gab ein Geräusch von sich, das halb nach Lachen und halb nach Rülpsen klang. „Und so was ist jetzt mein Chef!“

Cameron fuhr sich mit beiden Händen durchs Gesicht und schob sich die rahmenlose Brille auf der Nasenwurzel zurecht. „Ich bin nicht dein Chef, Harry.“

„Die Uni hat aber dir den Etat zugeteilt! Wenn ich gewusst hätte, dass mein eigener Student mich irgendwann herumkommandiert, hätte ich mich im Fluss ertränkt. Oder besser noch: Ich hätte dich im Fluss ertränkt!“

Als zwei Stewardessen anfingen, aufgeregt zu tuscheln und dabei heimlich auf Harry zu zeigen, musste Cameron lachen.

Er liebte diesen alten Haudegen, der ihm stets eine Art Ersatzvater gewesen war. Seit fast zwanzig Jahren kannten sie sich und hatten so manche brenzlige und aufregende Situation gemeistert.

„Ohne dich wäre ich ein Nichts, Harry. Du bist Indiana Jones, und ich bin dein eifriger Schüler.“

„Solange du nicht die hübsche Blondine aus dem Film sein willst, ist mir alles recht.“

„Ich will zuerst die Ausgrabungsstelle sehen“, erklärte Cameron, während Harry ächzend die Koffer aus dem Mietwagen wuchtete. Der Nieselregen verfing sich in dessen grauen krausen Haaren.

„Ich habe drei Stunden in einem Flugzeug und vier weitere in diesem rot lackierten Abklatsch eines Automobils gesessen. Ich will was zu essen und einen vernünftigen Drink.“

„Nur kurz. Es wird gleich dunkel.“ Cameron sah sehnsüchtig auf das weitläufige Feld und stockte plötzlich. „Siehst du? Da ist noch jemand. Vielleicht ist das einer dieser Londoner, die eigentlich erst übermorgen kommen sollen. Vielleicht kann ich mit ihm sprechen.“

„Wen?“

Cameron wandte sich Harry zu, doch als er sich wieder zur markierten Ausgrabungsstelle umdrehte, auf der knöchelhoch der Nebel stand, war die Person verschwunden.

Verwundert sah er sich um. Weit und breit gab es weder Felsen noch Wald. Der Kollege musste einen beachtlichen Laufschritt an den Tag gelegt haben.

„Er ist weg“, sagte er nachdenklich. „Aber ich will sie mir trotzdem kurz ansehen.“

„Das ist eine Ausgrabungsstelle. Was immer dort liegt, liegt dort schon seit zig Jahren. Es kann bis morgen warten, ganz im Gegensatz zu meinem Magen.“

Mit Harry im hungrigen Zustand war nicht zu verhandeln, und so kapitulierte Cameron seufzend und folgte seinem alten Mentor in die große Tudorvilla, die für die nächsten sechs Wochen ihr Zuhause sein sollte.

Das Hotel hatte – wenn man dem Schlüsselbrett hinter der Rezeption Glauben schenken durfte – sechzehn Zimmer. Harry nahm zwei der Schlüssel entgegen, gab seine Koffer ab und erkundigte sich nach dem Restaurant.

„Wir haben warme Küche bis zehn Uhr abends“, erklärte die alte Dame hinter der Theke. „Wenn ich Ihnen einen Tipp geben darf, meine Enkelin Evelyn ist Küchenchefin, und ihre Rinderrouladen sind legendär.“

„Rinderrouladen!“ Harry seufzte. „Eine Traumfrau.“

„Allerdings“, gab die alte Dame zurück und sah den beiden Wissenschaftlern seufzend nach, als diese sich auf den Weg zu ihren Zimmern machten.

Das würde Evelyn gar nicht gefallen. Ganz und gar nicht.

Das Hotelrestaurant war bis auf einen einsamen Gast am hinteren Ende des Raumes menschenleer. Harry und Cameron wechselten einen fragenden Blick.

„Hier ist ja richtig was los“, befand Harry sarkastisch und setzte sich an einen kleinen Tisch, der vor einem der spitzbogenförmigen Buntglasfenster stand.

Der Gästebereich des Restaurants war im Stil eines Rittersaales eingerichtet, mit glänzenden Rüstungen in den Ecken und verblichenen Wappen in den gewaltigen Balken der Gewölbedecke. In dem großen Kamin, der in der Mitte des Raumes lag und vor Jahrhunderten sicher als Hauptheizung für diesen Flügel des Hauses genutzt worden war, loderte ein beachtliches Feuer.

Als die Küchentür aufschwang und mit einem wenig gastfreundschaftlichen Krachen gegen die Wand flog, zuckte Cameron zusammen.

Wer da mit dem zornig verzogenen Gesicht und zwei Tellern auf dem rechten Arm herauseilte und strammen Schrittes auf den einzelnen Gast in der Ecke zuging, war die schönste Frau, die Cameron jemals gesehen hatte.

Ihr Körper war langgliedrig und schlank, das Haar fiel ihr in einem braunen Pferdeschwanz über den Rücken, und das leuchtende Azurblau ihrer Augen berauschte ihn sogar von der anderen Seite des fast zwanzig Meter langen Raumes.

