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Mysterium fidei

Inhalt

Vorwort

I. Teil: Sinngestalt und theologische Ortung der Eucharistie

Vom Abendmahl zu unserer Eucharistiefeier

Zur theologischen »Gestalt« der Eucharistie

Eulogia – Überlegungen zur formalen Sinngestalt der Eucharistie

Anthropologische Zugänge zur Eucharistie

Verbalpräsenz – Aktualpräsenz – Realpräsenz Versuch einer systematischen Begriffsbestimmung

Die drei Weisen der Gegenwart Christi in seiner Kirche

Wort und Eucharistie

Die Eucharistie: Feier der Gemeinschaft des dreifaltigen Gottes mit uns Menschen

Eucharistie als Höhepunkt kirchlichen Lebens – auch in der Gemeinde

II. Teil: Ökumenische Aspekte der Eucharistie

Die Heilsgegenwart Jesu Christi Zur ökumenischen Spiritualität des Meßopfers im Blick auf das Trienter Konzil (1562)

Ökumenische Erwägungen zu Abendmahl, Priesterweihe und Meßopfer

Orientierungshilfen der EKD zum Abendmahl

III. Teil: Kultisch-spirituelle Aspekte der Eucharistie

Unser Umgang mit der Eucharistie

Das Wirken Jesu in der Eucharistie

Eucharistie und Exerzitien

Hilfen zur eucharistischen Anbetung

Erwägungen zu Fronleichnam

Erstveröffentlichungen

Vorwort

In jüngster Zeit hat das Lehramt ganz in der Linie des Zweiten Vatikanischen Konzils verstärkt betont, dass die Eucharistiefeier mit ihrer mehrfachen Gegenwart des erhöhten Herrn Quelle und Höhepunkt des kirchlichen Lebens ist. Johannes Paul II. hat sogar eine Enzyklika verfasst mit dem Titel: Die Kirche entspringt der Eucharistie. Und dennoch bedarf gerade die Eucharistie innerhalb der Katholischen Kirche immer wieder einer eingehenden theologischen Erörterung, um ihre Tiefen für Glaube und Spiritualität zu verdeutlichen.

Unser I. Teil möchte dieses Anliegen unterstützen, indem es die wesentlichen Dimensionen der Eucharistie als Gegenwart des erhöhten Herrn, als Opfer Christi und der Kirche in der Gestalt der Segensfeier verdeutlicht. Das tun wir im Hinweis auf die vier inneren Sinnelemente der Eucharistie und ihrer Feier als Eulogia (Segensfeier): Denn die Eucharistie ist Gedächtnis (Anamnese), Bitte um Gegenwart (Epiklese), gemeinsames Staunen vor der Gegenwart des erhöhten Herrn, der durch die Feier und die Gestalten von Brot und Wein Gemeinschaft der Menschen mit sich und untereinander bildet (Koinonia), aber damit zugleich auch Grund jeglicher eucharistischer Darbringung ist zur Verherrlichung des Vaters im Himmel: Prosphora (Lobopfer).

Unser II. Teil behandelt die mit der Eucharistie immer noch nicht gelösten ökumenischen Fragen und versucht die Diskussion auf eine neue Ebene, nämlich auf die Ebene der Eucharistie als Segensfeier zu stellen. Wir möchten neue Perspektiven aufzeigen, die sich hinter den kontroverstheologischen Debatten auftun.

Der III. Teil versucht eine eucharistische Spiritualität zu entwickeln, wie sie in der Eucharistiefeier grundgelegt ist, im eucharistischen Kult zum Vorschein kommt und in der geistlichen Theologie geübt wird. Hier sind wir vor allem dem heiligen Ignatius von Loyola, dem Gründer des Jesuitenordens und dem Meister der Exerzitien, verpflichtet.

Zugleich stellen die vorliegenden Beiträge meinen Weg jahrelangen Bemühens um Eucharistie dar, der in den verschiedensten Veröffentlichungen dokumentiert ist. Die Artikel wollen natürlich auch auf die in Rom stattfindende Weltbischofssynode über das Geheimnis der Eucharistie hinweisen und ein Beitrag zum Jahr der Eucharistie sein.

Innsbruck, im Januar 2005

Lothar Lies SJ

I. Teil:
Sinngestalt und theologische Ortung
der Eucharistie

Vom Abendmahl zu unserer Eucharistiefeier

Jesus feierte sein letztes Mahl im Rahmen eines Passamahles. Von diesem Rahmen her lassen sich wichtige Elemente der Abendmahlsfeier bestimmen. Diese Elemente sind in unseren eucharistischen Hochgebeten noch erhalten. Unser jetziges zweites Hochgebet, also das kürzeste, ist eine sprachlich geglättete Fassung eines Hochgebetes, das um das Jahr 200 in Syrien und in Rom gebetet wurde.

