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Mutti geht's gut

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Vorwort
  8. Kapitel 1
  9. Kapitel 2
  10. Kapitel 3
  11. Kapitel 4
  12. Kapitel 5
  13. Kapitel 6
  14. Kapitel 7
  15. Kapitel 8
  16. Kapitel 9
  17. Kapitel 10
  18. Kapitel 11
  19. Kapitel 12
  20. Kapitel 13
  21. Kapitel 14
  22. Kapitel 15
  23. Kapitel 16
  24. Kapitel 17
  25. Kapitel 18
  26. Kapitel 19
  27. Kapitel 20
  28. Kapitel 21
  29. Kapitel 22
  30. Kapitel 23
  31. Kapitel 24
  32. Kapitel 25
  33. Kapitel 26
  34. Kapitel 27
  35. Kapitel 28
  36. Kapitel 29
  37. Kapitel 30
  38. Kapitel 31
  39. Kapitel 32
  40. Kapitel 33
  41. Kapitel 34
  42. Kapitel 35
  43. Kapitel 36
  44. Kapitel 37
  45. Kapitel 38
  46. Kapitel 39
  47. Kapitel 40
  48. Kapitel 41
  49. Kapitel 42
  50. Kapitel 43
  51. Kapitel 44
  52. Nachwort
  53. Bonusmaterial
  54. Danksagung

Über die Autorin

Laura Windmann wurde 1968 in Stade geboren und wuchs dort wohlbehütet auf. Ihr Vater stand als Komödiant auf der Bühne und erhielt sich seinen Humor bis ins hohe Alter. Seit seinem Tod kümmern sich Laura und ihr Bruder um die Mutter. Ihre eigene Familie gibt Laura die nötige Kraft, ihren Tochterpflichten nachzukommen und dem nächsten Treffen mit Muddi positiv gestimmt und mit frischem Mut entgegenzusehen.

Laura Widmann

Mutti geht’s gut

Wahre Geschichten
aus dem Leben einer Tochter

Für alle Töchter dieser Welt …

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Vorwort

Eigentlich geht’s meiner Muddi gut. Weil es ihr aber von Zeit zu Zeit nicht ganz so gut geht und sie ihre Befindlichkeiten auf teilweise recht skurrile Art äußert, möchte ich Ihnen in diesem Buch vom Leben mit Muddi erzählen. Wer weiß, vielleicht entdecken Sie Gemeinsamkeiten mit Ihren Anverwandten, seien es nun Großtanten, Mütter, Großmütter oder andere ältere Familienangehörige, über deren Marotten Sie sich tagtäglich wundern.

Meine Mutter hieß nicht immer Muddi, früher hieß sie Mutti. Die eine oder andere Folge der Fernsehserie Adelheid und ihre Mörder hat mich allerdings vor einigen Jahren davon überzeugt, den Namen ein wenig abzuändern: denn der Running Gag in diesen Fernsehfilmen – die bisweilen eigenwillige, beinah schrullige Art der Mutter, die deren Tochter oft mit Kopfschütteln und Augenverdrehen quittiert – ist genau das, was meine eigene Beziehung mit Muddi prägt. Ich habe viel aus der Fernsehserie gelernt. Unter anderem, dass ich die Äußerungen meiner Mutter gelegentlich einfach ignorieren sollte.

Gisela May pflegte in ihrer Rolle als Film-Muddi Rosa Müller-Graf-Kleditsch mindestens einmal pro Folge zu sagen: »Du sollst nicht immer Muddi zu mir sagen, Adelheid!«, worauf Evelyn Hamann als ihre Tochter stets antwortete: »Is’ gut, Muddi.«

Warum aber habe ich oft das Gefühl, dass mir meine Muddi auf den Geist geht? Zum einen hat es sicher mit dem Umstand zu tun, dass meine Mutter nach dem Tod meines Vaters allein geblieben ist.

Die Witwe an sich befindet sich – je nach Alter und Charakterbeschaffenheit – entweder in einem positiven oder einem im Laufe der Zeit zunehmend negativeren Gemütszustand. Oft wohnen die erwachsenen Kinder nicht mehr in unmittelbarer Nähe, und je größer die Entfernung zum Elternhaus, desto spärlicher ist der Kontakt. Hat die Witwe keinen großen Freundeskreis, beginnt sie zu vereinsamen. Um den Herbst des Lebens dennoch nicht tatenlos zu erleben, bereitet sie ihren Mitmenschen, vor allem den eigenen Kindern, Freude, indem sie die Enkel hütet, die Töchter und Söhne in ausgeprägter Selbstlosigkeit mit Geschenken beglückt und ihr Haus oder die Wohnung pflegt und schmückt, als würde sie ihrem Ehemann noch immer ein gemütliches Heim gestalten wollen.

Der Haken daran ist jedoch bei vielen älteren alleinstehenden Damen, dass sie jede vorgeblich selbstlose Tätigkeit gern in leicht vorwurfsvollem Ton kommentieren. Ihr Leben empfinden sie oft als »sinnlos und öde«, wenngleich meist nur ihr eigen Fleisch und Blut von dieser Tristesse erfährt. Dritten gegenüber stellen diese Muddis ihr Gefühlsleben in der Regel ganz anders dar.

