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Mutti allein zuhaus

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. 1 - Ab wann kann man Mütter auch mal alleine lassen?
  8. 2 - Wie (mein) Familienleben wirklich ist
  9. 3 - Vom Ersten, der auszog …
  10. 4 - Macht ist geil
  11. 5 - Ab heute wird zurückgeschrieben
  12. 6 - Igitt, sie haben Sex!
  13. 7 - Au pair
  14. 8 - Das Tier in mir
  15. 9 - Keine Pubertät ist auch keine Lösung
  16. 10 - Tattoo you
  17. 11 - Hauptsache, sie ist wieder da
  18. 12 - Lebst du noch oder bewirtest du schon?
  19. 13 - Nachruf aufs Vorbild
  20. 14 - Schwangerschaftstest
  21. 15 - Ich bin hier Gast!
  22. 16 - Downshifting
  23. 17 - À la mode
  24. 18 - Lachende Erben
  25. 19 - Es könnte schlimmer sein
  26. 20 - Entschuldigung!
  27. 21 - Ehrgeiz macht einsam
  28. 22 - Hier! Für dich!
  29. 23 - Sentimental journey
  30. 24 - Hallihallo
  31. 25 - Mama ist die Best(i)e
  32. 26 - Und was machen deine so?
  33. 27 - Reingefallen!
  34. 28 - Nils zieht aus
  35. 29 - Kinder-Kriegerinnen
  36. 30 - Mutti (glücklich) allein zu Haus
  37. 31 - Mutti plus

Über die Autorin

Lotte Kühn, geboren 1960, ist alleinerziehende Mutter von vier Kindern und freiberufliche Journalistin. Sie veröffentlichte unter anderem den Bestseller Das Lehrerhasserbuch und Mutti packt aus. Regelmäßig wird sie als Expertin in Sachen Erziehungsfragen in den Medien zu Wort gebeten. Sie schreibt Artikel und Glossen über Themen aus dem Familienleben und Erziehungsalltag u. a. für die Zeitschriften Psychologie heute und Berliner Morgenpost.

Lotte Kühn

Mutti allein zuhaus

Vom Leben mit nestflüchtigen Kindern

Anna-Maria herzlich zugeeignet.

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1

Ab wann kann man Mütter auch mal alleine lassen?

Das ist eine sehr gute Frage, mit der sich leider kein Kinderratgeber befasst. Wohin man auch schaut: »Jede Mutter kann schlafen lernen« – »Du und deine Mutter« – »Die Kunst der Kindesliebe« und, und, und. Aber über diesen heiklen Punkt schweigen die Experten sich aus.

Natürlich war ich auch früher schon mal allein zu Haus. Die täglich wiederkehrende Gunst der Stunden zwischen dem Abschied des letzten und der Heimkehr des ersten Schulkindes wusste ich durchaus sinnvoll zu füllen. Aber auch rein zufällig war ich plötzlich manchmal kinderlos auf Zeit, weil sie alle verabredet waren. Wenige Male auch mit zahnärztlicher Präzision und krimineller Energie geplant, weil ich eine Verabredung hatte, für die ich die chaotische Spielhölle für ein paar Stunden in eine Wohnung nur für Erwachsene verwandeln wollte. War das schön! Ein reifes Entgleisen, ein genüssliches Verwahrlosen, wenn sie alle vier auf Klassenfahrt waren. Kein regelmäßiges Essen mehr, schon gar kein gesundes. Alle Disziplin, zu der sie mich genötigt haben, im Nu abgeschüttelt.

Aber jetzt bin ich immer öfter und immer länger allein zu Haus. Denn kaum haben sie das Abi in der Tasche, wollen sie weg. Während ich noch in routiniertem Selbstzweifel überlege, ob das jetzt heißt, dass ich alles richtig oder aber dass ich alles falsch gemacht habe, ziehen sie einfach aus. Nick zieht nach Steglitz, Elise nach Texas. Charlotte will nach dem Abitur im nächsten Jahr zuerst nach Indien zu den Buddhisten ziehen, um Weisheit zu suchen, sagt sie, und danach zu den Indianern nach Amerika, um Weisheit zu leben. Und Leander? Als ich ihn frage, verdunkelt sich sein Blick: »Keine Ahnung«, sagt er, und sofort keimt eine vage Hoffnung in meinem Herzen, wenigstens er möge noch ein wenig länger als unbedingt nötig im Nest hocken bleiben. Er! Mein Jüngster! Mein letztes Baby! Mein Schlürschluck auf dem Weg ins Klimakterium. Die Wonne meines Herzens, die Freude meines Alltags!

Nix da. »Hauptsache weg«, sagt er.

Kriege ich zum Geburtstag endlich die x-Box, die ich mir jetzt schon so lange wünsche? Bin ich eigentlich das Lieblingskind? Warum kann nicht immer Weihnachten sein? Und was gibt’s zum Mittagessen? In jedem Alter stellen sich Kinder viele besorgte Fragen. Aber warum fragen sie sich eigentlich nie, während sie einfach so ausziehen, ab wann sie ihre Mutter allein lassen können?