Der Gast nahm verschüchtert sein Abendessen entgegen und ließ sich Wein nachschenken.

Als sich die Kellnerin Cameron und Harry zuwandte, blähte sie grimmig die Nüstern, straffte die Schultern und nahm zwei Speisekarten von einem Beistelltisch.

„Sie müssen die beiden Schnüffler sein“, begrüßte sie die beiden und warf gleichzeitig die Speisekarten auf den Tisch. Sie stemmte die Fäuste in die Hüften. Camerons Blick glitt über ihre weiße Bluse, über den glitzernden Schweißfilm auf ihrem Hals. Ihre Lippen waren rot, ohne geschminkt zu sein, ihre Wimpern dicht und dunkel.

Als ihm Harry unter dem Tisch einen Tritt verpasste, kam Cameron wieder zu sich.

„Guten Abend“, sagte er mit einem breiten Lächeln. „Das ist Dr. Harold Sims, und ich bin Cameron Wallace. Und Sie sind?“

„Verdammt genervt!“

Unweigerlich prustete Harry vor Lachen.

„Sie müssen Evelyn sein“, stellte Cameron unbeirrt fest.

„Woher wissen Sie das?“

Er zeigte auf ihre Hand. „Ihre Großmutter an der Rezeption erzählte uns von Ihren legendären Rindsrouladen. Sie haben zwar serviert, doch Sie haben zwei Brandblasen an der rechten Hand. Das deutet eher darauf hin, dass Sie in der Küche zu Hause sind. Und dass Sie in Eile sind, wenn Sie kochen. Und da Sie wenige Gäste haben, gehe ich davon aus, dass Sie kochen und servieren.“

Evelyn hatte die letzten zwei Sätze schon gar nicht mehr gehört. Das wütende Rauschen hinter ihren Schläfen machte sie taub. Sie hasste diesen verkappten Sherlock Holmes und seinen bärtigen Freund. Sie hasste sie ansatzlos.

Mit ihrem falschesten Hotelfachschullächeln fragte sie: „Was darf es sein?“

„Ein Date mit Ihnen“, antwortete Cameron, ohne zu zögern.

Evelyn atmete einmal tief durch, zog einen Stuhl zurück und setzte sich. „Hören Sie mir mal gut zu, Sie Spaßvogel“, hob sie an, die Arme auf dem Tisch verschränkend. „Wie Ihnen vielleicht aufgefallen ist, bin ich von Ihrer Anwesenheit alles andere als angetan. Diese dämliche Ausgrabung wird mich im schlimmsten Fall ruinieren. Und je eher sie vorbei ist, je eher Sie verschwinden, desto größer ist unsere Chance, irgendwie zu überleben. Also wäre ich Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir überdies einen weiteren Anlass bieten könnten, Ihre Abreise zu beschleunigen. Mit dem Buttermesser, beispielsweise. Und im Affekt natürlich. Verstanden?“

Cameron schwieg, betreten und begeistert gleichermaßen. Harry gluckste freudig und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. „Ich will die Rindsrouladen und einen Whisky Sour. Und sobald Cam aufhört zu sabbern, hätte er gerne das Gleiche.“

Evelyn hielt Camerons grünbraunen Blick so lange fest, bis sie sich nickend erhob. „Kommt sofort.“

„Was ist denn mit dir los?“, fragte Harry begeistert.

Cameron sah ihn noch immer ganz betreten an. „Sie ist wunderschön. Stark. Wütend.“

„Vor allem wütend.“

„Ich heirate sie.“

Harry schüttelte den Kopf und tat die Euphorie seines Kollegen als hormonelles Freudenfeuer ab. „Warte erst mal ab, wie die Rouladen sind.“

Die Rouladen waren wunderbar. Mit Kartoffelspalten und Rotkohl in Rotweinsoße. Harry hörte erst nach dem fünften Whisky Sour wieder auf, vor Freude zu stöhnen.

Cameron lag mittlerweile auf seinem großen Bett, starrte an die vom Torffeuer rußgeschwärzte Decke und ließ in seinem Kopf die Gedanken abwechselnd um die Ausgrabung und um seine zornige Gastgeberin kreisen.

Gleich morgen früh würde er sich die Ausgrabungsstelle ansehen, anfangen, alles in Quadranten einzuteilen und abzustecken. Dann würde er die beiden Londoner einteilen, Harry das Kommando überlassen und sich selbst einen Überblick über das Terrain verschaffen, über die Beschaffenheit des Bodens, würde wieder auf sein Gespür vertrauen, wo weitere Grabungsschnitte angelegt werden sollten.

Seine Gastgeberin würde wenig begeistert von ihm sein, solange er ihre Felder durchwühlte und für alles andere unbrauchbar machte. Finanzielle Sorgen konnten einen verzweifeln lassen, das wusste er nur zu gut und begriff natürlich, dass sie ihn lieber gestern als heute losgeworden wäre. Einerseits wollte er ihr gerne einen Gefallen tun, andererseits wollte er so lange wie möglich in ihrer Nähe bleiben.

Ihr Auftritt hatte bei ihm eingeschlagen wie der Blitz. Gewissermaßen konnte man andersherum dasselbe behaupten, nur im negativen Sinne.