Die Söhne, stärker aber noch die Töchter der »Vereinsamten« bekommen täglich aufs Neue zu hören, dass ihrer Mutter etwas, ja, im Grunde alles fehlt. Am allermeisten die ständige Aufmerksamkeit ihrer Kinder. »Entertainment für Senioren« scheint daher die eigentliche Aufgabe des Nachwuchses zu sein, egal ob die Kinder einen Job haben und eigene Sprösslinge versorgen müssen – ganz abgesehen davon, dass sie vielleicht einen Teil ihrer Freizeit ohne Muddi gestalten möchten.

Kommt Ihnen das bekannt vor? Nun, für mich gehört das jedenfalls zum Alltag.

Hin und wieder ertappe ich mich sogar bei der Frage, ob es für meinen Bruder und mich nicht einfacher gewesen wäre, unseren Vater statt Muddi hegen und pflegen zu müssen. Auch wenn ich mir gern in den schönsten Farben ausmale, wie das wäre, ist es bei Lichte betrachtet natürlich fraglich, ob wir dann alle besser zurechtkämen. Und es gibt auch keine Statistik, nach der zu betreuende Väter im fortgeschrittenen Alter leichter zu handhaben sind als Mütter. Ja, statistisch gesehen gibt es sogar weitaus mehr Witwen als Witwer – aufgrund der höheren Lebenserwartung von Frauen und sicher auch deswegen, weil viele Frauen aus der Generation unserer Eltern mit älteren Männern zusammen waren. Daher hört man seltener von Konflikten mit allein zurückgebliebenen Vätern. Insgeheim erlaube ich mir zwar hin und wieder den Gedanken, dass es mit meinem Vater weniger Konflikte gegeben hätte, verwerfe ihn jedoch stets schnell wieder: Es ist nun einmal, wie es ist.

Und so versuchen mein Bruder und ich beiden Rollen gerecht zu werden: Auf der einen Seite selbst Eltern zu sein, auf der anderen immer noch als Kinder behandelt zu werden. Wobei sich die zweite Rolle fast immer als die schwierigere gestaltet, denn im Umgang mit unserer Mutter erleben wir mitunter noch heute jene heftigen Achterbahnfahrten der Gefühle, wie wir sie in der Pubertät erlebt haben.

Wenn Muddi etwa meint: »Laura, du trägst ja gar kein Unterhemd! Du musst aber ein Unterhemd tragen!«, dann überlege ich tatsächlich, ob sie nicht recht hat. Zumindest im ersten Moment. Weil ich für ein, zwei Sekunden tatsächlich der Sinnestäuschung unterliege, ich sei erst fünf Jahre alt und meine Mutter hätte mich gerade bei einer Missetat erwischt.

Nicht selten schwanken die abstrusen Erlebnisse mit unserer Mutter zwischen Komik und Tragik. Mein Lebensmotto lautet daher: »Lache jetzt, weine später!«

Ich glaube, wenn meine Mutter wüsste, wie mir zumute ist, würde sie mich verstehen und mir vielleicht sogar recht geben. Sie war ja auch nicht immer so wie heute.

Und sollte ich nur einen Hauch ihres Temperaments geerbt haben und Tag für Tag ohne meinen Partner aufstehen, mir alleine Essen kochen und Haus und Garten hüten müssen – vielleicht würde ich mich dann ganz genauso verhalten wie sie. Bei diesen Aussichten kann ich nur darauf hoffen, dass meine Nachkommen mit mir mal genauso viel Geduld haben wie ich mit Muddi …

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1

»Am liebsten würde ich das Haus anzünden und mich gleich mit!«

Seit Tagen geht mir eine Frage nicht mehr aus dem Kopf: Gibt es irgendwo da draußen noch jemanden wie mich – eine Tochter, die manchmal daran verzweifelt, dass sie ihre Mutter ständig betüddeln muss? Und gibt es noch eine Mutter wie meine? Eine Mutter, die un-glaub-lich viel redet und dabei trotzdem oft nichts sagt?

Falls es tatsächlich noch so eine bedauernswerte Tochter wie mich auf diesem Planeten geben sollte: Bitte umgehend bei mir melden! Ich träume nämlich oft davon, mit Leidensgenossinnen eine Selbsthilfegruppe zu gründen. Wenn wir besonders viele sind, wird uns ein namhafter Hersteller vielleicht sogar Papiertaschentücher umsonst liefern. Im Gegenzug kann der Hersteller dann Werbung mit Bildern aus der Selbsthilfegruppe »Muddi macht mich meschugge« (Mumamime) machen, um das extrem hohe Aufsaugpotenzial seiner Tücher zu demonstrieren.