Mütter tun das: Sie zermartern sich das Hirn, ob sie das Baby zehn Minuten allein in der Wohnung lassen können, um schnell noch ein Brot zu kaufen. Sie sterben tausend Tode beim Anblick des Notarztwagens und der Feuerwehr in der Nähe der eigenen Haustür, wenn sie nach einem feucht-fröhlichen Abend in ihre Straße einbiegen und sich ohnehin schon schuldig fühlen, weil sie ihre Kinder mit einem Babysitter allein gelassen haben. Mütter halten ihre Handys stets auf Empfang, weil immer ein Kind in Not sein könnte, das Katastrophennachrichten simst. Sie lesen Bücher, die verraten, woran man erkennen kann, dass das Kind reif für den Kindergarten/die Schule/das erste Bier/die erste Liebe ist. Sie besprechen mit anderen Müttern, wann der richtige Zeitpunkt für all die ersten Male gekommen ist, das Kind allein zu lassen. Kinder tun das nicht. Kinder ziehen aus, wenn sie es für richtig halten. Dabei könnten sie die Zeichen leicht erkennen, die ihnen verraten, wann die Mutter in ihrer Entwicklung so weit ist.

Erste zaghafte Schritte in Richtung Unabhängigkeit und eigener Interessen an kinderfreien Betätigungen zeigen sich nämlich schon früh. Lange bevor die Mutter sich anschickt, das sich leerende Nest mit neuem Leben zu füllen, sich einen Hund anschafft, sich neu zu verlieben versucht oder aber sich anschickt, an der bestehenden Beziehung zu arbeiten, vielleicht plötzlich mit ihrer Freundin einen Tango-Kurs besucht, Pilates übt, sich im Fitnessstudio anmeldet und auf einmal Französisch lernen will, hat sie sich vielleicht schon beim Zeitunglesen oder beim Reden mit Erwachsenen nicht mehr unterbrechen lassen oder hin und wieder schon mal einen Ansatz von Privatsphäre behauptet, selbstständig eine Verabredung getroffen und ist über Nacht weggeblieben.

Kinder übersehen diese wichtigen Entwicklungsschritte leicht. Dabei zahlt es sich immer aus, wenn Kinder ihren Müttern nahe sind und wissen, was sie ihnen zutrauen können und was (noch) nicht. Wenn Kinder schon früh den Eindruck gewinnen konnten, dass die Mutter überschaubare Zeitspannen übersteht, ohne dass ihre Kinder um sie herum sind, könnten sie nämlich auch leichter gehen.

Eine Mutter großer Kinder ist genau genommen eine alte Mutter junger Erwachsener mit unübersehbar wachsender Tendenz zur Entbehrlichkeit. Sicher bleiben die Mutter-Kind-Bande erhalten, doch die Angelegenheit gerät immer mehr außer Kontrolle. Alles schreit nach Veränderung – aber wie die nächste Stufe der Muttation erklimmen? Mutti steht allein zu Haus wie der ratlose Viertklässler vor der Matheaufgabe: Versuche spielerisch einen eigenen Weg zur Lösung zu finden. Und der Begriff »Lösung« birgt einen gefährlichen Doppelsinn. Es geht um Ablösung, Loslösung und Loslassen. Wo doch das Zusammenwachsen schon nicht so einfach war – wie soll jetzt das Lösen halbwegs glimpflich über die Bühne gehen?

In jedem von uns steckt ein gutes Stück Peter Pan. Immerhin schließen wir mit einem wichtigen Kapitel unseres Lebens ab, wenn wir keine »jungen Mütter« mehr sind, wenn wir unsere Kinder groß werden und zur Schule gehen lassen, wenn wir Töpfchen, Kinderstuhl und Strampelhosen weggeben oder all den Krempel verschämt auf Enkel hoffend im Keller horten.

Das Leben mit neugeborenen Babys und atemberaubend schnell wachsenden verrückten Kleinkindern war eine aufregende, ermüdende Reise, manchmal langweilig, manchmal nervenaufreibend, manchmal angsterfüllt, aber immer wundervoll. Etwa so wie eine Atlantiküberquerung oder das Durchwandern eines undurchdringlichen Regenwaldes. Und wie immer, wenn eine große Reise zu Ende geht, überkommt uns ein Gefühl der Traurigkeit und des Verlustes – und die Erkenntnis, dass wir älter geworden sind. Das Leben mit größer werdenden Kindern ist in vieler Hinsicht, im Gefühlsbereich und intellektuell gesehen, viel anspruchsvoller. Die Kinder werden groß, und wir Eltern stellen die nutzlose Vergangenheit dar.

Wie man Kinder aufzieht, beschützt und festhält, nicht, wie man einander entkommt und neu begegnet, sind die beherrschenden Familienthemen unserer Kultur. Dabei neigen auch wir Älteren dazu, stets die Warte der Jüngeren einzunehmen. Alles Recht, aber auch alle Not scheint auf ihrer Seite zu liegen. Selbst Dichter werden zu Parteigängern: Ob ihre Helden nun Holden Caulfield, Werther oder Törless heißen, die Leiden der Heranwachsenden scheinen uns näher zu sein als die ihrer Eltern – als dürften Eltern nicht zugeben, dass es schwerfällt, die Kinder loszulassen. Eltern leben mit der gesellschaftlichen Erwartung, das alles ganz großartig und reibungslos zu absolvieren. Sie neigen dazu, ihr eigenes Verständnis für die Ansichten, Lebensweisen und Entscheidungen ihrer Kinder zu überschätzen, und sind enttäuscht, wenn Kinder es ihrerseits an Verständnis für die Gefühle ihrer Eltern mangeln lassen. Wer hat noch nie einen Vater schmollen sehen, weil sein Sohn nicht mit ihm spielen wollte? Oder eine Mutter, die ihre Tochter um die unbeschwerten Nächte auf dummen Teenagerpartys beneidet? Ganz zu schweigen von einer, die eine andere im Supermarkt trifft und über der Schilderung des nunmehr komplett ausgeräumten Kinderzimmers in Tränen ausbricht?