I. ANAMNESE (GEDENKEN, ERINNERUNG)

Das jüdische Passamahl feierte das Gedächtnis des Auszuges des Volkes Israel aus Ägypten als Heilstat Jahwes. Die einzelnen Gebete und Bitten, aber auch die Mahlelemente, wie Speisen und Getränke, erinnern daran. So erzählt der Hausvater in feierlichem Gedenken den Auszug aus Ägypten, den Durchzug durch das Meer, durch die Wüste. Die Mazzen auf dem Tisch bedeuten das Manna, die Bitterkräuter die Not in der Wüste; der Wein ist Zeichen für Gottes berauschende Liebe zu Israel. Diese Elemente haben also eine doppelte Aufgabe. Sie sind Zeichen der Not und erinnern an die Unheilssituation des Volkes Israel. Sie sind aber zugleich auch Zeichen der Liebe Gottes, der diese Not gewendet hat. So stellt uns das Mazzenbrot den Hunger Israels ebenso vor Augen wie das Manna, das Gott sandte, um die Juden vom Hunger zu erlösen. So erinnert das Lamm an das in Ägypten geschlachtete Lamm, dessen Blut an den Türpfosten der israelischen Häuser zugleich Zeichen des Todes für alle Erstgeburt der Ägypter, aber auch Zeichen dafür ist, daß der Würgengel vorbeigeht. Das Lamm ist Zeichen des Todes und des Lebens. Alle Zeichen haben diese Doppelbedeutung: Zeichen menschlicher Unheilssituation und Zeichen göttlichen Erbarmens. Auch Jesus hat dieses Mahl gefeiert, wie gesagt, als sein letztes. Auch er hat die Geschichte der Errettung Israels im Gedenken erwähnt. Er hat hingewiesen darauf, daß das Mahl sein letztes mit den Jüngern ist, weil die Menschen nicht wahr haben wollen, daß in ihm Gott einen neuen Bund mit den Menschen eingeht. Und die Jünger scheinen zu spüren, daß plötzlich die Abendmahlsgaben, Brot und Wein, Bitterkräuter, Lamm noch einmal eine neue Bedeutung erhalten. Das Brot, das Jesus austeilt, erinnert nicht nur an das Manna in der Wüste, es erinnert an die Brotvermehrung Jesu selbst in der Wüste. Jesus offenbart sich so als der eigentliche Mahlherr im Passamahl. Und wenn er dieses Brot austeilt, dann ahnen die Apostel schon, daß hier Jesus das Brot des Lebens austeilt. Und wenn sie sehen, daß man das Lamm aufträgt, dann bedeutet dies wohl die Erinnerung an das Passalamm, das geschlachtet wurde, um mit seinem Blut den Würgengel und damit den Tod abzuhalten. Und man erinnert sich nun der vielen Totenerweckungen Jesu. Man spürt, daß mit diesem bevorstehenden gewaltsamen Tod Jesu, mit seinem Blut, es eine besondere Bewandtnis haben muß. Beim Wein erinnert man sich des ersten Wunders Jesu, der Hochzeit von Kana. Dort hatte Jesus sich offenbart als der eigentliche Herr des Hochzeitsmahles, bei dem der Wein nicht mehr ausgeht. Und jetzt im Abendmahlssaal sagt er, er werde von dem Gewächs des Weinstockes nicht mehr trinken, bis er es neu trinken werde im Reich seines Vaters, und zwar mit den Jüngern zusammen. Dieser Wein wird zum Zeichen eines Bundes, der über den Tod hinausgeht, eines Bundes, der Leben spendet, der von Gott kommt und göttliches Leben gibt. Auch die Bitterkräuter bekommen einen neuen Sinn, ohne den alten zu verlieren. Sie bleiben Zeichen der Not, jetzt der neuen Not des bevorstehenden Todes Jesu. Und – das ist jetzt die Erwartung und Ahnung der Apostel: mit diesem Tod muß es eine Heilsbewandtnis haben. Und schon hören sie, daß Jesus Brot und Wein nimmt und diese Elemente als Zeichen seiner Hingabe deutet: Das ist mein Leib – für euch; das ist mein Blut für euch! Und so umfassen diese Gaben symbolisch die Not des Volkes Israel ebenso wie den Segen Gottes, sie umfassen die Not und den bevorstehenden Tod Jesu und die Angst der Apostel ebenso wie Gottes rettende Tat auf dem Wüstenzug und Gottes großen Gnadenerweis in Jesus Christus. Und sie umfassen das Heil der Apostel.

Dieses gedenkende Element einer Gedächtnisfeier hat sich unsere Eucharistiefeier bewahrt. Wie beim Passamahl gedenkt sie der Unheilsgeschichte Israels und der Heilsinitiativen Gottes. Sie betet zum himmlischen Vater, dankbar all dessen gedenkend, etwa im IV. Hochgebet: »Wir preisen dich, heiliger Vater, denn groß bist du und all deine Werke künden deine Weisheit und Liebe. Den Menschen hast du nach deinem Bild geschaffen und ihm die ganze Welt anvertraut. Als er durch Ungehorsam deine Freundschaft verlor und der Macht des Todes verfiel, hast du ihn dennoch nicht verlassen. Voll Erbarmen hast du allen geholfen, dich zu suchen und zu finden. Immer wieder hast du den Menschen einen Bund angeboten und sie durch die Propheten gelehrt, das Heil zu erwarten.«

Bis hierher geht das Gedenken der alttestamentlichen Heilstaten. Und schon tragen Brot und Wein eine Bedeutung, die die der bloßen Nahrung weit übersteigt. Sie sind als »Frucht der Erde« Ausdruck der Schöpfergüte Gottes, als »Frucht der menschlichen Arbeit« Zeichen der dem Menschen von Gott gegebenen Verantwortung über die Welt. Sie weisen auf menschliche Not und Unruhe, aber auch auf göttliche Initiativen hin. Sie sind Zeichen dieses »Immer wieder«, sind Zeichen des Bundes, Zeichen für das Wort der Propheten, das Nahrung sein kann, und Zeichen für Hunger und Durst nach Gott und seiner Treue. Aber die Eucharistiefeier holt noch mehr in ihrem Gedenken ein. Sie erinnert sich zurück auf das Christusereignis, auf Gottes Heilstat in seinem Sohn Jesus Christus. »So sehr hast du die Welt geliebt, heiliger Vater, daß du deinen eingeborenen Sohn als Retter gesandt hast, nachdem die Zeit erfüllt war. Er ist Mensch geworden durch den Heiligen Geist, geboren aus Maria der Jungfrau. Er hat wie wir als Mensch gelebt, in allem uns gleich, außer der Sünde. Den Armen verkündet er die Botschaft vom Heil, den Gefangenen Freiheit, den Trauernden Freude. Um deinen Ratschluß zu erfüllen, hat er sich dem Tod überliefert, in seiner Auferstehung den Tod bezwungen und das Leben neu geschaffen. Er hat uns den Heiligen Geist gesandt, der das Werk des Sohnes weiterführen soll« (IV. Hochgebet). Und wieder erfahren die Gaben eine zusätzliche Bedeutung. Sie sind Zeichen Jesu, aber auch Zeichen unserer Armut, unserer Gefangenschaft, unserer Trauer. Zeichen menschlicher Not und göttlichen Segens. Sie bedeuten Gottes Neuen Bund mit den Menschen in seinem Sohn. Aber diese Zeichen sind auch noch Zeichen der Hingabe Christi an die Menschen und an den Vater. Und an diesen Vater gewendet, betet der Priester gedenkend: »Da er die Seinen liebte, die in der Welt waren, liebte er sie bis zur Vollendung. Und als die Stunde kam, daß er von dir verherrlicht werde, nahm er beim Mahl das Brot und sprach den Segen, brach es und reichte es seinen Jüngern mit den Worten: Nehmet und esset alle davon: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird« (IV. Hochgebet).

