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Mydworth - Bei Ankunft Mord

Inhalt

  1. Cover
  2. MYDWORTH – Ein Fall für Lord und Lady Mortimer. Die Serie
  3. Über diese Folge
  4. Die Hauptfiguren
  5. Über die Autoren
  6. Titel
  7. Impressum
  8. Prolog Sussex, England 1929    
  9. 1. Heimkehr nach England    
  10. 2. Die Sussex Downs    
  11. 3. Willkommen in Mydworth    
  12. 4. Ein Todesfall im Herrenhaus    
  13. 5. Die Ankunft des Constable    
  14. 6. Der Schütze    
  15. 7. Das Ende der Befragung    
  16. 8. Die Jagd nach dem zweiten Mann    
  17. 9. Die Herrschaft und das Personal    
  18. 10. Geheimnisse werden gelüftet    
  19. 11. Der Hilfsgärtner    
  20. 12. Weitere Enthüllungen    
  21. 13. Markttag    
  22. 14. Die Wahrheit über Alfred Coates    
  23. 15. Zeit für Cocktails    
  24. 16. Bereit zum Dinner    
  25. 17. Gepackte Koffer    
  26. 18. Drinks auf der Terrasse    
  27. In der nächsten Folge

MYDWORTH – Ein Fall für Lord und Lady Mortimer. Die Serie

Ein glamouröses Ermittlerduo, ungewöhnliche Verbrechen, schnelle Autos, schicke Kleider und rauchende Revolver – das ist Mydworth, die neue Serie von Matthew Costello und Neil Richards, den Autoren der britischen Erfolgsserie Cherringham. Sir Harry Mortimer, ehemaliger Spion im Dienste ihrer Majestät, ermittelt zusammen mit seiner umwerfenden Ehefrau Kat, die es mit jedem Bösewicht aufnehmen kann! Mydworth ist eine spannende Zeitreise ins England der 20er Jahre – für Fans von Babylon Berlin, Downton Abbey, und Miss Fishers mysteriösen Mordfällen.

Über diese Folge

England, 1929: Mydworth – ein kleiner verschlafener Ort im ländlichen Sussex. Hier geschieht selten etwas Aufregendes… Aber das ändert sich, als der junge Adlige Sir Harry Mortimer zusammen mit seiner amerikanischen Frau Kat in seinen Heimatort zurückkehrt. Kaum sind die beiden in Mydworth angekommen, werden bei einer Party im Herrenhaus Mydworth Manor kostbare Juwelen gestohlen. Die beiden Täter kann man auf frischer Tat ertappen: einer wird erschossen, aber der andere kann fliehen. Lady Lavinia – die Hausherrin und Harrys Tante – will einen Skandal vermeiden und bittet ihren Neffen um Hilfe. Auch die örtliche Polizei ist mit dem Verbrechen überfordert, daher beginnen Kat und Harry auf eigene Faust zu ermitteln …

Die Hauptfiguren

Sir Harry Mortimer (32) kehrt nach langer Zeit im Ausland in seinen Heimatort Mydworth zurück. Der Sohn der wohlhabenden englischen Adelsfamilie hat als Pilot im Ersten Weltkrieg gekämpft und war danach zehn Jahre offiziell im diplomatischen Dienst tätig – in Wirklichkeit aber arbeitete Harry für den britischen Geheimdienst. Bei einem Einsatz in Kairo trifft er die wunderschöne Amerikanerin Kat Reilly, die ebenfalls verdeckt für ihre Regierung arbeitet. Die beiden verlieben sich und heiraten nach einer stürmischen Romanze. Das ungleiche Paar beschließt, zusammen nach England zu ziehen, um zur Ruhe zu kommen und sich dort ein beschauliches Leben aufzubauen. Aber es kommt anders als geplant …

Kat Reilly (32) kommt aus einer anderen Welt als ihr adliger Ehemann. Sie stammt aus New York und ist in ärmlichen Verhältnissen in der Bronx aufgewachsen. Aber sie ist tough, intelligent und abenteuerlustig. Sie erkämpft sich ein Stipendium an der Universität, arbeitet im Ersten Weltkrieg als Krankenschwester auf den Schlachtfelder Frankreichs und wird dann vom amerikanischen Außenministerium rekrutiert. Ihr scharfer Humor und ihre modernen Ansichten bringen frischen Wind in das verschlafene Mydworth. Aber an ihre Rolle als Lady Mortimer muss sie sich erst noch gewöhnen …