Hat man je ein Kind sagen hören: »Oh, es war mein schönstes Weihnachtsgeschenk, als Mama zur Marketing-Direktorin befördert wurde. Ihre Karriere ist mir so wichtig!«, oder: »Ich bin ja so froh, dass Papa endlich eine Frau gefunden hat, die ihn so liebt, wie er ist, und nicht versucht, ihn umzuerziehen!«?

Für die Aufgabe des Loslassens gibt’s keine Anleitung und keinen Banknachbarn zum Abschreiben, nicht mal eine Selbsthilfegruppe für verlassene Mütter, die sich »Anonyme Melancholikerinnen« nennt – und deshalb erzählt Mutti allein zu Haus von einer gefährlichen, gottserbärmlichen, hochkomischen und in manchen Etappen auch todtraurigen Expedition auf der dunklen Seite des Mondes. Familie ist nichts für Feiglinge – sie ist zum Schreien komisch und zum Heulen schön. Und sie ist, machen wir uns nichts vor, ein Fest: Eine Familie zu haben ist, wie eine Party zu geben. Entweder kann man eine wohlgeordnete Einladung zum Essen aussprechen, mit perfekt gedecktem Tisch und Einladungen, auf denen »um Antwort gebeten« wird. Oder man kann einfach sein Haus allen öffnen, alle willkommen heißen, die auftauchen, und den Abend genießen.

Als Lebensphilosophie kommt das vielleicht etwas schlicht daher, aber die Würde kann man dieser Einstellung nicht absprechen. Die Idee, die Familie als großes Fest zu sehen, zu dem der liebe Gott oder das Schicksal die Gäste schickt, hat etwas für sich. Und Gäste machen doppelt Freude: Wenn sie kommen und wenn sie gehen.

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2

Wie (mein) Familienleben wirklich ist

Jäh wird die Tür aufgerissen, hinter der ich mich verschanzt habe, um mal wieder meinen Spaß mit meiner Arbeit zu haben, wie böse Kinderzungen das nennen. Dabei will ich nur einen klitzekleinen Artikel zu Ende schreiben, der genau genommen schon vorgestern hätte fertig sein sollen. Allerdings sträubt sich der Text ausdauernd dagegen, in einer halbwegs passablen Schlusspointe zu enden.

Mir fällt nämlich nichts ein, und wenn mir doch etwas einfällt, werde ich unterbrochen – mit einer Frage beschossen, von einem Wunsch bombardiert, nach einer Telefonnummer gefragt, zu einer Aktivität genötigt. Das kommt wahrscheinlich daher, dass ich immer noch über alles am besten Bescheid weiß und alles besser kann als alle meine minder- und volljährigen Mitbewohner zusammen.

Einer muss ja schließlich die Welt zusammenhalten! Wie die Laborratte ihren Forscher dressiert, haben sie mich jahrelang darauf abgerichtet, dass ich über den momentanen Aufenthaltsort von Gegenständen lückenlos Bescheid weiß, Schäden augenblicklich kenntnisreich behebe und das Wetter für die nächsten zwei Jahre genau vorhersagen kann. Ich wusste früher immer, wo der verschollene Turnbeutel steckt, wie man eine zerbrochene ICE-Lok repariert, wo man an Feiertagen AAA-Batterien auftreiben kann und wie man Kaugummi aus der Lieblingsjeans herauskriegt. Notgedrungen habe ich mich mit den Jahren in eine effiziente Suchmaschine verwandelt, als Mama Google auf Zuruf Informationshäppchen serviert und noch im Tiefschlaf die Welt erklärt.

Das habe ich jetzt davon. Immer dasselbe. Eben noch hatte ich beinahe eine Idee, jetzt ist sie weg. »Mama, kann ich …?«, ruft mein Jüngster und nimmt mein genervtes Schnaufen als Einladung weiterzureden.

Kann ich denn nicht einmal in Ruhe arbeiten, will ich ihn schon anschnauzen, da fällt mir etwas Besseres ein. Weil nichts so schlecht ist, dass es nicht für was gut ist, wittere ich meine Chance.

Man muss einfach nur zusehen, dass man von den wachsenden Fähigkeiten seiner Kinder angemessen profitiert: Schon beim Putzen war das praktisch, denn mit ihren kleinen Händen kamen sie prima in die Ecken. Die Quittungen für die Steuererklärung können sie sortieren, sie machen das so schön ordentlich. Und neulich habe ich das frisch gekaufte Ikea-Regal in die Ecke gestellt und mir gesagt, das lass ich mal die Kinder zusammenbauen, die machen das schon. Hat prima geklappt.

Braucht ein nervendes Kind nicht einfach nur eine Gelegenheit, sich als nützliches Mitglied der Familie zu beweisen? Gutmütig wie ich bin, stelle ich mich doof – und kriege meistens, was ich brauche: Regale werden verdübelt, DSL-Verbindungen beschleunigt, Handys repariert, Kleingedrucktes verstanden, Einkäufe nach oben getragen – sofern es mir gelingt, meine Gebrechlichkeit und Technikscheu einigermaßen glaubhaft zu kommunizieren.

»Ja, kannst du!«, unterbreche ich den Störenfried. »Lieb, dass du fragst! Bitte sei so gut und bring mir einen Gin Tonic!« Er stutzt, besinnt sich auf das, was ich ihm neulich über Gin, Tonic, Temperatur und Mischungsverhältnisse beigebracht habe. Aber vielleicht wittert er auch nur eine Gelegenheit, seine Verhandlungsposition für ein viel größeres Anliegen zu verbessern?

