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My Sweetest Escape - Die schönste Zeit meines Lebens

Chelsea M. Cameron

My Sweetest Escape –
Die schönste Zeit meines Lebens

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Sophie Schweitzer

1. KAPITEL

Ich kann einfach nicht fassen, dass deine Eltern dich zwingen, von hier wegzugehen. Ist das nicht illegal? Schließlich bist du schon über achtzehn. Warum weigerst du dich nicht einfach?“ Kelly saß auf einer der Kisten, in die ich schon fast alle meine Sachen aus meinem Zimmer im Studentenwohnheim gepackt hatte, und ließ ihr Kaugummi knallen. Als wir uns kennenlernten, hatte mich diese Angewohnheit von ihr ohne Ende genervt, doch inzwischen hatte ich mich daran gewöhnt.

„Ich wünschte, das könnte ich, aber sie zahlen mein Schulgeld, daher kann ich im Moment nichts machen“, sagte ich. Mal ganz abgesehen davon, dass niemand sich meiner Mutter widersetzte. Absolut niemand.

„Warum brichst du das Studium nicht einfach ab?“ Tja, darüber hatte ich schon mindestens tausend Mal nachgedacht. Aber es war unmöglich, die Dynamik meiner Familie jemandem wie Kelly zu erklären, die schon auf der Highschool bei ihren Eltern aus- und in eine eigene Wohnung gezogen war.

„Keine Ahnung“, erwiderte ich achselzuckend und verschloss eine weitere Kiste mit Klebeband. Kelly warf ihre blonden zum Pferdeschwanz gebundenen Dreadlocks nach hinten und ließ ihr Kaugummi wieder knallen. Sie hatte mir zwar ihre Hilfe beim Packen angeboten, doch bisher hatte sie mich eher nur davon abgehalten.

„Du kommst doch wenigstens mal zu Besuch, oder?“, fragte sie.

„Ja, klar“, sagte ich mit einem kleinen Lächeln. Wir wussten beide, wie unwahrscheinlich es war, dass ich jemals wieder herkommen würde. Ich legte meine University-of-New-Hampshire-Decke zusammen und stopfte sie in eine weitere Kiste. Meine Mom hatte sie mir im Sommer vor zwei Jahren zum College-Einstand geschenkt.

Ich war eins von nur zwei Kindern unter meinen zahlreichen Geschwistern und Stiefgeschwistern, die die Highschool abgeschlossen hatten und an einem College angenommen worden waren. Weder meine Mom noch mein Dad noch eines meiner Stiefelternteile hatte überhaupt die Schule zu Ende gemacht. Für jemanden aus unserer Familie war es also eine ziemlich große Sache, es so weit geschafft zu haben. Die Einzige, der das ebenfalls gelungen war, war Renee, und das war auch der Grund, weshalb sie mich zurück nach Maine schickten, um bei ihr zu wohnen, nach … nach allem, was passiert war.

Kellys Handy vibrierte. Sie schrieb eine kurze Antwort auf die SMS und grinste mich an.

„Mac will mich auf einen Kaffee treffen.“ Wie üblich wünschte ich mir, sie würde Kaffee in Anführungszeichen setzen, denn wie wir beide wussten, bedeutete das eigentlich, dass sie sich zukifften und auf dem Rücksitz seines verrosteten Pontiac rummachten. Kelly und ihr Freund waren berühmt-berüchtigt; sie waren sogar schon mal am helllichten Tag von der Campus-Security erwischt worden. Es war ein Wunder, dass sie noch nicht vom College geflogen waren. Meiner Meinung nach hing ihre akademische Laufbahn an einem extrem dünnen Faden.

„Dann viel Spaß.“ Ich hatte schon geahnt, dass sie mich für Mac sitzen lassen würde; das tat sie immer. Kelly war eine lausige Freundin, aber sie war die einzige, die ich hatte. Die anderen hatten mich schon vor Monaten fallen gelassen.

„Ruf mich an, bevor du losfährst. Ich will mich wenigstens noch von dir verabschieden.“ Sie stand auf und umarmte mich halbherzig. Es war mehr ein Vorbeugen, das die Arme mit einschloss, und schon vorbei, ehe es richtig begonnen hatte.

„Bis später“, sagte sie und knallte die Tür hinter sich zu. Kelly war einfach nicht in der Lage, einen Raum leise zu verlassen.

Ich starrte auf meine zusammengepackten Sachen. Meine Mitbewohnerin mied mich, und das schon seit Anfang des Semesters. Wir hatten gerade mal zwei Gespräche miteinander geführt – das eine am Tag unseres Einzugs und das andere, als sie mich eines Nachts bewusstlos vor der Tür fand, nach einem etwas aus dem Ruder gelaufenen Abend mit Kelly, Mac und ein paar anderen Leuten, die ich nie wieder gesehen hatte. Vermutlich hätte ich mich sowieso nicht an sie erinnern können.

Ich setzte mich auf die Kiste, auf der Kelly zuvor gesessen hatte, zog die Knie an die Brust und stützte mein Kinn darauf.

Der Streit mit meiner Mutter, als sie mir mitgeteilt hatte, dass ich wieder zurück nach Maine ziehen müsse, ging mir wieder und wieder durch den Kopf. Eigentlich hatten die ganzen Weihnachtsferien aus einem einzigen, nicht enden wollenden Streit bestanden.

Was ist nur los mit dir, Joscelyn? Reiß dich mal zusammen. Du kommst gefälligst zurück nach Maine, andernfalls komme ich zu dir und schleife deinen Hintern persönlich hierher, verstanden?

Reiß dich mal zusammen? Zu Befehl, Mom. Das kam gerade von der Richtigen. Meine Eltern brachten es gemeinsam auf ein halbes Dutzend Ehen und jede Menge Kinder und Stiefkinder. Es war allein schon ein Vollzeitjob, den Überblick über sie alle zu behalten.

Ich hatte mich heiser geschrien, aber das hatte nichts bewirkt. Sie hatte sogar kurzzeitig das Kriegsbeil mit Dad begraben, ihn angerufen und dazu gebracht, mich ebenfalls anzuschreien.

Gegen beide auf einmal kam ich nicht an.

Und dann war da noch Renee.

Wenn meine Mom mich nicht zurück nach Maine gezerrt hätte, dann hätte Renee das übernommen. In gewisser Weise war sie fast schlimmer als Mom.

Wenn man vom Teufel spricht … Mein Handy klingelte, und als ich sah, wer es war, überlegte ich, ob ich überhaupt rangehen sollte.

„Hey“, sagte ich und duckte mich unwillkürlich in Erwartung des Redeschwalls, der sich garantiert über mich ergießen würde.

„Du solltest besser deinen Kram zusammenpacken und endlich losfahren“, sagte sie anstelle einer Begrüßung.

„Freut mich auch sehr, dich zu hören, liebe Schwester.“

„Hör auf mit dem Scheiß, Jos. Davon hab ich so die Schnauze voll. Entweder du machst dich innerhalb der nächsten Stunde auf den Weg oder …“

„Ich weiß, ich weiß. Oder du schneidest mir die Finger ab und nähst sie mir eigenhändig an den Hintern. Ich weiß.“ Eine Schwester zu haben, die sich mit chirurgischen Eingriffen auskennt und außerdem gerade wütend auf einen ist, kann echt nerven.

„Hey, solche Sprüche kannst du dir sparen. Du kannst echt froh sein, dass du hier bei mir wohnen wirst und nicht bei Mom.“ Da war was dran. Bei Mom wäre ich in einem Meer aus Stief- und Halbgeschwistern untergegangen, darunter ein vierjähriges Zwillingspärchen, neben dem der Teufel wirkte wie Mutter Teresa.

„Ich weiß“, sagte ich. Das schien gerade mein Lieblingssatz zu sein.

„Dir soll nur klar sein, dass ich an dir kleben werde wie der Reis am Sushi, und wenn ich nicht da bin, dann wird das jemand anders für mich übernehmen. Du ziehst in ein Haus voller Leute, die jede deiner Bewegungen beobachten und dich im Bedarfsfall zur Rede stellen werden. Verstanden?“

Großer Gott.

„Jupp.“

„Okay. Ich warte auf dich. Ruf mich an, sobald du losfährst.“

„Mach ich. Bis dann.“

Bevor sie noch irgendetwas sagen konnte, legte ich auf. Dann schlug ich die Hände vors Gesicht und schrie hinein. Das Ganze war ein Albtraum, der kein Ende mehr zu nehmen schien.

Ob ich schlief oder wach war, er ließ mich nicht mehr los.

Doch jetzt war ich wach und musste langsam in die Gänge kommen. Also erhob ich mich von der Kiste und hievte sie hoch.