Wie das Volk Israel wußte, daß allein Gott seine Rettung sein kann, wie die Jünger erkannten, daß dieser Gott in Jesus Christus uns erlöst, wie sie erkannten, daß der Leib und das Blut Christi in den Gestalten von Brot und Wein ewiges Leben bedeuten, so preist die Kirche den Vater für diese Erlösung, die ihr in der Eucharistiefeier zuteil wird: »Darum feiern wir das Gedenken unserer Erlösung, allmächtiger Gott. Wir verkünden den Tod deines Sohnes und sein Hinabsteigen zu den Vätern, bekennen seine Auferstehung und Himmelfahrt und erwarten sein Kommen in Herrlichkeit« (IV. Hochgebet).

Und wieder bekennen wir, daß Brot und Wein wohl Zeichen des Todes Jesu, ja auch unserer Verlorenheit sind, aber zugleich und vielmehr Zeichen des allen Tod besiegenden Erbarmens Gottes. All dies wird mit den Zeichen unserem Glauben inne, lebt in der Gedächtnisfeier auf. Aber wir spüren schon: Gedächtnis meint ja auch immer Gedenken eines Vergangenen. Wie ist das Vergangene gegenwärtig?

II. EPIKLESE (BITTE UM DIE GEGENWART GOTTES)

Schon beim jüdischen Passamahl war man überzeugt, daß das, was sich einst beim Auszug aus Ägypten ereignete, jene Rettungstat, nun in der häuslichen Feier gegenwärtig werde. Aber dies nicht einfach magisch und automatisch, sondern deshalb, weil das Gedenken der Familie auch schon ein Bitten an Jahwe ist, nun gegenwärtig werden zu lassen, was damals zum Heil des Volkes Israel geschah. Das ganze Passamahl wird also gerade, insofern es Gedächtnismahl ist, von der Bitte um die heute und in Zukunft helfende Gegenwart des Gottes Jahwe begleitet. Die Gaben sind also Zeichen der menschlichen Bitte um die Hilfe Jahwes, aber zugleich Zeichen der Hilfe selbst. Auch das Abendmahl beinhaltet diese Bitte; indem Jesus das Brot und den Wein segnet, bittet er um seine neue, andere Gegenwart bei den Jüngern: jene österliche, geistgewirkte: Das ist mein Leib, das ist mein Blut. Zeichen eines »Neuen Bundes«, einer neuen Gegenwart, die in meinem Blut und Tod beginnen wird. Damit beinhalten die Zeichen von Brot und Wein alle Gegenwartsweisen Gottes im Alten Testament und besonders jene in Christus, dem Neuen Testament. Brot und Wein sind Zeichen der Gegenwart der Inkarnation, also jenes Ereignisses, da die Menschwerdung begann, die in der Geburt offenbar und im Tod als wirkliche Menschwerdung bezeugt wird. Brot und Wein zeigen dann auch an, daß in Menschwerdung und Tod Gott sein Handeln nicht aufgegeben, seine Gegenwart nicht zurückgezogen, sondern neu bestimmt hat. In der Auferstehung Christi wird diese Gegenwart offenkundig. Auch das bedeuten Brot und Wein: sie sind auf die Bitte Jesu hin sein Leib, sein Blut, er selbst.

Auch die Kirche bittet nun, wissend, daß es der Geist ist, der die Gegenwart Gottes in Jesus gebildet hat, wissend, daß es wiederum der Geist ist, der die Gegenwart Christi heute bewirkt: »Damit wir nicht mehr uns selber leben, sondern ihm, der für uns gestorben und auferstanden ist, hat er von dir, Vater, als erste Gabe für alle, die glauben, seinen Heiligen Geist gesandt. Dieser soll das Werk deines Sohnes auf Erden weiterführen und alle Heiligung vollenden. So bitten wir dich, gütiger Vater: Der Geist heilige diese Gaben, daß sie uns werden Leib und Blut unseres Herrn Jesus Christus, der uns die Feier dieses Geheimnisses hinterlassen hat zum ewigen Bund« (IV. Hochgebet).

Dann beruft sich der Priester auf den Einsetzungsbericht. Dieses »Tut dies zu meinem Gedächtnis« ist der Rechtstitel, diese Bitte Gott vorzutragen. Aber es werden noch andere Bitten, ähnlich dem jüdischen Pascha, zum Ausdruck gebracht: die Bitten, nun nicht nur um Gegenwart Gottes und Christi hier und jetzt, sondern um Gottes wirksame Gegenwart für die einzelnen Menschengruppen, die nicht da sind. So betete der Jude für Verwandte, Volk und Vaterland, für die Kranken, Entrechteten: Jahwe möge an ihnen seine Größe und Nähe offenbaren. Jetzt verstehen wir auch, warum das Johannesevangelium anstelle des Abendmahlsberichtes das Hohepriesterliche Gebet enthält: Die Anliegen des Hohepriesterlichen Gebetes gehören in Jesu Passafeier. Und so betete Christus um die Einheit: daß sie eins sind, wie der Vater und ich eins sind. Und so betet die Kirche, aus dem Bewußtsein, Christus ist gegenwärtig in der Feier und in den Gestalten von Brot und Wein, den Vater an: »Sieh her auf die Gabe, die du selbst deiner Kirche bereitet hast, und gib, daß alle, die Anteil erhalten an dem einen Brot und dem einen Kelch, ein Leib werden im Heiligen Geist, ein lebendiges Opfer in Christus zum Lob deiner Herrlichkeit« (IV. Hochgebet).