Jedenfalls lächelt er mich zuvorkommend an und zirpt: »Mit Eis und Zitrone, wie gestern, ja?«

Ich nicke müde und denke darüber nach, warum es mir in all den Jahren nicht gelungen ist, meinen Kindern zu vermitteln, dass sie mich am Schreibtisch nicht stören dürfen, weil Ideen scheu wie Feen sind und mein Geduldsfaden schnell reißt, wenn ich alle zehn Minuten mit irgendetwas belämmert werde. Ich habe wirklich alles versucht. Geschmeichelt, gedroht, verhandelt, gebrüllt, gebettelt. Sie haben ein oder zwei Mal hoch und heilig versprochen, mich eine Stunde lang nicht zu stören, dann aber entweder Petitionen unter der Tür durchgeschoben oder kleine Anfragen mit Kästchen zum Ankreuzen »Ja« – »Nein« – »Später noch mal fragen« auf meine Tastatur gelegt. »Darf ich fernsehen?« – »Nick hat mich gehauen. Darf ich ihm eine ballern?« oder »Die Jungs machen eine Wasserschlacht. Dürfen die das?«

Nichts hat geholfen. Von dieser niederschmetternden Erkenntnis ist es nur ein kleiner Schritt zur nächsten: Wahrscheinlich bin ich selbst schuld, wenn meine Kinder meine geschlossene Zimmertür für eine Einladung halten, jetzt sofort was zu fragen, was zu wollen oder jemanden zu verpetzen. Ist doch so: Wenn man eine Mutter ist, ist man schuld.

Wahrscheinlich habe ich auch irgendetwas falsch gemacht, wenn meine Kinder mich immer noch als Präsenz und nicht als Person sehen.

Leander reißt mich aus meinen trüben Gedanken und überreicht mir feierlich ein köstlich kühles, schimmerndes Getränk. Die schrillen Stimmen seiner Schwestern, die in der Küche streiten, quellen durch die offene Tür hinter ihm.

Traulich wie Engelsglocken klirren die Eiswürfel im Glas. Mit dem ersten Schluck spüre ich dankbar die beruhigende Wirkung des Gins in meinen Adern strömen, die Stresszange an meinen Schläfen lockert sich wie von Zauberhand, und mir fällt plötzlich auf, wie warm die späte Nachmittagssonne durchs Fenster auf meinen Schreibtisch fließt. Alle Anspannung weicht aus meinem Nacken, und ein zarter Puffer schiebt sich zwischen mich und die Welt. Oh, wie wohl wird mir. Er zwinkert mir zu und geht aus dem Zimmer, schließt sogar die Tür. Leise!

Geht doch! Ich bin total entspannt und fange eine verstört herumhuschende Schlusspointe ein. Bevor ich sie allerdings auf den Bildschirm bannen kann, geht die Tür wieder auf.

Mit Leichenbittermiene steht Leander da und schaut mich an. Seine weit aufgerissenen Augen lassen nichts Gutes ahnen. Er öffnet den Mund und klappt ihn gleich wieder zu.

»Was ist denn jetzt schon wieder?«

Ich reiße mich zusammen, während ich im Geist die möglichen Katastrophen durchgehe, die sich in den letzten Minuten ereignet haben könnten. Von Diebstahl über Sachbeschädigung, Wohnungsbrand bis Körperverletzung ist alles drin. Er gibt sich einen Ruck und sagt entschlossen: »Mama, ich muss dir was sagen. Ich habe einen Fehler gemacht.«

Was für eine tonnenschwere Eröffnung! Kommt irgendwie alttestamentarisch daher. Sofort bricht mir der Schweiß aus.

»Sag schon, was ist passiert?«

»Mama, ich habe den Gin in deinem Gin Tonic vergessen.«

Hinter ihm im Türrahmen taucht das Gesicht der vierzehnjährigen Charlotte auf. Sie hat offenbar die letzten Stunden vorm Spiegel verbracht, denn sie ist geschminkt wie ein Waschbär. Boshaft kichernd, tänzelt sie um ihren kleinen Bruder herum.

»Hä? Gin Tonic ohne Gin?? Du Penner, das ist ja wie Sex on the beach ohne Sex.«

Angewidert rollt er mit den Augen und dreht sich zu ihr um. »Halt die Klappe. Ich geb dir gleich Sex!«

Sie kreischt entzückt. »Igittigitt. Das ist ja vielleicht eklig!« Dann schaut sie mich an und gluckst. »Mama, hast du das gehört? Der spinnt doch. Wie heißt das noch mal, wenn’s in der Familie passiert? Inkontinenz?«

Leander tippt sich an die Stirn. »Mann, bist du doof. Das heißt Inkonsequenz!«

Da mischt sich vom Sofa her die männlich tiefe Stimme des zu Besuch weilenden Ältesten ein. Mit vollem Mund blökt er und übertönt den Fernseher: »Ihr habt doch keine Ahnung. Von nix. Insolvenz heißt das!«

Jetzt brechen alle Dämme. Sie wiehern, gackern, johlen und übertrumpfen sich beinhart zu viert mit Wörtern, die mit I anfangen und in Familien passieren.

Um nicht wieder als Spielverderber verschrien zu werden und auch weil die Idee von vorhin sowieso verschwunden ist, lache ich einfach mit. Eine Spaßbremse? Ich? Das stimmt doch gar nicht. Eher eine Tiger-Dompteuse im Glitzerkostüm mit Puschelpumps, die eine gemischte Raubtiernummer in Gang hält. Und dazu muss man eben einfach mal mit der Peitsche knallen oder Leckerlis verteilen.