Gerade frage ich mich, ob das nicht die Geschäftsidee wäre. Und lese vor meinem inneren Auge schon die großen Werbebotschaften in BILD, MOPO und etlichen Frauenmagazinen: In riesigen Lettern verkündet dort beispielsweise Tanja S., 41, Tochter von Else, 72, in der neuesten Ausgabe der Tina: »Macht Muddi dich meschugge oft / greif dir ein Tüchlein weich und soft!«, nachdem Else sie mit dem Spruch: »Ich glaube, morgen steh ich einfach nicht mehr auf, Kind!«, einmal wieder an den Rand der Verzweiflung getrieben hat.

Eine andere Anzeige stelle ich mir auch gleich vor. Rita, 79, hat ihre Tochter Beate W., 47, mit der Behauptung frustriert: »Ich brauch meinen Rollator nicht, Kind! Damit sehe ich ja aus wie ’ne Oma!« Neben dem Foto ihrer Tochter prangt nun der Reim: »Macht deine Mutter dich verrückt / ist ein Tüchlein schnell gezückt!«

Aber damit erst einmal genug. Wenn jemand aus der Marketingabteilung eines großen Taschentuchherstellers diese Geschichte liest – ich bin für Angebote offen!

Aber wie komme ich überhaupt auf solche Ideen? Ich will es Ihnen erklären. Donnerstags fahre ich mit Muddi einkaufen. Bei einer Einkaufstour kann man Erfahrungen von unschätzbarem Wert machen. Wenn ein solches Ereignis alle zwei Jahre stattfinden würde, wäre es grandios. Doch leider findet es jede Woche statt.

Wie jeden Donnerstagmorgen lande ich auch dieses Mal nach rund sechzig Kilometern auf Landstraßen und Autobahn am gedeckten Frühstückstisch meiner Mutter. Der Kaffee duftet, ich gebe es zu, verführerisch, und dem frisch gerösteten Toastbrot mit leckerem Aufschnitt kann ich einfach nicht widerstehen. Dabei entwickelt sich schnell eine rege, mitunter hitzige Diskussion über einzelne Familienmitglieder und ihr Gebaren.

Der Kaffee schmeckt köstlich, jagt mir aber bereits nach der dritten Tasse den Herzschlag bis zur Schädeldecke.

Als ich dies zaghaft erwähne, schüttelt Muddi energisch den Kopf. »Koffein?«, sagt sie. »Pah, Laura, doch nicht in meinem Kaffee! Gott bewahre! Das bisschen …«

Ich aber weiß aus Erfahrung: Handgebrühter Filterkaffee ermutigt meine Mutter zu recht großzügiger Pulverdosierung!

Meine Mutter versucht, einige der Haarsträhnen, die sich aus ihrem beinahe vollständig ergrauten Dutt gelöst haben, wieder in das dünne gelbe Gummiband zu stecken, das sie anstatt eines Haarbandes benutzt. Während sie damit beschäftigt ist, sagt sie: »Laura, das Grafenhaus steht jetzt seit sechs Wochen leer. So kann das nicht weitergehen! Der Toilettenabfluss fängt schon an zu riechen. Andauernd muss ich rüber und die Spülung betätigen, damit es nicht noch mehr riecht. Und das mit meinen Knieschmerzen!« Sie lässt von ihrem Dutt ab und reibt sich stattdessen die Kniescheiben. Dabei zieht sie die Schultern hoch, was der Bewegung noch mehr Ausdruck verleiht.

Das »Grafenhaus« heißt deswegen so, weil meine Eltern es seinerzeit von einem waschechten Grafen erstanden haben. Es steht für eine gewisse Vornehmheit, einen Glanz, der mit dem Kauf des kleinen, aber doch recht hübschen Fertighauses aus den Fünfzigerjahren auf meine Familie überging. Im Erdgeschoss bilden zwei große, durch einen weiten Türbogen miteinander verbundene Räume ein großzügiges Wohnzimmer. Eine entzückende Wendeltreppe, die dem Haus das besondere Etwas verleiht, führt in die obere Etage, wo sich das Schlafzimmer befindet.

Das kleine Badezimmer im Erdgeschoss ist schwarz gekachelt. Darin gibt es eine Sitzbadewanne – so etwas war in den Fünfzigerjahren der letzte Schrei. Muddi findet das Bad »ganz zauberhaft und eigentlich ja auch luxuriös«, weil eine der letzten Mieterinnen vergoldete Wasserhähne installieren ließ. Die goldene Farbe blättert zwar inzwischen ein wenig ab, doch das tut Muddis Begeisterung keinen Abbruch. Alles an diesem Haus ist für sie schick und elitär, sogar die Einrichtung: Nachdem der Herr Graf verstorben war, hatte eine seiner Töchter meinen Eltern seinen mit Nussbaumholz furnierten Sekretär überlassen. Meine Mutter schwebte danach wochenlang zwei Zentimeter über dem Boden, so als wäre sie dadurch selbst geadelt worden. Ich freute mich etwas zeitverzögert, denn nach längerem Untersuchen des Möbelstücks entdeckten wir in einem Geheimfach Briefe der Schwester von Friedrich Engels sowie getrocknete Blumen von Theodor Körners Grab und Gedichte des Autors. Manchmal lohnt es sich doch, vermeintlich unnützen Nachlass anzunehmen. Und sei es nur, um Geschichte in den Händen zu halten oder sich an einfachen Freuden vergangener Epochen wie dem Sammeln getrockneter Blüten zu ergötzen.