2. KAPITEL

Nachdem ich ungefähr zwölf Mal hin und her gelaufen war und ohne Ende geschwitzt und geflucht hatte, war endlich mein ganzer Kram im Auto verstaut. Obwohl es draußen eiskalt war und mein Atem deutlich in der Januarluft zu sehen war, hatte ich meine Winterjacke ausgezogen und nur noch mein verlottertes Sweatshirt an. Die Leute, die an mir vorbeigingen, warfen mir wissende Blicke zu. Ich wusste, was sie dachten: Noch eine Studentin, die es nicht gepackt hat und der mitgeteilt wurde, dass sie nach den Weihnachtsferien gar nicht erst wieder erscheinen müsse.

Die hatten ja keine Ahnung.

Ich ging zurück in das halb leere Zimmer und schaute mich ein letztes Mal um.

Freiheit ade.

Ich machte mir noch nicht mal die Mühe, meiner Mitbewohnerin eine Nachricht zu hinterlassen, sondern zog einfach nur die Tür hinter mir zu. Sie hätte sowieso keinen Wert darauf gelegt.

Dann schrieb ich Kelly, dass ich jetzt losfuhr, doch sie antwortete nicht. Das überraschte mich nicht. Und außer Kelly gab es niemanden an der University of New Hampshire, von dem ich mich noch hätte verabschieden müssen. Von Matt hatte ich nichts mehr gehört, seit er im Sommer mit mir Schluss gemacht hatte. Und die Leute aus meinem alten kleinen Freundeskreis hatten schon vor langer Zeit den Kontakt mit dem durchgeknallten Emo-Girl abgebrochen, das ich für sie war. Ich hatte mehr als einmal mitbekommen, wie meine Freundinnen hinter meinem Rücken darüber getuschelt hatten, wie sehr ich mich verändert hatte.

Als ich zu meinem Auto zurückkam, fing es gerade an zu schneien. Im Rückspiegel konnte ich kaum etwas erkennen, doch das war egal, ich würde ohnehin die meiste Zeit auf dem Highway fahren.

Ich schloss meinen iPod an das Autoradio an und stellte ihn auf Shuffle. Es würde eine lange Fahrt werden und Musik meine einzige Gesellschaft sein. Der Ärmel meines Sweatshirts rutschte hoch und ließ das Armband zum Vorschein kommen, das ich niemals abnahm. Es war schlicht und bestand nur aus einer Kette mit einem kleinen Elefantenanhänger daran. Ich behielt es als Mahnung, als ständige Mahnung.

Kopfschüttelnd ließ ich das Wohnheim hinter mir und machte mich auf in Richtung Highway und in das nächste Kapitel meines Lebens. Doch ein Neuanfang hat keine Bedeutung, wenn die Schatten der Vergangenheit einen überallhin begleiteten.

Ich brauchte länger als erwartet von New Hampshire zum Haus meiner Schwester in Bangor, Maine. Eigentlich war es gar nicht ihr Haus. Sie wohnte bei einem Typen namens Hunter, der angeblich steinreich war und das Haus gekauft hatte. Renee war gut darin, reiche Freunde zu finden. Außerdem war sie auch wieder mit ihrem Freund Paul zusammen, was ich nur gutheißen konnte, denn sie war eine noch größere Nervensäge als sonst, wenn sie gerade nicht mit ihm zusammen war.

Ich hatte das Haus noch nie gesehen und war daher leicht schockiert, als ich vor der Adresse parkte, die Renee mir gegeben hatte.

„Scheiße“, entfuhr es mir. Es war einfach riesig. Viel größer als Renee hatte durchblicken lassen. Ich hatte mir ein in die Jahre gekommenes, kleines Häuschen vorgestellt, doch dieses hier war größer als sämtliche Häuser, in denen ich je mit Mom oder Dad gewohnt hatte.

Ich nahm meinen Rucksack und stieg die Treppe zur Veranda hinauf. Dabei warf ich einen Blick auf die in der Einfahrt geparkten Autos. Ich erkannte gleich Renees darunter, die Adresse musste also stimmen.

Das Haus hatte sogar eine richtige Klingel. Ich wollte sie gerade betätigen, als die Tür aufflog.

„Da bist du ja! Ich hatte schon Angst, du bist irgendwo im Graben gelandet“, sagte Renee und drückte mich an sich. Überrumpelt von der Umarmung blieb ich stehen und erwiderte sie halbherzig.

„Da bin ich.“

Irgendwie hatte ich es geschafft, ausgerechnet das rezessive Rothaar-Gen aus dem Genpool unserer Familie abzugreifen. Ich hatte karottenfarbenes Haar, Sommersprossen und grüne Augen. Renee hingegen hatte die guten Gene erwischt, mit ihren blauen Augen und ihrem blonden Haar, das sie kaum aufhellen lassen musste. Unsere Gesichtszüge ähnelten sich, doch in der Farbgebung waren wir so unterschiedlich, dass nie jemand uns als Schwestern erkannte.

Schließlich entließ sie mich aus ihrer Umarmung, hielt jedoch meine Schultern fest umklammert und schob mich sogleich ins Haus, als hätte sie Angst, ich würde sofort wieder weglaufen. Wohin ich laufen sollte, war mir allerdings schleierhaft. Renee hatte irgendetwas davon gesagt, dass Stephen King gleich die Straße runter wohnte, aber ich bezweifelte, dass ich mich in seinem Haus sicherer fühlen würde.

„Wie war die Fahrt?“ Renee schloss die Tür hinter uns. Das Geräusch des einrastenden Schlosses hatte etwas Endgültiges.

„Gut“, sagte ich und sah mich um. Scheiße. Ich hatte keine Ahnung, wer das Haus eingerichtet hatte, aber die Person hatte sich ganz offensichtlich an einem dieser Hochglanz-Wohnmagazine orientiert.

Eins war jedenfalls sicher – es sah hier nicht aus wie in einer typischen College-WG. Zum einen war alles blitzsauber, und zum anderen schien die gesamte Einrichtung aufeinander abgestimmt zu sein. Es waren außerdem ziemlich viele Pfauenfedern zu sehen, und auch alles andere war in Pfauenfedernfarben gehalten. Renee hatte irgendwann erwähnt, dass ihre Mitbewohnerin Taylor eine Pfauenfeder-Manie hatte. Ich wusste nicht mehr, weshalb. Ich hatte damals irgendwann aufgehört zuzuhören, wenn Renee von ihrem großartigen und spannenden Leben erzählte, während meines sich in einer Abwärtsspirale befand, die kein Ende zu nehmen schien.

„Hey, Jos. Wie geht’s?“ Paul kam um die Ecke. Er war auf seine nerdige Mittelklasseart ganz niedlich. Mein Typ war er jedoch nicht. Auch wenn ich nicht wirklich einen bestimmten Typ hatte, jedenfalls nicht mehr …

„Alles gut.“ Das war eine Stufe besser als einfach nur „gut“. Niemand fragte groß nach, wenn man „alles gut“ sagte. Aber wenn man nur „gut“ sagte, dann dachten alle, es stimme etwas nicht.

Er umarmte mich etwas ungelenk. Zuletzt hatte ich ihn an Weihnachten gesehen, wo er sich fast durchgehend darum bemüht hatte, Mom und Renee davon abzuhalten, sich gegenseitig zu erwürgen – mit wechselndem Erfolg. Ich hatte versucht, ihm klarzumachen, dass das völlig aussichtslos war, doch er hatte sich nicht davon abbringen lassen.

„Wo sind die anderen alle?“ Ich freute mich darauf, Darah zu sehen und ihren neuen Freund kennenzulernen. Sie gehörte zu den nettesten Menschen, die ich kannte, und ich wusste, wenn mich jemand nicht verurteilen würde, dann war sie es.

„Die wollten uns ein bisschen Zeit alleine geben. Sie kommen später.“ Irgendetwas an der Art, wie sie das sagte, ließ mich misstrauisch werden.

„Sie werden doch keine große Sache draus machen, oder?“ „Nein“, sagte Renee, sah jedoch dabei nicht mich an, sondern warf Paul einen vielsagenden Blick zu. Irgendetwas war hier faul.

„Wie wär’s, wenn wir erst mal deine Sachen reinbringen? Komm, Paul.“ Renee packte Paul an der Hand und zerrte ihn zur Tür hinaus.

„Äh, okay.“ Ich blieb alleine im Flur zurück und beschloss, mir das Wohnzimmer anzuschauen. Es war wunderschön eingerichtet, bis auf einen schäbigen Sessel und die Videospiele, die vermutlich die Jungs hatten herumliegen lassen. Ich entdeckte die Hülle von „Skyrim“ und musste lächeln. Renee konnte nicht genug von diesem Spiel bekommen; über Weihnachten hatte sie stundenlang davorgesessen.

Ich ließ mich auf die Couch fallen und starrte an die Decke. Sogar die war sauber.

Kurze Zeit später war ein dumpfes Geräusch zu hören, und Renee und Paul kamen mit ein paar meiner Taschen herein.

„Da wir nur drei Schlafzimmer haben, wirst du, liebe Schwester, im frisch renovierten Souterrain wohnen. Du kannst froh sein, dass wir beschlossen haben, dort ein Gästezimmer einzurichten“, sagte Renee keuchend.