Ähnlich liebevoll wie das Abendessen wurde Cameron und Harry das Frühstück serviert. Evelyn knallte die Teller auf den Tisch und stob davon.

Was für ausländische Mägen sicherlich ein kulinarischer Grenzfall war, bedeutete für Cameron den perfekten Start in den Tag. Der fettige Geruch von Würstchen, Black Pudding und Spiegeleiern ließ ihm das Wasser im Munde zusammenlaufen. Harry war schon fleißig am Kauen, als Evelyn nochmals mit einem Korb Brötchen zurückkam. Sie stellte ihn in die Mitte des Tisches.

„Dafür, dass das Essen so fantastisch ist, ist Ihr Hotel ganz schön leer“, befand Harry mit halb vollem Mund.

Evelyn war der alte Mann wenigstens halbwegs sympathisch. „Es ist Nebensaison“, gab sie zurück.

„Es ist August“, korrigierte Cameron.

Sie schickte ihm einen giftigen Blick, der ihn direkt dazu veranlasste, das Thema zu wechseln. „Wo sind die Londoner?“

„Die erwarten wir erst morgen.“

„Aber ich habe doch gestern einen gesehen.“ Cameron schüttelte den Kopf. „Er war an der Ausgrabungsstelle.“

„Dann können Sie offenbar in die Zukunft blicken“, antwortete sie beinah amüsiert. „Denn noch war keiner an Ihrer Ausgrabungsstelle.“

Ohne weiter über seine Verwunderung zu sprechen, wechselte Cameron mit Harry einen kurzen Blick, bevor er nochmals zu Evelyn aufsah. „Können Sie mir einen Bagger besorgen?“

„Einen was?“

„Einen Bagger. Nur einen kleinen. Ich muss den Oberboden abtragen. Einen grobmotorischen Fahrer kann ich nicht gebrauchen. Zur Not fahre ich den Bagger selbst.“

Evelyn überlegte einen Augenblick. Warum sollte sie an diesen Kerlen, die ihr Feld durchwühlten, nicht wenigstens etwas verdienen?

„Ich habe einen Bagger“, sagte sie. „Wenn Sie wollen, können Sie ihn mieten. Sechshundert Pfund pro Tag.“

Cameron lachte. „Dafür kann ich das verdammte Ding kaufen.“

„Auf dieser Insel wird Ihnen niemand einen Bagger verkaufen oder vermieten, wenn er hört, dass Sie damit auf mein Land wollen.“ Zum ersten Mal sah er Evelyn lächeln. Ein verstörend fesselnder Anblick.

„Sie wollten doch ein Date. Jetzt haben Sie eines.“

„Ich wollte ein Date mit Ihnen. Nicht mit Ihrem Bagger.“

„Dann ist heute Ihr Glückstag“, antwortete sie, indes sie sich zum Gehen wandte. „Ich werde den Bagger nämlich fahren.“

2. KAPITEL

Cameron hatte den ersten Quadranten bereits abgeteilt, kniete im feuchten Gras und versuchte, sich anhand der Oberfläche des Feldes vorzustellen, was darunter wohl verborgen lag.

Das laute Aufheulen eines Dieselmotors verriet ihm, dass Evelyn ihren Bagger gestartet hatte. Es dauerte keine zwei Minuten, da steuerte sie die zitronengelbe Maschine um die Ecke eines steinernen Nebengebäudes, das offenbar als Geräte- und Maschinenschuppen gebraucht wurde.

Sie hatte die schwarz-weißen Koch- und Servierkleider gegen eine Jeans und einen groben, grauen Wollpullover getauscht und sah verboten gut aus. Er war so vertieft in den Anblick, der sich ihm bot, dass sie es beinah schaffte, ihn zu überfahren. Er unterstellte ihr, dass es keine Absicht war, als sie direkt auf ihn zusteuerte, war sich aber nicht hundertprozentig sicher.

Im letzten Moment sprang er auf den Tritt des Baggers und lächelte sie an.

„Soll ich die Grasnarbe in dem abgesteckten Viereck abtragen?“, fragte sie, ohne auf sein begeistertes Grinsen einzugehen. Seine offensive Art machte sie nervös, was sie dazu brachte, noch unterkühlter zu wirken.

„Sehen Sie die Erhebungen? Da hinten, die kreisrunde und die längliche, wo der Anfang der Mauer schon freigelegt ist?“

„Ja.“

„Passen Sie dort bitte besonders auf. Wenn Sie sich unsicher sind, sparen Sie sie aus, und ich trage sie von Hand ab.“ Er sprang wieder auf den Boden, und Evelyn fuhr langsam näher. Gekonnt setzte sie zurück und schob die Grasnarbe exakt an den Quadrantenschnüren entlang zur Seite. Cameron betrachtete die freigelegte Erde voller Vorfreude. Er öffnete seinen Koffer und packte seine Schaufeln, Spachteln und Pinsel aus, breitete sie auf dem langen Tapeziertisch aus und sah auf die Uhr. Harry war zu spät, wie immer.

Nach fünfzehn Minuten war Evelyn fertig und sprang von ihrem Bagger, um ihr Werk zu begutachten. Obwohl sie es sich nicht gerne eingestand, war sie nun selbst neugierig, was sich dort in der Erde verbarg.