Über die Autoren

Matthew Costello ist Autor erfolgreicher Romane wie Vacation (2011), Home (2014) und Beneath Still Waters (1989), der sogar verfilmt wurde. Er schrieb für verschiedene Fernsehsender wie die BBC und hat dutzende Computer- und Videospiele gestaltet, von denen The 7th Guest, Doom 3, Rage und Pirates of the Caribbean besonders erfolgreich waren. Er lebt in den USA.

Neil Richards hat als Produzent und Autor für Film und Fernsehen gearbeitet sowie Drehbücher für die BBC, Disney und andere Sender verfasst, für die er bereits mehrfach für den BAFTA nominiert wurde. Für mehr als zwanzig Videospiele hat der Brite Drehbuch und Erzählung geschrieben, u. a. The Da Vinci Code und, gemeinsam mit Douglas Adams, Starship Titanic. Darüber hinaus berät er weltweit zum Thema Storytelling. Bereits seit den späten 90er Jahren schreibt er zusammen mit Matt Costello Texte, bislang allerdings nur fürs Fernsehen.

Seit 2013 schreiben das transatlantische Duo Matthew Costello und Neil Richards die Serie CHERRINGHAM, in der inzwischen 34 Folgen erschienen sind. MYDWORTH ist ihr neues gemeinsames Projekt.

MATTHEW COSTELLO
NEIL RICHARDS

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Bei Ankunft Mord

Aus dem Englischen von Sabine Schilasky

Prolog
Sussex, England 1929
   
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Lady Lavinia Fitzhenry blätterte um. Sie las den neuesten Roman des Amerikaners – Hemingway.

Immer wieder witzig, ein Buch von jemandem zu lesen, den man persönlich kennt – und mit dem man sogar den ein oder anderen Drink genommen hat.

Sie saß in ihrem Bett – Mydworth Manor war friedlich, und das Personal unten ging lautlos seinen Aufgaben nach.

So war Lesen eine reine Freude.

Lavinia hatte sich ein Glas Portwein mit hoch genommen, das leider schon leer war. Zudem war es spät genug, um allmählich das Licht zu löschen. Morgen stand ihr ein geschäftiger Tag bevor, denn bald würden Wochenendgäste aus London anreisen.

Was für ein Spaß! Klatsch, Musik und jeden Abend Cocktails vor dem Dinner!

Sie legte ihr Buch auf den Nachttisch und knipste das Licht aus. Sofort war das Schlafzimmer in Dunkelheit getaucht, und Lavinia schlummerte über dem Plänemachen fast ein. In diesem Moment …

Ein Geräusch.

Sie schlug die Augen auf.

Noch ein Geräusch: ein Rattern. Nicht nahe, sondern eindeutig irgendwo am anderen Ende des breiten Flurs hier oben im ersten Stock.

Und es klang wie eine Tür oder ein Fenster, die von einem Luftzug durchgerüttelt wurden. Nur dass es eigentlich eine ruhige Nacht war, in der sich kaum ein Lüftchen regte.

Da war es wieder! Ein lauteres Rattern.

Lavinia war niemand, der dasaß und abwartete. Ihr Leben lang hatte sie auf dieselbe Weise auf beängstigende Dinge reagiert: Wenn du dich vor etwas fürchtest, stelle dich ihm.

Sie schaltete das Licht wieder ein, war mit einer flinken Bewegung aus dem Bett, zog ihren Morgenmantel über und ging hinaus auf den Flur.

Sie stand regungslos vor ihrem Schlafzimmer und horchte.

Das Geräusch war verklungen.

Langsam bewegte sie sich den dunklen Korridor entlang und lauschte aufmerksam. Vorbei an der breiten Treppe, die hinunter in die Eingangshalle führte, in der den ganzen Abend Licht brannte – warm und beruhigend.

Sie ging weiter zu der Reihe von Gästezimmern, die ihre Besucher in wenigen Tagen bewohnen würden.

Hier blieb sie stehen. Alles war still.