Mieter waren gekommen und gegangen, nachdem meine Eltern das Haus gekauft hatten. Die letzten waren vor rund sechs Wochen ausgezogen. Nachdem meine Mutter das Neuvermietungsproblem zunächst verdrängt hatte, kommt es ihr just an diesem Donnerstagmorgen in den Sinn, dass es angepackt werden muss. Und zwar sofort!

»Ich muss eine Annonce aufgeben«, jammert sie. »Oh Gott, wie ich so was hasse! Am liebsten würde ich das Haus anzünden und mich gleich mit!«

Diese Übertreibung – so denkt zumindest meine Mutter – weckt in ihrer Tochter sofort den Beschützerinstinkt. Und Muddi erwartet, dass ich ihr als gute Tochter nun alle Unannehmlichkeiten abnehmen werde. Früher hätte ich das auch getan. Mittlerweile aber lehne ich mich in solchen Situationen zurück und warte einfach ab. So auch heute. Dies hat sich als gute Strategie erwiesen, denn schon versucht Muddi, das Problem eigenständig zu lösen. Selbstverständlich seufzt sie zuvor noch einmal laut, rollt mit den Augen und zieht gekonnt eine Augenbraue hoch.

»Was schreib ich da denn rein, Laura? Ich will auf gar keinen Fall, dass die Leute Kinder haben. Und Haustiere auch nicht.« Sie nickt energisch, um ihren Worten mehr Nachdruck zu verleihen. »Und am besten ist es, wenn sie berufstätig und den ganzen Tag weg sind. Zu jung dürfen sie natürlich auch nicht sein, sonst wollen sie ständig feiern.«

Ich will etwas sagen, denn mein Mann und ich zählen uns noch nicht zum alten Eisen – trotzdem feiern wir nicht wie die Weltmeister. Aber Muddi ist so in Fahrt, dass sie sich nicht unterbrechen lässt.

»Ha!«, ruft sie. »Und dann sitzen sie auf der Terrasse und hören laute Musik, laden fünfzig Freunde ein und grillen! Dann riecht alles nach Grillfleisch und ich komm gar nicht mehr zur Ruhe!«

»Muddi«, sage ich in dem Versuch, meine Mutter zur Räson zu bringen, »du willst doch keine Scheintoten in deinem Haus haben. Sonst kommen die nach zwei Jahren auf die Intensivstation und du musst wieder neue Mieter suchen.«

Mir fällt auf, wie fest ich davon überzeugt bin, dass meine Mutter ihre Mieter überlebt. Wahrscheinlich liegt das daran, dass sie geistig äußerst rege ist. Ja, manchmal glaube ich sogar, Muddi überlebt uns alle – sogar ihre Enkel, die noch nicht einmal geboren sind.

Ich esse noch ein Toastbrot mit Krabbensalat »Sylter Art«. Als ich den letzten Bissen in den Mund schiebe, stellt Muddi fest, dass es bereits zwölf Uhr dreißig ist. Wie es in meiner Familie so oft der Fall ist, wird ein dringendes Problem verdrängt – wir vertagen die Vermietungsproblematik auf unbestimmte Zeit.

Nach dem Frühstück begeben wir uns auf den Weg ins Einkaufsparadies von Buxtehude. Damit nimmt ein Ritual seinen Lauf, das mich sehr an den Film Und täglich grüßt das Murmeltier erinnert. Mit der Ausnahme, dass es mich nur jeden Donnerstag grüßt.

Allein die Autofahrt mit meiner Mutter stellt eine echte Herausforderung dar: hinhören, weghören, antworten, über seltsam verdrehte Gesprächsbrocken nachdenken und versuchen, einen Sinn darin zu entdecken – manchmal komme ich mir vor, als wenn jemand meine Fähigkeiten zum Multitasking testet. Denn zeitgleich muss ich immerhin auch noch Gas geben, bremsen, kuppeln, die Verkehrslage überblicken, trotz der Ablenkung nicht auf den blauen Renault vor mir auffahren …

Seit geraumer Zeit habe ich insgeheim ein kleines Spiel entwickelt, um die Autofahrten mit Muddi unbeschadet zu überstehen. Ein Zählspielchen. Ich tue so, als ob ich aufmerksam ihren Erzählungen lausche und zähle dabei langsam die Sekunden, die zwischen dem zuletzt gesprochenen Wort und dem Anschneiden eines komplett neuen Themas verstreichen.

Dieses Spiel betreibe ich seit gut acht Jahren – und seitdem hat sich das Ergebnis nicht wirklich verändert. Ich komme beim Zählen nie über zehn.