„Denken Sie wirklich, dass das hier aus der Steinzeit stammt?“, fragte sie, während sie neben Cameron trat und einen Blick auf die aufgeschichteten Steine warf, die sie teilweise freigelegt hatte.

Cameron hatte sich seine Brille aufgesetzt und nickte geistesabwesend. „Nach unserem bisherigen Wissen wurde Skye erst im sechsten Jahrhundert besiedelt. Sollten wir etwas aus vorchristlicher oder womöglich megalithischer Zeit finden, wäre das eine Sensation.“

Er sortierte verschiedene Pinzetten und kleine silberne Werkzeuge.

Evelyn verzog das Gesicht. „Mein Gott, das ist ja wie beim Zahnarzt.“

Cameron drehte sich lächelnd um und hielt eine lange Pinzette vor Evelyns Gesicht. „Tut Ihnen etwas weh?“

„Nur wenn ich Sie sehe“, gab sie zurück und ging zu ihrem Bagger.

Sie stand bereits mit einem Fuß auf dem Trittbrett, als ein hohes Kläffen sie herumfahren ließ. Sie stemmte die Fäuste in die Hüften, während Cameron staunend neben sie trat. Erst in diesem Moment fiel ihr auf, wie groß er war. Sie sah kurz zu ihm auf und fand seinen ruhigen Blick, in dem sie eine unerwartete Sanftheit erkannte; neben ehrlicher Überraschung.

„Was ist das für ein riesiger Hund?“, fragte er Evelyn.

„Das ist mein Wolf.“

„Unglaublich einfallsreicher Name.“

„Das ist kein Name“, antwortete sie und beobachtete amüsiert sein Gesicht, bis er begriff.

„Ein Wolf?“ Cameron riss die Augen auf und sah, wie Harry mit dem Raubtier auf dem Weg zu ihnen Fangspiele machte. „Ein Wolf? Ein echter Wolf? So wie … Isegrim?“

„Genau so.“ Evelyn klatschte in die Hände und lächelte ihrem Wolf entgegen. „Beowulf! Komm!“

Sofort hob der Wolf den Kopf und düste wie verrückt auf Evelyn zu. Cameron machte einen Schritt zurück, als der Wolf Evelyn förmlich in die Arme sprang, ihr den Hals ableckte und das Gesicht.

Der Glückliche!

Sie kraulte den großen, grau melierten Körper und schob ihn dann wieder zurück auf den Boden. Sofort begann der Wolf, an Cameron herumzuschnüffeln. Er ließ es regungslos über sich ergehen, und erst als der Wolf zufrieden war, streckte Cameron vorsichtig die Hand aus, um ihn zu streicheln.

„Das war sehr schlau“, erklärte Evelyn.

„Was?“

„Ihn erst schnuppern zu lassen. Er mag Fremde manchmal nicht so gern.“

„Beißt er?“

„Nein, er schluckt im Ganzen.“

Cameron kniff grimmig die Augen zusammen.

„Keine Ahnung, wie Ihr Kollege es geschafft hat, ihn mit ins Freie nehmen zu dürfen. Meine Großmutter passt normalerweise auf ihn auf wie eine Gefängniswärterin, wenn wir Gäste haben.“

„Was für ein prachtvoller Kerl“, rief Harry von Weitem und erreichte sie schließlich schnaufend.

Sofort sprang Beowulf wieder um ihn herum und kläffte ihn freudig an. Evelyn bemerkte, dass das Fell ihres Wolfs und der wild wuchernde Vollbart des Archäologen dieselbe Farbe hatten. „Kann er hierbleiben, während wir graben?“, fragte Harry und wirkte dabei wie ein kleiner Junge, der einen Welpen gefunden hat.

Evelyn nickte lächelnd. „Wenn Sie dafür sorgen, dass er nicht abhaut, gerne.“ Sie stieg auf den Bagger. „Ich fahre jetzt in den Weizen. Wann brauchen Sie den Bagger für den zweiten Quadranten?“

„Heute Nachmittag“, antwortete Cameron und beobachtete den Wolf fasziniert. Die leuchtend hellbraunen Augen, das breite Gesicht mit den kurzen gespitzten Ohren. Er fragte sich, woher sie ihn hatte, und wunderte sich gleichzeitig, wie gut sie zusammenpassten.

Mit einem Nicken verschwand Evelyn im Führerhaus des Kleinbaggers und fuhr davon.

„Langsam gefällt sie mir auch“, erklärte Harry, dessen Hände unablässig durch das dichte Fell des Wolfs strichen.

Cameron nickte. Genau genommen gefiel sie ihm viel zu gut.

„Komm. Wir machen uns an die Arbeit. Pack deinen Pudel zur Seite und besorg dir eine Schaufel.“ Er krempelte die Hemdsärmel über die Ellbogen und sprang in die kleine Grube, die Evelyn freigelegt hatte.

Die Regenwürmer und Käfer hatten sich bereits in tiefere Erdschichten verzogen. Cameron beschloss, sich an der Rundung umzusehen. Er kratzte vorsichtig die Erde von einem der Steine und bürstete den Rest mit einem langen Pinsel ab.