Zeit, zurück ins Bett zu gehen, dachte sie und drehte sich um.

Da war ein Knacken. Das scharfe, spröde Geräusch von etwas, das im Zimmer gleich rechts von ihr einrastete.

Die Tür war geschlossen.

Natürlich war sie das – so, wie es sein sollte. Diese Zimmer waren schon seit Tagen geputzt und vorbereitet.

Lavinia griff nach dem Türknauf. Er fühlte sich kalt an.

Ein Drehen, ein hörbares Klicken, und die Tür ging auf. Lautlos trat sie ins Zimmer.

Ihre Augen hatten sich bereits an die Dunkelheit gewöhnt, sodass sie kein Licht machen musste, um festzustellen, dass hier alles in Ordnung war.

Die Tür zur Ankleide stand halb offen. Vage nahm Lavinia einen kühlen Luftzug aus dem Raum wahr. Eine Kälte, die dort nicht hingehörte.

Nachdem sie einmal tief Luft geholt hatte, öffnete sie die Tür weiter, ging hinein und sah … dass das Fenster sperrangelweit offen stand. Sie eilte hin, um es zu schließen und dieses nächtliche Abenteuer zu beenden.

Als sie das Fenster zuzog, blickte sie zum Rasen hinunter. Der Mond lugte zwischen zwei Wolken hervor.

Und Lavinia erstarrte.

Eine Gestalt ging langsam vom Haus weg auf den Wald zu.

Und während sie hinschaute, blieb die Gestalt stehen. Drehte sich um. Blickte zu ihr nach oben …

Lavinias Herz, das eben noch ruhig geschlagen hatte, pochte schneller. Sie wich vom Fenster zurück, dachte fieberhaft nach, welche Erklärung es hierfür geben könnte. Ihr fiel keine ein.

Sie trat erneut ans Fenster und spähte nach draußen.

Nun überkam sie beim Blick in die Dunkelheit eine unheimliche Vorahnung. Ein Gefühl, dass dieses Wochenende kein Spaß werden würde …

1. Heimkehr nach England
   
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Kat Reilly beobachtete, wie ihr Mann Harry seine Augen gegen die Morgensonne abschirmte und das Entladen der Kanalfähre an der Pier von Newhaven betrachtete. Sie kannte ihn gut genug, um zu bemerken, dass er besorgt war.

Die Pride of Sussex hatte eine Stunde zu spät angelegt, und in der Hektik, die eingetreten war, als man versucht hatte, das Schiff zu wenden, hatte Kat bereits gesehen, dass ein Stück kostbare Fracht aus dem Netz gekippt und auf dem Kai zerschellt war.

Während das Dampfschiff schwarze Wolken in den Himmel rülpste, schwärmten lauter Lastwagen, Pferde- und Handkarren über den Kai, riefen Passagiere Anweisungen und versuchten Zöllner, das Geschehen zu dirigieren.

So viel zu der berühmten englischen Höflichkeit und dem Anstand, die sie bei dieser ersten Reise nach England erwartet hatte!

Sie musste jedoch zugeben, dass Sir Harry Mortimer wie immer ganz der ruhige, unerschütterliche britische Gentleman war – groß, schlank, das schwarze Haar länger denn je, das Jackett lässig über eine Schulter geworfen, ein weißes Baumwollhemd und dazu eine grellrote Krawatte. Es fehlte nur noch ein Tennisschläger, um das Bild abzurunden.

Oder vielleicht eher … ein Cricketschläger?

Er drehte sich zu ihr um. »Hm … ich spreche mal kurz mit diesen Burschen da drüben. Damit sie, ähm …«

Sie grinste. »Und wie willst du das machen?«

Harry lächelte umwerfend und nickte. »Meinst du, sie werden meinen Rat nicht dankend annehmen?«

»Oh doch, mit offenen Armen, ohne Frage. Das oder mit geballten Fäusten.«

»Nun, es ist mein Wagen, den sie gleich auf die Pier fallen lassen werden.«

»Dein Wagen?«

»Ah, richtig, verzeih. Die Macht der Gewohnheit. Ich meine, unser Wagen. Er mag zwar kein Bugatti sein, aber dieser Alvis ist mir verdammt viel wert.«