„Warum zeigst du ihr nicht das Haus und ich hole ihre restlichen Sachen?“, schlug Paul vor. Ich erhob mich von der Couch, und Renee führte mich die Treppe hinunter ins Untergeschoss.

„Willkommen im Jungskeller“, sagte Renee und machte eine ausholende Geste mit dem Arm. Eindeutig ein Jungskeller. Eine Bar, ein Billardtisch, eine weitere riesige Couch und ein Fernseher, der die Größe einer Kinoleinwand hatte. An den Wänden hingen Poster verschiedener Sportteams, darunter die Red Sox, die Patriots und die Celtics.

Renee führte mich zum anderen Ende des Raums, von dem ein kleines Gästezimmer abging, mit einem Bad gleich daneben. Gott sei Dank. Ich würde mir das Bad also nicht teilen müssen. Im Wohnheim hatte ich das so lange gemusst, dass es mir für den Rest des Lebens reichte.

„Also, das ist das Zimmer.“ Der Raum war in Hellbraun und Schwarz gehalten, was etwas langweilig, aber ganz hübsch aussah.

Ich setzte mich auf das große Bett und sah mich in meinem neuen Zuhause um.

„Also, es gibt da ein paar Grundregeln“, sagte Renee und lehnte sich gegen die Kommode. Komm zum Punkt, Schwester, dachte ich.

„Nummer eins“, sagte sie und hielt einen Finger hoch. „Du hältst mich zu jeder Zeit darüber auf dem Laufenden, wo du mit wem zusammen bist. Du wirst über Handy mit mir in Kontakt bleiben und jederzeit rangehen, wenn ich anrufe, egal, was ist.“

Ich hielt den Mund. Ich wollte sie nicht provozieren, indem ich ihre Ansprache unterbrach, die sie eindeutig vorher geprobt hatte – wahrscheinlich mit Paul.

„Zweitens …“, sie hielt einen weiteren Finger in die Luft, „… keine Partys. Kein Alkohol. Keine Drogen. Keine Pillen außer Aspirin. Keine Filmrisse. Drittens wird es immer eine Zeit geben, zu der du zu Hause zu sein hast. Du wirst dich daran halten oder die Konsequenzen tragen. Viertens, auch wenn ich nicht Mom bin: Du wirst mich mit Respekt behandeln, und das gilt auch für die anderen in diesem Haus. Und fünftens …“ Sie schien jedoch keine Nummer fünf parat zu haben.

„Fünftens?“, fragte ich nach ein paar Sekunden Stille.

„Ich hatte noch etwas Fünftes, aber daran kann ich mich gerade nicht mehr erinnern“, blaffte sie. „Das ändert jedoch nichts an den ersten vier Punkten. Erklärst du dich mit denen einverstanden?“

„Ja“, erwiderte ich. Als ob ich eine Wahl hätte …

„Das Ja kam mir ein bisschen zu schnell. Ich glaub dir nicht.“ Guter Gott, jetzt wurde ich noch dafür kritisiert, zu einsichtig zu sein.

„Wie auch immer, Renee. Kann ich jetzt einfach mal alleine sein?“ Ich legte mich auf den Bauch und strich über die Bettwäsche, die zweifelsohne aus hochwertiger Baumwolle bestand und unglaublich weich war. Wie sollte es auch anders sein in diesem Haus.

„Hör mal“, sagte sie und setzte sich neben mich. Oh Mann, so fing sie immer ihre Predigten an. Genau wie Mom. Nur dass Renees immer sehr viel mehr Schimpfwörter enthielten als die von Mom.

„Du machst da einfach gerade eine schwierige Zeit durch. Die hatte ich auch mal, sogar Paul.“ Das konnte ich nicht so recht glauben. Und selbst wenn sie dachte, sie wüsste, was ich gerade durchmachte, hatte sie keine Ahnung, was wirklich in mir vorging. Das hatte niemand, und ich konnte es auch nicht erklären. Ich fummelte an dem Elefantenanhänger an meinem Armband herum.

Plötzlich boxte sie mir gegen die Schulter. Es schmerzte. „Aber jetzt ist es an der Zeit, dass du den Arsch hochkriegst und langsam wieder klarkommst. Verstanden?“

„Wieso so brutal?“ Ich drehte mich auf den Rücken, sprang auf und schubste sie weg. „Es ist nicht meine Schuld, dass Mom mich bei dir abgeladen hat. Ich will genauso wenig hier sein, wie du mich hier haben willst.“

Sie funkelte mich wütend an, ihr Gesicht wurde ganz rot. „Mir gefällt es nicht, dass meine früher immer so perfekte Schwester – die einzige, von der ich immer wusste, dass sie keinen Scheiß bauen würde – auf einmal so abrutschen würde. Du warst diejenige, um die ich mir nie Sorgen gemacht habe. Du hattest bessere Noten, als ich mir je hätte erhoffen können. Du warst immer die Gute. Und dann …“

Sie brauchte gar nicht weiterzureden. Und dann war all das passiert, und das Mädchen, das immer nur Einsen bekam, das in jedem Club die Vorsitzende werden wollte, das stets nichts Geringeres angepeilt hatte, als Jahrgangsbeste zu werden und eines Tages eine große Firma zu leiten oder für die Regierung zu arbeiten und irgendwas Bedeutendes aus ihrem Leben zu machen, war verschwunden.

Vor neun Monaten hatte sich auf einen Schlag mein ganzes Leben geändert, und alles, was ich früher gewollt hatte, war mir plötzlich dumm und sinnlos erschienen. Oder mir war nur endlich klar geworden, wie dumm und sinnlos es war. Das hatte weniger mit dem zu tun, was passiert war, sondern vor allem mit ihm. Allein der Gedanke an ihn fühlte sich an, als bekäme ich eine Kugel in die Brust.

„Ja, und dann hab ich mir in den Kopf gesetzt, alles zu versauen, ich weiß. Ich kenne die Geschichte, ich war dabei. Du brauchst sie mir nicht noch mal zu erzählen.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Na ja, da sonst alles nichts gebracht hat, dachte ich, ich versuch’s mal. Ich hatte auch erwogen, dich bewusstlos zu prügeln, aber so was ist ja heutzutage verpönt.“

„Mach ruhig“, sagte ich und setzte mich wieder hin. Das würde ihr auch nichts bringen.

„Oh, das würde ich gerne, das kannst du mir glauben. Aber dann wärst du erst mal ausgeknockt, und ich würde nichts mehr aus dir rausbekommen, daher …“

„Und was willst du aus mir rausbekommen?“

„Was ist passiert, dass du so geworden bist?“

Das war eine Info, die sie ruhig versuchen konnte, aus mir rauszuprügeln, sie würde sie nicht bekommen. Ich schob sie zur Seite und ging zurück in den Hauptraum des Untergeschosses.

„Ich hab wohl einfach nur festgestellt, dass dieser ganze Kram Bullshit ist. Gute Noten bekommen, die brave Tochter sein. Wohin hat mich das gebracht? Nirgendwohin. Und ich war unglücklich. Ich hatte nie einfach mal Spaß, weil ich immer nur gearbeitet oder mich bemüht habe, gute Noten zu bekommen, oder irgendein Event für einen der eine Million Clubs geplant habe, in denen ich Mitglied war. Ich war es einfach leid, okay?“ Ich verstand ja, dass sich alle Sorgen machten, weil ich ständig Party machte und so, aber nur weil ich keine Einsen mehr nach Hause brachte, mussten sie ja nicht gleich einen Herzinfarkt bekommen.

Renee packte mich an der Schulter, um mich davon abzuhalten, die Treppe hochzurennen. Ich versuchte sie abzuschütteln, doch sie riss mich zu sich um, sodass wir einander ansahen.

„Nein, das kann es nicht sein. Du hast dich dein ganzes Leben an die Regeln gehalten. Man legt dann nicht einfach einen Hebel um und dreht sich um hundertachtzig Grad, nur um sich zu ändern. Menschen verändern sich nicht einfach so, es sei denn, irgendetwas bringt sie dazu.“ Dieses Gespräch hatte ich schon x-mal mit ihr geführt, ebenso wie mit meinen Eltern, meinem Exfreund und meinen ehemaligen Freundinnen. Ihnen allen hatte ich das Gleiche gesagt.

„Lass mich einfach in Ruhe.“ Und irgendwann hatte das auch jeder getan.

Renee funkelte mich an; ihre Augen waren stahlblau, wie immer, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte. Es würde nicht leicht werden, sie davon abzubringen, etwas aus mir herauszubekommen. Ein sturer Bock war nichts gegen sie.

„Also gut. Dann hol mal den Rest deiner Sachen.“ Sie ließ meinen Arm los und deutete mit einer Kinnbewegung auf die Treppe.

„Also gut“, erwiderte ich und stapfte die Stufen hoch.