»Laura, hast du die Dicke da gesehen? Ist ja einfach unglaublich, wie viele dicke junge Frauen hier herumlaufen!«

Eins, zwei, drei …

»Ich hab dem Gärtner gesagt, dass er nächste Woche unbedingt noch mal den Rasen mähen muss. Wie sieht denn das sonst aus bei mir?«

Eins, zwei, drei, vier …

»Mit meinen Papieren komm ich auch nicht mehr klar. Ich glaub, du musst mir mal wieder beim Sortieren helfen.«

Eins, zwei, drei …

»Das ist ja furchtbar, dass der Sohn vom Fuchsberger ertrunken ist! Auch wenn er schon über fünfzig war, es ist und bleibt sein Kind

Eins, zwei, drei, vier, fünf (!)…

»Von mir aus kann die Welt 2012 ruhig untergehen, bis dahin hab ich mich sowieso erhängt.«

Eins, zwei, drei, vier, …

»Am besten ist, ich spreng vorher noch das Haus in die Luft.«

Eins, zwei, drei …

»Deine Finger sind schon ganz dünn, Laura! Du hast zu viel abgenommen. Das ist einfach nicht gesund

Eins, zwei, drei …

»Und gestern hab ich ’ne Dose Ravioli vom März 1999 weggeworfen. Stand ganz hinten im Regal.«

Sie haben sicher bereits verstanden, wie das Ganze abläuft. Die Pausen zwischen den Monologen betragen niemals, never, jamais, nie, nie und nochmals nie mehr als fünf Sekunden! Und was könnte da helfen? »Im Handschuhfach ein Kleenex ruht / steck’s dir ins Ohr und es ist gut!«

Inzwischen haben wir den Supermarktparkplatz erreicht. Wir steigen aus, und ich rauche verzweifelt noch eine letzte Zigarette am Auto, bevor wir zu den Einkaufswagen gehen. Ja, ich bin so frei – und so dämlich: Ich rauche noch immer, weil ich den Nikotinkick brauche. Dafür ertrage ich den nun folgenden Redeschwall meiner Mutter, die mir wieder mal in vorwurfsvollem Tonfall erzählt, was sie über die schlimmen Folgen des Rauchens in BILD der Frau gelesen hat. Die bringen anscheinend wöchentlich irgendeine Horrormeldung zu diesem Thema.

Nach fünf Minuten ist es überstanden. Muddi kramt – wie jeden Donnerstag – minutenlang in ihrem Portemonnaie herum, nachdem sie zuvor bereits die zehn Innenfächer ihrer Handtasche durchwühlt hat, und sucht nach dem Einkaufschip. Genau. Sie hat einen von genau diesem Supermarkt!

»Muss es denn der grüne Chip sein, Muddi? Die passen doch alle. Oder nimm einfach eine Münze …«

»Nee, Laura, den hab ich hier extra der Tante an der Information abgeschwatzt. Außerdem passt der Chip vom ALDI hier nicht. Da irrst du dich gewaltig!«

Ich weiß, Muddi, er hat ja auch letzten Donnerstag nicht gepasst.

»Ja«, wage ich einzuwerfen, »aber die anderen von Kaufland, REWE, Penny und Lidl, die passen doch! Die stecken alle in deinem Portemonnaie! Da musst du doch nicht stundenlang herumwühlen.«

Meine Mutter sieht mich mit einer Mischung aus Hochmut und Mitleid an. »Laura – misch dich da nicht ein! Das hab ich immer so gemacht, und das mach ich auch heute so. Ich bin doch wohl noch ein eigenständig denkender und handelnder Mensch! Hört sich ja so an, als wolltest du mich entmündigen …«

Gott, bewahre! Dann müsste ja jemand anders meinen Job übernehmen! Ein Betreuer für Muddi? Wo sollte ich den denn finden? Und wenn ich einen fände, was müsste ich ihm dann im Gegenzug für seine Dienste anbieten?

An manchen Tagen bin ich schneller als sie und stecke in Windeseile eine Euromünze in das Wagenschloss. Das enttäuschte Gesicht, mit dem sie die verlorenen Minuten aufgeregten Herumkramens quittiert, sollte ich mal mit meinem Handy filmen und bei YouTube reinsetzen. Ich bin mir sicher: Millionen von Töchtern würden diesen Link anklicken und mich auf einen Schlag reich und berühmt machen.

Nun rollen wir den Einkaufswagen zum Eingang. Wie jede Woche regt sich Muddi über den Hubbel auf, den die »Leute vom Kaufmarkt« immer noch nicht ordnungsgemäß beseitigt haben. Jeden Donnerstag muss sie über diesen Hubbel fahren – extrem anstrengend ist das! Aber die Kundschaft ist denen ja völlig egal! Da geben sie einen Dreck drauf! Die Kunden bringen denen ihren Milliardenumsatz. Trotzdem haben sie es nicht nötig, den Hubbel zu entfernen!

Genau das hat Muddi dann auch vor drei Wochen dem netten Wagenschieber auf dem Parkplatz gesagt. Der junge Mann war so höflich oder dickfellig, dass er die Beschwerden meiner Mutter mit unverwüstlichem Lächeln und Nicken hinnahm.