»Viel Glück. Also in New York legt sich keiner mit Schauerleuten an.«

»Tja, ich schätze, hier drüben sind wir ein klein wenig zivilisierter, hm?«

»Zivilisierter? Es ist neun Uhr, und ich warte immer noch auf den Kaffee, den du mir versprochen hast.«

»Wie wäre es, wenn wir en route an einem Wirtshaus halten und meine Rückkehr in die Heimat sowie deinen ersten Besuch hier mit einem richtigen Frühstück feiern?«

»Gibt es auch falsches Frühstück?«

»Ich vergesse immer, dass du noch nicht ganz in unserer Sprache zu Hause bist. Ich meine ›opulent‹. Mit allem Drum und Dran.«

»Klingt köstlich.«

Er grinste, und sie sah ihm nach, als er zu einem Mann mit Mütze und blauem Overall ging. So, wie der Mann die Hände in die Hüften stemmte, könnte er der Vorarbeiter sein – oder wie immer man hier jemanden nannte, der das Sagen hatte.

Nun gestikulierte Harry in Richtung ihres Wagens – dem wunderschönen, edlen Exemplar englischer Automobilbaukunst –, der in diesem Moment aus der Ladeluke gehievt wurde und bedenklich in den Seilen und Ketten schwankte.

Der Mann mit der Mütze nickte. Kein Lächeln. Doch Kat vermutete, dass Harry tat, was sie schon so oft bei ihm erlebt hatte. Ein paar Worte hier und da, und auf einmal wollten die Leute ihm helfen.

Kat war nicht sicher, ob er sich als »Sir« vorgestellt hatte, fragte sich jedoch, ob dieser :»Lord und Lady«-Kram bei den Hafenarbeitern gut ankommen würde.

Harry kehrte zu ihr zurück. »Alles astrein, ähm, ich meine, geregelt. Ich habe ihm eben erklärt, was unter der Plane versteckt ist, und gefragt, ob sie schon einmal solch einen Wagen ausgeladen haben.«

»Und?«

»Anscheinend zieht er Bentleys vor. Rolls-Royces auch, wenn es sein muss. Obwohl er sagte, falls ich ihm eine Probefahrt anbieten würde, würde er nicht ablehnen.«

»Ein Witzbold, hm?«

»Sehr bodenständig.«

»Tja, ich hätte ihm einfach etwas Geld zugesteckt.«

»Oh ja, hätte ich mir denken können. Das würde hier niemals wirken. Ein gestandener Profi wie er? Er würde das als Beleidigung auffassen.«

Was Kat bezweifelte. Zehn Jahre in den amerikanischen Botschaften von Istanbul bis Tokio hatten sie eines gelehrt: Eine Handvoll Dollar, und alles auf der Welt lief reibungslos.

Sie wandte sich um und sah, wie ihr Sportwagen ruhig heruntergelassen wurde. Und langsam, wie sie erfreut feststellte. Nun gab es also keinen Grund mehr zur Sorge.

Sie drehte sich wieder zu Harry, der beobachtete, wie ihre Gepäcktruhen ausgeladen wurden, um per Lastwagen nach Mydworth gebracht zu werden.

Anschließend würden sie zu ihrem neuen Zuhause fahren. Zumindest für Kat war es neu, für Harry nicht. Er war in Mydworth aufgewachsen und kannte jene Welt, ganz gleich, wie lange er fort gewesen war.

Plötzlich überwachte Harry das Ausladen nicht mehr.

»Hm«, brummelte er.

»Was ist?«, fragte sie, als er zu der Stelle sah, an der Wagen und Droschken vorfuhren, um Passagiere abzuholen.

Dort stand ein elegantes Auto. Kein Taxi, sondern ein sehr seriös wirkendes Gefährt. Und aus ihm stieg ein Mann in einer Chauffeursuniform, der nun in ihre Richtung blickte.

»Stimmt etwas nicht?«, fragte sie ihren Mann.

»Weiß ich nicht. Aber ich denke, das werden wir gleich herausfinden.«

Der Fahrer hielt einen weißen Briefumschlag in den Händen. Er kam direkt auf sie zu, nein, er eilte sogar.