Harry kletterte ebenfalls in die Grube und sah sich um. Er glitt mit den Fingern über die Steine der Mauer und drehte sich dann zu Cameron.

„Der junge Professor ist offenbar blind wie ein Maulwurf.“

Cameron fuhr herum. „Wieso?“

„Du stehst da neben etwas.“

Cameron beugte sich vor. Erst auf den zweiten Blick erkannte er eine Tonscherbe, die er vorsichtig mit dem Pinsel säuberte, bevor er sie aus der Erde zog. Er griff nach dem Klemmbrett, das er bereitgelegt hatte, notierte den Fundort und zeichnete ihn auf seiner Karte ein, bevor er Harry die Scherbe gab. Dieser drehte sie zwischen seinen Fingern, strich über die ausgewaschenen Rillen auf einer Seite der Scherbe.

„Sieht handgemacht aus“, befand er.

„Du meinst also, kein Siebzigerjahre-Mingvasen-Imitat?“

Harry lachte. „Eher nicht.“ Plötzlich ließ er die Scherbe fallen. „Au, verdammt!“ Er nahm seinen Finger in den Mund.

„Was ist denn?“

„Ich hab mich geschnitten.“

Cameron schüttelte den Kopf. „Diese Scherbe ist so scharf wie ein Wattebausch.“

Harry nahm seinen Finger aus dem Mund und zeigte ihn Cameron. Der kleine Schnitt blutete ungewöhnlich stark. „Hör auf, meine Ausgrabung vollzubluten.“ Er zog ein frisches Taschentuch aus der Hose. „Hier. Wickel dir das um den Finger.“

„Vielen Dank, Schwester Cameron.“ Er stieg schmollend, indes er sich das Taschentuch fest um den Finger wand, aus der Grube und legte die Scherbe auf den Tisch, wo er sie mit einem Zettel versah, während Cameron ein weiteres Tonstück aus dem Boden zog. Er blickte die rundliche Steinansammlung an und begann sich zu fragen, ob es wohl ein Hügelgrab war. Es gab nur einen Weg, das herauszufinden. Vorsichtig kratzte er mit seiner spitzen kleinen Schaufel die Erde von einem der Steine und machte sich dann an den nächsten.

Als Evelyn zurückkam, versuchte sie, die Neugierde auf die Aufgrabungsstelle so gut es ging zu verdrängen. Die ganze Zeit während des Getreidedüngens hatte sie an das kleine quadratische Loch gedacht, das sie aufgegraben hatte, und was sich darin wohl verbarg.

Als sie auf das Feld kam, entdeckte Beowulf sie als Erster. Er spitzte die Ohren und schoss auf sie zu. Nach einer stürmischen Begrüßung fuhr er herum und rannte wieder zurück zu Harry.

„Sie haben ihn ja schwer beeindruckt“, sagte Evelyn zu Harry und trat neben die Grube, während sich Beowulf artig an die Kante setzte.

Cameron hatte mehrere Erdflecken im Gesicht und war über den runden, mittlerweile fast mannshohen Steinhaufen gebeugt, den er in den vergangenen Stunden freigelegt hatte. „Er hat Grubenverbot“, erklärte er und zeigte auf Beowulf, der schuldbewusst den Kopf schräg legte und anfing zu hecheln.

„Er apportiert Tonscherben“, erklärte Harry stolz. „Aber der junge Herr Professor versteht da wohl keinen Spaß.“

„Professor?“, fragte Evelyn amüsiert. „Soll das heißen, jemand lässt Sie auf unschuldige Archäologiestudenten los?“

„Paläoanthropologie“, korrigierte er und schob sich seine Brille zurecht. Seine Wangen waren etwas gerötet, und seine Kleider standen vor Dreck. Doch zum ersten Mal wollte Evelyn nicht schreiend weglaufen, wenn sie ihn sah.

„Soll ich Ihnen beiden das Mittagessen herausbringen lassen. Und vielleicht eine Tasse Tee?“, fragte sie.

Cameron kam aus der Grube, strich sich seine Hände an der Hose ab und hinterließ darauf dunkelbraune Spuren. Als er neben Evelyn trat, musste sie sich zwingen, nicht zurückzuweichen.

„Sehr gern“, sagte er.

Am nächsten Tag kamen die zwei englischen Archäologen hinzu, die Harry empfohlen hatte. Sie hatten eine Studentin dabei, die in Rekordgeschwindigkeit alle Scherben und behauen wirkenden losen Steine abzeichnete, fotografierte und katalogisierte. Gewissenhaft wusch sie die abgegrabene Erde auf der Suche nach weiteren Stücken durch, bis ihre Finger blau waren.

Als Evelyn an die Ausgrabungsstelle kam, hatte sie gute Laune. Mit momentan acht Gästen schrieb ihr kleines Hotel schwarze Zahlen, und bald würde sie das erste Getreide in diesem Jahr ernten können.

Die Ausgrabung war erstaunlich weit gediehen. Der Steinhügel war komplett freigelegt, und die etwas untersetzte, blonde Studentin fotografierte ihn von allen Seiten.