Dann fleht die Kirche für die für diese Einheit Verantwortlichen: Papst, Bischöfe, Priester, Diakone, Laien, für Lebende und Verstorbene, vergewissert sich der Gemeinschaft der Heiligen und lobt den Vater aus dem Bewußtsein, eine Bitte geäußert zu haben, die unfehlbar erhört wird.

III. STAUNEN VOR DER GEGENWART GOTTES IN CHRISTUS

Schon der gläubige Jude war von der Gegenwart Gottes in der liturgischen Feier des Passa ergriffen. Der transzendente, mit keinem Namen einzufangende Gott ist in seinen Handlungen gegenwärtig. Wie damals an Israel, so handelt er heute an Israel, wird er morgen handeln an Israel. Er wird Nahrung spenden und Freiheit gewähren. In Jesus Christus hatten die Juden eine ganz neue Gegenwart Gottes erkannt, nicht nur in Handlungen, sondern personal, so daß man sagen konnte: Wer Jesus sieht, der sieht den Vater. Und genau diese Gegenwart feierte ja auch das Abendmahl: Das ist mein Leib, heißt ja nicht: das ist ein Teil von mir. Es heißt: Das bin ich. Jesus, der Sohn Gottes. Ich bin bei euch! Und auch hier entsteht neuerliches Staunen. Brot und Wein sind nicht bloß Zeichen der Gegenwart Gottes in seinem Handeln, nicht bloß Zeichen des Leibes Christi, getrennt von seiner Gottheit, sondern sie sind die Gegenwart des ganzen Christus: Gottheit und Menschheit, und zwar unerwartet: in den Zeichen menschlicher Not!

Auch die Kirche weiß um diese Gegenwart. Sie ereignet sich wie im Abendmahlssaal so heute. Christus gibt sich noch heute uns: »Nehmet und esset alle davon. Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Ebenso nahm er den Kelch mit Wein, dankte und reichte ihn seinen Jüngern mit den Worten: Nehmet und trinket alle daraus: Das ist der Kelch des Neuen und ewigen Bundes, mein Blut, das für euch und für alle vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Tut dies zu meinem Gedächtnis« (IV. Hochgebet). Diese Gegenwart regt zum Staunen an; der Diakon oder der Priester rufen demnach auch: »Geheimnis des Glaubens.« Und alle bestätigen staunend diese Gegenwart der Person Christi mit jenen Ereignissen, da Gott seine Größe gezeigt hat: »Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.«

IV. LOBPREIS UND HINGABE

Alle Gebete des Passamahles, auch die, die den Charakter der Bitte tragen, sind eingesetzt in den Rahmen des großen Gotteslobes und des Dankes. Die Passamahlgebete sind eine große Eucharistie, ein Preisgesang, in dem sich der fromme Jude mit seiner Familie dem Wirken Gottes anvertraut und übergibt: Wir preisen dich und danken dir, weil du die Welt erschaffen, uns darin Wohnung und Nahrung gegeben hast. Wir danken dir, weil du uns aus Ägypten herausgeführt hast. Und weil alle Juden wissen, daß sie nur im Segen und in der Gnade Jahwes geborgen sind, schenken sie sich diesem Gott hin. Sie gehen auf die Nähe Jahwes zu und verpflichten sich ihm, wissend, daß sie dies nicht aus sich tun, sondern von der Gnade Gottes getroffen sind. Auch im Abendmahlsgeschehen dankt Jesus für dies alles wie jeder gläubige Jude. Auch die Apostel tun dies. Aber auch Jesus und die Apostel danken für die besondere Nähe Gottes in Jesus selbst. Und übergeben sich dem nahen Gott. Sie gehen den Bund ein, den die Nähe Gottes in Christus anbietet: »Und er erhob seine Augen zum Himmel und sprach: Vater, die Stunde ist da. Verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrlicht. Denn du hast ihm Macht über alle Menschen gegeben, damit er allen, die du ihm gegeben hast, ewiges Leben schenkt. Das ist das ewige Leben: dich, den einzigen wahren Gott, zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast. Ich habe dich auf der Erde verherrlicht und das Werk zu Ende geführt, das du mir aufgetragen hast. Vater, verherrliche du mich jetzt bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, bevor die Welt war« (Joh 17,1–5).

Auch die Eucharistiefeier der Kirche ist von diesem großen gedenkend-staunenden Lobpreis bestimmt. Das IV. Hochgebet leitet die Kirche mit dem Lobpreis der Präfation ein: »In Wahrheit ist es würdig, dir zu danken, ja, es ist recht, dich zu preisen, heiliger Vater. Denn du allein bist der lebendige und wahre Gott …«

Das eucharistische Gebet beginnt sie: »Wir preisen dich, heiliger Vater, denn groß bist du, und alle deine Werke künden deine Weisheit und Liebe …« Den Lobpreis des Hochgebetes endet sie: »Und wenn die ganze Schöpfung von der Verderbnis der Sünde und des Todes befreit ist, laß uns zusammen mit ihr dich preisen in deinem Reich durch unseren Herrn Jesus Christus. Durch ihn und mit ihm und in ihm ist dir, Gott, allmächtiger Vater, in der Einheit des Heiligen Geistes alle Herrlichkeit und Ehre jetzt und in Ewigkeit.«

V. ERGEBNIS

Unsere Eucharistiefeier umfaßt die Grundgedanken des Passamahles, umfaßt das Abendmahlsgeschehen und feiert zugleich Gegenwart all dessen, um sich in den gegenwärtigen Christus hineinzugründen.