3. KAPITEL

Hey, Jos“, rief Darah, die plötzlich in meinem Zimmer stand, als ich gerade meine Klamotten in die Kommode räumte. Sie hatte mir einen solchen Schrecken eingejagt, dass ich das Fall-Out-Boy-Shirt fallen ließ, das ich gerade neu gefaltet hatte.

„Hey.“ Ich hob das Shirt auf und drehte mich um. Ich hatte nie richtig verstanden, wie Darah und Renee sich hatten anfreunden können, denn sie waren verschieden wie Tag und Nacht. Doch von allen Freundinnen, die Renee hatte, mochte ich sie am liebsten. Taylor hatte ich noch nicht kennengelernt, daher konnte ich über sie nichts sagen.

„Findest du dich gut ein?“ Erst jetzt bemerkte ich, dass sie einen Teller Kekse in der Hand hielt. Oh Gott, was würde noch kommen? „Willst du einen? Taylor und ich haben sie gestern Abend gebacken. Es sind Zimtkekse. Die magst du doch am liebsten, oder?“ Ja, das tat ich, aber das spielte gerade keine große Rolle.

„Danke, aber ich hab keinen Hunger.“ Ich faltete das T-Shirt erneut und legte es zu den anderen. Darah seufzte und setzte sich auf mein Bett, den Keksteller stellte sie neben sich ab.

„Hör mal“, begann sie. Da wären wir also wieder. „Ich weiß, dass alle dich unter die Lupe nehmen und ausfragen werden, aber du sollst wissen, dass ich für dich da bin. Ob du nun reden willst oder nicht. Egal, was es ist. Sogar wenn du … keine Ahnung, mitten in der Nacht Eis essen oder einfach nur heulen willst. Ich bin da, okay?“

Sie stand auf und rieb mir die Schulter. Warum mussten nur ständig alle in meine Privatsphäre eindringen? Das fing langsam wirklich an zu nerven. Wenn Darah nicht einer der nettesten Menschen auf Erden gewesen wäre, hätte ich ihre Hand abgeschüttelt und sie angeschnauzt, dass sie mich in Ruhe lassen sollte. Doch sie war die liebste Person, die ich kannte, und sie hatte mir Kekse gebracht, also ließ ich ihre Berührung mit zusammengepressten Zähnen über mich ergehen.

„Okay, also lass uns einfach wissen, wenn du etwas brauchst. Und übrigens, Hunter und Taylor kochen heute Abend, irgendwas Vegetarisches, falls das in Ordnung für dich ist.“ Ich nickte. Früher war ich mit Unterbrechungen auch Vegetarierin gewesen. Damals, als ich im Klimawandelclub gewesen war und eingetragenes Mitglied bei PETA. Die Mitgliedskarte musste immer noch irgendwo in meinem Portemonnaie stecken. Oh Mann, bin ich damals beschäftigt gewesen. Ich habe auch sehr viel weniger geflucht.

„Komm einfach hoch, wenn du so weit bist.“ Sie tätschelte mich noch einmal und zog die Tür hinter sich zu. Den Keksteller hatte sie dagelassen. Erwarteten sie etwa, dass ich die Kekse verputzte und dann auch noch zu Abend aß? Ich zuckte mit den Achseln und nahm mir einen. Sie musste sie in die Mikrowelle getan haben, denn sie waren warm und krümelig. Mmh. Ich kaute langsam und genoss die würzige Süße des Kekses.

Von oben waren Schritte und Stimmen zu hören, Gelächter und Chaos. Über mir war das Haus so voller Leben, Freude und Menschen. Und dann war da noch ich, die hier im Keller herumhing, sich versteckt hielt wie ein Geist. Ich verscheuchte den Gedanken mit einem Kopfschütteln, schob mir den Rest des Kekses in den Mund und fuhr fort, meine Kleidung zusammenzulegen.

Der Geruch, der von oben aus der Küche zu mir herunterdrang, wurde schließlich zu unwiderstehlich, sodass ich mich schließlich die Treppe hinaufwagte.

„Da bist du ja“, sagte Renee, mit der ich beinahe zusammenstieß, als ich die Tür am Ende der Treppe öffnete. Sie war ganz offensichtlich auf dem Weg zu mir gewesen, um mich aus meiner Höhle zu holen.

„Ja, da bin ich.“ Ich schenkte ihr ein angespanntes Lächeln und ging weiter in Richtung Küche, die zugleich als Esszimmer diente. Als Renee und ich eintraten, wurde es mucksmäuschenstill im Raum.

„Super, auf genau die Reaktion hatte ich gehofft. Danke, allerseits“, sagte ich, während alle sich bemühten, ihre Tätigkeiten wieder aufzunehmen. Es war seltsam, diejenigen leibhaftig vor mir zu haben, die ich bisher nur von Fotos kannte. Sie waren tatsächlich dreidimensional.

Hunter war der Erste, der herüberkam und mir die Hand reichte. So hatte ich gleich Gelegenheit, ihn mir genauer anzuschauen, und mir wurde sofort klar, was Renee meinte, wenn sie sagte, dass man ihn nicht in die Nähe von leicht entflammbarem Material lassen durfte. Er war tatsächlich so heiß, dass er es auf der Stelle in Brand setzen würde. Und ja, er war tätowiert und muskulös. Außerdem wirkte sein Lächeln ehrlich, als er sagte, er freue sich, mich kennenzulernen. Taylor war die Nächste, doch sie rührte mich nicht an. Gott sei Dank. Sie war ebenfalls umwerfend nett und hübsch, genau wie auf den Fotos, die ich von ihr gesehen hatte. Es war nicht schwer zu erraten, weshalb Renee und Darah sie damals gefragt hatten, ob sie mit ihnen zusammenziehen wollte.

„Ich hoffe, das Essen ist in Ordnung für dich. Ich wusste nicht, was du so magst. Wir wollten eigentlich etwas Aufwendigeres kochen, aber Renee … Ach, egal“, sagte Taylor, nachdem sie einen bösen Blick von Renee geerntet hatte. Ich musste noch nicht mal hinschauen, um zu wissen, wie der aussah. Ich hatte ihn selbst schon so oft abbekommen, dass ich aufgehört hatte zu zählen. Paul, der neben Renee stand, warf mir einen tröstenden Blick zu.

Zuletzt kam ein Mase dran, an dem ein professioneller Footballspieler verloren gegangen war. Oder ein Wrestler. Oder ein attraktiver Türsteher. Das sexy Aussehen lag wohl bei Hunter und ihm in der Familie.

„Little Ne“, sagte er und schüttelte mir so fest die Hand, dass er mir beinahe sämtliche Finger brach. „Es ist doch okay, wenn wir dich so nennen, oder? Irgendwann werden wir schon noch einen besseren Spitznamen für dich finden. Es sei denn, du hasst Spitznamen so sehr wie deine Schwester.“ Er sah ein wenig verlegen aus, was komisch wirkte in Anbetracht der Stärke, die er ausstrahlte.

„Wie ihr wollt“, erwiderte ich und bewegte meine Finger, um wieder Gefühl hineinzubekommen. „Spitznamen sind mir egal.“ In meinem Leben hatte ich schon unzählige davon gehabt. Die meisten hatte ich einfach ignoriert, zum Beispiel den, mit dem mich meine Schwester Cari einen ganzen Sommer lang gerufen hatte: „Stinkepo“. Fairerweise musste man dazu sagen, dass sie damals erst drei und „Joscelyn“ für sie nicht so leicht auszusprechen war.

„Danke für die Kekse“, sagte ich zu Darah, die gedankenversunken den Arm von Mase streichelte. „Die waren wirklich gut.“

„Oh, schön. Ich hatte gehofft, dass du sie magst“, sagte Taylor, während sie in einem der Töpfe auf dem Herd rührte. „Das Essen ist fast fertig, setz dich doch schon mal.“

„Kann ich, ähm, irgendwie helfen?“ Man hatte mich zwar gezwungen, hierherzukommen, aber sie hätten mich nicht aufnehmen müssen. Sie hätten auch Nein sagen können.

„Keine Sorge, Schwesterchen. Du wirst schon noch früh genug auf dem Haushaltsplan stehen“, sagte Renee und schob mich zum Esstisch. Jemand hatte ihn bereits gedeckt, und es gab sogar einen Platz für mich mit einer handgefertigten Karte.

„Die haben Taylor und Darah gebastelt, darum sei bitte begeistert, auch wenn sie dir nicht gefällt“, zischte Renee, als ich sie aufklappte. Was hätte mir daran nicht gefallen können? Sie hatten mit bunten Farben eine Art Feuerwerk daraufgemalt, und in aus Zeitschriften ausgeschnittenen Buchstaben stand darunter WILLKOMMEN IN YELLOWFIELD HOUSE.

„Yellowfield House?“, fragte ich.

Renee rollte mit den Augen und setzte sich neben mich, Paul nahm auf ihrer anderen Seite Platz. Ich sah, wie er unter dem Tisch ihre Hand nahm und sie drückte.