Eines Tages, so habe ich mir heimlich vorgenommen, werde ich auspacken und sagen, wie Familienleben wirklich ist: großartig und gemein – eine irrwitzige Achterbahnfahrt zwischen Himmel und Hölle, bei der man mit dem vollen Schwung des nächsten hehren Anspruchs stündlich aus der Kurve fliegt, sich auf dem Boden der Tatsachen wiederfindet, während man sich die schmerzenden Glieder reibt, die blauen Flecken zählt und sich wieder hochrappelt.

The show must go on … Heiter scheitern – das wär’s. Man könnte Geschichten erzählen! Die mit dem gefühlten Gin Tonic ist wirklich noch harmlos.

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3

Vom Ersten, der auszog …

Sag mal, interessierst du dich eigentlich überhaupt nicht mehr dafür, was ich so mache und wann ich gestern nach Hause gekommen bin? Ob ich was gegessen habe? Kümmert dich wohl alles gar nicht mehr? Bin ich dir jetzt egal?«, ruft Nick durchs Telefon, und prompt will mir in momentaner Benommenheit und plötzlicher Beklommenheit der Hörer aus der Hand gleiten.

Kaum ein Pfeil trifft so zielsicher ins Schwarze der herzförmigen Zielscheibe wie der des Kümmerns. Von allem Anfang an müssen Eltern sich kümmern, und zwar so heftig und ausdauernd, wie sie sich noch nie um einen anderen Menschen gekümmert haben. Das kommt von Herzen, wird auch als gute Mutterpflicht gehandelt, und ich würde da auch gar nicht groß widersprechen wollen. Aber wenn irgendetwas nicht so läuft, wie es sollte – wenn das Kind zuerst andere Kinder beißt, dann die Schule schwänzt oder später mit Drogen experimentiert –, dann ist allen sofort klar: Um dieses Kind kümmert sich die Mutter nicht genug.

Die Kinder selbst sind sich über lange Jahre hinweg dieses ununterbrochenen Bereitschaftsdienstes ihrer Mutter kaum bewusst, früh aber versuchen sie mit wachsender Entschlossenheit, sich der stets gut gemeinten Tyrannei der Fürsorge zu entziehen. Zwar lassen sie sich noch lange gern gefallen, dass man ihnen weiterhin das Essen vorsetzt und die Wäsche wäscht, hängt und legt, aber sie möchten sich bald nach eigenem Ermessen beschäftigen, kleiden und vergnügen. Und sie wollen auch nicht mehr Auskunft geben über alles und jedes, was sich in ihrem spannenden Leben zwischen den Unterrichtsstunden auf dem Schulhof ereignet. Besonders verschnupft reagieren schon Zehnjährige auf besorgte Nachfragen bezüglich der Schularbeiten oder des Zustands ihrer Zimmer: »Meine Sache. Darum brauchst du dich gar nicht zu kümmern, das mache ich schon«, schlägt das freundlich gestimmte Kind seiner Mutter vor, während das weniger freundlich gelaunte knapp und barsch faucht: »Kümmer dich doch bloß nicht immer um meine Angelegenheiten! Meine Sache! Geht dich gar nichts an, wie’s hier aussieht!«

Und damit hat das Kind den empfindlichsten Punkt jeder Erziehung getroffen: Wo ist die Grenze zwischen den Angelegenheiten der Eltern und denen des Kindes?

Die Kinder selbst handhaben das Dilemma deutlich flexibler.

»Kannst du endlich mal aufhören, dich dauernd um alles zu kümmern?«, schnaufte Nick einst gequält, als ich ihn nach dem Stand der Vorbereitungen für die Englischarbeit fragte. Eine halbe Stunde später stand er mit dem Englischbuch in der Hand vor mir und fragte: »Kannst du mir den Unterschied zwischen conditional one und two erklären?«

»Ich denke, ich soll mich nicht mehr um alles kümmern.«

»Sollst du ja auch nicht. Du sollst mir nur mal schnell helfen!«

Seine jüngeren Geschwister sehen das längst genauso.

Ich darf mich um Himmels willen nicht um alles kümmern.

  1. Ich soll bloß da sein, wenn ich gebraucht werde.
  2. Ich muss alles andere stehen und liegen lassen, wenn dieser Fall eintritt.

Weil schlaue Eltern sich jeglichen Selbstständigkeitszuwachs der Kinder zunutze machen, habe ich jede Chance genutzt, mich täglich immer noch ein bisschen überflüssiger zu machen. Ob und wann er seine Schulsachen fand oder nicht, war früh seine Sache. Und die möglichen Folgen hatte er auch zu tragen. Kinder zum Beispiel, die morgens grundsätzlich zu spät aufstehen und in der dann gebotenen Eile weder ihre Turnschuhe noch ihren Zirkelkasten oder ihre Fahrkarte finden können – diese Kinder, wenn sie sich nur aufgeregt und verzweifelt genug gebärden, bringen ihre Mütter immer wieder dazu, wie aufgescheuchte Hühner durch die Wohnung zu rennen, mit Taschenlampen unter Betten zu leuchten, Schränke abzurücken, Mülleimer zu durchsuchen, herumliegende Plastiktüten zu filzen und die Taschen sämtlicher Hosen und Jacken zu durchforsten. Mit diesem Einsatz vergällt sich die Mutter den Tagesanfang. Und nur, weil sie das Gefühl nicht loswird, sich darum kümmern zu müssen, dass das Kind nicht zu spät zur Schule kommt. Nee, nicht mit mir.