Eulogia – Überlegungen zur formalen Sinngestalt der Eucharistie

I. DIE FRAGE

Es soll an einige Neuerscheinungen der letzten Jahre zum Thema Eucharistie die Frage nach der Formalgestalt der Eucharistie herangetragen werden. Um dieses Unterfangen verständlich zu machen, ist der ungebräuchliche Begriff der Formalgestalt zu erklären. Unter Formalgestalt der Eucharistie verstehen wir jene Gestalt, die die Vorstellungen des Gedächtnisses, des realpräsentischen Sakramentes, des Opfers und des Mahles zusammenfassen kann und allen Aspekten der Eucharistie ihren formalen Sinn gibt. Wir nennen daher die Formalgestalt auch theologische Sinngestalt. Die Suche nach dieser formalen Sinngestalt ist theologisch legitim, weil eine systematische theologische Eucharistielehre Anamnese, Opfer und Präsenz einander zuzuordnen hat. Diese Frage ist theologiegeschichtlich und pastoral gefordert, da die neuzeitliche Diskussion und Verkündigung Gefahr laufen, einen traditionellen Teilaspekt der Eucharistie besonders hervorzuheben und katechetisch »auszuschlachten«, während andere, ebenso wichtige Aspekte zu kurz kommen.57

Der Begriff Formalgestalt ist nicht mit dem Begriff Formalobjekt zu verwechseln, da Formalobjekt jenen Gesichtspunkt meint, unter dem eine Sache betrachtet wird, also in die Erkenntnisebene gehört, während Formalgestalt dem Objekt selbst zukommt und in die Wirklichkeitsebene gehört. Insofern natürlich jede Wirklichkeit unter einem bestimmten Gesichtspunkt erörtert werden kann, ist der Gesichts- und Fragepunkt und somit das Formalobjekt unseres Beitrages die Frage nach der Formalgestalt der Eucharistie.

Wir wollen diese Formal- bzw. Sinngestalt so auffassen, daß sich von ihr her die Materialgestalt als sinnvoll und verstehbar erweist. Unter Materialgestalt der Eucharistie verstehen wir all das, was auf die Ebene der sichtbaren Wirklichkeit gehört und heute oft mit Grundgestalt (z. B. dem Mahl- oder dem Zeichencharakter oder dem liturgischen Vollzug) wiedergegeben wird. Mit formaler Sinngestalt der Eucharistie meinen wir deshalb auch nicht die durch die liturgische Bewegung eingeführte Kategorie der »Gestalt«58: »Mit dem Begriff ›Gestalt‹ war eine bisher unbekannte Kategorie ins theologische Gespräch eingetreten, deren reformerische Dynamik unverkennbar war. Ja, man darf sagen, daß mit dem Aufdecken dieser Kategorie Liturgiewissenschaft im modernen Sinn geboren war. Die spezifische Ebene des Liturgischen gegenüber dem Dogmatischen und Kirchenrechtlichen war erst damit in Erscheinung getreten, so daß es hier um Theologie und um theologisch begründetere Form ging, ohne daß unmittelbar die Dogmatik ins Spiel gebracht wurde … ›Tragende Gestalt ist die des Mahles‹, formulierte Joseph Pascher …«59 Diese Grundgestalt nennen wir Materialgestalt.

In einer systematischen Erörterung über die Eucharistie als Sakrament oder liturgisches Geschehen dürfte es an sich gleich bleiben, ob wir von der Materialgestalt und von den sie unmittelbar betreffenden Deutungen auf die theologische Formalgestalt schließen oder umgekehrt. Da wir nach der Formalgestalt suchen, bleibt an sich als Ausgangspunkt nur die Materialgestalt. Denn die Formalgestalt als Sinngestalt der Eucharistie ist als theologische Größe, obwohl in der Materialgestalt verwirklicht, nicht anschaubar. Der an sich richtigen Überlegung, die Formalgestalt der Eucharistie aus der Materialgestalt zu erschließen, widerspricht aber die andere, daß die Materialgestalt (etwa die Messe) gar nicht so eindeutig ist, daß sich aus ihr sofort und unmittelbar eine theologische Sinngestalt ermitteln ließe. Könnte die theologische Sinngestalt direkt aus der Materialgestalt erschlossen werden, würde sich z. B. die Frage nach dem Opfercharakter der Messe erübrigen. Daher kann und muß die Sinngestalt (auch) aus den theologischen Aussagen der Schrift, der Kirchenväter, der Theologen und Konzilien ermittelt werden. Daß man nicht vorschnell von der Materialgestalt oder »Grundgestalt« (Mahl) auf die theologische Formal- oder Sinngestalt schließen kann, zeigen auch die Erfahrungen der liturgischen Erneuerung. Schon früh begann man innerhalb der liturgischen Bewegung die Spannung von liturgischer Gestalt und theologischem Gehalt zu spüren. So bemühte sich Pascher, die Opfergestalt der Eucharistie in die grundlegende Mahlgestalt eingezeichnet zu sehen, während J. A. Jungmann »zeigt, daß schon in den frühesten liturgischen Formen die Eucharistia – das als Dank geformte Gebet des Gedächtnisses – das Übergewicht über das Mahl als solches gewinnt. Die Grundgestalt ist nach ihm jedenfalls seit dem ausgehenden 1. Jahrhundert nicht das Mahl, sondern die Eucharistia.«60 Nach Ratzinger steht »die These von der Eucharistia als Grundgestalt einer inneren Vermittlung zwischen dogmatischer und liturgischer Ebene ohne weiteres offen«61. Er folgert: »Wenn die Grundgestalt der Messe nicht ›Mahl‹, sondern Eucharistie heißt, dann bleibt zwar die notwendige und fruchtbare Differenz zwischen liturgischer (gestalthafter) und dogmatischer Ebene bestehen, aber beides fällt nicht auseinander, sondern drängt aufeinander zu und bestimmt sich gegenseitig. Im übrigen ist dann das Element des Mahles nicht einfach ausgeschlossen, weil Eucharistia auch (nicht bloß) Tischgebet des heiligen Mahles ist; aber die Mahlsymbolik ist dann unter- und eingeordnet in ein Umfassenderes.«62

Dennoch bleibt die Frage, da das Letzte Abendmahl als Stiftung der Eucharistie eben ein Mahl war, wie der Übergang vom Mahl zur Eucharistie legitim geschehen konnte: »Wie man sieht, führt diese Frage in das Grundproblem gegenwärtiger, unter dem Zeichen des Dissenses von Historie und Dogma stehenden Theologie überhaupt hinein: in die Frage nach dem Übergang von Jesus zur Kirche.«63