„Das war Taylors Idee. Sie wollte, dass das Haus einen Namen hat, wie in den englischen Romanen aus dem neunzehnten Jahrhundert. Das war ihre Bedingung, bevor wir alle hier eingezogen sind. Es war ihre einzige Forderung“, erklärte Renee achselzuckend.

„Sie wollte sogar ein Schild malen, aber wir haben alle dagegengestimmt“, fügte Paul hinzu. „Eigentlich war es echt süß, sie war ganz aufgeregt. Und dann haben wir sie so abgebügelt.“

„Hm, seltsam“, sagte ich.

„Sch“, zischte Renee, während die anderen Töpfe und Pfannen auf den Tisch stellten und Servierbesteck dazulegten. Sobald alle saßen, begann ein großes Durcheinander; Teller wurden hin und her gereicht, und Ellbogen stießen gegeneinander, bis alle versorgt waren. Taylor hatte Spaghetti mit einer Soße aus Olivenöl und Tonnen von Gemüse gemacht, dazu gab es Knoblauchbrot und Salat. Es war einfach köstlich, und obwohl ich schon mehrere Kekse gegessen hatte, vertilgte ich mehr als eine Portion. Das Mensaessen und millionenfach Take-away vom Asiaten hatten mir schon zum Hals rausgehangen.

Alle lachten und erzählten von ihrem Tag, und zum ersten Mal stand ich nicht im Mittelpunkt des Interesses. Es war wirklich … nett. Sie waren alle so verdammt glücklich und verliebt und strahlten um die Wette. Eigentlich hätte mir übel davon werden müssen, doch aus irgendeinem Grund hatte es den gegenteiligen Effekt. Auch wenn ich es eigentlich hier hassen wollte. Es wäre wirklich angebrachter gewesen, wenn ich es hier total gehasst hätte.

„Ähm, ich muss noch … ein paar Sachen auspacken“, sagte ich und stand auf, sobald ich konnte. Ich musste zurück in die Einsamkeit des Kellers. Von dem ganzen Glück hier oben wurde mir schwindelig. Renee warf mir einen prüfenden Blick zu, nickte dann aber zustimmend.

„Bist du sicher, dass du nicht hier oben mit abhängen willst? Und du hast ja auch noch gar nicht den Rest des Hauses gesehen“, sagte Darah und schenkte mir ein hoffnungsvolles Lächeln. Da konnte ich schlecht Nein sagen.

„Ja, okay.“ Sie führte mich die Treppe hinauf und zeigte mir ihr Zimmer, das so picobello war, als wollten sie das Haus verkaufen und hätten einen Innenarchitekten engagiert, der das Haus für mögliche Käufer herrichten sollte. Renee hatte sich geweigert, uns in ihr Zimmer zu lassen, und Taylor ließ mich nur einen kurzen Blick in ihre und Hunters Suite im Dachgeschoss werfen.

„Ignorier einfach die Klamotten auf dem Boden. So mach ich das jedenfalls.“ Hunter und Taylor hatten sich unserer kleinen Führung angeschlossen. Es war ja auch schließlich ihr Haus.

„Danke. Dass … dass ich herkommen durfte.“ Danke, dass ihr meinen Eltern erlaubt habt, mich euch aufzuzwingen. Ich bin mir sicher, sie haben euch absolut die Wahl gelassen.

„Gern geschehen. Alle Familienmitglieder von Renee gehören für uns auch zur Familie“, sagte Hunter und legte einen Arm um Taylor. Mussten sie sich die ganze Zeit anfassen? „Ich hoffe, es wird … alles für dich gut werden. Ich weiß, wie es ist, eine schwierige Zeit durchzumachen.“ Ja, ja, ja. Ich hatte schon alles über Hunters und Taylors tragische Vergangenheit gehört und wie sie schließlich „ihren Scheiß geregelt“ hatten. Wahrscheinlich planten sie gerade meine Krisenintervention. Wiegten mich in falscher Sicherheit, bevor sie sich auf mich stürzen würden.

„Ja, danke“, sagte ich, während er die Zimmertür schloss und wir wieder nach unten gingen.

„Bist du sicher, dass du nicht ein bisschen Musik mit uns machen willst?“, fragte Darah, die mit Mase auf der Couch kuschelte. War das hier die Partridge-Family oder was? Im Ernst, man kam sich hier vor, als wäre man mitten in einer herzerwärmenden Familienserie aus den Fünfzigern gelandet. „Hunter spielt echt gut Gitarre.“

„Ja, ich … hab noch was zu tun, so dies und …“

„… und das?“, fragte Renee und warf mir einen stechenden Blick zu. Ja, so dies und das, Renee.

„Darf ich jetzt noch nicht mal mehr so dies und das machen? War das die fünfte Regel auf deiner Liste?“, blaffte ich. Erst als es raus war, wurde mir klar, dass mich alle hatten hören können.

„Ach, Scheiß drauf“, sagte ich und machte mich auf in Richtung Kellertreppe. „Ich geh ins Bett.“ Es war erst acht, doch ich konnte sie nicht mehr ertragen. Sie waren alle so verdammt glücklich, das machte mich fertig. Ich musste einfach zurück in den dunklen Keller und mich mit noch mehr Keksen und herzzerreißender Musik trösten.

„Gute Nacht“, flöteten sie beinahe einstimmig. Das war einfach nur krank. Vielleicht dünsteten die Wände irgendeine Substanz aus, die sie im Schlaf einatmeten. Oder war es vielleicht das Wasser?

Ich schüttelte den Kopf und ging zurück in das, was ich bald als „meine Höhle“ bezeichnen würde. Meinen einsamen Keller.

Mein Zimmer duftete nach den köstlichen Keksen, und obwohl ich vom Abendessen proppenvoll war, aß ich noch zwei davon, bevor ich duschen ging. Der Wasserdruck war bedeutend besser als im Wohnheim, und ich ließ mir Zeit und genoss die Wassermassage auf meinem Nacken. Sämtliche Duschen der Welt hätten die Schwärze meines Lebens nicht wegwaschen können, doch das hielt mich nicht davon ab, sie zu genießen.

Während ich mein Haar bürstete, verfing sich mein Armband darin, und ich verbrachte gute fünf Minuten damit, es fluchend wieder herauszulösen.

Wir sind doch Freunde, oder? Und Freunde machen sich Geschenke. Ich weiß, wie sehr du Elefanten liebst, daher … hier, hatte er gesagt und mir die Schachtel hingehalten. Ich erinnerte mich daran, wie ich sie öffnete und mich sofort in das Armband verliebte. Solch eine einfache, süße Geste. Er hatte mir geholfen, es umzulegen, und seitdem trug ich es jeden Tag. Vor allem, nachdem …

Mit einem Kopfschütteln verscheuchte ich den Gedanken und machte Musik an. Ich brauchte irgendetwas Hartes und Lautes, um die Mitsing-Session zu übertönen, die sich oben abspielte. Als ich durch meine aktuellsten Einkäufe scrollte, fand ich das neue Skillet-Album. Perfekt.

Da ich den fröhlichen Gesang immer noch von oben durch den Boden sickern und in meine Höhle eindringen hörte, drehte ich die Musik so weit auf, dass mir die Trommelfelle schmerzten. Ich hätte einfach meine sündhaft teuren Kopfhörer aufsetzen sollen, doch das tat ich nicht. Stattdessen packte ich den Rest meiner Sachen aus und löschte die Mailboxnachrichten von meiner Mutter und meinem Vater, die mich darum baten, sie anzurufen, sobald ich bei Renee angekommen sei. Ich war mir jedoch sicher, dass Renee sie bereits angerufen und sie über meine sichere Ankunft informiert hatte.

Mein Zimmer war mit einem kleinen Fernseher und einem DVD-Player ausgestattet, doch ich stellte beides nicht an, sondern packte meinen Laptop aus und sah mir Fotos von letztem Jahr an. Dass ich mich damit nur selbst folterte, war mir klar.

Ich konnte mich noch an dieses Mädchen erinnern, dessen Haar immer perfekt mit niedlichen Haarklammern frisiert war und das jede Menge Strickjäckchen und Pumps besaß. Das Mädchen, dessen Freund auf dem direkten Wege ins Weiße Haus war und das Freundinnen hatte, die es nie hätten hängen lassen. Es war nicht ganz wie aus dem Bilderbuch, aber fast. Doch all das war einfach nur Zeit- und Energieverschwendung gewesen.

Ich knallte den Laptop zu, schlug die Bettdecke zurück und legte mich darunter. Meine Musik plärrte immer noch laut, doch oben schien es still geworden zu sein. Endlich. Wahrscheinlich mussten sie morgen alle in die Uni oder so. Ich war überrascht, dass Renee mir noch nicht im Nacken saß und mich drängte, mich für meine Kurse anzumelden. Ich war jetzt in der University of Maine eingeschrieben, genau wie sie.