Diese Konsequenz, die im akuten Fall durchaus lieblos wirken konnte, fiel mir immer schwer. Sehr sogar. Aber gelegentlich bin ich über mich hinausgewachsen. Wie an dem Abend vor einem halben Jahr, als Nick eine Verabredung mit einer ihn sehr interessierenden, aber noch nahezu unbekannten weiblichen Person hatte. Es war Valentinstag, abends um zehn. Von unterwegs rief er an, um mich zu fragen, ob ich zufällig noch ein paar Tulpen im Haus hätte, die er ihr mitbringen könnte? Da machte ich den Rücken gerade und sagte klar und deutlich: »Mein lieber Junge. Es gibt in diesem Haushalt zwei oder drei Dinge, um die ich mich nicht kümmere. Eins davon ist ein Blumenstrauß am Valentinstag für dein Mädchen.« Und ich war sehr stolz auf mich.

Über den feinen Unterschied zwischen kümmern, beschützen und einmischen oder ob eher geraten sei, sich ganz entschlossen aus einer Sache herauszuhalten, wollten meine Kinder auch gar nicht diskutieren. Seit die bedrohlichen Teenagerjahre angebrochen sind, merke ich zwar deutlicher denn je, dass ich gerne die starke Beschützerin bleiben wollte, das aber nur gelänge, wenn ich mich zur Gefängniswärterin weiterbildete.

Weshalb ich meine gedanklichen Spähtrupps alleine ins Grenzland schicke, um Kraft und ein nüchternes Urteilsvermögen bete und versuche, das unbekannte Terrain zu sondieren. Er ist schließlich der Erste, der ausgezogen ist! Wie soll ich ihn da noch beschützen? Und um was genau muss man sich noch kümmern, wenn das Baby eine eigene Wohnung bezogen hat? Und das alles, weil ich das Gefühl jahrelang nicht loswurde, mich darum kümmern zu müssen, dass das Kind genug Obst isst, warm angezogen ist und früh genug im Bett liegt, nicht zu spät und mit allem ausgestattet zur Schule kommt – genau das Kind, das allabendlich, wenn ich ihm nahelegte, seinen Ranzen zu packen, schlankweg erwiderte, das sei seine Sache …

Mit seinem Auszug jedenfalls war ich der Meinung, dass das Kümmern nun ein Ende haben würde und stattdessen so etwas wie freundliche Begleitung gefragt wäre, die allerdings nicht ungebeten aufgedrängt werden sollte. Deshalb habe ich auf Blitzbesuche verzichtet, nie würde ich vor der Tür stehen und ihn überfallen. Oder gar seine Bude putzen, seine Wäsche waschen und den Kühlschrankinhalt inspizieren, notfalls ergänzen. Nee, so eine bin ich nicht! Auch muss er mich nicht täglich anrufen. Auf dem gemeinsamen Sonntagsessen habe ich allerdings bestehen müssen – wie einst meine Mutter ordnete ich an: »Einmal in der Woche möchte ich euch alle an einem Tisch haben. Teilnahme verpflichtend, Ausreden werden nicht geduldet. Klar so weit?«

»Och nöööö, Mama!«, maulten sie vierstimmig.

»Jeden Sonntag? Das zerreißt mir ja den ganzen Tag!«, protestierte Nick.

»Was gibt’s denn? Schnitzel? Dann würde ich’s mir überlegen!«

Seit vier Wochen ist er jetzt weg. Die Wohnung haben wir gemeinsam renoviert. Klar habe ich ihm gegönnt, der Boss zu sein. Während Charlotte die alte Tapete von den Wänden kratzte, Leander die Fußleisten pinselte, Elise später kam und die Kunst übernahm – Wände streichen und Ornamente ums Fenster tupfen – habe ich Farbrollen ausgewaschen und später meine Tapezierkünste vorgeführt.

Schön war’s. Prompt erlag ich dem Charme gemeinsamer Unternehmungen oder besser der Erinnerung daran. Wisst ihr noch? Den kurzen Moment der Irritation habe ich tränenlos und rundum vernünftig überstanden, als er nach getaner Arbeit bei sich bleiben wollte.

»Du hast doch gar nichts zu essen hier! Willst du nicht wenigstens heute Abend noch einmal …?«

»Schaff ich, Mama. Du brauchst dich jetzt um nichts mehr zu kümmern.«

Wir sind dann ohne unseren Nick nach Hause gefahren.

Ein paar Tage später ist er richtig ausgezogen. Das Bettzeug hat er hinter den Fahrersitz geworfen, in den blauen Ikea-Taschen die Bücher transportiert, seine Klamotten in einem halben Dutzend grüner Mülltüten verstaut. Die Poster allerdings liegen im Koffer, damit denen bloß nichts passiert. Ich frage mich stumm, wofür ich mir eigentlich zwanzig Jahre lang den Mund fusselig geredet habe, und winke fröhlich zum Abschied.

»Wenn der Erste geht, geht das noch«, sagt meine Mutter am Telefon in mein Schniefen. »Der Jüngste, warte mal ab, das wird richtig hart, wenn der auch geht.«

Pah! Ist doch nichts dabei, wenn sie eines Tages gehen!

»Kinder hat man nicht, um sie zu behalten«, erkläre ich meiner Mutter. »Außerdem habe ich auch noch ein eigenes Leben!«

Am nächsten Morgen klingelt der Klempner an der Tür, der alljährlich die Therme wartet. »Na, was macht die Familie? Alle gesund?«

»Mein Großer ist ausgezogen«, flüstere ich, und auf einmal springen mir die Tränen waagrecht aus den Augen. Der Klempner reicht mir ein Taschentuch und nimmt selbst auch eines. Umständlich schnaubt er sich die Nase.