Bevor wir zu einer eigenen Antwort kommen, betrachten wir zunächst einige systematische Ansätze der Eucharistielehre, dann patristische und konzilsgeschichtliche Arbeiten und zum Schluß neutestamentliche Untersuchungen. Wir tun dies unter ausschließlich systematischer Rücksicht und fragen, was diese Arbeiten zur Erkenntnis einer theologischen Sinngestalt der Eucharistie beitragen. Die Frage nach der Sinngestalt wird sich nicht nur für die spekulative Theologie als interessant erweisen, auch für die Liturgik dürfte sie von entscheidender Bedeutung sein. Werden doch von ihr her besonders jene Momente, die in die Mahlgestalt aufgenommen sind und die wir aus dem Mahlcharakter nicht unmittelbar ableiten können, ihre unaufgebbare Bedeutung erweisen. Dennoch würde es diesen Beitrag überfordern, die neuen liturgie-theologischen Bücher über die Messe heranzuziehen.64

Um es gleich zu sagen: wir sind der Überzeugung, daß die den liturgischen Abendmahlsberichten und der kirchlichen Eucharistie zugrundeliegende umfassende Sinnstruktur die »Eulogia« ist. Diese theologische Sinngestalt ist geeignet, den Übergang von alttestamentlichen und neutestamentlichen Mählern zum eucharistischen Herrenmahl dogmatisch zu legitimieren.

II. DAS DERZEITIGE RINGEN UM DIE FORMALGESTALT DER EUCHARISTIE

1. Systematische Ansätze

a) Johann Auer

Für Auer65 »erschließt sich uns die Mannigfaltigkeit des Mysteriums Gottes wie auch der Eucharistie« im »Bedenken der realen Gegenwart… Gottes in der Gegenwart Christi und seines Werkes in diesem Sakrament«; Sakrament versteht Auer »als Zeichen für die reale Heilshilfe des lebendigen Gottes in Jesus Christus«66. Im Rahmen der Sakramente gebührt der Eucharistie eine Ausnahmestellung, da »Eucharistie … den Erlöser und sein Erlösungswerk selbst sakramental-zeichenhaft gegenwärtig setzt und vermittelt (Thomas, S.Th. III q 65a 3)«67. Da in der Eucharistie das ganze Christusgeheimnis (seine Person und sein Opferwerk) anwesend ist68, nimmt die Eucharistie an diesem Geheimnis teil; sie ist »Opfer und Sakrament, Opfer und Opfermahl, Mitte und Zenit des Kultes der Kirche, die aus diesem Kult lebt und sich unablässig in ihm und aus ihm erneuert und verjüngt bis zum Ende der Zeiten«.69 Solche Worte drücken das unbewußte Ringen um die Sinngestalt der Eucharistie aus.

Um diesen Sinn der Eucharistie aufzuzeigen, sucht Auer nach einer Methode: »Da die Eucharistie als sakramentale Wirklichkeit ganz aus ihrem Zeichencharakter lebt, erhebt sich die Frage, auf welchem Weg sich uns der Sinn dieses sakramentalen Zeichens am besten erschließt, oder allgemein, welcher Methoden sich eine theologische Betrachtung dieses sakramentalen Mysteriums bedienen kann und soll.«70 Als Möglichkeiten bestehen die »heilsgeschichtliche« Methode der Schrift und der frühen Väter71, die »allegorisch-symbolische« der Väter und des germanischen Mittelalters72, die »philosophischmetaphysische«, die besonders in der Transsubstantiationsdiskussion ihren Ausdruck fand73, die »phänomenologisch-idealistische« der liturgischen Bewegung74, die heilsgeschichtlich-biblische »ergänzende« holländischer Prägung75.

Um nun die richtige Methode auszuwählen, sucht Auer nach einem Ansatz. Er wählt als allgemeinen Ansatz den sakramentalen Zeichencharakter, um das Mysterium der Eucharistie zu entfalten, weil ihm der Zeichencharakter »das Erscheinungsbild« des Mysteriums bedeutet76. Bei solch einem allgemeinen Ansatz ist die Frage nach dem besonderen zugleich die Frage nach dem Einstieg77, aus dem sich der besondere Ansatz, das Mysterium der Eucharistie zu verstehen, ergibt, enthält doch nach Auer ein Ansatz das Ganze schon unentfaltet. Dieser besondere Ansatz ist eben das »geschichtliche Abendmahl Jesu Christi, wie es im nachösterlichen Kerygma uns in der Schrift überliefert ist. Dieses nachösterliche Kerygma will jedoch nur ›das neue Verständnis der Urgemeinde für das historische Ereignis‹ zur Darstellung bringen.«78 Diesem Ansatz entspricht von den oben angegebenen Methoden die heilsgeschichtliche: »Diese … führt am besten zum ursprünglichen Verständnis der OffenbarungsWirklichkeit der Eucharistie.«79

Die heilsgeschichtliche Darstellung des ursprünglichen Verständnisses der Offenbarungswirklichkeit der Eucharistie weist das historische Abendmahl als Passa- und Opfermahl aus, so daß im Ansatz jüdische und christliche Vorstellungen einfließen. Auer nennt in diesem Zusammenhang Passa, Opfer und Kreuzestod Christi, die drei »geschichtlichen Grundlagen« des Verständnisses des Eucharistie-Mysteriums80. Als dieses Eucharistiemysterium erhellend gelten ihm das »Erscheinungsbild des ›Mahles‹ als solches«, besonders nach Johannes (13, 2. 26. 28) und »die zahlreichen Hinweise Christi auf das eschatologische Mahl im Reiche (Hause) seines Vaters als Vollendung der Erlösung und Erfüllung der Erlösten …«81 »Von diesen Einstiegsmöglichkeiten her sind nun auch die ›Namen‹ zu deuten, die dieses Geheimnis der Eucharistie in der Schrift und bei den Vätern trägt«82: etwa Tisch des Herrn, geistige Speise, Engelsbrot, Opfer, Eucharistie, Brotbrechen und Altarssakrament83.