Cameron stand grübelnd davor und hatte Evelyns Kommen nicht bemerkt. Sein schlanker Körper war unter der dunkelbraunen Wachsjacke angespannt. Er trug einen Lederhut, den er sich tief ins Gesicht gezogen hatte, um den ständigen Nieselregen abzuwehren. Seine Hände waren rot vor Kälte und kratzten dennoch unermüdlich auf den Steinen herum. Er war auf jeden Fall nicht faul, so viel musste man ihm zugestehen.

„Und habe ich nun eine Steinzeithöhle auf meinem Feld, oder nicht?“

Cameron fuhr herum. Sofort breitete sich ein erfreutes Lächeln über sein Gesicht. „Da ist ja mein Date“, sagte er und kletterte aus der Grube. Evelyn reichte ihm eine Tasse Tee und schenkte auch den anderen ein.

„Die frische Landluft schlägt Ihnen offenbar aufs Gehirn.“

„Solang es weiter nichts ist.“ Er blies achselzuckend in seine Teetasse und hielt sie mit beiden Händen fest, um sich zu wärmen.

„Cam, sieh dir das an!“

Einer der Londoner hatte angefangen, die Steine abzutragen, die in der Mitte des Hügels unbefestigt lagen.

„Was ist denn?“

„Ich glaube, das ist eine Art … Hohlraum. Vielleicht ein Schacht.“ Der Londoner Archäologe namens Pete legte nach und nach Steine in eine Plastiktonne. Dann trat er einen Schritt zurück. „Es könnte eine Art Vorratsschacht gewesen sein.“

„Oder ein Brunnen.“ Cameron wandte sich zu Evelyn. „Gibt es hier in der Nähe einen Bach, eine Quelle oder etwas in der Art?“

„Hinter dem Haus ist ein kleiner Wald, dort fließt ein Bach. Wir haben selbst einen Brunnen“, antwortete sie, während Cameron nachdenklich nickte.

„Wäre doch möglich, dass vor ein paar Tausend Jahren schon jemand die gleiche Idee hatte.“ Er gab ihr die halb volle Teetasse und sprang wieder in die Grube. „Harry, gib mir eine Taschenlampe!“

Harry warf ihm eine Kopflampe zu, die sich Cameron schnell aufsetzte. Plötzlich lag eine nicht näher definierte Spannung über allen. Pete und Cameron förderten mehr und mehr Steine zutage.

„Es sieht aus, als wäre der Schacht absichtlich zugeschüttet worden“, stellte die Studentin fest.

„Julie, zieh dir Handschuhe an.“ Harry sprang ebenfalls in die Grube, und da Evelyn jetzt die Einzige war, die noch am Rand stand, fühlte sie sich ein wenig außen vor. Am liebsten hätte sie mit angepackt. Ohne weiter darüber nachzudenken, trank sie einen Schluck aus Camerons Teetasse.

Beowulf setzte sich neben sie und blickte genauso fragend in den Grabungsabschnitt wie Evelyn selbst.

Nach kürzester Zeit stand Cameron bis zur Hüfte im Schacht. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn vom hastigen Wegheben der Steine. Kurz nahm er die Brille ab, rieb sich die Stirn trocken und setzte sie wieder auf. Nach zwei weiteren Tonnen voller Steine hielt er plötzlich inne.

„Ich glaube, ich hab hier was“, sagte er und sprang mit einer überraschend kraftvollen Bewegung aus dem Schacht. Er zog sich die Lampe vom Kopf und hielt sie in die Tiefe. „Das ist ein … ein …“

Noch bevor er den Satz beenden konnte, fing Beowulf an zu knurren. Der Wolf zog die Lefzen zurück, entblößte alle Zähne und stellte die Haare auf seinem Rücken hoch, stand auf und fixierte den Schacht. Evelyn blickte überrascht auf ihn hinab, während sich Julie unauffällig hinter Cameron schob.

„Was ist denn los mit dir?“, fragte Evelyn und streichelte ihn beruhigend.

Cameron lief es kalt über den Rücken ob der Reaktion des Wolfes in dem Moment, in dem er seine Entdeckung gemacht hatte.

„Ich glaube, das ist ein Knochen“, sagte er grundlos leise. „Wir brauchen ein Gerüst, um den Schacht zu umbauen, und graben erst weiter, wenn der Nieselregen vorbei ist. Julie, wo ist die Plane?“

„Wir haben keine“, erklärte sie achselzuckend und sah hilflos Pete an.

„Ich gebe Ihnen eine“, sagte Evelyn. „Wie groß soll sie sein?“

Cameron kam auf sie zu und streckte die Hand zu ihr empor. „Drei mal drei Meter würden genügen.“

Evelyn zog ihn nickend aus der Grube. „Kommt sofort.“ Als sie gehen wollte, hielt er ihre Hand fest. Sie sah ihn mit ihren wasserblauen Augen ernst an.

Bevor sie ihm eine giftige Bemerkung oder wahlweise ein Werkzeug an den Kopf werfen konnte, sagte er: „Vielen Dank.“

Sie nickte knapp und ging.

Beowulf folgte ihr und sah sich auf dem Weg zum Haus mehrmals um. Evelyn fühlte die Nervosität ihres treuen Begleiters und konnte selbst die Gänsehaut spüren, die sich über ihren Körper zog. Die Frage, die sie sich genau wie alle Archäologen stellte, war, ob das Menschenknochen sein konnten.