»Meine beiden Mädchen sind auch weg«, sagt er leise. »Letzten Monat. Nur ihre Schildkröten haben sie dagelassen. Die Zimmer sind so leer. Es ist furchtbar, ich weiß.«

Dann schweigen wir zusammen über einem Kaffee.

Es fühlt sich an wie Liebeskummer – nur schlimmer. Er ist weg, die gemeinsame Zeit ist unwiderruflich vorbei. Doch es wird kein neues Kind geben, das nach einer Zeit der Trauer den Platz des alten einnimmt.

Nun gut. Dem vorwurfsvollen Ton meines Ältesten darf jetzt ich eine Einladung entnehmen. »Auf einen Kaffee!«, verlangt er. »Du weißt doch gar nicht, wie ich wohne! Das musst du sehen!«

Folgsam und etwas beklommen klingel ich an der Haustür, der Summer antwortet sofort. Ich steige die Stufen hinauf, innerlich auf das wüsteste Chaos gefasst, verbiete ich mir vorausschauend jeden Kommentar, denn das ist jetzt wirklich seine Angelegenheit.

Sein Zimmer sah immer aus wie ein Second-Hand-Shop nach einer Hausdurchsuchung. Seine Sache! Zugegeben: Der Entschluss, einen Teilbereich des kindlichen Lebens aus der elterlichen Verantwortung auszugliedern, hat oft resignativen Charakter. Jahre hindurch wurde dort gesaugt, staubgewischt und aufgeräumt wie in jedem anderen Zimmer der Wohnung. Das Aufräumen war dann das Erste, was an das Kind delegiert wurde. Später kam das Bettenmachen und endlich auch das Saubermachen hinzu. Über Jahre hinweg pflegte diese Abmachung allerdings nichts anderes zu besagen, als dass die Kinder so viel tun, wie sie für nötig halten, und ich seufzend und schimpfend den liegen gebliebenen Rest aufarbeite. Mit anderen Worten: Das Zimmer des nunmehr Jugendlichen reifte zum täglichen Gesprächs- und Konfliktstoff, aber eines Tages war Schluss. Es war der Tag, an dem ich das Bett neu beziehen wollte, zwischen umherliegenden Schulsachen, Hanteln und Klamotten balancierte, auf einen verdreckten Fußballschuh trat und mir den Fuß verstauchte. Es kam zum Äußersten, es kam zum Schwur: »Um dein Zimmer kümmere ich mich ab heute nicht mehr.«

»Na wunderbar, endlich«, sagte er nur – und nun brauchte ich mich an meinen Entschluss nur noch zu halten. Was nichts anderes bedeutete, als dass ich ins Zimmer des jetzt auffallend zufriedenen Jungen auch wirklich keinen Blick mehr warf.

Fast noch schwerer als der Verzicht auf jegliche Zimmerkontrolle fiel mir der Beschluss, dem Kind auch die Sorge um die eigene Gesundheit selbst zu überlassen, soweit das irgend möglich ist. Hier ging ich nur zögernd auf Distanz, obwohl ich doch gerade an diesem Punkt ständig an die Grenzen meiner Einflussnahme stieß.

Große Kinder strapazieren ihre Gesundheit ja vorzugsweise außerhäuslich – durch unangemessene Bekleidung, schädliche Ess- und Trinkgewohnheiten, übertriebene sportliche Betätigung oder auch und vor allem durch radikal verkürzten Nachtschlaf, sprich: durch zu spätes Nachhausekommen. Aber auch diese letzte heißumkämpfte Bastion sollte man so um das sechzehnte Lebensjahr herum zur Selbstbestimmung freigeben. Der Teenager, der schon die Tage bis zu seiner amtlichen Volljährigkeit zählt, muss einfach selbst lernen, das Verhältnis von Arbeit, Vergnügen und Schlaf halbwegs ausgewogen zu gestalten.

Ich kann und will mich nicht mehr ständig darum kümmern.

Wobei »Nicht-mehr-Kümmern« immer nur heißen kann: keine engen Vorschriften und keine nervenaufreibenden Kontrollen mehr. Erhalten bleibt selbstverständlich das Über-alles-Reden, Sich-für-alles-Interessieren, die unbegrenzte Zuhör- und ewige Hilfsbereitschaft. Das fällt nicht unter die so verabscheute Bevormundung.

Dass jedes Lebensjahr des Kindes ungeahnte Überraschungen aller Art mit sich bringt, daran habe ich mich im Laufe der Zeit gewöhnt. Aber so richtig ins Staunen würde ich erst kommen, wenn ich meinen erwachsen gewordenen Sohn aus einiger Distanz betrachtete, sagt meine Mutter am Telefon. Sie triumphiert angesichts ihres Wissensvorsprungs. Ihre Kinder sind nämlich schon lange aus dem Haus.

»Jetzt nämlich, wo er sich deinem täglichen Zugriff entzogen hat, setzt er noch einmal zu einem gewaltigen Entwicklungssprung an«, doziert sie.

»Und wenn du auch vor Kurzem noch das ungute Gefühl hattest, die Erziehungsarbeit sei dir aus der Hand genommen worden, bevor du damit fertig warst«, erklärt sie, »ist das ganz normal. Das ging mir mit euch auch so. Plötzlich wird er Dinge tun, zu denen du ihn mit allen Tricks und Kniffen nie gekriegt hast!«, prophezeit sie. »Vielleicht zieht er sich wochenlang zurück, um sich neuen Lernstoff anzueignen. Vielleicht hat er längst in seinen Schränken eine atemberaubende Ordnung hergestellt«, schwärmt sie und ignoriert mein trockenes Auflachen.