»Laura«, sagt Muddi in Erinnerung daran, »das ist wirklich eine bodenlose Frechheit, dass die den Hubbel noch immer nicht weggemacht haben! Dabei hab ich es doch neulich extra noch diesem netten jungen Mann gesagt! Freundlich war er ja, aber er hat bestimmt die ganze Zeit gedacht: Was will die Olle von mir? … Ach Laura, mir hört ja sowieso keiner mehr zu!«

Nachdem der Hubbel überwunden ist, bleibt Muddi im Eingangsbereich des Supermarktes stehen und bewundert – wie jede Woche – das Blumenmeer im Schaufenster des Franchise-Pflanzengeschäfts, das sich hier eingemietet hat. Versonnen kommentiert sie: »Hach, ich könnte das einfach alles kaufen!« Aber wie jede Woche kauft sie auch heute nichts.

Am Mister-Minit-Stand erzählt sie mir im Flüsterton, dass der hiesige »Mister« unglaublich unhöflich und vorlaut sei. Mein Vater hätte ihn deshalb bei jedem Einkauf ganz besonders freundlich gegrüßt, um ihm zu zeigen, wie unmöglich er sich verhielt. »Er hat versucht, dem Mann mit einem Lächeln die Flausen auszutreiben«, sagt sie triumphierend.

Als wir schließlich im Einkaufsbereich des Supermarktes ankommen, beginnt meine eigentliche Leidenszeit. Ich frage mich jede Woche aufs Neue, wie dieses Buch hieß, das uns moderne Menschen dazu aufforderte, in unserem hektischen Leben einen Gang runterzuschalten. Eine solche Verlangsamung, so die These, würde uns so manchen Herzinfarkt, einen fünften Schlaganfall oder eventuell auch die allseits gefürchtete Schuppenflechte ersparen … Einer der Sätze, die mir besonders im Gedächtnis hängen geblieben sind, lautete: »Ruht deine Seele, so ruhen deine Haut, dein Herz und auch deine Adern!«

Muddi muss die Langsamkeit nicht mehr für sich entdecken, zumindest nicht beim Einkaufen. In dieser Kunst ist sie eine Meisterin, eine wahrhafte Göttin.

»Laura, ich geh schon mal zu den Zeitschriften, dann muss ich nachher nicht so lange nach den Heften suchen!«

Jede Woche sagt sie das, und stets versuche ich, einen tieferen Sinn in ihren Worten zu entdecken: Ob nun jetzt oder später – wo ist da der Unterschied? Sie wird auf jeden Fall eine gefühlte halbe Stunde lang sämtliche Zeitschriften, die sie optisch ansprechen, in die Hand nehmen. Die ersten zwanzig Hefte legt sie dann nach längerem Betrachten und Überfliegen der ersten zehn Seiten kopfschüttelnd und mit einem seltsam entsetzten Gesichtsausdruck wieder ins Regal zurück. Und zuletzt entscheidet sie sich genau für die Blätter, die sie ohnehin jede Woche kauft: Frau aktuell, Tina, BILD der Frau. Das war’s.

Na ja, nicht ganz. Manchmal wählt sie außerdem ein elitäres Homes and Gardens-Magazin aus, das sie mir erst einmal leiht. Ich bringe es ihr dann später zurück.

Seit Längerem schon lese ich diese Zeitschriften allerdings gar nicht mehr, denn ich habe im Laufe der letzten zwanzig Jahre in regelmäßigen Abständen so viele ähnliche Magazine von ihr bekommen, dass ich weiß: Es lohnt sich nicht, Zeit mit der Lektüre zu verschwenden. Die Texte und Bilder gleichen sich stets. Ein in Handleinen eingewickeltes Haushaltsbuch wird jedes Jahr neu als ultimativer Bastelvorschlag serviert. Und in meiner unmittelbaren Nachbarschaft liegen sowieso keine Homes und Gardens.

Nachdem wir den Heftkauf erfolgreich erledigt haben, lasse ich meine Mutter mit dem Einkaufswagen hinter mir und gehe gezielt durch den Laden. Schnell finde ich mein Haarspray für trockenes Haar mit Splissbildung und das Shampoo gegen Alterserscheinungen für das Haar ab vierzig.

Nach einer guten Viertelstunde habe ich meinen Einkauf erledigt und begebe mich auf die Suche nach Muddi. Zuletzt habe ich sie im mittleren Teil des Marktes gesehen, etwa in Höhe der Regale mit den Buttertoast-Packungen. Nach meinen Schätzungen müsste sie nun ungefähr zwei Reihen weiter sein, also in etwa bei den Mixed Pickles. Aber dort ist sie nicht.

Ich suche weiter. Sollte sie heute schneller sein als gewöhnlich? Hat sie womöglich ihren Einkaufszettel zu Hause vergessen und sich in den Gängen verlaufen? Auch am Kühlregal finde ich sie nicht.