Harry bildete sich einiges auf sein gutes Gespür ein. Es hatte ihm 1918 am Himmel über Belgien gute Dienste geleistet, wie auch bei seinen diversen Auslandseinsätzen für das Außenministerium. Mehrmals hatte es ihn schon vor Schaden bewahrt. Einmal sogar … vor dem Tod.

Nun sagte ihm selbiges Gespür, dass der Umschlag, den der Mann brachte, eher keine guten Neuigkeiten enthielt.

»Sir Harry Mortimer?«

Es war weniger eine Frage als eine Bestätigung.

Harry nickte kurz. Er bemerkte, wie auch Kat alles interessiert beäugte. Vermutlich fragte sie sich, worum es hier gehen könnte.

Der Chauffeur hielt Harry den Umschlag hin. »Dringendes aus Whitehall, Sir. Ich soll warten.«

Harry nahm den Umschlag und grinste Kat verhalten zu. »Warten, hm? Und worauf?«

Er zog die eingesteckte, aber nicht verklebte Umschlaglasche auf und holte ein einzelnes Blatt heraus. Sowohl das Wappen als auch die Adresse waren ihm bekannt. Die Nachricht war erbärmlich kurz, allerdings auch sehr klar.

»Was ist das, Harry?«

Ihm entging nicht, dass seine Frau ein wenig besorgt klang. Als sie sich dem Hafen von Newhaven genähert hatten, hatte Harry ihr geschildert, wie ihr künftiges gemeinsames Leben in seiner Heimat aussehen würde. »Kein Umherziehen mehr für mich«, hatte er gesagt. »Eine nette, ruhige Bürotätigkeit in der Stadt, nur ein paar Tage die Woche am Schreibtisch, Lunch im Klub, und um fünf bin ich zu Hause, keine Hals-über-Kopf-Aktionen …«

Worauf sie mit »Das wage ich zu bezweifeln« geantwortet hatte.

Er holte tief Luft und überlegte, wie er sich vor dem drücken konnte, was man laut diesem Brief von ihm wollte.

Es tat sich keine Lösung auf, also drehte er sich zu Kat um.

Sie sah seinem Blick an, dass Harry nicht glücklich war. Es hatte nur Sekunden gedauert, den Brief zu lesen, doch was darin auch stehen mochte, ihr Mann war … nicht erfreut.

»Dringende Besprechung. Es klingt ein wenig kopflos, aber anscheinend wollen sie mich dabeihaben.«

»Ach ja? Wann?«, fragte sie. Obwohl … Da der Chauffeur schon hier war, konnte sie sich die Antwort denken.

»Jetzt gleich, wie es scheint.« Er wedelte mit dem Brief herum. »Hier steht etwas von ›Krise‹, und die Herren im Ministerium gehen mit derlei Ausdrücken gewöhnlich sparsam um. Also …«

»Jetzt?«

Sie schaute sich um und sah, dass in diesem Moment ihr Alvis auf der Pier aufsetzte. Zwei Männer begannen, die schweren Persennings abzunehmen, die den Wagen auf der Reise geschützt hatten. Ein Stück des Lacks in British Racing Green blitzte im Sonnenlicht.

»Wir wollten doch zusammen zu unserem neuen Zuhause fahren, oder nicht? Die Laster bringen alles andere.«

»Na ja, rein theoretisch stehe ich immer noch – du weißt schon – im Dienste Seiner Majestät.«

»Ja, und du solltest dich in einigen Wochen melden. Aber auch dann nicht für einen Vollzeitposten.«

Harrys Blick wanderte nach rechts. Seine unglückliche Miene brachte Kat beinahe zum Nachgeben. Beinahe.

»Sag diesem charmanten Herrn, dass wir Dinge zu erledigen haben. Du kannst sie morgen treffen.«

Und nun tat Harry etwas, womit er stets ihre kleinen Meinungsverschiedenheiten beendete.

Er trat einen Schritt auf sie zu, lächelte verhalten, aber äußerst warmherzig – genau wie an dem Silvesterabend in der britischen Botschaft in Kairo, als wir uns kennengelernt haben. Und er legte eine Hand auf ihre Schulter.

Für einen Moment gab es nur sie beide auf der Pier.