Wenn wir recht sehen, sucht Auer tatsächlich nach einer theologischen Sinngestalt der Eucharistie, in der sich die von ihm genannten Momente sinnvoll ordnen. Denn es stellt sich für die Ebene der Zeichen, also das Abendmahl, die Frage nach dem Zueinander dieser »geschichtlichen« Grundlagen. Und hier liegt für Auer u. E. das Problem: die »geschichtlichen Grundlagen« liegen auf verschiedenen Ebenen und sind nicht ohne weiteres vergleichbar, da ihnen die sie einander zuordnende Sinngestalt fehlt. So ist das Passamahl als rituelles Geschehen nicht ohne weiteres mit dem Kreuz Christi zu verbinden, so das Mahl nicht ohne weiteres mit einer eschatologischen Deutung.

Auer ordnet nun diese »geschichtlichen Grundlagen« mittels der Vorstellung der realen Gegenwart Christi zusammen: »Das Bedenken der realen Gegenwart dieser Heilshilfe Gottes in der Gegenwart Christi und seines Werkes in diesem Sakrament bildet die Voraussetzung und Grundlage für das rechte Verständnis dafür, daß uns hier das einmalige Erlösungsopfer für alle Zeiten als Gedächtnisfeier übergeben ist: Die Eucharistie als sakramentales Opfer bildet so die Grundlage für das rechte Verständnis der Eucharistie als Mahl, als Mahl der Teilhabe am Opfer Christi und als Mahl der feiernden Christusgemeinde. Im rechten Verständnis der feiernden Christusgemeinde wiederum ist der Grund dafür zu sehen, daß Eucharistie auch selbst irgendwie Gegenstand des Kultes sein kann. In diesen Vollzugsmöglichkeiten der einen Eucharistie als Opfer, Mahl und Kult liegt endlich der Grund dafür, daß Eucharistie in besonderer Weise der Kirche zugeordnet ist, dem ganzen Volk Gottes, das selbst im Opfer, Kult und Mahl mit diesem sakramentalen Leib Christi als mystischer Leib Christi lebt und sich vollenden läßt von dem, der das Ziel und die Vollendung alles Geschaffenen und Heilsbedürftigen in dieser Welt ist.«84

Auer ordnet damit, wenn wir recht sehen, die drei »geschichtlichen« Grundlagen durch einen Denkprozeß, der den heilsgeschichtlichen Ansatz überfremdet. Die Realpräsenz ist das Gefäß, in dem die Elemente von Mahl, Kreuz und Hingabe Christi zusammengefaßt sind. Das Ordnungsprinzip der »geschichtlichen Grundlagen« ist somit ein dogmatisches. Dies ist für Auer auch legitim, weil die Eucharistie eine Sonderstellung innerhalb der Sakramente einnimmt. Auer begeht damit eine Petitio principii. Von der sakramentalen Realpräsenz kommt er auf die Sonderstellung der Eucharistie, von ihr auf das realpräsentische Ordnungsprinzip der geschichtlichen Grundlagen des Abendmahls, d. h. zur Sakramentalität des Abendmahls: die Sakramentalität des Abendmahles ist das Ordnungsgefüge seiner theologischen Elemente. Dabei ist »das Zeichen für Eucharistie primär nicht aus dem zu entnehmen, was wir heute bei unserer Eucharistiefeier sehen und erleben. Es ist vielmehr aus den Berichten zu erheben, die uns darüber in der Schrift gegeben und die selbst aus ihrem heilsgeschichtlichen Zusammenhang jeweils zu erhellen sind. An dem so gewonnenen Verständnis des sakramentalen Zeichens der Eucharistie ist das im gegenwärtigen Kult erfahrene Zeichen selbst zu messen, von ihm her immer wieder neu zu gestalten und zu berichtigen.«85

Auer muß also den Sinn des Zeichens – daß es sakramental ist, weiß er schon – aus dem »geschichtlichen und sachlichen Ort…, der uns in der Verheißungsrede (sc. Joh 6) und in den Einsetzungsworten gegeben ist«, ermitteln, um »dann aber auch ihr spezifisches Erscheinungsbild (sc. Materie und Form der Tradition) und schließlich ihren einmaligen Zeichensinn zu verstehen, der hier die besondere Weise der Gegenwärtigkeit Christi und seines Erlösungswerkes in diesem eucharistischen Geheimnis zum Heile der Menschen meint«86.

Wenn für Auer das Zeichen für Eucharistie nicht primär aus dem zu entnehmen ist, was wir heute bei unserer Eucharistiefeier sehen, läßt sich dies auch für das behaupten, was die Kirchenväter und die Tradition gesehen und symbolisch-allegorisch gedeutet haben. Wer so argumentiert, dem stellt sich nun nicht nur die Frage nach der sinnordnenden Grundgestalt des geschichtlichen Abendmahles, sondern sogar die nach deren Gültigkeit, denn auch die Kirchenväter mußten ihre theologischen Aussagen über die Eucharistie ausweisen. Auer denkt also entgegen seinem Anliegen gänzlich ungeschichtlich.

Die Frage nach einer Formalgestalt der Eucharistie, die schon bei der Diskussion des Abendmahls als Passamahl aufscheinen konnte und eine Sinn-Zuordnung von Kreuz Christi, Mahl, Passa ermöglichen würde und die logisch vorgängig den Sinn der zeichenhaften Abendmahlsfeier ordnen würde, kommt ihm nicht in den Sinn. Eine solche Frage hätte der Überfrachtung des Sakramentsgedankens gewehrt. Vor allem aber hätte sie es ermöglicht, den geschichtlichen Prozeß der Eucharistieentwicklung theologisch zu überprüfen. Wenn wir es mit unserer eigenen Unterscheidung von Formal- und Materialgestalt charakterisieren dürfen, so müssen wir sagen: Auer vermischt die theologische Material- und Formalgestalt.