3. KAPITEL

Als Cameron spät abends in die kleine Hotelbar kam, saß nur noch Harry dort und unterhielt sich mit Evelyn, die selbst ein Whiskyglas vor sich stehen hatte. Camerons Herz machte einen Sprung, als er sie sah. Sie lachte herzhaft über etwas, das Harry gesagt hatte. Als sie Cameron jedoch bemerkte, hörte sie auf und fing an, ein Glas abzutrocknen.

Cameron legte seinem Kollegen eine Hand auf die Schulter. „Na? Versäufst du wieder meine Forschungsgelder?“

Harry lachte lauthals. Ganz offensichtlich war er schon etwas angeschlagen und dabei allerbester Laune. Er zeigte mit dem Daumen auf Cameron und wandte sich wieder Evelyn zu. „Dieser kleine Misskerl ist zum Profa…fessor berufen worden, können Sie sich das vastellen?“

Evelyn konnte sich ein kurzes Lachen nicht verkneifen. „Es fällt mir zumindest schwer.“

Als sie sich kurz umdrehte, fiel Cameron auf, dass ihre helle Bluse einen tiefen Rückenausschnitt hatte.

„Was darf es sein?“, fragte sie, indem sie auffordernd ein Whiskyglas auf die Theke stellte.

Cameron glitt neben Harry auf den Barhocker. Achselzuckend verschränkte er die Arme auf der wurzelhölzernen Bar. „Empfehlen Sie mir etwas. Oder nein, raten Sie, was mir schmecken könnte!“

Evelyn zog nachdenklich die Stirn kraus und drehte sich zu ihrer Wand voll Whiskyflaschen um, die verheißungsvoll in verschiedenen Braun- und Goldtönen glänzte. Bedächtig griff sie nach einer davon und goss Cameron ein. Dann nickte sie auffordernd.

Vorsichtig hob er das Glas unter seine Nase, roch kurz. „Karamell“, sagte er, „und Honig.“

„Sehr gut.“

Harry war ganz still geworden und verfolgte die Szene gebannt. Cameron trank sein Glas leer und stellte es wieder ab. „Ich mag die Süße“, sagte er. „Aber er dürfte etwas kräftiger sein.“

Evelyn nickte wiederum, stellte Cameron ein frisches Glas hin und griff nach kurzem Zögern zu einer Flasche unter der Theke. Sie schenkte großzügig ein und wartete ab.

Cameron nahm einen Schluck, ließ den Whisky auf sich wirken und genüsslich seine Kehle hinabrinnen. „Der hier ist großartig. Süß, aber würzig, schmeckt nach Kräutern und Torf. Kräftig und mild zugleich. Was ist das für einer?“

Bevor Evelyn antworten konnte, ging ein euphorischer Harry dazwischen. „Das ist ihr eigener!“

Cameron sah sie staunend an, während Evelyn sich bemühte, nicht zu bemerken, wie geheimnisvoll sein edel geschnittenes Gesicht im Schein des Kaminfeuers wirkte.

„Sie haben eine Destille?“, fragte er verblüfft.

„Ja. Ich mälze meine eigene Gerste, und das Wasser stammt aus unserer Quelle. Alles, was in diesem Whisky verarbeitet wurde, stammt von unserem Land“, erklärte sie stolz.

Cameron schüttelte den Kopf. Waren nicht alle gängigen Whiskysorten mehr als zehn Jahre alt?

„Wann haben Sie denn angefangen zu destillieren?“

„Vor acht Jahren. Was Sie da trinken, ist aber ein New Spirit.“

„Ein was?“

„Ein Jahrgangswhisky.“

Cameron betrachtete sein Glas. „So etwas habe ich noch nie getrunken. Er schmeckt großartig.“

„Das wird mir hier alles zu fachlich“, befand Harry und krabbelte von seinem Barhocker. „Ich werde austreten und dann wohl erst morgen früh wieder hier auftauchen können.“

„Danke für die Details.“ Cameron hielt Harry kurz am Arm fest, bis er sich im Stehen ausgependelt hatte. „Soll ich dich hochbringen, oder schaffst du es?“

Harry straffte die Schultern, wobei er verdächtig schwankte. „Ich hab auch meinen Stolz. Schlaft gut, ihr beiden.“

Mit diesen Worten machte er sich breitbeinig watschelnd davon. Evelyn lachte leise und goss sich selbst einen Whisky ein.

„Sie führen ein Hotel, kochen, bauen Getreide an, können Bagger fahren und destillieren ausgezeichneten Whisky. Merveilleux! Was können Sie eigentlich nicht?“

„Französisch.“

Er grinste schief. „Wie bedauerlich.“

Evelyn kniff wütend die Augen zusammen und überlegte, welchen spitzen Gegenstand sie dauerhaft entbehren konnte, indes Cameron abwehrend die Hände hob.