»Ich weiß. Aber was, wenn es um dich ginge? Zurück in New York? Irgendein Bursche vom Ministerium?« Er stockte, die Hand nach wie vor auf ihrer Schulter – und Kat wusste, wie es ausgehen würde. »Was würdest du tun? Was könntest du tun?«

Und langsam erwiderte sie sein Lächeln, während sie auf seine Hand an ihrer Schulter klopfte.

»Schon okay, Harry. Ich verstehe es. Die Pflicht ruft.«

»Genau. König und Vaterland. Da steht es uns nicht zu, nach dem Warum zu fragen. Und keine Sorge, wir nehmen die Limousine in die Stadt, und ich lasse uns von Archy wieder herfahren, sobald die Besprechung zu Ende ist.«

Archy musste noch jemand aus Harrys Leben sein, den sie bisher nicht kennengelernt hatte. Sein – wie hatte er ihn genannt? – »Offiziersbursche« während des Krieges.

Jemand der, wie Harry gesagt hatte, absolut loyal war und alles für ihn tun würde, sogar, ihnen ihr Londoner Quartier zu beschaffen.

»Höchstens ein paar Stunden, dann kommen wir gleich wieder her, holen unseren Wagen und fahren los. Mit ein bisschen Glück ist die Krise dann überstanden.«

Das war also Harrys Plan. Doch Kat hatte noch nie viel vom Herumsitzen und Warten gehalten. Nicht, wenn es etwas zu erledigen gab.

»Nein«, sagte sie lächelnd. »Ich habe eine bessere Idee.«

Nun war es an Harry, überrascht zu sein. »Hast du?«

Und Kat nickte.

2. Die Sussex Downs
   
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Harry kannte Kat gut genug, um zu wissen, dass sie durchaus ihre eigenen Vorstellungen von den meisten Dingen hatte. Und ihr war jede Scheu fremd, sie zu äußern.

»Steig du in den Wagen, fahr nach London und geh in deine Besprechung«, sagte sie. »Löse die Krise.«

Er lachte. »Hier neigen wir dazu, uns Zeit zu lassen mit dem Regeln von Krisen.«

Er sah hinüber zu dem wartenden Fahrer, dann zu dem Lastwagen, der mit ihrem Gepäck beladen war und gerade losfuhr.

»Und ich«, sagte sie langsam, »fahre zu unserem neuen Heim.«

Das hätte ich ahnen müssen, dachte Harry. Der Alvis … »Ja, ähm … gut. Aber es ist Folgendes, Kat …« Sie sah ihn mit ihren unglaublich blauen Augen an. »Die Straßen hier sind teuflisch«, sagte er. »Höllisch eng, verstehst du? Und hin und wieder haben wir diese vertrackten Tunnel – und Eisenbahnbrücken, weißt du? Nur eine Spur und mit Gegenverkehr. Man riskiert Kopf und Kragen …«

Kat legte eine Hand auf seinen Arm. Und mit dieser Berührung hatte er die Diskussion schon verloren.

»Harry, ich bin auf Landstraßen rund um Kairo, Istanbul und Rom gefahren. Ich denke, ich werde mit euren Straßen hier zurechtkommen. Die Karte ist im Handschuhfach, stimmt’s?«

Er nickte, fand allerdings, es wäre einen letzten Versuch wert. »Und wir fahren auf der linken Seite. Bist du jemals links gefahren?«

»Links, rechts, ist doch alles dasselbe, nicht wahr? Ich finde zum Haus. Und ich sorge dafür, dass alles richtig ausgeladen und eingeräumt wird. Vielleicht lerne ich sogar diese Haushälterin kennen, von der du so viel erzählst.«

»Die liebe Maggie. Du wirst sie mögen.«

»Sicher, das werde ich. Also ist es entschieden.«

Für einen Moment stand Harry da. Er hatte hin und wieder verirrte Amerikaner auf den hiesigen Straßen gesehen. Ein Furcht einflößender Anblick.

»A-aber auf dem Land sind die Hecken und, nun ja, es gibt ein gewisses Protokoll, wer wen vorlässt …«

»Protokoll? Mit Protokollen kenne ich mich aus.«

Nun kam sie näher an ihn heran und senkte die Stimme. Eine Stimme, die ihn an ihre erste Begegnung erinnerte. Als er sich verliebt hatte.

»Ich schaffe das.«

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