Langsam werde ich ungeduldig. Mein Magen grummelt vor Hunger, und Wasser lassen müsste ich inzwischen auch. Da entdecke ich Muddi endlich – sie befindet sich wieder am Anfang unserer Einkaufsstrecke, beim Tchibo-Regal. Da war ich vorhin auch, um Zeit zu sparen und Muddi daran zu hindern, genau das zu tun, was sie jetzt augenscheinlich tut.

Aus sicherem Abstand beobachte ich sie. Sie hat ihre Lesebrille aufgesetzt und sucht nach dem Haltbarkeitsdatum auf der Kaffeepackung, so wie sie es bei jedem Lebensmittel macht. Wir kaufen nie besonders viel ein, aber sie legt trotzdem großen Wert darauf, dass ihre Essensvorräte mindestens drei Monate haltbar sind, besser noch drei Jahre.

Ich habe eine Vision, sehe Bilder in HD-Qualität vor mir: Der Winter in diesem Jahr dauert bereits zwölf Monate an. Sie ist von der Außenwelt abgeschnitten. Vor dem Hungertod bewahrt sie nur eines: der eigene Supermarkt im Keller ihres Hauses. Und es ist nicht nur ein einfacher Laden! Nein! Sie beherbergt dort einen wahren »Mega-Markt« – mit Regalen voller Lebensmittel, Klopapier und Pflaster. Dazu hortet sie in einem überquellenden Arzneischrank tonnenweise Aspirin und Magentabletten. Die Nachbarn, die ganze Straße, ach, sogar der gesamte Stadtteil, in dem sie wohnt, würde sich durch einen Schneesturm – auf Kufen, mit Schneeschuhen, Kind und Kegel im Gepäck – zu ihr durchschlagen, um Hilfe zu suchen. Denn alle wissen: Hier wohnt die Frau, die in guten Zeiten für genau solche Katastrophen vorgesorgt hat! Später werden diese Leute dann zum Dank ihren zwanzig Jahre alten maroden Durchlauferhitzer reparieren oder den Teppich im Flur neu verlegen.

Das ist der eigentliche Grund für ihr langsames, sorgfältiges Einkaufen – und für die akribische Überprüfung des Haltbarkeitsdatums auf allen Lebensmitteln!

Und ich sehe sie beinahe schon vor mir, die dankbaren Nachbarn, auf allen vieren die PVC-Ware verlegend, die Muddi sich für ihre Küche gewünscht hat. Zwei junge Frauen, die sich aus Muddis Regal Pomps-Kindergries nehmen durften, putzen mit Elan das Fensterbrett – nicht ohne vorher die zwölf Alpenveilchentöpfe beiseitegestellt zu haben, die meine Mutter vor dem Velux-Fenster angesammelt hat!

Ein soeben spontan gebildeter gemischter Chor – bestehend aus vier Kleinkindern (Muddi hat ihnen im Wintersturm den sehnlichen Wunsch nach Lollis erfüllt), drei Opas an Krückstöcken (sie gab ihnen einige Flaschen ihres Merlots, Jahrgang 1987, sowie Zahnprothesentabs) sowie Muddis Gärtner (den sie mit fünf Flaschen Bier und Kaiser Natron versorgt hat) – singen voller Inbrunst:

»Du bist das Rettungsboot auf meinem Ozean!

Du bist der Wirbelsturm in meinem Wasserglas!

Du bist in meiner Winterzeit der Sonnenstrahl!

Merci, dass es dich gibt!«

Ich werde abrupt aus der Fantasie gerissen, als Muddi mich mit einem ungeduldigen Blick am Ärmel zieht.

»Kommst du endlich?«, fragt sie. »Das dauert ja mal wieder ewig, mit dir einkaufen zu gehen.«

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2

»An Waffen kommt man hierzulande nicht so leicht ran.«

Der nächste Donnerstagmorgen, und ich sitze wieder bei Muddi am Esstisch, trinke Kaffee und esse Toastbrot mit Krabbensalat. Das mache ich jede Woche. Zu Hause verzichte ich auf Krabben, weil Lazlo, mein ungarischer Gatte, Meeresfrüchte eklig findet. In einer Beziehung muss man Kompromisse eingehen. Und das tun wir beide: Ich esse kaum Fisch, dafür isst mein Mann inzwischen Vollkornbrot, obwohl er im Grunde seines Herzens viel lieber Weizenmehlprodukte zu sich nehmen würde – ohne Ballaststoffe und rundum ungesund.

Diese »Vorliebe« hat er sogar erfolgreich an seinen Sohn Tibor weitergegeben. Tibor, Laszlos Sohn aus erster Ehe, hat inzwischen eine eigene Wohnung, führt dort die Tradition fort, Schwarzbrot zu verschmähen – im Brotkasten finden sich lediglich Toastbrot und Milchbrötchen.