Ich drehte mich auf die Seite und schloss die Augen. Vom Schlafen war ich weit entfernt, doch so war es jetzt immer. Ich hatte mich daran gewöhnt, stundenlang meine Augenlider von innen zu betrachten.

Einige Stunden später hatte ich schließlich doch die Schnauze voll. Ich musste hier raus, und wenn es nur war, um mir die Sterne anzugucken. Ich zog eine Jogginghose über meine Shorts, schnappte mir meine Winterjacke und schlich auf Zehenspitzen die Treppe hinauf. Eine Sekunde lang lauschte ich in die beinahe vollkommene Stille des Hauses, bevor ich die Tür langsam aufschob und zur Haustür schlich. Die Böden waren alle aus Holz, das Quietschen der Dielen könnte zu einem Problem werden.

Plötzlich ließ mich eine männliche Stimme zusammenzucken. „Wohin willst du denn?“ Mases Kopf erhob sich urplötzlich von der Couch im Wohnzimmer, auf der er lag. Heilige Scheiße.

„Spazieren gehen“, sagte ich, nachdem ich verzweifelt überlegt hatte, was ich sagen sollte.

„Nennt man das heutzutage so?“

„Was?“

Er stand auf, stellte sich vor mich und blockierte damit den Weg zur Tür. An ihm würde ich auf keinen Fall vorbeikommen. Noch nicht einmal mit einer Waffe.

„Setz dich.“ Er packte mich an den Schultern und führte mich zur Couch. Ich versuchte ihn abzuschütteln, doch er war sogar noch stärker, als er aussah.

„Wer bist du? Mein Dad?“ Obwohl mein Vater sich nie darum geschert hatte, was ich machte. Er war immer zu sehr mit seinem eigenen Leben oder mit einem meiner zahlreichen Geschwister beschäftigt gewesen, um mitzukriegen, wenn ich in Schwierigkeiten war.

Er seufzte und setzte sich neben mich. „Hör mal, ich weiß, dass du eine schwierige Zeit durchmachst. Ich kenne mich mit so etwas aus. Hunter ging es lange Zeit echt übel. Ich kann zwar nicht behaupten, ich wüsste, was du durchmachst, aber eins weiß ich: Aus welchem Grund auch immer du mitten in der Nacht das Haus verlassen willst, es wird dir nicht helfen.“

„Aber …“ Ich versuchte aufzustehen, doch er hielt mich erneut davon ab. „Ich hatte gar nichts Bestimmtes vor. Ich … brauche nur ein wenig Luft.“

Er schüttelte lächelnd den Kopf. „Du wirst dieses Haus jetzt nicht verlassen, capito?“ Er zog mich von der Couch hoch und schob mich in Richtung Kellertür. „Und wenn ich vor deiner Zimmertür sitzen bleiben muss.“

„Was kümmert dich das überhaupt?“, fragte ich, während ich die Treppe hinunterstolperte.

Er lachte. „Renee hat mir damit gedroht, mich zu betäuben, mir den Schwanz abzuschneiden und ihn mir ins Gesicht zu nähen, sollte ich zulassen, dass dir irgendwas passiert. Und er gefällt mir eigentlich ganz gut da, wo er gerade ist.“

Ich hatte beinahe ebenfalls angefangen zu lachen.

„Das klingt tatsächlich nach Renee.“ Ich blieb vor meiner Zimmertür stehen, und er setzte sich auf die Treppe.

„Ich fürchte außerdem, dass ihre Sturheit genetisch bedingt ist, lass mich also bitte nicht wieder hier runterkommen. In …“, er warf einen Blick auf die Uhr am DVD-Player, „… ein paar Stunden muss ich zur Uni, daher würde ich gern ein bisschen schlafen.“ Er drehte sich gähnend um. „Gute Nacht, Little Ne.“

„Nacht“, erwiderte ich und sah zu, wie er die Treppe hinaufging. Ich wartete, bis ich die Tür oben an der Treppe zufallen hörte, bevor ich einen frustrierten Seufzer ausstieß. Ist das dein Ernst, Renee? WIRKLICH?

4. KAPITEL

Obwohl ich erst spät in den Schlaf gefunden hatte, war ich am nächsten Morgen um sieben schon wieder wach. Vermutlich lag das am Geruch von gebratenem Speck, der unter der Tür durch in mein Zimmer kroch.

Ich zog ein abgetragenes Langarmshirt an, in das ich selbst Daumenlöcher geschnitten hatte, dazu ein Paar löchrige Jeans und beschloss, mich die Treppe hinaufzuwagen. Irgendwie erwartete ich, Mase hinter der Tür zum Keller vorzufinden.

„Du bist schon auf?“, fragte Renee, die gerade gähnend aus dem ersten Stock kam. „Ich hatte nicht so früh mit dir gerechnet.“ Ihr Haar war völlig zerzaust. Entweder hatte sie Sex mit Paul gehabt oder sich die ganze Nacht im Bett hin und her gewälzt.

„Du meinst, vor allem nachdem ich gestern Nacht versucht habe, mich rauszuschleichen, stimmt’s?“, erriet ich ihre Gedanken. Sie verschränkte die Arme und kniff die Augen zusammen.

„Darüber reden wir später. Jetzt wirst du mit uns frühstücken, denn das ist die wichtigste Mahlzeit des Tages.“

Woher hatte sie nur diese lahmen Sprüche?

„Du bist nicht Mom“, erwiderte ich, ließ sie stehen und ging in die Küche. Vor allen würde sie keine Szene machen. Das hoffte ich jedenfalls.

„Hey, Little Ne“, sagte Mase strahlend und blickte von seiner Kaffeetasse auf. Darah jonglierte mit mehreren Pfannen, und Taylor hing müde über dem Küchentisch.

„Warum hab ich mich noch mal für einen Kurs um halb neun eingeschrieben?“, stöhnte sie, während Renee zur Kaffeekanne ging und sich eine Tasse einschenkte, ehe sie wieder die Treppe hinaufstapfte.

„Weil es die einzige Möglichkeit war, diesen Kurs zu belegen, den du für deinen Abschluss brauchst?“, schlug Darah vor und packte einen Berg Speck auf einen Teller, auf dem ein Blatt Haushaltspapier lag.

„Willst du welchen?“, fragte sie mich, doch ich schüttelte den Kopf. So gut er auch roch, ich würde jetzt keinen Speck herunterbekommen. „Es gibt auch Rührei und Toast. Irgendwelche Frühstücksflocken haben wir auch immer da, und ich glaube, irgendwo sind auch noch Kürbis-Muffins.“ Gott, das war ja wie im Hotel.

„Ähm, habt ihr auch Tee?“ Ich setzte mich neben Taylor, die sich sichtlich Mühe geben musste, aufrecht genug zu sitzen, um ihren Kaffee schlürfen zu können.

„Ja, klar.“ Darah öffnete ein paar Schränke, bis sie eine verstaubte Packung Ingwer-Zitronen-Tee fand. Es würde ein wenig mehr als das brauchen, um meine Probleme zu lösen, aber das war schon mal ein Anfang.

Ein paar Minuten später kam Hunter herunter, frisch geduscht und mit einem Grinsen im Gesicht.

„Morgen, Missy-Mädchen“, sagte er und gab Taylor einen Kuss. „Bist du schon wach?“

„Nein“, stöhnte sie und lehnte den Kopf gegen seine Brust. Er lachte und zog sie auf seinen Schoß, und mir fiel wieder ein, weshalb ich letzte Nacht aus diesem Haus hatte flüchten wollen.

„Mach, dass es weggeht“, sagte sie.

„Das würde ich, wenn ich könnte, Baby.“

Kurz darauf kamen Renee und Paul dazu. Sie hatte ihr Haar gekämmt, und beide waren angezogen für den Tag.

„Also, hier ist mein Vorschlag: Da ich dir nicht traue, wenn du alleine bist, kommst du heute mit mir mit“, sagte Renee und setzte so ein breites Lächeln auf, dass es ihr beinahe wehtun musste. Alle Augen waren auf mich gerichtet.

„Und da ich meine erste Vorlesung in weniger als einer Stunde habe, ziehst du dich lieber mal schleunigst an und machst dich fertig.“

„Was soll ich denn den ganzen Tag da machen?“ Ich nippte an meinem Tee und starrte in die Tasse, um den Blicken der anderen zu entgehen.

„Keine Ahnung. Dir wird schon was einfallen. Solange es dir keinen Ärger einbringt oder mir, geht alles klar. So wird’s jedenfalls laufen.“ Noch eine gut eingeübte Rede.

„Wie du meinst“, sagte ich achselzuckend.

„Ich hab doch gesagt, sie könnte auch bei mir mitkommen“, sagte Darah und durchbrach endlich die bedrohliche Stille, die sich über den Raum gelegt hatte.

„Nein, ist schon okay. Ich bin für sie verantwortlich“, lehnte Renee das Angebot ab und ging sich Kaffee nachschenken.