„Schon gut, Medusa! Es tut mir leid. Ich habe eine große Klappe.“

„Allerdings.“

„Hassen Sie mich jetzt?“

„Ich hasse Sie von Anfang an.“ Sie kippte ihren Whisky hinab, senkte kurz die Lider und beschloss, ihre Aussage zu relativieren. „Ich bin chronisch schlecht gelaunt und eine wirklich unangenehme Gesellschaft. Es wird das Beste sein, Sie gewöhnen sich direkt daran, dass der Umgang mit mir keinen Spaß macht.“

Er trank den Rest seines Whiskys und griff unverwandt nach Evelyns Hand. „Das zu entscheiden müssen Sie schon mir überlassen“, sagte er, ließ sie los und ging davon.

Aufgewühlt griff Evelyn nach ihrer Whiskyflasche und goss sich noch ein Glas ein.

Es war sinnlos, über einen Mann nachzudenken. Sie war noch nie mit einem Mann glücklich gewesen. Sie passte einfach nicht zu Männern. Und schon gar nicht zu diesem seltsamen Exemplar mit übersteigertem Selbstbewusstsein. Sie stürzte noch ein Glas hinab und spürte allmählich, wie ihr der Alkohol zu Kopf stieg.

Er hatte wirklich schöne Augen.

Energisch schüttelte sie den Kopf. Er würde bald wieder fort sein, und sie würde dank McGillans verfluchtem Spa-Palast weiter ihr Leben leben und aufbauen können. So wie sie es wollte. Allein.

Julie schoss ein Foto und blickte dann über den Sucher hinweg hinab in den Schacht. Der Knochen hatte sich schon am Morgen tatsächlich als Menschenknochen erwiesen, und das komplette Skelett war vor dem Mittag schon weitestgehend freigelegt.

Der Schädel starrte sie aus mit Erde gefüllten, knöchernen Höhlen an. Die Zähne fehlten fast vollständig. Der Körper selbst war unnatürlich gekrümmt.

„Ob er wohl hineingestürzt ist?“, fragte Julie sich selbst und strich sich eine blonde Strähne hinters Ohr.

Jamie, der zweite englisch Archäologe, der ein Gitter über den Schacht gebreitet hatte, mit einem Lot die genaue Position der Knochen bestimmte und in seine Skizze übertrug, nickte. „So, wie er daliegt, könnte das gut möglich sein.“

Cameron schob sich die rahmenlose Brille zurecht und genoss den Sonnenschein, der sich endgültig durch die Wolken gekämpft und den ständigen Nieselregen abgelöst hatte.

„Es lässt sich schwer sagen, weil er so schief daliegt, aber ich würde schwören, dass er recht klein ist.“

„Das würde für ein frühzeitliches Skelett sprechen.“

„Und es scheint ein Mann zu sein. Siehst du das Becken?“

Harry nickte. Der Beckenknochen war gebrochen, aber die Form sprach dennoch eindeutig für ein männliches Skelett.

„Keine Kallusbildung an den Beckenfrakturen“, überlegte Cameron laut. „Er muss es sich also unmittelbar vor seinem Tod gebrochen haben.“

„Was auch für den tödlichen Sturz sprechen würde. Wobei man daran ja nicht stirbt.“ Harry strich sich mit beiden Händen über den Bart.

„Wenn er alleine war, könnte er verhungert sein.“ Cameron setzte sich zurück auf die aufgeschüttete Grasnarbe. „Aber er hätte gerufen. Seine Sippe hätte ihn gefunden.“

„Vielleicht konnte er nicht sprechen“, warf Harry ein. „Vielleicht war es Winter, und er hat den Schacht nicht gesehen, ist durch eine Eisplatte gebrochen und wieder eingeschneit worden. Vielleicht ist ein Schacht eingestürzt und hat ihn unter den ganzen Steinen begraben.“ Er gab ein Achselzucken von sich. „Es gibt so viele Möglichkeiten.“

Cameron nickte. Zwar stellten sich die Spekulationen über den Tod des Mannes bei ihm automatisch ein, doch der Teil seines Gehirns, der wissenschaftlich arbeitete, begriff, dass nichts es mit einer richtigen Untersuchung aufnehmen konnte.

„Ich will, dass du das Skelett mit nach Edinburgh nimmst“, sagte er zu Harry. „Lass die Knochen radiokarbondatieren und gib sie Amanda. Wenn einer herausfinden kann, woran er gestorben ist, dann sie.“

Harry nickte. „Wenn wir das Alter des Skeletts einordnen können, lässt das auch Rückschlüsse auf die mögliche Anlage eines Dorfes, einer Siedlung zu.“

„Genau das war mein Gedanke. Dann wissen wir wenigstens ungefähr, wo es sinnvoll ist, neue Grabungsschnitte anzulegen, und schießen nicht nur ins Blaue.“

Julie kletterte aus der Grube, ging zu einem der Koffer und förderte eine große Plastiktüte zutage, in der wiederum andere Plastiktüten waren. „Dann lasst uns mal anfangen.“

Kaum, dass jeder von ihnen sich mit Handschuhen, Pinseln und Plastiktüten bewaffnet hatte, kam ein dunkler Pick-up über das Feld gefahren und schließlich mit einem abrupten Ruck etwa zehn Meter vor der Ausgrabungsstelle zum Stehen. Die Wissenschaftler richteten sich in ihrer Grube auf wie eine Gruppe Erdmännchen und verharrten regungslos.

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