Der Ungar an sich kennt ja kein Schwarzbrot. Erst wenn Ungarn die Grenzen zu ihren Nachbarländern überschreiten, entdecken sie, dass es anderswo – vor allem aber in Deutschland – eine Unmenge von Brotsorten gibt. Manche freunden sich damit an, andere nicht. Meinem Mann sind Körner noch heute zutiefst suspekt. Vor allem, wenn sie in der Brotscheibe mit bloßem Auge noch erkennbar sind. Er sieht sich die Getreidesamen durch seine Lesebrille an und verzieht das Gesicht, sodass man beinah vermuten könnte, Laszlo habe Angst vor Roggenkörnern. Und zwar vor jedem einzelnen …

Die Packung Krabbensalat ist inzwischen leer, doch Muddi spricht noch immer über Margot, ihre langjährige Freundin. Margot war früher einmal eine wunderschöne Frau. Auf alten Fotos blickt einen eine dunkelhaarige, verführerisch wirkende Frau mit markanten Gesichtszügen an. Ihre Züge haben sich im Laufe der Zeit kaum verändert, lediglich das Haar ist mittlerweile schlohweiß geworden. Noch heute – Margot ist mittlerweile sechsundachtzig Jahre alt – sieht man, dass sie mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein gesegnet ist.

Margot ist unglaublich korrekt. Ansagen werden gemacht und immer eingehalten. »Ich bin morgen um 11 Uhr 30 bei dir«, sagt sie beispielsweise, und schiebt nach: »Kannst dich ja vorher schon schminken und anziehen.« Und damit steht fest, dass Margot am folgenden Tag weder um 11 Uhr 29 noch um 11 Uhr 31 bei Muddi ist, sondern Punkt 11 Uhr 30 an der Haustüre klingelt. Und genauso sicher wie Margots pünktliche Ankunft ist, dass Muddi sich darüber bei mir beschwert. »Das macht mich wahnsinnig, Laura! Die ist auf die Sekunde pünktlich! Ich hatte noch nicht einmal meinen Lippenstift nachgezogen, da stand Margot vor der Tür. Sag mal, wieso muss sie immer um Punkt zwölf Uhr Mittag essen?«

Ich antworte dann für gewöhnlich: »Weil Margot einen strukturierten Tagesablauf hat! Und das schon seit rund fünfzig Jahren. Und weil sie beschlossen hat, daran auch dann nichts zu ändern, wenn sie als Witwe allein in ihrer Seniorenwohnung lebt.«

Auf die Feststellung, dass ihre beste Freundin weitaus organisierter ist als sie, reagiert meine Mutter jedes Mal mit Unmut: Sie stößt ein langgezogenes »Pfft …« aus und zuckt mit den Schultern.

Die Freundschaft zwischen Margot und meiner Mutter besteht schon sehr lange. Genauer gesagt, seit dem Zeitpunkt, als ihre Männer sich kennengelernt hatten. Mein Vater hatte Margots Mann einen Golf verkauft. Sie stellten fest, dass sie den gleichen Humor teilten, stundenlang über vergangene Zeiten plaudern konnten und auch sonst ähnliche Vorlieben hatten. Schon bald unternahmen die Paare immer mehr zusammen, sahen sich regelmäßig und feierten auch stets gemeinsam.

Während ich nun also an Muddis Eichentisch mit Marmorplatte sitze, genüsslich von meinem Brot abbeiße und den Worten meiner Mutter lausche, wechselt sie wieder einmal unvermittelt das Thema.

»Du, Laura, die Margot und ich, wir haben gestern überlegt, wie wir uns das Leben nehmen können, ohne großartig leiden zu müssen. Aber es ist uns keine richtig gute Lösung eingefallen. An Waffen kommt man hier leider ja auch nicht so leicht ran.«

Ich kann kaum fassen, was ich da gerade im Plauderton zu hören bekomme. Doch weil ich meine Mutter kenne, atme ich erst einmal durch. »Nee, Muddi«, sage ich dann gefasst, »aber in Ohio, da würdest du vermutlich mit Margot in einen Armyshop gehen, dir eine Magnum 45 aus dem Regal reichen lassen und dann zu Hause – nach dem dritten Stück Sachertorte mit Sahnehäubchen – zuerst Margot einen Kopfschuss aus nächster Nähe verabreichen und anschließend dir selbst das Gehirn wegpusten.«

Muddi steht deutlich ins Gesicht geschrieben, dass sie mit mehr Entsetzen gerechnet hat. Sie zuckt lediglich mit den Schultern und schweigt.

Man stelle sich das mal bildlich vor: Eine Endsiebzigerin und eine Mittachtzigerin sitzen im Lichterschein des vergoldeten Kristallleuchters auf dem geblümten Sofa zwischen den mit Kreuzstich bestickten Couchkissen und begehen den ultimativen Doppelselbstmord.

Ein solcher Abgang wäre ganz nach dem Geschmack meiner Mutter! Allein der Gedanke daran, was die von Schuldgefühlen geplagten Hinterbliebenen nach dem Entdecken des Suizids sagen könnten, regt ihre Seniorenfantasie mächtig an: »Wir haben nie erkannt, wie viel Muddi geleistet hat. Wir haben nie sehen wollen, wie sehr sie litt! Und wir haben viel zu wenig für sie getan!«

Außerdem weiß ich genau, dass Muddi in Gedanken bereits die RTL-Nachrichten vor sich sieht: »Z

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