„Ähm, ich sitze auch noch hier“, warf ich ein. „Und ich brauche keinen Babysitter.“

„Da hab ich aber anderes gehört“, giftete Renee. Mase musste husten und schob sich ein Stück Speck in den Mund. Er kaute und formte dabei ein an mich gerichtetes lautloses „Sorry“ mit den Lippen. Natürlich hatte er es ihr erzählt. Ich wäre erstaunt gewesen, wenn nicht.

Ich schlürfte meinen Tee und schluckte eine passende Antwort herunter.

Zwei Stunden später saß ich gähnend vor einem von Renees Unilabors. Ich hatte vergessen, was sie genau darin machte. Es hatte kompliziert und ekelerregend zugleich geklungen. Zum Glück war ich so schlau gewesen, meinen Computer mitzunehmen, um mich auf meinen liebsten Video- und Musikblogs herumzutreiben.

Dann spielte ich mein Lieblingsspiel, das darin bestand, neue Musik zu entdecken, indem ich auf gut Glück irgendwelche Videos anklickte. Ich hatte diesen Sommer einen eigenen Musikblog gestartet, doch diese Woche war ich nachlässig mit dem Posten gewesen. Da ich erst so frisch dabei war, suchte ich immer noch meine Nische, was das Thema des Blogs betraf. Meine Seite wurde nur selten angeklickt, doch ich hatte festgestellt, dass das Einzige, das ich mehr liebte als Musik, das Schreiben über Musik war. Vor … der ganzen Sache hätte ich nie darüber nachgedacht, über Musik zu bloggen. Ich hatte immer noch niemandem davon erzählt. Sie würden es sowieso nicht verstehen – so viel war sicher.

Renee hatte mir für nach dem Mittagessen eine Tour über den Campus versprochen. Nach dem, was ich bisher gesehen hatte, unterschied er sich nicht groß von dem der University of New Hampshire. Uni-Campus unterschieden sich meist nicht groß voneinander, vor allem, wenn es staatliche Universitäten waren. Ich hatte nach der Highschool darüber nachgedacht, mich hier einzuschreiben, doch die Vorstellung, von meiner durchgeknallten Familie wegzukommen, war reizvoller gewesen als die Aussicht, ein paar Dollars zu sparen, indem ich auf ein College in meinem Heimatstaat ging. Ich war auch in Bowdon und Bates angenommen worden, zwei angesehene Unis in Maine, doch sie waren viel zu kostspielig gewesen, und mein Stipendium hätte dort nicht gereicht. So ein Pech aber auch.

Als sie endlich aus ihrem Labor kam, roch Renee nach Formaldehyd und hatte dieses verrückte Glänzen in den Augen. Sie musste irgendetwas seziert haben.

„Hattest du Spaß?“, fragte ich und stand auf. Mein Rücken tat schon weh vom vielen Sitzen.

„Wir durften einen Schweinefötus aufschneiden. Es war großartig“, sagte sie, als würde sie vom neuesten Mädchenfilm schwärmen, dessen Hauptfigur ein gut aussehender Vampir war.

„Manchmal frage ich mich, ob wir wirklich verwandt sind“, bemerkte ich, während ihre Kommilitonen aus dem Saal strömten. Sie schienen nicht annähernd so begeistert zu sein wie Renee.

„Diese Frage stelle ich mir schon seit Jahren“, sagte sie, während wir uns auf den Weg in die Mensa machten. Im Gegensatz zu manch anderen, die nach der Sektion eines Schweinefötus nichts herunterbekommen hätten, entschied Renee sich für einen Cheeseburger mit Speck und verschlang ihn, als hätte sie seit Wochen keine Nahrung mehr gesehen. Ich hatte einen Erdbeer-Walnuss-Salat genommen, in dem ich nun lustlos herumstocherte.

„Ich hab heute noch eine Drei-Stunden-Schicht im Krankenhaus“, sagte sie, nachdem sie den Burger vertilgt hatte und sich über die Fritten hermachte. Wie sie dabei so schlank sein konnte, war mir ein Rätsel. Ich musste immer sehr darauf achten, was ich aß, um einigermaßen dünn zu bleiben.

„Und?“

„Und du kommst mit. Ich hoffe also, du hast was zu tun. Zum Beispiel die letzten Formulare für den Uniwechsel ausfüllen.“

Lieber hätte ich mich einer Wurzelbehandlung unterzogen, doch ein Blick in Renees Gesicht sagte mir, dass ich keine Wahl hatte.

„Du spielst also jetzt meine Gefängniswärterin?“

„Tja, das müsste ich nicht, wenn du dich verdammt noch mal an die Regeln gehalten hättest.“ Gott, sie klang genau wie Mom. Viel zu sehr wie Mom. Sie setzte sogar die gleiche enttäuschte Miene auf.

„Na schön. Darf ich wenigstens noch aufs Klo gehen, oder willst du mitkommen, um mir beim Pinkeln einen Becher drunterzuhalten?“

„Herzallerliebst“, sagte sie, während ich aufstand und zu den Toiletten ging.

Den Rest des Tages verbrachte ich damit, Filme auf meinem Computer zu gucken. Ab und zu schob ich auch ein paar Filmbesprechungen auf meinem Blog ein, um das Ganze etwas aufzulockern. Sie erhielten meist gar nicht so wenige Klicks, vor allem wenn es um Filme aus den Achtzigern ging. Es hat etwas so Tröstliches, sich einen Film anzuschauen, den man schon hundert Mal gesehen hat. Ich begann mit „Das darf man nur als Erwachsener“, und da ich dann schon mal in der Stimmung für Filme von John Hughes war, machte ich gleich weiter mit „Ferris macht blau“ und schließlich „Pretty in Pink“, womit ich beinahe schon Renees gesamte Krankenhausschicht überbrückt hatte.

Mein Lager hatte ich in einer der Sitzecken aufgeschlagen, in der es für ein Krankenhaus ziemlich ruhig war, mal abgesehen vom gelegentlichen Quietschen von Krankenschwesternschuhen auf Linoleum, einem unruhigen Kind, das lärmte, oder einer Herzmaschine, die Alarm schlug. Ich hatte in der Cafeteria zu Abend gegessen, doch das war schon einige Stunden her, und ich brauchte etwas Süßes. Renee hatte mir einen Automaten in der Empfangshalle gezeigt, also durchsuchte ich meine Tasche nach Kleingeld und stellte den Film auf Pause.

„Jawoll“, sagte ich, als ich sah, dass es sowohl M&Ms als auch Skittles gab. Ich konnte die einen nicht ohne die anderen essen. Das hatte ich schon als Kind so gemacht, und es hatte sich bis heute nicht geändert.

Die M&Ms kamen raus, wie sie sollten, doch die blöde Skittles-Packung blieb stecken. Na toll. Das Universum hatte es darauf angelegt, mich fertigzumachen. Ich schlug auf den Automaten ein, damit die Packung sich löste. Zum Glück war weit und breit niemand zu sehen. Ich hatte keine Lust auf eine Anzeige wegen Sachbeschädigung. Das wäre definitiv ein Verstoß gegen Renees Regeln.

Ich drehte mich ein Stück zur Seite und rammte meine Schulter gegen die Maschine, in dem verzweifelten Versuch, das Süßigkeitentütchen aus ihrem Griff zu befreien.

„Komm schon, du verdammtes Scheißding“, sagte ich und verpasste dem Automaten noch einen Schulterstoß.

„Du musst deine Hüften mit einsetzen“, erklang plötzlich eine Stimme und ließ mich aufblicken.

„Was?“

Ein Typ in einem weiten Kapuzenpulli und ebenso weiten Jeans, zu denen er abgetragene Basketballstiefel trug, sah mich an wie etwas, das er noch nie zuvor gesehen hatte. Er hatte ziemlich dunkle Haut, kurzes schwarzes Haar, jedoch überraschenderweise grüne Augen. Im Gegensatz zu meinen, die mehr ins Blaue hineingingen, waren seine fast goldgelb. Sie stachen aus seinem Gesicht hervor, zumal er sie auf mich fixiert hielt. Er deutete mit einer Kinnbewegung auf den Automaten.

„Du musst die Hüften einsetzen. Schau mal“, sagte er und vergewisserte sich mit einem Blick über die Schulter, dass uns niemand beobachtete, bevor er mir bedeutete, ein wenig zurückzutreten. „Entscheidend ist, dass der Stoß mit dem ganzen Körper ausgeführt wird.“

War es nur Einbildung, oder ließ er das Ganze bewusst zweideutig klingen? Ich starrte ihn an, und er lachte. Nein, keine Einbildung. Es war die Art von Lachen, die einen unweigerlich selbst zum Lachen brachte, wie ein Reflex. Es gelang mir so gerade eben, das Lächeln zu verbergen, das drohte sich auf meinem Gesicht auszubreiten.

„Auf drei“, sagte er und legte seine Hände neben meine an die Automatenwand. Von Nahem waren seine Augen noch leuchtender. Sie glühten beinahe.