b) Johannes Betz

Betz87 faßt den Ansatz seiner neuesten Eucharistiedarstellung so zusammen: »Wesen und Wirklichkeit der Eucharistie gründen in der ›Stiftung‹ Jesu, wie sie vom Neuen Testament verkündet wird. Die nachfolgende Liturgie und Theologie der Kirche versteht sich im Grund nur als Entfaltung der neutestamentlichen Grundaussagen.«88 Um diesen Ansatz in den Griff zu bekommen, muß Betz diese neutestamentlichen Grundaussagen ermitteln (Neutestamentliche Einsetzungsberichte und deren Sinnerschließung, übriges NT)89 und sie möglichst nahe an das historische Stiftungsereignis heranführen. Für Betz ist dieser Ansatz nicht eine Synthese gedanklich zusammengefaßter theologischer Aussagen, sondern vor allem ein Geschehen, das seinen theologischen Sinn als solches offenbart: »Jesu letztes Abendmahl ist als sein Selbstvermächtnis in Gestalt eines Mahles letztlich ein Phänomen sui generis.«90 Das Geschehen offenbart den Sinn des Abendmahles und schließt bei genauerem Betrachten die Grundelemente »Selbstvermächtnis«, d. h. »Gegenwart Christi und Opfer an Gott und die Menschen in Mahlgestalt« ein. Die Gestalt des Geschehens fügt sich aus Wortgeschehen, Mahlhandlung und Speise zusammen. Dabei bezieht Betz den handelnden und sprechenden Jesus ein und kann dessen Identifikation mit den Gaben verdeutlichen91. Während bei Auer eine dogmatische Prämisse zur Realpräsenz führte, folgt die Realpräsenz bei Betz aus dem Abendmahlsgeschehen und verweist auf es zurück. Damit kann Betz die übrigen Eucharistieaussagen des NT den einzelnen Gestaltelementen des Abendmahls bzw. der Liturgie neutestamentlicher Zeit zuordnen, ohne das Geschehen verlassen zu müssen92.

Nach einem dogmengeschichtlichen Überblick93 kommt er zur »systematischen Einsichtnahme«94. Dieser Ausdruck ist sehr glücklich gewählt, da der Begriff Einsichtnahme ein systematisches Sehen und Betrachten und nicht ein eigenmächtiges denkerisches Gestalten nahelegt. Daher kann für Betz ein »Wesensbegriff« von Eucharistie »nur deren Charakter als Testamentum, Vermächtnis, Stiftung des Herrn sein, wie ihn die neutestamentlichen Einsetzungsberichte bezeugen. Dem entspricht als Grundakt des Menschen das Hören, Entgegennehmen, gehorsame Tun. So sieht sich die Dogmatik bei ihrer Erklärung immer auch auf den Vollzug des Testaments und die dabei gemachten Glaubenserfahrungen verwiesen.«95 Wenn wir dies vereinfachend und verdeutlichend ausdrücken, so versteht Betz methodisch gesehen die Entfaltung seines Ansatzes als systematisierte (Dogmatik) Anamnese (Tradition) der Anamnese (Stiftungsbefehl) des Abendmahlsgeschehens, wobei die Stiftung norma normans bleibt; trotz des »hermeneutischen Zirkels«, der auch solche Entgegennahme bestimmt, ja bestimmen muß, gilt dennoch: »Oberste Norm bleibt der Stiftungswille Jesu. Maßgebend sind nicht die Anschauungen eines einzelnen Individuums und hieße es Augustinus, auch nicht das Lebensgefühl einer einzelnen Generation, und fühlte sie sich noch so reformfreudig wie die unsrige, auch nicht die philosophischen und weltbildhaften Vorstellungen einer Epoche … Das Abendmahl ist nach der Schrift die restlose Selbstschenkung Jesu an den Vater und an die Menschen, das Selbstvermächtnis und damit die bleibende Gegenwart seiner Person und seines Werkes, des einen Heilsereignisses Jesus Christus. Es stellt eine analogielose Konzentration des Heiles in seiner Person dar. Darum ist umgekehrt die Christologie der nächste Verstehenshorizont für die Eucharistie.«96 Dabei ist natürlich mit einer »eucharistischen Brechung« der Christologie zu rechnen. Dennoch »bietet die Christologie den Hintergrund, vor dem die Konturen des Sakraments klarer erscheinen«97.

Das Abendmahlsgeschehen der Kirche ist daher von Christus her zu entwickeln. »Er allein ist nicht nur der historische Stifter, sondern der dauernde Urheber jeden Vollzugs, da er allein die Verfügungsgewalt über sich (sc. Eucharistie als Hingabegeschehen Christi an Gott und an die Menschen) behält. Die Kirche kann nur in seiner Kraft und in seinem Namen handeln. Er bleibt bei den Seinen gegenwärtig als Urheber und als Inhalt seines Testaments, als Opfersubjekt und Opfergabe. Mithin ist der Begriff Gegenwart geeignet, die ganze Wirklichkeitsfülle des Sakraments zu entfalten.«98 Dabei versteht Betz die Gegenwart nicht nur im Sinne des lokalen Anwesendseins, sondern im Sinne von Begegnung.

Obgleich für ihn das vornehmliche Moment der Eucharistie die Gegenwart Christi ist, verliert er doch nicht das Geschehen aus den Augen; daher gliedert Betz »Gegenwart« in drei Aspekte auf: »1. die personale, pneumatische Wirkgegenwart (Aktualpräsenz) des erhöhten Christus als principalis agens im Sakramentsvollzug (die prinzipale Aktualpräsenz); 2. die anamnetische Gegenwart seines einmaligen Heilswerkes (anamnetische, memoriale Aktualpräsenz); 3. die substantiale Gegenwart der leibhaftigen Person Christi unter den Gestalten von Brot und Wein, in der Schultheologie einfachhin als Realpräsenz bezeichnet … Alle drei Gegenwartsweisen sind pneumatisch und sind real, nicht nur gedacht. Während aber die Schultradition die an dritter Stelle genannte somatische einfachhin als Realpräsenz bezeichnet, sprechen neuerdings Autoren von der unter 1. genannten Aktualpräsenz als von Realpräsenz. Diese Sprechweise ist in sich nicht unmöglich, da jene Aktualpräsenz real ist. Die Sprechweise darf aber, will sie den Verdacht einer tendenzhaften Um-Interpretation vermeiden, den Unterschied zwischen den Gegenwartsweisen nicht verdecken, sondern sollte ihn aufdecken. Weil die substantielle somatische Gegenwart Christi unter den Gestalten das Proprium der Eucharistie ausmacht, können wir sie mit der Tradition als ›die‹ Realpräsenz fassen.99

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