»Der? Niemals. Das kann ich mir nicht vorstellen!«

»Wart’s ab!«

»Wahrscheinlich lässt er eher weg, was ich ihm beigebracht habe. Morgens kalt waschen, warmes Essen zur Mittagszeit.«

»Na und? Jetzt sei mal nicht so kleinlich.«

Ich? Kleinlich? Moment mal. »Er wird sich eher alle die Erfahrungen leisten, vor denen ich ihn bisher bewahren wollte. Er wird sein ganzes Monatsgeld innerhalb von acht Tagen ausgeben und nicht länger als drei, vier Stunden schlafen. Er will den Motorradführerschein machen und die Nächte durchfeiern!«, petze ich.

Meine Mutter bleibt ungerührt. »Soll er doch. Du warst auch nicht besser!«

»Von wegen! Er lacht mich aus, wenn ich mir Sorgen mache, weil er sonntags damit prahlt, dass er morgens um fünf betrunken in der U-Bahn eingeschlafen und bis zur Endhaltestelle durchgefahren ist!«

Sie lacht.

»Seine Blockflöte hat er auch nicht mitgenommen und will weder diese noch eine andere jemals wieder in die Hand nehmen. Wofür habe ich eigentlich jahrelang den Unterricht bezahlt und das tägliche Üben überwacht?«

»Damit du dir sagen kannst, dass du alles getan hast. Und er würde vielleicht auch denken, dass du irgendetwas an ihm versäumt hast«, sagt meine Mutter in diesem ungerührten Tonfall, gegen den ich immer noch nicht ankomme.

Ein bisschen mulmig wird mir bei dem Gedanken an dieses Gespräch, und ich zögere kurz vor Nicks Wohnungstür. Er könnte ja wirklich die totale Kehrtwendung machen, jetzt, wo er erwachsen ist. Schließlich liegt der Gedanke ja immer nahe, dass ich mich völlig falsch verhalten oder zumindest ergebnislos engagiert habe.

Nick öffnet die Tür und breitet die Arme aus. Ich mache einen großen Schritt auf ihn zu. Er lächelt, schiebt mich ein Stück zurück.

»Kannst du dir bitte die Schuhe ausziehen? Ist frisch geputzt!«

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4

Macht ist geil

Das Internet ist kaputt!«, gellt es mir entgegen, kaum dass ich die Haustür aufgeschlossen habe. Vier in blankem Entsetzen weit aufgerissene Augen springen mich an.

»Wie jetzt?« frage ich lahm und pelle mich aus dem Mantel.

»Hat wohl jemand wieder Filme bei kino.to geguckt und die ip-Adresse ist identifiziert worden«, petzt Leander und prophezeit: »Jetzt gibt’s Stress mit der Polizei!«

Überflüssig, noch eins draufzusetzen, doch Leander verliert auch lieber einen Freund als eine Pointe. »Ich war’s jedenfalls nicht.«

Seit sich bei uns die Zahl der üblichen Verdächtigen halbiert hat, lohnt die Frage überhaupt nicht mehr. Ich scheide sowieso aus, denn ich weiß ja noch nicht mal, was kino.to überhaupt ist. Doch aus alter Gewohnheit frage ich trotzdem, und der vorwurfsvolle Unterton stellt sich automatisch ein.

»Wer war das?«

Dass diese Frage niemals gelassen oder halbwegs neutral gestellt wird, liegt ganz einfach daran, dass man die Antwort immer schon im Voraus weiß. Sie lautet in 99 von 100 Fällen: Weiß ich doch nicht! Immer dasselbe. Keiner war’s und niemand hat’s gesehen.

»Ich hab nichts gemacht! Mama, ich schwöre!«, schreit Charlotte. Dann streckt sie ihrem Bruder die Zunge heraus und flötet voller Häme in meine Richtung: »Vielleicht hat ja auch jemand tausendmal bei DSDS gevotet, bis der Router abgekackt ist.«

Leander tippt sich an die Stirn und wird ein bisschen rot. »Du spinnst doch total. Jedenfalls ist das Internet kaputt«, fasst er zusammen und funkelt seine Schwester böse an.

Charlotte weiß, was zu tun ist: »Mama! Du musst sofort bei der Hotline anrufen und einen Techniker bestellen!«

»Ich muss gar nichts«, behaupte ich. »Schon gar nichts, was Geld kostet.«

So umschiffe ich elegant das eigentliche Problem. Natürlich könnte ich die Hotline anrufen und sogar mein Problem schildern. Doch wozu sollte ich mein in digitalen Dingen ohnehin schon arg ramponiertes Selbstbewusstsein weiter martern, weil ich die Antworten nicht verstehe? Schon Rückfragen, wie denn mein Computer, mein Router oder mein Provider mit Vor- und Nachnamen heißen, kann ich nicht flüssig beantworten. Da können sie mir dann auch nicht helfen, sagen sie, und dann steh ich da, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor.

»Manno, Mama! Das kannst du nicht machen! Ich muss zu facebook und außerdem fürs Referat recherchieren! Ich kann nicht chatten und kann keine Musik hören und keinen Film … äh … Ich bin praktisch tot!«, brüllt Charlotte.

»Ich muss meine Mails checken! Und auf den Vertretungsplan gucken.

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