„Eins. Zwei. Drei“, sagte er, und dann warfen wir uns beide gegen das Gerät, das sich jetzt um einiges mehr bewegte als bei meinem einsamen Versuch. Und tatsächlich war endlich das befreiende Geräusch der fallenden Skittles-Packung zu hören. Der Typ ging zur Vorderseite des Automaten und nahm den Beutel aus dem Ausgabeschlitz.

„Mission erfüllt.“ Er zwinkerte mir zu und hielt ihn mir hin. „Danke“, sagte ich und nahm die Packung, wobei ich darauf achtete, seine Hand nicht zu berühren. Ich wollte mich schon umdrehen und gehen, als er ein Geräusch von sich gab, das so klang, als wollte er etwas sagen. Ich blieb stehen und wartete.

„Ich muss zurück“, stieß ich schließlich hervor, um das unbehagliche Schweigen zu brechen, das zwischen uns stand.

„Oh, tut mir leid, klar“, sagte er und schüttelte den Kopf, als wäre ihm gerade etwas eingefallen, das er vergessen hatte. Er lächelte und schob die Hände in die Hosentaschen.

„Okay. Also, mach’s gut.“ Ich winkte ihm leicht und wandte mich um. Komischer Typ.

„Und nicht vergessen, nächstes Mal mit vollem Körpereinsatz, Rotschopf“, sagte er und brachte mich dazu, mich noch einmal umzudrehen. Er grinste wieder. Rotschopf? Als hätte ich das noch nie zu hören bekommen. Wenigstens hatte er mich nicht „Karottenkopf“ genannt.

„Ich werd’s mir merken, danke.“

Nun wandte ich mich endgültig um und ging zurück zu meiner Sitzecke. Sein Gelächter hallte mir hinterher.

Die Ecke war immer noch leer, als ich zurückkam, und all meine Sachen waren noch da, also machte ich es mir wieder bequem, um einen weiteren Film anzuschauen.

Doch schon im nächsten Moment rüttelte jemand an meiner Schulter.

„Hey, Jos. Zeit zu gehen“, sagte Renee mit einer so sanften Stimme, wie ich sie schon lange nicht mehr gehört hatte. Wahrscheinlich sprach sie so mit ihren Patienten. Ich war wohl auf der Couch eingeschlafen, ohne es zu merken. Mein Computerbildschirm war dunkel; auch er war im Schlafmodus.

Renee setzte sich neben mich, hob meine Füße auf ihren Schoß und stieß einen tiefen Seufzer aus.

„Was hast du die ganze Zeit gemacht?“

„Nichts“, erwiderte ich und bewegte den Kopf, um meinen verkrampften Nacken zu entspannen. „Wie viel Uhr ist es?“

„Zehn. Bist du so weit, nach Hause zu gehen?“ Nach Hause. War ihr Haus also jetzt mein Zuhause?

„Ja.“ Ich schwang die Beine von der Couch und setzte mich. „Wie ich sehe, hast du den Automaten geplündert“, sagte sie und hob die leeren Packungen auf. „Du und deine seltsamen Süßigkeitenkombinationen.“ Sie knüllte die Tütchen zusammen und warf sie in den Mülleimer, während ich meinen Kram zusammenpackte.

„Hast du irgendwas Interessantes erlebt?“, fragte sie, während wir zu ihrem Auto gingen.

Außer der Begegnung mit dem Automatenhelden? Ich war kurz davor, ihr davon zu erzählen, überlegte es mir dann aber doch anders.

„Nö“, sagte ich gähnend. Vielleicht würde ich ja heute Nacht endlich mal schlafen. Meist kam ich irgendwann an einen Punkt, an dem ich so müde war, dass mein Körper sich einfach von selbst abschaltete. Es fühlte sich an, als wäre es gerade so weit.

„Du weißt, dass du Mom anrufen solltest.“

Ich hatte keine Lust dazu. Ich wusste, dass das nur in weiterem Gezeter enden würde, und dafür war ich gerade zu müde.

„Mach ich schon noch.“

Renee schien etwas sagen zu wollen, schluckte es jedoch herunter. „Okay.“

5. KAPITEL

Die anderen waren alle im Lernmodus, als wir zurück ins Haus kamen. Paul hatte beinahe den ganzen Esstisch mit irgendwelchen Matheaufgaben in Beschlag genommen, die viel zu kompliziert aussahen, als dass ich sie auch nur annähernd verstehen könnte.

Taylor und Hunter saßen im Wohnzimmer, die Köpfe tief in ihren Unibüchern vergraben. Darah hockte an einem kleinen Schreibtisch in einer Ecke neben der Treppe, und ich vermutete, dass Mase auch nicht weit sein konnte. Vor neun Monaten hätte ich wahrscheinlich genauso dagesessen. Jetzt dachte ich nur noch, dass sie ihre Zeit verschwendeten.

„Little Ne“, sagte Mase, der in diesem Moment die Treppe herunterkam – mit einem Buch in der Hand, was für eine Überraschung. „Wie läuft’s?“

„Super“, sagte ich und stellte meine Taschen auf der Bank neben der Eingangstür ab. Die ins Schloss fallende Tür schien auch die anderen aus ihrer Trance gerissen zu haben, und sie kamen alle auf uns zu. Es waren so viele, es war beinahe erdrückend. Und dann waren sie alle so glücklich. Auch das war erdrückend. Paul ging zu Renee und gab ihr einen Kuss, und sie setzte sich zu ihm an den Esstisch, um von ihrem Tag zu erzählen.

„Ich gehe runter in mein … Zimmer“, sagte ich und konnte mich gerade noch davon abhalten, „meine Höhle“ zu sagen. Es war nicht wirklich eine Höhle. Und wenn doch, dann war es die komfortabelste Höhle, die man sich vorstellen konnte. Mit WLAN und allen Extras.

„Bist du sicher? Das ist jetzt auch dein Haus. Du musst nicht ständig da unten bleiben“, sagte Hunter. „Und so Furcht einflößend sind wir doch auch wieder nicht, oder?“ Er wandte sich zu Taylor um, die ganz glasige Augen hatte.

„Was ist los? Ich bin immer noch bei meinen Suffragetten.“ Er warf ihr einen belustigten Blick zu und schüttelte den Kopf.

„Ernsthaft, Jos, das hier ist dein Zuhause.“ Das war es zwar nicht wirklich, aber es war nett von ihm, das zu sagen.

„Ich bin nur einfach echt müde. Ich geh ins Bett.“ Ich sagte allen Gute Nacht, auch Renee.

„Keine nächtlichen Aktivitäten geplant?“, fragte sie.

„Nö“, erwiderte ich knapp.

„Na ja, nur für den Fall: Ich hab dich im Blick“, sagte sie und deutete mit Zeige- und Mittelfinger auf ihre Augen und dann auf mich. „Gerade, wenn du denkst, dass ich nicht hinsehe, stehe ich hinter der nächsten Ecke.“

„Oh Mann, Schluss mit dem Kreuzverhör. Ich hab’s verstanden. Botschaft angekommen, Mission erfüllt.“ Ich stampfte die Treppe hinunter und knallte die Tür hinter mir zu.

Ahh, endlich Ruhe.

Die restliche Woche verlief ziemlich genau wie der erste Tag, mit der Ausnahme, dass Renee mich alleine zum Studentensekretariat gehen ließ, um mich für meine Kurse einzutragen und alle nötigen Unterlagen von der University of New Hampshire überstellen zu lassen. Da ich im ersten Jahr so gut abgeschnitten hatte, war man, trotz der miesen Noten des letzten Semesters, bereit, mich zum Studium zuzulassen.

Was die Kurse betraf, so wählte ich einfach irgendwelche. Ich hatte beschlossen, bei meinem Hauptfach Politikwissenschaften und meinem Nebenfach Jura zu bleiben, da mir das einfacher erschien, als mir etwas Neues auszusuchen. Ich hatte gedacht, der Uniwechsel würde eine nervige Angelegenheit werden, doch er lief relativ unkompliziert ab, und schon vor Ablauf der Woche war ich eingeschrieben und bekam den Uniaufkleber für mein Auto und eine CD mit dem offiziellen Unilied, dem „Stein Song“, in die Hand gedrückt. Ich war sicher nicht die Erste, die es seltsam fand, dass ein College ein Trinklied zum Schulsong gewählt hatte. Was war das denn bitte für eine Botschaft?

Ich hatte eigentlich nur die ersten zwei Wochen des Unterrichts verpasst, würde den Stoff also problemlos aufholen können. Das sagten zumindest die Profs, die mir die Lehrpläne ihrer Kurse zugemailt hatten.

Wegen eines Treffens ihrer Krankenpflegegruppe konnte Renee mich nicht begleiten, um meine Lehrbücher zu besorgen, daher fiel die Aufgabe Hunter und Taylor zu. Sie fuhren mich am Samstag zum Campus.

Die ganze Fahrt über stritten sie darüber, welche Musik laufen sollte.

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